Wie ein Wirbelwind war der Jüngling über den Platz hinweggee

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Siebeneichen

[Illustration]

Siebeneichen

Roman

aus

dem _Alt-Meißner Land_

von

Gustav Hildebrand

Mit Federzeichnungen von Josef Windisch

[Illustration]

Karl Voegels Verlag G. m. b. H., Berlin

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

~Copyright by Karl Voegels Verlag G. m. b. H., Berlin 1912~

Inhalt

Kapitel Seite

1. Vor fünf Jahren 7

2. Das Wiedersehen 21

3. Frau Magdalena erlebt eine Überraschung 33

4. Eine stürmische Ratsversammlung 39

5. Der Amtmann im Urteil der Bürgerschaft 53

6. Unerwarteter Besuch im Rathaus 63

7. Eine große Enttäuschung 75

8. Zwei bewegte Unterredungen 82

9. Im Schatten des alten Markgrafenschlosses 98

10. Der neue Herr 112

11. Der Kurier des Herzogs 120

12. Benedikt Biertimpel 128

13. Drei Fragen 136

14. Nächtlicher Besuch im Dom 155

15. Die Sterne schweigen 171

16. Wider die Brüder des heiligen Franziskus 178

17. Das Geheimnis 188

18. Die beiden roten Rosen 200

19. Im »Gasthof zur Dürren Henne« 206

20. Das Schönste, was ihr der Spielmann gesungen 221

21. Rebbe Liebmann, der alte Jude 229

22. Die drei Getreuen 234

23. Der Ritt nach Dresden 255

24. Unter den sieben Eichen 259

[Illustration]

Erstes Kapitel

Vor fünf Jahren

Zu alten Zeiten bedeckte das heutige Sachsen dichter Wald. Näheres

über seinen damaligen Zustand wissen wir nicht. Das Land ist viel

später als der Westen Germaniens in die Geschichte eingetreten. Tacitus

verwechselte die Elbe mit der Saale, indem er diese als Hauptstrom

bezeichnete, während er die Elbe für einen Nebenstrom hielt. Der erste

römische Feldherr, der vom Rhein her am tiefsten in das unwegsame Land

der Germanen eindrang, war Drusus; er erblickte den mittleren Lauf

der Elbe. Den Boden Sachsens aber werden die Legionen der Römer wohl

niemals betreten haben.

Nach ihm näherte sich erst Germanicus wieder dem Herzen des Landes.

Seine Abberufung vereitelte das weitere Vordringen. Die Hand der

Geschichte zog sich schon wieder zurück, nachdem sie den Saum des

Schleiers kaum berührt hatte, der über diese Gegend gebreitet war.

Jahrhunderte vergingen. Da kam die Völkerwanderung. Ihr Strom riß die

an der oberen Elbe sitzenden germanischen Stämme südwestlich mit fort.

Das freigewordene Land besetzte ein slawisches Volk, die Daleminzier.

Ihrem weiteren Vordringen nach dem Westen trat das Germanentum

hartnäckig entgegen und warf die Slawen über die Saale zurück. Zur

Befestigung dieser Grenzscheide wurden längs des Stromes deutsche

Burgen errichtet.

Unter Karl dem Großen begannen dann die erbitterten Kämpfe zur

Wiedergewinnung des verlorenen Landes zwischen Saale und Elbe. Seine

Nachfolger setzten den blutigen Streit mit immer geringeren Erfolgen

fort. Zuletzt stockten die Kämpfe ganz. Streitigkeiten unter den

deutschen Stämmen und Kriege gegen andere Feinde lenkten davon ab. Nur

die der slawischen überlegene deutsche Kultur stritt friedlich weiter.

Da kam König Heinrich der Erste zur Regierung. Nach Unterwerfung

seiner Feinde und Einigung aller deutschen Stämme trieb nunmehr dieser

tatkräftige Fürst seine Reiterscharen siegreich gegen die Slawen vor.

Der Entscheidungskampf brach an, als die Daleminzier alle Streitkräfte

dicht vor der Elbe zusammenzogen und in ihre feste Burg Gana bei

Lommatzsch im heutigen Sachsen warfen. Nach zwanzigtägiger Belagerung

wurde die Feste unter großen Opfern erstürmt. Was an wehrfähiger

Mannschaft vorhanden war, mußte über die Klinge springen. Der Rest des

Slawenheeres wich über den Strom zurück. Das Land bis zur Elbe war

wieder deutsch!

Nun befestigte König Heinrich die Stromlinie durch Anlage starker

Burgen. So entstand im Jahre 928 die Burg Meißen, benannt nach dem

vorbeifließenden Bache Misni. Ihr zu Füßen erblühte der Burgflecken

gleichen Namens. An die Spitze der jungen Mark setzte König Heinrich

einen Markgrafen. Zudem wurde Meißen Bischofsitz. Der Dom wurde etwa

dreihundert Jahre danach errichtet. Arnold von Westfalen baute später

das Schloß von Grund neu auf.

Die Albrechtsburg zu Meißen wurde als eine Hochwacht des Deutschtums

gegen die andrängenden Slawen gebaut. Sie erzählt die Geschichte des

Landes von den entfernten Zeiten an, in denen das Bandum am Wurfspieß

des deutschen Häuptlings flog, bis herein in unsere Tage, wo die

weißgrüne Flagge des sächsischen Volkes auf ihren Türmen weht.

* * * * *

Die Maiensonne schien warm auf den Marktplatz von Meißen herab.

Am Vormittag hatte hier geschäftiges Treiben geherrscht, denn es war

Markttag gewesen. Wie von alters her waren die Landleute von Zehren,

Meisa und Cölln hereingekommen, um Fleisch, Geflügel, Kraut und Obst

feilzubieten. Neben ihnen hatten Händler ihre Stände errichtet, auf

denen allerlei ausgebreitet war: Tuchballen, Schuhe von derbem Leder,

wollene Hauben und bunte Tücher. Die Hausfrauen waren von einem

zum andern gegangen, um das Gewebe der wollenen Waren sorgfältig

zwischen Daumen und Zeigefinger zu prüfen oder nach dem Marktpreis der

Lebensmittel zu fragen. Auch die liebe Jugend hatte sich wie immer

beizeiten eingestellt, das Gewirr vermehrend und den Lärm, den die

Ausrufenden und Feilschenden verursachten, durch ihr Geschrei erheblich

steigernd. Denn der junge Nachwuchs hat es zu allen Zeiten verstanden,

sich bei mancherlei Gelegenheit unnütz zu machen.

Neue Käufer hatten die mit beladenen Körben nach Hause zurückkehrenden

ersetzt, bis die Fülle der Waren allmählich arg zusammengeschmolzen

war. So war der Vormittag hingegangen. Und als gegen die Mittagstunde

die am Rathaus ausgesteckt gewesene rote Fahne weggenommen wurde, das

Zeichen, daß für die Verkäufer das Marktrecht erloschen war, hatten

diese die zurückgebliebenen Vorräte eingepackt und die Stadt zu Fuß

oder zu Wagen wieder verlassen.

Jetzt war der Marktplatz menschenleer.

An einem Hause zwischen Kirche und Burggasse lehnte ein junger Mann

und sah mit versonnenen Blicken den schreienden Spatzen zu, die um die

verstreuten Abfälle kämpften. Der Jüngling war schlank gewachsen wie

eine Haselrute, und seine feinen Glieder steckten in einem zierlich

gearbeiteten Gewand von rotem, lundischem Tuch. Das edel geschnittene

Gesicht von blasser Farbe war nur wenig gebräunt. Das weiche,

braune Haar, das bis auf den gestickten weißen Schulterkragen sich

herabkräuselte, ließ erkennen, daß der Jüngling aus einem vornehmen

Geschlecht stammen mußte. Ein schwarzsamtnes Barett, auf der linken

Seite mit einem kurzen Reiherstutz verziert, vervollständigte seinen

Anzug.

Gegenüber dem ehrwürdigen Rathaus in gotischem Stil, mit seinem

mächtigen, spitzen Dach, stand auf der andern Seite des Marktes ein

breites Haus mit reichverziertem, hohem Giebel. Es war eines der

schönsten und stolzesten Gebäude der Stadt, und sein Besitzer mußte zu

den angesehensten Bürgern Meißens gehören.

Auf diesem Hause hafteten wie gebannt die Augen des Jünglings. Er

kannte die reiche Portalbekrönung unter der sich das Bogenprofil der

kunstvoll geschnitzten Haustür etwas nach vorn neigte, verziert mit

Blumen und Früchten, die eines Meisters Hand aus dem Elbsandstein

herausgemeißelt hatte. Er kannte auch den Spruch, der um den runden

Bogen lief:

»~Wir haben nichts mit in die Welt gebracht,

Wir nehmen auch nichts mit hinaus!~«

Die Erinnerung des Jünglings eilte um ein paar Jahre zurück.

Draußen vor dem Lommatzscher Tor war es gewesen! Und ein strahlender

Sommertag, der ihn verlockt hatte, oben auf der Höhe zu lustwandeln.

Ach, es war ja sein letzter Tag, bevor er auf Jahre hinauszog! Seine

Augen hatten noch einmal in Wehmut an dem schönen Bilde gehangen, das

dem Beschauenden von dieser Stelle wird: -- den scharfen Umrissen

der altersgrauen Markgrafenburg mit ihren kühnen Zinnen, und auf dem

ehrwürdigen Dom mit seinen schlanken, himmelragenden Türmen, deren

Hintergrund die rebenbedeckten Weinberge des Spaargebirges bilden. Just

wie heute war die Luft ein unermeßliches Strahlenmeer gewesen. In der

Ferne, wo die Bergesgipfel dichter Wald bedeckte, waren dessen Farben

sanft in das helle, sonnendurchflimmerte Himmelsblau geflossen. Und

tief unter seinen Füßen hatte der Elbstrom gerauscht. Diese Schönheit

hatten seine Blicke durstig eingesogen, damit er Jahre hindurch von der

Erinnerung zehren könne.

Da hatte das Ohr des Schauenden plötzlich leises Kichern vernommen. Und

als er sich umgesehen, war ihm ein wunderlicher Anblick geworden: unter

dicht belaubten alten Buchen und im hohen Grase halb verborgen, hatte

ein junges Menschenkind gelegen, das ihn mit den lachenden Blicken

eines Koboldes neugierig betrachtete.

Zögernd war er näher getreten. Doch hatte ihn die Erscheinung so

überrascht, daß ihm anfänglich die Sprache versagte. Es war ein

wahrhaftes Engelsantlitz mit großen, strahlenden Augen, in das er

geschaut. Ein schwerer Kranz blonder Flechten, von denen ein sonniges

Flimmern ausging, hatte die weiße Stirn umgeben.

Endlich hatte er gesagt:

»Wer bist du? -- Bist du ein Mensch oder eine Waldfee?«

Da war das zierliche Wesen auf die Füße gesprungen, hatte vor

Ausgelassenheit in die Hände geklatscht und hell aufgelacht, daß es

geklungen, als wenn silberne Glöcklein angeschlagen würden.

»Also für eine Fee hältst du mich?« hatte sie endlich ausgerufen. »Du

bist ein possierlicher Gesell! Wie heißt denn du?«

»Bernhard,« hatte er geantwortet und schüchtern hinzugefügt: »Und du?«

»Sonnhild!« hatte sie stolz erwidert.

»Sonnhild?« war es ihm leise entfahren. »Wie könntest du auch anders

heißen als Sonnhild!«

Da hatte sie wieder gekichert. Und es war ihm noch einmal gewesen, als

ob von ihrem goldfarbenen Haar flimmernde Funken aufsprühten.

»Aber ich will heimkehren,« hatte sie gesagt, »geh' mit mir.«

Nach Kinderart sich an den Händen fassend, waren sie unter den Bäumen

dahingeschlendert. Das schöne Mädchen an seiner Seite hatte unermüdlich

geplaudert. Ihren strahlenden Augen war nichts verborgen geblieben, was

am Wege lag. Bald zeigte sie ihm einen Durchblick zwischen den dichten

Baumkronen, wo man am andern Ufer die rebenbedeckten Hügel sah, bald

wies sie auf schöne Blumen und bunte Gräser, die inmitten des üppigen

Mooses standen. Oder sie machte ihn verstohlen auf einen scheuen Vogel

aufmerksam, der unhörbar von Zweig zu Zweig hüpfte.

So hatten sie endlich die Stadtmauer erreicht. Als sie durch das

Lommatzscher Tor schritten, war hinter dem Fenster das Gesicht des

steinalten Torwarts erschienen. Alsdann waren sie durch den tief

eingeschnittenen Hohlweg zwischen dem Sankt Afrafelsen und dem

mächtigen Burgberg zur Stadt hinabgegangen. Und als endlich die

Burggasse hinter ihnen lag und sie über den Markt gingen, hatte das

Mädchen gesagt:

»Nun bin ich zu Hause. Willst du mitkommen?«

Eine Weile war er vor dem hohen Haustor mit seinem reichen

Holzschnitzwerk und den kunstvollen, schmiedeeisernen Beschlägen in

Bewunderung stehengeblieben und hatte andächtig den Spruch gelesen,

dessen verschnörkelte Buchstaben tief in den Stein gegraben waren. Dann

hatte ihn das Mädchen an der Hand in den Hausflur gezogen.

Der Hausgang stellte eine geräumige, steinerne Halle dar mit hoher

Decke, die, wie der Jüngling heute wußte, ein mächtiges Kreuzgewölbe

bildete. Die starken Bogen, die dieses gliederten, ruhten seitlich auf

herrlich gemeißelten steinernen Konsolen.

Nun hatte sie ihn über die Treppen und durch alle Gemächer des großen

Hauses geführt.

Zuerst kamen sie in die Prunkstuben im ersten Stockwerk. Hier waren die

Wände bis zur Decke hinauf mit Holzwerk getäfelt oder mit kostbaren

Tapeten geschmückt. Mannsgroße venetianische Spiegel standen in den

Ecken, feingewebte Vorhänge waren an den Fenstern aufgehängt, und

prachtvolle Teppiche schmückten die Fußböden und Wände. Auf dem

schweren Hausgerät, mit kunstvollem Schnitzwerk versehen, standen

allerlei wunderliche Kuriositäten, wie Waffen und bemalte Geräte

fremder Völker, ein ausgeblasenes Straußenei, polierte Muscheln,

kunstvoll geschnitzte Kirschkerne, Töpfe mit Bildern versehen und

marmorne Gliedmaßen, die in Italien ausgegraben sein sollten.

Des Mädchens flinke Zunge war nicht müde geworden, die Herkunft jedes

Gegenstandes zu erklären.

Hier wieder standen Becher aus gemasertem Ahornholz, daneben feine

Gläser oder Tongefäße und vielerlei Gerät von Sinn, das schon damals

den Stolz der Hausfrau bildete. Dort waren schwere Weinkannen und

breite Obstschalen, Teller, worein Figuren gegraben, hohe und

vielarmige Tischleuchter, kunstvoll verzierte Trinkgefäße und

Salzfäßlein. Und von der Decke der Stuben herab hingen messingne

Lichthalter mit sechs oder acht Dillen.

Dies alles war geschickt und sinnig aufgestellt gewesen, nach dem alten

Bedürfnis der deutschen Frauen, auch das Leblose gemütlich herzurichten.

Das Mädchen hatte des Jünglings wachsendes Erstaunen beobachtet und

sich heimlich daran gefreut.

»Ist es bei dir zu Hause nicht ebenso?« hatte sie gefragt.

»So sieht es wohl nur bei reichen Bürgern aus,« war seine Antwort

gewesen.

»Ja, bist du denn kein Bürgerkind?« war es der Erstaunten entfahren.

Da hatte er gefühlt, wie zum erstenmal ein flüchtiges Lächeln auf sein

ernstes Gesicht getreten war, als er kurz erwiderte:

»Nein, das bin ich nicht.«

Dann war ihm im nächsten Stockwerk auf dem Treppenabsatz eine

Handspritze gezeigt worden, neben einem großen Wasserfaß, und eine

Anzahl Feuereimer, die an der niedrigen Decke hingen, ferner eine alte

Rüstung, gekrönt mit einem zerhauenen Streithelm. Auch eine mächtige

Lade stand dort, über der ein Pirschrohr hing samt der Pulverflasche.

In einer der Schlafstuben war ihm ein übergroß, gelb Himmelbette

aufgefallen, zu dem eine Trittleiter hinaufführte, und in der Küche

glänzten an der Wand kupferne Kessel und Schüsseln, Bratspieße, Pfannen

und Wärmflaschen.

Hier hatte eine alte Frau auf den Knien gelegen und den Fußboden

gescheuert. Sie war dürr wie ein Zaunstecken, und in dem strengen

Gesicht saß eine spitzige Nase.

»Was für ein fremdes Gesicht ist das?« hatte sie mürrisch gefragt.

Noch bevor er hatte antworten können, war das Mädchen der Frau auf den

Rücken gesprungen und hatte ihr die Arme um den Hals geschlungen. Da

war die Alte böse geworden und hatte versucht, das Kind abzuschütteln.

Aber in der keifenden Stimme war soviel Zärtlichkeit gewesen, daß

niemand die Entrüstung hätte ernst nehmen können. Bis endlich der

Schelm von der Alten gelassen und ihn wieder aus der Küche gezogen

hatte.

»Das ist unsere Hanne,« hatte sie erklärt.

Darauf waren sie durch Kammern gegangen, in denen Wolle hochgestapelt

war.

»Dort ist die Werkstatt.« Mit diesen Worten hatte das Mädchen auf eine

Tür gezeigt. Und als er sich umgeschaut, war in der offenen Tür die

hohe Gestalt eines Mannes erschienen, der das Mädchen geliebkost und

seinen Wildfang genannt hatte.

»Wie heißt du?« hatte ihn der Mann gefragt.

»Bernhard.«

»Und wer ist dein Vater?«

»Ernst von Miltitz!«

»Soso,« hatte da der Mann langsam erwidert, »also des Herzogs

Hofmarschall ist dein Vater.«

Damit war die Tür zugefallen, und die beiden Kinder waren wieder allein

gewesen.

»Wer war dieser Mann?« hatte er gefragt.

Da hatte sie gelächelt.

»Das weißt du nicht? Das war mein Vater, Georg Waltklinger, -- der

Burgemeister der Stadt!«

An uralten, geschnitzten Truhen vorbei, waren sie alsdann auf die

hölzerne Galerie getreten, die in jedem Stockwerk rund um den Hof lief

und Lustgänglein hieß. Hier saß eine Magd und schabte Möhren, und die

alte Hanne hängte Wäsche auf die Leine.

Nun gingen sie wieder in das Haus zurück, und das Mädchen ergriff wie

draußen im Wald seine Hand und lief mit ihm treppauf, treppab und durch

vielerlei Gelasse, deren Decken von starken Balken getragen wurden.

Der Jüngling empfand noch heute den unauslöschlichen Eindruck, den

das alte Haus mit seinen breiten Treppen, den Kreuzgewölben, den

eisenbeschlagenen Türen und den geheimnisvollen, dunklen Winkeln und

vergitterten Fenstern auf ihn gemacht.

In einer der Stuben war er plötzlich stehengeblieben und hatte das Kind

gefragt:

»Was ist das für ein gemalet Bildnis dort über der Stubentür? Wer ist

dieser Mann, der mit so klugen Augen herabschaut?«

Daraufhin hatte das Mädchen mit mitleidigen Blicken geantwortet:

»Die alte Hanne schilt mich oft unwissend. Ich glaube aber, Bernhard,

du bist es noch mehr als ich. Dieses Bildnis ist das des Doktors Martin

Luther!«

Da war er aufgefahren:

»Derselbe Mann, der von Wittenberg aus die abscheuliche Lehre

verbreitet, so gerichtet ist wider die hohen Sakramente der heiligen

Kirche?«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als das Mädchen mit funkelnden

Augen dicht vor ihn getreten war.

»Du bist hier in einem gut lutherischen Hauses,« hatte sie schroff

gesagt. »Und wenn wir Freunde bleiben wollen, darfst du niemals wieder

so garstig sprechen!«

Darauf war er still gewesen, da er nicht wußte, was er hätte entgegnen

sollen.

»Es ist Abend geworden, nun muß ich heimkehren,« sagte er endlich.

Da war sie bereit, ihn zu begleiten.

Die Sonne war mittlerweile tief hinabgesunken, und ihre Strahlen

vergoldeten nur noch die obersten Simse und Fenster der alten Häuser

am Markt. Auf den Gassen war es lebhafter geworden. In den Häusern

bereiteten die Hausfrauen das Nachtmahl, und die Männer saßen

nach vollbrachtem Tagewerk vor den Türen und plauderten mit den

Vorübergehenden oder mit dem Nachbar drüben über der Gasse.

Er war mit dem Burgemeisterskind langsam die Fleischgasse

hinabgeschritten, beim Hundewinkel vorbei und durch das Fleischtor ins

Freie. Kaum daß ein Erwachsener ihrer sonderlich geachtet.

»Es ist bald Sonnenuntergang,« hatte das Mädchen draußen gesagt. »Daß

ich nicht den Torschluß versäume!«

»Wie alt bist du?« hatte er sie gefragt.

»Zwölf Jahre. Und du?«

»Dreizehn.«

Mit einem Male war sie ihm entsprungen, nachdem sie noch den Letzten

auf seine Schulter geschlagen. Aber im Nu war er hinterdrein gewesen

und hatte sie gefangen und aus Übermut umschlungen. Und da sie

sich lebhaft dagegen gewehrt, waren sie zusammen auf die Wiese

gefallen, gerade am abschüssigen Uferrand der Triebisch. Zwar hatte

er die Umarmung rasch gelöst, doch zu spät. Sie waren den Abhang

hinabgekollert. Am Rande des Baches hatten sie sich aufgesetzt und über

das kleine Abenteuer lustig gelacht. Bis das Mädchen plötzlich gemeint:

»Nun muß ich aber heimkehren. Wollen wir morgen wieder zusammen

spielen?«

Aber er hatte wehmütig den Kopf geschüttelt und gesagt:

»Morgen in aller Frühe muß ich nach Dresden.«

»Kommst du bald wieder?« hatte sie gefragt.

»Nein,« war die Antwort gewesen, »ich bleibe dort auf Jahre.«

Und als sie ihn ungläubig angesehen, hatte er hinzugesetzt:

»Meine Eltern wohnen in Dresden. Ich bin nur für einige Wochen auf

unserem Schlosse Siebeneichen gewesen. Ich werde an des Herzogs Hof

erzogen.«

»O, du Armer!« hatte das Mädchen ausgerufen und ihn mitleidig

angesehen. Aber schon war in ihrem Auge der Schalk wieder aufgeblitzt,

und sie war eben im Begriff gewesen, ihn anzuschlagen und davon zu

eilen, als er die Hände der neben ihm Sitzenden ergriffen und gefragt

hatte:

»Ich habe heute deine Mutter ja nicht gesehen? Wo ist sie gewesen?«

Da hatte sie ihn ernst betrachtet.

»Hättest du sie gern gesehen?«

»Ja,« hatte er geantwortet, »du mußt eine recht gute Mutter haben.«

»Du bist ein lieber Junge, Bernhard,« hatte sie leise erwidert. »Habe

Dank für deine freundlichen Worte. Meine Mutter ist seit vielen Jahren

tot. Der Vater sagt, sie sei schon auf Erden ein Engel gewesen.«

Und wie sie das sprach, war ein schmerzlicher Zug in ihr liebliches

Gesicht getreten. Doch hatte sie die Rührung bald niedergekämpft und

ihn gefragt:

»Werden wir uns einmal wiedersehen?«

»Ganz bestimmt!« hatte er versichert.

Dabei war es ihm, als ob seine Augen feucht geworden. Beschämt hatte

er sich abgewandt, als das Mädchen plötzlich die Arme um seinen Hals

schlang und mit ihren Lippen flüchtig seinen Mund berührte. Alsdann war

sie in Verwirrung aufgesprungen. Und als er neben ihr gestanden, hatte

er gesehen, daß sie dunkelrot geworden war.

Da hatte er ihre Hand genommen und deutlich empfunden, wie auch ihm die

helle Röte in die Schläfen schoß.

Endlich war es von seinen Lippen gekommen:

»Sonnhild -- -- ich werde dich nie vergessen!«

»Lebe wohl, Bernhard!« hatte sie gesagt.

»Lebe wohl, -- Sonnhild!« hatte er erwidert und ihre Hand losgelassen.

Noch einen langen Blick, -- dann war das Mädchen gegangen. Vor dem

Stadttor war sie stehengeblieben und hatte sich noch einmal umgesehen.

Ihre großen Augen waren voll Traurigkeit gewesen. Und die reichen

Haarflechten, die das Kindergesicht einrahmten, hatten im Schein der

untergehenden Sonne geleuchtet. Eine Sekunde später verschwand ihre

lichte Gestalt in dem alten Tor.

Da hatte auch er sich umgewandt und war langsam nach Siebeneichen

zurückgekehrt.

[Illustration]

[Illustration]

Zweites Kapitel

Das Wiedersehen

Der Jüngling sah noch immer mit träumenden Blicken über den

sonnenbeschienenen Marktplatz. Wie oft hatte er nicht an dies alles

gedacht! Aber so frisch wie heute waren die Farben des herrlichen

Bildes nie gewesen, wenn es in seiner Erinnerung heraufgestiegen. Fünf

Jahre waren darüber hingegangen. Heute mußte sie siebzehn zählen, und

er war achtzehn. Wie tief dieses Erlebnis doch in seinem Herzen haftete!

Noch immer zankten sich die Sperlinge um die verstreuten Körner. Aus

dem Ratskeller trat der behäbige Schenkwirt. In jeder Hand hielt er

einen großen Biersterz, gefüllt mit Wasser. Er schwenkte die hölzernen

Gefäße sorgfältig aus und verschwand alsdann wieder hinter der Tür.

Zur Rechten des Jünglings, dicht vor der Frauenkirche, befand sich auf

dem Markt ein Brunnen. Den Rand des weiten Beckens zierten steinerne

Figuren. In der Mitte stand auf einer Säule ein Löwe, aus dessen Rachen

das Wasser in einem starken Strahl hervorschoß. Die Augen des Jünglings

glitten an dem Brunnen vorbei und blieben wieder auf dem Bürgerhause

haften.

Was mochte aus dem lieblichen Burgemeistertöchterlein geworden sein!

Wie breit und ruhig das Haus doch dastand. Die vielen blanken Fenster,

die vorgekragten Stockwerke, die schwindelnden Simse des hohen

Giebels! Trotzig und herausfordernd sah es aus. Und stolz! Freilich,

es gehörte doch auch einem der angesehensten Geschlechter der Stadt.

Kein Geringerer als Georg Waltklinger, der reiche Tuchmacher und

Burgemeister, war sein Besitzer.

Und das deutsche Handwerk -- das wußte der Jüngling -- mit seinen

Innungen und Gilden, der deutsche Bürgerstand, befanden sich ja gerade

gegenwärtig in ihrer glanzvollsten Zeit.

Der Jüngling wandte sich ab. Aber bald gingen seine Augen von neuem

zu dem Hause zurück. Er betrachtete das breite Tor mit seinen großen,

schmiedeeisernen Klopfern, und auf sein bleiches Gesicht stahl sich der

alte träumerische Ausdruck.

Da lief plötzlich ein Zittern über des Jünglings Gestalt und mit

einem Ruck richtete er sich straff auf. Dazu blickte er angestrengt

nach der Tür hinüber. War ihm nicht gewesen, als wenn er durch den

offenen Flügel in dem dunklen Hausgang etwas Helles hatte schimmern

sehen? Vielleicht ein weißes Gewand? Mit verhaltenem Atem sah er hin.

Da erschien eine Frauengestalt auf der Schwelle, die aber sogleich

wieder in das Haus zurücktrat, wohl deshalb, um eine noch rechtzeitig

entdeckte Unordnung an ihrem Kleide zu beseitigen.

Wie ein Wirbelwind war der Jüngling über den Platz hinweggeeilt und

stand nun klopfenden Herzens vor der offenen Tür. Er schaute mit den

geblendeten Augen unsicher in den dämmrigen Hausflur hinein. Da

gewahrte er in der Mitte des weiten Raumes ein junges Mädchen von

hoher Schönheit. Sie trug ein feines, schneeweißes Linnengewand, das

ein ärmelloser Überrock von blauem Tuch, mit goldenen und kristallenen

Knöpfen verziert, bedeckte. Der Hals war bloß, und unter dem Ausschnitt

war ein breiter Rand der köstlichen Leinwand zu sehen.

Wie gebannt sah der Jüngling auf die lichte Gestalt. Da unterschied

er die feinen Züge, ein Paar große, blaue Augen und eine überreiche

Fülle leuchtenden Haares, das sich unter dem Hute vordrängte. »Sie

ist es!« rief in ihm eine Stimme, und er fühlte, wie ihm das Blut zu

Kopfe drang. Sein Herz schlug stürmisch. Was er in diesen fünf Jahren

geträumt und was er heiß ersehnt, hatte sich in dieser Stunde erfüllt.

Er stand wieder vor ihr!

Heimliches Bangen und heller Jubel tönten in seiner Stimme, als er

fragte:

»Sonnhild! -- -- -- kennst du mich wieder?«

Darauf blieb es beklemmend still in dem steinernen Gewölbe der

Hausflur. Die beiden jungen Menschen standen sich stumm gegenüber. Das

Gesicht des Mädchens zeigte große Überraschung, die aber bald durch

den Ausdruck lebhaften Unwillens verdrängt wurde. Wie konnte es dieser

fremde Mann wagen, sich ihr so gegenüber zu stellen? Tiefe Entrüstung

flammte in ihren Augen auf und in dem stolzen Zurückwerfen des feinen

Kopfes lag eine strenge Zurechtweisung.

Die Augen des Jünglings hatten während dieser Zeit voll Spannung auf

dem schönen Mädchen geruht. Jetzt empfand er, wie seine vertrauliche

Begrüßung sie erzürnt hatte. War sie darüber entrüstet, daß er

es wagte, sich ihr zu nähern, weil sie als Kinder einmal zusammen

gescherzt hatten? Oder hatte sie ihn vergessen? Die Freude über das

Wiedersehen hatte ihn fortgerissen, -- unter dem zürnenden Blick des

in seinem Stolze verletzten Mädchens erhielt er jedoch die verlorene

Beherrschung rasch wieder.

Und so nahm er denn nach ritterlichem Brauch das Sammetbarett vom

Kopfe, verneigte sich tief und mit feinem Anstand und sprach in

ehrfurchtsvollem Tone:

»Mit Gunst, edle Jungfrau! Erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?«

Kaum hatte der Jüngling diese Worte gesprochen, als mit dem Mädchen

eine rasche Veränderung vorging. Sie betrachtete sinnend seinen jetzt

unbedeckten Kopf, als wenn sie in der Erinnerung ein Erlebnis aus

früherer Zeit suche. Auch der Klang der Stimme schien ihr bekannt wie

ein alter, lieber Freund. Der Jüngling sah, wie sich die Augen des

Mädchens halb schlossen und wie sich ihr Kopf beim Nachdenken ein wenig

neigte.

Da sah sie auf, und den Bangenden traf aus ihren großen Augen ein

warmer Blick. Und er vermeinte, den süßen Klang der Stimme des

jubelnden Kindes von einst wieder zu hören, als sie rief:

»Bernha...!«

Aber schon verstummte sie wieder, und auf ihr Gesicht trat der Ausdruck

hoher Verlegenheit. Sie suchte sich zu fassen und sagte endlich, die

Silben scharf trennend:

»Junker von Miltitz ...«

Der aber trat an sie heran und fragte:

»So erinnert Ihr Euch meiner wirklich noch, Jungfrau?«

Das Mädchen neigte die feine Stirn.

»Daß Ihr so groß geworden, machte Euch mir fremd. Aber wie sollte ich

Eurer vergessen, Junker?«

Da traf sein Auge das ihrige warm und innig, daß sich der Blick des

Mädchens herabsenkte. Gleichzeitig schlug eine dunkle Röte in das

liebliche Gesicht und färbte dieses bis unter die weichen Wellen des

blonden Haares purpurn.

»Hier im Hausgang kann unseres Bleibens nicht länger sein,« sagte sie

hastig. »Auch auf den Gassen darf man uns nicht beisammen sehen. Ihr

wißt, Junker, -- unsere Väter! Geht deshalb; ich folge Euch! Droben auf

dem Plossenberg mögt Ihr meiner warten!«

Damit wandte sie sich um und ging tiefer in den Hausflur zurück. Der

Jüngling aber trat ins Freie und schlug den Weg nach dem Fleischtor

ein. Die grell scheinende Sonne blendete ihn anfänglich, daß er die

Hand schützend über die Augen legen mußte.

Unwillkürlich sann er darüber nach, welcher Sinn in den letzten Worten

des Mädchens gelegen hatte. Man dürfe sie nicht zusammen sehen! Nun

ja, Bürger und Adel vertragen sich seit langem nicht. Und er wußte,

daß gerade gegenwärtig die Spaltung zwischen ihnen größer war denn je.

Besonders die Reichen unter den Bürgern waren voll Erbitterung. Ja,

einzelne Geschlechter der Städte waren mit adligen Familien tödlich

verfeindet.

Doch bald wurden diese Gedanken von freundlicheren verdrängt. Er hatte

sie wiedergesehen! Die Sehnsucht fünf langer Jahre war erfüllt! Das

Mädchen war sein schönster Traum gewesen!

Bernhard von Miltitz rief sich noch einmal zurück, wie er ihr vorhin

gegenüber gestanden. Dieses leuchtende Auge! Das glänzende Haar! Das

liebliche Gesicht! Und dazu der Jubel in der Stimme! -- Alles wie

einst! Und wie schön sie geworden war! Und mit wieviel Freundlichkeit

sie sich seiner erinnerte ... »Sonnhild!« flüsterte er.

Bald hatte er das Stadttor und den schmalen Steg über die Triebisch

hinter sich. Dann ging er auf der Straße weiter, die durch Wiesen und

Felder hinauf auf den Plossenberg führte. Oben angekommen, setzte er

sich ins weiche Gras und lehnte den Rücken gegen den breiten Stamm

einer mächtigen Birke, deren herabhängende, saftiggrüne Zweige ihn fast

berührten. So richtete er den Blick die Straße hinab. Aber bald sah

er nichts mehr von seiner Umgebung, sondern überließ sich willig den

Träumereien, die ihn erfüllten.

Da wurde er von seinem Nachdenken aufgescheucht, eilende Tritte auf der

Straße drangen an sein Ohr. Und wie er aufsah, erkannte er Sonnhild.

Sie hatte ihn schon von weitem bemerkt und winkte ihm aus der Ferne zu.

Nach wenigen Minuten war sie bei ihm, und nun gingen sie langsam die

Straße weiter. Anfänglich waren sie so beklommen, daß keines von ihnen

ein Wort sprechen konnte.

Allmählich aber kamen sie ins Plaudern und sagten sich gegenseitig, wie

sich jeder von ihnen doch so verändert habe. Fünf Jahre seien freilich

hingegangen; eine lange Zeit, fünf Jahre! Und nun verlor Sonnhild die

Befangenheit und erzählte von ihren Erlebnissen während dieser Zeit.

Bernhard von Miltitz ging in Entzücken versunken neben dem schönen

Mädchen her. Ihre liebe Stimme hatte er, ach, wie viele Male, in der

Erinnerung erklingen lassen. Jetzt hörte er sie wieder! Sie tönte ihm

wie die Melodie eines alten Liedes aus den Tagen der Kindheit. Und wenn

das Mädchen lachte, drang ihm der Wohllaut ihrer Stimme tief ins Herz.

»Nun, Junker,« rief Sonnhild, »berichtet Ihr einmal, wie es Euch in all

den Jahren ergangen ist!«

Und er erzählte dem aufhorchenden Kinde von dem Leben in der

herzoglichen Residenzstadt, von den glänzenden Festen bei Hofe und von

seinen weiten Reisen, die er gemacht. Denn in Begleitung seines Vaters

hatte er bereits Prag, Leipzig und Erfurt gesehen.

Dabei blickte er von Zeit zu Zeit verstohlen zu ihr auf. Das reine

Profil ihres Gesichts, der entzückende Ansatz des in einer edlen Linie

verlaufenden Halses, die feinen Nasenflügel und die niedlichen rosigen

Ohren! Er konnte sich an all diesem Schönen nicht sattsehen. Und wenn

er etwas Lustiges sprach, daß sie lachte, dann öffneten sich ihre

roten, vollen Lippen, und die beiden Reihen herrlicher Zähne wurden

sichtbar.

Plötzlich blieb Bernhard stehen.

»Hier führt ein lauschiger Weg durch den Wald nach Siebeneichen. Laßt

uns ihn einschlagen, Jungfrau.«

Langsam und dicht nebeneinander verfolgten sie den schmalen Weg.

Die Sonnenstrahlen drangen durch die Baumkronen und fingen sich in

Sonnhilds Haar, von dem sie den Hut genommen hatte. Und es schien dem

Jüngling, als wenn blitzende Funken daraus hervorsprängen.

Bernhard von Miltitz setzte seinen Bericht fort. Ab und zu warf das

Mädchen eine klug gestellte Frage ein, den Jüngling dergestalt zum

Weitersprechen ermunternd. Bernhard fand Gefallen an dem Interesse

seiner lieblichen Zuhörerin. Er ging aus seiner natürlichen

Zurückhaltung unwillkürlich heraus, und sein blasses Gesicht bekam den

Anflug einer feinen Röte. Bis mit einem Male Sonnhild fragte:

»Junker, wie alt ist Eure Familie eigentlich?«

»Das Geschlecht der Miltitz,« antwortete der Jüngling, »wird im Jahre

1186 zum ersten Male genannt. Es ist also fast ebenso alt,« fuhr er mit

bescheidenem Stolze fort, »wie die Wettiner als erbliche meißnische

Fürsten. Die Geschichte meiner Vorfahren ist mit der ihres Landes eng

verknüpft. Durch die Jahrhunderte haben sie den Markgrafen treu gedient

und allzeit die höchsten Ämter verwaltet. Vor wenigen Jahren kaufte

mein Vater unsern heutigen Stammsitz und ließ das Schloß Siebeneichen

errichten. Nun steht es hoch auf dem Berge, nahe dem Elbstrom, und

seine Mauern und Türme sind weithin sichtbar. Mögen die beiden Namen

Miltitz und Siebeneichen fest miteinander verbunden bleiben, -- so Gott

will, für alle Zeiten!«

Sonnhild hatte diesen Worten mit Aufmerksamkeit gelauscht. Nun fragte

sie:

»Sagt mir doch, Junker, woher kommt der Name Siebeneichen?«

»Die Eiche,« antwortete Bernhard, »durfte nach dem Baumkultus der

Germanen nicht von jedem Markgenossen geschlagen werden. Sie stand

unter den geheiligten Bäumen obenan. Unter ihr wurden Opfer gebracht

und Gottesurteile gesprochen. Die sieben Urteiler saßen rund im Kreise

unter den Bäumen; in ihrer Mitte thronte der Richter auf einem Stein

oder Hügel. Eine solche Gerichtsstätte mag sich zu alten Zeiten auf

unserm Berge befunden haben. Die noch heute vor dem Schlosse stehenden

sieben Eichen verkünden dies.«

Hier schwieg der Jüngling und blieb stehen. Und als Sonnhild aufsah,

bemerkte sie eine hohe Mauer, an der sich Efeu hinaufrankte.

»Wir haben Siebeneichen erreicht,« sagte Bernhard. »Möchtet Ihr in

seinem weiten Schloßpark nicht einmal lustwandeln, edles Fräulein?«

Sonnhild sah ihn erfreut an.

»So Ihr es erlaubtet, Junker, tät ich es recht gern!«

Bernhard lächelte befriedigt.

»Dort ist das Tor,« sprach er, »treten wir ein.«

Der ausgedehnte Park prangte in der herrlichsten Frühlingspracht. Unter

den hohen Bäumen führte ein Netz von Wegen an herrlichen Blumenbeeten

vorüber bis in die entferntesten Teile. Weite Flächen saftiggrünen

Rasens wechselten mit dichtbewachsenen Laubengängen, und hinten an der

Mauer befanden sich, von fast undurchdringlichem Blattwerk umgeben,

lauschige Winkel.

Sonnhild brach wiederholt in Ausrufe des Entzückens aus. Diese

Schönheit hatte sie noch nicht gesehen! Und sie bedauerte, daß in der

engen Stadt die Anlage selbst eines kleinen Gartens nicht möglich sei.

Jetzt dauerte es auch nicht mehr lange, bis das Mädchen die bisher

bewahrte Zurückhaltung vergaß. Flüchtigen Fußes entlief sie ihm, daß

der Jüngling Mühe hatte, sie zu fangen. Dann wieder war sie plötzlich

verschwunden, und Bernhard von Miltitz sah ihr helles Kleid zwischen

den grünen Laubengängen schimmern, bis sie ein gutes Versteck gefunden

hatte. Nun ging er ans Suchen.

Obwohl er alle verschwiegenen Winkel des Parkes genau kannte, tat er

doch so, als bereite es ihm Mühe, sie zu entdecken. Absichtlich lief er

einige Male dicht an ihrem Versteck vorüber, selbst ihr leises Kichern

überhörend. Und wenn er das verborgene Plätzchen endlich erreichte und

die dicht verschlungenen Ranken auseinanderbog, dann sah er das Mädchen

niedergeduckt auf dem Erdboden, und ihre lachenden Augen waren auf ihn

gerichtet. Bis sie mit einem Freudenruf aufsprang und jubelte:

»Nein, Junker, wie schön es hier doch ist!«

So wiederholte sich das anmutige Spiel oft, ohne daß eines von ihnen

merkte, wie rasch der Nachmittag verging.

Als aber die Schatten der Bäume immer länger wurden, erklärte Sonnhild,

heimkehren zu müssen. Und Bernhard von Miltitz erkannte, wie sich die

Freude des Mädchens dämpfte und leises Bedauern sie erfüllte.

»Ich bringe Euch bis zum Plossenberg zurück, Jungfrau,« sagte er

tröstend. Damit führte er sie zum Park hinaus wieder auf den schmalen

Waldweg den sie gekommen. Und da dieser Pfad eben recht eng war und sie

doch zu zweien bleiben wollten, mußten sie dicht nebeneinander gehen.

So kam es, daß sich ihre Hände wiederholt berührten. Bis mit einem Male

Bernhard ihre weiche Hand ergriff und festhielt.

Bei dieser Berührung schreckte das Mädchen zusammen, und ihr

sprudelndes Plaudern stockte für einen Augenblick. Doch sie entzog

ihm die Hand nicht. Als sie aber nach einer kleinen Weile fühlte, wie

sich der Arm des jungen Mannes leise in den ihrigen legte, schwieg

sie plötzlich. Eine dunkle Röte flammte in dem lieblichen Gesicht der

Jungfrau auf, und ein langer, flehender Blick aus ihren großen Augen

traf ihn.

Da bemächtigte sich auch des Jünglings tiefe Verwirrung. Er preßte

ihren Arm sanft an sich, und es klang wie eine Bitte, als er den Mund

zu ihrem Ohre neigte und so leise flüsterte, als ob selbst die Vögel

des Waldes es nicht hören sollten:

»Sonnhild!«

Das Mädchen schwieg. Und da auch Bernhard die Unterhaltung nicht wieder

aufnahm, legten sie das letzte Stück Wegs stumm zurück. Die Verwirrung,

die sie nicht verlassen wollte, spiegelte sich in den Gesichtszügen der

beiden jungen Menschen ab.

Bevor sie aus dem Wald auf die Straße traten, zog Sonnhild ihren Arm

sanft aus dem des Jünglings, strich mit den Händen ein paarmal über die

schweren, glänzenden Zöpfe und setzte den Hut wieder auf.

»So,« sprach sie und blieb stehen, »nun müssen wir Abschied nehmen!

Habt vielen Dank, Junker, für Eure freundliche Begleitung und für die

kurzweilige Unterhaltung, die Ihr mir geboten.«

Bernhard von Miltitz wehrte ab.

»Sprecht nicht also, Jungfrau! Ihr gabt mir ebensoviel, wie Ihr meint,

empfangen zu haben. Nehmt auch Ihr vielen Dank!«

Hierauf legte Sonnhild ihre weiße Hand für einen Augenblick in die

seine und wandte sich zum Gehen.

»Wollen wir uns nicht wiedersehen, Jungfrau?« kam es bestürzt von

Bernhards Lippen.

»Doch, Junker, wenn Ihr mögt ...«

»Ob ich wollte? Könnt Ihr so fragen? Schon morgen am liebsten ...«

»Nein,« entgegnete sie bestimmt, »nicht morgen. Aber nach drei Tagen,

von heute an gerechnet, just um dieselbe Stunde.«

»Und wo?«

Sonnhild sann nach.

»Jungfrau, laßt uns wieder dahin gehen, wo ich einst wähnte, eine

Waldfee zu erblicken.«

Sonnhild ließ leise ihr wohlklingendes Lachen hören.

»Sei es, Junker. Also, lebt wohl -- bis dahin!«

»Auf fröhliches Wiedersehen, Jungfrau!«

Bernhard von Miltitz zog das Barett und verneigte sich. Dann schritt

Sonnhild den Berg hinab, während der Jüngling den Waldweg wieder

zurückging.

[Illustration]

[Illustration]

Drittes Kapitel

Frau Magdalena erlebt eine Überraschung

In dem Erker des Turmzimmers im Schlosse Siebeneichen saß Frau

Magdalena von Miltitz. In ihrem Schoß lag ein Kleid von grauem Leinen,

an dem sie eifrig nähte.

Die Schloßherrin von Siebeneichen war eine große, schöne Frau von noch

nicht fünfzig Jahren. Ihre Gesichtsfarbe war ein blühendes Rot, und in

das braune Haar hatte sich noch kein einziger Silberfaden gestohlen.

Deshalb hielt man sie allgemein für jünger. Sie war eine kluge und

entschlossene Frau, die ihre Pflichten im Hause vortrefflich ausübte

und die von ihrem Gatten als eine verständige und liebevolle Ehegattin

hoch geschätzt wurde.

Frau Magdalena war eine geborene Pflug. Ihr Vater war der angesehene

Herr auf Zabeltitz, Heinrich Pflug. Derselbe, der einmal auf die

Frage, warum er das Wörtchen »von« doch nie vor seinen Namen setze,

geantwortet:

»Warum das? Die Pflugs gehören zu den vier Prinzipalgeschlechtern des

meißnischen Heldenadels und wurden immer an erster Stelle genannt. Das

weiß jedes Kind!«

Der Stolz des Vaters hatte sich auf die Tochter vererbt. Zwar war sie

weit davon entfernt, hochmütig zu sein. Aber tief im Herzen fühlte sie

die heimliche Freude, einem uralten, hochgeachteten Adelsgeschlecht zu

entstammen.

Frau Magdalena ließ das Kleid sinken. Und während die fleißigen Hände

einmal ruhten, schweifte ihr Blick zum Fenster hinaus. Tief unten

rauschte die Elbe. Am jenseitigen Ufer stiegen hohe Weinberge empor,

hinter denen sich das Land in einer weiten Ebene verlor. Ihre Augen

glitten achtlos über das schöne Bild hinweg; sie dachte an ihren Sohn

Bernhard. Seine älteren Brüder weilten draußen in der Welt, er, der

Jüngste, war ihr verblieben. Dazu hatte er ihrem Mutterherzen heimlich

immer am nächsten gestanden. Denn dieselben Eigenschaften, die sein

Vater besaß, zeigten sich auch bei ihm recht deutlich.

Schon während seiner Kindheit war der hervorstechendste Zug ihres

Jüngsten die Ritterlichkeit gewesen. Mit heimlicher Freude hatte sie

immer beobachtet, wie der Knabe sich bemühte, gegen seine Mutter artig

und zuvorkommend zu sein. Und als er noch nicht den Kinderschuhen

entwachsen war, zeichnete er sich durch selbstbewußte Höflichkeit gegen

Frauen vor allen Altersgenossen aus. Auch die vornehme Gesinnung des

Vaters hatte er geerbt, und dessen ruhiges Wägen, bevor er handelte.

Freilich wußte Frau Magdalena, daß Bernhard auch die Schwächen seines

Vaters besaß: den zuweilen aufflammenden Zorn und die trotzige

Beharrlichkeit, die keine Strenge beugen konnte.

Da schreckte sie aus ihrem Nachdenken auf. Draußen hatten hastige

Schritte geklungen. Und wie sie den Blick nach der Tür richtete, trat

Bernhard ins Zimmer. Frau Magdalena erkannte alsbald, daß ihn etwas

bewegte. Seine sonst blassen Wangen waren von einer leichten Röte

verfärbt.

Bernhard von Miltitz besaß für seine jungen Jahre ein großes Maß von

Beherrschung. Mit dem vollendeten Anstand eines Jünglings aus edlem

Geschlecht begrüßte er seine Mutter. Als er sich jedoch zum gewohnten

Handkuß vor ihr verneigen wollte, umschlang sie ihn, und er fühlte ihre

Lippen auf seiner Stirn. Das machte ihn betroffen, denn er wußte, daß

solche Beweise von Zärtlichkeit bei seiner Mutter selten waren.

Frau Magdalena hatte die Hände an des Sohnes Schläfen gelegt und sah

ihm liebevoll ins Gesicht. Und bevor sie ihn freiließ, küßte sie ihn

noch einmal.

Dieser Ausdruck von mütterlicher Liebe stimmte Bernhard weich, daß er

plötzlich den Drang empfand, mit seiner Mutter von dem zu sprechen, was

sein Herz erfüllte. Und so begann er denn mit stockenden Worten:

»Mutter, heute nachmittag bin ich mit einem fremden Fräulein in unserm

Park gelustwandelt ...«

Frau Magdalena horchte auf.

Da fuhr er schon im Sprechen fort. Aber jetzt kam der Redefluß leicht

von seinen Lippen:

»Ein vornehmes Fräulein, lieblich, zierlich und anmutig zugleich.

Keine, die ich je sah, glich ihr! Ihr Antlitz ist süß, wie das der

heiligen Maria, und ihre Gestalt zart, wie die eines jungen Rehs. Und

ihr Fuß, ihr kleiner, schmaler Fuß, liebe Mutter, ist so gewölbt,

daß sich ein Vöglein darunter verstecken könnte ...« Hier brach die

Schilderung jäh ab, und eine dunkle Röte bedeckte das Gesicht des

Sprechers.

Frau Magdalena war vor Überraschung sprachlos. War das ihr Sohn

Bernhard, der jungfräuliche Reize so beredt schildern konnte? Ihr

Jüngster von dem sie wußte, daß er es wohl verstand, Frauen ritterlich

zu dienen, dessen junges Herz aber, wie sie wähnte, von kühler

Gelassenheit beherrscht wurde?

»Du verstehst dich ja meisterlich darauf,« versetzte sie endlich, »die

Schönheit junger Fräulein zu rühmen! Aber sag' mir doch vorerst, wer

ist denn dieses Mädchen?«

Bernhard war an eines der hohen Erkerfenster getreten und sah,

scheinbar gefesselt von dem Fernblick, hinaus. Er kämpfte sichtlich mit

einer leichten Verlegenheit. Deshalb wandte er sich auch nicht um, als

er antwortete:

»Sie ist ein Meißner Bürgerkind, Mutter.«

»Ich dachte es schon,« versetzte diese. »O ja,« fuhr sie nach kurzem

Schweigen fort, »die Bürgersleute von Meißen sind sehr achtbar, und sie

werden ihr Kind sicherlich ebenso vortrefflich erzogen haben, wie du

es anmutig findest. Der Stolz der Bürger, solange er nicht zur Hoffart

wird, ist wohlbegründet in ihrer Tüchtigkeit. Aber sieh, Bernhard, wir

gehören nun einmal nicht zu ihnen, und sie mögen uns auch gar nicht zu

den ihrigen zählen. Wie heute die Verhältnisse liegen, sollen Adel und

Bürgertum hübsch voneinander bleiben. Und, lieber Sohn, der Frieden

im Herzen einer Jungfrau ist sehr bald gestört. Hüte dich davor! Was

du als ritterliche Aufmerksamkeit betrachtest, wird leicht anders

gedeutet. Ein gesittetes Bürgermädchen aber mit schönen Worten zu

betören, danach, mein lieber Bernhard, wird es dich nicht verlangen.«

Der Jüngling wandte sich hastig um.

»Nimmermehr!« rief er. »Ich bin ein Miltitz und werde immer nur das

tun, was mein Gewissen gutheißt. Dürfte aber die Kluft zwischen

Bürger und Adel ein Hindernis für die Vereinigung zweier Herzen sein?

Verstieße solches, so man es verlangte, nicht gegen die göttlichen

Gebote?«

Diesen mit edler Wärme gesprochenen Worten folgte tiefes Schweigen. Bis

Bernhard in ruhigem Tone fortfuhr:

»Die Jungfrau, von der ich sprach, besitzt eine reine, herrliche

Seele. Ihr Vater trägt einen hochangesehenen Namen, er ist der

Burgemeister ...«

»Waltklinger?« Frau Magdalena richtete sich steil auf.

Bernhard sah verwundert auf.

»Ja, liebe Mutter,« antwortete er, »Sonnhild ist die Tochter des

Burgemeisters Georg Waltklinger.«

Frau von Miltitz schöpfte tief Atem. Dann sagte sie:

»Nein, Bernhard, der jahrhundertealte Zwist zwischen Adel und Bürgertum

darf Herzen, wo sie sich nähern, nicht im Wege stehen. Aber wir

können es ruhig denen überlassen, sich hierüber zu verständigen, die

es angeht. Für dich mit deinen achtzehn Jahren ist dieses Gespräch

zu ernst. Und ich will dir auch sagen, warum ich erschrak, als du

vom Burgemeister sprachst. Du bist erst zu kurze Zeit wieder hier,

daß du wissen könntest, wie zwischen deinem Vater und dem Rat der

Stadt Meißen gegenwärtig eine starke Spannung besteht. Wie dir

bekannt, ist vor einigen Jahren drüben im Kurfürstentum Sachsen die

Reformation eingeführt worden, während sie bei uns herzoglichen Sachsen

vergeblich um Einlaß angeklopft hat. Darüber ist die Bürgerschaft

Meißens erbittert, weil sie die lutherische Lehre zur Staatsreligion

erhoben sehen möchte. Aber unser Herzog Georg ist ein Feind des

Wittenbergers. Deinem Vater fällt es nun als Amtmann von Meißen zu,

die widerspenstige Einwohnerschaft in Schach zu halten, wofür er

vom Herzog ausreichende Vollmacht erhalten hat. Das Haupt dieser

Religionsbewegung ist in Meißen aber der Burgemeister Waltklinger.

Dieser stolze und adelsfeindliche Mann betrachtet deinen Vater als

einen böswilligen Widersacher und ist ihm bitter gram. Was müßte

dein Vater nun empfinden, so er erführe, sein Sohn hofiere dem

Burgemeistertöchterlein, und wie müßte das Mädchen leiden, wenn solches

dem Waltklinger zugetragen würde. Denn der Jähzorn dieses Mannes soll

schlimm sein.«

Frau Magdalena hatte sich bei den letzten Worten erhoben.

»Ich weiß, daß ich mich auf deine Klugheit und auf dein Zartgefühl

verlassen kann. Du wirst nie vergessen, welches Maß von Rücksicht du

dem Namen, den du trägst, und deinem Vater schuldig bist.«

Hier verließ Frau von Miltitz in mühsam verhehlter Erregung das Zimmer.

Bernhard hatte ihre Rede stumm angehört. Jetzt sah er in starrer

Haltung noch eine Weile auf die Tür, durch die seine Mutter ihn

verlassen. Dann trat er in den Turmerker und schaute lange hinaus über

das weite Land.

[Illustration]

[Illustration]

Viertes Kapitel

Eine stürmische Ratsversammlung

Der Burgemeister Georg Waltklinger trat aus seinem Haus auf den

Marktplatz. Er warf einen kurzen Blick über die Zelte und Stände

der Marktfieranten und schlug alsdann den Weg nach der Kirche ein;

zwei Stadtknechte mit Spießen auf den Schultern folgten ihm mit

respektvollem Abstand.

Georg Waltklinger war ein großer und stattlicher Mann. In seiner

Jugend, das war bekannt, hatte er manches Liebesabenteuer gehabt,

denn die Herzen der Jungfrauen waren dem schönen Georg, wo immer

er erschien, zugeflogen. Dazu war er von bedeutendem Rang. Die

Waltklingers zählten zu den ältesten Bürgerfamilien, die ratsfähig

waren.

Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land · 第 1 / 15 段