Nun war Ritter Burkhard ein alter Mann, der mit der abgeklärten Ruhe

eines Philosophen auf den Augenblick wartete, der der letzte seines

bewegten Erdenlebens sein sollte. Denn bewegt war dieses wahrhaftig

gewesen. Schon als Fünfzehnjähriger hatte er sich als Landsknecht

verdungen und im Laufe der Jahrzehnte allen europäischen Herrschern

gedient. Warf eine wohlgelaunte Lebenswoge sein Schifflein hoch empor,

daß ihn ein Reichsgraf als Edelmann duzte oder ein leibhaftiger Herzog

ihn zu Tisch bat, so ertrug er dies mit der nämlichen vornehmen

Gelassenheit, mit der er andern Tags zusammen mit einem Bettelmann die

Suppe auslöffelte, oder es erlitt, wenn ein erzürnter Wirt ihn als

zahlungsunfähigen Zecher vor die Tür warf.

Der andere von beiden war eine ebenso interessante Erscheinung. Nicht

allzu groß, aber herkulisch gebaut. Todesverwegen und mit einer wahren

Löwennatur begnadet, war er der Schrecken der Schenken. Dem Wirt, der

ihm nichts auf Pump geben wollte, schlug er alles kurz und klein. Zwar

war es das Gesetz der Schenke, das Geld vorher auf den Tisch zu legen.

Bruder Antonius jedoch machte die alleinige Ausnahme.

So hieß er, weil er früher einmal Dominikanerpater gewesen war. Als

er die sieben Weihen auf sein Haupt bekommen, fühlte er, daß es an

der Zeit war, den in nebelhafte Ferne hinausgeschobenen himmlischen

Belohnungen die reellen irdischen Freuden vorzuziehen. Eines Morgens,

als in dem Kloster der gewohnte Ton des Mettenglöckleins durch den

Schlafsaal zitterte, worauf sich beim Ampelschein lautlose Gestalten

vom Lager erhoben, die alsdann kerzentragend paarweise durch den

Kreuzgang schritten und geistliche Lieder dazu sangen, -- als dieses

Erhebende sich wieder einmal zutrag, fehlte einer der frommen Mönche.

Das war Bruder Antonius, der nächtlicherweile die weiße Kutte voll

Ordnungssinn an den ragenden Nagel in seiner Zellentür gehangen

und danach in wenig anderer als paradiesischer Kleidung von der

Klostermauer hinabgesprungen war, -- irrtümlich auf die weltliche Seite.

Da kam in aller Herrgottsfrühe ein Bauersmann die Straße daher, der

auf seinem Hundekarren Butter und Eier zur Stadt fuhr. Bruder Antonius

hielt den Verdutzten an und bat ihn höflich um seine Gewandung. Er

hätte gewiß noch ein zweites Kleid daheim im Kasten, deshalb müsse er

mit ihm teilen. Solches fordere auch die Bibel, wie der Bauer, wenn er

Protestant sei, sich ja daheim sattsam überzeugen könne.

Der solchermaßen Überfallene gab sein Mißbehagen zu erkennen, worauf

Bruder Antonius ihm die Hand vorsichtig auf die Schulter legte. Ein

weniger behutsamer Griff hätte dem Landmann unnütz den Arm zerbrochen.

Da hüpfte der riesige Hund aus seinem Geschirr und machte Anstalt, sich

auf den Unbekleideten zu stürzen. Der fromme Antonius ergriff gelassen

einen mäßigen Feldstein und warf ihn dem Vierbeinigen vor den Bauch,

worauf sich dieser vor Bestürzung und aus andern Ursachen einige Male

sorgfältig überschlug.

Nun war der Bauer überzeugt, daß er der höflichen Bitte zu willfahren

hatte. Der ungewandte Mönch schlüpfte in die sündenvolle weltliche

Kleidung, dankte herzlich und empfahl sich für ein andermal. Als darauf

das Bäuerlein, beinahe barfuß bis zum Kinn, vor seinem Hunde stand,

wunderte sich dieser nicht wenig über das schnurrige Aussehen seines

Herrn.

Mit diesem Begebnis trat Bruder Antonius in die lasterhafte Welt ein,

die er bis jetzt von Berufs wegen viel geschmäht und deren Sündenlast

er fortan um ein Erkleckliches vermehren sollte.

»Vor kurzem trank ich das ölige, schwarze Bier der Erfurter, brr,«

sagte Ritter Burkhard. »Hierzulande braut man besser.«

»Weiß nicht, ob Ihr recht habt, Konfrater,« versetzte Bruder

Antonius; »mir ist's einerlei, wessen Bier ich trinke. -- Rülpse

nicht so anhaltend, Schwein!« rief er einem alten Landsknecht zu,

der die Gewohnheit hatte, jedem Gegenübersitzenden einmal über das

andere mit unfehlbarer Sicherheit dicht am rechten und linken Ohre

vorbeizuspucken.

Jedem andern wäre der Gescholtene, ein bärbeißiger Gesell, an die

Gurgel gefahren. Mit Bruder Antonius aber wollte er seit jenem Tage im

Bösen nichts zu tun haben, wo er gesehen, daß dieser einen baumlangen

Fuhrmann im Bogen durch das splitternde Fenster der Schenke hinaus zu

seinen Pferden warf.

»Heda, Wirt,« rief Bruder Antonius, »bring' mir heut Wein!«

Der Gerufene stellte sich schwerhörig und setzte einen Topf Bier auf

den Tisch.

»Daß dich der Donner und Hagel miteinander erschlage, alter Fuchs!«

schrie der ehemalige Mönch. »Was soll mir der Quark? Wein! Hörst du?«

»Rösselwein?«

»Der bangt um sein Geld,« rief Bruder Antonius belustigt und schlug auf

die klimpernde Tasche. »Hier ist genug. Bring' mir einen Krug roten

Traminer!«

»Hast wohl Geld, Bruderherz?« fragte der Ritter Burkhard, sehnsüchtig

mit dem funkelnden Wein liebäugelnd. Zugleich sann er darüber nach,

welchem Gaunerstreich der Mönch seinen Reichtum wohl verdanke.

Bruder Antonius lächelte. Der alte Ritter pflegte mit der Miene eines

vollendeten Grandseigneurs jedem das für Höherstehende bestimmte Ihr

zu gönnen. Konnte er aber damit etwas herausschlagen, so gebrauchte

er leutselig das Du. Und wenn ein zerlumpter Herumtreiber ihm einen

Kornschnaps zahlte, ertrug es seine Würde, wenn auch dieser ihn duzte.

»Bist gewiß wieder einmal abgebrannt, Gevattersmann,« versetzte

gutmütig der Mönch. »Wirt, gib dem Ritter Traminer!«

Die Augen des Alten funkelten, und er sog den Wein begierig über die

Zunge.

»Fällt mir gerade eine Geschichte ein,« warf er gut gelaunt hin,

»an die ich gestern dachte, als ich in der Stadt die hochgeladenen

Mistwagen sah. Denn die Meißner, das muß man ihnen lassen, halten ihre

Stadt sauber.

Kam ich da kürzlich von Speyer in Frankfurt an. Wie ich über den

Marktplatz schlendere, sehe ich auf der Erde eine Mütze liegen, eine

Mütze, wie sie der gemeine Mann nicht zu tragen pflegt. Ich bücke

mich und hebe sie auf. Da -- o Wunder! -- erkenne ich unter der Mütze

einen Schopf blonder Haare. Ich sehe näher hin -- und richtig! Wie

ich vermutete, gehörte zu dem Haarbüschel ein Kopf, der im Morast

steckte. Ich grabe rundherum auf, und mit meiner Hilfe gelingt es dem

Blondgeschopften auch glücklich, sich vollends herauszuarbeiten.

Der Maria sei Dank und gleichfalls Euch, sagt der gerettete Edelmann.

Ein Lumpenpack, das Stadtvolk! Seine Gassen so versäuen zu lassen. Doch

nun helft mir, wackerer Speergesell, mein Pferd ausgraben, das noch

darin steckt. Es ist mit mir zu gleicher Zeit versunken.«

Das war eine von den kleinen Geschichten, wie sie der alte Ritter bei

guter Laune zu erzählen pflegte. Denn sein adliges Herkommen -- wofür

er einen vollgültigen Beweis zwar nicht beibringen konnte -- legte ihm,

wie er behauptete, die Pflicht auf, die Städter gelegentlich ein wenig

zu hänseln.

Einige Zuhörer rümpften die Nase, die meisten lachten aber. Am ärgsten

Bruder Antonius, der als ehemaliger Kleriker von keiner Partei war. Er

wieherte, daß er sich krümmte.

»Beim heiligen Dominikus,« rief er, »der Spaß ist köstlich!«

Einen Tuchmachergesellen, der an diesem Morgen in Oschatz aufgebrochen

war, machte die Geschichte aber ärgerlich. Und da er nach Meißen

gewandert, um bei einem angesehenen Meister -- der vornehmsten Innung

der Stadt! -- in Lohn und Brot zu treten, fühlte er sich berufen, die

Sache der Städter wahrzunehmen.

Er wandte sich zu einem nebensitzenden Handwerksburschen und sagte laut:

»Du, wie heißt doch das gute, alte Bauernsprichwort? Ach, ich hab's:

Jungen Sperlingen und jungen Edelleuten soll man beizeiten die Köpfe

eindrücken.«

Im Nu fuhren die Landsknechte auf. Die Handwerksgesellen aber scharten

sich um den jungen Sprecher. Wilde Rufe wurden ausgestoßen, geballte

Fäuste flogen in die Luft, und es sah aus, als ob die Parteien in der

nächsten Sekunde im Handgemenge sein würden.

Da stieß Bruder Antonius wohlgelaunt und ohne jeglichen Kraftaufwand

mit dem Fuße nach dem nächststehenden Handwerksburschen, dessen

elastischen Körperteil unterhalb des Rückens leicht berührend. Der

Getroffene flog wie eine Kanonenkugel in das Gemenge, im Fallen die

drei Ergrimmtesten unter den Streitenden mit zu Boden reißend. Das

wirkte. Ebenso schnell, wie sich die Gemüter erhitzt, waren sie wieder

abgekühlt. Man setzte sich nieder, vergaß den Groll und sah vergnügt

und erstaunt einander an.

»Jugend ist stürmisch,« entschuldigte Bruder Antonius, zum Ritter

gewendet, mit komischem Ernst den Vorfall. »Man müßte jedem Zornigen,

bevor er den Weg zur Sünde beschreitet, eindringlich ins Gewissen

reden.«

Der Alte schmunzelte:

»Das würde bei ihm so viel wirken, als wenn man einem Krebs droht, man

wolle ihn ersäufen. Solches sagte schon meine alte Magd, die meinen

Sohn erzogen und beflohet hat.«

Da trat ein Spielmann in die Schenkstube, ein junger, hübscher Bursche

mit verhärmtem Gesicht und einer Fiedel auf dem Rücken.

»Wollt Ihr mein Bündel für eine Nacht beherbergen?« fragte er den Wirt.

»Jeder, der zahlt, bekommt bei mir sein Losament,« antwortete dieser.

Der Spielmann nickte.

»Heda, du junges Blut,« rief Bruder Antonius, »setze dich da her.«

Der Gerufene wagte nicht zu widersprechen und nahm am Tisch der beiden

Platz.

»Warst du nicht kürzlich in Nürnberg?« fragte der Mönch.

»Da habt Ihr recht! Ach, nun erkenn' ich Euch. Ihr habt mich nachts

von der Gasse aufgelesen, nachdem ich auf der Suche nach meinem

Lebensretter vor Erschöpfung zusammengebrochen war. Auf Euern Armen

trugt Ihr mich in eine Herberge und reichtet mir Speis' und Trank ...«

»Larifari,« unterbrach Bruder Antonius den sich mit Worten

Überstürzenden unwillig, »das war sicher ein anderer. Aber erzähle mir,

Bursch, wie es kam, daß du mit deiner Brotwinsel so schnell von dort

verschwandest?«

»Ohne Euch Lebewohl zu sagen. Gelt, das war schlecht von mir! Aber

hört, wie sich das zutrug. Der mutige Junker vertraute mir ein Ringlein

an, damit ich es nach Meißen zu seiner Herzallerliebsten brächte. Und

so kam es, daß ich über den einen den andern vergaß.«

»Und da kommst du erst heute mit dem Reif an?«

»Ach nein,« versetzte der Spielmann, »die Jungfrau hat längst ihren

Schmuck. Ich war unterdessen schon wieder in Leipzig und habe auf der

Messe zum Tanz aufgespielt. Aber ich weiß selbst nicht, warum ich

wieder hierher zurückgekehrt bin ...«

Der Bursche wurde rot und fing an zu stottern.

»Ich will dir's sagen, Knabe,« wandte sich Ritter Burkhard an ihn. »Du

bist verliebt! Das holde Kind mit dem Ringlein hat dir's angetan. Deine

blassen Wangen schreien es einem ja in die Ohren.«

Der Spielmann bekam einen puterroten Kopf und blinzelte mit den Augen

wie eine Zieselmaus.

»Jaja, -- der Schnaps und die verfluchte Liebe,« versetzte Bruder

Antonius trocken. »Wirtschaft, Traminer!«

Der Wirt flog.

»Hast du Hunger?« fragte der Mönch den Burschen, worauf dieser den Kopf

schüttelte.

»Dann trink',« versetzte er mit gekünsteltem Unwillen. »Ein

schmachtender Spielmann! Ich mag kein sauertöpfisches Gesicht sehen!«

»Ich auch nicht,« stimmte der Bursche bei und goß das erste Glas hinab.

»Gevattersmann,« rief Bruder Antonius dem Ritter Burkhard zu, »was habt

Ihr denn da für einen absonderlichen Ring am Finger?«

Der Alte hielt den Arm in die Höhe, daß es alle sehen konnten. Am

kleinen Finger der linken Hand steckte ein ganz schmaler, goldener

Reif.

»Wie oft habt Ihr den schon vertrunken und wieder eingelöst?«

erkundigte sich der Mönch.

»Noch nie,« versetzte der Ritter Burkhard stolz. »Er stammt von meiner

Schwester, die nun aber schon seit hundertdreißig Jahren tot ist.«

Der Alte hatte dies so ernsthaft gesagt, daß es eine Weile dauerte, bis

die Umsitzenden fühlten, wie er sie wieder foppen wollte. Der Mönch

lachte zuerst, er war natürlich der Schlaueste. Allmählich begriffen

auch die andern den Scherz.

»Der Ritter ist mit allen Salben geschmiert,« schrie Bruder Antonius

und lachte, daß die Wände zitterten.

»Meine Schwester,« so fuhr Ritter Burkhard mit unverwüstlicher Ruhe

fort, »erhielt von der Gemahlin Friedrichs des Streitbaren am Tage der

Gründung der Leipziger Universität ein Paar Ohrringe. Diese wurden nach

ihrem Tode zu Fingerringen erweitert. Der eine von ihnen ist dieser

Ring.«

Da lachte Bruder Antonius so ausgelassen, daß die Umsitzenden besorgt

waren, er möchte einen Schaden erleiden. Als alter Leipziger kannte er

das Gründungsjahr der Universität recht gut. Nachdem er sich endlich

beruhigt hatte, versetzte er:

»Nein, Gevattersmann, so verwegen wie Ihr schneidet keiner auf.«

»Es verhält sich aber doch so, wie ich sagte,« versicherte der Alte.

Jetzt wurde der Mönch unwillig. Der Ritter mußte doch wissen, daß er

wenigstens ihm solche Bären nicht aufbinden konnte.

»Es tut mir leid, Euch blamieren zu müssen,« sagte er ärgerlich, »aber

nun kann ich doch nicht anders. Die Gründung der Universität zu Leipzig

erfolgte nämlich im Jahre ...«

»1409,« fiel ihm der Alte ins Wort.

Der Mönch saß mit offenem Munde da.

»Da wißt Ihr's ja selbst, alter Ketzer!« schrie er. »Aber gesteht

doch nun die Unmöglichkeit zu, daß Eure Schwester an der Feier hat

teilnehmen können. Wir schreiben heute doch Anno 1539!«

»Ich schlage vor,« warf der junge Spielmann schüchtern ein, »wer

unrecht hat, zahlt einen Traminer.«

»Vortrefflich!« frohlockte der Mönch. »Den meinen auf den Tisch! Dem

Weißkopf soll das Wasser kannenweis aus den Mundwinkeln laufen, wenn

ich ihn allein trinke.«

Ritter Burkhard nahm die Wette an und legte -- mangels barer Münze --

als Pfand den strittigen Ring auf den Tisch.

»Merkt auf,« begann er. »Meine Schwester war Anno 1409 gerade sieben

Jahr alt, als sie der Markgräfin Blumen auf den Weg streuen durfte. Zur

Belohnung dafür empfing sie die Ringe. Unser gemeinsamer Vater zählte

damals siebenundzwanzig. Noch in demselben Jahre starb meine Schwester,

also vor 130 Jahren. Später starb auch die Gemahlin meines Vaters.

Lange blieb er unbeweibt. Da heiratete er mit 78 Jahren ein zweites Mal

und bekam trotz seines hohen Alters -- Anno 1460 -- noch einen Sohn.

Der bin ich. Heute zähle ich neunundsiebzig.«

Der Alte hatte langsam und überzeugend gesprochen. Jeder war verblüfft,

Bruder Antonius am meisten. Die Rechnung war richtig! Warum sollte ein

Greis von achtundsiebzig Jahren nicht noch einmal Vater werden? Derlei

hat es schon gegeben.

Noch war die Erstarrung von den Zuhörern nicht gewichen, als Ritter

Burkhard den Ring wieder sorgfältig an den Finger steckte. Dann griff

er mit Seelenruhe nach dem Krug, der vor dem Mönch stand, und goß den

blutroten Traminer schmunzelnd in sein Glas. Angesichts dieser Bewegung

wachte Bruder Antonius auf.

»Bei dem gütigen Augenstrahl des heiligen Benno, der Malefiz hat

recht,« seufzte er, um sodann mit Löwenstimme zu schreien:

»Sauf, daß dir das höllische Feuer in die Gurgel fahre!« Dazu lachte er

grimmig über sich selbst, denn er fühlte sich am meisten gefoppt.

»Wie war das doch damals, Bruder Antonius,« rief einer über alle Köpfe

hinweg, »als Ihr die große Trinkschlacht gewannt?«

Diese Aufforderung war nicht ohne Absicht geschehen. Der Rufende kannte

den Mönch seit langem und wußte, wie gern dieser von dem hitzigen

Zechgelage erzählte. Antonius kam die Frage gelegen.

»Ich war noch nicht einmal Laienbruder,« erzählte er, »und kasteite

mich wohl gerade auf das Ordensgelübde, als das Kloster den Besuch

eines hohen Prälaten erhielt. Diesen frommen Diener der Kirche

begleitete, wohin er auch ging, der Ruf, ein ganz gewaltiger Zecher zu

sein. Am Abend wurde mir als Novizen der Zutritt zum Refektorium nicht

erlaubt. Da kommt nach dem Nachtschmaus der Bruder Kellermeister, der

meinen Durst am besten kannte, atemlos zu mir in die Zelle. Hochwürden

sei in rosigster Laune und wünsche einen sattelfesten Bruder als

Zutrinker. Keiner der Brüder wage den Strauß; ich möchte den Ruf des

Klosters retten.

Von langem Besinnen bin ich nie gewesen, willige also bald ein, für

die frommen Mitbrüder Kämpe zu sein. Daß ich's kurz mache: einer nach

dem andern um mich herum sank langsam vom Stuhl. Unser gestrenger Abt

nickte mir als Letzter des Klosters noch einmal freundlich zu, dann sah

ich ihn an diesem Abend nicht mehr. Auch die Konventsherren schliefen

ein, und als allerletzter empfahl sich der hohe Herr, nachdem er noch

einen wahren Basiliskenblick auf mich Grünen geschossen hatte. -- Der

Bruder Kellermeister, der als Unparteiischer nicht mittrinken durfte,

sprach mir hierauf seine Hochachtung aus. Bei solchen hervorstechenden

Fähigkeiten, versicherte er, sei mir eine glänzende Laufbahn gewiß.

Dieser Tag,« so schloß Bruder Antonius, »ist der erhabenste meines

Lebens geblieben!«

Anhaltendes Gelächter, vermischt mit fröhlichen Zurufen, lohnte

dem Erzähler seine lustige Geschichte. Keiner unterließ, ihm seine

Anerkennung auszusprechen. Nur der junge Spielmann blieb stumm. Der

feurige Wein hatte seine Wangen getötet. Den Kopf in die Hand gestützt,

saß er am Tisch und sah sinnend zu Boden.

Da schnellte er plötzlich in die Höhe, sprang auf den Tisch und griff

nach der Geige.

»Ruhe,« rief es durcheinander, »der Fahrende will uns eins singen!«

Stillschweigen trat ein. Der Bursche stützte die Fiedel wie eine Laute

auf die Hüfte und zupfte die Saiten zu einem kleinen Vorspiel. Alsdann

sang er mit schäumendem Übermut:

»Es war einmal ein Kandidat,

Der ganz entsetzlich saufen tat,

Das hohe Konsistorium,

Ja selbst den Bischof soff er um!

Dem kam einst wie von ungefähr

Der Teufel stinkend in die Quer

Und fragt', ob er den Mut wohl hätte,

Zu zechen mit ihm um die Wette.

Da tranken sie drei Tag' und Nächt',

Als wären Karpfen sie und Hecht,

Bis endlich, dick- und vollgetrunken,

Der Satan untern Tisch gesunken.

Nun leert' der Schelm den Humpen aus

Und stammelt selig: Ei der Daus,

Wer mit dem Pfäfflein siegend stritt,

Der fürchtet auch den Teufel nit!«

Die Wirkung dieses Liedes war unbeschreiblich, denn der gutmütige

Mönch, so gewalttätig er zuweilen auch sein mochte, war allgemein mehr

beliebt als gefürchtet. Schon manch einer war Zeuge gewesen, wie er in

einer schwachen Stunde geheult hatte, wie ein Schloßhund. Ein ehrlicher

Jubel brach aus, daß die Schenkstubenwände erzitterten. Nur die

überlaute Stimme des Mönchs war herauszuhören. Wie unsinnig trommelte

er mit den Fäusten auf den Tisch und schrie in einem fort: »Traminer!

Traminer!« Und als er den Wirt zaudern sah, warf er einen vollen

Dukaten auf den Tisch und schrie dann noch ärger: »Tra -- mi -- ner!«

Im Nu standen sechs Krüge auf dem Tisch, und von allen Seiten griffen

Hände nach den Gläsern.

»Das Lied muß mit Fledermausblut auf Menschenhaut geschrieben und im

Gasthof zur Dürren Henne zum ewigen Andenken aufbewahrt werden,« schrie

einer zum Klang der Gläser.

»Hol mich dieser und jener!« rief Bruder Antonius, »das war das Beste,

was ich mein Lebtag gehört habe. Doch, wo ist der Bursch? Er soll einen

guten Rekompens haben!«

Alle sahen sich nach dem Spielmann um, aber keiner entdeckte ihn. Er

hatte den Tumult benutzt und sich hinausgestohlen.

»Laßt ihn laufen, er entgeht seiner Belohnung nicht,« versetzte der

Mönch. »Der verliebte Schäfer wird allein sein wollen. Die Holzweibchen

und der höllische Nachtjäger rüsten sich schon, durch den Wald zu

fahren; dazu will er ihnen aufspielen.«

[Illustration]

[Illustration]

Zwanzigstes Kapitel

Das Schönste, was ihr der Spielmann gesungen

Nachdem Sonnhild die schwerleidende Mirjam verlassen, hatte diese lange

Zeit still gelegen, die weitgeöffneten Augen nach der Decke gerichtet.

Ihr Atem ging immer schwächer. Aber der sonnige Glanz, der über das

ergebungsvolle Gesicht gebreitet war, hatte sich nicht vermindert.

Da schlugen mit einem Male schmeichelnde Töne an ihr Ohr. Mit

Anstrengung richtete sie sich auf und sah zwischen den Blumentöpfen auf

dem Fensterstock hinab. Drunten lehnte am Zaun ein junger Spielmann und

strich die Geige. Und als er sie bemerkte, sang er mit weicher Stimme:

»Das Menschenherz ist eng und klein,

Und wohnt ein großes Glück darein,

Dann klingt's.

Ist aber heimlich über Nacht

Ein schwerer Kummer drin erwacht,

Dann springt's.«

Mirjam lehnte sich gegen das Fenster, dessen einer Flügel geöffnet war,

und preßte die Stirn an die Scheibe, damit ihr kein Wort entgehe. Als

der Sänger geendet, wurde sie traurig, denn sein Lied war ihr zu Herzen

gegangen.

Freilich paßte der Schluß dieser schwermütigen Weise nicht auf sie; in

ihrer Brust frohlockte es.

Da hob der Spielmann von neuem den Bogen. Seine Augen schwammen in

Wehmutstränen. Und als wenn es gelte, sich allen Kummer vom Herzen zu

singen, stimmte er voll Inbrunst an:

»Wie schallte mein Lied einst aus jubelnder Brust,

Und wie süß klang die Geige den Ohren,

Da sah ich ein Mägdlein -- o himmlische Lust!

An sie hab' mein' Ruh' ich verloren.

Mein Auge ist trüb und das Herz, ach, so schwer,

Und die Wolken tief hangen hernieder,

Die Fiedel klingt schmeichelnd wie einstens nicht mehr,

Und vergessen sind all meine Lieder.

Nun wandre ich wieder hinaus in die Welt,

Das Kuhhorn zum Abschied tut blasen.

Was ist doch ein Spielmann, dem's Leben vergällt!

Ach, läg' ich doch schon unterm Rasen.«

In den Augen der Kranken perlten Tränen des Mitleids. Auch dieses Lied

war nicht für sie. Aber aus _seiner_ Seele heraus hatte es gesprochen.

So jung und schon so viel Weh! Vielleicht ward auch ihm heilsame

Tröstung.

Der Bursche wollte schon wieder wandern, als er noch einmal zum Fenster

hinaufsah. Da begegnete sein Blick dem mitleidvollen des Mädchens. Ihre

großen, strahlenden Augen erinnerten ihn unwillkürlich an ein anderes

Augenpaar, das unvergeßlich in seiner Erinnerung stand. Auf die weiße

Stirn der Schauenden und auf ihr schwarzes Haar hingen leuchtende

Fuchsienblüten herab.

Da griff der Spielmann noch einmal zur Geige, und der süßeste Wohllaut,

der in ihren Saiten schlummerte, klang zu dem Mädchen hinauf, als er

sang:

»Ein Mensch, den trog das Leben schwer,

Rief: Wenn es doch zu Ende wär',

Was andern ward zur Freude,

Das schlug mir aus zum Leide.

Der Herrgott hat gar feine Ohrn,

Drum ging der Notschrei nicht verlorn,

In seinem Allerbarmen

Ruft er zu sich den Armen.

Doch schüttet er in seinen Schoß

Vorher ein reiches Menschenlos,

Damit ihm von der Erden

Der Abschied schwer sollt' werden.

Der Arme wirft den Reichtum hin,

Nicht mehr nach Ird'schem stand sein Sinn,

Er faltet fromm die Hände

Und spricht, wie's geht zum Ende:

Hab' Dank, o lieber Vater mein,

Daß du verkürzest meine Pein.

Um deiner Himmelsfreuden

Will gern von hier ich scheiden!«

Als das Lied geendet, lehnte Mirjam regungslos am Fenster. Ihr

lebensmüdes Herz schlug noch einmal zum Zerspringen. Das war das

Schönste, was ihr der Spielmann gesungen!

Sie nahm eine der rotglühenden Rosen und warf sie dem Sänger hinab. Der

griff danach, um der großen, blauen Augen willen, und steckte die Rose

vorn in das Wams.

Jetzt sank Mirjam erschöpft auf das Bett zurück. Sie fühlte ihr

Herz beklemmt, schob die Bettdecke zurück und riß das Hemd auf. Die

abgezehrte, marmorweiße Brust, mit feinen, blauen Adern durchzogen,

ward sichtbar. Da nahm sie die dunkelrote Rose und legte sie an ihr

Herz. Draußen klang der Tritt der Mutter, und gleich darauf trat diese

in die Kammer.

* * * * *

Sonnhild hatte vergebens gehofft, von dem Ausrufer eine weitere

Besserung des Kranken aus Siebeneichen zu hören. Da auch während des

Nachmittags die Nachricht sich nicht veränderte, verließ das Mädchen

den Platz am Fenster und machte sich zu Mirjam auf.

Wie sie in das Torhaus trat, schien es Sonnhild, als ob ihr ein kalter

Hauch entgegenwehe. Vor der kleinen Tür blieb sie stehen und holte tief

Atem. Dann trat sie ein.

Mirjam lag mit gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken. Ihre

Brust war bloß; an ihrem Herzen lag eine rote Rose. Die Augen waren

geschlossen und die bleichen Lippen leicht geöffnet, als ob sie

flüstere. Himmlischer Frieden verschönte die Züge. Ihr reines Herz

hatte aufgehört zu schlagen.

Vor dem Bett kniete Mirjams Mutter. Sonnhild ließ sich neben ihr

nieder, legte die Stirn auf die Bettkante und betete. Der letzte der

drei Menschen, der sie liebte, war von ihr gegangen. Nun war sie

allein -- -- --

Als Sonnhild wieder aufstand, fühlte sie sich gestärkt. Noch einmal

betrachtete sie das friedliche Gesicht der Dulderin und berührte zum

letztenmal die durchsichtigen Hände. Mirjam hatte ausgekämpft! Wann

würde _ihr_ geängstigtes Herz Ruhe finden?

Alsdann ging sie. Mirjams Mutter folgte dem Mädchen.

Im Hausflur reichten sich beide Frauen wortlos die Hände. Keine von

ihnen vermochte die andere zu trösten.

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 12 / 15 段