Standesbewußtsein. Sie machten darauf Anspruch, als ebenso vornehm
zu gelten, wie die angesehensten Familien des meißnischen Uradels.
Die geachtesten Geschlechter der Stadt hätten den jungen Mann als
Brautwerber mit offenen Armen empfangen. Deshalb war man ihm anfänglich
ein wenig ungnädig gesinnt, als das Gerücht umlief, der schöne Georg
habe in Dresden gefreit.
Kurz darauf führte er sein junges Weib heim. Sie hieß Maria und war die
Tochter eines der reichsten Kaufherren der herzoglichen Residenzstadt.
Ihre Schönheit und holdselige Anmut gewann aller Herzen. Dazu besaß
sie ein wahrhaft edles Gemüt. Und keiner ging von der Schwelle ihres
Hauses, ohne einen tiefen Eindruck von der Frau, die darin waltete,
mitzunehmen. Selbst die übelste Zunge wagte sich an Maria Waltklinger
nicht heran; so hoch stand der Ruf ihrer Weiblichkeit.
Deshalb verstanden es die Leute, daß Georg Waltklinger, als die Pest
sein blühendes Weib nach wenigen Jahren dahinraffte, beinahe den
Verstand verlor. Er tobte und schrie und verwünschte Himmel und Erde.
Selbst sein liebliches Töchterchen von vier Jahren, das Ebenbild der
Mutter, war ihm kein Trost. Ja, man durfte dem Vater das Kind anfangs
nicht einmal unter die Augen bringen, da er ihm die Schuld beimaß, es
habe der Mutter durch seine Geburt die Kraft genommen, siegreich wider
die Krankheit zu streiten.
Maria Waltklinger war verblichen wie ein milder Stern, der in einsamer
Nacht dem müden Wanderer freundlich geschimmert, wie eine zarte Blume,
deren Schönheit und Duft ihrem Besitzer eine kurze Freude bereitet hat.
Georg Waltklinger aber war von da ab ein anderer Mensch. Er entsagte
allen Zerstreuungen und richtete seine ganze Kraft nur auf sein
Handwerk, worin er so Außerordentliches vollbrachte, daß nach wenigen
Jahren die Erzeugnisse seines Hauses über des Herzogtums Grenzen hinaus
gepriesen und begehrt wurden.
Da boten die Ratmannen dem noch in verhältnismäßig jungen Jahren
Stehenden den freigewordenen Posten als Burgemeister der Stadt an.
Der junge Meister sagte nach anfänglichem Schwanken zu und wurde
Stadtoberhaupt. Und damit begann für Meißen eine Reihe segensreicher
Jahre, denn Georg Waltklinger verstand es, sein Amt vortrefflich
wahrzunehmen. Die gesamte Bürgerschaft gewann ihn lieb und brachte ihre
Dankbarkeit dergestalt zum Ausdruck, daß sie sein Amt in jedem Jahre
neu bestätigte.
Georg Waltklinger gewahrte mit heimlicher Befriedigung, daß auf
seinem Wirken Segen ruhte. Aber diese Erkenntnis machte ihn nicht
hoffärtig. Er blieb bei allen Ehrungen der einfache Mann, der jede
Anerkennung zurückwies. Mit väterlicher Leutseligkeit sprach er in den
schlichtesten Häusern vor, und die Rechtschaffenen unter den fahrenden
Gesellen auf der Landstraße durften seiner Achtung ebenso gewiß sein,
wie die Häupter der angesehensten Geschlechter der Stadt. Stolz kannte
er nicht.
Und doch war Georg Waltklinger gewaltig stolz! Dann nämlich, wenn er
mit Mitgliedern des Adels in Berührung trat. Bei solchen Anlässen
hatte sein Stolz keine Grenzen! Er kannte genugsam die landläufige
Geringschätzung, mit der der Adel auf das arbeitende Bürgertum
herabsah. Und da er wußte, wie viel die Städte, besonders während
der beiden letzten Jahrhunderte, zum Wohle des Landes beigetragen
hatten, weil er von dem hohen Beruf des deutschen Handwerks, ohne
sein Verdienst parteiisch zu überschätzen, tief durchdrungen war,
setzte er der verächtlichen Haltung der Adligen den ganzen mannhaften
Stolz eines freien Bürgers und Handwerkers entgegen. Deshalb war sein
Gleichmut bald erschüttert, wenn er von einem Übergriff des Adels
hörte. --
Der Burgemeister Georg Waltklinger, begleitet von den beiden
Stadtknechten, ging an dem Marktbrunnen und der Kirche vorüber und
betrat alsdann durch das neue, prächtige Tor den Kirchhof. Dieser hohe
Sandsteinbogen war auf seine Anregung von der Innung der Tuchmacher
kürzlich der Stadt gestiftet worden. Der Burgemeister machte heute
seinen allwöchentlichen Rundgang durch die Stadt.
Am Frauensteg vorüber ging er den Markt entlang und die Burggasse
hinauf. Jeder, der ihn sah, bot ihm den Gruß; und mancher mochte wohl
beim Anblick des stattlich dahinschreitenden Stadtoberhauptes heimliche
Freude empfinden.
Vor seinem Hause in der Burggasse stand der ehrsame Hans Krebs, der
Ratsweinmeister, der sich der Freundschaft Waltklingers rühmen durfte.
Beim Herankommen des Burgemeisters zog Krebs die runde, gestrickte
Mütze von dem weißen Haar.
»Der Kranz hängt vor deinem Hause,« rief Georg Waltklinger schon in
einiger Entfernung. »Du besitzest für diesen Monat die Braugerechtsame.
Wie ist dein Bier?«
Hans Krebs verneigte sich ehrerbietig.
»Wein und Bier gleich gut! Heute stoße ich vom frischen Bräu den ersten
Zapfen aus. Willst du probieren, Burgemeister?«
Dieser lachte.
»Nicht alsogleich,« versetzte er, »zum Dämmern erwarte mich,
Weinmeister.«
Damit ging er weiter und sah auf das Stadtvieh, das heute verspätet
durch den Hohlweg vor das Lommatzscher Tor getrieben wurde. Als
Geißlbrecht, der Hirt, des Stadtgewaltigen ansichtig wurde, knickte er
zusammen und zog demütig die Kappe. Aber der Burgemeister kannte die
sonstige Verläßlichkeit des Weißkopfs. Deshalb ging das Ungewitter noch
einmal an ihm vorbei.
Den Baderberg hinab, an der Laurentiuskapelle und dem danebenstehenden
Hospital vorüberschreitend, betrat Georg Waltklinger nun den Jahrmarkt,
auf dessen Mitte das Gewandhaus stand. Hier befanden sich die großen
Herbergen der Stadt: die Sonne, der Stern und der Goldene Ring. Und da
es just Sonnabend war, herrschte überall geschäftiges Leben.
Auch sah man da und dort einen Neugierigen, welcher vom Lande zum
erstenmal in die Stadt gekommen war. Der staunte natürlich gewaltig!
Gewiß hatte er schon den großen Eindruck schildern hören, den man beim
Betreten Meißens bekomme. Dennoch sah er alles an wie Wunderdinge
und fühlte tief den Zauber des Geldes. Dabei entging ihm doch noch
das Sehenswerteste, das ja in den dunkeln Stuben und Gewölben der
reichen Bürger in eisernen Truhen fest verschlossen gehalten wurde.
Schaufenster, in denen die Gewürzzehntner und Handwerker ihre Waren
hätten auslegen können, gab es damals freilich noch nicht. Nur der
Goldschmied stellte bisweilen kleine Becherlein oder Ketten hinter
die grünen Fensterrauten der Werkstatt. Aber mit Vorsicht und unter
Bewachung, damit nicht ein fremder Strolch schleunig mit der Beute
entlaufe.
Auf der Elbgasse war der Verkehr am stärksten. Vor dem herannahenden
Burgemeister und den Stadtknechten wich alles respektvoll zurück, und
selbst die Häupter der angesehensten Bürgerfamilien entblößten sich
tief. Der freie Bürger wußte, daß er in seiner hohen Achtung vor dem
Stadtoberhaupte sich selbst ehrte.
Auf dem ersten Pfeiler der hölzernen Elbbrücke blieb Georg Waltklinger
stehen und warf einen kurzen Blick auf die zahlreichen Fischerboote,
die großen böhmischen Kähne, die hier ausgeladen wurden, und die
arbeitenden Schiffsmühlen. Dann ging er durch das Elbtor den Weg bis
zum Naschmarkt zurück. Vor dem Goldenen Löwen stand eine Anzahl Pferde
zum Verkauf, um die laut gefeilscht wurde.
Der Burgemeister ließ das alte Franziskanerkloster zur Linken und
schaute über den anstoßenden Kirchhof hinweg, auf dem das Beinhaus
stand, worin im Mittelalter die vielen menschlichen Gebeine
aufgespeichert wurden, die man ausgraben mußte, um den später
Heimgegangenen die letzte Ruhestatt in der Erde auf ein paar Jahre zu
bereiten. Denn die Friedhöfe waren klein! So behalfen sich die Menschen
eine lange Zeit, bis die Not siegte und man sich entschloß, den
Gottesacker draußen vor der schirmenden Stadtmauer anzulegen.
Vor der Baderei auf dem Frauenmarkt blieb Georg Waltklinger wiederum
stehen. Aus der großen Badestube drang Stimmengewirr. Hier badeten
in geräumigen hölzernen Wannen die Menschen friedlich nebeneinander,
gleichviel, welchen Geschlechts. Manche Bürger kamen täglich hierher
-- denn nur die Reichen besaßen ihr Badestüblein zu Hause --, und
selbst dem Ärmsten verschaffte die Stadt allwöchentlich und ohne
Entgelt die begehrte Gelegenheit zur Reinigung.
Da schlug die Uhr der Stadtkirche zehn. Der Burgemeister durchschritt
rasch die Jüdengasse, und als er das Eckhaus erreicht hatte, worin der
Apotheker Karl Leuschner seine Tränklein und Mixturen verhandelte,
stand er wieder auf dem Markte. Hier war es vonnöten, daß die beiden
Stadtknechte ihrem Gebieter voraufgingen, um ihm Raum zu bahnen, -- so
dicht war das Gewühl in den Gängen.
Jetzt betrat Georg Waltklinger die Tür des Rathauses, zu deren beiden
Seiten die Stadtknechte sich aufstellten, die gewaltigen Spieße neben
sich auf den Fußboden niederstoßend. Das war das Zeichen, daß der
Burgemeister und die Ratmannen sich versammelt hatten.
In dem geräumigen Saal im ersten Stockwerk, dessen Decke von mächtigen
Balken getragen wurde, saß die würdige Ratsversammlung an einem langen
Tisch. Da erschien der Burgemeister. Er verneigte sich kurz vor den ihn
Begrüßenden und nahm den Platz am oberen Ende des Tisches ein.
Die Namen der Männer, die hier vereinigt waren, hatten einen guten
Klang. Da war der alte Niclas Anesorge, seines Zeichens gleichfalls
Tuchmacher, Heinrich Faust und Hans Mortitz, Gewürzzehntner, der reiche
Peter Sorgenfrei, des Burgemeisters Stellvertreter und vorsitzender
Meister der Innung der Fleischhauer, Sigmund Badehorn, der Becherer,
Christoph Pfluger, Bäcker, und die Meister Claus Haßbecher und
Valentin Heide der Leinweberinnung.
Zur Linken des Burgemeisters saß Wolf Behr, der Stadtrichter, neben
diesem der Stadtschreiber Valentin Schein.
Georg Waltklinger tat einen lauten Hammerschlag -- die Sitzung war
eröffnet. Er wandte sich an den Stadtschreiber.
»Sind die Torzölle und Abgaben in der verwichenen Woche befriedigend
hoch gewesen?«
»Sie waren es.«
»Stadtrichter, hattet Ihr Frevler wider den Marktfrieden abzustrafen?«
Der Gefragte verneinte.
»Wie stand es um den gemeinen Frieden der Stadt?«
Der Stadtrichter zählte auf: einige Vergehen gegen das Gebot, mit dem
Glockenschlage zehn am Abend das Licht zu verlöschen. Der Leinweber
und Bortenwirker Heinrich Himmelreich hatte gegen die Zunftregel auf
Vorrat gearbeitet, ferner lautes Rufen auf der Straße nächtlicherweile,
Bierausschenken ohne die Braugerechtsame zu besitzen, Lärm und
lästerliches Fluchen in den Schankstätten, Versuch der Übervorteilung
beim Handel um eine Ferkelsau, ein Handwerksgeselle, der im Trunk die
Achtung gegen seinen Meister vergaß ... und weitere Fälle ähnlicher
Art, die Wolf Behr, der Stadtrichter, berichtete.
Aber an der Ungeduld, die auf den ernsten Mienen der Umsitzenden
lag, war leicht zu erkennen, daß noch ein weit wichtigerer Punkt zur
Verhandlung stand.
»Ein fahrender Gesell hat die löbliche Sitte soweit verletzet, daß
er in der Badestube mit einem Frauenzimmer schön tat, wobei beide
an Kleidern nicht mehr auf Leib und Gliedmaßen trugen, als ein
abgeschälter Stock an Rinde.«
Bei dieser Anklage kam einiges Leben in die bisher schweigsame
Versammlung, und zürnende Worte klangen reichlich.
»Die Unsittlichkeit in den Badestuben nimmt überhand,« begann der
Burgemeister. »Sorgen wir beizeiten für Abhilfe, auf daß unsere gute
Stadt nicht in Verruf komme. Stadtrichter, es liegt Euch ob, eine
Kundmachung zu überdenken, nach der Manns- und Weibspersonen die
Badereien nur stubenweise getrennt besuchen dürfen!«
Ein beifälliges Murmeln, -- die Worte des Burgemeisters waren
gutgeheißen.
Wolf Behr fuhr fort:
»Die von der wohlweisen Ratsversammlung bereits ausgesprochene und vom
Amtmann gutgeheißene Säckung der Anastasia Quetschlich -- wegen der
an ihren beiden Kindern verübten Mordtat durch Umdrehung derer Hälse
-- soll kommenden Dienstag und dergestalt vollzogen werden, daß die
Schuldige mit glühendem Zangengriff in den Sack gestecket wird. Alsdann
soll dieser Sack vom mittelsten Brückenjoch aus in die Elbe geworfen
werden. Als Begleiter auf die letzte Reise möge ihr, wie üblich,
bewilligt werden: ein Hund, eine Katze, ein Hahn und eine Schlange, die
vor dem Zunähen des Sackes Aufnahme darin zu finden haben.«
»Es geschehe, was rechtens,« befahl der Burgemeister. »Verseht den
Stockmeister mit Weisung. Berichtet weiter!«
Der Stadtrichter lehnte sich zurück:
»Mein Bericht ist für heute erschöpft.«
Waltklinger wandte sich wieder an den Stadtschreiber:
»Valentin Schein, was habt Ihr ansonsten!«
Der Stadtschreiber faltete ein Papier auseinander und las seinen Inhalt
laut vor:
»Hoch- und Hoch- Wohl- Edle, Veste, Großachtbare, Hoch- und
Wohlgelahrte, auch Hoch- und Wohl- Weise, Hochgeehrteste Herren!
Der in tiefster Demut und Niedrigkeit ersterbende Stuhlschreiber der
guten Stadt Meißen hat seit mehr denn funfzehn Jahren bis anhero mit
hoher Gunst die Stühle in der Kirche Unser lieben Frauen mit Fleiß
bemalet und auch manch zierlich Gevatterbrieflein fein säuberlich
ausgeführet, wasmaßen ihm Ihro Hoch- und Hoch- Wohl- Edle, Veste,
Großachtbare, Hoch- ...«
Der Burgemeister wurde ungeduldig.
»Was will der!« schnitt er dem Vorlesenden das Wort ab.
»Der Stuhlschreiber Schabenkese tut dar, daß sein Jahreslohn sich immer
mehr verringert habe. So er mit seinem Eheweib und seinen acht Würmlein
aber nicht bittere Not leiden soll, bittet er den hohen Rat ...«
»In Meißen soll keiner hungern,« warf hier Peter Sorgenfrei, der reiche
Fleischhauer, ein.
»So ist es, Sorgenfrei hat recht,« rief es mit mehreren Stimmen.
Der Burgemeister schickte sich zum Sprechen an, -- da schwiegen alle.
»Stadtschreiber, weist die Kasse an, daß dem Schabenkese sein
Jahreslohn um ein Viertel des Betrages erhöhet werde. Auch sollen ihm
aus Mitteln der Stadt allmonatlich zwei Quart Mehl bewilliget werden.
-- Habt Ihr's?«
»Sehr wohl, Herr Burgemeister!«
Die Ratsversammlung stimmte bereitwillig zu.
Valentin Schein, der Stadtschreiber, klappte die große Mappe zu. Auch
er war zu Ende.
Eine Bewegung ging durch die Ratsversammlung. Jeder wußte, daß jetzt
der wichtigste Punkt der heutigen Tagesordnung an die Reihe kam. Die
Männer setzten sich in den schweren Stühlen zurecht, und jeder blickte
erwartungsvoll auf das Stadtoberhaupt.
Georg Waltklinger hatte unterdessen die große Papierrolle ausgebreitet,
die er in der Hand gehalten, und von deren unterem Rande an einem
goldenen Faden ein schweres Siegel herabhing. Dann ließ er die
durchdringenden Augen über die Versammlung schweifen und begann:
»Lieben Freunde! Das Pergament das Ihr hier seht, ist unsere jüngste
Bitte an des Herzogs Hoheit, er möge in Gnaden bewilligen, daß
denjenigen Einwohnern unserer Stadt das Abendmahl in beiderlei Gestalt
gereicht werde, die sich als Anhänger der evangelischen Lehre bekennen.
Der unselige Religionshader in unserem Lande will nicht aufhören,
während sich drüben im Bruderstaate alles in Lieb' und Eintracht
geschlichtet hat. Das sächsische Volk aber ist es nicht, das diesen
Unfrieden schürt, es ist, Gott sei's geklagt -- ein anderer! Aber die
Stimme des Volkes wird nicht schweigen, und Herzog Georg mag es recht
bedenken, ob es gut sei, wenn sich der Fürst solchergestalt in scharfen
Widerspruch zu seinen Untertanen setzt. Wir werden es keinem zulassen,
Zweifel an der Treue des sächsischen Herzogtums zu seinem Herrscher zu
hegen. Kann man aber die betrübliche Wahrheit leugnen, daß in allen
Teilen des Landes tiefe Erbitterung herrscht?«
Hier wurde Georg Waltklinger von Einwürfen der Zustimmung unterbrochen.
»Nun lieben Freunde,« fuhr der Burgemeister mit steigendem Unwillen
fort, »auch in unserer fürstentreuen, alten Markgrafenstadt ist
die Erbitterung in der Bürgerschaft hoch angewachsen. Es fehlt nur
wenig, daß sie nunmehr _verlangt_, um was sie bis zum heutigen Tage
erfolglos gebeten. Des Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! Und
wenn dem Menschen verwehrt wird, so zu seinem Gott zu sprechen, wie
sein Gewissen heischt, dann streut man die verhängnisvolle Saat des
Unfriedens und der Empörung in sein Herz!«
Der Burgemeister schwieg eine kurze Weile, um alsbald mit erhobener
Stimme weiterzusprechen:
»Ihr wißt, lieben Freunde, daß unsere ehrerbietig vorgebrachte Bitte
abermals zurückgewiesen wurde. Das ist hart. Sehr hart! Aber unserer
geradezu unwürdig ist es, wenn dieser Bescheid nicht von des Herzogs
Hoheit, sondern von einem der schlimmsten Papisten gefället ward, die
in unserem Lande ihr dunkles Handwerk betreiben. Denn der hochmütige
Verfasser der kurzen Zurückweisung unseres Ansuchens auf dem Rande des
Pergaments ist kein anderer als unser Amtmann -- Ernst von Miltitz!«
Diese Rede erregte einen Sturm der Entrüstung unter den Versammelten.
Harte Worte des Unwillens klangen durcheinander, und manch schwielige
Faust fiel dröhnend auf den Tisch nieder. Der alte Niclas Anesorge
war von seinem Sitze aufgesprungen und schrie seine Empörung über die
Männer hin. Einer freien Bürgerschaft tat man dieses an? Soweit war
es gekommen, daß nicht einmal der Landesfürst, sondern einer seiner
Schranzen engherzig versagte, um was das tief bewegte Volk bat! Bat?
Nein! Das war kein Bitten mehr, man flehte ja schon längst! Und die
Zurückweisung gerade von dieser Stelle mußte wie ein Fußtritt empfunden
werden.
Noch waren keine zwölf Monate verflossen, daß der langjährige
Hofmarschall des Herzogs, Ernst von Miltitz, nach Meißen als
Amtmann geschickt worden war. Hatte in diesem kurzen Jahr der Hader
zwischen ihm und der Bürgerschaft schon einmal aufgehört? Was galt
diesem adelsstolzen Mann die freie Bürgerschaft? Sie waren ja keine
Schildbürtigen! Am liebsten hätte er der Stadt abgesagt. Aber
Bürgerstolz gegen Adelstolz! Hatte nicht das Handwerk das Volk groß
gemacht? Waren es nicht die Städte, die verhaßten Bürger, die von
den Gutsherren geknechteten Bauern, die Land und Thron stützten?
Oder taten dies etwa die verkommenen Edelleute -- die Vollsäufer und
Gotteslästerer?
Also sprachen die Erzürnten, und manch anderes Schlimme.
»Die herzogliche Verordnung, wonach der Amtmann Bescheide auf Gesuche
in Religionssachen erlassen darf, ist schon im verwichenen Jahr an den
Rat gelangt,« warf der Stadtschreiber bescheiden ein.
»Was da!« schrie Sigmund Badehorn, der Becherer, »wenn das Volk fragt,
muß der Fürst antworten. Der Städter ist alleweil nur zum Geben gut.
Aber beim Himmel, sie sollen spüren, was Bürgertrotz ist!«
Der Burgemeister hatte in den Tumult stumm hineingesehen. Auch er war
tief erregt. Auf seiner breiten Stirn stand die bläulich geschwollene
Zornesader. Aber er beherrschte sich. Er mußte Ruhe bewahren! Zudem
wußten alle, daß Georg Waltklinger trotz seines heißen Blutes eiserne
Selbstzucht besaß. Und diesen Ruf wollte er nicht zuschanden machen.
Heute konnte freilich nicht mehr verhandelt werden. Deshalb hörte der
Burgemeister dem erregten Wortwechsel noch eine Weile zu und schloß
endlich die Sitzung.
[Illustration]
[Illustration]
Fünftes Kapitel
Der Amtmann im Urteil der Bürgerschaft
Die Unterredung mit seiner Mutter hatte auf Bernhard von Miltitz einen
tiefen Eindruck gemacht. Freilich war die Mutter im Recht! Bürger
und Adel mieden sich am besten. Und sein grübelnder Verstand sagte
ihm, daß die Abneigung dieser beiden großen Stände voreinander, der
mancherorts bestehende Haß, nicht von heute zu morgen durch gütliche
Vermittelung beseitigt werden konnten. Diese Zustände waren tief in den
Zeitverhältnissen begründet; sie waren mit ihnen groß geworden. Der
Adel konnte auf ein ruhmreiches Zeitalter zurückblicken. Aber seine
Glanzzeit gehörte doch der Vergangenheit an. Damals zählte der Bürger
freilich wenig. Allmählich hatten jedoch Adel und Bürgerschaft ihre
Stellung im Staat vertauscht. Die großen Aufgaben des Rittertums waren
längst erfüllt. Jetzt besaßen die Adligen zwar noch die vorherrschende
Macht, aber ihre Bedeutung war beträchtlich gesunken.
Mit der Entwickelung der Städte und dem Aufblühen des Handwerks war
die wirtschaftliche Überlegenheit bald auf die Seite des Bürgertums
getreten. Aber auch der innere Wert des Bürgers war erheblich
gestiegen. Die gediegenen Erzeugnisse des deutschen Handwerks hatten
in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit der andern Völker erregt. Allerorts
fanden die Waren guten Absatz und taten sich durch ihre Güte vor allen
Erzeugnissen hervor.
So war es gekommen, daß in der ganzen Welt das deutsche Handwerk
gepriesen wurde und daß der deutsche Handel herrlich aufblühte. Eine
große Anzahl von Städten tat sich zusammen und gründete den Hansabund,
unter dessen kraftvollem Schutze die erzenen Kiele der mächtigen
Segelschiffe die weiten Meere durchschnitten, um die Erzeugnisse
deutschen Fleißes nach aller Herren Länder zu bringen.
Dieser glänzende Aufschwung erfüllte Handwerker und Kaufmann mit
Befriedigung und Stolz und spornte sie an, emsig weiterzuarbeiten. Aber
nicht nur deshalb, um große Vermögen anzusammeln -- geschweige daß es
dem Reichtum gelungen wäre, seine Erzeuger zu verweichlichen --, der
deutsche Bürger setzte vielmehr sein alles daran, den guten Ruf seiner
Arbeit stetig zu fördern. Und das gelang ihm.
Wohl kleidete man sich reicher als früher, und in den deutschen Landen
fanden allerhand Genußmittel fremder Völker Eingang, die bis dahin
unbekannt gewesen waren und Gaumen und Zunge schmeichelten. Der bisher
einfache Tisch war reicher besetzt, und Gastmähler wurden gefeiert, bei
denen die auserlesensten Speisen aufgetragen wurden und der köstlichste
Wein in Strömen floß. Niemand verschmähte es mitzutun, die deutsche
Gründlichkeit bewährte sich auch im Genießen.
Aber die Versuchungen, denen im Laufe der Weltgeschichte schon manches
Volk erlegen, fanden ein aufrechtes, kraftvolles Geschlecht. Der
Fleiß und die Beharrlichkeit des deutschen Handwerks erlitten dadurch
keine Einbuße! Die sittlichen Werte des Volkes wuchsen immer mehr,
es war sich der hohen Sendung bewußt, die es zu erfüllen hatte. Das
Gemeinwesen wurde musterhaft, und die Städte entwickelten sich zu
einer Macht, die der Herrlichkeit der Fürsten Glanz und Stütze war.
Der Familiensinn vertiefte sich. Man war stolz darauf, von Vorfahren
abzustammen, deren Namen seit Jahrhunderten mit Ehrfurcht genannt
wurden.
Die Kinder wurden in wahrer Frömmigkeit und strenger Zucht erzogen. Die
Achtung vor Gesetz und den Eltern vererbte sich vom Vater auf den Sohn.
So gab es im Handwerker- und Kaufmannsstande zahlreiche Familien,
die, gestützt auf große Vermögen, nach außen viel Selbstbewußtsein
bewahrten. Das Oberhaupt eines solchen Patriziergeschlechts fühlte sich
in seinem Hause als ein Fürst. Hatten seine Vorfahren den Wohlstand und
das Ansehen des Volkes nicht begründen und mehren helfen? Und was hatte
dagegen seit aber hundert Jahren der Adel getan?
Das waren die Gedanken, die Bernhard von Miltitz jetzt unaufhörlich
bestürmten. Er konnte zwar noch nicht in die Tiefen des verworrenen
Zeitbildes blicken. Aber er war ein Grübler. Und wo sein Wissen nicht
ausreichte, begann er, die Gedankenanfänge zu entwickeln. Bisher hatte
er nur mit den Augen eines Abkömmlings aus adligem Geschlecht gesehen,
denn die Kenntnis der wirklichen Verhältnisse war ihm nicht gelehrt
worden. Seine Mutter war es gewesen, die ihn auf diese Anschauungen
gebracht hatte. Und je öfter er nachsann, desto deutlicher enthüllte
sich ihm die Wahrheit.
Sein junges Herz schlug laut für das entzückende Kind aus dem
Bürgerstand. Ein seliges Gefühl überkam ihn, wenn er daran dachte,
Sonnhilds Zuneigung zu besitzen. Zuneigung? Durfte er es so nennen?
Nun, darüber mußte er sich Gewißheit verschaffen.
Am verabredeten Tage hatte sich Bernhard von Miltitz pünktlich auf der
Höhe vor dem Lommatzscher Tor eingefunden. Es war derselbe Ort, an dem
er Sonnhild zum erstenmal gesehen. Er konnte sich genau entsinnen:
unter diesem hohen Baum hatte er gestanden, und dicht hinter ihm, wo
jetzt ein Bündel Farren mit breiten Wedeln wuchs, hatte sie im Grase
gelegen.