Zwischen Obst- und Gemüsegärten liegt die bischöfliche Residenz Neiße.
Um viele runde und eckige Kirchtürme lebt ein Volk von Krämern.
Dorthin wurde Nikolaus gebracht.
Man hatte sich eigentlich nicht mehr sonderlich um ihn gekümmert. Der Adel
wollte nicht mithineingezogen werden, der Fürstbischof fürchtete ein zu
großes Aufsehen, vielleicht auch eine Einmischung fremder Fürsten, es wäre
ihm sogar lieb gewesen, man hätte den Herzog überhaupt nicht festgehalten.
Er wußte, daß jetzt etwas getan werden müsse. Die Scherereien würden kein
Ende nehmen. Schließlich stand auch sein Ansehen auf dem Spiel. Das Volk
wollte sich in Forderungen und Rachegelüsten nicht genugtun.
Er übergab seinem Kabinett die Angelegenheit zu weiterer Verfolgung und
reiste irgendwohin.
Den Kämmerern war die Sache sehr unbequem. Sie schoben den Herzog nach
Neiße ab. Die hätten den Vorfall dort ordnungsmäßig zu regeln.
Der Rat der Stadt war in arger Bedrängnis. Der Bürgermeister las das
Schreiben, das die Ankunft des Gefangenen ankündigte und schüttelte den
Kopf. Es kam ihm dunkel zu Bewußtsein, daß man etwas Besonderes von ihm
verlange.
Bald war es den Schustern und Schneidern und sonstigen Leuten bekannt. Eine
furchtbare Aufregung kam in die Stadt. Alles lief hin und her. Die
Fleischer schlugen Wurstbuden auf, die Bäcker boten frische Semmeln und
Brezeln aus, die Komödianten bauten die bereits abgerissenen Zelte wieder
auf. Ratsherren liefen mit hochroten Köpfen umher und erzählten einander im
Flüstertone, daß etwas ganz Außerordentliches bevorstehe. Der Bürgermeister
fieberte. Seine Frau, die lange Jahre bei Pfaffen gedient hatte, besaß
mancherlei Erfahrung in Sitten und Rechten. Sie verstand sich darauf, daß
der Herzog noch am gleichen Tage hingerichtet werden müßte. Der
Bürgermeister schwitzte.
Die Schöffen drängten, sogleich das Gericht abzuhalten. Der und jener hatte
keine Zeit, die Weiber kneiften am Portal des Rathauses, fahrende
Musikanten spielten zum Tanz auf. Es war ein Volksfest, das dem Herzog bei
seinem Einzug in die Stadt entgegenflutete.
Der Weg bis Neiße hatte ihn weidlich belustigt. Die Komödie war köstlich
und dieser Empfang . . .
Er lachte, daß es von einem Tor bis zum anderen schallte.
Das Volk johlte und jubelte auf den Straßen.
Es lag so gar kein Unwillen und Haß darin, so daß Nikolaus nachdenklich
wurde.
Was hat dieses Volk, dachte er, sie sind Kinder, die ein Spielzeug
zerbrechen, warum lachen sie . . .
Er wurde vor den Rat geführt.
Jemand las einen langen Schriftsatz vor.
Er hörte nichts.
Schuster und Schneider sprachen auf ihn ein. Der Bürgermeister schlug auf
den Tisch und brüllte.
Der Herzog gähnte.
Er sah, wie sie mit wichtigen Mienen Schriftstücke aufsetzten, berieten,
abstimmten, die Köpfe schüttelten. Draußen schrie alles durcheinander.
Der Bürgermeister verbeugte sich gegen den Herzog und begann wieder etwas
vorzulesen.
Nikolaus versetzte ihm einen Fußtritt.
Ein Schöffe nach dem anderen schlich sich hinaus.
Nikolaus schrie auf. Er hatte den Bürgermeister gefaßt und schleuderte ihn
gegen die Wand.
Sie waren für eine Sekunde allein im Saal.
Dann kamen Schergen und schleppten den Herzog in das Turmverlies. Sie
griffen roh zu.
Nikolaus blieb stumm. Seine Miene wurde eisenhart.
Vor der Bürgermeisterei lief alles Volk zusammen. Man hörte das Weib
keifen. Teller flogen auf die Diele. Es war ein Gehaste, als ob drinnen ein
Toter wäre. Der Bürgermeister hatte sich in die Hosen geschissen.