VIII.

Was ist das Leben? -- so grübelte er -- Dämmerschlaf, Minuten des

Erwachens, eine Sekunde der Erkenntnis oder nur der so kurze Rausch des

Erkennens? Der Rest ist Verwesung -- -- Was ist das Leben?

Sie verkauften alles, was sie nicht unbedingt nötig hatten und logierten

sich in einem kleinen Ausflugsort unweit der Stadt ein.

Es ging in den Monat März. Draußen wechselten sich Regen und Schneegestöber

ab. Der Sturm rüttelte. Manchmal kam ein Sonnenstrahl, daß alles glitzerte.

In die graue Ebene leuchtete erstes Grün.

Oft stapften sie Hand in Hand durch das Tal, an einem Flüßchen entlang,

dessen Eisdecke rostbraun war, und ihre Füße wurden von dem Boden, der sich

in Klumpen daran gehängt hatte, schwer.

Oder sie standen an den Ufern des Weihers und lauschten dem Krachen des

Eises, das sich bäumte, oder zeigten sich die erste Lerche, die zum Himmel

stieg. Oder sie gingen durch den Wald und folgten trunkenen Blicks den

Wolken, die am Horizont dahinschossen.

Und immer war Hoffnung und gedämpfter Jubel um sie.

Sie saßen in der niedrigen, rauchgeschwärzten Wirtsstube und herzten und

drückten sich, daß die Brust sich in tiefem Seufzer hob, und die Augen

glänzten.

Ein Musiksprechapparat krähte, Tänze und Märsche und auch einen Chorus --

(Teure Heimat . . . . .)

Sie sprachen mit der Wirtin, dem Wirt, den Mädchen und dem Haushälter lang

und breit. Sie fühlten sich zugehörig.

Dann sprachen sie von ihrem Leben und dem Gewesenen. Sie sahen sich in die

Augen und verschwiegen sich nichts. Es lag ein Schleier über dem

Durchlebten und jeder fühlte:

»Was tut es. Wenn ich bei dir bin . . .«

Aber eines Tages packte ihn ein Anfall und drohte ihn zu zerbrechen. Ein

schleichendes Gift fühlte er in sich und er sah fern seine Mutter. Sie

schrie nach ihm und weinte. Ihre Arme reichten bis zu ihm, und ihr Gesicht

war gramverzerrt. Die weißen Haare flatterten und wurden Pfeile.

Die andere verstand nichts von seiner Vision, aber sie fürchtete sich, wenn

er jetzt im Hause herumschlich, gedrückt, wie von Zentnerlasten. Sie

glaubte, sie müsse ihn wiedergewinnen, wurde abweisend und versuchte seine

Kälte noch zu übertrumpfen. Er aber dachte: Warum streichelt sie mich nicht

-- -- und rief im Innersten: Hilf mir und sei gut!

Sie verstand ihn nicht und hörte nicht auf sein Flehen.

Sie warf ihm Worte hin, schneidend, brutal, voll Abgründe. Um ihn zu sich

zu reizen. Mit der Hoffnung, die Liebe durchbrechen zu lassen. Da ballten

sich die Fäuste. Er schlug sie ins Gesicht, daß sie auf die Diele

aufplumpste. Mit Füßen trat er sie. »So!« -- -- er wischte sich den Schaum

vom Mund, »so . . . hier hast du . . .«

Er fühlte alles verloren, empfand einen beißenden Schmerz im Kopf, ein

quälendes Würgen, das ihn betäubte.

Dann aber stieg es in ihm auf, hüpfend und prickelnd und wurde stärker, wie

Schellengeläute, und tanzte. Eine sieghafte göttliche Heiterkeit kehrte

ein. Er sah sich verzerrt, die Fäuste geballt, und lachte, lachte laut auf.

Sie lag noch am Boden, in sich zusammengeduckt, regungslos. Sie sah ihn

groß an und wurde ganz verschüchtert.

Dann fühlte sie, wie er sie in seine Arme nahm und sie herzte und küßte.

Sein Lachen war wie süße Musik. Da lächelte sie auch und flüsterte:

»Hab mich doch lieb . . . .«

So ketteten sie sich immer fester.

Manchmal dachte sie: Wo ist meine Kraft hin, und wird's sich auch lohnen

. . . aber sie schmiegte sich schnell an ihn und wies alle Gedanken von

sich.

Sie nannte sich Rehchen oder Kätzchen oder Osterhase, so hatte er sie

getauft.

Sie hüpfte wie ein Hase im Zimmer herum, wackelte mit den Ohren, kuschte

sich, spielte Männchen und kroch zu seinen Füßen und sah zu ihm auf, lange,

voller Demut.

Aber es kamen Tage, wo sie an die Zukunft denken mußten, trotzdem sie sich

dagegen verschworen hatten, und dann gestanden sie sich, daß sie nur noch

drei Tage wohnen bleiben konnten.

Da fühlte jeder: Wir gehören uns nur noch drei Tage und drei Nächte . . . .

und dann werden wir weiter sehen, dachten sie. Und jeder machte ein

entschlossenes Gesicht.

Sie schlossen sich in ihr Zimmer ein und liebten sich. Immer wieder fielen

sie sich um den Hals und liebten sich. Sie aßen und tranken nichts, und

wenn eins sich an den Tisch setzte und eine lebte Zeile schreiben wollte,

flugs sprang das andere hinzu und küßte und drängte so lange, bis alles im

Taumel wieder unterging.

Sie fürchteten sich allein, und jeder floh das Erwachen.

Doch am Mittag des zweiten Tages wachten sie auf, und ihre Blicke trafen

sich. Lange maßen sie sich wie zwei Fechter, die gegeneinander schreiten.

Er senkte den Kopf und schien zu allem entschlossen.

Da hängte sie sich an ihn und sprudelte hervor, sie hätte bereits einen

Plan, und es würde vorderhand gehen, und zählte alle Einzelheiten auf.

Er hätte aufjauchzen mögen, aber er fühlte: ich muß überlegen sein.

So streichelte er sie und küßte sie auf die Stirn.

Dann sahen sie sich wieder an, und dann tanzten sie und jubelten, und das

Glück war losgelöst und frei.

Noch denselben Abend gingen sie nach der Stadt, einen weiten steinigen Weg.

Das Trottelbuch · 第 30 / 46 题