Jetzt ruhten die Blicke des Mannes versonnen auf dem Brunnen. Die

steinernen Figuren standen steif auf ihren Sockeln. Ab und zu schien

es, als ob sie die Gesichter einander zuwendeten und leise flüsterten.

Der Löwe über ihren Häuptern betrachtete aufmerksam den runden Strahl,

der ihm aus dem Maule floß, und es sah aus, als wenn er die Ohren

spitzte und aufmerksam den murmelnden Klängen des alten Brunnenliedes

lauschte, das seine Wasser sangen.

Noch einmal schlug der Einsame die Augen aufwärts. Sein Atem ging

schwer. Da teilte sich plötzlich eine Nebelwolke, und zwei weitere

Sterne wurden sichtbar. Die Blicke des Schauenden hingen wie gebannt an

dieser Erscheinung, und sein Herz schlug laut. Sollte das Hervortreten

der flimmernden Himmelslichter für ihn bedeutungsvoll sein? Wies das

glänzende Dreigestirn nicht nach dem Dom? Der Mann erschauerte.

Noch eine kurze Weile hingen seine Augen an den Sternen. Dann riß er

sich von dem Anblick los und ging mit schnellen Schritten die Burggasse

hinauf.

Am Fuße der Domstufen brannte am Terminhause der Dominikaner wie

allnächtlich das Lämpchen und leuchtete ihm ein Stück. Endlich stand

er vor dem Dom, durch dessen bunte Fenster das Licht fiel und auf das

Steinpflaster scharf geschnittene Rechtecke zeichnete.

Die Besucher des Gotteshauses standen eng aneinander gedrängt bis

zu der offenen Tür. Jeder hatte an dem ersten protestantischen

Gottesdienst im Dom teilnehmen wollen. Der Unbekannte stellte sich

auf die steinerne Schwelle und sah hinein. Auch hier strahlte heller

Lichterglanz bis in die fernsten Winkel des Kirchenschiffs.

Auf der Kanzel stand in schwarzem Talar mit weißen Beffchen die

ehrfurchtgebietende Gestalt des greisen Predigers Jonas, der mit

markigen Worten zu der Gemeinde sprach. Seine Augen leuchteten in

heller Begeisterung, und das faltenreiche Gesicht war von einer

jugendlichen Röte überzogen.

Die Rede des trefflichen Greises drang den Zuhörern zum Herzen. Wie

gebannt hingen ihre Blicke an seinem Munde. Auch der Unbekannte

lauschte den zündenden Worten.

Der weise Religionsdiener hatte als Stoff seiner Predigt das Herz

der christlichen Lehre gewählt, jenes Kapitel, das wie kein anderes

geeignet ist, das menschliche Empfinden wachzurufen. Er sang das

unvergängliche Hohe Lied der Liebe! Jetzt sprach er von der Liebe zum

Nächsten. Mit eindringlichen Worten ermahnte er seine protestantischen

Zuhörer, es den katholischen Mitbrüdern nicht zu entgelten, wenn sie

an ihrem alten Glauben festhielten, und keiner solle meinen, daß sein

Glaube der wahre und nur allein gottgefällige sei. Hier müsse das

Herz entscheiden. Das Irren sei der menschlichen Natur als Stempel

aufgedrückt. Man dürfe nicht hoffärtig auf seiner Überzeugung beharren,

-- Demut und felsenfester Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der

Himmel seien der köstlichste Schmuck eines wahren Christen.

Mit diesen Worten schloß Herr Jonas die erste protestantische Predigt

im Dom zu Meißen.

Jetzt erklang die Orgel. Zuerst spielte sie ein leises Präludium.

Durch die Fülle der Töne zog sich eine gedämpfte Melodie, die nur leise

anklang und gerade dann wieder entschwand, wenn die Zuhörer sie zu

erkennen meinten. Ihr Wohllaut entzückte jedes Ohr.

Da riß das Vorspiel plötzlich ab. Eine Sekunde lang herrschte tiefe

Stille. Dann setzte die Orgel mit voller Kraft ein. Die machtvollen

Töne brausten durch den Dom bis in den entferntesten Winkel, schlugen

hinauf zu dem großen Erlöserkreuz an der Decke und brachen sich an

den hohen Säulen, daß diese erzitterten. Nun stimmte die Gemeinde mit

vielhundert Kehlen in hoher Begeisterung den Gesang an. Es war jenes

Lied, das in den damaligen Tagen in aller Mund war, und das die Mutter

ihrem Kindlein als Wiegenlied sang -- das Lied, das der mannhafte

Doktor Martin Luther seinen Anhängern als Trutzlied beschert:

»Ein' feste Burg ist unser Gott,

Ein' gute Wehr und Waffen!«

Der Unbekannte war der Predigt mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt

aber, als er den brausenden Gesang vernahm und die hohe Begeisterung

der Andächtigen von ihren Gesichtern las, fühlte er sich tief ergriffen.

Er verließ seinen Platz und ging sinnend vor dem Gotteshaus auf und ab.

Was vorhin im Heinrichskloster und jetzt hier im Dom die Seelen

der Menschen im Bann gehalten, waren der Geist und die weihevollen

Ausdrucksformen der beiden Hauptzweige der christlichen Kirche, die

sich wie zwei Weltanschauungen schroff gegenüberstanden. Beiden wohnte

die Kraft inne, das menschliche Herz vom Irdischen loszulösen und

in unstillbarer Sehnsucht nach dem unerforschlichen Ewigen lauter

schlagen zu lassen; -- und doch gähnte zwischen ihnen ein tiefer

Abgrund!

Dem Sinnenden ward offenbar, daß er einen schwankenden Steg von Fels zu

Fels geschlagen hatte, auf dessen Mitte er jetzt unschlüssig stand.

Da hörte er Schritte. Und um sich neugierigen Blicken zu entziehen,

ging er hinüber nach der Schotterei und verbarg sich im Dunkel.

Der Gesang war zu Ende, und die Besucher verließen den Dom. Noch

durchdrungen von der Weihe, gingen sie in Gruppen schweigsam der

Stadt zu. Nach kurzer Zeit war das Gotteshaus leer, und die Lichter

verlöschten. Da verließ der Unbekannte seinen Platz und näherte sich

der offengebliebenen Tür.

In der Kirche waren nur noch zwei Personen, der Domdiener, der bei

dem matten Schein der auf dem Altar brennenden zwei Kerzen die

Abendmahlgefäße ordnete, und der Prediger Jonas, der mit der Bibel

unter dem Arm eben auf den Ausgang zuschritt. Da bemerkte der Greis an

der Türschwelle einen Menschen. Er näherte sich ihm und betrachtete ihn

bei dem herrschenden Halbdunkel forschend. Das Gesicht war Herrn Jonas

bekannt; erst gestern hatte er diesem Mann gegenübergestanden.

»Ihr hier, -- Herr Amtmann?« fragte er höchlichst erstaunt.

Ernst von Miltitz trat dicht an den Prediger heran und antwortete:

»Ehrwürdiger, ich bitte Euch, kehrt noch einmal um und ... reicht mir

das Abendmahl in beiderlei Gestalt!«

[Illustration]

[Illustration]

Sechzehntes Kapitel

Wider die Brüder des heiligen Franziskus

Am nächsten Morgen hatten sich der Burgemeister und die Ratmannen zu

der vom Amtmann anberaumten Stunde auf dem Heinrichsplatz eingefunden.

Die Ursache des Zusammenkommens war eine langjährige Streitigkeit.

Während der Abt der Franziskaner behauptete, nach alten Abmachungen

dürfe die niedrige Mauer des Friedhofs um zwei Ellen in den Frauenmarkt

hineingerückt werden, machte die Stadt geltend, die Verbreiterung

des Kirchhofes wäre früher wohl einmal erwogen worden, doch seien

die Verhandlungen hierüber auf halbem Wege steckengeblieben. Die

Klosterverwaltung hätte ihre Gegenentschädigung so verklausuliert,

daß der Rat die Sache habe fallen lassen. Jetzt vorgebrachte

Zeichnungen seien Entwürfe, wie es damals geplant war. Zum Abschluß der

Unterhandlungen wäre es jedoch nicht gekommen.

Unter den Versammelten herrschte das Vorgefühl von Siegesbewußtsein.

Zwar hatte das Kloster erhebliche Anstrengungen gemacht, die

Rechtmäßigkeit seiner Forderung zu beweisen. Aber die Urkunde über den

Abschluß beizubringen, war den Kuttenträgern nicht gelungen. Und der

bestimmte Ton ihres Begehrens hatte die Stadtväter arg verschnupft.

Freundlichen Bitten hätte man wohl das Ohr geliehen. So aber blieb der

Rat kühl und bestand auf Vorweisung des Dokuments.

»Gebt wohl acht, Freunde, wie sich der Amtmann gebärden wird,« rief

Niclas Anesorge den Ratmannen zu. »Der ist bekanntlich gut Freund mit

dem Kloster. Freilich, -- die Schwarzen halten zusammen.«

»Meinst du, daß Miltitz seinen Freunden zuliebe Recht bräche?« warf

Siegmund Badehorn, der Becherer, ein.

Der in diesen Worten klingende leise Spott ernüchterte den alten

Anesorge ein wenig. Er lachte verlegen auf und erwiderte:

»Na, Gevatter, du weißt ja, Wachs ist biegsam. Es kommt darauf an, wie

man's knetet.«

»Und wer es in Händen hat,« brummte Peter Sorgenfrei.

Der verbissene Streitkopf ward ärgerlich.

»Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus!« rief er.

»So ist es, Anesorge hat recht,« bestärkten Claus Haßbecher und

Christoph Pfluger wie aus einem Munde.

»Als ob wir nicht schon Beweise genug dafür hätten, wie's gemacht wird,

damit uns die Bäume nicht in den Himmel wachsen,« bestätigte Heinrich

Faust.

»Wenn die katholische Kirche sich mit der Stadt um etwas streitet, hat

diese von Rechts wegen unrecht,« erklärte Valentin Heide lachend.

Hans Mortitz, der Gewürzzehntner, nickte beifällig.

»An den Fingern könnte man die Fälle herzählen, wo es so eintrat,«

meinte er.

Der Burgemeister vernahm diese Stimmen nicht ungern.

»Daß das Kloster sich der hohen Protektion des Siebeneichener Herrn

erfreut, wissen wir,« sagte er trocken. »Wie sie es aber hier drehen

und wenden werden, darauf bin ich neugierig. Stadtschreiber, habt Ihr

die alten Verhandlungen vollzählig bei Euch?«

»Hier sind sie,« versicherte Valentin Schein.

Da wurde die Unterhaltung gestört. Der Prior, angetan mit grauer

Kutte, trat aus dem Kloster und kam mit bedächtigen Schritten heran.

Ihm folgte der Lektor mit einer großen Papierrolle in der Hand. Die

Parteien begrüßten sich frostig, wurden aber jeder weiteren Verhandlung

enthoben, denn über den Frauenmarkt kam soeben ein kleiner Trupp

Berittener, mit dem Amtmann an der Spitze. Seine Begleiter waren Hans

von Minkwitz, der stellvertretende Schloßhauptmann, und Anton von

Schönberg. Vier Burgknechte mit Hellebarden auf den Schultern gingen

hinterher.

Ernst von Miltitz war anscheinend gut aufgelegt. Er erwiderte den Gruß

nach allen Seiten und ritt mitten unter die Versammelten, während sich

seine Begleiter als Unbeteiligte ein Stück seitwärts hielten.

»Ein dringliches Geschäft ruft mich auf die Burg,« versetzte er,

»unsere Sache wird ja nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Herr Prior,

Ihr seid der Fordernde, bringt vor, was Ihr zu sagen habt.«

Der Angesprochene, ein alter Mönch mit gebeugtem Kopf und rundem

Rücken, versetzte:

»Der Streit währet nun schon viele Jahre, und es wäre wohlgetan, ihn zu

beendigen. Das Kloster verlangt die Hinausschiebung der Friedhofsmauer

um zwei Ellen. Zur Abtretung des Streifens Land hat sich die

Stadtverwaltung bereits verpflichtet ...«

»Verpflichtet?« fiel hier der Burgemeister erregt ein.

»Laßt der Rede ohne Unterbrechung Lauf,« begütigte der Amtmann und sah

von neuem auf den greisen Prior.

»Verpflichtet, sage ich,« sprach dieser weiter. »Wie anders würden wir

das als Forderung bezeichnen, um was wir sonst nachsuchen müßten.«

»Nun, Herr Burgemeister,« versetzte Ernst von Miltitz, »was habt Ihr

hiergegen vorzubringen?«

Georg Waltklinger war heute morgen ziemlich unwirsch erwacht. Das

Bewußtsein, mit dem Amtmann verhandeln zu müssen, hatte seinen

Nachtschlaf beeinträchtigt. Dazu reizte ihn der Streit mit dem Kloster.

Und was bedeutete die befremdende Freundlichkeit des Amtmanns? Dahinter

mußte etwas stecken! Der sonst besonnene Mann empfand Argwohn und

Unruhe, und sein heißes Temperament rang heimlich mit der kühlen

Beherrschung.

»Schon unter meinem Amtsvorgänger,« erwiderte er, sich zur Ruhe

zwingend, »hat das Kloster sein Ersuchen an die Stadt gerichtet. Die

Erfüllung scheiterte trotz aller Geneigtheit des Rats an der fehlenden

Bereitwilligkeit zu Gegenleistungen. Zu einem Abschluß ist es nicht

gekommen.«

Der Amtmann wandte sich wieder an den Prior.

»Ich selbst bin es gewesen,« versetzte dieser, »der damals, es mögen an

die zwanzig Jahre verstrichen sein, die Unterhandlungen des Klosters

als Lektor führte.«

»Unterhandlungen!« rief der Burgemeister, »aber kein Abschluß. Es ist

nichts verbrieft und nichts besiegelt.«

»Vielleicht sind die Parteien geneigt, sich zu vergleichen,« riet der

Amtmann.

»Wir wären gern einverstanden,« versetzte der Prior, »dem Schaden

muß doch abgeholfen werden, bevor er unheilbar ist. Der Friedhof ist

des Klosters und dient den frommen Brüdern als letzte Ruhestätte.

So die Stadt unsere Forderung bewilligte -- auch ihr mangelt es an

Begräbnisplätzen --, wären wir erbötig, den Bürgern einen Teil des

Gewonnenen einzuräumen. Das ist mein Vorschlag.«

Ernst von Miltitz wandte sich an Waltklinger.

»Wie denkt Ihr darüber? Mir will das Anerbieten günstig erscheinen.«

Die Ratmannen verhielten sich still und sahen auf ihren Burgemeister.

Nur vereinzelt tönten aus ihrer Mitte Zeichen des Beifalls.

In Waltklinger begehrte der Eigensinn auf. Amtmann und Prior waren

ihm beide verhaßt. Warum auch sich vergleichen! Lieber diesen ohnehin

geringen Gewinn der Stadt entgehen lassen. Sie würden hinterher ja doch

nur triumphieren, dem Rat einen Vorteil abgelistet zu haben. Für diesen

Spott von Kirche und Adel war der Bürger zu gut!

»Herr Amtmann,« erklärte er schroff, »die Stadt beabsichtigt nicht, auf

einen Vergleich einzugehen. Der angebotene Raum hülfe unserm Bedürfnis

nicht ab, da er viel zu klein wäre. Der Rat erwägt überdies die Anlage

eines größeren Friedhofes vor dem Jüdentor.«

Diese wenig verbindliche Rede verdroß den Amtmann etwas.

Aber Ernst von Miltitz war heute in gehobener Stimmung, so daß er dem

Sprecher die Unfreundlichkeit nicht nachtrug.

»Das Angebot ist abgewiesen, Herr Prior,« sagte er bedauernd.

Der Greis schüttelte den Kopf, als wenn er diese Hartnäckigkeit nicht

verstünde.

»Wohllöblicher Rat,« hob er in väterlichem Ton an, »glaubt es mir altem

Mann, wenn ich versichere, daß die Stadt die Verpflichtung hat, die

Forderung zu erfüllen.«

»Euer graues Haar in Ehren,« antwortete Georg Waltklinger frostig,

»aber es ist nicht üblich, mit mündlichen Versicherungen zweifelhafte

Abmachungen als geschehen darzustellen. Beweist es!« --

Ernst von Miltitz machte eine Handbewegung, die die Richtigkeit dieser

Worte bestärkte.

»Herr Prior, wie Ihr wißt, -- ohne Beweis kein Urteil.«

Da wandte sich der ehrwürdige Greis um und griff nach dem Pergament,

das der Lektor ihm reichte. Die vergilbte Urkunde ausrollend, sprach er:

»Vor wenigen Wochen haben wir diesen Zeugen für die Rechtmäßigkeit

unserer Forderung im Archiv des Klosters ganz zufällig entdeckt. Wir

hofften, ohne dieses Beweisstück gütlich auszukommen; es mißlang. Nun

mag der Zeuge sprechen. Dies ist eine Zeichnung über die vereinbarte

Änderung. Sie unterscheidet sich von den bereits beigebrachten aber

dadurch, daß sie am Rande die Worte trägt: Hiemit einverstanden.

Gottlieb Kühne, Burgemeister. So es Euch beliebt, Herr Amtmann, mögt

Ihr Euch leicht von der Wahrheit überzeugen.«

Mit diesen Worten trat der Prior an Ernst von Miltitz heran, der sich

vom Pferde herabbeugte und mit lauter Stimme die Randschrift noch

einmal las.

Diese plötzliche Wandlung hatte die Ratmannen so überrascht, daß jeder

von ihnen die Sache verloren gab. Nur Georg Waltklinger beharrte bei

seinem Sträuben.

»Mit dem Anerkenntnis des verstorbenen Stadtoberhaupts ist der Streit

entschieden,« versetzte Ernst von Miltitz. »Dem Kloster steht die

Veränderung der Fluchtgrenze mit Recht zu.«

»Wo ist der Beweis dafür, Herr Amtmann?« sagte der Burgemeister mit

schlecht verhehlter Erbitterung.

»Hier ist er,« antwortete Ernst von Miltitz und wies auf das Dokument.

»Das ist keine Urkunde nach dem Gesetz,« brauste Waltklinger auf. »Wo

ist der Schriftsatz, frage ich, der bestehen muß, wenn eine Sache als

rechtsverbindlich gelten soll?«

Den Ratmannen wurde ungemütlich. Sie erkannten, daß ihr Burgemeister im

Begriff war, eine Torheit zu begehen. Und manch einer, der wußte, wie

es um Waltklingers Jähzorn stand, bangte für ihn. Seine herausfordernde

Haltung und das Beben seiner Stimme weissagten nichts Gutes.

Aber Georg Waltklinger bezwang sich noch einmal.

»Eine Schrift über die Gültigkeit der Abtretung muß doch vorgelegt

werden,« wiederholte er in ruhigerem Tone.

Ernst von Miltitz war ein feiner Menschenkenner. Er ahnte, was in dem

Erregten vorging. Eine kurze Weile war er unentschlossen, ob er die

ungehörige Form des Einspruchs rügen solle. Da bestimmte ihn der

gemäßigtere Ton Waltklingers es zu unterlassen.

»Herr Burgemeister,« versetzte er ruhig, »Ihr befindet Euch in einem

Irrtum. Nicht einen ausführlichen Schriftsatz verlangt das Gesetz über

Abmachungen dieser Art, sondern eine schriftliche Anerkennung. Als

solche muß ich den Vermerk Eures Amtsvorgängers ansehen.«

Georg Waltklingers Auge glühte. Er reckte sich hoch auf, und die

Umstehenden sahen, daß er zitterte. Wie er so stand, mit wogender

Brust, den schönen Kopf mit dem kurzgeschnittenen Vollbart

zurückgeworfen, bot er ein Bild wahrhafter Männlichkeit -- hingerissen

von der Leidenschaft.

»Herr Amtmann,« rief er mit bebender Stimme, »das bedeutet eine

Vergewaltigung der Stadt ...«

»Bist du unsinnig?« rannte ihm Peter Sorgenfrei von hinten zu.

Waltklinger empfand den Warner wie einen neuen Feind. Seine Wut wurde

durch die Beschwichtigung nur noch größer. Er wandte den Kopf nach ihm

zurück ...

In demselben Augenblick machte das Pferd des Amtmanns eine rasche

Bewegung. Das lange Stehen hatte es ohnehin unruhig gemacht, und sein

Schweif hatte rastlos die Mücken abgewehrt. Jetzt mußte das Tier den

Stich eines dieser Blutsauger empfinden. Es tat einen plötzlichen

Schritt vorwärts und bäumte auf. Waltklinger hatte sich gereizt zu

Sorgenfrei gewendet, da fuhr er herum. Des Pferdes Kopf war dicht

über dem seinen. -- Der Amtmann fühlt sich verletzt, durchblitzte es

ihn, er will dich überreiten. Und seine erregte Phantasie ließ eine

erhobene Reitpeitsche über ihm schweben, die in der nächsten Sekunde

niederfallen mußte. Sollte der Bürger warten, bis ihn der Adlige ...

Da griff er schon in die Zügel, um das Pferd zu halten. Aber sein

maßloser Zorn hatte ihm alle Überlegung geraubt. Gerade wie das Tier

wieder im Niedergehen war, riß er es mit gewaltigem Arm herab, daß

es fast auf die Knie niederbrach. Der Reiter, durch das plötzliche

Aufbäumen zurückgeworfen, wurde jetzt auf den Pferdehals geschleudert

und stürzte kopfüber herab, noch ehe die Umstehenden zur Hilfe

herbeispringen konnten.

Nun hoben sie den Besinnungslosen auf; sein Gesicht war vor Schmutz

fast unkenntlich.

Noch hielt die Bestürzung alle im Bann, als Hans von Minkwitz, der

stellvertretende Schloßhauptmann, vom Pferde sprang und rief:

»Burgemeister Waltklinger, ich verhafte Euch im Namen des Gesetzes! Ihr

habt Euch in seinem Vertreter an der unverletzlichen Person des Herzogs

vergriffen!«

Auf diese Worte hin drangen die vier Burgknechte durch die Versammelten

und nahmen den Verhafteten in ihre Mitte.

Georg Waltklingers Gesicht war weiß wie ein Tuch. Seine Augen ruhten

starr auf dem Gestürzten, der gleich einem Toten in den Armen zweier

Ratmannen lag.

»Auf das Schloß mit ihm!« rief Hans von Minkwitz den Burgknechten

zu, während Siegmund Badehorn und Valentin Heide den Ohnmächtigen

vorsichtig nach der nahen Baderei trugen.

Da trat Peter Sorgenfrei vor.

»Herr Schloßhauptmann,« sagte er in tiefer Bewegung, »ein entsetzliches

Unglück ist über uns gekommen. Noch vermögen wir nicht, es zu fassen.

Waltklinger wird sich der rechtlichen Untersuchung nicht entziehen.

Nur erlaubt gütigst, daß Eure Knechte ihn hinüber nach der Fronfeste

bringen, anstatt auf das Schloß.«

Hans von Minkwitz, obgleich wie alle Umstehenden aufs höchste erregt,

verstand. Der Burgemeister der Stadt -- -- -- in Haft auf dem _Schloß_?

Die Bürger wollten zeigen, daß der städtische Gewahrsam ebenso sicher

sei und daß sie es als Ehrensache betrachteten ...

»Peter Sorgenfrei, verbürgt Ihr Euch als jetzt amtierender Burgemeister

für die Sicherheit des Gefangenen?« fragte der Schloßhauptmann.

»Ich verbürge mich,« antwortete dieser.

»Dann nach der Fronfeste,« befahl Minkwitz.

Georg Waltklinger blickte teilnahmlos auf die Sprechenden. Da gab ihm

einer der Burgknechte ein Zeichen, worauf er in ihrer Mitte nach dem

nahen Turm schritt. Und alle Anwesenden gaben ihm das Geleit.

[Illustration]

[Illustration]

Siebzehntes Kapitel

Das Geheimnis

Die Kunde von der Gefangennahme Waltklingers war wie ein Lauffeuer

durch die Stadt geeilt. Jeder, der das Unglück vernahm, blieb stumm vor

schmerzlicher Überraschung. Meißens Burgemeister in strenger Haft! Und

angeklagt eines Majestätsverbrechens! Das war eine niederschmetternde

Nachricht. Georg Waltklinger, der stolze Bürger und hochgeschätzte

Burgemeister der Stadt Meißen, in der Fronfeste! ... Mancher schüttelte

den Kopf und wollte nimmer daran glauben.

Nachdem der erste Schrecken vorüber war, besprach man den Vorfall

mit seinen Ursachen und Folgen. Es gab deren, die dem Amtmann die

ganze Schuld beimaßen. Wie könne es denn auch für Recht gelten, alte

Unterhandlungen als gültig anzusehen, ohne daß eine ordentliche Schrift

sie beglaubige. Ein solches Geschäft wäre erst dann richtig, wenn man

etwas Geschriebenes in Händen habe.

Die Zeichnung mit den wenigen zustimmenden Worten des früheren

Burgemeisters genüge nicht. Der verstorbene Gottlieb Kühne, -- du

lieber Gott, er war ja ein ganz tüchtiges Stadtoberhaupt gewesen. Aber

schließlich, zu der Zeit, aus der die Unterschrift stammte, war er

schon ein alter Mann und sein Geist nicht mehr frisch. Deshalb mochte

er auch vergessen haben, nachträglich für eine richtige Urkunde zu

sorgen. Was er da geschrieben, sei seine Meinung gewesen. Ob aber der

gesamte Rat damit einverstanden war, wo stand denn das?

So sprachen welche und versuchten, sich gegenseitig von der Richtigkeit

ihrer Ansicht zu überzeugen. Innerlich glaubten sie diese Rede aber

nicht. Der alte Anesorge lief von einem zum andern, hielt seine Opfer

eine halbe Stunde auf der Gasse am Rockknopf fest oder brachte sie

daheim in der Werkstatt um unziemlich lange Zeit. Er wetterte und

schimpfte gegen die Pfaffen, die die ganze Zeichnung gefälscht hätten,

und gegen den Amtmann, der daran zweifle, wenn Waltklinger sage, die

Abtretung sei nicht gültig.

Dabei sprudelte er seinem Zuhörer ins Gesicht und ließ ihn nicht zu

Worte kommen und redete so lange auf ihn ein, bis seine umherspähenden

Augen einen andern entdeckt hatten, der arglos seines Weges kam. Dann

ließ er den völlig Zerredeten stehen und schoß auf den Kommenden los.

So brachte ihm jeder neue Tag neue Aufregung.

Der größte Teil der Bürgerschaft war aber von der Schuld Waltklingers

überzeugt. Und da unterdessen auch des Amtmanns Übertritt zum

Protestantismus bekannt wurde, dämpfte sich bei manchem die feindselige

Stimmung gegen ihn. So sehr man den Burgemeister schätzte und obgleich

jedermann sich sagte, daß er an das Wohl der Stadt gedacht, als er die

Gültigkeit der Urkunde anzweifelte, hier konnte man ihm doch nicht

recht geben. Sein Jähzorn, den er sonst immer bezwungen, hatte ihm

einen bösen Streich gespielt. Die Abtretung bestand sicherlich zu Recht.

Nur die Vertrauten wußten, daß die tiefe Abneigung Waltklingers gegen

den adligen Amtmann der wirkliche Antrieb zu seinem Widerspruch gewesen

war.

Wie würde die Strafe sein? Man wagte kaum, davon zu sprechen. Es war

eine vom Amtmann anberaumte Versammlung zweier strittigen Parteien

gewesen, zu der dieser als Vertreter des Herzogs gekommen war, um

Recht zu sprechen. Und während der gesetzlichen Verhandlung hatte der

Burgemeister den Amtmann persönlich angegriffen! Sicherlich würde bei

Betrachtung der Schuldfrage der verhängnisvolle Umstand mildernd in die

Wagschale fallen, daß das Pferd stieg und Waltklinger argwöhnen konnte,

der von ihm Gekränkte wolle ihn züchtigen.

Aber viel sprach das nicht für ihn. Denn ein im Namen des Landesfürsten

Recht sprechender Amtmann, so würde man erwidern, läßt sich zu

Tätlichkeiten nicht hinreißen. Er besitzt genug Mittel, Verletzungen

seines Ansehens zu ahnden. Solches ist selbst dem gemeinen Volke

bekannt. Wie erst muß ein Burgemeister dies wissen!

Zur Verschärfung der Schuld mußte aber der betrübende Umstand

beitragen, daß Ernst von Miltitz aus seiner Ohnmacht noch nicht erwacht

war! Die aus Dresden herbeigerufenen Ärzte hatten die Köpfe geschüttelt

und sehr ernste Gesichter gemacht. Ob die Schädelwandung zerbrochen

sei, wußten sie noch nicht.

Jedenfalls lastete auf der Bürgerschaft Meißens schwere Kümmernis,

denn es gab niemand, der für den Burgemeister Waltklinger keine warme

Empfindung besaß. Er war der Stolz der Stadt und ihr Liebling.

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 10 / 15 段