Jetzt wandte sich Waltklinger zu Sonnhild. Aber noch bevor sein

furchtbarer Zorn zum Ausbruch kam, trat aus dem Dunkel der Treppe eine

Frau hervor, die sich mit ihrer hohen Gestalt schützend vor das Mädchen

stellte. Es war Hanne, die alte Haushälterin des Burgemeisters.

»Nun ist es genug!« rief sie. »Eure Absage an den Junker durfte ich

nicht stören. Dem Kinde aber werdet Ihr kein Haar krümmen! Ich habe

die ganze Unterhaltung der beiden heimlich mit angehört. Es war nichts

darin, was Euerm Namen, was Georg Waltklingers Tochter zur Unehre

gereicht hätte. Gefehlt haben beide; die Schuld trägt der Jüngling.

Euer maßloser Zorn hat sie gestraft, schwerer als sie es verdienen. --

Und nun geh in deine Kammer, Sonnhild!«

Das Mädchen raffte sich zusammen und ging wie eine Nachtwandlerin die

Treppe hinauf, indessen die alte Hanne die Haustür verschloß.

Aber die Wut Waltklingers hatten diese Worte nicht beschwichtigen

können.

»Infame Buhlerin!« rief er.

Da richtete die Greisin ihren langen, dürren Leib hoch auf und trat vor

ihren Beleidiger.

»Ihr glaubt mir nicht, Burgemeister?« sagte sie kalt. »Die Hanne dient

dem Hause Waltklinger nun fünfundsechzig Jahre, und keiner hat sie je

für unehrlich befunden. Aber ich gebe zu, leichtsinnig bin ich gewesen,

-- Jahre hindurch. Seht her, auf diesen alten Armen habe ich Euch

einst getragen, denn es war seit Eurer Geburt keine Mutter mehr in

diesem Hause. Ihr fandet an meinem Herzen das erste Lächeln, und Euer

erstes Lallen galt mir. Dann lehrte ich Euch das Beten, und Euer Kummer

und Euer Weinen erstarb, wenn Ihr die Arme um meinen Hals legtet. Mit

meiner schwachen Kraft behütete ich Eure Seele, und ich wachte an Eurem

Bett, wenn Ihr krank wart. So wuchst Ihr heran.

Dann kam die Zeit, wo ich fehlte, -- aus Liebe zu Euch!«

Georg Waltklingers Zorn hatte sich bei den Worten der Greisin gedämpft.

Jetzt machte er eine Gebärde.

»Nein,« fuhr die Alte mit schwächer werdender Stimme fort, »nein, Jörg,

heute müssen wir zusammen Rechnung machen! Weißt du es nicht mehr,

wie du zur Hanne betteltest und ihr schmeicheltest, daß sie deine

Jünglingsstreiche vor dem gestrengen Vater verbergen sollte? Wie oft

habe ich nicht die halbe Nacht aufgesessen und gelauscht, damit ich das

leise Klopfen an der Haustür nicht überhörte, um dich auf den Strümpfen

einzulassen! Und wie ich heucheln mußte deinem Vater gegenüber!

Damals schlichst du auch in Bürgerhäuser hinein, mein Jörg! Aber ob

du den Haustöchtern nur solche lauteren Worte gesagt hast, wie der

Junker heute abend deiner Tochter, -- das, Jörg, magst du dir selber

beantworten! Also rase nicht gegen dein eigen Blut. Du weißt doch, mein

Junge, -- die Sünden der Väter ...! Aber der gute Gott hat deinem Kinde

den Geist seiner Mutter vererbt. Sonnhild gleicht mit jedem Tage immer

mehr deiner Maria ...«

Hier kehrte Georg Waltklinger der Greisin stumm den Rücken und stampfte

die Treppe hinauf.

Und wie vor fünfzig Jahren der Kopf ihres Jörg, lag heute Nacht an der

treuen Brust der alten Hanne das Haupt seines schluchzenden Kindes.

* * * * *

Am darauffolgenden Tage saßen Ernst von Miltitz und Frau Magdalena

im Familienzimmer des Schlosses Siebeneichen in ernstem Gespräch. Da

klopfte es an der Tür, und gleich darauf trat Bernhard ein.

»Du ließest mich rufen, Vater,« sagte er und kam ein paar Schritte

näher.

Ernst von Miltitz betrachtete den Sohn streng, während Frau Magdalena

vor sich niedersah.

»Heute vormittag ist ein Schreiben an mich gekommen, dessen Inhalt

eine Anklage gegen dich bildet. Nun hat sich freilich der Absender,

wie ich ihn kenne, großer Zurückhaltung beflissen. Aber daß gerade der

Burgemeister Waltklinger es ist, der berechtigten Grund hat, sich über

dich zu beklagen, ist mir überaus peinlich.

Erst vor kurzem habe ich dir geschildert, wie schwierig mir es zuweilen

wird, meine Pflichten als Amtmann zu tun, und du weißt, daß Waltklinger

mein schlimmster Gegner ist. Dennoch stellst du der Tochter dieses

Mannes nach. Das ist eine Unklugheit und ein Mangel an Rücksicht gegen

deinen Vater. Beides hätte ich nicht von dir erwartet.«

Bernhard nagte an der Unterlippe. Der Vater hatte recht, -- von seinem

Standpunkt aus. Aber er ahnte ja nicht, wie es in dem Herzen seines

Sohnes aussah! Er betrachtete das als Spielerei, was ihm heiliges

Empfinden war.

Da sollte es schon kommen. Ernst von Miltitz fuhr fort:

»Ich halte dich mit deinen achtzehn Jahren noch für zu jung, um schon

eine Liebschaft anzuknüpfen. Gewiß könntest du sagen, daß du in Dresden

bereits mancherlei gesehen hast, und daß junge Männer in deinem Alter

es als Zeitvertreib betrachten, Jungfrauen heimlich den Hof zu machen.

Aber das ist eine Unsitte! Sie verdirbt den Charakter, hält vom Studium

der ernsten Pflichten ab, die uns auferlegt sind, und verdreht einem

unschuldigen Mädchen den Kopf. Deine Erziehung, Bernhard, hat dich

gelehrt, solches als ein freventliches Spiel zu unterlassen. Die

Abkommen alter Familien müssen sich jederzeit der hohen Verpflichtung

bewußt sein, die ihnen ihr Name auferlegt. Die hervorragende Stellung

des Adels wird vom Bürgerstande genug angefeindet. Wenn wir noch dazu

unsern Ruf der Makellosigkeit hingeben, dann haben unsere Widersacher

recht, und wir verdienen es nicht, daß sich unsere Vorfahren durch die

Jahrhunderte heiß bemühten, unserm Namen den hohen Klang zu bewahren.

Nicht Stellung und Besitz -- der Ruf, Bernhard, ist das höchste Gut des

Mannes!«

Dem Jüngling waren die Worte aus der Seele gesprochen. Aber seine

Empfindungen für Sonnhild waren ja ganz anderer Art, als der Vater

glaubte. Und in diesem Augenblicke wurde sich Bernhard bewußt, daß

seine Neigung zu dem Mädchen tiefe Liebe war. Der Lebensernst war

frühzeitig in ihm wach geworden, er hatte ihn vom Vater geerbt. Und so

jung er auch war, erkannte er doch unzweifelhaft die Echtheit seiner

Leidenschaft.

»Vater,« erwiderte er jetzt, »es tut mir leid, wenn ich dich betrübt

habe! Verzeihe mir. Du kennst mich als besonnen und weißt, daß mir

gute Sitte und hohe Gesinnung unveräußerliche Güter sind. Während du zu

mir sprachst, habe ich einen tiefen Blick in mein Inneres getan. Und

ich weiß mich noch so rein, wie du mich immer befunden hast.«

Bernhard schöpfte tief Atem. Dann fügte er hinzu:

»Das Geschick ist gegen mich. Denn nicht nur, daß es mir seine Gunst zu

dem, was ich begann, versagte, es zwingt mich auch, mit dem Bekennen

meines Tuns, dich, lieber Vater, zu betrüben.«

Ernst von Miltitz hatte der Rede seines Sohnes beifällig zugehört. Bei

den letzten Worten sah er gespannt auf.

»Die Tochter des Burgemeisters Waltklinger ist aufs sorgfältigste

erzogen und eine Jungfrau von reinem und edlem Herzen. Ich liebe sie!«

Tiefe Stille herrschte in dem großen Zimmer. Ernst von Miltitz war von

dem Geständnis seines Sohnes so überrascht worden, daß er eine Weile

brauchte, ihm zu erwidern. Seine Stimme klang spöttisch, als er begann:

»Diese Rolle spielst du nicht gut, Bernhard! Gib sie auf! Denn was du

da sprachst, waren die unbesonnenen Worte eines bis über die Ohren

verschossenen Knaben. Aber man verliebt sich nicht in die Erstbeste.«

»Mein Vater,« erwiderte Bernhard bestimmt, »ich bin mir meines Handels

völlig bewußt. Ich wiederhole, daß ich Sonnhild liebe!«

Aber Ernst von Miltitz lächelte frostig und schüttelte den Kopf.

»Zugegeben, daß es wahr wäre -- im Grunde ist es aber nichts anderes

als das Eintagsspiel unreifer Kinder --, und wenn es so wäre, sage

ich, dann wüßtest du, was deine Pflicht ist.«

»Meine Pflicht kenne ich! Ich werde sie nie vergessen! Aber ihr Bereich

endet hier vor meinem Herzen. Untugend zu begehren und Sittenlosem zu

frönen, wäre meiner nicht würdig. Sonnhild aber ist eine Jungfrau von

makellosem Ruf und reinem Gemüt, die als Gattin heimzuführen, sich kein

Edelmann zu schämen brauchte!«

»Und vergißt du ganz, wer sie ist?« fragte Ernst von Miltitz mit

niedergehaltenem Zorn.

»Nein,« versetzte Bernhard, »das vergaß ich nicht. Sie entstammt einer

rechtschaffenen und sehr geachteten bürgerlichen Familie. Aber sollte

mich dies hindern, dem Mädchen meine Liebe zu schenken? Nimmermehr!

Denn welche Mutter aus adligem Geschlecht könnte feineren Adel in die

Seele ihres Kindes pflanzen, als ihn Sonnhild besitzt! Wer sie kennt,

wird mein Handeln verstehen; nur die herrschenden Anschauungen unserer

Kreise sind gegen mich!«

Ernst von Miltitz stand vom Stuhl auf.

»Du bist noch zu jung, mein Sohn, um dich schon zu verlieben. Auch

fehlt es dir noch am richtigen Empfinden, was man mit Rücksicht auf

seinen Stand unterlassen muß. Meine väterliche Obrigkeit braucht aber

mit dir hierüber nicht zu verhandeln. Ich habe mich umsonst an deinen

Verstand gewandt, der ist dir verliebten Toren abhanden gekommen.

Bernhard, ich untersage dir den Verkehr mit dem Mädchen! Du wirst sie

vergessen!«

Der Jüngling blieb hierauf stumm. Dieses Schweigen reizte den erzürnten

Vater.

»Du Tropf,« sagte er, »dein Herz wird nicht in Stücke gehen. Schon

morgen betrachtest du, was du heute aufgibst, als eine Laune von

gestern.«

Da klang es fest und ruhig von Bernhards Mund:

»Ich liebe Sonnhild aus tiefster Seele und werde nie anders können!«

Jetzt brauste Ernst von Miltitz auf:

»Widerspruch gegen mein Gebot? Weißt du jetzt selbst nicht mehr, daß

die vornehmste Pflicht eines Kindes gegen die Eltern der Gehorsam ist?

Wage es nicht, meinem Willen zu trotzen!«

Diese scharfe Zurechtweisung verletzte Bernhard tief. Aber die

Hochachtung vor der väterlichen Macht verhinderte ihn, dies

auszusprechen.

»Versprich mir,« versetzte Ernst von Miltitz, »daß du dich dem Mädchen

nie wieder nähern wirst!«

Bernhard richtete den Blick fest auf den Zürnenden und antwortete:

»Vater, -- das vermag ich nicht zu versprechen.«

Bis jetzt hatte Frau Magdalena an sich gehalten. Nun rang sie die Hände

ineinander, und ihre Blicke suchten die Augen des Sohnes. Bernhard sah

es, aber er zuckte nur stumm mit den Achseln.

Ernst von Miltitz' Zorn wuchs durch den Widerstand. Der Jüngling hatte

seinen Vater noch nie so erregt gesehen, und er ahnte einen heftigen

Ausbruch, den er mit großer Beherrschung über sich ergehen lassen

wollte.

»Du kannst mir dein Wort nicht geben?« rief Ernst von Miltitz mit

zornbebender Stimme. »Einfältiger Knabe! Begreifst du nicht, daß

es dich nach etwas ganz anderem verlangt, als nach dem Herzen des

Mädchens?«

Bernhard schwieg. Er empfand heimliche Befriedigung darüber, daß er

seine Beherrschung behielt. Der ihn so verletzte, war sein Vater! Von

ihm durfte er keine Rechenschaft fordern!

»Und das Mädchen,« klang des Zürnenden Stimme wieder, »es wird nicht so

töricht sein wie du. Darf sie nicht die Braut eines Miltitz werden, so

kann sie doch seine Geliebte sein ...«

»Vater!« schrie Bernhard in diesem Augenblick schneidend auf und flog

auf den Sprecher zu. Ernst von Miltitz stand unbeweglich. Aber sein

Blick ging nach den Degen, die ihm zur Seite an der waffengeschmückten

Wand hingen.

So standen sich Vater und Sohn gegenüber. Ernst von Miltitz mit

gekünstelter Ruhe, Bernhard in leidenschaftlicher Erregung, mit

totenbleichem Gesicht und funkelnden Augen. Doch währte es kaum eine

Sekunde, dann war die Leidenschaft verflogen.

Bernhard fühlte tiefe Beschämung und ging mit gesenktem Kopf bis zur

Tür zurück. Doch auch Ernst von Miltitz hatte angesichts der drohenden

Haltung seines Sohnes die verlorene Beherrschung rasch wiedergefunden.

Er wußte sich schuld an dem häßlichen Auftritt. Deshalb sprach er auch

kein Wort mehr darüber, sondern trat an das Fenster und sah eine Weile

schweigend hinaus.

Endlich wandte er sich um und sagte in scheinbar gleichgültigem Tone:

»Kaiser Karl weilt wieder einmal in Worms. Der Herzog beabsichtigt,

Caspar von Carlowitz an das kaiserliche Hoflager zu senden, um der

Majestät seine gleichbleibende Ergebenheit und seine Standhaftigkeit

im alten Glauben von neuem zu versichern. Du wirst den herzoglichen

Abgesandten als Junker dahin begleiten. Ich habe mit Vetter Carlowitz

bereits alles verabredet. In drei Tagen gehst du nach Dresden und

meldest dich in der Hofkanzlei, woselbst die Pässe und Vollmachten für

Euch geschrieben werden. Vor deiner Abreise spreche ich dich noch!«

Bernhard vernahm dies alles wie im Traum. Das gestrige Erlebnis hatte

ihn schon erschüttert, und nun der heutige Tag! -- Er verneigte sich

stumm und begab sich auf sein Zimmer.

[Illustration]

[Illustration]

Neuntes Kapitel

Im Schatten des alten Markgrafenschlosses

Auf der Ostseite des Markgrafenschlosses fällt der hohe Syenitfelsen

in einer steilen Lehne ab. Diese mit Bäumen bewachsene Fläche hieß

der Tiergarten. An dieser Stelle stand hinter einem Vorsprung der

Grundmauer des Schlosses Sonnhild und schaute hinab.

Zwischen den Rebenstöcken drüben auf dem Ratsweinberg liefen

Winzerinnen geschäftig hin und her, und die weißen Tücher, die sie um

den Kopf geschlungen, tauchten in dem saftigen Grün abwechselnd auf, um

nach einer Weile wieder zu verschwinden.

Auf der hölzernen Elbbrücke mit den beiden Torhäusern über den

Brückenköpfen gingen und standen Menschlein, die von der Höhe aus so

klein erschienen wie Finger. Den Strom zogen langsam schwerbeladene,

mächtige Holzkähne hinunter. Sie kamen zum Teil aus Böhmen, zum andern

Teil bargen sie Erzeugnisse der meißnischen Handwerkskunst und trugen

diese nach den Seehäfen. Am Rande des Stroms klapperten lustig Getreide

mahlende Schiffmühlen, die bei einer Belagerung der Stadt von der Mauer

aus sorgfältig beschützt wurden, da man ihrer nicht entbehren konnte.

Am Fuße des Abhangs, gleichlaufend mit dem Strom, stand die Stadtmauer.

Sie war aus schweren Granitblöcken gebaut und wurde von steinhartem

Mörtel zusammengehalten. Ihre Höhe betrug an die zehn Ellen und zwei

Ellen ihre Stärke. Stromabwärts, wo die Mauer nach der Nordseite

zurücksprang, war das Wassertor, das wie alle andern Stadttore starke

Flügel besaß, mit schweren Eisenbeschlägen, Schlössern und Ketten.

Darüber erhob sich der mit Ziegeln abgedeckte, die Wohnung des

Torwächters enthaltende Stadtturm.

Sonnhild sah dies alles, aber es machte keinen Eindruck auf sie. Nur

stromaufwärts richtete sich zuweilen ihr Blick, dahin, wo sie hinter

Bäumen verborgen Siebeneichen wußte.

Da hörte sie leichte Tritte, und gleich darauf trat Bernhard hinter

der Mauerecke hervor. Bei Sonnhilds Anblick blieb er stehen, und sie

sahen sich eine lange Weile stumm in die Augen. Dann trat er heran und

reichte ihr die Hand.

»Bernhard,« sagte das Mädchen in schmerzlichem Ton.

Der Jüngling preßte die Lippen aufeinander und erwiderte nichts.

»Wie jubelte es doch noch vor kurzem in meinem Herzen«, klagte

Sonnhild, »heute ist es still darin. Das Schicksal ist uns

mißgünstig ...«

»Wir werden ihm trotzen!« fiel Bernhard ein und warf den Kopf in den

Nacken.

»Jungfrau,« fuhr er fort, »ich danke Euch für Eure Worte, die Ihr

soeben gesprochen. Bestätigen sie mir doch, daß auch Euer Herz von dem

bewegt ist, was ich fühle.«

Sonnhild fuhr bestürzt auf. Denn ihr ward bewußt, daß sie ihr zartes

Geheimnis verraten hatte.

»Junker,« stammelte sie, »um Gottes willen, was sprechen wir. Nein, es

darf nicht sein. Die tiefe Abneigung der beiden Stände voreinander,

denen wir angehören -- der Haß -- -- --«

»Sonnhild,« versetzte der Jüngling mit Ernst, »sprecht nicht also,

ich bitte Euch! Was uns trennend im Wege steht, ist nichts anderes,

als ein schlimmes Vorurteil. Wie lange noch, und die sich heute so

bitter bekämpfen, werden nicht mehr verstehen, warum sie dies einst

getan. Adel und Bürgertum werden noch einmal die Schranke zwischen

sich niederreißen und sich versöhnen. Dann erst können sie die großen

Aufgaben lösen, die ihnen gemeinsam gesteckt sind.«

»Wie edel Ihr seid,« antwortete Sonnhild. »Aber wann wird dies

eintreten? Die Abneigung ist ja so tief eingewurzelt. Und dazu der

grimme Glaubenshader!«

»Wir beten alle zu einem Gott,« sagte Bernhard, »und wer ihn aus tiefem

Herzen verehrt, der allein dient ihm wahrhaftig.«

Das Mädchen vermochte nicht, zu erwidern. Aber ein innig dankbarer

Blick lohnte die Worte des Jünglings.

»Man hält uns für Kinder, Sonnhild, und was wir tun, für kindisches

Spiel. Aber sie wissen nicht, wie sie irren. Zeigen wir es ihnen, daß

wir stark sind im Beharren und daß wir dulden können. Heute ist unser

Himmel trübe, aber wir werden auch wieder die Sonne an ihm heraufziehen

sehen!«

Des Mädchens Brust arbeitete heftig.

»Junker!« rief sie plötzlich, »nein, nicht diese Worte! Mein Vater ist

unversöhnlich. Er würde nie erlauben -- -- --«

»Euer Vater? Wohl ist er heftig gewesen, und ich habe seinen Zorn

schwer empfinden müssen. Aber ich habe ihm das verziehen. Denn das Heil

seines Kindes steht ihm über allem. Und er ist ja Euer Vater!«

Da ergriff Sonnhild beide Hände des Jünglings und drückte sie warm.

»Mein Vater gleicht dem Euern,« fuhr Bernhard fort. »Er hat mich streng

gescholten, als er es erfuhr, und es ist zu einem Auftritt gekommen,

so schlimm, daß ich zeit meines Lebens erröten werde, wenn ich daran

denke. Aber auch bei ihm ist väterliche Liebe der Grund zu seinem Zorn

gewesen. -- Ach, wenn nur die Anschauungen nicht so verblendet wären!«

Von Traurigkeit erfüllt, schwiegen sie und sahen hinab auf den Strom,

auf dessen Rücken die breiten Schiffe schwammen, und auf die Brücke,

über die gerade eine Herde Vieh getrieben wurde, denn es war heute

wieder Markttag, und auf die sanften Hügel elbaufwärts, die vom

hellsten Grün bis zum dunkelsten Braun in reichster Farbenpracht

prangten. Glanz und Flimmern erfüllte die Luft, und auf dem schmalen

Streifen Wiese zu ihren Füßen gaukelten schillernde Schmetterlinge von

Blume zu Blume. Die Sonne schien von hinten her auf das Schloß, dessen

kolossalen Schatten mit seinen scharf abgegrenzten Rändern weithin

werfend.

»Sonnhild,« sagte Bernhard, »wißt Ihr, was mein Vater für mich

bestimmt hat? Ich soll einen Abgesandten des Herzogs nach Worms an den

kaiserlichen Hof begleiten. Übermorgen schon reise ich.«

Das Mädchen krampfte die Hände zusammen, antwortete aber nicht.

»Jeder meiner Altersgenossen wird mich darum beneiden. Und wenn dieser

Auftrag mir geworden wäre, bevor ich Euch wiedergesehen, hätte er mich

mit Stolz erfüllt. Heute macht er mich traurig. Denn die Wahl ist nur

auf mich gefallen, damit ich für längere Zeit von der Heimat entfernt

werde. Ich soll Euch vergessen. Aber Sonnhild,« versicherte der

Jüngling mit überquellender Wärme, »ich werde Euch nie vergessen!«

Da raffte sich das Mädchen auf.

»Nein, Bernhard,« sprach sie mit Festigkeit, »Ihr dürft nicht also

sprechen! Preist diese Sendung als ein Glück und heißt sie willkommen.

Die lange Trennung wird uns über die schwerste Zeit hinweghelfen.

Weiltet Ihr hier, so würden sich unsere Herzen nicht beruhigen, weil

eines die Nähe des andern immer fühlen müßte.«

Hier schwieg das Mädchen und wurde blutrot, daß sie so geplaudert.

»Liebe Sonnhild,« erwiderte Bernhard mit Bestimmtheit, »mein Herz wird

sich immer nach dem Euern sehnen, und wäre ich noch so weit von Euch

entfernt.«

Die Verwirrung des Mädchens wuchs bei diesen Worten, und sie wandte ihr

glühendes Gesicht ab. Da konnte der Jüngling nicht mehr an sich halten.

Er ergriff Sonnhilds Hand und bat:

»Scheltet mich nicht, wenn ich so spreche. Ach, wenn Ihr wüßtet,

Jungfrau, wie es um mich steht! Alles, was gut ist in mir, gehört Euch.

All meine Gedanken weilen am liebsten in Eurer Nähe, und wenn ich bei

Euch sein darf, und wenn ich in Eure lieben Augen schaue -- -- --«

»Haltet ein, Bernhard!« rief das Mädchen mit fliegendem Atem, »was

sprecht Ihr! Schonet meiner!«

»Nein,« fuhr der Jüngling mit gesteigerter Erregung fort, »laßt es

mich einmal sagen, was ich für Euch empfinde. Die Riesenlast möchte

mich sonst noch erdrücken. Sonnhild, ich liebe Euch mit meinem ganzen

Herzen, mehr, als ich Vater und Mutter liebe, und Euch zu besitzen,

wäre mir das höchste Glück auf Erden!«

»Aber es darf doch nicht sein!« schrie Sonnhild gequält auf.

»Vergeßt einmal alles,« bat Bernhard in weichem Tone, »was uns

scheidet, und sprecht das aus, wozu das Herz Euch drängt. Ach, sagt es

mir doch nur ein einziges Mal, wonach meine Seele bangt.«

»Bernhard, lieber Bernhard,« flehte Sonnhild mit rührender Stimme,

»seid stark!«

Und er sah, wie ihre Lippen zuckten, und wie ihre Augen umflort waren.

Sie war ein tapferes Mädchen und bezwang sich besser als er!

Sonnhild mußte alle Kraft zusammennehmen, um ihre Rührung zu bekämpfen.

Da bemerkte sie die tiefe Niedergeschlagenheit Bernhards. Und als sie

ihn heimlich noch einmal ansah, liefen ihm zwei dicke Tränen über die

Wangen. Aber sie wollte standhaft bleiben. Dann handelte sie, wie es ja

auch für ihn das beste war.

Sonnhild wandte sich ab und tat, als ob sie die Tränen des Jünglings

nicht bemerke. Sie fühlte in ihrer Brust einen nagenden Schmerz, und

sie mußte an sich halten, daß sie nicht verzweifelt schrie: »Bernhard,

ich kann ja nicht leben ohne dich!«

Minuten vergingen in lautlosem Schweigen. Endlich hob Bernhard an:

»Sonnhild, wollen wir nicht du zueinander sagen, wenn wir uns wieder

begegnen?«

»Ja, Bernhard,« antwortete das Mädchen freudig, »seien wir fortab

Freunde. Nimm mein schwesterliches Du!«

»Ich danke dir, Sonnhild,« sprach der Jüngling bewegt. »Aber nun bitte

ich noch um eins: übermorgen reise ich. Sonnhild, ich gehe weit fort.

Auf wie lange, weiß ich nicht. Möchtest du mir nicht morgen noch ein

einziges Viertelstündchen schenken, daß wir uns Lebewohl sagen?«

Das Mädchen schrak zusammen. Heute hatte sie ihr Herz bezwungen, ob ihr

dies noch einmal gelingen würde ...?

»Ach, Bernhard« stammelte sie bestürzt, »steh davon ab. Ich bitte dich

darum. Es ist des Schweren nun genug für uns!«

»Sonnhild,« antwortete er leise, und sein ganzes Herz lag in der

Stimme, »gewähre mir diese letzte Bitte! Laß uns morgen Abschied

nehmen.«

Das Mädchen schlug die Hand auf die Augen und wandte sich ab. Da

ergriff er ihre Rechte, und sie fühlte sein flehendes Verlangen noch

einmal im Druck seiner Hand.

»Wenn du es wünschest, Bernhard, so sei es,« sprach sie leise.

Darauf gingen sie stumm auseinander.

* * * * *

Am nächsten Tag schritt Bernhard mit schwerem Herzen den Hohlweg

hinauf. Sein Gesicht zeigte die Spuren starker seelischer Erregung,

sein Gang war müde. Er hatte die letzte Nacht wachend auf seinem Lager

zugebracht. Liebte ihn Sonnhild nicht? Doch, er fühlte es. Aber sie

konnte ihr Herz bezwingen.

Bernhard empfand leise Scham, wenn er daran dachte, was für ein starker

Charakter das Mädchen war. Und er war fest entschlossen, heute keine

Schwachheit zu zeigen.

Als er den Ausgang des Hohlwegs erreicht hatte, stand geradeaus am

Stadttor das Judenmädchen, ihm den Rücken zuwendend. Ob sie in den

jüngst vergangenen Tagen, wo er nicht vor das Tor gegangen, seiner

geharrt?

Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke Bernhard gekommen, entschwand er

ihm wieder. Er bog links ab zur Schloßfreiheit und kam zum Afrakloster.

Als er dieses erreicht hatte, trat ein Priester aus der Tür, angetan

mit dem Meßgewand und in den Händen das Kruzifix und den Kelch mit der

Hostie. Er befand sich auf einem Versehgang, daß er einem Sterbenden

sein letztes Stündlein erleichtere. Die beiden Ministranten gingen

voran. Und da gerade ein paar Leute des Wegs kamen, ließen sie die

Klingeln ertönen. Aber die Männer beugten das Knie nicht, sondern

schritten mit abgewendeten Blicken vorüber. Es waren Lutherische.

Bernhard kniete jedoch nieder. Und als ihm der Priester das schwarze

Kreuz entgegenhielt, küßte er entblößten Hauptes die silberne Gestalt

des Erlösers. Alsdann faltete er die Hände, neigte das Haupt darüber

und flüsterte: »Hilf uns, heilige Maria, Gottesmutter, in unserem

schweren Herzeleid!«

Darauf schritt der Mönch die Stufen des Steigs hinunter, während

Bernhard am Schleinitzer Hof vorbei über die hohe Brücke ging, deren

gewaltiger steinerner Bogen, den Hohlweg überspannend, den Schloßberg

mit dem Afrafelsen verbindet. So kam er zum Burgtor, durchmaß den

kleinen Schloßhof und ging dann am Kornhaus vorbei quer über den

Domplatz.

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 5 / 15 段