Krankheit und Hinscheiden. Waltklinger war es feierlich zumute. Zwar
hatte er das Mädchen, wie es die engen Verhältnisse der kleinen Stadt
mit sich brachten, im Laufe der Jahre oft gesehen. Aber er hatte sie
nie angesprochen und durch nichts verraten, daß er ihr Vater war. Die
Scheu vor der Öffentlichkeit, mehr aber noch das Gelöbnis, das er der
Mutter einst gegeben, hatten ihn abgehalten, den Schleier zu lüften,
der auf Mirjams Geburt lag. Innerlich war er ihr jedoch nahe geblieben,
und es hatte ihn geschmerzt, sie als Fremde ansehen zu müssen. Nun
aber, wo er ihren Tod vernahm, fühlte er, wie nahe sie seinem Herzen
immer gestanden hatte.
»Du bist hart zu mir gewesen, Lea,« sagte Waltklinger schmerzlich.
»Aber ich darf mit dir nicht rechten, denn ich hatte deinen Frieden
schwer gestört. Wie viele Jahre seitdem auch dahingegangen sind, der
Kummer darüber ist nicht von mir gewichen. Durch aufopferndes Wirken
für andere habe ich versucht, mein Gewissen zu beschwichtigen. Aber
seine Stimme hat nie stillgeschwiegen.«
»Wenn ich deine Seelenpein mildern kann, Georg, will ich's gern tun.
In so bitteres Leid der Tod den Menschen auch stößt, wenn er ihm sein
Alles raubt, so ist er doch ein Bote des Himmels. Und sein gewaltiger
Schmerz erweicht das Gemüt. Ich durfte dir wohl zürnen, aber ich war
grausam. Das tut mir heute weh! Der große Schmerz trifft uns beide, er
soll uns aussöhnen. Auch Mirjam hat dir nicht gezürnt. Sie ging mit
einem Gebet für ihren Vater auf den Lippen.«
Waltklinger blickte schmerzlich auf.
»Deine Worte geben mir viel Tröstung, Lea; ich danke dir!«
»Georg,« sagte die Frau und trat zu dem Sitzenden, »ich kann dich nicht
so leiden sehen. Dein Schicksal rührt mich tief.« Sie zog aus der
Tasche ihres Kleides ein Fläschchen. »Hier nimm,« flüsterte sie, »es
ist ein sicher wirkender Trank, der dich friedlich einschlafen läßt.
Unsere Familie behütet sein Geheimnis seit Jahrhunderten. Du bist ein
ehrenhafter, stolzer Mann, Jörg, und wirst den Tod der erniedrigenden
Strafe vorziehen. Das Herz würde mir vollends brechen, wenn -- --«
Sie schwieg und sah zur Seite.
Der Gefangene griff überwältigt nach ihren beiden Händen und antwortete:
»Liebe Lea, so weit also geht deine Güte für den, der dich betrog?
Du beschämst mich. Dein Vorschlag will mein Bestes, aber ich kann
ihn nicht annehmen! Ich habe gefehlt! Deshalb darf ich mich meinen
irdischen Richtern nicht entziehen, so unerträglich mir ihre Strafe
auch scheint. Dem himmlischen Richter kann ich doch nicht entgehen.
Und er würde viel schwerer geneigt sein, mir zu vergeben, wenn
ich handelte, wie du mir rätst. Ein aufrechter Mann darf nicht
zurückschrecken, wenn getane Schuld an ihm gesühnt werden soll.«
Die Frau weinte leise.
»Ich habe es geahnt, daß du so sprechen würdest,« stammelte sie.
Enttäuscht barg sie das Fläschchen wieder in ihrer Tasche und wischte
die Tränen aus den Augen. Dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied
und sagte:
»So tröste dich der Allmächtige, Jörg. Mit seiner Kraft wirst du das
Schwere überwinden.«
»Mag er auch dein Weh mildern und in bangen Stunden an deiner Seite
stehen. Lebe wohl, Lea!«
Eine Sekunde darauf war Waltklinger allein. Er lauschte noch aufmerksam
den sich entfernenden Tritten, bis sie ganz verklungen waren. Dann
streckte er sich ermattet auf das Bett. Wieder war ein lieber Mensch
von ihm gegangen! Und eine innere Stimme sagte ihm, daß auch unter der
Bürgerschaft viele innigen Anteil an seinem Geschick nähmen. Da fühlte
er, wie sich langsam seine Augen füllten. Es waren Freudentränen, und
er schämte sich ihrer nicht.
Bald öffnete sich die Tür wieder; der alte Edelbeck erschien noch
einmal.
»Herr,« versetzte er, »unten wartet ein Kapuziner, um Euch geistliche
Stärkung zu bringen.«
»Ein Mönch?« fragte Waltklinger. »Er muß doch wissen, welchen Glaubens
ich bin. Teile ihm mit, daß ich heute von einem Diener _meiner_ Kirche
bereits Tröstung empfangen hätte.«
»Das sagte ich dem Kuttenträger schon, aber er ließ sich nicht
fortschicken.«
Waltklinger lächelte trübe.
»Er will mir eine vermeintliche Wohltat erweisen; dafür gebührt ihm
Dank. Schick' ihn herauf.«
Mit diesen Worten erhob er sich vom Bett und ging mit großen Schritten
auf und ab. Da trat der Mönch in die Zelle, die Kapuze auf dem Kopf. Er
horchte noch einmal in den Gang hinaus. Aber es war nichts Verdächtiges
zu hören, nur ein dumpfer, verworrener Lärm, der vom Frauenmarkt
heraufdrang. Nun schloß er die Tür und wandte sich zu dem Gefangenen.
Rasch löste er den Knoten des hanfenen Strickes, der um seinen Leib
geschlungen war, riß die Kutte herab und warf sie von sich. Ein
hochgewachsener Jüngling von schlankem Körper, an dessen Seite ein
gerader Degen hing, stand jetzt vor dem Erstaunten.
»Bernhard von Miltitz!« rief Waltklinger, »Ihr hier? Und was soll diese
Verkleidung?«
»Es ist das drittemal, Herr Burgemeister, daß ich Euch unter die Augen
trete. Heute werdet Ihr mich nicht von Euch weisen.«
Und des Jünglings Atem flog, als er hinzusetzte:
»Ich bringe Euch Befreiung! Schlüpft in diese Kutte und begebt Euch von
hinnen. Keiner der Burgknechte wird argwöhnen, daß dieses Ordenskleid
seinen Träger gewechselt hat. In den Gassen tobt eine aufgeregte Menge;
es kann Euch nicht schwer werden, im Gewühl unerkannt zu entkommen. Der
Wächter des Jüdentores ist bestochen, er wird öffnen. Am Einfluß der
Triebisch in den Strom liegt ein Boot; der vertraute Fährmann rudert
Euch über die Elbe. Drüben wartet Georg von Komerstadt Eurer. Von da
mögt Ihr auf windschnellem Rosse über Königsbrück in das böhmische Land
entkommen. Eilt, daß keine kostbare Minute verrinne!«
Georg Waltklinger war starr vor Überraschung. Endlich fragte er:
»Was bewegt Euch dazu, Junker, mich aus meinem Gefängnis zu befreien?«
»Die Liebe zu Eurer Tochter,« rief dieser. »Unsere Herzen sind unlösbar
verbunden. Ich habe heute mit Sonnhild von Eurer Rettung gesprochen,
ohne ihr meinen Plan zu verraten. Aber sputet Euch!«
»Und wenn ich Euer Anerbieten annähme, was würde dann aus _Euch_?«
»Ich bleibe an Eurer Stelle im Turm!«
»Ist es Euch bekannt, daß Gefangenenbefreiung mit schwerer
Freiheitsstrafe gesühnt wird, die auch Euer Vater von Euch nicht
abwenden könnte?«
»Ich weiß es. Doch unterlaßt alle Worte und nehmt das Kleid,« drängte
der Jüngling in fiebernder Hast.
»Bernhard von Miltitz, Ihr seid ein edelmütiger Jüngling, und ich
schulde Euch großen Dank. Euer Plan ist verlockend, und seine
Ausführung würde wohl glücken. Aber ich muß Eure Hilfe ausschlagen.«
»Ausschlagen? Was ficht Euch an, Herr Burgemeister?«
»Meine Freiheit wäre zu teuer erkauft -- --«
»Sorgt Euch nicht um andere, denkt an Euer Kind. Klopft Euer Vaterherz
nicht rascher bei dem Gedanken, das Werk für Sonnhild zu tun?«
»Tut Ihr es für sie?« fragte Waltklinger.
Da schoß dem Jüngling die Röte in das Gesicht.
»Ich sagte es Euch ja schon, -- -- -- aber, -- auf denn! Wozu die
Worte! Die Gunst möchte sich von der Ausführung des Plans bei weiterem
Zögern wenden.«
»Ich bleibe!«
Der Jüngling fuhr auf. Draußen wurden eilende Schritte hörbar.
»Geht doch,« rief Bernhard, »das ganze Lebensglück Eures Kindes steht
auf dem -- --« Da flog krachend die Tür auf, und drei Bewaffnete
stürzten herein.
»Im Namen des Herzogs, Junker von Miltitz, Ihr seid mein Gefangener!«
rief der vorderste Knecht, indem er auf Bernhard eindrang.
Dieser riß seinen Degen aus der Scheide und hieb den schlanken
Holzschaft des ihm entgegengehaltenen Spießes mittendurch. Ein anderer
Knecht sprang mit großem Ungestüm an die Stelle des Wehrlosen. Bernhard
sah den Stoß der Pike kommen und wich blitzschnell zur Seite. Ein
scharfes Knirschen -- und die stählerne Spitze zersplitterte an den
Steinquadern der Mauer. »Ergebt Euch!« rief der dritte Knecht und
kam mit wagrechtem Spieß heran. Da sprang Bernhard hinzu, griff mit
nerviger Hand nach der Waffe und ruckte so heftig daran, daß der Knecht
jählings auf den Fußboden der Zelle geschleudert ward und besinnungslos
liegenblieb.
Jetzt riß der Jüngling in schäumendem Zorn den Degen in die Höhe, als
Caspar von Carlowitz, der Schloßhauptmann, der mit Bernhard erst heute
von der Reise zurückgekehrt war, mit dem blanken Schwert in der Faust
atemlos in die Zelle trat.
»Kein Blut fließe!« befahl er. »Bernhard, den Degen weg!«
Aber die maßlose Erregung des Junkers war damit nicht zu
beschwichtigen. Er sah in dem plötzlich Erschienenen nur einen neuen
Feind. Und er drang auf die beiden Knechte ein, die das Untergewehr
gegen ihn gezogen hatten. Da stieß Caspar von Carlowitz sein Schwert in
die Scheide, kreuzte die Arme über der Brust und rief:
»Sinnloser Knabe! Wenn du Blut vergießen mußt, so wähl' das meinige!«
Diese Worte schlugen in die Seele des Ergrimmten. Der zum Streich
ausgeholte Arm sank schlaff herab. Ein Zittern überlief die schlanke
Gestalt, und der Degen entglitt der Faust und fiel klirrend zu Boden.
Und dann sank der Jüngling mit lautem Aufschluchzen an die Brust des
väterlichen Freundes.
* * * * *
Unterdessen war der Lärm und die Bewegung in den Gassen zu solcher Höhe
angewachsen, daß Peter Sorgenfrei, um einen etwa ausbrechenden Aufruhr
niederzuhalten, drei Fähnlein der Bürgerwehr aufgeboten hatte.
Das erste war unter seinem Viertelsmeister, den die schwarz-gelbe Binde
kenntlich machte, in Reih und Glied vor dem Rathaus aufmarschiert. Das
Fähnlein des zweiten Bezirks war vom Jahrmarkt her im Sturmschritt auf
den Frauenmarkt gerückt, und der dritte Haufe zog unter Trommelschlag
durch die Jüdengasse ebenfalls vor die Fronfeste.
Hier hatte sich die Verwirrung aufs höchste gesteigert. Der
Schloßhauptmann war mit einer Wachtverstärkung angekommen, was einen
Unsinnigen veranlaßt hatte, das Gerücht auszusprengen, dem Burgemeister
solle ein Leids zugefügt werden. Dem alten Anesorge wiederum war der
Gedanke aufgestiegen, die Menge trunken zu machen, daß sie geneigt
werde, eine Gewalttat zu begehen. Zu diesem Zweck hatte er neben der
Frauenkirche einige Oxhoft Wein aufstellen lassen, der in tönernen
Krügen herumgereicht wurde. Er selbst fuhr durch das Gewühl und feuerte
die ärgsten Schreier an, die Fronfeste zu stürmen und den Burgemeister
zu befreien.
Das Heulen in den Gassen wuchs, und der Ruf »Feuerjo!« ertönte
von allen Seiten. Ein Eiferer war auf den Kirchturm geeilt, und
schon gellte die Feuerglocke über die Stadt hin. Die Bürger des
Feuerschutzdienstes liefen nach der Spritze. Bald darauf rasselte diese
durch die Elbgasse nach dem Marktplatz.
Am schlimmsten ging es am Turm zu, von dessen Eingang die Bürgerwehr
die Menge zurückgedrängt hatte. Hier war das Gerücht von einer
Befreiung des Burgemeisters durch List laut geworden. Der Wächter
vom Jüdentor habe den Plan verraten, und das Dazwischentreten des
Schloßhauptmanns hätte das Werk vereitelt.
Ein ohrenzerreißender Lärm hallte über den Frauenmarkt. Peter
Sorgenfrei stand auf dem von Menschen freigemachten, kleinen Raum vor
dem Tor der Fronfeste, den zu betreten bewaffnete Bürger die Menge
zurückhielten. Da wandte sich Sorgenfrei gegen den ärgsten Lärmmacher
in der vordersten Reihe -- Bruder Antonius --, der jäh verstummte,
als der riesige Fleischhauer auf ihn zutrat. Der Mönch stand wie
versteinert, nicht das Weiße im Auge zuckte. Nur der Blick hing starr
an der erhobenen, gewaltigen Faust. Wenn diese niederfiel -- das wußte
er --, zerschlug sie seinen Schädel wie einen irdenen Topf. Doch ging
das Verhängnis noch einmal an dem alten Landstreicher vorbei.
Da machte die Menge eine Bewegung und drängte, allen Anstrengungen der
Bürgerwehr zum Trotz, bis nahe zum Eingang des Turmes vor.
Zur gleichen Zeit öffnete sich das Tor der Fronfeste und Caspar von
Carlowitz trat heraus. Acht bewaffnete Burgknechte folgten ihm, in
deren Mitte mit leichenblassem Gesicht Bernhard von Miltitz ging.
»Eine Gasse im Namen des Herzogs!« rief der Schloßhauptmann der
dichtgedrängten Menge zu.
Keiner rührte sich, der Aufforderung nachzukommen; nur ein verstärktes
Geheul erbrauste als Antwort.
Jetzt klang Peter Sorgenfreis gewaltige Stimme in den Lärm hinein:
»Will die allzeit gesetzestreue Bürgerschaft Meißens dem Herzog
Heinrich die Reformation mit Aufruhr und Empörung danken?«
Das wirkte. Stille trat ein, und die Menge teilte sich.
Caspar von Carlowitz ging voran und winkte den Knechten, ihm zu folgen.
Da geschah etwas Unerwartetes. Ein Weib drängte sich durch die
vordersten Reihen und flog mit dem schrillen Ruf »Bernhard!« auf
den Gefangenen zu. Einer der Knechte, den die drohende Haltung der
Menge und ihr Geschrei kopflos gemacht, glaubte, daß eine gewaltsame
Befreiung des Gefangenen versucht würde. Er hob den Spieß, stach zu
und -- traf einen Jüngling, der blitzschnell vor das Mädchen gesprungen
war. Der Gestochene brach lautlos zusammen. Das Mädchen aber schlüpfte
zwischen den Knechten hindurch und schlang die Arme um den Gefangenen.
Der rasche Vorgang war von tiefer Wirkung auf die Umstehenden. Jeder
kannte das Mädchen, es war die Tochter des Burgemeisters. Und wer war
der unglückliche Gefangene, der Waltklingers Befreiung heldenmütig
versucht hatte?
Da rief eine Stimme:
»Ist das nicht der Junker von Miltitz?«
Der Ruf schlug ein. Die Menge ahnte, was sich hier abspielte, und war
ergriffen. Die Liebenden waren die Kinder der feindlichen Väter! So
dichtgedrängt das Volk den Frauenmarkt auch bedeckte, herrschte doch
jetzt tiefes Stillschweigen.
Inzwischen waren Caspar von Carlowitz und Peter Sorgenfrei zu den
Umschlungenen getreten und hatten gütlich auf sie eingesprochen. Darauf
flüsterte Bernhard der Geliebten noch ein paar Worte zu und löste
alsdann ihre Hände schonend von seinem Hals. Während Sorgenfrei nun
die Gebrochene beiseite führte, setzten sich die Burgknechte mit dem
Gefangenen in ihrer Mitte in Bewegung.
Dieser Auftritt hatte die Menge plötzlich ernüchtert. Keiner besaß
noch Verlangen, den Lärm fortzusetzen. Alle fühlten, daß sich etwas
Großes zugetragen hatte. Das allgewaltige Schicksal war mit leisem
Flügelrauschen über ihren Häuptern hingezogen.
Rascher, als er entstanden, zerstreute sich der Auflauf, und die Gassen
wurden leer. Nur die letzten der Heimkehrenden sahen noch, wie der
Schloßhauptmann auf schäumendem Pferde die Burggasse herabgesprengt kam
und über den Markt und durch die Fleischgasse galoppierte. Schon in
geraumer Entfernung vom Fleischtor klang seine befehlende Stimme:
»Torwart, hallo, -- Tor auf!«
Der Torwart sprang hinzu, riß die schweren Torflügel auseinander, und
Caspar von Carlowitz ritt hindurch. Donnernd schlugen die Pferdehufe
den Triebischsteg. Und dann sprengte er den Plossenberg hinan, -- die
Straße nach Siebeneichen.
* * * * *
Nachdem Peter Sorgenfrei das zitternde Mädchen aus der Menge geführt,
ließ er sie allein und eilte zum Turm zurück. Da bemerkte Sonnhild an
der Kirchhofsmauer einige Männer, die einen auf der Erde Liegenden
umstanden.
Das Mädchen ging zu der Gruppe; sie wußte, daß dort ihr heldenmütiger
Retter lag. Als sie sich zu ihm hinabbeugte, erkannte sie ihn. Es
war der junge Spielmann. Der Stoß des Knechts auf seine Brust war so
stark gewesen, daß er den Körper durchbohrt hatte. Die Fiedel, die der
Bursche auf dem Rücken getragen, lag neben ihm. Des Spießes Spitze
hatte sie zertrümmert.
Sonnhild kniete mit zusammengepreßten Lippen zur Seite des Spielmanns
nieder. Die glanzlosen Augen des Verscheidenden leuchteten auf, als er
das Mädchen erkannte.
»Jungfrau,« flüsterte er in hohem Glücksgefühl, »welch schöner Tod!«
Sonnhild drängte das furchtbare Weh zurück, das ihr die Brust zerriß.
»Edler Jüngling,« sprach sie erschüttert, »wie soll ich's Euch danken,
was Ihr für mich getan!«
Aber der Spielmann wehrte ihren Worten.
»Sprecht nicht also. Das Bewußtsein, Euch gedient zu haben, ist mir
Danks genug.«
»Ihr habt mein armseliges Leben um eine kurze Spanne verlängert, indem
Ihr Euer junges Leben als Einsatz gabt. Unerträglicher Gram hat mein
Herz gebrochen; wie lange noch, und es steht still. Ihr hättet Euch
nicht aufopfern sollen.«
Da lächelte der Spielmann beglückt.
»Ihr werdet noch ungezählte Tage erleben, und die Sonne wird freundlich
auf Euern Weg fallen. Was liegt an mir?«
Ein hellroter Blutstrahl brach aus seinem Munde und machte ihn
verstummen. Große Schwäche kam über ihn. Er fühlte, es war sein
Letztes. Mit äußerster Kraft widerstand er noch einmal dem Ruf aus dem
Jenseits und stammelte:
»Jungfrau, ich mußte von hinnen, weil ich Euch liebte -- er mag mir's
verzeihen. Das Leben hätte mich bedrückt, aber der Tod für Euch
beseligt mich! Grüßt mir den edlen Junker; -- ihm -- und -- Euch --
meine -- -- Segens -- wün -- sche -- -- --«
Mit diesen Worten starb der Spielmann. Sonnhild sah sein Auge brechen,
nachdem es ihr noch einmal gelächelt. Da deckten die Männer einen
Mantel auf ihn und trugen ihn fort. Nun war Sonnhild allein. Der Mond
schien hell und ließ alle Gegenstände deutlich erkennen.
Ohne zu wissen wohin, lief Sonnhild fort von dieser Stelle, bis sie
vor einer Mauer stand. Jetzt sah sie sich um. Sie befand sich auf dem
Friedhof der Franziskaner, und dicht vor ihr war das Beinhaus.
Eine Weile lang versuchte das Mädchen, alle Kraft zusammenzunehmen,
daß sie der übermächtigen Schwächeanwandlung, die sie fühlte, nicht
erliege. Dann brach sie in die Knie, lehnte die Wange an die Mauer des
Beinhauses und schrie auf vor Schmerz.
[Illustration]
[Illustration]
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Der Ritt nach Dresden
Frau Magdalena von Miltitz saß beim Schein der Lampe im Familienzimmer
des Schlosses Siebeneichen. Sie war unbeschäftigt, und ihr Blick hing
nachdenklich an dem offenen Fenster. Leise Unruhe quälte sie.
Sie ging zum Fenster und lehnte sich hinaus. Es war ein prächtiger
Herbstabend. Die Mondscheibe hing scharf umzeichnet am Himmel, und das
silberne Licht umwob schmeichelnd die Zweige und Blätter der Bäume. In
der Tiefe glitzerte das breite Band des Elbstroms. Fledermäuse huschten
vorbei, und von Zeit zu Zeit erklang der Ruf eines Kauzes.
Jetzt vernahm Frau Magdalena Pferdegetrappel. Eilends verließ sie das
Zimmer und begab sich auf die nach dem Schloßhof gelegene Veranda. Da
trabte auch schon ein Reiter durch das Tor. Sie erkannte Caspar von
Carlowitz und rief ihn an.
»Base,« hörte sie seine Stimme im Näherkommen, »wie ist das Befinden
deines Mannes? Kann ich ihn sogleich sprechen?«
Damit hielt er vor der Veranda. Frau Magdalena sah in sein
mondbeschienenes Gesicht; es war tiefernst, wie sie es noch nie
gesehen.
»Du triffst Ernst nicht zu Hause,« antwortete sie. »Kaum war er heute
zum Bewußtsein zurückgekehrt, so erkundigte er sich nach dem Schicksal
Waltklingers. Als er die Strafe erfuhr, war er aufs tiefste betroffen.
Während des ganzen Nachmittags stand er unter dem Eindruck dieser
Nachricht. Mit einem Male erklärte er, daß er zum Herzog fahren und
um Milderung der Strafe bitten wolle. Die Tat sei in der heftigsten
Gemütserregung geschehen, Waltklinger wäre als Mensch und Burgemeister
hochachtbar, und was er ähnliches mehr sprach. Und da Bernhard die
Nachricht aus Dresden mitbrachte, Herzog Heinrich werde noch heute nach
Prag reisen und als Liebhaber nächtlicher Fahrten gegen Mitternacht
aufbrechen, ließ Ernst alsbald anspannen und fuhr davon. Sein Zustand
war recht gut; dennoch bange ich um ihn. Doch mochte ich ihn nicht von
der Fürbitte zurückhalten.«
Frau Magdalena schwieg. Während ihrer Rede war der Vogt aus dem
Pferdestall auf den Hof getreten.
»Ich muß gleichfalls zum Herzog,« stieß der Schloßhauptmann aus.
»Welche Stunde ist es, Vogt?«
»Fast elf,« antwortete dieser.
»Vetter Carlowitz,« sagte Frau Magdalena, »dein Gebaren ist ein wenig
seltsam. Du ängstigst mich. Was bewegt dich zu dem nächtlichen Ritt?
Sag' es mir.«
»Nichts, nichts, Base,« beschwichtigte dieser erregt. »Vogt, ziehe
sofort das schnellste Pferd aus deinem Stalle! In zwei Minuten muß ich
reiten.«
Der Vogt verschwand in großer Eile.
»Soll dich nicht wenigstens Bernhard begleiten?« drang Frau Magdalena
in den Schloßhauptmann.
»Bernhard?« entfuhr es diesem.
Beim Klange dieses einen Wortes stutzte Frau Magdalena.
»Nun ja,« sagte sie gepreßt. »Er begab sich heute schon früh zu Bett
-- -- Doch, nein, -- wie ist mir, -- sein feines Ohr hätte unser
Gespräch längst schon vernommen und er wäre ans Fenster getreten -- --«
Frau Magdalena warf einen geängstigten Blick zu den Fenstern hinauf.
»Vetter!« rief sie. »Du verbirgst mir etwas! Laß es mich wissen, was es
auch sei!«
Caspar von Carlowitz erwiderte:
»Nun du es ahnst, kann ich das Schlimme nicht mehr verschweigen.« Und
er erzählte mit hastigen Worten, was sich zugetragen.
Frau Magdalena erbleichte bis in die Lippen hinein.
Jetzt führte der Vogt das rasch gezäumte Pferd vor. Der Schloßhauptmann
sprang von dem seinen und bestieg das junge, mutige Tier.
»Wie lange rechnest du mit ihm bis zum Dresdner Schloß?« fragte er.
»Wenn Ihr ihm die Zügel laßt, Herr, dann trägt Euch der Hengst in
weniger als einer Stunde dahin. Habt Ihr erst Wilsdruff hinter Euch, so
wird er davonschießen wie ein Pfeil.«
»Es ist gut.«
Carlowitz nahm die Zügel fest in die Faust und ritt dicht an die
Veranda heran.
»Mut, Base,« raunte er, »du kennst den Edelsinn unseres Herzogs.« Und
als er ihren starren Blick sah, fügte er hinzu: »Wir stehen alle in
Gottes Hand. Kein Haar fällt ohne seinen Willen von unserm Haupt!«
Da beugte sich Frau Magdalena über die Brüstung, reichte dem
Schloßhauptmann die Hand und sprach gefaßt, aber mit zuckenden Lippen:
»Reite unter seiner Hut, Vetter!«
Carlowitz drängte sein Pferd zurück und trabte zum Hoftor hinaus. Bald
hatte er die Landstraße erreicht, die hell beschienen wie eine gerade
Linie durch die Landschaft lief.
Da schnalzte er mit der Zunge; der Hengst prustete und spitzte die
Ohren. Jetzt drückte ihm der Reiter die Sporen in die Weichen. Das
junge Tier gewahrte die Zügelfreiheit und galoppierte an. Eine Sekunde
darauf flog Carlowitz wie eine spukhafte Erscheinung durch die stille
Nacht.
[Illustration]
[Illustration]
Vierundzwanzigstes Kapitel
Unter den sieben Eichen
Ein schöner Herbstmorgen brach an. Schon zu früher Stunde wurde es
in den Gassen lebendig. Von der Erregung vom Abend vorher war nichts
mehr zu spüren. Die Menschen trugen ernste, sorgenvolle Mienen, und
unwillkürlich dämpfte jeder die Stimme im Gespräch mit dem andern.
Die Menge wuchs. Heute dachte niemand daran, sein Tagewerk zu beginnen.
Unaufhörlich strömten die Neugierigen nach dem Markt, und das Gerüst
war von einem undurchdringlichen Menschenring eingeschlossen.
Da flog plötzlich von der Fronfeste her ein Gerücht durch die Menge.
Wer es vernahm, schreckte zusammen und glaubte ihm nicht, obwohl es
jedes Herz in neuer Hoffnung schlagen machte.
Ernst von Miltitz wäre gestern unter schwerer Gefahr für seine
Gesundheit nach Dresden zum Herzog geeilt. Im Schloß angekommen, sei
er infolge der Wagenfahrt sehr schwach gewesen. Endlich habe er sich
wieder erholt und den Herzog vor der Abreise noch am Wagenschlag
um Gnade für den Burgemeister gebeten. Herzog Heinrich hätte die
überraschende Bitte freundlich aufgenommen. Im Begriff, seinem
Geheimschreiber eine Milderung der Strafe zu diktieren, sei Caspar
von Carlowitz auf fast zusammenbrechendem Rosse herangesprengt. Auch
dieser habe um Gnade gefleht, und zwar für den Sohn des vor dem Herzog
stehenden Vaters, der für seinen Feind bat. Als Herzog Heinrich die
unüberlegte Tat des edelmütigen Jünglings vernommen, sei er ergriffen
gewesen. Und wie er seinen geschätzten Amtmann, ob des Ungeheuerlichen,
das sein Sohn gewagt, habe erbleichen sehen, da sei es rasch von seinem
Lippen gekommen: ›Volle Gnade für beide!‹
Vor wenigen Minuten hätte Caspar von Carlowitz dem Burgemeister die
Begnadigung verkündet.
Aus dem dichtgedrängten Haufen erscholl nicht ein einziger Ruf der
Freude. Man mußte erst Gewißheit haben, bevor man das gepreßte Herz
frei machte. Wie grausam wäre ein Irrtum gewesen.
»Auf, zur Fronfeste!« rief laut eine Stimme, und die Menge drängte
ungestüm durch die Jüdengasse nach dem Frauenmarkt.
* * * * *