Die einfacheren Bürgerfrauen gingen zwar weniger kostbar, aber immer

noch recht anspruchsvoll gekleidet. Denn es bestand in den Städten

unter den Frauen ein wahrer Wetteifer in der Entfaltung von Luxus.

Ferner sah man unter der Menge langlockige Bauern in altfränkischer

Kleidung: kurzen, tuchenen Jacken, Kniehosen und hochschäftigen

Lederstiefeln, dazu ihre Weiber mit hellen Kleidern in schreienden

Farben. Auch herzogliche Landsknechte vom Schlosse waren da, mit

martialischen Bärten, einheimische und fremde Schützenbrüder und

endlich Bürger, bewaffnet mit Ober- und Untergewehr.

Denn jeder Bürger, soweit waffenfähig, war wehrhaft. Zu ruhigen

Zeiten gingen sie ihrem Handwerk nach. Sobald aber die Waffenübungen

riefen, dann stand die Werkstatt leer. Hoch aufgereckt stolzierte der

Angehörige der Bürgerwehr durch die Menge. Auf dem Kopfe den großen

Schlapphut, geschmückt mit Birkenreis oder Hopfenblüte, Sporen an den

Füßen, die Flinte auf dem Rücken und den Degen vorm Herzen. Die Bürger

eines Viertels hatten ihr eigenes Fähnlein, und an ihrer Spitze stand

der Viertelsmeister.

Auch Franziskanermönche aus dem Kloster am Heinrichsplatz drängten sich

durch das Gewimmel, den Apostolischen Friedensgruß bietend. Sie gingen

ohne Schuhe und unbedeckten Hauptes. Die lange Kutte mit der Kapuze auf

dem Rücken war von grauer Wolle und mit einem knotigen Strick umgürtet.

Sie waren Bettelmönche und standen in engem Verkehr mit den Bürgern, da

viele von ihnen Meißner Stadtkinder waren.

Vom Turm der Frauenkirche wurden fromme Lieder mit Posaunen geblasen,

und dann begann von allen Türmen das Läuten der Glocken.

Ein Teil der Fremden staute vor der Rathaustür, neben der an einer

Kette ein Halseisen hing, als Zeichen, daß der Markt die Richtstätte

war. In dem hohen Gewölbe des Eingangs stand die Ratswage. Wer

freilich in den großen Saal im Oberstock hätte einen Blick werfen

können, der würde die Ratsherren an einer reichgeschmückten Tafel haben

sitzen sehen. An jedem Sonntag hatten sie freien Tischtrunk, heute aber

bot ihnen die Stadt einen Festschmaus.

Vom Dom schlug gerade die zwölfte Stunde, und schon schickten sich die

ersten an, zum Mittagessen nach Hause zu gehen, als mit einemmal in

der Menge eine Bewegung entstand. Vom Heinrichsplatz her drang dumpfer

Lärm und pflanzte sich bis zum Marktplatz fort. Gleichzeitig wichen

die Menschen zurück, und durch die so geschaffene Gasse sprengte auf

schweißbedecktem Pferde ein Postreiter der herzoglichen Hofpost.

Als er den Markt erreicht hatte, hielt er inmitten der vielen

Neugierigen an, riß die auf seinem Rücken hängende, bestaubte

Ledertasche auf den Bauch und entnahm ihr einen dicken Brief, der mit

großen roten Siegeln verschlossen war.

»Wo treffe ich den Burgemeister?« rief er in die Menge. Worauf es

durcheinander schrie:

»Auf dem Rathause!«

Der Reiter sprang vom Pferde, warf einem der Nächststehenden die Zügel

zu und stampfte zur Rathaustür hinein.

Die Ankunft eines Eilboten vom herzoglichen Hof in Dresden war etwas

Außergewöhnliches und rief eine starke Spannung unter der Menge hervor.

Niemand entfernte sich. Dafür drängten alle nach dem Rathaus hin, und

einer gab dem andern seine Ansicht über den Inhalt des Schreibens kund.

Die Erwartung stieg immer höher. Und da eine geraume Zeit darüber

hinging, bis die Neugierde gestillt wurde, schwoll das Stimmengewirr

zum Lärm an.

Da erschallten plötzlich laute Rufe nach Ruhe. Aller Blicke richteten

sich auf das Rathaus, wo der Burgemeister eben ein Fenster aufriß.

Hinter ihm und an den andern Saalfenstern erschienen die Ratsherren.

Georg Waltklingers Gesicht war bleich vor innerer Bewegung; nur die

Stirn zeigte sich von dem genossenen Wein leicht getötet. In der Hand

hielt er ein großes Pergament mit herabhängendem Siegel.

Der Lärm auf dem Marktplatz verstummte augenblicklich. Aller Herzen

klopften vor Spannung; man ahnte eine bedeutsame Kundmachung.

Waltklinger beugte sich weit aus dem Fenster und rief mit gewaltiger

Stimme in das Schweigen hinein:

»Mitbürger, vernehmt die hohe Botschaft des Herzogs an seine treuen

Landeskinder: Alle Kirchen der Stadt, den Dom dazu gerechnet, werden

dem neuen Evangelium geöffnet! Von den Kanzeln und in den Schulen darf

fortan nur die protestantische Lehre verkündet und das Abendmahl soll

in beiderlei Gestalt gereicht werden!«

Der Burgemeister ließ das Blatt sinken. Kein Beifallsruf erscholl. Die

Überraschung hatte die Zungen aller gelähmt.

Da rief er noch einmal:

»Bürgerschaft Meißens! Euer tiefes Sehnen während langer Jahre ist

erfüllt. Die Botschaft bedeutet die Einführung der Reformation im

meißnischen Sachsen! -- Lang lebe Herzog Heinrich!«

Jetzt brach ein beispielloser Tumult aus. Alles schrie und jubelte

durcheinander. Des Herzogs Name wurde immer von neuem gerufen. In

manchem Auge standen Tränen. Die einen blieben stumm vor Rührung,

andere umarmten sich oder warfen die Hüte in die Luft und stießen laute

Freudenrufe aus. Ja man mußte sich's wiederholen, daß das Unglaubliche

Geschehnis war: der Herzog hatte dem Lande die Reformation geschenkt!

Lange noch hielt der betäubende Lärm an, bis sich die Menge allmählich

verlaufen hatte. Es gab aber kein Haus in der Stadt, in dem man während

des Mittagessens nicht über das große Ereignis gesprochen hätte. Der

heutige Tag war ohnehin ein Festtag. Durch die frohe Botschaft hatte er

aber eine hohe Weihe erhalten!

[Illustration]

[Illustration]

Zwölftes Kapitel

Benedikt Biertimpel

Bald wurde die Einwohnerschaft wieder auf die Gasse gelockt. Der große

Festzug der Bürgerschützen zog mit Trompeten- und Paukenschall vor das

Jüdentor, allwo der Schießanger lag. Und die Menge hastete dem Zug

hinterdrein.

Den kleinen Platz inmitten der Fleischgasse, der Hundewinkel genannt,

schlossen lauter niedrige Häuser von gewinnendem Aussehen ein,

bestehend aus Unter- und Oberstock. Eines von ihnen machte einen

besonders freundlichen Eindruck. Es war frisch weiß gestrichen und mit

einem hölzernen Spalier versehen, an dem sich edle Reben hinaufrankten,

daß die grünen Weinblätter die ganze Vorderseite des Hauses bis zu dem

moosbewachsenen Ziegeldach bedeckten. Das steinerne Türgewände stellte

einen verzierten Rundbogen dar, in den hüben und drüben ein Sitzstein

eingelassen war. Die Haustür war in der Mitte teilbar, die obere Hälfte

stand tagsüber immer offen. Vor dem Haus befand sich ein schmales

Gärtchen, das ein niedriger Lattenzaun einfriedigte.

Auf den Sitzsteinen saßen ein Mann und eine Frau. Sie waren beide alt

und daher wohl dem Festtrubel abhold. Aber ihre Augen, mit denen sie

die Vorübergehenden musterten, glänzten noch frisch.

»Ach, Gevatterin,« sagte der alte Mann, »mein Weib kann noch immer

nicht vom Treiben der Jugend lassen. Natürlich mußte sie mit zum

Festplatz ziehen.«

Dazu seufzte er so komisch, daß die Zuhörerin leise lächelte. Sie war

seit langen Jahren die Nachbarin des Ehepaares und dessen Vertraute.

»Euer Weib ist eben noch lebenslustig, daran müßt Ihr denken, Gevatter.

Eine so rüstige Sechzigerin wie sie ...«

»Ja, ja, -- wenn sie erst an die Siebzig kommt, wird sie's wohl auch

lassen,« unterbrach sie der Alte kopfnickend.

Benedikt Biertimpel war seines Zeichens Löffelmacher, betrieb aber

sein Handwerk schon seit Jahren nicht mehr. In der Jugend war er lange

auf der Wanderschaft gewesen und hatte viel gesehen, so Prag und Wien.

Auch nach Ungarn hinein war er ein Stück gekommen. Da war er wieder auf

Schusters Rappen gestiegen, und der Wind hatte ihn quer über das liebe

deutsche Vaterland hinweg bis nach Flandern getrieben. Von dort war

er eines Tages heimgekehrt, aber nicht allein, wie er ausgezogen. An

seiner Seite hatte sich ein blutjunges Frauenzimmer befunden, ein immer

lustiges Ding, das sein vom Vater ererbtes Häuschen täglich fast auf

den Kopf stellte.

Der gute Biertimpel war ein sinnierender Geselle und von langsamem,

bequemem Wesen. Da brachte ihn sein junges Weib zuweilen höllisch in

Trab. Sie fuhr wie ein Irrwisch umher, und zu keiner Minute war er

sicher vor ihr. Als temperamentvolle Rheinländerin mochte sie es nicht

leiden, wenn ein Mensch gemächlich war. So führte sie ein straffes

Pantoffelregiment über ihren Biertimpel, worein er sich nach kurzem

Widerstand ergeben hatte, und das er still seufzend erduldete.

»Ach, Gevatterin,« hob der allwege philosophierende Biertimpel redselig

an, »nein, Gevatterin, Ihr könnt daher reden, was Ihr mögt, aber wir

leben in einer verderbten Zeit! Denkt einmal nach, als wir jung waren,

wie friedlich da alles zuging.«

»Aber Gevatter, Ihr dürft nicht denken ...«

»Die Menschen sind es,« schnitt Biertimpel der Matrone gewandt das Wort

ab, »die Menschen selbst, sage ich, verschlechtern die Zeiten. Wo sind

die guten Tage der Einfachheit geblieben! Heute? Glanz, Pracht und

Hoffärtigkeit!«

Die Zuhörerin fügte sich lachend in das aufgezwungene Stillschweigen.

Wenn Meister Biertimpel also sprach -- und dies pflegte er nie in

Gegenwart seiner Frau zu tun --, dann war gegen ihn nicht aufzukommen.

Also schwieg sie. So konnte Biertimpel sein Lieblingsthema gemächlich

ausspinnen.

»In den Weibsbildern sitzt der Teufel! Das habe ich immer behauptet,

und noch keiner hat mir's widerlegt. O, diese Töchter und Mütter, die

nicht wissen, wie sie prangen sollen! Sie treten einher und schwänzeln

und haben köstliche Schuhe an den Füßen und tragen güldene Hauben, und

auf den Kleidern Perlborten und hohe Krausen und sonstiges Gefetz. Auch

in durchsichtigen Gewändern laufen sie und strecken die bleckenden

Hälslein aus wie Hirsche. Dazu werfen sie die Äuglein um sich und

wissen ihre Gebärden danach zu richten, daß alles lieblich und lustig

anzusehen ist.

Die jungen Weibsbilder wollen alle gern schön sein, klar Gesichte und

weiße Händlein behalten. Und da manche diese von Natur nicht hat,

untersteht sie sich, solches durch Kunst und andere Mittel zuwege zu

bringen. Und es will traun allenthalben gemein werden, daß die jungen

Frauen beginnen ins Töpflein zu blasen und das Angesicht zu färben nach

ihrem Gefallen, damit sie desto schöner mögen anzusehen sein. Wo bleibt

da Zucht und Sitte?«

Hier sah der wackere Biertimpel die Matrone entsetzt an. Aber an einer

Antwort war ihm nichts gelegen, deshalb fuhr er rasch fort:

»Vorzeiten ließen sich's die Menschen genügen an dem Zeuge, das sie

selbst gemacht. Sie kleideten sich in wollene Tuche und in Barchent

und wußten nichts von Sammet und Seiden. Purpur und köstliche Leinwand

waren der Könige und großer Potentaten Tracht!

Itzund lassen sich's Adlige und Bürgertöchter daran nicht genügen. Sie

wollen es hohen Personen nachtun und das Beste von Damast und Atlas

haben und weiche Kleider an ihrem Halse und auf ihrem Leibe tragen.

Ist fast keine Dienstmagd zu finden, sonderlich in fürnehmen Städten,

sie will seidene Ärmel, einen Rock von bruggischem Atlas oder von

Zindeldort mit zwei, drei Schweifen und sammetnen Borten tragen. Und in

den Röcken muß ein Stahlreifen sein, damit sie wie eine Glocke aussehen

und weit um sich sperren. Darin walzen sie daher wie Bierfasse und

können nicht aus den Gestühlen der Kirche kommen. Wenn sie aber eine

Hausmutter werden soll, kann sie nicht wohl ein Windeltüchlein bezahlen

oder zuwege bringen.«

Benedikt Biertimpel hatte sich in Eifer geredet. Jetzt nahm er sein

Käppchen ab und wischte die Schweißperlen von der Stirn. Diese

Gelegenheit benutzte die Nachbarin klug und versetzte:

»Gevatter, erzürnt Euch nicht! Auch in unserer Jugend ...«

»War alles viel besser!« eiferte der Entrüstete von neuem. »Was bei

den Alten vor dreißig und vierzig Jahren ehrbar gewesen, taugt jetzt

nicht mehr. Ist alles nur aufs Prangen gerichtet. Man will immer was

Neues, was Seltsames haben. Was fremd -- ausländisch, hat man am

liebsten! Alle Völker haben ihre sonderliche Tracht und Manier, allein

wir Deutschen wollen bei nichts Gewissem bleiben. Was man einmal

gesehen, will man nachtun! Muß alles verschnürt, verbrämt, gekräuselt

und wunderlich und seltsam gestickt sein. Möchte doch bald eine jede

Frau von Adel oder bei fürnehmen Bürgern eine eigene Nähterin und

Bortenwirkerin haben, die übers Jahr ausnähet. Da muß man mehr auf

Kleidung und Schmuck wenden, als sonsten in der Haushaltung. Ei, behüte

Gott!«

Der Sprecher wischte flugs wieder einmal über die Stirn.

»Es sind ihrer viele, die schändliche und greuliche Hoffart treiben mit

den Haaren ihres Hauptes. Die natürlichen Haare taugen nichts mehr, sie

müssen blond gebleichet sein und über einen Draht gezogen. Das soll

sonderlich hübsch sein! Und manche trägt auf ihrem Haupte Haare, die

aus dem Beinhaus von einem toten Kopfe sind.

Um den Hals muß man ein großes, dickes Gekröse haben aus teurer

Leinwand. Das muß gestärkt und mit heißem Eisen ausgezogen werden.

Da steht das Haupt in der Mitte, wie Sankt Johannes' Haupt in der

Schüssel. Ja, die Kleider müssen auch nicht mehr vorn, sondern hinten

im Nacken zugemacht sein, als stünde das Gesichte auf dem Rücken. Und

gar die Ärmel! Die müssen unter dem Arm durchsichtig sein, daß man die

weiße Haut sehen und erkennen mag. Geht doch manche Dienstmagd dermaßen

daher, daß sie es wohl einer reichen Bürgerstochter zuvortut. Danach,

wenn sie zur Ehe greifen soll, da ist weder Bett, Decke, noch Strecke.

Die jungen Frauen lernen sich fein in die Hoffart schicken. Weiß manche

nicht, wie sie treten soll. Weiß die Füße so zierlich zu setzen, daß

sie nicht ein rohes Ei entzwei trete. Das ist jetzund der Welt Lauf!«

Die gutmütige Greisin war bei dieser langen Rede wirklich ein wenig

ungeduldig geworden und begann jetzt, ihr vielgeschmähtes Geschlecht zu

verteidigen. Da sah Meister Biertimpel auf und maß die Sprecherin mit

erstaunten Blicken. Nicht lange vermochte er an sich zu halten. Dann

fuhr er ihr hitzig ins Wort:

»Gevatterin, was Ihr daherredet! Die Zeit ist verderbt, sage ich. Hat

nicht unlängst selbst der Burgemeister laut gescholten, daß die Frauen

ungesellig seien und steif wie Ölgötzen bei der Tafel säßen und Prunk

über alles liebten und adelsüchtig wären? Das war der Waltklinger,

Gevatterin, der das sprach, kein Geringerer! Und ist es nicht wahr,

daß die jungen Weibsbilder mit den Äuglein nach den jungen Gesellen

werfen? Und wie sie sich verantworten können! Sollte sie einer zur

Rede setzen, dem würde es wohl gehen, wie jenem alten Vater. Der sagt

zu einer jungen Frau, so ihm auf der Gasse begegnete: ›Junge Frauen

sollen nicht nach Mannspersonen sehen, sondern ihre Augen zur Erden

niederschlagen.‹

›Nein‹, antwortete sie darauf, ›nicht also! Ihr selbst sollt die Erde

ansehen, denn der Mann ist aus der Erden. Das Weib aber ist aus einer

Mannesrippen erbaut. Drum sehe ich mich nach dem um, von dem ich

genommen und gemacht bin.‹«

Meister Biertimpel betrachtete die Gevatterin triumphierend. Diese

zuckte die Achseln und schwieg. Sie bekannte sich geschlagen. Da

zeterte er weiter:

»Jeder will freien, wann und wo er will. Junge Rotzlöffel, die kaum

achtzehn Jahre alt sind, wollen Weiber haben, die man noch billig in

der Schulen schicken möchte.

Will jetzund schweigen des losen Gesindels, fürnehmlich unter den

Frauen, das die Ehe hält, wie der Hund die Fasten ...«

Hier brach der Zürnende plötzlich ab und wurde sichtlich unruhig. Die

Gevatterin sah verwundert auf -- da kam des guten Biertimpels wackeres

Eheweib über den Platz geschritten. Sie kehrte erhitzt vom Schießanger

heim. Jetzt lächelte die Gevatterin, sie verstand den raschen Schluß

der eifernden Rede.

Nun nahm die Angekommene ihres Ehegatten Sitz ein, und ihre Lippen

flossen über von der Lust und Freude, die sie heute wieder erlebt

hatte. Meister Biertimpel schwieg dazu und machte sich in dem kleinen

Vorgarten zu schaffen.

So bestand zwischen den beiden Ehegatten eine Harmonie, bei der sie

alt geworden waren. Ab und zu freilich protestierte Biertimpel einmal

gegen die leise Flöte, nach der er gezwungenermaßen tanzte. Bei solchen

Gelegenheiten hörte die Nachbarin immer einen kurzen Streit, dessen

Ende ein wiederholtes, kräftiges Klatschen bildete. Darauf wurde die

brummende Stimme des Hausherrn still.

Jedenfalls wußten die Umwohnenden, daß in dem weißgetünchten und

mit grünen Reben umrankten, freundlichen Häuschen die ehelichen

Verhältnisse aufs beste geregelt waren.

[Illustration]

[Illustration]

Dreizehntes Kapitel

Drei Fragen

Auf dem Festplatz ging es hoch her. Das Gewühl war stark und die Luft

an einigen Stellen schier unerträglich, denn es wurde viel Staub

aufgewirbelt, und der Tag war heiß.

Da die Bürger die Verteidigung der Stadt in Kriegszeiten übernehmen

mußten, hatte der Rat ein großes Interesse an der Erhaltung ihrer

Schießfertigkeit. Deshalb begünstigte er die bürgerlichen Waffenübungen

mit Freibier und Prämien. Bei den alljährlichen Schützenfesten -- so

pflegte er es seit langem -- bestand sein Preis in einem Stück Tuch von

zwanzig Ellen zu Hosen oder in dreißig Stück zinnernen Tellern.

Zu diesem Freischießen kamen die Schützen von weit her. Es galt

als Ehrensache, den einmal gewonnenen Ruf der Treffsicherheit zu

verteidigen. Die Schützenfeste mancher Städte standen hoch im Ansehen,

so die von Leipzig, Chemnitz, Dresden und Meißen.

Das Schützenzelt stand am Jüdentor. Die Schießbahn lief elbwärts längs

der Stadtmauer bis zu einem dicken Turm, der Fronfeste.

Geschossen wurde auf zweierlei Art: mit der Armbrust nach einem

aufgerichteten Vogel und mit der Büchse oder dem Haken nach einer

Scheibe von dritthalb Schuh um den Nagel. Die Schützen saßen beim

Schießen und mußten ohne Anlehnen mit freischwebenden Armen zielen.

Wer einen Fehler schoß, wurde geneckt. Er bekam unter großem Hallo auf

einem hölzernen Teller inmitten eines Nesselkranzes einen Quarkkäse und

ein Glas Bier. Dazu wurde ein Tusch geblasen.

Das Hauptvergnügen für jung und alt bildeten die Lustbarkeiten.

Auch bei dem diesmaligen Schützenfest gab es deren im Überfluß.

Unmittelbar vor dem Fleischtor stand ein weithin sichtbares Gerüst,

des Pritschmeisters Predigtstuhl. Das Amt des Pritschmeisters war ein

uralter Brauch bei Volksfesten. Wer es ausübte, zog von Stadt zu Stadt,

und es gab etliche, die eine Berühmtheit erlangten. Der Pritschmeister

war als Hanswurst gekleidet und mußte Späße machen und komische Reden

halten. Dann wieder befand er sich unter der Menge, wo er mit seiner

langen Pritsche die erkorenen Opfer bearbeitete. Das mußte sich jeder

gefallen lassen.

Seine Gehilfen waren Knaben in Narrentracht. Sie überfielen den

Erstbesten und schleppten ihn zum Predigtstuhl. Hier eröffnete der

Pritschmeister ein hochnotpeinliches Gericht, von dessen verhängten

Strafen sich der Verurteilte nach Rang und Ansehen mit einem

Biergeld loskaufen konnte. Dieses unaufhörliche Spiel bildete die

Hauptbelustigung für jedermann.

An einer andern Stelle wurden die Kräfte im Steinstoßen versucht.

Ein fünfundvierzig Pfund schwerer Stein mußte nach Stoßensrecht

fortgeschleudert werden.

Dort wieder stand ein wilder Mann, dem man neun Kugeln um einen

Kreuzer in den Mund warf. Unweit von ihm war ein Degenschlucker.

Daneben kauerte in einem Topf ein Hahn, der bei verbundenen Augen mit

Dreschflegeln getroffen werden mußte. Dudelsackpfeifer spielten dazu

auf. Auch ein glatter Kletterbaum war da und mehrere Kegelbahnen. Wer

sein Glück versuchen wollte, griff in den Glückstopf, gefüllt mit

Anweisungen auf Gewinne und mit noch mehr Nieten.

Hier galoppierten Bauernburschen an einer Puppe vorbei und warfen

Bälle danach. Am Abhang zur Triebisch stand eine junge, ungezähmte

Kuh, die den Hügel hinabgepeitscht wurde und mit fettigen Handschuhen

zurückgehalten werden mußte.

Auch ein alter Landsknecht wartete mit seinen Darbietungen auf. Er

mochte sich viele Jahre seines Lebens und für manchen deutschen

Potentaten herumgeschlagen haben. Zuletzt war er Fähnrich gewesen und

verstand sich meisterlich aufs Fahnenspiel. Mit dem weiß-grünen Tuch

am langen Stock führte er Ober- und Unterhiebe, Paraden und Stockaden

und zeigte das Rosenbrechen. Dann drehte er die Fahne im Zirkelschwung

um das Haupt und warf sie in die Höhe, um bis zum Auffangen ein Pistol

abzuschießen. Endlich schlang er das Fahnentuch malerisch um sich und

machte seine Reverenz, indem er beide Knie beugte. Dazu spielte sein

zahnloses Weib auf einer Mundharmonika den Burgundermarsch.

Zwischen zwei Bäumen hatte ein verwegener Seilfahrer sein Seil

aufgespannt, auf dem er vom Jüdentor bis zum Fleischtor lief.

Ferner wurde ein kluger Hund gezeigt, der einen Luftsprung machte, wenn

einer sein Liebchen nannte, der aber heulte, wenn man den türkischen

Kaiser nannte. Zuletzt hing ihm sein Herr ein Hütlein an die Pfote

und schickte ihn auf den Hinterbeinen zu den Zuschauern um einen

Zehrpfennig, dieweilen er noch eine große Reise vorhabe.

Hier gab es einen Vater mit sechs Kindern, die alle musizierten, dort

ein Weib, das mit Händen und Füßen essen und nähen konnte, und wieder

anderswo ein einjähriges Kind, ganz voll Haare und mit einem Barte.

Schließlich waren noch zwei Affen zu sehen, ein Meerschwein und eine

Löffelgans. Auch Bänkelsänger und verblüffende Taschenspieler warteten

mit ihren Künsten auf.

So fehlte es nicht an allerhand Ergötzlichem. Und doch war mit diesem

allen der Reichtum an Sehenswertem noch keineswegs erschöpft.

Da handelte einer mit Wurmsamen, der andere mit Bilsensamen gegen

das Zahnweh. Hier stand einer, der fraß Werg, stopfte es bis in den

Hals hinein und spie Feuer heraus. Einer verkaufte Läusesalbe, das

Gedächtnis damit zu stärken, einer wusch die Hände und das Gesicht mit

geschmolzenem Blei, ein anderer zog Schnüre aus dem Mund. Wieder einer

hielt ein Büchslein hin. Ein einfältiger Tropf blies neugierig hinein,

worauf ihm eine Rußwolke das ganze Gesicht bestäubte. Wer von den

Umstehenden darob lachte, zahlte einen Kreuzer.

Das waren die Griffe der Landfahrer und Gaukler, womit sie sich durch

die Welt brachten.

Recht Erkleckliches wurde im Essen und Trinken geleistet. Dazu saßen

die Gäste auf Bänken um lange Tische herum, deren Pfähle in den Boden

gerammt waren. Da gab es Bratferkel, Reis in griechischer Weise, Hähne,

französisches Blancmanger und orientalisches Konfekt. Auch Sauerkraut

mit Riesenbratwürsten und gekochte Elbfische in saurer Milch. Alles

mußte kräftig gewürzt sein.

Dazu wurde einheimisches Bier und Meißner Landwein geschenkt.

Alten Landsknechten mit ausgepichten Kehlen, die gewohnt waren, jeden

Batzen durch die Gurgel zu jagen, war der dargebotene Stoff zu wenig

herzhaft. Sie hätten am liebsten gehackte Glassplitter drein getan.

Daher bestellten sie sich ein Gemisch von verdorbenem Wein, scharfem

Pfeffer und Honig. Das hieß der Lautertrank. Dieser war so sauer, daß

er die eisernen Schnauzen der Gefäße abfraß.

Die Frauen knabberten unablässig Süßigkeiten. Marzipan galt nicht mehr

für fein. Dafür war Zitronat aufgekommen.

Die Ratsherren saßen an einer Ehrentafel im Schützenzelt. Auf der Wiese

drängte sich die Menge, lachend, schreiend, schwitzend.

Alle Stände waren vertreten. Natürlich kam auch der alte Unfriede

zwischen Adel und Bürgertum wieder zum Vorschein. Als Vertreter dieser

beiden Klassen fühlten sich Handwerksgesellen mit losem Mundwerk und

Landsknechte berufen. Das waren sonnverbrannte, starkknochige Männer

mit kühnem Antlitz und scharfer Wehr. Zwar waren sie gerade keine

Tugendspiegel, aber treu und verläßlich. Jeder einzelne hätte sich bei

rittermäßiger Veranlassung für seinen Herrn ohne Bedenken totschlagen

lassen.

Da flogen die Sticheleien herüber und hinüber; Handwerksgesellen und

Bauern bildeten eine Partei.

»Eisenbeißer,« höhnten sie die Landsknechte, »Hahnenreißer,

Bärenstecher, stolze Federhansen!«

Und »Heringsnasen«, gaben die zurück, »Krippenreiter, Wurstreiter,

Pfeffersäcke, Misthammel!«

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 7 / 15 段