Dann trat er so weit vor, daß sein Blick ungehindert in die Weite

schweifen konnte. Drüben auf dem andern Elbufer erhoben sich die

Hügel, bedeckt von dem leuchtenden Grün der frischen Reben, und zu

seiner Rechten, dicht vor der Stadt, ragten der Dom und die alte

Markgrafenburg in das lichte Himmelsblau noch hinein. Auch heute lag

leuchtender Sonnenschein über dem entzückenden Bild, und die Luft wehte

weich und warm und spielte leise mit den Zweigen.

Bernhard war so in Gedanken versunken, daß er Sonnhild erst bemerkte,

als das Mädchen neben ihm stand. Jetzt sah er auf, und ihre Blicke

trafen sich. Sie trug ein enganliegendes weißes Kleid, das die schlanke

Gestalt der aufblühenden Jungfrau deutlich erkennen ließ.

Der Jüngling war von Sonnhilds Schönheit aufs neue betroffen. Er sah

eine kurze Weile stumm in das liebliche Gesicht, bis das Mädchen unter

seinem Blick errötete und die Augen niederschlug. Da trat er rasch

heran, und sie begrüßten sich.

Wie bei ihrem letzten Zusammensein brauchten sie erst eine Zeit lang,

um ihre Verlegenheit zu überwinden. Dann aber drängten sich die Worte

auf ihre Lippen und sie erinnerten sich beide daran, wie es vor fünf

Jahren an dieser Stelle ausgesehen und was sie damals miteinander

gesprochen.

So kamen sie ins Plaudern und gingen dabei tiefer in den Wald hinein,

der sich neben der Landstraße auf der Anhöhe hinzog. Bernhard legte

auch heute wieder seinen Arm behutsam in den der Jungfrau, ohne daß sie

durch ein Zeichen peinliche Überraschung verraten hätte. War sie sich

dessen im Eifer des Sprechens nicht bewußt geworden, oder erlaubte sie

ihm diese Vertraulichkeit? Der Jüngling hoffte das letztere.

Dann pflückten sie die am Wege stehenden Waldblumen und banden sie zum

Strauß. Bernhard ließ sich auf das Knie nieder und steckte den seinen

in Sonnhilds Gürtel. Darauf trat das Mädchen heran und nestelte ihre

Blumen an seinem Kragen fest. Dabei standen sie so eng beisammen, daß

ihr Atem sein Gesicht streifte und er die feinen Härchen unterscheiden

konnte, die Ohren und Wangen des Mädchens bedeckten. Als Sonnhild

aber bei einer unwillkürlichen Bewegung mit der Stirn des Jünglings

Wange leicht berührte, trat dieselbe dunkle Röte auf ihr Gesicht, die

Bernhard schon wiederholt darin hatte aufsteigen sehen. Und ihre feinen

Finger zitterten, bis es ihr gelang, die widerspenstigen Blumen zu

befestigen.

Von da an blieb das Mädchen einsilbig, und wenn sie lachte, klang

es nicht so natürlich wie sonst. Als Bernhard dies merkte, bemühte

er sich, dem Mädchen die Beklemmung überwinden zu helfen, indem er

harmlos weiterplauderte. Aber ihr Schweigen raubte ihm endlich die

Unbefangenheit, und sein Redefluß versiegte.

Da sagte Sonnhild:

»Junker, ich weiß nicht, ob Euch hinlänglich bekannt ist, welch

unseliger Zwist zwischen der Bürgerschaft und Eurem Vater besteht.«

Bernhard erschrak. Doch faßte er sich rasch und entgegnete, wie er wohl

wisse, daß eine starke Bewegung zugunsten der Reformation in der Stadt

sei. Seinem Vater liege es als Amtmann von Meißen ob, den Befehlen des

Herzogs, der von der Einführung der Reformation im meißnischen Sachsen

nichts wissen wolle, Geltung zu verschaffen. Und Bernhard fügte hinzu,

das Volk würde die Wünsche seines Fürsten gewißlich achten und seine

eigenen Wünsche fallen lassen.

Aber Sonnhild schüttelte den Kopf und versetzte mit wehmütigem Lächeln:

»Junker, Eure Harmlosigkeit von früher ist Euch verblieben. Wenn Ihr

glaubt, daß die Bürgerschaft Meißens ihre Wünsche aufgäbe, weil der

Herzog die Reformation nicht einführen will, dann täuscht Ihr Euch

über die Gesinnung der Meißner. Die Gegensätze verschärfen sich mit

jedem Tage. Und Euer Vater? Ich glaube bestimmt, daß er nichts anderes

tut als seine Pflicht! Aber der ganze Groll der vielen unbefriedigten

Menschen richtet sich zuerst doch nur gegen ihn.«

Hier sah Bernhard von Miltitz erstaunt auf.

»Gewiß, Junker, gegen Euern Vater! Der Herzog ist weiter entfernt, und

er steht viel zu hoch, daß man es wagte, die gereizten Reden gegen ihn

auszustoßen, mit denen die ergrimmte Bürgerschaft ihrem Herzen Luft

macht.«

»Aber mein Vater ist doch nur ein Diener des Herzogs, und was er tut,

tut er in seinem Namen,« warf Bernhard voll Eifer ein.

»Ich möchte Euch nicht wehtun, Junker,« entgegnete Sonnhild, »deshalb

dürft Ihr auch nicht denken, die Worte, die ich jetzt spreche, seien

meine eigene Überzeugung: die Bürgerschaft ist Eurem Vater bitter

gram, weil sie meint, er schüre den Zwist zwischen ihr und dem Herzog,

wo er nur könne, und bestärke diesen in seiner Abneigung gegen die

Lutherische Lehre. Denn Euer Vater, Junker, gilt als ein fanatischer

Papist.«

Diese Worte, so einfach sie gesprochen waren und obgleich ihnen jeder

Ton des Vorwurfs fehlte, machten auf Bernhard einen tiefen Eindruck. Er

erwiderte nichts und sah seitwärts in das Gebüsch. Da fühlte er eine

weiche Hand, die sich leicht auf seinen Arm legte. Und wie er aufsah,

blickte er in Sonnhilds große Augen, die traurig auf ihn gerichtet

waren.

»Habe ich Euch doch eine Kränkung bereitet?« sagte sie leise.

»Verzeiht, Junker, es war nicht bös gemeint!«

Bernhard war gerührt von dem weichen Ton in Sonnhilds Stimme und dem

unaussprechlich lieblichen Ausdruck ihres Gesichts, das dem eines

flehenden Kindes glich.

»Liebe Sonnhild,« sagte er herzlich, »was für ein edles Gemüt Ihr doch

besitzt.«

Da nahm sie ihre Hand von seinem Arm. Und als sie sich abwandte, schlug

ihr die Röte wieder ins Gesicht.

»Was Ihr da sagtet, Jungfrau,« begann Bernhard, »war eine Anklage gegen

meinen Vater. Ich bin noch zu unerfahren, um urteilen zu können, ob

mein Vater wirklich das tut, wessen man ihn bezichtigt. Wohl weiß ich,

daß sein Einfluß auf den Herzog groß ist, und daß ihn dieser vor vielen

anderen schätzt. Aber ich weiß auch, Jungfrau, daß mein Vater nicht

nur nach Rang und Geburt ein Edelmann ist! Er ist streng, ja, das ist

er! Er ist auch zuweilen -- heftig. Das habe ich als Kind wiederholt

fühlen müssen. Aber er ist auch gerecht! Und hinter seinem strengen

Äußeren verbirgt sich ein mildes Herz! Schon als Knabe habe ich meinen

Vater innig geliebt und tiefe Ehrfurcht vor ihm besessen. Jetzt aber,

nachdem ich sein Inneres geblickt, ist es mein sehnlichster Wunsch, die

Eigenschaften des väterlichen Charakters möchten sich auch in mir reich

entwickeln.«

Sonnhild warf einen warmen Blick auf Bernhard, ohne daß dieser es

bemerkte. Von dem Ernst seiner Rede ganz erfüllt, fuhr er fort:

»Mein Vater ist ein strenggläubiger Christ. Ob er der neuen Lehre

feindlich gegenübersteht, weiß ich nicht.«

»Ich glaube Euern Worten, Junker,« versicherte Sonnhild. »Dieser

unselige Zwist! Wieviel Tränen und Ärgernisse hat er nicht schon

gekostet. Wenn doch nur der Herzog die evangelische Lehre freigeben

wollte! Meint Ihr nicht auch, daß es Gott gleich gefällig ist, ob man

ihm nun so oder so dient? Nicht die Form ist doch hier das Wertvolle,

sondern der Inhalt.«

Bernhard wurde leicht verlegen. Es hätte ihn geschmerzt, dem Mädchen zu

widersprechen. Deshalb sagte er nur:

»Ich kenne nichts anderes, als den alten Glauben. Aber wir wissen

ja, daß es allein darauf ankommt, dem Höchsten mit ganzer Seele

anzugehören.«

Damit war Sonnhild zufrieden.

»Für heute,« sprach sie, »ist es aber genug, Junker! So Ihr jedoch

kommenden Samstag für ein Stündchen Zeit hättet ...«

»Aber Jungfrau, wie mögt Ihr nur so fragen,« erwiderte Bernhard, indem

er bemüht war, seiner Stimme einen Anflug von Vorwurf zu geben.

Sonnhild lächelte.

»Und wieder hier?« fragte sie neckend.

»Wieder hier,« antwortete er und drückte voll Wärme die Hand, die sie

ihm reichte.

Dann sah er ihr lange nach, bis die jungfräuliche Gestalt seinen

Blicken entschwand.

Langsam ging er darauf quer durch den Wald, bis zur Landstraße, die

er stadtwärts verfolgte. Da holte ihn ein junges Mädchen ein, das ihn

aufmerksam betrachtete und alsdann dicht in seiner Nähe blieb.

Bernhard fühlte, wie ihn die Unbekannte dreist ansah. Auch als

er seinen Blick verweisend auf sie richtete, fuhr sie fort, ihn

anzustarren.

Sie mochte zwanzig Jahre zählen. Ihr Körper war gut gewachsen und von

leichter Fülle. Beim Gehen wiegten die Schultern ein wenig, und der

wohlgerundete Busen schwebte auf und nieder. Ihr Gesicht war sehr

bleich, fast durchsichtig. Unter den starken, schwarzen Brauen glänzten

zwei herrliche Augen. Die schmale Nase besaß eine scharfe Krümmung. Das

Mädchen war eine Jüdin.

Bernhard sah von ihr weg. Aber er empfand, daß sie kein Auge von ihm

ließ. Ihrem abgenutzten Kleide nach stammte sie aus dem niederen Volke.

Nachdem beide ein Stück fast nebeneinander gegangen waren, sah er

wieder zu ihr hin und blickte eine kurze Weile in ihre großen, blauen

Augen.

Ein seltsames Gefühl überkam den Jüngling. Erinnerten ihn diese

Augen nicht an Sonnhild? Er verwarf den Gedanken. Doch mußte er bald

eingestehen, daß die Augen des Judenmädchens denen Sonnhilds glichen.

Aber sie sahen ihn ganz anders an. Die Augen Sonnhilds leuchteten wie

zwei Sterne am nächtlichen Himmel, die der Jüdin blickten starr und

frech. Und verhaltene Glut blitzte in ihnen.

Da sah er zum drittenmal hinüber, und ihre Blicke trafen sich wieder.

Eine magnetische Kraft schien von diesen Augen auszugehen.

Bernhard wurde ärgerlich, schwieg aber. So gingen sie bis zum Stadttor.

Hier angekommen, blieb das Mädchen stehen, während er durch das Tor

weiterging. Als er sich aber in geraumer Entfernung noch einmal umsah,

bemerkte er die Jüdin unbeweglich neben dem Torhaus an die Stadtmauer

gelehnt, ihm nachschauend.

Unwillig wandte er sich um. Aber lange hatte er das Gefühl, als ob die

starren Augen noch immer auf ihn gerichtet seien.

[Illustration]

[Illustration]

Sechstes Kapitel

Unerwarteter Besuch im Rathaus

Der Unfrieden der Bürgerschaft bereitete Georg Waltklinger nicht wenig

Sorge. Zudem hatte er in seinem Gewerbe fleißig zu schaffen. Vom frühen

Morgen bis zum Abend war er mit den Gesellen bei der Arbeit. Das Tuch,

das er anfertigte, stand bei den Kaufleuten in besonderem Ruf, und sie

bestürmten ihn mit Wünschen und großen Aufträgen.

Nur wenn ihn die Pflicht als Stadtoberhaupt rief, war er nicht in der

Werkstatt anzutreffen. Dann legte er die große Schürze ab, vertauschte

das Arbeitsgewand mit dem Kleide des Burgemeisters und begab sich auf

das Rathaus.

Zuweilen traf es sich, daß ein Bittender, um seinen Rat zu heischen,

ihn bei der Arbeit aufsuchte. Dieser mußte sich neben ihn setzen und so

sein Anliegen vortragen. Währenddem arbeitete Waltklinger schweigend

weiter und warf nur ab und zu eine Frage ein.

Besonders der Tuchmacher und Ratmann Niclas Anesorge saß wiederholt

bei ihm. Der alte Mann war ein Feuerkopf und ein eifriger Protestant.

In der Werkstatt daheim schaffte sein Sohn, er selbst überwachte die

Erfolge der evangelischen Lehre im ganzen Lande. Da er des jüngeren

Waltklingers Verstand und Mäßigung hoch schätzte, ordnete er sich ihm

willig unter.

Anesorge redete viel und heftig. Wenn er auf sein Lieblingsgespräch

kam, konnte er ganz wild werden. Dann schrie er nicht selten seine

Zuhörer an, daß es manchem bänglich zumute ward. In der Innungsstube

und in den Schenken wurde es rasch lebhaft, wenn Anesorge eintrat.

Natürlich bildete der Religionszwist seit langem den Mittelpunkt aller

Unterhaltung. Deshalb war der Stoff schon abgebraucht. Fuhr aber

Meister Anesorge irgendwo dazwischen, dann kam die Masse schnell in

Fluß.

Seine drei größten Feinde waren der Bischof, der ihm, wie er sagte,

den ganzen schönen Dom oben auf der Schloßfreiheit verleidete, ferner

Ernst von Miltitz und Herzog Georg. Von diesen dreien sprach er am

liebsten. Für jeden hatte er sich eine erkleckliche Anzahl liebevoller

Kraftausdrücke zurechtgelegt, die er scharf voneinander unterschied.

Wenn er lebhaft wurde, und dieses pflegte bald einzutreten, ließ er die

Kernworte als Würze in seine Rede einfließen.

Dazu schlug er mit der Faust öfters auf den Tisch und begleitete seine

Worte mit unvorsichtigen Handbewegungen. Dies rächte sich bisweilen,

denn er warf damit seinen eigenen Wein und den anderer unterschiedslos

um. Das machte ihn hitziger, als wenn er ihn getrunken hätte. Er

verstieg sich zu gewagten Ausfällen und entkräftete Behauptungen, die

niemand aufgestellt hatte. Ab und zu blickte er sich im Kreise um,

als wenn er Widerspruch erwarte. Aber die Umsitzenden hüteten sich.

Denn es war hinlänglich bekannt, daß der alte Anesorge mit demselben

Nachdruck, mit dem er die evangelische Bewegung verteidigte, den

leisesten Widerspruch gegen seine Ansichten ablehnte.

Wenn er endlich lange genug gewettert hatte, war die Last von seiner

Brust für diesen Tag herunter. Die hellen Augen leuchteten jugendlich

in dem vom Wein geröteten Gesicht, und mit sich selbst zufrieden,

strich er über das kurze, weiße Haar. Traf er alsdann auf dem

Nachhauseweg einen Handwerksburschen oder einen vagierenden Bettler, so

gab er diesem reichlich.

Daheim erwartete ihn sein Weib, das jedesmal sagte:

»Ich seh' dir's schon wieder an. Geh ins Bett, Mann! Dich muß der Tod

noch einmal besonders aufs Maul schlagen.«

Er aber kniff seine greise Ehehälfte zärtlich in die volle Backe und

entgegnete:

»Laß es nur gut sein, Alte! Wir erleben es noch beide, daß die

ganze schwarze Klerisei mit Sack und Pack -- heidi -- zum Stadttor

hinauszieht!«

Eines Tages wurde dem Burgemeister und den Ratmannen eine große

Überraschung. Sie waren wieder im Rathaus versammelt, als plötzlich

einer der beiden Stadtknechte mit dem Spieß in der, Hand die Treppe

heraufgestampft kam, die Tür zum großen Saal aufriß und hineinschrie:

»Seine Gnaden, der Herr Amtmann!«

Gleich darauf war zu aller höchlichstem Erstaunen Herr Ernst von

Miltitz eingetreten. Der Burgemeister selbst war es gewesen, der sich

als Erster erhoben, um den Vertreter des Herzogs zu begrüßen. Er tat

dies mit eisiger Miene. Und wie er sich verbeugte, sah es aus, als

wenn er des Stadtknechts Spieß verschluckt hätte.

Die Ratmannen, die ohne Ausnahme auf ihren Burgemeister guckten, taten

ebenso steif wie er.

Dann lud Waltklinger Herrn Ernst von Miltitz ein, zu seiner Rechten am

Tische Platz zu nehmen. Denn Gesetz und Recht forderten es, daß der

Amtmann den Beratungen der Ratsversammlung anwohnen durfte.

Die lange Tagesordnung wurde weiter besprochen. Als sie zu Ende war,

richtete sich Herr Ernst von Miltitz aus seiner zurückgelehnten Haltung

auf und sprach:

»Es fügt sich heute zum erstenmal, daß ich bei einer

Gemeindeversammlung gegenwärtig bin. Den Wunsch, dies einmal zu

tun, habe ich schon seit langer Zeit gehegt. Doch haben mich meine

zahlreichen Berufspflichten bisher daran gehindert. Ich habe mich

nunmehr davon überzeugt, mit welcher Ordnung und strengen Sachlichkeit

die Verhandlungen geführt werden. Darüber bin ich erfreut, aber nicht

verwundert. Denn nur so konnte ich es vorfinden. Welch ersprießliche

Tätigkeit der Burgemeister und die Ratmannen von Meißen entfalten, das

lehrt auf den ersten Blick der Zustand der blühenden Gemeinde. Es ist

weithin bekannt, wie die Stadt Meißen hierin unter den sächsischen

Städten obenan steht. Dieser Rang gebührt ihr mit Recht! Auch Herzog

Georg, unser allergnädigster Herr, weiß solches, und er freut sich

seiner guten und treuen Stadt. Ich wünsche, daß die Bürgerschaft

Meißens jederzeit genug solcher Männer findet, mit denen sie ihren Rat

beschickt!«

Ernst von Miltitz hatte diese Worte ruhig und hier und da mit Nachdruck

gesprochen. Der warme Ton ehrlicher Überzeugung hatte durchgeklungen.

Selbst der leiseste Verdacht, daß er schmeicheln wolle, hätte in keinem

der Zuhörer aufsteigen können.

Jetzt sah er sich im Kreise um, gleichsam als wollten die Augen

bestätigen, was sein Mund gesprochen. Aber die Männer saßen stumm am

Tische und hielten ihre Blicke gesenkt.

Über die ernsten Züge des Amtmanns lief ein Schatten. Er wartete noch

eine kurze Weile, dann fuhr er fort:

»Wo man soviel ehrliches Wollen und gutes Vollbringen antrifft, soll

freundliche Nachsicht Richter sein, wenn die Erreichung von Zielen

angestrebt wird, die man sich besser nicht gesteckt hätte. Die Bürger

kennen sattsam des Herzogs Entschlüsse in Sachen der Religion. Sie

haben als treue Untertanen die Pflicht, sie zu achten und sich ihnen

unterzuordnen. Wer seinen Fürsten liebt, beugt sich vor ihm! Ein

braver Untertan tut nicht gut daran, über die Grenzen des Landes

hinauszuschauen, damit er erblicke, was seine Unzufriedenheit erregt.

Die kurfürstlichen Sachsen beten im neuen Glauben, wie sie es nennen;

wir herzoglichen feiern unsere Andachten im alten. Die Evangelischen

beteuern, daß der Weg, den sie gingen, ebenso zur ewigen Seligkeit

führe. Es ist nicht mein Beruf, diesem zu widersprechen. Aber damit

erkennen sie an, daß auch die bisherige Straße dieses Ziel erreicht.

Glauben ist Herzenssache! Wer aber zwei Möglichkeiten des Vollbringens

sieht, kann _die_ Ausführung wählen, die sich mit den Pflichten eines

treuen Untertanen verträgt. Doch soll, was ich jetzt gesagt, nicht die

lobende Anerkennung abschwächen, die ich vorhin ausgesprochen.«

Ernst und eindringlich, fast väterlich hatte diese Rede geklungen. Doch

hatte sie keinen Eindruck hinterlassen, sie war wirkungslos verhallt.

Die Männer hatten mit eisigem Schweigen zugehört, das auch jetzt noch

anhielt.

Endlich räusperte sich der Burgemeister und erwiderte in achtungsvollem

Ton:

»Es erfüllt uns mit Genugtuung, Herr Amtmann, aus Euerm Munde zu

vernehmen, daß das Land und selbst des Herzogs Hoheit anerkennt, wie

der Rat der Stadt Meißen seine Pflicht tut. Diese Anerkennung soll uns

darin bestärken, wie bisher weiter zu wirken. Die Zustimmung zu unserem

Tun aber als Lob zu betrachten, weist der Rat zu Meißen ab! Denn er tut

eben nichts anderes als seine Pflicht!«

Zu diesen Worten erklang zum ersten Male ein beifälliges Murmeln.

»Was das andere betrifft, Herr Amtmann,« setzte Georg Waltklinger

mit weiser Mäßigung hinzu, »so haben uns Eure Worte die erhoffte

Befriedigung nicht gebracht. Glauben ist Herzenssache, sagtet Ihr.

Nun, Herr Amtmann, unsere Herzen verlangt es eben nach jener hohen

Befriedigung, die ihnen die Lehre des Doktors Luther gibt. Der alte

Glaube aber kann dem keine Erbauung mehr spenden, der die köstliche

Weihe empfunden, die das große Werk des Wittenbergers ausgießt. So Ihr

der Bürgerschaft von Meißen einen Dienst tun möchtet, den sie Euch nie

vergessen würde, dann geht hin zu unserm erlauchten Herrn und öffnet

ihm die Augen darüber, wie hoch die Not gestiegen ist, die sein Volk im

Innern leidet!«

Der Burgemeister hatte mit fließender Beredsamkeit und allen aus der

Seele gesprochen. Die Männer fühlten die tiefe Wirkung der Worte ihres

Oberhaupts. Kein Beifallszeichen ertönte, aber auf ihren Mienen stand

das Einverständnis zu dem Gehörten. Doch Ernst von Miltitz machte eine

abweisende Gebärde.

»Männer, die fest und wahr zu dem Herzog stehen, sprechen anders!«

Waltklinger richtete sich groß auf.

»Die zum Herzog stehen?« entgegnete er mit niedergehaltener Erregung.

»Nicht weniger treu und fest, als Ihr, Herr Amtmann, bekennt sich der

Rat und die Einwohnerschaft zu unserm gnädigen Herrn! Aber warum setzt

sich der Herzog so scharf in Widerspruch mit seinen Untertanen? Warum

gibt er die Kirchen für den lutherischen Glauben nicht frei? Warum

erlaubt er nicht, daß uns das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht

werde? Denkt er vielleicht, durch sein Sträuben für alle Zeiten das

zu verhindern, was mit zwingender Notwendigkeit doch einmal eintreten

muß? Treue und Anhänglichkeit zu der Person des Herzogs sind hohe

Tugenden, Herr Amtmann. Und wir üben sie. Aber über Fürstendienst steht

Gottesdienst!«

Da war es heraus! Nun wußte der Vertraute des Herzogs alles. Und er

konnte es seinem Herrn berichten. Das waren unerschrockene Worte

gewesen, die der Burgemeister gesagt hatte. Alle empfanden es! Die

freimütige Haltung Waltklingers hatte sie begeistert.

Ernst von Miltitz war vom Stuhl aufgestanden, und mit ihm erhob sich

die Versammlung.

»Herr Burgemeister,« sagte der Amtmann tief verstimmt, »ich habe das

Äußerste versucht, Euch von Euern unausführbaren Plänen abzubringen.

Es ist mir mißlungen. Ich bedaure es! Seid Ihr Euch aber auch bewußt,

was Eure abweisende Haltung bedeutet?«

Wie zwei Gegner standen die beiden Männer einander gegenüber. Georg

Waltklinger, der den Amtmann um eines Hauptes Länge überragte, stand

hoch aufgerichtet mit zurückgeworfenem Kopf. Noch nie hatte er die

Würde als Burgemeister so gefühlt, wie in dieser Minute, und noch nie

war er so stolz gewesen, ein freier Handwerksmeister zu sein, wie

gerade jetzt.

»Ja, Herr Amtmann,« kam es mit männlicher Festigkeit von seinen Lippen.

»Ich weiß es, was diese Stunde bedeutet. Sie eröffnet den Kampf. Die

Bürgerschaft von Meißen steht hinter mir, -- ich werde ihn ausfechten!«

Ernst von Miltitz fühlte, wie er in den Augen der Männer als der

Unterlegene erschien. Schon war er im Begriff, die Kühnheit des

Burgemeisters scharf zurückzuweisen, um dergestalt die starke Wirkung

seiner Rede abzuschwächen. Aber er verschmähte es. In vornehmer Haltung

und mit einem stummen Gruß verließ er den Saal.

Jetzt brach das Schweigen. Die Mitglieder der Ratsversammlung priesen

mit lauten Worten die Klugheit und den Freimut ihres Oberhaupts. Einer

nach dem andern drängte sich an Waltklinger heran, damit er ihm die

Hand drücke, als Zeichen des Einverständnisses zu seiner mannhaften

Rede. Niclas Anesorges Gesicht strahlte. Er hatte immer eine hohe

Meinung von der Tüchtigkeit Waltklingers gehabt. Heute war dieser aber

über sich hinausgewachsen. Wie kraftvoll die Worte geklungen hatten --

und wie stolz!

So gingen die Ratmannen auseinander und trugen die Kunde von dem

bedeutsamen Vorfall hinaus. Sie flog von Gasse zu Gasse und huschte in

jedes Haus. Die Einwohnerschaft der Stadt Meißen aber empfand große

Befriedigung und war wieder einmal stolz auf ihren Burgemeister.

Nur einer legte seiner Freude kurze Zügel an -- Georg Waltklinger.

Nicht daß er die Gefahr scheute, die der heraufbeschworene Kampf ihm

bringen mußte. Er kannte keine Furcht! Wer so wie er im innersten

Herzen von der Rechtlichkeit seines Wollens überzeugt war, wer so

gerade Wege ging, der konnte allem, was auch kam, ruhig entgegensehen.

Als er aber zu später Abendstunde beim Kerzenschein in seinem Zimmer

saß, kamen ihm allerhand Gedanken und Zweifel, ob er recht gehandelt.

Ernst von Miltitz, das fühlte er jetzt, war sicherlich als heimlicher

Abgesandter seines Herrn erschienen. Herzog Georg liebte seine alte

Markgrafenstadt und es war ihm daran gelegen, mit ihrer Bürgerschaft in

Frieden zu leben. Wohl war es die Mehrzahl der sächsischen Städte, die

unaufhörlich um die Reformation baten, aber von Meißen schallte dieser

Ruf doch am stärksten. Deshalb hatte der Herzog seinem Vertrauten

wohl auch die Weisung gegeben, den Rat unverfänglich und in Güte zu

überreden, damit er seinen Einfluß auf die Bürger geltend mache. Und

der Amtmann, das war nicht zu leugnen, hatte sich seines Auftrags mit

Geschick entledigt.

Die hohen Herren waren jedoch, als sie den Plan schmiedeten, von der

wirklichen Stimmung im Volke nicht unterrichtet gewesen. Der Bürger

_wollte_ nicht nachgeben, ja, er _konnte_ es nicht mehr. Der Geist

des Wittenbergers war schon zu tief in aller Seelen eingedrungen. Und

wenn der Herzog selbst käme und es versuchte, und wenn er bäte! -- man

könnte ihm doch nur _eine_ Antwort geben! Soweit also war Waltklinger

beruhigt.

War es aber notwendig gewesen, dem Amtmann so scharf zu erwidern,

wie er es getan? O, -- persönlich empfand Georg Waltklinger lebhafte

Befriedigung darüber. Denn den Amtseifer des neuen Herrn hatte die

Stadt schon wiederholt wie Nadelstiche empfunden. Und dann! War

nicht gerade Ernst von Miltitz einer von jenen Adligen, die auf die

verhaßten Städter von oben herabsahen? Dem konnte es nicht schaden, daß

ihm einmal ein freier Bürger und der erste Vertreter einer Stadt so

unbeugsam entgegen getreten war!

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 3 / 15 段