Peter Sorgenfreis tiefer Baß. »Der packt fest zu. Wie weit ist denn die
Streitigkeit mit der Domgeistlichkeit, Burgemeister?«
»Dieselbe Verordnung des Herzogs, die uns die Einführung der
Lutherischen Lehre anbefiehlt, hat natürlich auch der Bischof erhalten.«
Anesorge krümmte sich vor Freude.
»Mein halbes Vermögen,« rief er, »hätte ich darangegeben, die
giftgrünen Pfaffengesichter zu sehen, als sie es erfuhren. Die
kugelrunden Domherren werden fauchend umeinander gesprungen sein wie
geprügelte Katzen.«
Lächelnd fuhr Waltklinger fort:
»Wenige Tage darauf bietet der Bischof dem Herzog an, er wolle Kirchen
und Schulen reformieren. Aber damit war Heinrich nicht einverstanden.
Vielmehr läßt er den geistlichen Herrn bescheiden, daß er die
Reformation selbst durchführen wolle, und zwar streng nach dem Sinn der
Augsburgischen Konfession.«
»Alles, was man vom Tun des Herzogs vernimmt, zeugt für seine Klugheit
und Tatkraft,« unterbrach Sorgenfrei.
»Und um das begonnene Werk zu fördern, erklärt Herzog Heinrich dem
Bischof gleichzeitig, daß er in den nächsten Tagen den Wittenberger
Theologen Jonas zu ihm schicken werde, nach dessen Anordnung zu handeln
sei.«
Niclas Anesorge sprang vom Stuhl auf und durchmaß stürmischen Schritts
die Stube.
»Ein Segen ist dieser Herzog für das Land!« rief er wiederholt, »sein
Andenken wird nie untergehen im sächsischen Volk!«
»Diese Haltung Herzog Heinrichs hat den Bischof natürlich aufs
höchste erbittert, und es hat an heftigen Vorstellungen in Dresden
nicht gefehlt. Dem Landesfürsten stehe es nicht zu, hat der Krummstab
geäußert, sich in die innern Angelegenheiten der katholischen Kirche zu
mischen. Der Fürsten Machtbereich erstrecke sich allein auf weltliche
Dinge.
Darauf hat der Herzog in kühlem Ton erwidert, die Angelegenheiten der
katholischen Kirche interessierten ihn gar wenig. Dafür bekümmere er
sich eifrig um die protestantische Lehre, zu der er sich bekenne, und
die nun auch fast alle seiner Untertanen angenommen hätten. Den Bischof
werde sein geistliches Hirtenamt nicht mehr drücken, da er fortan nur
noch verschwindend wenig Schäflein besitzen würde.«
Die beiden Ratsherren horchten mit Spannung auf des Burgemeisters
Erzählung. Dieser fuhr fort:
»Nun ist unlängst der angekündigte Prediger Jonas in aller Stille
angekommen und Rudolf von Rechenberg als weltlicher Rat ihm zur Seite.
Diese beiden sind vor den Bischof getreten und haben unter Berufung
auf die Verordnung des Landesfürsten von ihm die Abtretung des Doms
verlangt. Darüber ist der geistliche Herr etwas aus dem Häuschen
geraten, und er soll die herzoglichen Abgesandten wenig manierlich
angehaucht haben. Mit um so größerer Ruhe haben diese die Forderung
wiederholt und Gewaltmaßregeln in Aussicht gestellt. Der entrüstete
Bischof ist daraufhin so lebhaft geworden, daß alle Domherren
nacheinander herbeigelaufen sind. Und nun war das Gezeter natürlich
groß.
Der Dom ist kirchliches Eigentum, hat der Bischof einmal über das
andere gerufen. Nein, hat Rudolf von Rechenberg ruhig geantwortet, er
ist von den Spenden und Abgaben des Volkes erbauet worden und Eigentum
des Landes. Den kirchlichen Vertretern wurde er alsdann zur Benutzung
übergeben.
Wir werden das Gotteshaus nicht herausgeben, hat der zornige Priester
gewettert, auf daß es nicht entweihet werde.
In dem ehrwürdigen Bau, hat darauf Rechenberg erwidert, werde auch in
Zukunft dem allmächtigen Gott ebenso ergeben und inbrünstig gedient
werden, wie bisher. Und die göttliche Liebe und Gnade werde sich
auch über die neue Gemeinde ausgießen. Die Diener der katholischen
Kirche möchten nur ruhig das Gotteshaus verlassen und die felsenfeste
Überzeugung mitnehmen, daß der Dom für alle Zeiten eine geweihte Stätte
bleiben werde. Nicht Stein und Eisen stempelten den Bau zur Kirche,
sondern der lebendige Geist, den das göttliche Wort in den Seelen der
in ihm Versammelten erzeuget.«
Georg Waltklinger machte eine Pause.
»Ihr werdet nun wissen wollen,« begann er wieder, »woher ich dies alles
so gut kenne. Hört den Schluß meiner Erzählung, woraus hervorgehen
wird, daß bei der Ausführung der Herzoglichen Verordnung ich selbst
mitgewirkt habe.«
Die Zuhörer fuhren überrascht auf, versuchten aber nicht, den Fluß der
Rede mit unnützen Fragen aufzuhalten.
»Die beiden Abgesandten des Herzogs hatten dem Bischof die Frist von
dreimal vierundzwanzig Stunden gestellt. Nach Ablauf dieser Zeit
sollten alle Merkmale des katholischen Glaubens aus dem Dom entfernt
sein. Dies geschah nicht. Vernehmt nun, wie Herzog Heinrich seinem
landesherrlichen Ansehen Nachdruck verschafft.
Verwichene Nacht, es mochte gegen ein Uhr in der Frühe sein, tönt
der eiserne Klopfer an meinem Haustor sehr vernehmlich dreimal. Ich
verlasse das Bett, kleide mich rasch an und öffne. Ein Mann tritt in
den Flur. Beim Schein der flackernden Kerze erkenne ich Herrn Rudolf
von Rechenberg.
›Herr Burgemeister,‹ spricht dieser, ›ich ersuche Euch, mit mir zu
gehen. Auf herzogliche Weisung bedarf ich Eurer Zeugenschaft als
bestallter Vertreter der Stadt Meißen.‹
Ich werfe meinen Nachtmantel über, und wenige Minuten darauf schreiten
wir durch die Burggasse und die Stiegen hinauf nach dem Schloß. Kein
lebendes Wesen war zu sehen. Auf dem Domplatz begegnet uns ein Mann. --
›Herr Jonas, es kann beginnen‹, sagt Rudolf von Rechenberg.
Da sehe ich vor der offenen Dompforte eine Schar Leute, zehn oder
zwölf, und sechs bewaffnete Burgknechte, die den Eingang bewachen.
Nun treten wir in das Innere des Doms. Zunder flammt auf, und beim
Schein von Pechfackeln geht es vorwärts. Unsere Tritte hallen durch das
nächtliche Schweigen von den hohen Mauern zurück.
Wir stehen vor dem Altar. Herr Rudolf von Rechenberg läßt alles von
ihm entfernen, was an Sonderheiten der katholischen Lehre vorhanden.
Schweigend packen die Männer die Geräte in bereitgehaltene Körbe, --
Altardecke, Paramente, Monstranz, Glocken, Weihrauchkessel, Patenen,
Peristerium und das Aquamanile. Auch der Reliquienschrein wird entfernt
und noch mancherlei dazu.
Herr Jonas bezeichnet die Gegenstände, und Rechenberg befiehlt, sie
wegzuräumen.
Endlich ist scheinbar alles getan. Da ruft Herr Rudolf von Rechenberg
einige Männer zu sich, ihres Zeichens Steinmetzen, wie ich alsbald
erkennen sollte. Mit diesen begibt er sich zum Grabe des heiligen Benno
und weist die Leute an, es zu entfernen. Sie werfen ihre Kittel ab,
und nun hallen die Schläge von Hammer und Meißel durch die Stille, bis
der tote Bischof den Platz geräumt hat und sein Grabmal dem Erdboden
gleich gemacht ist. Die entfernten Steinbilder werden gleichfalls
sorgsam in Körbe verpackt.
Nun, Herr Jonas, hebt Rechenberg an, ist das Werk vollendet? Der
Wittenberger Theolog schaut sich lange um. Es ist getan, sagt er
endlich.
Da läßt Herr von Rechenberg die Körbe schließen. Tragt sie nach dem
Heinrichskloster hinab, befiehlt er den Männern. Diese heben ihre Last
auf und entfernen sich.
Darauf wendet er sich an mich. Herr Burgemeister, sagt er mit jener
Gelassenheit, die ihn auszeichnet, solchermaßen bewältigt man
rebellische Priester. Der Fürst muß immer Herr bleiben in seinem Lande.
Er dient allein dem Höchsten, nicht der Kirche. Diese ist ihm untertan.
Lasset alle wissen, was Ihr hier gesehen, und tut der Einwohnerschaft
kund, daß morgen abend neun Uhr der erste lutherische Gottesdienst im
Dom von unserem wackern Herrn Jonas abgehalten wird. Sobald heute die
Stunde schicklich, teilen wir diesen herzoglichen Willen dem Amtmann
mit.
Als ich das herrliche Gotteshaus verließ,« schloß Georg Waltklinger
seinen Bericht, »dämmerte im Osten fahles Frühlicht herauf, und auf dem
Schloßfirst jubelten die Schwarzdrosseln dem jungen Tag entgegen. Ich
aber sah und hörte nicht viel von alledem, so hatte mich das Erlebnis
ergriffen!«
Aber auch die beiden Ratmannen standen unter dem Bann des Erzählten.
»Wann willst du den Rat zusammenberufen, Burgemeister?« fragte Peter
Sorgenfrei.
»Für heute nachmittag vier Uhr. Der Ratsbote ist darum schon auf den
Beinen. Der Bürgerschaft soll es durch den Ausrufer verkündet werden.«
Niclas Anesorge frohlockte.
»Wie wird dem Siebeneichener die Galle schwellen, wenn er hört, daß
wieder einmal ohne seine Mitwirkung alles besorgt worden ist.«
»Und daß nicht er, sondern der Burgemeister zugezogen wurde,« setzte
Waltklinger lächelnd hinzu.
Peter Sorgenfrei blieb ernst.
»Burgemeister,« sagte er in seiner ganzen Bedächtigkeit, »meinst du
nicht, daß es an der Zeit wäre, den Amtmann durch ein paar freundliche
Worte wissen zu lassen, wie der Rat der Stadt Wert darauf legt, in
guten Beziehungen zu ihm zu stehen?«
Da fuhr der alte Anesorge auf:
»Freundliche Worte diesem Amtmann? Warum nicht gar!« rief er patzig.
Georg Waltklingers Stirn hatte sich gerunzelt.
»Wir sind Ernst von Miltitz keine Erklärung schuldig,« sagte er mit
verhaltenem Grimm. »_Er_ hat das gute Einvernehmen zwischen uns
gestört, nicht wir. Von _seiner_ Seite kamen die Angriffe.«
»Er befolgte Willen und Weisung seines Fürsten!«
»Mit Quälereien hat er uns zugesetzt, als er wußte, in welch tiefer
Sehnsucht sich die Bürgerschaft nach dem neuen Evangelium verzehrte.«
»Er schuldete seinem Herrn Gehorsam!«
Waltklinger lachte bitter auf. Wohl war er innerlich überzeugt, daß
Ernst von Miltitz als Beauftragter des Herzogs nicht anders hatte
handeln können. Aber sein Widerwillen gegen diesen Mann war so stark,
daß er ihm wissentlich unrecht tun konnte.
»Du meinst also, wie er zu uns kam und uns zu überreden versuchte, tat
er nur -- -- --«
»Seine Pflicht!« unterbrach Peter Sorgenfrei eisig. »Du selbst,
Burgemeister, und gerade du hättest nicht anders gehandelt. Ein
ungetreuer Knecht, der nicht den Willen seines Herrn erfüllte!«
Georg Waltklingers Erregung wuchs.
»Sorgenfrei,« sagte er kopfschüttelnd, »du befindest dich in einem
großen Irrtum. Wohl ist ein Amtmann seinem Fürsten zum Gehorsam
verpflichtet. Aber hinter allem, was Miltitz sprach und uns in
kirchlichen Dingen auferlegte, lauerte ein gut Teil persönlichen
Übelwollens. Weißt du nicht, daß der hochmütige Herr auf Siebeneichen
einer der schlimmsten Römlinge ist, die wir im Lande haben?«
»Recht hast du, Burgemeister,« eiferte Niclas Anesorge. »Dieser
Amtmann ist uns doppelt mißgünstig gesinnt. Einmal gehört er zu jenen
Vertretern des Adels, die die Bauern am liebsten vor den Pflug spannen
und uns Städtern einen strengen Zehnten auferlegen möchten, damit sie
im Nichtstun prassen können. Und das andere Mal ist er ein finsterer,
herzloser Hasser von allem, was lutherisch ist.«
Der reiche Fleischhauer warf dem Sprecher einen mißbilligenden Blick
zu.
»Dein weißes Haar, Anesorge, sollte dich endlich davon zurückhalten,
Abwesende zu verunglimpfen. Aus deinen Worten spricht persönlicher Haß
und kleinliche Gesinnung.«
»Hörst du's, Waltklinger?« fuhr der Gescholtene auf, »so spricht ein
Ratmanne der Stadt Meißen!«
Peter Sorgenfrei ließ sich nicht irremachen.
»Du zeigst dich gegen den Amtmann gereizt, Burgemeister,« fuhr er
fort. »Wir wollen unsere gute Zeit jetzt nicht daran verschwenden,
zu untersuchen, wie weit du dazu im Rechte bist. Aber das eine nimm
mir nicht krumm, Waltklinger: ich bin verwundert ob deiner Rede, der
Miltitz sei ein Römling. Solches plappert der Volksmund. Lassen wir den
Nachbetern ihr Geschwätz. Wir sind ernste Männer und sprechen nur das,
was wir wissen! Oder solltest du Beweise für deine Behauptung besitzen?
Dann will ich gern bekennen, daß ich im Unrecht bin.«
Der Burgemeister kämpfte mit einer leichten Verlegenheit. Hatte er
Beweise? Nein! Sorgenfrei war kein geübter Sprecher, und es machte
ihm sichtlich Mühe, längere Zeit zu reden. Aber was er sagte, war
durchdacht. Alles war kernig an ihm! Ein Mensch, auf dessen Wort man
wie auf einen Felsen bauen konnte.
Schnell gefaßt, versetzte Waltklinger:
»Hast du's ganz vergessen -- 's ist noch nicht lange her --, wie der
Amtmann unsere Ratsversammlung besuchte und uns überreden wollte, den
alten Glauben zu behalten? Da verriet sich sein schwarzes Herz doch
recht offenkundig!«
»Ich habe den Sinn seiner Worte getreu im Gedächtnis behalten,«
erwiderte Sorgenfrei. »Miltitz verglich den alten und den neuen
Glauben mit zwei Wegen, die zum ewigen Heil führten. Das ist eine Rede,
wie sie ein eingefleischter Papist nicht im Munde führt. Denn ein
solcher läßt das lutherische Wort nimmermehr gelten. Seien wir also
gerecht.«
Waltklinger fühlte sich in die Enge getrieben. Sorgenfreis
ungeschminkte Rede war nicht zu widerlegen. Da enthob ihn ein
eintretender Bote, der einen Brief brachte, der Verlegenheit, zu
antworten. Der Burgemeister öffnete und las die Schrift.
»Vom Amtmann,« sagte er. »Er fordert den Rat auf, übermorgen
zehn Uhr vormittag vor dem Heinrichskloster einzutreffen, um die
alte Streitigkeit zwischen dem Kloster und der Stadt wegen der
Kirchhofsgrenze zu schlichten.«
Niclas Anesorge spitzte die Lippen und pfiff laut.
»Nichts als ein Vorwand,« rief er. »Der alte Fuchs will uns wieder
einmal die Leviten lesen!«
»Glaub's schon, daß dem so ist,« stimmte Waltklinger zu. »In der
letzten Zeit ist es zu oft geschehen, daß sich die Landesregierung
unmittelbar an die Stadt gewendet hat, statt durch den Amtmann zu uns
zu sprechen. Darob ist er ergrimmt. Und weil er nach oben hin still
sein muß, hat er sich vorgenommen, dem Rat einmal seine ganze Macht zu
zeigen.«
Anesorge stimmte zu. Peter Sorgenfrei schwieg. Waltklinger empfand
dies als einen erneuten Widerspruch, der ihn stark verdroß, so sehr er
seinen Vertreter auch schätzte.
»Gevatter,« wandte er sich mit schlecht verhehltem Spott an Sorgenfrei,
»mir scheint, wir bemühen uns heute umsonst, deine Beistimmung zu
erhalten. Und doch verfechten wir nur die Sache der Bürgerschaft. Der
Herr Amtmann hat dir's angetan! Hm ... Vertreter einer der ältesten
Adelsfamilien des Landes, hohes Amt, sehr angesehen bei Hofe -- -- --
Rückgrat! Rückgrat!«
Peter Sorgenfrei richtete seinen gewaltigen Körper etwas höher auf,
wie ein gereizter Löwe tut, der es aber verschmäht, sich auf seinen
Angreifer zu stürzen. Doch das Zittern seiner tiefen Stimme verriet
den Zorn, der in ihm aufgestiegen war. Die Gutmütigkeit des reichen
Fleischhauers war in der Stadt sprichwörtlich. Um so mehr wirkte es
deshalb, wenn er zornig wurde.
»Ich kann es keinem erlauben,« sagte er endlich, »an meiner Gesinnung
als Vertreter der Bürger zu zweifeln. Alles, was ich für die Stadt
tue, habe ich daraufhin geprüft, ob es ihrem Wohle dient. So hab' ich
es gehalten von dem Tage ab, an dem ich mein Amt übernommen. Wenn die
Bürgerschaft mit Peter Sorgenfrei nicht mehr zufrieden ist, möge sie
sein Amt von ihm zurückfordern. Bis dahin aber übe ich es so aus, wie
in all den Tagen, wo ich mit gutem Gewissen Gott und den Menschen
Rechenschaft ablegen konnte.«
Der Hüne zwang sich bei dieser Rede zur Ruhe. Nur die mächtige Hand,
die auf dem Tische lag, zitterte. Jetzt verrauchte sein Zorn schon
wieder. Und in gemäßigterem Tone fuhr er fort:
»Dies alles ist dir genugsam bekannt, Waltklinger, wenn selbst du so
verletzende Worte gebrauchst, wie eben. Denn gerade du bist es, der
mich vor allen andern wohl am besten kennt. Aber ebensogut kenne ich
dich, dein Herz und deine Klugheit. Aber auch deine Schwächen! Und da
wir einmal bei dieser Aussprache sind, will ich auf halbem Wege nicht
stehenbleiben. Männer, die eine vierzigjährige Freundschaft verbindet,
dürfen ganz offen zueinander sprechen.
Bürger und Adel sind die Kinder _einer_ Mutter. Ihre Aufgaben sind in
vielen Dingen gemeinsame. Was läge näher als ihr Zusammenarbeiten zum
Wohle des Landes! Anstatt dieses zu tun, liegen sie seit Jahrhunderten
in erbittertem Streit und vergeuden damit gute Kräfte. Wir kennen die
Ursachen des Haders, der sich täglich erneuert. Gefehlt wird hüben
und drüben! Wem aber das Gedeihen der Heimaterde am Herzen liegt, der
sollte vom Streit ablassen und sich zum Frieden geneigt zeigen. Das
gilt für die Einsichtigen in beiden Lagern. Schon hört man unter den
Adligen Stimmen, die den Hochmut ihresgleichen uns Bürgern gegenüber
verurteilen. Wenn sich aber solche Freunde des Friedens uns nähern,
werden sie kalt zurückgewiesen. Das frommt dem Frieden nicht!«
Peter Sorgenfrei beugte sich weit vornüber.
»Georg,« sagte er eindringlich, »so mich nicht alle guten Geister
verlassen, dann werde ich recht behalten, wenn ich ausspreche: der
Siebeneichener ist einer von denen, die vermitteln möchten. Prüfen
wir uns einmal recht sorgfältig, ob in manchem Streit, den wir mit
ihm hatten, nicht die Ursache bei uns gelegen hat. Sein Regiment ist
straff, aber nicht hart, und seine Gerechtigkeit wird gerühmt. Zudem
sind die Widerwärtigkeiten des religiösen Zwistes beseitigt, die
auf dem Wege lagen, wie spitze Stiefel. Aber mehr als einmal habe
ich empfunden, daß er unser Vertrauen suchte. Und könnten wir uns
entschließen, ihm solches zu schenken, so wäre das der erste Schritt
zur Freundschaft!
Also: starker Bürgersinn und Bürgerstolz in Ehren! Aber trotzig wollen
wir nicht sein und einem guten Wort eine gute Statt einräumen. Wer uns
einen Schritt entgegenkommt, dem wollen wir's mit zweien danken. Das
dient dem Frieden, Georg, und fördert das Wohl der Bürgerschaft!«
Der reiche Fleischhauer erhob sich.
»Genug, Freunde,« sagte er, »zwischen uns besteht Klarheit. Laßt meine
Rede auf Euch wirken, sie ist gut gemeint.«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er beiden Männern die Hand
und ließ sie allein.
Die ruhigen Worte hatten auf die Zuhörer Eindruck gemacht. Als
Sorgenfrei sie verlassen, schwiegen sie eine Weile. Dann fragte Niclas
Anesorge etwas kleinlaut:
»Nun, Burgemeister, wie stellst du dich dazu?«
Waltklinger warf einen raschen Blick durch das Fenster, hinab auf den
Markt, wo der Ausrufer mit der Klingel gerade verkündete, was sich in
der verflossenen Nacht im Dom zugetragen hatte. Endlich versetzte er:
»Sorgenfrei ist ein Schönseher. Schon immer war er's. Nun er den
Glaubenshader glücklich beseitigt weiß, meint er, Bürger und Adel
brauchten sich nur in die Arme zu fallen. Ich wäre nicht abgeneigt,
Frieden zu schließen. Aber der Bürger möchte Kratzfüße machen und mit
krummem Rücken demütig bitten. So will es der Adel. Und so wird es
nicht! Um Freundschaft bitten, haben wir nicht nötig. Ist es den Herren
ehrlich daran gelegen, so mögen sie kommen. Hochmütig anschauen werden
wir sie nicht. Bis dahin aber Gott befohlen!«
Anesorge lächelte.
»Du redest gut, Burgemeister. Auf dich ist immer Verlaß. Bis jetzt war
das Pfaffengesindel der grimmigste Feind, nun ist es der Adel. -- Und
wie denkst du über den Amtmann?«
Waltklinger zog die Brauen zusammen.
»Dem trau' ich nicht! Er sollte bestrebt sein, unser Freund zu werden?
Nimmermehr! Ich halte ihn keiner warmen Regung fähig. Vielleicht
erleben wir es noch, daß sich mein Urteil als richtig erweist. Er ist
ein herzloser Mann, der nur auf seinen Vorteil denkt. Ich werde seinen
Hochmut mit Verächtlichkeit abtun.«
»Vortrefflich! Ganz ausgezeichnet!« frohlockte der alte Anesorge und
klopfte den Burgemeister auf die Schulter. »Bleib' so, Waltklinger, wir
alle werden dir beistehen!«
Danach trennten sich die Männer.
[Illustration]
[Illustration]
Fünfzehntes Kapitel
Die Sterne schweigen
Am Abend des nächsten Tages strömte das Volk zum Dom. Und es waren
ihrer weit mehr, die Eintritt begehrten, als der geräumige Bau fassen
konnte. Zur gleichen Stunde hatte die katholische Geistlichkeit für die
Anhänger des alten Glaubens einen Trutzgottesdienst in der Kirche des
Franziskanerklosters verkünden lassen.
Hier wurde der ganze kirchliche Glanz des Mittelalters, das höchste
Schaugepränge des katholischen Kultus entfaltet. Eine große Anzahl
Kerzen verbreitete in der Kirche strahlendes Licht, und starker
Weihrauchduft schlug den Eintretenden entgegen.
Der Hochaltar war rot bekleidet und mit schwersilbernen Leuchtern,
die dicke Wachskerzen trugen, aufs prächtigste geschmückt. Zu diesem
Hochamt hatten sich alle Priester Meißens und seiner Umgebung
versammelt. Selbst aus dem nahen Dresden waren sie herbeigekommen.
Der Propst war mit dem vollzähligen Domkapitel erschienen. Die
Domherren trugen Gewänder von kostbaren Stoffen mit Pelzwerk verbrämt
und mit reichgoldenen Stickereien.
Das Chor war angefüllt mit Vikaren und Großvikaren, Offizialen,
Diakonen und Subdiakonen, die hinter den Kanonikern standen. Den noch
freien Raum nahmen die Choralisten ein, die sich beim Betreten des
Chors nach Osten und Westen verneigten und die den beiden Prälaten,
Propst und Dekan, die schuldige Achtung durch Verbeugen erwiesen.
Zuletzt erschien unter einem Baldachin der Bischof in vollem Ornat,
geschmückt mit Mitra und Brustkreuz und den Krummstab in den Händen.
Zahlreiche Ministranten begleiteten ihn. Das Pontifikalamt begann, bei
dem der Bischof die Messe zelebrierte.
Unter den am Eingang stehenden Andächtigen befand sich ein Mann, der
mit sichtlicher Unrast seine Augen schweifen ließ und nicht viel von
der Weihung vernehmen mochte, die sich gerade vollzog. -- -- ~In nomine
Patris et Filii et Spiritus sancti. Amen~ -- -- -- -- Seine Sinne
arbeiteten angestrengt, ein Gedanke von höchster Bedeutung mußte ihn
erfüllen.
Wie im Traum vernahm er noch das ~Dominus vobiscum, Et cum spiritu tuo,
Oremus~. Dann versank er in tiefes Grübeln, aus dem ihn erst wieder
das ~Kyrie eleison~ merkte. Als aber das ~Gloria in excelsis~ ertönte,
hörte er nichts mehr. Nur beim Verklingen des Gesangs murmelten seine
Lippen: Amen.
Die Opferung wurde vollzogen, die Händewaschung -- ~Orate, fratres, ut
meum~ -- -- -- -- ~Per omnia saecula saeculorum~ -- -- --.
Das ~Sursum corda~ zitterte durch den Raum, die heilige Wandlung stand
bevor. Hier erwachte der Grübler für einen Augenblick, dann wurde sein
Geist wieder hinweggezogen. Da traf ein von Jugend auf wohlbekannter
Klang sein Ohr, der den Versunkenen in die Gegenwart hereinriß, --
das Tönen der Schelle der Ministranten. Ein Rauschen, und die ganze
Gemeinde fiel auf die Knie. Der heiligste Augenblick der Messe war
gekommen. Der Bischof erhob sich und zeigte die geweihte Hostie und den
Kelch dem Volke.
Während der nun folgenden Kommunion sah der Mann wieder teilnahmlos
auf die Schar der Andächtigen, bis der Priester das ~Te Deum laudamus~
anstimmte und die Gemeinde mit Inbrunst einfiel: Großer Gott, wir loben
dich!
Da verließ der Mann die Kirche und trat hinaus auf den Heinrichsplatz.
Seine Augen, von dem hellen Kerzenlicht geblendet, konnten die
Finsternis nicht durchdringen. Die Stadt war wie ausgestorben, kein
Mensch begegnete ihm.
In dem hohen Erker des Eckhauses an der Elbgasse brannte ein einsames
Licht. Vom Heinrichskloster her tönten die Klänge des Lobgesanges ihm
noch schwach hinterdrein. Sonst herrschte lautlose Stille.
In der Mitte des Marktes blieb der nächtliche Wanderer erschöpft
stehen, nahm den Hut vom Kopf und trocknete die feuchte Stirn.
Die Umrisse der hohen Giebel und Erker der Gebäude traten aus der
Dunkelheit schwach hervor. Rechts stand das ehrwürdige Rathaus,
zu seiner Linken ragte die wuchtige Fassade vom Wohnhause des
Burgemeisters hoch in die Luft.
Der einsame Mann sah zum bewölkten Himmel auf; ein einziger Stern
glänzte hell herab. Mit einer stummen Frage hingen seine Augen lange an
dem blinkenden Licht. Wenn ihm von oben herab Rat kommen möchte! --
Aber keine Stimme drang hernieder. Der leuchtende Stern zog seine ferne
Bahn still weiter.