erwachsen? Der Amtmann würde sicherlich Gelegenheiten suchen, wo der
Stadt etwas am Zeuge zu flicken war. Und finden würde er dabei etwas!
Er konnte ihr überall Schwierigkeiten bereiten, wenigstens solche,
die wirtschaftliche Einbußen bedeuteten. Doch man hatte ein ruhiges
Gewissen; der Haushalt der Stadt war geordnet. Aber doch freute sich
der Burgemeister im stillen, daß seine starke innere Erregung ihn nicht
fortgerissen hatte, als er dem Amtmann gegenübergestanden.
Sorgen und Aufregung hatten ihm also die letzten Wochen zur Genüge
gebracht.
Georg Waltklinger hielt den Kopf auf den Tisch gestützt, als eine Hand
leise über sein Haar strich. Er wandte sich um.
»Ach, Sonnhild,« sagte er zerstreut, »bist du noch wach?«
»Ich habe darauf warten wollen, bis du mit deinem Grübeln zu Ende
gekommen wärest. Aber du findest kein Ende.«
»Laß deinen Vater, Kind, du kannst seine Sorgen ja doch nicht teilen,«
versetzte Waltklinger.
»Lieber Vater, du vergißt über deinen Geschäften alles, das ganze Haus
und -- auch mich!«
Der wehmütige Klang dieser Worte drang Waltklinger zum Herzen. Und er
wurde sich bewußt, daß er seine Tochter wenig an den Zerstreuungen
ihrer Altersgenossinnen teilnehmen ließ, sondern geflissentlich an
das Haus bannte, damit die Zeit noch lange hinausgeschoben würde, zu
der er ihre Liebe mit jemand anderem teilen mußte. Hatte er dann aber
nicht auch die Pflicht, Sonnhild durch vieles Beisammensein mit ihr zu
entschädigen? Tat er dies?
Georg Waltklinger fühlte, daß er darin gefehlt. Zärtlich schlang er den
Arm um Sonnhild und zog sie auf seinen Schoß nieder.
»Mein Töchterchen,« sagte er tröstend, »die Zeiten werden auch wieder
besser. Ich will mich fortan immer rechtzeitig daran erinnern, daß
daheim mein Sonnenschein auf mich wartet.«
Dazu hob er ihren Kopf auf und sah in ihre bekümmerten Augen.
»Lieber Vater,« sprach Sonnhild, sich erhebend, »weißt du es nicht,
welchen Tag wir heute schreiben?«
Georg Waltklinger horchte auf und sann nach. Da lief plötzlich eine
dunkle Röte über sein Gesicht, daß er wie ein Schuldbewußter vor seinem
Kinde saß.
»Verzeihe deinem Vater, Sonnhild!« sagte er in tiefer Rührung. »Es ist
heute das erstemal, daß ich ihren Todestag ohne Feier habe vorübergehen
lassen. Komm, laß uns das Versäumte nachholen.«
Und er nahm den doppelarmigen Leuchter von schwerem Silber und ging
mit ihm voran in das erste Stockwerk. Als sie durch die Reihe der
Prunkstuben hindurchschritten, schallten ihre Schritte dumpf von den
Wänden zurück.
In dem hintersten Gemach angekommen, stellte Waltklinger den Leuchter
nieder. Dann neigte er sich über einen kleinen Betstuhl, der noch von
Urgroßvaters Zeiten stammte, und zog an einer niederhängenden Schnur,
worauf sich ein grünseidener Vorhang teilte und eine in Öl gemalte
Leinwand sichtbar wurde. Der dunkle Rahmen umschloß ein herrliches
Frauenbildnis. Der Kopf war bedeckt mit einer schweren Last golden
glänzenden Haares. Und das schmale Gesicht trug einen unaussprechlich
lieblichen Ausdruck.
»Laß uns beten,« sagte Georg Waltklinger.
Da knieten Vater und Tochter nieder und beteten leise miteinander.
In dem Gemach herrschte tiefe Stille. Nur der Wurm nagte leise in
dem Getäfel der hohen Wände, und die seltsam geformten Schatten des
flackernden Kerzenlichts huschten gespenstisch darüber hin.
Hierauf erhoben sie sich und sahen lange stumm in das engelschöne
Gesicht an der Wand. Endlich wandte sich Waltklinger zu Sonnhild, legte
ihr die Hände auf das Haupt und sprach mit Inbrunst:
»Bleibe ebenso gut und edel und rein, mein Kind, wie du bisher warst
und wie deine Mutter es gewesen ist!«
[Illustration]
[Illustration]
Siebentes Kapitel
Eine große Enttäuschung
Bernhard von Miltitz sehnte voll Ungeduld die nächste Zusammenkunft
mit Sonnhild herbei. Die Tage bis dahin vertrieb er sich damit,
einsam durch Wald und Flur zu streifen. Sein einziger Gedanke war
sie! Und sein Herz schlug vor Freude rascher, wenn er sich mit aller
Lebendigkeit die Erinnerung daran zurückrief, wieviel freundliche Worte
und Blicke Sonnhild für ihn besessen. Zuweilen fuhr er nachts aus dem
Schlafe auf. Dann meinte er, das Mädchen müsse vor ihm stehen. So
lebhaft hatte er von ihr geträumt.
Als endlich der Tag des Wiedersehens gekommen, machte sich der Jüngling
schon lange vor der festgesetzten Zeit auf den Weg. Er hatte sich
heute mit besonderer Sorgfalt gekleidet und das braune Haar fleißig
gebürstet, daß es in zierlichen Wellen herabhing. Auch einen prächtigen
Stickereikragen hatte er auf die Schultern gelegt und nagelneue, braune
Knöchelschuhe angezogen.
So ging er leichten Schrittes durch die Gassen der Stadt. Manche
Jungfrau, die dem vornehmen Junker begegnete, hätte ihn gar zu
gern genauer betrachtet. Aber die gute Sitte verlangte, daß sie
mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeiging. Nur die jungen
Bürgerstöchter, die an den Fenstern hinter den blütenweißen Vorhängen
standen und sich die Zeit damit vertrieben, auf die Vorübergehenden
hinabzuschauen, verfolgten den Jüngling mit den Augen, so weit sie
konnten. Sein feines, bleiches Gesicht -- das nur ein wenig zu ernst
war --, fesselte ihre Aufmerksamkeit in hohem Maße und seine Haltung
entzückte sie.
Als Bernhard zum Lommatzscher Tor hinausschritt, mußte er unwillkürlich
des Mädchens gedenken, dem er jüngst begegnet war. Aber ebenso rasch,
wie dieser Gedanke gekommen, verschwand er wieder. Sonnhild stieg vor
seinem Geiste herauf und hielt all seine Sinne im Bann.
Der Jüngling setzte sich neben der Straße auf einen Stein, um hier das
Mädchen zu erwarten. Da schlug es vom Dom mit dumpfen Schlägen die
vierte Stunde. Bernhard sprang auf. Sollte er Sonnhild verfehlt haben?
Sie hatte heute gewiß einen andern Weg gewählt. Vielleicht war sie in
großer Ungeduld noch früher hinausgegangen als er und erwartete ihn an
der bekannten Stelle.
Mit eiligen Schritten lief Bernhard durch den Wald. Schon während des
Nahens suchten seine Augen die weiße Gestalt unter den grünen Bäumen.
Aber er konnte sie nicht entdecken. Endlich hatte er das Ziel erreicht,
-- Sonnhild war nicht zu sehen. Er eilte zu einigen anderen Punkten,
wo er mit ihr schon einmal verweilt, suchte alles mit den Augen ab,
rief »huhu!« und darauf wiederholt ihren Namen -- umsonst. Seine Stimme
verhallte im Walde.
Da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung über ihn. Er warf sich
auf das schwellende Moos, verschränkte die Arme unter dem Kopf und
sah starr auf das leise Spiel des Windes in den Blättern. Bald setzte
er sich jedoch hastig wieder auf und sprang endlich in die Höhe. Das
heimliche Angstgefühl hatte ihn gepackt, Sonnhild könne krank geworden
oder ein Unglücksfall möchte ihr zugestoßen sein.
Unschlüssig, wie er sich hierüber Gewißheit verschaffe, trieb es ihn
rastlos in die Kreuz und die Quere, bis er endlich wieder auf dem alten
Fleck stand. Jetzt zwang sich Bernhard zum ruhigen Nachdenken. Es mußte
doch nicht gerade Krankheit sein, was Sonnhild am Kommen verhindert
hatte. Konnte nicht das Gespräch, welches sie gepflogen, die Ursache
sein, daß Sonnhild ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm vermied? Der
Zwist ihrer Väter und sein Bekennen zur katholischen Kirche -- --.
»Dieser unselige Religionshader,« seufzte der Jüngling, »nun empfinde
auch ich ihn.«
Traurig strich er ziellos durch den Wald, von Zeit zu Zeit nach dem
Aussichtspunkt zurückkehrend mit der leisen Hoffnung, das Mädchen könne
sich noch verspätet eingefunden haben. Er zermarterte seinen Kopf mit
Plänen, wie es ihm wohl möglich sei, Sonnhild heimlich zu sprechen.
Aber er gab einen Entschluß nach dem andern wieder auf. Mit ihrer
Ausführung hätte er Sonnhild sicher nur geschadet.
Nun ging der Tag zur Rüste, und jede Hoffnung, das Mädchen noch zu
sehen, entschwand. Bernhard schaute noch einmal hoch über den Strom
hinweg, nach den Weinbergen, die im Widerschein des aufleuchtenden
Abendrots in einen Schimmer von Purpur getaucht waren. Dann richtete
er den Blick auf das herrliche Meisterwerk Konrads von Westfalen, das
Markgrafenschloß, dessen zahlreiche Fenster rot glühten, als stehe
hinter ihnen alles in Flammen, und auf den altehrwürdigen Dom. Die
Strahlen der scheidenden Sonne umschmeichelten das goldene Kreuz in
schwindelnder Höhe, als wenn das Himmelslicht die letzte Dulderstätte
seines Herrn und Meisters, dieses irdische Symbol des höchsten Heils
noch einmal küssen wolle.
Aber der Jüngling hatte heute für die überwältigende Schönheit dieses
Anblicks kein Auge. _Seine_ Sonne strahlte nicht! Und vor seinem bangen
Blick zogen drohende Schatten herauf.
Müde begab er sich auf den Heimweg. Als er die Straße erreicht hatte,
bemerkte er eine weibliche Gestalt, die seitwärts an einem Baum
lehnte, als wenn sie ihn schon seit langem erwartet habe. Es war das
Judenmädchen.
Sie stand in steifer Haltung und hielt die Augen unverrückt auf ihn
gerichtet. Bernhard sah kurz hinüber. Und auch heute hatte er wieder
das Empfinden, als wenn er Sonnhilds Augen sähe.
Ihrer nicht achtend, ging er vorüber. Da hörte er, wie sie ihren Platz
verließ und ihm in kurzer Entfernung folgte. Bernhard verdroß dies. Er
blieb stehen, um sie vorbeizulassen. Sobald sie jedoch seine Absicht
erkannte, blieb sie ebenfalls stehen. Da warf er ihr einen strafenden
Blick zu. Sie fing ihn gleichmütig auf, und Bernhard sah, wie ihre
Augen verzehrend auf ihn gerichtet waren.
Er wandte sich wieder zum Gehen; sie folgte ihm. Er blieb stehen
-- sie auch. Nach einer Weile tat er es noch einmal, -- das Spiel
wiederholte sich.
Da ward der Jüngling zornig. Er trat auf das Mädchen zu und fuhr sie
hart an. Aber es schien, als wenn sie seine barschen Worte nicht
verstünde. In ihr marmorweißes Gesicht schoß ein schwaches Lächeln,
und in den glutvollen Augen loderte es auf. Das Schweigen des Mädchens
erbitterte Bernhard, daß er sie wütend schalt. Da wurde das Lächeln
auf ihrem Gesicht stärker; es drückte die Befriedigung aus, die sie an
seiner Gegenwart empfand.
Bernhard stand ratlos da. War sie erfreut, wenn er sie schalt? Er mußte
es annehmen! Was für ein rätselvolles Mädchen war dies! Was wollte sie
von ihm! Da schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Sie war sicherlich
kein Kind des Landes, und seine Sprache war nicht die ihrige.
»Verstehst du, was ich zu dir spreche?« fragte er.
»Ich verstehe Euch,« klang es zurück.
Da sah Bernhard dem Mädchen verständnislos ins Gesicht. Dann wandte er
sich ab und verfolgte den Weg weiter, sich nicht mehr daran kehrend,
daß sie ihm wie sein Schatten folgte.
Als sie das Stadttor erreicht hatten, drängte sie sich an ihn heran
und blickte ihm noch einmal ins Gesicht Dann blieb sie stehen. Da trat
aus der Wohnung des Torhüters eine Frau von unverkennbar jüdischem
Aussehen, deren Gesicht noch die Spuren einstiger hoher Schönheit trug.
Die sagte zärtlich zu dem Mädchen:
»Mirjam, mein Seelchen, wo bist du so lange gewesen?«
Das Mädchen achtete aber nicht auf diese Frage, sondern fuhr die Frau
an:
»Mutter, gib mir Geld auf ein Paar neue Schuhe!«
* * * * *
Während der hierauf folgenden Woche ging Bernhard täglich vor das
Lommatzscher Tor hinaus, ohne jedoch Sonnhild wiederzusehen. Sein Gemüt
umdüsterte sich, und er wurde tieftraurig. Jeden Morgen hoffte er von
neuem, daß sie sich heute einstellen würde, und jeden Abend ging er
mißmutig und enttäuscht nach Siebeneichen zurück.
Das Judenmädchen stand Tag für Tag wie eine Bildsäule unter dem Baum,
seiner wartend. Wenn er vorbeigeschritten war, heftete sie sich lautlos
an seine Fersen. Bernhard hatte noch einen letzten Versuch gemacht, sie
davon zu jagen. Aber sie hatte seinen Zornausbruch teilnahmlos über
sich ergehen lassen. Und als er die Hand erhoben, um sie zu schlagen,
hatte sie gelächelt. Seitdem kümmerte er sich nicht mehr um sie und
vergaß zuweilen völlig, daß sie in seiner Nähe war.
Nun waren sieben Tage vergangen, ohne daß Bernhard Sonnhild
wiedergesehen hätte. Es war wieder Samstag. Bernhard lag an derselben
Stelle, wo sie sich getroffen, im Grase und träumte mit offenen Augen
von ihr. Das Herz war ihm schwer. Er wußte nicht, ob das Mädchen krank
war, oder ob sie nichts mehr von ihm wissen wollte.
Endlich erhob er sich von dem weichen Moosteppich, mit dem Entschlusse,
einen gewaltsamen Versuch zu wagen, Sonnhild wiederzusehen. Da fielen
seine Augen auf die Jüdin. Sie stand unweit von ihm und blickte ihn
an -- flehentlich und verlangend. Bernhard fühlte sich gefesselt von
diesen ausdrucksvollen Augen, und er empfand eine unerklärliche Unruhe.
Das Blut drang ihm heiß in die Schläfen, und seine Pulse flogen.
Mit feinem Instinkt merkte das Mädchen blitzschnell diese Veränderung.
Sie tat einen geschmeidigen Katzenschritt und stand nun dicht vor
ihm. Bernhard sah ein frohlockendes Lächeln auf ihren halbgeöffneten
Lippen und unterschied das heftige Wogen ihres Busens. Die Einsamkeit
des Waldes und das verschwommene Licht steigerten die Wirkung, die das
Mädchen auf den Jüngling ausübte. Sein ganzer Körper zitterte, und
eine starke Macht, die er noch nie empfunden, drängte ihn zu der Jüdin
hin. Schon fühlte er seinen Widerstand schwinden, -- da raffte er noch
einmal allen Willen zusammen.
Zurücktretend wandte er sich ab und ging langsam dahin. Wohl merkte er,
wie der Sturm in seinem Innern noch tobte, aber er zwang sich zur Ruhe.
Da erschien vor seiner Seele das leuchtende Bild Sonnhilds, und er sah
ihre unschuldvollen Augen. In demselben Augenblick fiel alle Schwäche
von ihm ab, und die kühle Besonnenheit stellte sich wieder ein.
Hinter sich hörte er die schleichenden Tritte des enttäuschten
Mädchens, das zu früh frohlockt hatte. Schnell trat er den Heimweg an,
damit die Versuchung weit hinter ihm bleibe.
[Illustration]
[Illustration]
Achtes Kapitel
Zwei bewegte Unterredungen
Der Abend dieses Tages war hereingebrochen. Mit dem Dunkelwerden waren
die Gassen Meißens verödet. Jetzt lagen sie in tiefer Ruhe. Im Sommer
pflegten viele Einwohner sich zu dieser Stunde zur Ruhe zu begeben.
Überdies war ja morgen Sonntag, an dem sich bei schönem Wetter das
Leben auf den Gassen schon frühzeitig entfaltete. Nur hier und da
brannte hinter den Fenstern noch Licht zu der letzten Verrichtung der
emsig schaffenden Hausfrau.
Dieser geringe Lichtschimmer bildete die einzige Beleuchtung der
Gassen. Wenn auch diese schwachen Flämmlein erstarben, war es dunkel
in der Stadt. Wer also zu später Stunde noch außer dem Hause war und
nicht das Glück hatte, daß ihm der Mond freundlich sein bleiches Licht
spendete, der mußte aufs Geratewohl seinen Weg zurücklegen. War aber
die Finsternis dem Auge undurchdringlich, dann trug wohl der nächtlich
Wandelnde eine Laterne in der Hand. Nur die reichen Bürger ließen sich
von einer Magd heimleuchten, und die Vornehmsten in den großen Städten
wurden von Dienern begleitet, die Pechfackeln vorauftrugen.
Tiefe Ruhe herrschte in der Stadt. Nur in den Schenkstuben war es
noch lebendig. An Gesprächstoff mangelte es in dieser bewegten Zeit
natürlich nicht. Aber selbst in stillen Zeiten hat Frau Politik, diese
liebenswürdige Dame, für jeden Stammtisch auf dem Erdenrund, an dem
wackre deutsche Männer sitzen, wenigstens ein Quentchen interessanter
Neuigkeit freundlicherweise immer übrig gehabt.
Es war ein milder Frühlingsabend. Sonnhild saß auf dem Lustgänglein,
um die herrliche Luft zu genießen. Vor ihr stand auf dem kleinen Tisch
eine zinnerne Lampe, in deren mit Erdöl gefülltem Becken der brennende
Docht lag. Das Mädchen hielt eine angefangene Stickereiarbeit in den
Händen, die zu dem nahen Geburtstag des Vaters fertig sein sollte.
Sonnhild stichelte tapfer beim trüben Schein der Lampe. Da entsank die
Arbeit den fleißigen Händen, und ihr Blick verlor sich. Sie dachte
angestrengt nach. Ein wehmütiger Zug trat auf ihr Gesicht, und endlich
lief eine feine Röte darüber hin. Das Mädchen erschrak und nahm die
unterbrochene Arbeit wieder auf. Bald kamen aber die Träumereien von
neuem, und sie vergaß gänzlich die Außenwelt.
Da fuhr sie auf. Hatte sie nicht auf dem Hof leises Geräusch vernommen?
Sie horchte. Es war alles still. Der milde Abendwind spielte leise mit
dem leinenen Vorhang, der ihren Platz von dem hinteren Teil der Galerie
abschloß. Sie beruhigte sich und gab sich von neuem willig den Gedanken
hin, die sie erfüllten.
Aber schon wieder war es ihr, als ob sie etwas Ungewöhnliches gehört
habe. Doch schalt sie auf ihren törichten Argwohn, denn was sollte sie
hier stören? Und abermals vergaß sie die Arbeit. Sie legte sich zurück
und schloß die Augen. Es mußte eine freundliche Erinnerung sein, die
in ihrer Seele heraufstieg! Denn ein glückliches Lächeln trat auf ihr
Gesicht, und ihr Mund flüsterte leise einen Namen -- einmal, zweimal.
Im nächsten Augenblick aber richtete sie sich auf und horchte
angestrengt. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, daß sie einen fremden
Laut vernommen hatte. Sollte etwa ein Fremder ins Haus gedrungen sein?
Das Tor stand noch offen, der Vater verschloß es erst, wenn er aus der
Innungsstube nach dem Nachttrunk heimkehrte.
Das Mädchen saß unbeweglich und strengte alle Sinne an. Da bemerkte
sie, wie sich der Vorhang leise bewegte. Geängstigt sprang Sonnhild auf
und trat bis an die Mauer zurück, die Augen starr auf die Falten der
Leinwand gerichtet. Sie fühlte, daß dahinter ein Mensch stand. Ihre
Glieder waren wie gelähmt, und von ihren Lippen kam ein unterdrückter
Laut des Entsetzens.
Da teilte sich der Vorhang, und ein Mann trat in den Lichtkreis.
Sonnhild stand mit vorgeneigtem Oberkörper und starrte auf den
Eindringling Im nächsten Augenblick stieß sie geängstigt aus:
»Bernhard! ...« und
»Sonnhild!« klang es fast gleichzeitig, und Bernhard flog ihr zu Füßen
und haschte nach ihrer Hand und preßte sie lange an seine Lippen.
Sonnhild lehnte sich erschöpft an die Wand zurück; ihr Körper zitterte
vor Aufregung.
»Verzeiht,« flüsterte der Jüngling zerknirscht, »daß ich Euch
Angst bereitete. Ich bitte Euch tausendmal, mir zu verzeihen, edle
Jungfrau ...«
»Es ist nichts,« stammelte das Mädchen, sich sammelnd, »der Schrecken
ist schon vorüber. Wie tollkühn Ihr doch seid! Wenn nun mein Vater zu
Hause wäre!«
Bernhard erhob sich und betrachtete Sonnhilds verängstigtes Gesicht.
»Jungfrau,« sprach er, »wenn Ihr wüßtet, wie unsäglich ich in den
letzten Tagen gelitten habe! Mir war ja so sehr bange um Euch!« Und der
tiefe Ernst, der im Ton dieser Worte lag, bestätigte ihre Wahrheit.
»Auch mich, Junker, hat es nach dem Zusammensein mit Euch sehnlichst
verlangt,« sagte das Mädchen blutrot und mit niedergeschlagenen Augen.
»Und wie schwer ich es getragen habe, daß ich mein Versprechen nicht
halten konnte! Ich durfte es nicht wagen, Euch zu begegnen. Mein Vater
hat Verdacht geschöpft, oder ein mißgünstiger Aufpasser hat ihm etwas
hinterbracht. Er bat mich, den Fuß so lange nicht vor die Stadtmauer zu
setzen, bis er mir solches wieder erlaube. Und mein Vater ist ja so gut
zu mir, Junker! Man sagt, er sei ein Eisenkopf. Aber wenn er mit mir
spricht, ist er weich und liebevoll, wie eine Mutter zu ihrem kranken
Kind. Junker, -- ich durfte meinen Vater nicht betrügen!«
Bernhard sah Sonnhild voll Wärme an.
»Ihr tatet recht, Jungfrau,« sagte er leise, »Ihr dürft Eurem guten
Vater nicht weh tun. Aber ich flehe Euch an, mir Eure Gegenwart noch
einmal zu schenken. Von der Erinnerung an diese Stunde will ich dann
so lange zehren, bis das Glück uns holder sein wird. Denn in meinem
Herzen brennt eine Flamme, Jungfrau, die mich noch verzehrt!«
Sonnhild senkte den Kopf.
»Ihr sagtet Eurem Vater zu,« sprach der Jüngling weiter, »nicht vor
die Tore der Stadt zu gehen. Dieses Versprechen sollt Ihr ihm halten!
Deshalb sei der Ort unserer Begegnung der Schloßberg. Die dichten Bäume
am Fuße der Burg werden neidische Blicke von uns fernhalten. O -- edle
Jungfrau, sagt nicht nein, ich flehe darum!«
Der Klang dieser Worte schlug dem Mädchen ans Herz. Und als sie in
Bernhards bittende Augen sah, war ihr letzter Widerstand besiegt.
»Sei es darum,« flüsterte sie mit schmerzlichem Lächeln, »wie könnte
ich Euch etwas abschlagen, wenn Ihr so bittet. Am Dienstag zur
gewohnten Stunde wartet meiner oben im Schloßhof, ganz hinten an der
Mauer auf der Elbseite.«
»O -- wie gütig Ihr seid,« erwiderte der Jüngling, »ich danke es Euch
viele Male!«
»Doch wie konntet Ihr nur hierherkommen?« fragte Sonnhild ängstlich,
sich erst jetzt der großen Gefahr bewußt werdend, in der sie schwebten.
»Den Wächter am Jüdentor bestach ich mit einem reichlichen Weingeld.
Er wird mir auch zum Austritt wieder öffnen. Euer Haus fand ich offen,
und als ich den Lichtschein im Hofe sah, legte ich rasch die Leiter an
und gewann so das Lustgänglein. Noch konnte ich Euch ja nicht sehen
und zögerte deshalb. Da verriet mir der Schlag meines Herzens Eure
Gegenwart. Und so fand ich Euch,« schloß der Jüngling treuherzig.
Das Mädchen antwortete nicht, ließ es aber geschehen, daß Bernhard ihr
tief in die Augen sah. Plötzlich sagte sie hastig:
»Jetzt aber geht schnell! Die Uhr steht kurz vor zehn, -- der Vater
möchte uns andernfalls überraschen!«
Sie führte Bernhard die Treppe hinab und setzte die Lampe auf deren
unterste Stufe, daß ihr Licht den großen Hausflur spärlich erhellte.
Ein letzter Blick und Händedruck -- dann wandte sich Bernhard zum
Gehen. Im nächsten Augenblick prallte er zurück: er sah im Rahmen der
offenen Tür die hohe Gestalt eines Mannes stehen.
Der Jüngling war heftig erschrocken. Zudem bemerkte er noch, daß
Sonnhild taumelte und die Augen schloß. Dann trat der Mann näher und
richtete die Blicke durchbohrend zuerst auf Sonnhild, dann auf ihn
selbst. Bernhard sah in das gerötete Gesicht des Mannes, das dessen
hohe Erregung verriet. Eine Weile kämpfte dieser mit sich, bis er in
rauhem Tone fragte:
»Wer seid Ihr?«
»Bernhard von Miltitz,« antwortete der Jüngling, sich blitzschnell
des Tages erinnernd, an dem derselbe Mund die nämliche Frage an ihn
gerichtet hatte.
Der Mann zuckte zusammen, und mit großer Anstrengung fragte er wieder:
»Und was führt Euch zu dieser Stunde, was überhaupt kann _Euch_ in mein
Haus führen?«
Der Jüngling schwieg.
Eine todesbange Minute verstrich. In dem dämmrig erhellten großen
Hausflur klang kein Laut. Die drei Menschen standen regungslos, als ob
sie von Stein wären.
Da schrie der Mann auf:
»Ein Miltitz! -- in meinem Hause! -- -- -- zur Nacht! --«
Hier schlug seine Stimme um. Und sich gegen Sonnhild wendend, kam es
nur noch mit furchtbarer Anstrengung aus seinem keuchenden Munde:
»Du ...! Du ...!«
In diesem Augenblick stellte sich Bernhard vor dem Wutschäumenden und
sagte mit fester Stimme:
»Herr Burgemeister, alle Schuld gebührt mir. Ich drang in Euer Haus
ein; niemand rief mich!«
»Bube!« keuchte Waltklinger, und es schien, als wenn er sich auf den
Jüngling stürzen wolle. »Mein Kind, mein reines Kind fordere ich von
dir ...!«
Da flammte es in Bernhards bleichem Gesicht auf. Die Seelenqual des
verzweifelten Vaters erschütterte ihn. Von tiefster Bewegung erfüllt,
erwiderte er:
»Auf Euerm Kind, Herr Burgemeister, haftet nicht der leiseste Makel!«
Aber der, dem diese Worte galten, war taub dafür. Seine sinnlose Wut
gewährte der ruhigen Überlegung keinen Raum. Lange nach Worten ringend,
stieß er endlich aus:
»Hinaus aus diesem reinen Hause -- Gewürm! Miltitze -- -- wir rechnen
noch miteinander ab!«
Eine Sekunde lang schwankte Bernhard, ob er nicht auf die schwere
Beleidigung antworten sollte. Dann gewann das Bedauern mit dem Wütenden
die Oberhand. Er warf einen raschen Blick auf Sonnhild. Bleich bis in
die Lippen hinein, lehnte sie an der Mauer, und in ihren Augen lag ein
herzzerreißendes Flehen. Das tilgte in des Jünglings Brust den letzten
Zweifel. Er schritt langsam zur Tür und verließ das Haus.