Was ist das Leben? -- so grübelte er -- Dämmerschlaf, Minuten des
Erwachens, eine Sekunde der Erkenntnis oder nur der so kurze Rausch des
Erkennens? Der Rest ist Verwesung -- -- Was ist das Leben?
Sie verkauften alles, was sie nicht unbedingt nötig hatten und logierten
sich in einem kleinen Ausflugsort unweit der Stadt ein.
Es ging in den Monat März. Draußen wechselten sich Regen und Schneegestöber
ab. Der Sturm rüttelte. Manchmal kam ein Sonnenstrahl, daß alles glitzerte.
In die graue Ebene leuchtete erstes Grün.
Oft stapften sie Hand in Hand durch das Tal, an einem Flüßchen entlang,
dessen Eisdecke rostbraun war, und ihre Füße wurden von dem Boden, der sich
in Klumpen daran gehängt hatte, schwer.
Oder sie standen an den Ufern des Weihers und lauschten dem Krachen des
Eises, das sich bäumte, oder zeigten sich die erste Lerche, die zum Himmel
stieg. Oder sie gingen durch den Wald und folgten trunkenen Blicks den
Wolken, die am Horizont dahinschossen.
Und immer war Hoffnung und gedämpfter Jubel um sie.
Sie saßen in der niedrigen, rauchgeschwärzten Wirtsstube und herzten und
drückten sich, daß die Brust sich in tiefem Seufzer hob, und die Augen
glänzten.
Ein Musiksprechapparat krähte, Tänze und Märsche und auch einen Chorus --
(Teure Heimat . . . . .)
Sie sprachen mit der Wirtin, dem Wirt, den Mädchen und dem Haushälter lang
und breit. Sie fühlten sich zugehörig.
Dann sprachen sie von ihrem Leben und dem Gewesenen. Sie sahen sich in die
Augen und verschwiegen sich nichts. Es lag ein Schleier über dem
Durchlebten und jeder fühlte:
»Was tut es. Wenn ich bei dir bin . . .«
Aber eines Tages packte ihn ein Anfall und drohte ihn zu zerbrechen. Ein
schleichendes Gift fühlte er in sich und er sah fern seine Mutter. Sie
schrie nach ihm und weinte. Ihre Arme reichten bis zu ihm, und ihr Gesicht
war gramverzerrt. Die weißen Haare flatterten und wurden Pfeile.
Die andere verstand nichts von seiner Vision, aber sie fürchtete sich, wenn
er jetzt im Hause herumschlich, gedrückt, wie von Zentnerlasten. Sie
glaubte, sie müsse ihn wiedergewinnen, wurde abweisend und versuchte seine
Kälte noch zu übertrumpfen. Er aber dachte: Warum streichelt sie mich nicht
-- -- und rief im Innersten: Hilf mir und sei gut!
Sie verstand ihn nicht und hörte nicht auf sein Flehen.
Sie warf ihm Worte hin, schneidend, brutal, voll Abgründe. Um ihn zu sich
zu reizen. Mit der Hoffnung, die Liebe durchbrechen zu lassen. Da ballten
sich die Fäuste. Er schlug sie ins Gesicht, daß sie auf die Diele
aufplumpste. Mit Füßen trat er sie. »So!« -- -- er wischte sich den Schaum
vom Mund, »so . . . hier hast du . . .«
Er fühlte alles verloren, empfand einen beißenden Schmerz im Kopf, ein
quälendes Würgen, das ihn betäubte.
Dann aber stieg es in ihm auf, hüpfend und prickelnd und wurde stärker, wie
Schellengeläute, und tanzte. Eine sieghafte göttliche Heiterkeit kehrte
ein. Er sah sich verzerrt, die Fäuste geballt, und lachte, lachte laut auf.
Sie lag noch am Boden, in sich zusammengeduckt, regungslos. Sie sah ihn
groß an und wurde ganz verschüchtert.
Dann fühlte sie, wie er sie in seine Arme nahm und sie herzte und küßte.
Sein Lachen war wie süße Musik. Da lächelte sie auch und flüsterte:
»Hab mich doch lieb . . . .«
So ketteten sie sich immer fester.
Manchmal dachte sie: Wo ist meine Kraft hin, und wird's sich auch lohnen
. . . aber sie schmiegte sich schnell an ihn und wies alle Gedanken von
sich.
Sie nannte sich Rehchen oder Kätzchen oder Osterhase, so hatte er sie
getauft.
Sie hüpfte wie ein Hase im Zimmer herum, wackelte mit den Ohren, kuschte
sich, spielte Männchen und kroch zu seinen Füßen und sah zu ihm auf, lange,
voller Demut.
Aber es kamen Tage, wo sie an die Zukunft denken mußten, trotzdem sie sich
dagegen verschworen hatten, und dann gestanden sie sich, daß sie nur noch
drei Tage wohnen bleiben konnten.
Da fühlte jeder: Wir gehören uns nur noch drei Tage und drei Nächte . . . .
und dann werden wir weiter sehen, dachten sie. Und jeder machte ein
entschlossenes Gesicht.
Sie schlossen sich in ihr Zimmer ein und liebten sich. Immer wieder fielen
sie sich um den Hals und liebten sich. Sie aßen und tranken nichts, und
wenn eins sich an den Tisch setzte und eine lebte Zeile schreiben wollte,
flugs sprang das andere hinzu und küßte und drängte so lange, bis alles im
Taumel wieder unterging.
Sie fürchteten sich allein, und jeder floh das Erwachen.
Doch am Mittag des zweiten Tages wachten sie auf, und ihre Blicke trafen
sich. Lange maßen sie sich wie zwei Fechter, die gegeneinander schreiten.
Er senkte den Kopf und schien zu allem entschlossen.
Da hängte sie sich an ihn und sprudelte hervor, sie hätte bereits einen
Plan, und es würde vorderhand gehen, und zählte alle Einzelheiten auf.
Er hätte aufjauchzen mögen, aber er fühlte: ich muß überlegen sein.
So streichelte er sie und küßte sie auf die Stirn.
Dann sahen sie sich wieder an, und dann tanzten sie und jubelten, und das
Glück war losgelöst und frei.
Noch denselben Abend gingen sie nach der Stadt, einen weiten steinigen Weg.