Als Sonnhild nach Hause zurückkehrte, erschien sie den Vorübergehenden

noch bleicher als in den letzten Tagen. In ihrem Zimmer angekommen,

setzte sie sich müde ans Fenster und wartete geduldig. Da drang der Ton

der Klingel heraus. Sie öffnete, beugte sich hinaus, und -- das Herz

wollte ihr stillstehen.

Noch lange, nachdem die Worte auf dem Markt verklungen waren, stand

sie am Fenster. Dann sank sie in den Stuhl zurück. Die furchtbare

Verkündung schallte unaufhörlich in ihren Ohren: »-- -- morgen

früh auf dem Marktplatz gestäupt und auf zehn Jahre aus dem Lande

verwiesen -- -- --«

Das Mädchen war vernichtet. Die Schwester tot, der Vater entehrt und

schimpflich verjagt und der Geliebte weit entfernt, -- jetzt konnte nur

noch das Himmelsgewölbe auf sie niederbrechen. Als die Bäume sich in

diesem Jahre belaubten, vermochte sie das große Glück kaum zu fassen,

das ihr die Vorsehung beschieden. Nun, wo die Blätter bald abfielen,

war sie der ärmste Mensch auf Erden! O du furchtbares Schicksal! -- Und

keine Träne wollte ihr die Brust erleichtern!

Da schlug sie die Augen auf und fuhr voll Entsetzen im Stuhl zurück.

Spottete nun auch noch die Phantasie ihrer?

»Sonnhild,« hörte sie eine Stimme sprechen. Dann schritt jemand auf sie

zu, kniete vor ihr nieder und legte die Arme um sie. Ihre umflorten

Augen konnten kaum die Umrisse des Knienden erkennen. Sie tastete nach

ihm und fragte leise:

»Bernhard, bist du es?«

»Ja, Geliebte, dein Bernhard!«

Da beugte sich das Mädchen herab und sagte:

»Bernhard, du darfst mich nicht länger lieben! Ich bin deiner nicht

mehr wert.«

»Sonnhild,« rief der Jüngling schluchzend, »du Reine!«

»Morgen wird mein Vater ehrlos sein -- -- --«

»Tausende werden sein unbeflecktes Bild nicht aus ihrer Seele

verdrängen lassen -- -- --«

»Die Tochter eines Entehrten weist jeder von seiner Schwelle.«

»Dein furchtbares Geschick wird dich vor Gott und den Menschen nur

erhöhen!«

»Aber dein schwerkranker Vater!« stammelte das Mädchen.

»Geliebte, ich bringe dir gute Nachricht,« rief der Jüngling

aufspringend. »Mein Vater ist vor wenigen Stunden zum Bewußtsein

gekommen, und die Ärzte haben erklärt, daß schlimme Folgen des Sturzes

sich nicht einstellen würden.«

Da erhob sich das Mädchen, legte ihren Kopf an die Brust des Geliebten

und wehrte ihm nicht, als er ihre Stirn küßte.

»Sonnhild,« raunte ihr Bernhard ins Ohr, »deinem Vater darf kein Leid

geschehen, ich befreie ihn aus dem Gefängnis.«

Das Mädchen schreckte zusammen.

»Heute zur Mittagstunde bin ich mit Caspar von Carlowitz heimgekehrt,«

sprach er weiter. »Er begab sich auf die Burg, um sein Amt als

Schloßhauptmann wieder anzutreten, und ich eilte nach Siebeneichen,

wo ich den Vater schon bei Bewußtsein fand. Ich habe nicht gewagt,

mit ihm über die Ursache seines Sturzes zu sprechen. Aber er war sehr

gütig. Gegen Abend habe ich große Müdigkeit infolge der weiten Reise

vorgeschützt und bin zu dir geeilt, während sie mich in meiner Kammer

wähnen. Der Plan zur Befreiung deines Vaters steht in mir fest, er muß

gelingen!«

Bei diesen Worten schlug in Sonnhild die Flamme der Begeisterung für

das Befreiungswerk hoch auf. Dunkle Röte schoß in die bleichen Wangen,

und ihre Augen glänzten.

»Der Turm ist in die Stadtmauer eingebaut,« sprach sie mit fliegenden

Worten. »Wir nähern uns außerhalb der Stadt der Fronfeste und rufen

meinen Vater ans Fenster. Dann werfen wir ihm einen Stein zu, an den

ein Faden gebunden ist, und lassen ihn eine Strickleiter emporziehen

und Werkzeuge, mit denen er die eisernen Stäbe vor dem Fenster

durchfeilen kann -- -- --«

Bernhard sah der Geliebten in das glühende Gesicht. Bewunderung und

Wehmut erfüllten ihn. Der Plan war unausführbar. Denn am Fuße des

Turms, außerhalb der Mauer, stand ein Pikett Burgknechte, wie er

gesehen, als er die Umgebung der Fronfeste betrachtet hatte. Aber in

seinen Augen flackerte es, und auf seinem ernsten Gesicht stand die

Entschlossenheit, mit der er seinen Plan ausführen würde. So gefahrlos,

wie Sonnhild wähnte, war das Werk freilich nicht zu verrichten.

»Geliebte,« antwortete der Jüngling zärtlich, »sorge dich nicht! Du

hast in den vergangenen Tagen viel Schweres durchkämpfen müssen.

Nun laß mich an deine Stelle treten. Mein Plan ist ein anderer, --

will's Gott, daß er gelingt! Auf ihn wollen wir bauen. Wirf deinen

großen Kummer von dir. Wenn mich nicht alle Gunst des Himmels verläßt,

befindet sich dein Vater morgen früh in Sicherheit. Jetzt aber entlaß

mich, damit ich noch die letzten Vorbereitungen für das Werk treffen

kann.«

Sonnhild schmiegte sich an den Geliebten. An seiner Brust fühlte sie

sich geborgen. Und ihr Vertrauen auf seine Umsicht und Entschlossenheit

war felsenfest.

»Was du auch tust, du stehst unter dem Schutze des Höchsten, mein

Geliebter,« sprach sie mit Innigkeit, »ich werde für dich und für

meinen schwergeprüften Vater beten!«

Aufs tiefste bewegt, drückte Bernhard das Mädchen an sich, als wenn es

gälte, Abschied für immer zu nehmen -- -- --

[Illustration]

[Illustration]

Einundzwanzigstes Kapitel

Rebbe Liebmann, der alte Jude

Es war Abend geworden. In der zu ebener Erde gelegenen Stube im

Torwarthause am Lommatzscher Tor saßen einsam zwei Menschen. Auf

dem Tisch stand eine tönerne Schale, gefüllt mit Mohnöl, worin ein

Docht brannte. Der Schein der Lampe erhellte das Zimmer nur spärlich.

Dem Tisch gegenüber stand ein großes Bett, worüber ein weißes Laken

gebreitet war.

Vornübergesunken hockte zu Füßen des Bettes auf dem Boden eine Frau.

Im Hintergrunde der Stube saß in einem schweren Armstuhl ein würdiger

Greis von dem Aussehen eines altbiblischen Propheten. Sein Kopf war

mit einer wahren Löwenmähne langen Haares bedeckt, und der schlohweiße

Bart, der von dem runzeligen Gesicht nur die scharfe Hakennase und

die mächtige Stirn freiließ, hing tief auf die Brust herab. Über den

blinden Augen wölbten sich buschige Brauen. Die Arme des Greises lagen

auf den Seitenlehnen des Stuhles.

Drückende Stille herrschte in dem Raum.

Da fuhr das Weib auf:

»Zwanzig Jahre der Qual und Verzweiflung -- Jehova rast wider uns!«

Dann sank sie von neuem vornüber.

»Der furchtbare Schlag hat dein Gemüt umdüstert, Lea,« antwortete

Rebbe Liebmann mit tiefer Stimme. »Der Herr hat uns schwer geprüft.

Aber selbst aus dem tiefsten Leid sollen seine Kinder die köstliche

Zuversicht schöpfen, daß sie dereinst reich belohnt werden.«

»Unser Geschlecht ist verflucht!« murmelte das Weib in dumpfer

Verzweiflung.

»Die Ratschlüsse des Ewigen sind unerschöpflich; was er tut, ist

wohlgetan.«

»Warum knechtet er gerade sein Volk mit blindwütiger Grausamkeit!

Zuerst zerstreute er es in alle Welt. Dann ließ er zu, daß die Völker

der Erde die Flüchtlinge wieder vertrieben oder aus ihrer Gemeinschaft

ausstießen. Tief verhaßt und unentbehrlich, begehrt und verflucht

sein war unser Los. Waren nicht unsere Väter von allem entrechtet?

Haben nicht -- auch in den deutschen Landen! -- die grausamsten

Judenverfolgungen jahrhundertelang angehalten und unzählige Leben

vernichtet und mühsam erworbenes Gut geraubt? Man beschuldigte uns, das

Vieh krank gemacht, die Brunnen vergiftet und Mißwachs herbeigeführt

zu haben, um die unmenschlichsten Missetaten an uns zu verüben. Wie

kurz ist erst die Zeit, die vergangen, seitdem unser Volk nicht mehr

die gelbe Kokarde an den Rücken trägt -- das schimpfliche Abzeichen der

Unreinen -- -- --«

Das Weib hielt keuchend inne. Ihr Gesicht trug den Ausdruck maßloser

Erbitterung.

»Und wie die Gemeinschaft,« fuhr sie fort, »verfolgt er erbarmungslos

auch den einzelnen.«

»Lea,« fiel der Blinde beschwörend ein, »deine Rede ist lästerlich. Laß

den reinen Spiegel deiner Seele nicht trüben von den dunkeln Wolken

des Zorns, die darüber hinziehen, und wende dein Herz nicht von dem

Herrn aller Himmel! Zwei Jahrzehnte hast du die teuflischen Geister des

Grolles und Hasses bezwungen -- -- --«

»Jetzt reißen sie die schwachen Schranken nieder,« schrie das Weib,

sprang auf und stampfte den Boden mit den Füßen, »die die versagende

Kraft jeden Morgen von neuem aufrichten mußte. Fallt ab von mir,

schwachherzige Geduld und schimpfliche Geneigtheit zur Vergebung! Es

ist ein Kampf wider die Natur. Der Gott, der mich erschaffen, muß es

an seinem Werke büßen, daß es mißraten. Einst war ich groß im Lieben,

heute bin ich's im Hassen! Haha!«

»Wer so frevelt wie du, mein Kind, dem wird es dereinst schwer werden,

vor dem Richterstuhle des Ewigen Worte zu finden.«

»Soll ich den lieben, der mich betrog und mein Kind zum Bankert machte?«

»Und doch kenne ich eine,« klang des Greises eindringliche Stimme, »die

zu Gott dankte, als er ihren Schoß segnete.«

Da verstummte das Weib. Der Greis aber fuhr fort:

»Hast du ihm nicht alles abgeschlagen, was er in leidenschaftlicher

Liebe für dich und das Kind tun wollte? Und wie er vor der Wiege

des Neugeborenen kniete und mit gerungenen Händen dich anflehte, du

möchtest ihm verzeihen, was sprachst du da? Ich verzeihe um den Preis

der völligen Entsagung auf das Kind! Er umklammerte deine Füße, -- du

stießest ihn. Da versprach er's und ging. Aber in wieviel ungezählten

Nächten haben wir nicht die wohlbekannten Schritte vor dem Hause und

das leise Klopfen an der Tür vernommen, bis nach stundenlangem Harren

der Tritt in der Ferne verhallte. So ging es, bis sich die Wunde in

seinem Herzen geschlossen haben mochte.«

Am Stadttor tönte der eiserne Klopfer, draußen stand jemand, der Einlaß

begehrte. Aus einer Nebenkammer ging der Geselle hinaus. Die schweren

Ketten rasselten und fielen herab, und das Tor kreischte in den Angeln.

Eine kurze Weile, dann entfernten sich stadtwärts Schritte. Das Tor

schlug zu, und der Geselle kehrte wieder in seine Kammer zurück. Die

zwei Menschen hörten es kaum, so gefesselt waren all ihre Sinne.

»Mein armes Kind,« klang des Greises Stimme wieder, »laß das

herzzerreißende Weh, das sich in deine Seele hineingebohrt, nicht

Herr über dich werden. Nach unsern Werken der Liebe werden wir

einst belohnet oder gerichtet werden. Der Gute vergißt über dem

eigenen Schmerz nicht den Schmerz des Nächsten. Du weißt, daß er ein

Unglücklicher ist und wie schwer er jetzt leidet.«

»Heute sind alle Wunden wieder aufgerissen,« klagte das Weib tonlos,

»die er meinem Herzen geschlagen. Und ich fühle, daß ich gelogen, als

ich ihm verziehen.«

»Dann verzeihe ihm nun aus vollem Herzen.«

»Wer meinen Gram und meine Verzweiflung ermessen kann, die schlimmer

peinigen als Höllenqualen, der wird nicht verlangen, daß ich ihm ein

zweites Mal vergebe.«

»Nicht zweimal sollen wir vergeben, fordert der Allmächtige des Himmels

und der Erden, sondern siebenmal siebzigmal.«

»Aber ich vermag es nicht!« schrie das Weib grell auf.

Da erhob sich der Blinde, ging mit sicheren Schritten zu dem Bett und

schlug das weiße Laken zurück. Seine großen lichtlosen Augen auf die

Tochter gerichtet, sprach er:

»So lerne das Verzeihen von deinem Kinde, das mit einem Gebet für den

Vater von uns gegangen ist.«

Die Frau erschrak und stützte sich schwer auf das Fußende des Bettes.

Ihr Atem flog und ihre weitgeöffneten Augen waren starr auf die

abgezehrte Gestalt im weißen Sterbehemd. Das blasse Gesicht der

Toten war verklärt von dem Ausdruck tiefen Friedens, den Mirjam beim

Verscheiden empfunden. Zwischen den gefalteten Händen hielt sie die

dunkelrote, welke Rose.

Sekunden verstrichen. Als wenn sie einem zermalmenden Druck trotzen

wollte, verharrte die Frau hartnäckig in gebeugter Haltung. Dann brach

sie vor dem Bett lautlos nieder.

[Illustration]

[Illustration]

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die drei Getreuen

Die ältesten Bewohner Meißens erinnerten sich nicht, die Stadt jemals

in so großer Aufregung gesehen zu haben, wie an diesem Abend. Die

Häuser standen leer, jedermann war auf die Gasse geeilt. Wie zu

Kriegszeiten herrschte fieberhaftes Leben unter der Einwohnerschaft.

Hinter vielen Fenstern brannte Licht, so daß die Gassen hell waren.

Auf dem Markt standen vier hohe Böcke, die mit Pech gefüllte, eiserne

Schalen trugen, aus denen rote, rußige Flammen emporloderten. Vor dem

Rathaus bauten Zimmerer ein hölzernes Gerüst. Eine unabsehbare Menge

drängte sich unaufhörlich daran vorbei. Die hellen Hammerschläge

drangen scharf durch den Lärm. Jeder verstand, was sie verkündeten:

morgen früh sollte auf diesen Brettern dem Burgemeister Georg

Waltklinger durch den aus Dresden zu erwartenden Henker der entblößte

Rücken mit Ruten gepeitscht werden.

Zwar war eine Abordnung der Bürgerschaft unter Vorantritt Peter

Sorgenfreis nach Dresden geeilt, um die Gnade des Herzogs anzurufen.

Aber sie waren abgewiesen worden!

Der Herzog hatte die Männer wohl empfangen und sein Bedauern

ausgesprochen, daß er ihre Bitte abschlagen müsse. Den ausgezeichneten

Ruf ihres Burgemeisters kenne er. Gleichwohl dürfe er dem Spruch

des Gerichts nicht entgegentreten. Die unbesonnene Handlung sei ein

schwerer Angriff gegen Gesetz und Obrigkeit, und das Leben eines hohen

Beamten des Landes, den der Herzog als einen seiner besten bezeichnete,

wäre ihr um Haaresbreite zum Opfer gefallen. Nur insoweit könnte das

Urteil gemildert werden, als der Besitz des Schuldigen nicht um den dem

Staat bei der Ausweisung zufallenden Teil geschmälert würde.

Traurig kehrten die Männer heim. Wie der Herzog bei Einführung der

Reformation seine Tatkraft bewiesen, ebenso unbeugsam war er, wenn es

galt, eine Verletzung der Würde des Gesetzes zu sühnen.

Das Gewühl in den Gassen wurde immer ärger, und dasselbe Bild, das

große Zusammenläufe einer erregten Menge überall bieten, zeigte sich

auch hier. Anfänglich schoben sich die Menschen stumm durcheinander.

Der Geist der Ordnung leitete sie noch. Allmählich gewann aber

die Erregung Oberhand, die die Masse berauschte. Die Unbesonnenen

begannen damit, drohende Rufe auszustoßen, und die friedlich Gesinnten

wurden davon angesteckt. Dazu tat der genossene Wein seine Wirkung.

Nichtsnutziges Gesindel beging Ausschreitungen und riß durch sein

Beispiel nüchterne Zuschauer, die aus Neugierde auf die Gasse gegangen

waren, mit fort.

Man fragt sich, wo diese lichtscheuen Elemente in ruhigen Zeiten ihre

Schlupfwinkel haben, -- inmitten eines erregten Volkshaufens blüht ihr

Weizen, und sie sind wie aus der Erde gestampft da. Sie laufen Sturm

wider Gesetz und Ordnung, wiegeln die Friedfertigen auf und sitzen

mit dem Aufruhr zu Tische. Ihr Handwerk ist um so gefährlicher, als

sie es am liebsten heimlich betreiben. Droht ihnen Gefahr, so ducken

sie sich. Und greift der eiserne Arm des Gesetzes ein, dann sind sie

wie weggeblasen und überlassen den bürgerlichen Mitschreier seinem

Schicksal. -- Parasiten!

Vor der Fronfeste, wo gleichfalls Pechpfannen brannten, gab es wüste

Auftritte. Stimmen wurden laut, die die gewaltsame Befreiung des

Gefangenen forderten. Und gegen die am Eingang stehenden bewaffneten

Burgknechte fielen wilde Drohungen. Ein Haufe von Schreienden und

Betrunkenen zog durch die Gassen, den Tumult steigernd.

Als auf dem Marktplatz der Bau des Gerüstes beendet war, hatte sich

ein Mann darauf geschwungen, der mit einer zündenden Rede das Volk

aufforderte, den durch den Herzog abgeschlagenen Gnadenakt selbst zu

vollziehen. Es war der Bruder Antonius. Seine Beredsamkeit stachelte

das Volk auf, daß es seinen Worten Beifall schrie. Aber die Besonnenen

unter der Menge schritten ein, verwiesen dem Mönch seine Rede und

beschwichtigten die Aufgeregten.

Die Bürger, die die Nachtwache hatten, gingen umher, ermahnten das

Volk zur Ruhe und versuchten, es zum Heimkehren zu bewegen. Aber diese

Zirkler sahen bald ein, daß sie heute machtlos waren. Die Aufregung war

zu groß, und es waren ihrer zu viel, die in den Gassen tobten.

Dazu gab es selbst Bürger, die die wachsende Leidenschaft insgeheim

anstachelten. Der alte Anesorge lief durch die Menge und reizte sie

auf. Die ungeheure Spannung und das vergebliche Harren auf die noch

immer erwartete Begnadigung hatten ihm fast den Verstand geraubt.

Während nun auf den Gassen der drohende Aufruhr sein schauerliches Lied

sang, war es in der Zelle des Gefangenen der Fronfeste still. Der Lärm

drang nicht durch die dicken Mauern und starken, eichenen Fensterladen.

Der Raum war schmal. Ein Tisch, ein Stuhl und ein eisernes Bett

bildeten seine dürftige Ausstattung.

Georg Waltklinger lehnte mit dem Rücken gegen den Tisch. Sein Haar

war in Unordnung, das Gesicht bleich. Vor ihm stand der weißhaarige

Edelbeck, der Hüter der Fronfeste. Er war soeben eingetreten, hatte

die Tür sorgsam hinter sich geschlossen, die brennende Laterne

niedergestellt und den großen Schlüsselring dazugelegt.

»Nein, Herr Burgemeister,« versetzte der Alte, »nun kann ich's nimmer

mit ansehen. Euer Unglück zerbricht mir das Herz.«

Waltklinger seufzte und machte eine Handbewegung, die sagen wollte: mir

ist nicht zu helfen.

»Wie geht's deinem Sohn, dem Heinrich?« fragte er mit müder Stimme, um

den Alten abzulenken.

»Von ihm wollte ich eben sprechen,« antwortete Edelbeck. »Wieviel Gutes

habt Ihr an dem getan! Herr Burgemeister, wenn Ihr wüßtet, wie der

Junge an Euch hängt, wohl ebenso, wie an seinem leiblichen Vater.«

»Laß es gut sein,« versetzte Waltklinger, »'s war nicht der Mühe wert.«

»Wie, ich sollte das gering anschlagen? Es war ein schlimmer Abend,«

nickte der Alte. »Der wilde Junge, der aber doch zu lenken war wie ein

Kind, hatte im Jähzorn einen Mitspieler mit dem Messer gestochen. Ihr

kanntet meinen Heinrich, war er doch Euer Lehrbursche und Geselle, und

Ihr hattet ihn wahrhaft lieb. Ein braves Kind, dein Heinrich, sagtet

Ihr manchmal zu mir. Da kam das Unglück. -- Ich rang vor Euch die

Hände: helft, helft, daß mein Heinrich vor Schande bewahrt bleibe!

Meine Verzweiflung rührte Euch. Ihr versaht den Jungen mit einem guten

Stück Geld und ließt ihn bei Nacht und Nebel heimlich entweichen. Den

Schwergetroffenen, der sich nur langsam erholte, suchtet Ihr auf, gabt

ihm Schweige- und Schmerzensgeld und nahmt Euch seiner Familie an. Noch

heute empfängt sie ja Eure Wohltaten.«

Waltklinger sah nachdenkend nieder.

»Nun ist der Junge im Hessischen,« erzählte der alte Edelbeck weiter,

»und es geht ihm gut. Und seine Frau, die sich fast zu Tode ängstigte,

als ihm der Prozeß gemacht werden sollte, ist mit den Kindern

wohlbehalten bei ihm angekommen. Er schreibt, daß sein neuer Meister

mit ihm recht zufrieden sei. Als dieser hörte, daß er das Handwerk

bei Euch gelernt habe, hat er den Jungen eingestellt. Denn Euer Name

war ihm bekannt. Wenn Ihr den Heinrich damals nicht vor dem Schlimmen

bewahrt hättet, wie anders wär' es gekommen! Seine brave Frau und die

lieben Kinder hätte der furchtbare Schlag schwer getroffen.«

Den Alten übermannte die Rührung, daß ihm die Sprache versagte. Er

schwieg eine Weile und fuhr mit der Hand über die feuchten Augen. Dann

begann er wieder:

»Und wie meinem Heinrich das Unglück damals zugestoßen, ebenso seid

auch Ihr hineingeraten: das heiße Blut hat Euch hingerissen. Wie

manchem prächtigen Menschen hat der Jähzorn nicht schon schwere Stunden

gebracht!«

Der alte Wärter brach hier kurz ab, wandte den Kopf nach der Tür und

lauschte angestrengt. Von dem lärmenden Volkshaufen war nichts zu

hören. Nur der verworrene Klang einzelner Worte drang in die Zelle, die

von den wachehabenden Burgknechten kamen.

Da trat Edelbeck nahe an den Sitzenden heran und sagte mit gedämpfter

Stimme:

»Herr Burgemeister, seitdem Ihr in der Fronfeste sitzt, ist der Schlaf

meinen alten Augen ferngeblieben, und ich habe meinen Kopf zerquält um

Euretwillen. Nun weiß ich, was ich tun muß. Euch ist bekannt, daß der

Turm zwei Ausgänge hat: den gewöhnlichen, den die Knechte bewachen, und

den nie benutzten, der aus meiner Wärterstube unmittelbar ins Freie

führt. Die drei größten Schlüssel an diesem Bund öffnen die eiserne

Tür.«

Georg Waltklinger horchte auf.

»Es wäre jammerschade, wenn ein so geachteter und verdienter Mann,

wie Ihr seid, dieselbe erniedrigende Strafe erleiden sollte, wie der

gemeine Verbrecher. Und ich müßte mich noch in der Sterbestunde einen

schlechten Kerl nennen, wenn ich Euch heute den Dienst nicht vergelten

wollte, den Ihr meinem Heinrich getan habt. Also geht auf und davon,

Burgemeister! Freilich -- -- -- na, wie soll ich's sagen, -- Ihr wißt

ja, ich hab's zugeschworen, meine Gefangenen treu zu bewachen. Auf

meinem weißen Haar haftet kein Stäubchen Unehre, und ich darf vor den

Menschen nicht meineidig werden. Wie ich freilich mit dem droben fertig

werden soll, -- na, kümmert Euch nicht viel darum, das wird mir schon

gelingen! Ich tu's ja für meinen Heinrich und die herzigen Kinderchen

-- -- -- Ihr könnt noch unendlich viel Gutes tun, um mich alten Mann

ist es nicht schade! -- Die Tür ist unverschlossen, die Treppe bis zu

meiner Stube frei -- -- nehmt den spitzen Stahl, der mir an der Seite

hängt, Burgemeister -- und -- -- stoßt zu -- -- --«

Waltklinger war den hastigen Worten des Alten mit höchster Spannung

gefolgt. Jetzt stand er erschüttert auf, umarmte den Wärter und sagte:

»Edelbeck, was du da sprichst, verrät dein gutes Herz. Wie soll ich

dir's danken! Du bist ein Held! Deshalb ist der Preis zu hoch, mit dem

ich mir die Freiheit erkaufen sollte. Ich will in den Augen unseres

lieben Herrgotts zwar gern weniger gelten als du, aber ich möchte vor

ihm nicht als Wicht dastehen. Und das wäre ich, wenn ich dein Angebot

annähme. Du hältst viel auf mich, Alter, -- das freut mich! Aber gerade

darum, weil ein solcher Ehrenmann, wie du mich schätzt, muß ich über

meinen Ruf streng wachen. Sonst sagen die Leute: an dem Waltklinger ist

doch nichts gewesen!«

Dem Alten war bei diesen Worten der Kopf auf die Brust gesunken. Nun

wandte er sich langsam um, nahm das klirrende Schlüsselbund auf und

verließ, ohne noch ein Wort zu sprechen, die Zelle. Georg Waltklinger

sah eine Weile in das matte Licht der auf dem Boden stehenden Laterne.

Dann setzte er sich, stützte den Kopf auf und versank in tiefes

Nachdenken.

Da hörte er, wie der alte Edelbeck wieder eintrat.

»Herr Burgemeister,« sagte dieser, »ein Weib hat an meine Tür geklopft

und so dringend gebeten, zu Euch gelassen zu werden, daß ich ihr's

nicht abschlagen mochte.«

Waltklinger sah sich um.

»Wen soll es jetzt so dringlich nach einer Unterredung mit mir

verlangen? Es ist doch nicht meine Tochter? Ich möchte ihr den Schmerz

meines Anblicks ersparen ...«

»Das Weib ist verhüllt, aber Eure Tochter ist es nicht.«

Waltklinger schwankte einen Augenblick.

»Laß sie kommen,« sagte er alsdann.

Der Alte ging. Eine kurze Weile verstrich. Da hörte Waltklinger ein

leises Geräusch, und wie er sich umwandte, sah er auf der Schwelle

eine Frau stehen. Ihr Kopftuch war herabgeglitten. Aber das Licht

der Laterne brannte so trübe, daß er die Züge der Eintretenden nicht

erkennen konnte. Waltklinger erhob sich und tat ein paar Schritte nach

der Tür. Plötzlich blieb er überrascht stehen. Die Frau ging zu dem

Bett und setzte sich erschöpft darauf.

»Ja, Georg, ich bin es,« sagte sie unter raschen Atemzügen. »Unser Kind

ist gestorben.«

»Lea,« schrie der Mann auf, »Mirjam ist tot -- -- --?«

Die Frau nickte mit dem Kopf.

»Sie ist tot,« wiederholte sie.

Georg Waltklinger sank auf den Stuhl nieder, stützte die Ellenbogen

auf den Tisch und barg das Gesicht in beiden Händen. So saß er

unbeweglich. Nur das fast unmerkliche Jucken seiner breiten Schultern

verriet den großen Schmerz, der in ihm arbeitete.

Die Frau betrachtete den Erschütterten lange. Dann ging sie zu ihm hin.

Zögernd legte sie ihre Hand auf seine Schulter.

»Georg,« sagte sie in weichem Tone, »ich glaubte immer, du hättest sie

aus deinem Herzen gestoßen. Jetzt weiß ich's, wie lieb du sie behalten

hast.«

Waltklinger wandte sich zu ihr.

»Deine Botschaft ist tieftraurig, Lea, hab' aber Dank, daß du gekommen

bist. Willst du mir nicht etwas von unserm Kind erzählen?«

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 13 / 15 段