Vor dem Domkeller zu seiner Rechten standen ein paar Handelsjuden,

die mit lauten Worten und unter lebhaften Gebärden ein Geschäft

abschlossen. Die Domherrenhäuser, die Dechanei und das bischöfliche

Wohnhaus lagen in tiefster Ruhe.

Im Vorbeischreiten warf der Jüngling träumend den Blick auf das Schloß

und auf die hohen Fenster des alten Doms. Dann gelangte er auf den

hinteren Schloßhof. Da blieb er stehen und schaute zurück, ob kein

neugieriges Auge ihm folge. Aber er sah keinen Menschen. Oder täuschte

er sich? War dort hinter der Ecke des Doms nicht blitzschnell eine

flüchtige Gestalt verschwunden? Bernhard schalt seine Phantasie. Nun

sah er schon am hellichten Tage Gespenster!

Mit raschen Schritten gewann er den lauschigen Platz. Da stand wie

gestern Sonnhild und wartete.

Das Mädchen kam ihm ein paar Schritte entgegen, und sie begrüßten sich.

Sonnhild sah bleich aus, und tiefer Ernst lag auf ihrem Gesicht. Sie

betrachtete den Jüngling forschend und fragte endlich:

»Bist du krank, Bernhard?«

»Nein, Sonnhild,« erwiderte er, »nur der Schlaf und die Lust am Essen

fliehen mich. Nun ich bei dir bin, ist ja alles gut.«

Das Mädchen antwortete nicht.

»Wie der Tag doch wieder herrlich ist,« sagte Bernhard und schaute

versonnen in den goldenen Glanz, der auf den Weinbergen und über den

Fluren lag. »Das eine bleibt mir, und wenn ich auch noch so weit von

dir sein werde: die Sonnenstrahlen, die dich wärmen, kommen auch zu

mir. Und wenn ich in wachen Nächten an meinem Fenster sitze und zu den

Sternen aufsehe, dann werde ich Trost in dem Gedanken finden, daß auch

_deine_ Augen diese Sterne erblicken.«

»Bernhard,« sagte Sonnhild leise, »es ist besser, wenn du die schönen

Stunden, die wir zusammen verlebt haben, bald vergißt. Zerquäle deine

Brust nicht. Laß das Neue auf dich wirken. Du wirst andere Länder und

Menschen sehen und viel Herrlichkeit und Pracht. Auch an andern Mädchen

wird es nicht fehlen, die viel schöner sein werden, als ich. Und du

wirst nicht mehr begreifen, wie du mich einst begehren konntest.«

Der Jüngling schüttelte mit abgewandtem Gesicht den Kopf.

»Wohl bin ich noch jung,« versetzte er langsam, »aber ich fühle eine

Lebensreife in mir, die höher ist als meine Jahre. Darum ist das, was

ich empfinde, die Überzeugung eines Mannes, der sich geprüft hat.

Gefühle, so heilig und stark, wie sie mich jetzt erfüllen, können für

eine andere nicht noch einmal erwachen. Mein Herz wird sich verhärten,

und die frühlingsjungen Pflänzlein, die in ihm sprießen, werden

verdorren bis zur Wurzel.«

»Sieh, Bernhard,« sagte Sonnhild mit tiefem Weh in der Stimme, »es muß

aber doch sein!«

»Ich bin nicht davon überzeugt. Starke Liebe, die treu und wahr ist,

überdauert alle Stürme des Lebens!«

Sonnhild wollten die Sinne schwinden, und jeder Blutstropfen wich aus

ihrem Gesicht. Aber sie blieb stumm.

»Morgen zu dieser Stunde sind wir schon weit von Dresden entfernt,«

sagte Bernhard in Gedanken verloren. »Und in acht Tagen? Wer mag

es wissen. -- Aber ich bin heute nicht gekommen, um noch einmal zu

klagen,« fuhr er mit Festigkeit fort. »Jetzt heißt es kämpfen. Täglich

und stündlich mit der Macht ringen, die dem beschwichtigenden Verstand

und dem wohltätigen Vergessen trotzt. Doch -- schweig' ich still

davon ...«

Ein düstrer Zug umspielte die Lippen des Jünglings und gab seinem

bleichen Gesicht etwas Herbes. Während der letztverwichenen fünf

Jahre hatte ihn die Erinnerung an Sonnhild nie verlassen. Wie

eine überirdisch schöne Erscheinung war ihr Bild in seiner Seele

heraufgestiegen, wenn sich der ernste Jüngling inmitten seiner anders

gearteten Altersgenossen einsam gefühlt hatte. Und dann war nach all

dem langen Hoffen und Harren das heiße Sehnen erfüllt, der herrliche

Traum war zur Wirklichkeit geworden.

Diese Erfüllung war auf seinen Lebensweg wie strahlender Sonnenschein

gefallen, dessen milde Wärme er bis ins Innerste gespürt. Dem Mädchen

hatte sein ganzes Denken, hatten seine edelsten Empfindungen gegolten!

Nun war alles aus! Rasch war das Glück gekommen, wie ein glänzendes

Himmelslicht in dunkler Nacht, -- und ebenso rasch war es wieder

verschwunden. Er sollte Sonnhild vergessen ...

Bernhard empfand unsägliche Bitterkeit bei diesem Gedanken.

Da sah er auf: in Sonnhilds Augen standen Tränen. Das tapfre Mädchen!

Auch sie bewegte der Abschied tiefinnerlich.

Er nahm ihre Hand in die seine und sagte gerührt:

»Sonnhild, ich sehe, wie du leidest. Ich will dir den Schmerz der

Abschiedsstunde verkürzen. Laß uns Lebewohl sagen.«

Sie versuchte sich zu fassen und drängte die Tränen zurück. Da schloß

sie plötzlich die Augen, und ihr jungfräulicher Körper bebte so stark,

daß Bernhard sie umfing. Und als ihr Kopf mit dem kummerbleichen

Gesicht und dem goldglänzenden Haar willenlos an seiner Brust lehnte,

flüsterte sie:

»Bernhard, -- mein Bernhard, -- ich liebe dich ja über alles!«

Da schoß es heiß nach dem Herzen des Jünglings, und in seine Augen trat

ein seltsamer Glanz.

»Sonnhild,« fragte Bernhard eindringlich, »vergißt du auch nicht das

schier Unüberwindliche, das zwischen uns steht?«

»Nein, ich vergaß es nicht,« flüsterte sie, »aber zwischen unserer

Liebe soll nichts stehen!«

Da drückte er das zitternde Mädchen an seine Brust, und ihre Lippen

fanden sich zum ersten Kuß.

»Bernhard,« sagte Sonnhild, sich aufrichtend, »ich konnte dich nicht

so ziehen lassen. Nun werde ich stark genug sein, die Trennung zu

ertragen. Meine treue Liebe wird dich begleiten und mein Gebet dich

beschützen.«

In seligem Empfinden zog Bernhard das Mädchen von neuem an sich.

»Mein Geliebter,« sprach Sonnhild innig, »wir wollen Geduld üben. Welch

wunderbare Fügungen sendet zuweilen der Himmel! Mag es noch so schwer

erscheinen. Wahrhafte Liebe -- du sagtest es bereits -- überwindet

alles!«

Da vernahmen sie ein leises Brechen von Zweigen. Und wie sie rasch die

Umarmung lösten und sich umwandten, blickten sie eine Sekunde lang in

ein Frauenantlitz, das so blaß und verzehrt war, wie das Gesicht eines

schwer leidenden Menschen. Aber die großen, blauen Augen unter dem

pechschwarzen Haar glühten vor innerm Feuer. Dann schlug das Gebüsch

wieder zusammen, und die Erscheinung war verschwunden.

»Wer war das?« fragte Sonnhild in banger Besorgnis.

»Ängstige dich nicht, mein Lieb,« antwortete Bernhard begütigend. »Ein

junges Judenmädchen war es, dem ich wiederholt begegnet bin, als ich

vergebens vor das Stadttor ging.«

Sonnhild atmete erleichtert auf.

»Hast du die drohenden Augen gesehen?« fragte sie, sich das Haar aus

der Stirne streichend.

»Du bist erregt, liebste Sonnhild,« antwortete Bernhard beklommen. »Das

Mädchen starrt immer so.«

Und wieder fiel ihm die Ähnlichkeit dieser Augen mit denen Sonnhilds

auf.

»Geh mit Gott, mein Geliebter,« sagte Sonnhild und schmiegte sich an

Bernhards Brust. »Was nun auch kommen mag, -- unsere Liebe soll sich

als stark und wahr erweisen.«

»Du inniggeliebtes Mädchen! Nicht Raum noch Zeit können unsere Liebe

vermindern. Und so stark die Stürme auch brausen mögen, wir werden

allem trotzen!«

Sonnhild zog einen schmalen Reif ab und steckte ihn an seinen Finger.

Hierauf legte sie noch einmal ihre Hand in die seine. Ein letzter,

langer Blick -- dann stand Bernhard allein. Wohl fühlte er, wie ihn der

Abschied tief betrübte. Aber die Traurigkeit, mit der er gekommen, war

verschwunden, und die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang aus diesem

Wirrsal erfüllte ihn.

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Zehntes Kapitel

Der neue Herr

Das deutsche Volk hat bange Zeiten durchleben müssen, bevor es

sich seine Einheit und Machtstellung und damit den langjährigen,

segensreichen Frieden erkämpft hat. Einen der denkwürdigsten Abschnitte

seiner Entwickelung bildet die Zeit dieser Erzählung.

Wohl hatte draußen der deutsche Namen einen guten Klang. Aber im

Innern des Landes nahm der Kampf kein Ende. Starke Mächte wüteten

gegeneinander, und das Eisen und die Seuchen hatten furchtbar

aufgeräumt. Der Landadel mißbrauchte vielenorts seine Gewalt, daß die

bäuerliche Bevölkerung unter dem schweren Druck seufzte. Dazu trat der

nicht endenwollende Streit der Fürsten untereinander, die sich mit

Haß und Krieg verfolgten. Die glänzenden Erfolge der gewerbfleißigen

Städte wurden von den Adligen mit Mißgunst betrachtet. Der Wohlstand

des Bürgers war ihnen ein Dorn im Auge, und sein Selbstbewußtsein und

seinen Stolz erwiderten sie mit Verachtung.

Neben diesem erbitterten weltlichen Hader lastete schwere Kümmernis

auf den Seelen der Menschen. Schon lange war von vieler Mund der Ruf

erklungen, die Kirche an Haupt und Gliedern zu verbessern und den

Mißbrauch zu beseitigen, den sie trieb. Aber diese Stimmen blieben von

den Päpsten ungehört. Die Abgaben an die Kirche wuchsen von Jahr zu

Jahr und bildeten eine drückende Bürde für das Volk. Der höhere Klerus

strebte nach weltlicher Macht. Die fürstliche Prachtentfaltung, die er

übte, und sein Schwelgen in sinnlichem Genuß brachten es mit sich, daß

er das Wirken für die Lehre des Evangeliums vernachlässigte.

Die _niedere_ Geistlichkeit fühlte kaum noch die schwachen Zügel dieses

Regiments. Viele wurden träge, vernachlässigten ihre Pflichten als

Seelsorger und warfen sich der Sittenlosigkeit in die Arme. In den

Klöstern machte sich das Laster breit, daß die schamlosesten Vorgänge

dem Volke bekannt wurden.

So war es um die verordneten Diener der Kirche bestellt!

Ein großer Teil der Bevölkerung war tief verstimmt. Bangigkeit lastete

auf dem geistigen Leben, und die Herzen der Menschen litten schwer

unter der ungestillten Sehnsucht nach der ewigen Liebe und zerquälten

sich in bangem nach Gott Suchen.

Die Not war auf das höchste gestiegen, als von Wittenberg her eine

Stimme erklang, der das ganze Volk mit verhaltenem Atem lauschte.

Der Kapuzinermönch Doktor Martin Luther erhob laut Einspruch gegen

die unhaltbaren Zustände, unter denen er die wahre Religiosität

der Menschen gefährdet sah. Und Hunderttausende jubelten dem

Unerschrockenen zu, als er sich den Schmeicheleien verschloß, mit denen

der Papst ihn von weiteren Schritten gegen die Kirche abhalten wollte.

Des kühnen Mönchleins kernhafte Schriften und Reden zündeten in

Millionen deutschen Herzen. Wonach man seit Jahrzehnten gebangt, was

man unklar empfunden, hier wurde es deutlich ausgesprochen. Eine große

Partei entstand, die sich für Luther erklärte und die dessen weiteres

Wirken mit Spannung verfolgte. Die Studentenschaften scharten sich

zuerst um das neuentrollte Banner, auf dem der Kampf für die Freiheit

des Geistes in goldenen Lettern geschrieben stand. Dann folgten die

Städte und endlich das breite Land.

Wie auf Sturmesflügeln eilte die Botschaft durch die deutschen Lande,

daß der beherzte Reformator Papst und Kaiser getrotzt, indem er auf

dem glänzenden Reichstage zu Worms vor einer großen Anzahl von Fürsten

und hohen Würdenträgern der Kirche in gewaltiger Rede seine neue Lehre

verteidigt hatte.

Begeisterung riß das Volk hin, und endloser Jubel brach allerorts aus.

Man fühlte: es waren Ketten abgefallen. Und vom Knäblein bis zum Greis

sprachen die Menschen wie ein Gebet das herrliche Wort: »Hier stehe

ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!«

Wohl begann noch einmal ein großes Streiten, bevor die erhitzten

Geister zur Ruhe kamen: der Bauernkrieg loderte auf, und auch die

Fürsten zogen aufs neue vom Leder. Aber bei diesen Kämpfen und allen

feindseligen Anfechtungen erstarkte die neue Kirche immer mehr und

entwickelte sich zu einem unüberwindlichen Bollwerk gegen ihre

Widersacher. Zahlreich waren die Übertritte. Kurfürst Friedrich der

Weise von Sachsen war der erste deutsche Fürst, der mit seinem ganzen

Volke die neue Lehre annahm. Andere folgten. Besonders groß war der

Eifer im Bürgerstand.

Die herzoglichen Sachsen sahen mit scheelen Augen nach Dresden, wo ihr

Landesherr, Herzog Georg, den die Nachwelt den Bärtigen nennt, seinen

Hof hatte. Dieser Fürst wollte nichts von dem neuen Evangelium wissen.

Die beiden Söhne des Herzogs waren gestorben. Damit nun das Land nicht

an seinen eifrig protestantischen Bruder Heinrich falle, hatte Herzog

Georg ein Testament errichtet, wonach Sachsen nur unter der Bedingung

Heinrich vererbt werde, daß dieser den alten Glauben unangerührt lasse.

Andernfalls sollten der Kaiser und König Ferdinand das Herzogtum

erhalten.

So lagen die Verhältnisse um die Zeit, da Bernhard von Sonnhild

Abschied genommen hatte. Wie alle andern Städte des Herzogtums,

grollten auch die Bewohner Meißens ihrem Landesfürsten. Denn mit

Ausnahme weniger war das ganze Land für die neue Lehre. Aber es wollte

kein Hoffnungsschimmer heraufdämmern, daß das heiße Sehnen des Volkes

gestillt würde.

Da eilte die überraschende Kunde von dem schnellen Tode des Herzogs

Georg durch Sachsen. Darauf hörte man, daß Herzog Heinrich sich von

seinem Aufenthaltsort Freiberg nach Dresden begeben habe, wo er das

allgemein bekannte Testament vorfinden mußte.

Würde er die Regierung antreten oder das Land fremden Machthabern

überlassen? Für die durch des Verstorbenen letzten Willen gesicherte

Beibehaltung des alten Glaubens war es gleich, wie er sich entschied.

Aber allenthalben ward der Wunsch laut, daß das angestammte Fürstenhaus

dem Herzogtum erhalten bleiben möchte. Denn im Grunde war das

sächsische Volk den Wettinern ehrlich zugetan.

Noch waren erst wenige Tage seit der Todeskunde verstrichen, als eine

neue Nachricht von Dresden kam, die das Land geradezu alarmierte.

Herzog Georg, so hieß es, habe zwar das Testament ausfertigen lassen,

aber die Vollziehung sei von ihm hinausgeschoben worden. Nun habe ihn

sein plötzlicher Tod daran verhindert, die Urkunde zu unterschreiben

und sie damit rechtskräftig zu machen. Herzog Heinrich sei der

gesetzmäßig Erbe, und keine Beschränkung hindere seinen Willen.

Da brach unter der Bevölkerung großer Jubel aus, der sich erneute, als

die Bestätigung dieser Nachricht eintraf. Denn niemand zweifelte daran,

daß der zum neuen Glauben treu stehende Herzog Heinrich die Wünsche des

Volkes erfüllen würde.

An den Rat der Stadt Meißen aber kam in diesen Tagen eine Verordnung

des neuen Regierenden, wonach der Verstorbene an der Seite seiner

Vorgänger im Dom beigesetzt werden sollte.

Burgemeister Waltklinger berief sogleich die Ratmannen zur Versammlung,

und man beriet die Feierlichkeiten, mit denen die Stadt dem

verstorbenen Landesfürsten die letzte Ehre erweisen wollte. Aller Hader

war verstummt. Der Tod hatte die Zwietracht ausgelöscht.

Die Gassen, die der Zug berühren mußte, wurden gründlich vom Schmutz

gereinigt. Denn zu Zeiten des Mittelalters war in den Städten die Gasse

der natürliche Abladeplatz für allen Abfall, der im Hause entstand,

und der Tummelplatz des lieben Stadtviehs. An diese Unreinlichkeit

hatten sich die Bewohner so gewöhnt, daß nur bei hohem Fürstenbesuch

gründlich aufgeräumt wurde, -- doch durfte solcher nicht öfter als

einmal im Jahre kommen. Erschien hingegen der Landesherr in kürzeren

Zeiträumen, so mußte er sich's gefallen lassen, wenn sein Wagen, wie

der jedes andern Sterblichen, bis zu den Achsen der Räder in dem Morast

versank.

Als der Tag herangekommen, hatte sich die ganze Einwohnerschaft in

Festkleidern vor den Häusern versammelt. Die Gilden und Innungen waren

mit umflorten Fahnen aufmarschiert und bildeten eine Ehrengasse für

den toten Herzog. Der Burgemeister und die Ratmannen, angetan mit

ihrer feierlichen Amtstracht und goldenen Ketten, empfingen die Leiche

am Stadttor und schritten ihr vorauf bis zum Dom. Langsam bewegte

sich unter großem Gepränge der Zug durch die Gassen, während die

Stadtpfeifer Trauermelodien aufspielten.

Vor dem Dom angekommen, war der Stadtrat unschlüssig, ob er das

Gotteshaus zur Teilnahme an der Totenfeier betreten sollte. Da aber

der Burgemeister und die Ratmannen ihren Herzog, den sie als guten

Lutherischen kannten, der Leiche hinterdrein schreiten sahen, folgten

auch sie ins Innere.

Da ward plötzlich allen Teilnehmern eine große Überraschung. Kaum

war der Sarg auf dem schwarzumkleideten Katafalk vor dem Hochaltar

niedergesetzt worden, als Herzog Heinrich noch vor Beginn des

Gottesdienstes den Dom wieder verließ. Der Stadtrat und ein großer Teil

der Versammlung schloß sich ihm an.

Das war eine deutliche Kundgebung des Herzogs für seine Stellung als

regierender Landesfürst zum neuen Glauben. Die Bürgerschaft Meißens

frohlockte, wenn sie an die Zukunft dachte, und die Nachricht von dem

Geschehnis flog pfeilschnell durch das Land.

Jeder fühlte, daß eine neue Zeit anbrach. Ein weiterer Vorbote ließ

nicht lange auf sich warten.

Die katholische Partei mit der Geistlichkeit an der Spitze

beabsichtigte, zu Ehren des verstorbenen Fürsten den Dreißigsten

besonders glanzvoll zu begehen. Da erhielt der Amtmann Ernst von

Miltitz eine Verordnung des Herzogs, daß die beabsichtigte Zeremonie zu

unterlassen sei.

Dieses Verbot bildete eine empfindliche Niederlage für die Anhänger

des alten Glaubens, besonders aber für den Klerus. Bisher hatten

seine Mühlen lustig geklappert, -- der Wind von Dresden her war immer

günstig gewesen. Herzog Georg hatte sich als verläßlicher Anhänger

und Beschützer der Kirche erwiesen, und durch das Testament wußte die

Geistlichkeit das Land für den alten Glauben erhalten.

Da starb ihr Schirmherr, und die Zuversicht, die man auf das Testament

gesetzt, ging in Trümmer. Alsbald hatte sich im katholischen Lager eine

Gegnerschaft wider den protestantischen Herzog Heinrich gebildet. Nun

war freilich, wie befürchtet, die Erhebung der lutherischen Lehre zur

Staatsreligion bisher ausgeblieben. Aber das Verhalten des Herzogs bei

der Beisetzung kennzeichnete klar seine Gesinnung.

Die Feier des dreißigsten Tages nach dem Hinscheiden des Herzogs Georg

sollte als eine große Prozession stattfinden. Da kam das Verbot.

Der Bischof geriet in hellen Zorn, und Ernst von Miltitz hatte es

als Anhänger der alten Kirche nicht leicht, der Weisung des Herzogs

Nachdruck zu geben. Die Feier würde dem Verstorbenen nichts nützen,

hatte der neue Herr gesagt, denn sie sei nur ein Mißbrauch Gottes.

Zuletzt blieb der Geistlichkeit aber doch nichts anderes übrig, als

sich zu fügen. Sie tat es widerwillig und nur mit Rücksicht auf die

heimliche Befürchtung, man möchte im Weigerungsfalle den Herzog zu

schärferem Vorgehen gegen die Kirche reizen.

Das sächsische Volk aber pries seinen Fürsten und stellte all seine

Hoffnung auf ihn.

[Illustration]

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Elftes Kapitel

Der Kurier des Herzogs

Nun waren schon Wochen seit dem Tage vergangen, an dem die beiden

Liebenden Abschied genommen hatten. Sonnhild fühlte sich vereinsamt.

Das Verhältnis zum Vater war anfänglich gespannt gewesen. Sie hatte

gemerkt, wie schwer es ihm gefallen war, die seinem Zorn folgende

Betrübnis zu überwinden. Gleichwohl war er immer freundlich zu ihr

und hatte den schlimmen Vorfall mit keinem Worte berührt. Auch schien

ihm seine Heftigkeit nachträglich leid zu tun. Er wiederholte seine

Liebkosungen wie früher und versuchte, Sonnhilds Schwermut durch

kostbare Geschenke zu vertreiben.

Mit müdem Lächeln dankte das Mädchen dem Vater. Doch empfand sie, wie

er überzeugt war, daß er ihr mit all diesem doch nicht helfen konnte.

Und so kam es, daß wohl die äußeren Liebesbeweise zwischen Vater und

Kind ebensooft wie früher ausgetauscht wurden, daß sie aber nicht mehr

so herzlich waren, und daß beide von Gefühlen bewegt wurden, die sie

voreinander verbargen. Statt der bisherigen Offenheit, herrschte jetzt

heimlicher Zwang zwischen ihnen.

Sonnhild litt sehr unter diesem Zustand. Zum Glück war der Vater in

dieser bewegten Zeit oft auf dem Rathaus und ließ sie viel allein.

Heute war Sonntag. Man schrieb den 15. Juli 1539.

Sonnhild saß schon zur zeitigen Vormittagsstunde am Fenster, um auf das

gewohnte bunte Treiben hinabzusehen, das sich Sonntags auf dem Markt

entwickelte. Zudem war heute Schützenfest. Hierzu waren die Landleute

aus der Umgegend schon am frühen Morgen als Zuschauer in die Stadt

eingezogen. Denn das Schützenfest war das größte Volksfest des ganzen

Jahres.

Eine Zeitlang schaute Sonnhild auf die geputzten Menschen. Dann lehnte

sie sich in den Stuhl zurück und sann. Das letzte Fest, bei dem sie

von Herzen fröhlich sein konnte, war das Maienfest gewesen. Da hatte

ihr die gute Hanne den Festschmuck aus der Lade geholt und sie damit

schmücken helfen und ihr den Maienkranz ins Haar gewunden. Der Vater

hatte beim Beutler eine neue zierliche Tasche für sie erstanden, die

köstlich nach Ambra gerochen, und einen silbergefaßten Handspiegel, der

an einer Kette als Zierat an der Seite getragen wurde.

So war sie hinaus auf den grünen Anger neben dem Kuttelhof gegangen.

Dort hatten sich die jungen Mädchen getroffen. Alle geschmückt mit

Schappel und Dupfing und in prächtigen Frühlingskleidern.

Zwar ging dem Maienfest alljährlich noch ein anderer Tag voran, an dem

man draußen mitsammen fröhlich war. Denn schon Wochen vorher, als die

ersten Kätzchen aus Weide und Hasel ausgebrochen, waren alle jungen

Mädchen und Jünglinge hinausgezogen. Und wer das erste Veilchen fand,

der verkündete dies laut. Dann eilten alle dahin und tanzten im Kreise

um diesen frühen Abgesandten des lieblichen Lenzes.

Doch beim Maienfest ging es noch lustiger her. Da wurden die großen

Reihen getanzt. Der Vorsänger stimmte an, worauf der Chor der

Umstehenden laut den Text des Reihens sang, und leise sangen die

tanzenden Mädchen die Weise mit. Dann wurde der bunte Federball

geworfen und noch einmal um die Linde getanzt.

Die jungen Bürgersöhne waren gleichfalls im Festschmuck erschienen, die

sammetnen Wämser an Kragen und Ärmeln mit köstlichen Spitzen besetzt.

Auch waren immer einige Junker dabei in wallendem Haar, den Gürtel wohl

beschlagen mit glänzendem Metall, und die Spitze des Schwertes beim

Gehen an der Ferse klingen lassend.

Die Bürgersöhne sahen deren Kommen aber nicht gern und betrachteten

sie mit stolzen Blicken, wofür die jungen Edelleute hochmütig um

sich schauten. Zuletzt wurde die schönste Jungfrau mit einem Kranz

von frühen Feldblumen als Maienkönigin gekrönt und im Triumphzug und

unter lautem Singen nach Hause geführt. In diesem Jahre war Sonnhild

Maienkönigin gewesen.

All diese freundlichen Bilder stiegen in Sonnhilds Erinnerung herauf.

Und bald nach dem lieblichen Fest war ja die schönste Zeit ihres Lebens

angebrochen: sie hatte den Jugendfreund wiedergesehen!

»Bernhard, -- mein Bernhard,« flüsterte Sonnhild. Und sie merkte, wie

es ihr warm in die Augen stieg. --

Mittlerweile hatte die Menge auf dem Markt zugenommen. Da sah man die

Bürgerfrauen, die keine Frau eines Dienenden in ihren Kreis ließen.

Abseits von ihnen standen die Frauen der reichen Familien. Aber den

unterwürfigsten Gruß erwiesen die Gesellen und Dienenden den Frauen

und Töchtern aus den Patriziergeschlechtern. Die gleiche Auszeichnung

erfuhren die Männer. Doch von diesen waren nur wenige auf dem Markt;

sie weilten zum Frühtrunk in den Schenken.

Die Frauen wachten streng darüber, daß die feinen Abstufungen in der

Rangstellung, die von der Größe des Reichtums abhängig waren, äußerlich

aufs peinlichste gewahrt wurden. Wer unter dem eigenen Kreis stand,

mußte sich's gefallen lassen, kühl behandelt zu werden. Nach oben aber

wurde viel Freundlichkeit aufgewendet.

Die eleganten Frauen unter den Reichen trugen ein langes Gewand von

kostbarem Stoff und reich besetzt. Der Schleppenschwanz war sechs Fuß

lang und nahm auf der Straße allerlei Unrat auf. Wenn sie zum Tanz

gingen, befestigten sie die lästige Schleppe mit einem großen, eisernen

Haken hinten am Rücken, wo sie wie ein schweres Gewicht niederhing.

Dafür hatten aber die Kleider oben fast gar keinen Stoff. Sie waren

so weit offen, daß man den ganzen Busen und den größten Teil des

Rückens sah. Die jungen Herren waren mit dieser Schaustellung recht

zufrieden. Aber die Prediger wetterten von den Kanzeln grimmig dagegen

-- natürlich erfolglos.

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 6 / 15 段