Einige Tage später erhielt sie von Werner ein Schreiben:
Wenn Sie sich vielleicht auch meiner nicht mehr erinnern, so erlaube ich
mir doch, Ihnen zu sagen, daß ich die Lösung Ihrer Verbindung für eine sehr
glückliche halte. R. ist zu sehr ein Mann mit festen Plänen und Zielen,
einer, der weiß, was er will. Es ist gleichgültig, ob er etwas für sich
allein tut oder dabei für andere noch mit zu tun meint, es bleibt immer die
eine Selbstliebe. Es gibt Männer, die das Weib als Spiegel ihrer selbst,
als Bank zum Ausruhen, als Kissen in der Dämmerstunde benutzen.
Sie brauchen ja selbst einen, an dem sie sich ausruhen wollen. Ich weiß
nicht, ob es ein Wurstl oder ein k. k. Staatsrat sein muß, aber das weiß
ich, daß es einer sein muß, der Ihnen die Ruhe gibt, indem er Ihre Seele
ständig in Atem hält.
Sehen Sie den Mann, den Menschen, den Sie so inbrünstig suchen. Was tut er?
Er sieht das Weib und greift danach. Wie ein Knabe, der nach dem Falter
hascht. Er greift danach, nach jedem, das ihm in den Weg kommt, und sieht
dann ein graues etwas, zerbrochene Flügel, und wischt sich die Hand ab. Das
Weib ist der Stieglitz, den man ins Bauer sperrt, das zitternde Körperchen,
das alle Sehnsucht löst, und das sich so entzückend sträubt, wenn man ihm
Futter geben will. Das ist das Weib, das wir lieben. Und das Weib ist die
Pest, die sich ins Blut setzt und alles Leben aufsaugt und verdorren läßt.
Das ist das Weib, das wir hassen müssen. Wo sind sie, die Gezeichneten und
Auserwählten, die auch dann in himmlischen Wonnen lächeln. Wir zittern
manchmal voll Ahnungen und Erkenntnissen, voll Dämmerungen und
Schummrigkeiten und hören in der Ferne den Ruf. Aber das Mitleid macht uns
dreckig, das verfluchte Mitleid, das uns blind und zu eitlen Trotteln
macht.
Viele sitzen und stellen das Weib vor sich hin, wie ein Petschaft und
grübeln. Und merken nicht, daß es längst in ihnen ist und fault. Sie sehen
nicht, daß das Weib unsere Versöhnung mit Gott ist und unsere Strafe, der
lächelnde Tod, der uns einlullt. Aber für Sie ist der Mann Taumel und
Straßenkot, Wurstl und Staatsrat -- -- -- -- sie las nicht mehr weiter.
Sie dachte, er ist doch ein verrückter Kerl, und fuhr zu ihm.
Sie traf ihn inmitten betrunkener Bürger.
Sie folgte ihm von Schänke zu Schänke, saß die Nächte mit ihm zusammen und
wich nicht von seiner Seite. Wenn er stöhnend umsank, war sie glücklich,
ihn stützen zu dürfen, oder sie steckte ihm den Finger in den Mund, um ihm
beim Speien behülflich zu sein. Voll innerer Seligkeit fühlte sie: Endlich
habe ich dich gefunden.
Er dachte: Wie mag es nur sein mit dem Mitleid. Verflucht -- -- -- -- daß
ich mir auch noch ein Weib aufgeladen.
Er diskutierte mit ihr über die Psyche des Weibes und zergliederte
Einzelheiten. Dann sagte er:
»Du solltest dir etwas Geld verdienen.«
Er teilte alles mit ihr, und seine Kasse war knapp.
Sie sah ihn erstaunt an und schwieg.
»Wir werden dann schon sehen, wo wir dich unterbringen.«
Ihr Lächeln wurde höhnisch. Es war die Entscheidung, als sie sagte:
»Ich finde schon immer noch einen. Aber ich glaubte, du wärest mehr --«
Peinvolle Minuten des Schweigens vergingen.
Wann ist man eigentlich verpflichtet, dachte er sich, und im Grunde
genommen . . . ich kenne das Leben nicht . . . .
»Sprich nicht so . . . du . . .« bat er und rang mit seinem Mitleid.
Sie zitterte beglückt unter seinen hilfesuchenden Blicken.
Jetzt kommt meine Feigheit, fühlte er.
Dann nahm er ihre Hand und sah die Tränen aufsteigen.
Dann küßten sie sich.
Ihre Körper blieben kalt, und eine fast unüberwindliche Scham trat zwischen
sie. Einmal sagte sie:
»Ich will dich herausreißen aus diesem Leben.«
Er lächelte. Es war eine Willenlosigkeit in ihm, die ihn erschreckte.
»Ja, ich bin ein Verurteilter,« erwiderte er.
Sie schwieg, aber in ihrem Blick lag soviel Hingebung und kindliche Bitte,
daß er weich wurde.
»Du solltest in einem Palaste wohnen, oder nein, in einer Hütte und wissen,
daß dir ein Palast gehört.«
Es klang lächerlich, aber er mußte etwas sagen und schwieg jetzt beschämt.
»Ich will doch nur immer um dich sein« . . . es war fast ein Vorwurf.
Das Leben kam ihr zu Hilfe. Er war arm und schlug sich mühselig durch.
Hunger und die Angst vor dem Morgen trieb sie enger zusammen. Sie drängte
ihn, eine bescheidene Stellung anzunehmen. Sie selbst traf Anstalten,
wieder zu ihrem Direktor zurückzukehren, er sollte mitkommen.
Sein allmähliches Unterliegen genoß er wie eine unaussprechliche Seligkeit.
Er fühlte im Innersten eine Fülle aufsteigen, die seine Zweifel nicht mehr
zu durchdringen vermochten. Das Äußere wurde leicht und frei, seine Freunde
suchte er nicht mehr auf.
In ihre Küsse mischte sich unmerklich Sehnsucht und quälte.
Er erschrak, aber das stündliche Auf und Nieder seiner Stimmungen ließ
Überlegungen nicht aufkommen. Sie schrieb ihm:
Wie der Nordwind braust durch der Eichen Zweige und Wipfel, so will ich
mich einwühlen in das Geäst deiner Seele und bei dir sein Tag und Nacht.
Denn du bist meine Heimat. Oder sie erinnerte sich: Weiß denn die
Nachtigall warum sie singt ihr süßes Lied?
Plötzlich war die Sehnsucht Herr über sie geworden. In ihren Küssen stand
das Blut gegen sie auf und zwang sie.
Im Taumel vergaßen sie sich und alles, was sie über ihre Liebe geschworen
hatten.
Noch einmal wurde er aus dem Rausch zurückgerissen. Er sah eine Vision
. . . wie ein Stab zerbrochen wurde . . . . . aber er fühlte: Weiter!
Sie fürchteten sich und zitterten. Er schritt kopfschüttelnd durch die
nächtlichen Straßen und dachte: Wer bin ich -- -- -- wie ist alles gekommen
. . . gerade ich . . . Er tappte im dunklen. Im Geiste sah er turmhohe
Felswände aufstehen, die ihn zu erdrücken drohten, und sah tausend Wege zu
sich und neue Möglichkeiten. Aber er rührte nicht daran. Dann setzte er
seinen Weg fort und erinnerte sich: »Ja, ich will dich lieben . . . .«