Viele Boten kamen ins Oppelner Schloß. Schließlich ritten auch Frau Berthas
Vettern über die Brücke.
Im Schloßhof saßen die Bauern und soffen.
Es gab ein großes Gelächter, als die Kunde von Breslau offenbar wurde. Frau
Bertha sparte nicht.
Manchmal dachte sie: Vielleicht haben sie einen bestimmten Plan, sie hassen
ihn alle.
Dann aber wieder: Aber es wird ihm eine gute Lehre sein. Dieser Saufbold!
Kein Bauer will arbeiten.
Und auch: Was mag geschehen? Schließlich ein freier Herzog und Späße
. . . Aber dann lachte sie wieder laut auf. Wie er nur aussehen mag. Der
Bär. In Ketten. Vielleicht ganz hilflos. Mit suchenden Blicken. Hin und ihm
helfen. Das Tor öffnen und knurren: Na komm, diesmal noch . . . und sie sah
lange dann starr vor sich hin.
Frau Bertha empfing die Gäste mit Hohn im Blick.
Gestern hätte man ihn nach Neiße geschafft. Vielleicht werde dort ein
Gericht sein.
Sie hatten würdevolle Mienen.
Dann wieder schüttelten sie sich vor Lachen.
Die Frau sagte spitz: »Ihr werdet den Spaß zu bezahlen haben, wie ich ihn
kenne.«
Sie beeilten sich mit Gegenreden. Es läge doch anders und nur ihrem Einfluß
sei es zu danken und vor Jahren hätten sie schon gewarnt. Die
Verdächtigungen als Lutherischer, ernste Verwicklungen, die Bauern, die
Steuern . . . Überhaupt der Adel sei gegen ihn, und wenn schließlich nicht
die Frau wäre und die Familie . . .
Sie liefen wie aufgescheuchte Vögel hin und her, traten von einem Bein aufs
andere und verbeugten sich.
Frau Bertha ließ Wein auffahren.
»Soll man nun eingreifen oder dem Scherz seinen Lauf lassen?«
Da lachten sie wieder und tranken sich bedeutsam Bescheid.
Aber Frau Bertha ließ nicht locker.
Es schade dem Ansehen und auch nur eine Sekunde Ernüchterung wäre der Tod.
Gewiß, und es sei für alles gesorgt.
Dann redete der eine bedächtig von Gerüchten, die ihm zu Ohren gekommen
wären, ehelichen Zwisten und Frau Berthas traurigem Los und dem abnehmenden
Wohlstand. Seine Stimme wurde butterweich. Der andere half mit in
Klagetönen. Es waren zwei Stimmen, die sich gegenseitig immer wieder wie
Wettläufer überholten und sich scheu nacheinander umblickten.
Frau Bertha sah durch ihre Reden hindurch und hörte sich sprechen: Was
wollt ihr von mir, warum quält ihr mich.
Und sie antworten: Laß ab von ihm. Acht Jahre sind es her, daß wir ebenso
sprachen. Der oder Jener. Willst du uns wieder ziehen lassen?
Es war, als ob sie schreien müßte: »Hinaus -- -- oh ihr -- -- -- -- Er und
du oder du -- -- -- -- haha.«
Heben sie nicht die Finger und grinsen?
Frau Bertha fuhr sich über die Stirn und schwieg.
Sie fühlte dumpf, wie etwas Geheimnisvolles, Schleichendes sie einspann.
Sie werden Geld verlangen, vielleicht alles Land. Soll ich ihn aufgeben?
Sie erschauerte.
Der Liegnitzer sprach von ihrer Kindheit. Sie hatte ihm ein ganz klein
wenig Liebe gegeben, damals. Sie war allein, und er war stattlich, voller
Pläne. Es sah alles damals so viel und groß aus. Aber jetzt -- -- -- nein.
Und war schon Nikolaus für sie verloren, nicht denen da opfern. Nie.
Ihre Miene wurde zornig. Sie sah das Ende ihrer Reden. Sie erkannte
geifernde Schwätzer, denen sie selbst nur zu oft Gehör geschenkt hatte. Wie
hatte sie dagegen ihn manchmal getroffen und im Innersten erschüttert.
Es zuckte in ihr, krampfte sich, schrie.
Plötzlich fühlte sie, wie sie zum Schlag ausholten, sie sah es näher kommen
-- -- -- -- nur nicht hören -- -- -- die Bestätigung, die Besiegelung, die
Schuld.
Sie sank mit einem Aufschrei zu Boden.
Die Vettern sahen sich betroffen an.
Gurgelndes Stöhnen, leidenschaftliche Anklagen fielen auf sie ein.
Hilferufe.
Einige alte Weiber liefen zitternd herbei. Sie hielten sich scheu in einer
Ecke des Zimmers und glotzten die beiden an. Die Vettern lächelten gequält.
Der eine dachte: die ist hart wie Stein, und schaute den anderen sonderbar
von der Seite an.
Der Liegnitzer recke sich und fühlte: Also dann das nächste Mal. Vielleicht
ein Brieflein?
Sie gingen auf den Zehenspitzen hinaus.
Als sie wieder über die Brücke ritten, dachte der eine, ob ich ihr doch
noch einen Boten sende, entweder -- oder. Der andere aber besah sich alles
Land und sprach bei sich: Man sollte den Herzog retten, und er machte sich
eine Rechnung.
Frau Bertha stand im Schloßhof und lachte seit langer Zeit wieder aus
tiefstem Herzen.
Ich werde offen mit ihm reden, dachte sie, ein neues Leben wird beginnen.
Nicht mehr er, wir. Gegen die anderen.
Tanz und Spiel gingen bis zum Morgen.
Um den Weiher stellten sich die besoffenen Bauern und schwuren, nach
Breslau zu ziehen und ihren Herzog zu befreien.
Ihr wieherndes Gelächter ließ ab und zu Frau Bertha erschreckt im Schlafe
auffahren.