»Haha, haha,« lachte ein junger Gesell. »Als unlängst der Teufel ein

paar Krippenreiter fortschaffen wollte, riß ihm in der Luft der Sack.

Da hat er den ganzen Plunder an der nächsten Ecke ausgeschüttet.«

Hier verlor einer der Gefoppten die Geduld und stürzte dem Lachenden

seinen frisch gefüllten Becher Lautertrank ins Gesicht. Aber der

Begossene lachte nur noch ärger. Da guckte der alte Landsknecht betrübt

in den leeren Becher, doch war es nun einmal geschehen.

Dicht daneben spielte der Stadtpfeifer mit seinen Gesellen auf. Der

grüne Wiesenplan war der Tanzplatz. Mit sicherem Griff packte der

Bursche sein Mädchen um die Hüfte und riß die vor Lust Kreischende im

Wirbel herum. Wange war an Wange gepreßt, und die Schweißperlen auf

ihren Stirnen flossen ineinander. So drehte man sich, so lange der Atem

reichte.

Heiahei und hei! Wie flog da Mantel, Rock und Gugelhut!

Unter den Festteilnehmern befand sich auch Sonnhild. Zwar wäre sie am

liebsten zu Hause geblieben, sich ihren Träumereien überlassend. Aber

die alte Hanne hatte zum Gehen gemahnt, da das Mädchen andernfalls den

Vater betrüben würde.

Einsilbig stand sie unter ihren Freundinnen und betrachtete mit

gezwungenem Lächeln die Lustbarkeiten. Das golden leuchtende Haar

war mit einem Schappel von kostbaren Bändern geschmückt, und das

enganschließende, weiße Kleid mit roter Schärpe und ebensolchen

Schleifen hob den jugendfrischen Eindruck ihrer zarten Gestalt. Aber

die rosigen Wangen waren bleich geworden, und die großen, traurigen

Augen gaben dem lieblichen Gesicht einen rührenden Ausdruck.

Ein Spielmann fesselte für kurze Zeit ihre Aufmerksamkeit. Er trug die

Fiedel samt Bogen an einem Bande auf dem Rücken und übte die Kunst des

Wahrsagens aus den Linien der Hand.

Seine Prophezeiungen wurden viel begehrt, besonders von den jungen

Mädchen. Mit heißen Wangen stellten sie die um einen Kreuzer erlaubten

drei Fragen, die fast immer den noch unbekannten Zukünftigen betrafen.

Wie alt er sei, wollten sie wissen, ob schön, blond oder braun, wie

gewachsen, welchen Zeichens sein Handwerk wäre, ob er ein guter Junge

sei, oder ob er gar tränke und später sein Weib prügele. Alles dies

interessierte.

Der Prophet war mundgewandt und verstand es, nicht zu viel des Guten,

aber auch nicht zu wenig zu sagen, fast immer aber die Wißbegierde der

jungen Dinger zu befriedigen.

Sonnhild war aufmerksam geworden und hörte eine Weile den Fragen und

Antworten zu. Sie verspürte den brennenden Wunsch, sich ebenfalls die

Zukunft entschleiern zu lassen. Schon hielt sie ihre Hand hin, als die

Scham das Begehren überwand und sie sich abkehrte.

Teilnahmlos ging sie durch die Menge, vor dieser und jener Darbietung

kurze Zeit stehen bleibend. So hatte sie allmählich das Ende des

Festplatzes erreicht, wo sich nur wenig Menschen befanden.

Hier blieb sie stehen und sah gedankenschwer einem Trupp weißer

Federwolken nach, die in dem blauen Luftmeer pfeilschnell hoch über

ihrem Haupte dahinzogen, nach Westen zu. Wenn sie mit ihnen ziehen

könnte! Nur einen Gruß möchte sie diesen flüchtigen Reisenden mitgeben

können, die des Raumes sieghaft spotteten.

Da vernahm sie, wie von hinterher jemand zu ihr sprach. Und als sie

sich umwandte, stand der Bursche vor ihr, der den Mädchen wahrgesagt

hatte.

»Mit Gunst, Herrin,« versetzte dieser, »möchtet nicht auch Ihr einem

armen Spielmann einen Zehrpfennig verdienen lassen?«

»Ich habe keine Fragen an Euch,« antwortete Sonnhild abweisend.

»Nun, so erlaubt, daß ich drei Fragen an Euch richte,« versetzte er

keck.

Sonnhild horchte auf. Der Ton seiner Worte machte sie stutzig. Verbarg

sich hinter ihnen etwas?

Sie betrachtete den Spielmann genauer. Er war ein hübscher, junger

Bursche mit freiem Blick und glänzendweißen Zähnen.

»Fragt immerhin,« erklärte sie, auf den Scherz eingehend; »ob ich Euch

aber antworten werde ...«

»Hoffentlich vermögt Ihr's,« fiel er ihr in die Rede. »Die erste Frage

also. Sie soll entscheiden, ob ich die zweite und dritte tue. Herrin,

wo träumt sich's besser, unter dreizehn Linden oder unter sieben

Eichen?«

Sonnhild war betroffen. Sie heftete den Blick durchdringend auf den

Spielmann, um in seinem Gesicht zu lesen. Der aber stand gleichgültig

vor ihr, und seine Züge offenbarten keinen seiner Gedanken.

»Unter sieben Eichen,« antwortete Sonnhild zögernd.

»Die zweite Frage: so der Ausgezogene seiner Herzallerliebsten ein

Gegenangebinde sendet, von derselben Art, wie er beim Abschied

empfangen, was müßte dieses dann sein?«

Sonnhild wurde dunkelrot. War es Zufall, was der Fremde sprach? Durfte

sie sich ihm anvertrauen? Sollte wirklich ...? Das Herz klopfte ihr zum

Zerspringen.

»Ein Ringlein,« sagte das Mädchen endlich mit gepreßter Stimme.

»Die dritte Frage! Und wie nennt Ihr jenen, von dem Ihr solches

empfangen möchtet?«

Sonnhild kämpfte mit einer großen Verwirrung. Sie schlug die Augen

nieder, und es währte eine Weile, bevor sie sich gesammelt hatte. Nach

einem tiefen Atemzug sah sie wieder auf; alles Blut war aus ihren

Wangen gewichen.

»Bernhard,« sagte sie kaum hörbar.

In des jungen Spielmanns Augen trat ein Leuchten.

»Dann seid Ihr die ehr- und tugendsame Jungfrau Sonnhild Waltklinger!«

rief der Landfremde freudig, »und ich habe recht geraten. Zweierlei

präge dir wohl ein, sagte der edle Junker zu mir: die Reinheit und

Bläue der Luft -- das sind ihre Augen, sowie das goldene Glänzen der

Sonne -- das ist ihr Haar. Und das Ganze ist mein Himmel, setzte er für

sich hinzu.«

Zugleich tastete der Bursche nach der dunkelroten Wollschärpe, die er

um den Leib gewunden trug, und deren goldgefranste Enden von der linken

Hüfte herabhingen. Aus ihren Falten zog er einen niedlichen Gegenstand,

sorgsam in weiches Papier eingeschlagen. Und als er die Hülle entfernt,

hielt er einen Ring zwischen zwei Fingern, den er Sonnhild verstohlen

reichte.

»Empfangt ihn, o Herrin; nun bin ich meines Auftrags ledig.«

Bebend griff das Mädchen nach dem teuern Liebeszeichen und barg es

rasch in dem Täschchen, das ihr an der Seite herabhing.

»Ja Nürnberg war es,« erklärte der Spielmann, »wo Junker von Miltitz

mich mit dieser Sendung betraute. Dort sollte sein Begleiter ein

kostbares Geschenk für den Kaiser einhandeln. Ihr wißt, o Herrin,

daß in dieser Stadt die weltberühmten Meister der deutschen

Goldschmiedekunst ihr edles Handwerk betreiben. Bei einem derselben

erstand er das Ringlein. Er war auf der Reise nach Worms; ich trug

meine Fiedel gegen Wien. Da ward mir der Auftrag. Sein Vertrauen ehrte

mich, und so wandte ich die Spitzen meiner Schuhe nach Sachsen.«

»Viel herzlichen Dank, wackerer Fremdling,« stammelte Sonnhild, »und

als äußeres Zeichen meiner Erkenntlichkeit für Euern guten Dienst nehmt

das.«

Während dieser Worte hatte das Mädchen von einem feingliedrigen,

goldenen Kettlein einen Florentiner Dukaten genestelt, den sie auf der

Brust trug.

»Nein, edle Jungfrau,« sagte er, mit der Hand wehrend und leise den

Kopf schüttelnd, »nicht also. Schon dem Junker habe ich die Annahme

einer Entlohnung verweigert. Denn er steht nicht in meiner Schuld, wohl

ich aber tief in der seinigen. Hört meinen raschen Bericht, wie das

gekommen.«

Und mit fliegenden Worten erzählte der Jüngling:

»Also zu Nürnberg war's, auf dem Marktplatz, just vor dem Schönen

Brunnen, wo ich gerade im Begriff bin, mit dem ersten Bogenstrich,

den ich in der Stadt tue, Zuhörer anzulocken. Ich war todmüde von

der Wanderung. Magen und Beutel waren leer. Da entsteht ein wüster

Tumult. Gedränge um mich herum und laute Rufe nach dem Dieb, der

einer vornehmen Frau, wie mich die ausgestoßenen Worte belehren, ein

zierliches ~Agnus Dei~ von Gold und blitzenden Steinen im Gewühl von

der Brust gerissen. Das Getümmel wächst lawinengleich. Da schreit eine

Stimme: Der Spielmann! Hundert Augen haschen nach mir, und im nächsten

Augenblick dringt die erregte Menge auf mich Ahnungslosen ein. Rohe

Fäuste fallen nieder und zerren mich nach allen Seiten. Der Landfahrer

war's, kein anderer! Schlagt ihn tot, zerreißt ihn, den Hund! Ich fühle

Grabesodem auf meinem Gesicht, und: Maria, du Gebenedeite! durchblitzt

es mein Hirn. Da haften meine Augen verzweiflungsvoll auf zwei anderen,

hoch über der Menge, die träumerisch blicken. Ich sehe, wie diese

Augen erwachen und meine Todesnöte erkennen. Viel schneller, als ich's

erzähle, drängt ein Reiter sein steigend Roß in das Getümmel, -- ein

schöner Jüngling, mit feinem und bleichem Antlitz.

›Vernunft, Leute!‹ ruft er, den Lärm übertönend. ›Die Bürger Nürnbergs,

meine ich, werden keinen ohne Urteil richten!‹ Aber die Wut der

Menge läßt den Einspruch abprallen. Schon dringt ein riesenhafter,

wild aussehender Gesell auf mich ein und greift mit beiden Fäusten

nach meinem Halse -- da saust ein blankes Schwert flach auf seinen

breiten Rücken nieder. Der Getroffene brüllt wie ein Hengst und wendet

sich gegen seinen Angreifer. Der aber hat den Degen schon wieder

emporgerissen und mit flammendem Antlitz und zornfunkelnden Augen beugt

er sich weit über den Hals des Pferdes.

Elender! ruft er, wagt es, diesem ein Leid zu tun!

Der Geschlagene fühlte seine Wut verrauchen; der herrische Zorn seines

Angreifers entwaffnete ihn. Auch die Menge war im Nu ernüchtert, ebenso

rasch, wie sie mich andernfalls zerrissen hätte. Und als nun noch

der Begleiter des Jünglings, ein älterer Edelmann, wie ich sogleich

erkannte, beruhigend einsprach, ließen sie von mir ab. Eine Sekunde

später war es um mich herum leer: die Wütenden waren zur Kirche unserer

lieben Frauen hinüber geeilt, wo man den Dieb im Besitze des Kleinods

erwischt hatte.

Daß ich's vollende,« schloß der Erzähler. »Der mutige Jüngling

wehrte meinen Dank, warf mir einen Goldgulden zu und sprengte seinem

voraufreitenden, arg bestaubten Begleiter nach. Aber ich lief bis zur

Nacht die Gassen ab, bis meine wegwunden Sohlen in den Schuhen in Blut

standen. Gerade vor der Herberge der beiden Herren sank ich nieder.

Am nächsten Tag trat ich vor meinen Retter und flehte um einen Dienst.

Da ward er mir; ich kam ihm gelegen. Und so bin ich hier.«

In Sonnhilds Brust war beim Zuhören mehr als einmal heller Jubel

erklungen. Ihr Busen wogte stürmisch auf und nieder. Das war der edle

Charakter und die Unerschrockenheit Bernhards! Sich zur Ruhe zwingend,

sprach sie:

»Möchtet Ihr, Fremdling, diese Gabe nicht doch als Andenken an mich mit

Euch nehmen?«

Die Augen des Jünglings ruhten versunken auf dem schönen Mädchen.

»Das Gold, das Ihr mir bietet,« sagte er traurig, »würde bei mir

keine bleibende Statt haben. Der Hunger ist der grimmigste Feind der

Fahrenden. Ich weiß, daß ich mich von Euerm Dukaten einstmals doch

trennen müßte, und das täte mir im Herzen weh! So Ihr meinen schlechten

Dienst aber reich lohnen möchtet, schenkt mir das blutrote Schleiflein

von Euerm Kleid, das Euch just am Herzen sitzet.«

Errötend lächelte Sonnhild und willfahrte der Bitte. Der Jüngling

empfing mit zitternder Hand das Geschenk und führte es andächtig an

seine Lippen. Dann sprach er leise:

»Er nannte Euch seinen Himmel! Ich begriff nicht, wie ein Liebender

so sprechen könne. Jetzt aber, wo ich Euch gesehen, das jähe Erröten

und Erbleichen Eurer Wangen beobachtet und Euern lauten Herzschlag

vernommen, als Ihr ihn nanntet, jetzt verstehe ich seine Worte. Ihr

zeigtet Euch gütig gegen mich und huldvoll und gewährtet mir dieses

Geschenk. Jungfrau -- das ist der beglückendste Lohn, der dem Spielmann

werden konnte!«

Mit diesen Worten wandte er sich rasch ab und verschwand in der Menge.

Sonnhild sah dem Davonschreitenden mit warmen Blicken nach. Und selbst

dann, als sie seine Gestalt in dem Gewühl nicht mehr unterscheiden

konnte, stand sie noch eine Weile traumverloren. Endlich erinnerte sie

sich des Ringleins und verließ mit schnellen Schritten den Festplatz.

Zu Hause angekommen begab sich Sonnhild heimlich in ihre Kammer und

verriegelte die Tür hinter sich. Dann lauschte sie atemlos. Ob die alte

Hanne ihr Kommen gehört hatte? Nichts regte sich. Alles blieb still,

als wäre das große Haus mit den vielen Stuben und dunkeln Winkeln

ausgestorben. Die Hanne saß gewiß strickend auf dem Lustgänglein in

ihrem bequemen Stuhl. Und die Mägde weilten noch auf dem Festplatze.

Jetzt trat Sonnhild zum Fenster und zog den Ring hervor, ein eben

nicht breiter goldener Reif und ein kleines Kunstwerk. Er stellte

eine Schlange dar, die sich in den Schwanz biß -- das Symbol der

ewigen Liebe. Der immer schwächer verlaufende Leib war mit kunstvoll

geschliffenen, überaus zierlichen Edelsteinen besetzt, die den

Schuppenpanzer der Schlange darstellen sollten. Der Kopf des Tieres war

abgeplattet, und die Augen bildeten zwei köstliche Rubinchen, von denen

purpurleuchtende Strahlen ausgingen.

Das Mädchen stand wie geblendet. Dieser wunderschöne Ring! Keiner der

ihrigen, soviel sie als vornehme Bürgerstochter deren auch besaß, glich

ihm an Schönheit. Und dazu kam er von dem Geliebten! Sein Auge hatte

auf ihm geruht und seine Hand ihn berührt. Im Überschwang ihrer Gefühle

preßte Sonnhild einen Kuß auf das köstliche Liebeszeichen, und in

ihren großen Augen schimmerten Freudentränen.

Dann entnahm sie einem aus Zedernholz gefertigten und mit

Perlmuttereinlagen kunstvoll verzierten Schmuckkasten, der bis zum

Rande mit Kostbarkeiten angefüllt war, eine dünne, goldene Kette und

zog sie durch den Ring. Hierauf betrachtete sie ihn noch lange mit

zärtlichen Augen, und es war dem Mädchen, als ob sie Zwiesprache mit

dem Ringe halten könne.

Er erzählte ihr, wie oft der ferne Geliebte ihrer gedenke, und daß er

zuweilen leise ihren Namen flüsterte. Und Bernhards feines, blasses

Antlitz stieg vor Sonnhilds Geist herauf. Sie sah es in edlem Zorn wie

mit Blut übergossen, als er hoch zu Roß, alle Gefahr verachtend, in

die wütendes Menge hineinsprengte, sein Leben für einen arg Bedrängten

aufs Spiel setzend. Denn wie leicht hätte sich die Leidenschaft des

Volkshaufens gegen ihn kehren können! Das Mädchen erschauerte.

Die Dämmerung stahl sich herein, und Sonnhild hörte, wie die Besucher

des Festplatzes in die Stadt zurückkehrten. Da hing sie das Kettlein um

den entblößten Hals und barg den Ring an ihrem Herzen. Denn sie mußte

ihn vor dem Auge des argwöhnenden Vaters verborgen halten.

Darauf kühlte sie die brennenden Augen und begab sich in das

Familienzimmer.

Nach beendeter Abendmahlzeit stand Georg Waltklinger auf, streichelte

Sonnhild liebevoll das Haar und drückte ihr den gewohnten Gutenachtkuß

auf die Stirn. Dann ging er nach dem Ratskeller. Denn der heutige Tag

war hoch bedeutsam, der denkwürdigste vielleicht, den das lebende

Geschlecht feiern durfte. Herzog Heinrich hatte ja dem Lande die

Reformation geschenkt!

* * * * *

Draußen war es dunkel und still geworden. Da überkam Sonnhild mit

einem Male eine tiefe Sehnsucht, den Platz aufzusuchen, wo sie von dem

Geliebten Abschied genommen.

Mit fliegender Hast eilte sie in ihre Kammer, schlang ein Tuch um

die Schultern und stahl sich aus dem Hause. Die köstliche Luft des

Sommerabends mit tiefen Zügen einatmend, schritt sie quer über den

Markt und die Burggasse hinauf.

Der Mond war in einer schmalen Sichel aufgegangen und beleuchtete die

Gassen hinreichend. Nur die im Schatten liegenden Häuserreihen waren in

tiefes Dunkel getaucht. Aus den Schenken schallte Lärm, und durch die

Fenster drang das Licht auf die Gasse. Sonnhild begegnete nur ein paar

verspätet Heimkehrenden. Wenn sie an ihnen vorüberging, zog sie das

Tuch sorgsam über das Gesicht.

So erreichte sie den Hohlweg. Als sie seine Steigung mit verlangsamten

Schritten zurücklegte, hallte ihr Tritt leise von den hohen Mauern

zurück. In diese schmale Schlucht fiel kein Lichtstrahl. Kaum

konnte das Auge in der pechschwarzen Finsternis das Nächstliegende

unterscheiden. Nichts regte sich; Kirchhofsstille. Sonnhild fühlte eine

leise Beklemmung. Aber der Gedanke an den Geliebten verlieh ihr Mut.

Da hatte sie den Ausgang des Hohlwegs erreicht, und nun schimmerte in

kurzer Entfernung vor ihr das matte Licht der Lampe des Torwarts vom

Lommatzscher Tor.

Schon wollte sich Sonnhild linksab wenden, um dem Wege zu folgen, der

am Afrakloster vorbei über den Domplatz zum Schlosse führte, als sie

plötzlich jäh stehen blieb. Zu ihrer Linken hatte sich von der hohen

Mauer ein Schatten gelöst, der durch die tiefe Dunkelheit unhörbar auf

sie zukam. Ein furchtbares Angstgefühl überfiel das Mädchen. Sie wollte

fliehen, aber ihre Glieder waren wie gelähmt.

Jetzt stand die Gestalt dicht vor ihr. Das Mondlicht fiel ihr voll ins

Gesicht. Sonnhild fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte: sie sah in ein

erschreckend bleiches Antlitz, aus dem ein Paar tiefliegender Augen sie

starr betrachteten. Blitzschnell erinnerte sie sich des Abschiedes von

Bernhard, bei dem diese Augen aus dem nahen Gebüsch heraus drohend auf

sie gerichtet waren.

Das unbekannte Mädchen zuckte zusammen. Es hatte seine Todfeindin

erkannt. Eine dämonische Freude schoß in das ausgezehrte Gesicht,

und in den großen Augen flackerte es auf. Da stieß Sonnhild einen

durchdringenden Schrei aus und lief davon, so schnell ihre Füße sie

trugen. Das Judenmädchen aber eilte ihr in wilder Jagd hinterdrein.

Das Gattertor zum Friedhof vor dem Sankt Afrakloster stand offen.

Sonnhild fuhr hinein und eilte zwischen den Gräbern hin, den Weg

verfehlend. Die herabhängenden Zweige der Trauerweiden peitschten ihr

Gesicht, und die Dornen der Rosenbüsche zerrissen ihre Kleider und

Hände. Aber nur vorwärts! Dicht hinter ihr keuchte die Verfolgerin.

Da hatte diese die Fliehende erreicht. Sonnhild fühlte, wie eine

abgemagerte, heiße Hand ihre Schulter umklammerte ... Noch einmal

verlieh ihr die Verzweiflung Riesenkräfte. Mit ein paar wilden Sätzen

gewann sie wieder einen kleinen Vorsprung, wobei ihr die umklammernde

Hand das Tuch von der Schulter riß.

Eine weit geöffnete Pforte gähnte der Geängstigten tiefschwarz

entgegen; -- hinein! Wie Schatten huschten die beiden Frauen durch den

langgestreckten Kreuzgang und zum hinteren Tor hinaus wieder ins Freie.

Von neuem ging die rasende Flucht die Gänge des Friedhofs entlang und

im Sprung über Grabhügel hinweg, durch das Gattertor auf die Straße

zum Hohlweg zurück. Mit unverminderter Geschwindigkeit flogen sie den

abschüssigen Weg hinab, in der pechschwarzen Finsternis nur durch die

tiefen Atemstöße die Gegenwart des andern erkennend.

Am Ende des Hohlwegs befand sich das Terminhaus der Freiberger

Dominikaner, das Stationshaus für den Bettelbezirk. Ein trübbrennendes

Lämpchen hing jetzt über der Tür.

Pfeilschnell schoß Sonnhild darauf zu. Aber ihre Kraft war erschöpft,

sie fühlte, daß sie nach wenigen Schritten zusammenbrechen mußte. Doch

das Schnaufen der Verfolgerin trieb sie weiter.

Da sah Sonnhild im Näherkommen, wie von der Burggasse her ein Weib auf

den schwachen Lichtkreis zuschritt. In der nächsten Sekunde war sie bei

ihr.

»Helft, Frau! Um Gottes willen, erbarmt Euch!« stieß die Todesmatte aus

und sank auf dem kleinen Platz nieder.

Verwundert blickte die Fremde auf das zusammengebrochene Mädchen. Da

flog eine zweite Gestalt atemlos heran und war im Begriff, sich auf

die Liegende zu stürzen, als das Weib dazwischentrat.

»Mirjam!«

Die Rasende prallte zurück.

»Mutter, hinweg!« zischte sie.

»Mirjam,« bat die Stimme.

»Hinweg, sage ich -- sie _darf_ nicht mehr leben ...«

Gleichzeitig stieß sie die Frau beiseite, und Sonnhild sah ihr

wutverzerrtes Gesicht und ihre glühenden Augen über sich gebeugt. Da

wurde das Mädchen weggezogen und die beiden Frauen rangen miteinander,

bis die Mutter die Schwachwerdende festhielt, ihren Mund zu deren Ohr

neigte und ihr leise ein paar Worte zuflüsterte.

Die Wirkung dieser Mitteilung war entsetzlich. Eine Sekunde lang stand

die Rasende unbeweglich. Dann warf sie die Hände über den Kopf und fiel

mit einem erschütternden Schmerzensschrei hintenüber.

Eine kurze Weile betrachtete die Mutter in bitterer Wehmut ihr Kind.

Dann hob sie die Ohnmächtige auf und verschwand mit ihr in der

Dunkelheit des Hohlwegs.

Halb betäubt raffte sich Sonnhild empor. Das von Wut entstellte Gesicht

wollte nicht vor ihren Augen verschwinden, und der durchdringende

Aufschrei gellte ihr noch in den Ohren gräßlich wider.

Endlich wandte sie sich um und kehrte erschöpft nach Hause zurück.

[Illustration]

[Illustration]

Vierzehntes Kapitel

Nächtlicher Besuch im Dom

Den Burgemeister Waltklinger nahmen in diesen Tagen seine Amtsgeschäfte

stark in Anspruch. Der Ruf seiner Tüchtigkeit als Stadtoberhaupt war

auch zum Herzog Heinrich gedrungen. Und obwohl dieser ihn nicht kannte,

schätzte er ihn. Denn es war wertvoll, gerade in Meißen, der Residenz

des Bischofs, jetzt einen energischen und zuverlässigen Burgemeister zu

wissen.

Zwar war der rechtmäßige Vertreter der Landesregierung der Amtmann. Und

an Ernst von Miltitz' treuer Pflichterfüllung und Anhänglichkeit an das

Herrscherhaus wurde nicht gezweifelt.

Ob nun aber die Regierung in Dresden es vorzog, sich an den

Burgemeister Waltklinger wegen seines großen Einflusses auf die

Bürgerschaft Meißens und wegen seines Eifers für die neue Lehre

unmittelbar zu wenden, oder ob sie das religiöse Empfinden des

katholischen Amtmanns schonen wollte -- genug, jedenfalls wurde in

diesen Tagen der Rat der Stadt mit der Ausführung von Herzoglichen

Verordnungen betraut, deren Vollziehung zu andern Zeiten dem Amtmann

zufiel.

Darüber herrschte unter den Ratmannen lebhafte Befriedigung, denn der

Vorzug, der ihrem Burgemeister solchergestalt wurde, schmeichelte

ihrem Stolz. Unter der Einwohnerschaft lief sogar das Gerücht herum,

Ernst von Miltitz sei beim Herzog in Ungnade gefallen, worüber manch

einer leise Schadenfreude empfand.

Obzwar die Stadt der Tüchtigkeit des Amtmanns manche Verbesserung

verdankte, wurde doch andrerseits sein straffes Regiment als lästig

empfunden. Zudem war er Katholik! Und gerade in diesen kriegerischen

Tagen, nachdem man so lange für das neue Evangelium gestritten und so

viele Demütigungen durch den fanatischen Klerus erlitten hatte, genügte

schon die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, um einem Mann die

Volksgunst zu entziehen.

Eines Vormittags erschienen im Hause des Burgemeisters zwei Ratmannen,

Peter Sorgenfrei, der reiche Fleischhauer, und der alte Niclas

Anesorge. Sie trafen ihn natürlich bei der Arbeit. Georg Waltklinger

legte die Arbeitsschürze ab und geleitete seinen Besuch nach einer der

Prunkstuben im ersten Stockwerk. Hier setzten sie sich an den runden

Tisch.

Das Temperament dieser beiden Ratmannen war grundverschieden. Niclas

Anesorge war der bekannte Brausekopf, der sich trotz seiner hohen Jahre

leicht zu Unüberlegtheiten hinreißen ließ. Der am Ausgang der Fünfziger

stehende Peter Sorgenfrei hingegen war bedächtig in Wort und Tat, aber

von einer zähen Ausdauer. Er besaß einen hünenhaften Körper, und seine

Bewegungen waren schwerfällig. Seine Familie galt als eine der ältesten

der Stadt.

Niclas Anesorge war in fröhlicher Stimmung. Schmunzelnd rieb er sich

die Hände, während er versetzte:

»Wer hätte noch vor wenigen Wochen gedacht, daß sich alles so glücklich

schickte! Herzog Heinrich, du bist mir der Liebste!«

»Ja, es hat sich wunderbar gefügt,« sagte Waltklinger.

»Am Tage, wo die Schwarzröcke zum Tor hinausziehen, soll aus dem

Löwenmaul des Marktbrunnens auf mein Geheiß Wein fließen,« erwiderte

Anesorge.

»Wie ihr wißt,« begann Waltklinger, »haben wir alljährlich gegen

Bezahlung aus der Herzoglichen Hofkasse an das Kloster zum heiligen

Kreuz meißnisches Tuch und schwäbische Schleier geliefert. Nun hat in

diesem Jahr die Äbtissin Christina von Lüttichau für jede Nonne einen

Leidener Rock und einen lundischen Mantel bei der Hofhaltung in Dresden

angefordert.

Was tut da der Herzog? Heute früh erhalte ich ein Schreiben, wonach die

alljährliche Lieferung an das Kloster unterbleiben soll. Die frommen

Schwestern aber hat er streng angewiesen, das Ordensgewand abzulegen

und weltliche Kleider zu tragen.«

Niclas Anesorge lachte ins Fäustchen.

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 8 / 15 段