Sein Vater war in alles eingeweiht und traf Anstalten für eine dauernde
Verbindung. Sie sahen einen heißen Kampf unter sich vor Augen, doch der
Sieg schien sicher. Das Wort >gut< hatte eine zu tiefe Bedeutung für sie
gewonnen, und sie baute sich aus dem Gelesenen ein System zusammen, das sie
freisprach und befriedigen sollte. Er selbst trug dazu bei und stellte sie
in den Mittelpunkt von Komödien und Novelletten, die er an die
Zeitschriften verschickte, mit Rückporto versehen.
Ihre Abende vergingen etwa so, daß sie daran dachte, wem sie wohl von ihren
früheren Freunden Verlobungsanzeigen schicken solle, während er Verse
deklamierte und sich pathetisch mit den fahrenden Sängern des Mittelalters
verglich.
Es war eine himmlische Ruhe in ihr. Der Blick begann sich für das Leben zu
schärfen. Sie hatte wieder ihren suchenden Blick. Sie begann zu hänseln und
zu widersprechen. Zu dem anfangs gutmütigen Spott gesellte sich unmerklich
Bosheit und Hohn. Aus dem sichern Gefühl eines wiedererwachten
Selbstbewußtseins heraus.
Sie trieb ihn zu Freunden und Gesellschaften. Ihr Blick wurde unstät und
flackernd. Da kam sie mit einem seiner Bekannten, dem Werner, zusammen und
wurde nachdenklich und unruhig.
Aber es war eine Unruhe, die ihr neu war, und die sie entzückte. Sie
zitterte, wenn sie den anderen nach ihm fragte.
Er schien sie nicht zu beachten, denn er war fast immer betrunken. In
seinen Bewegungen war wie Entschuldigung, und seine Blicke hatten etwas
Hilfloses, Verzichtendes. Das war einer, der haßte und vernichtete. Ein
Kind.
Da hielt aber auch der andere seine Zeit für gekommen, und eine geheime
Furcht, seine Bemühungen ergebnislos zu sehen, ließ ihn alle Besonnenheit
vergessen. Er fühlte, wie sie seinen Händen entglitt. Er zermarterte sich
den Kopf; aber er fand keinen Anhaltspunkt mehr.
Es war plump, wie er sein Spiel verloren gab. Er fühlte es selbst, es war
plump.
Ganz unvermittelt drängte er in sie, ohne Übergang, ungeschickt, mit
verlegenem Lächeln. Er griff zu Reizmitteln und stammelte Andeutungen. Oh,
es war sehr plump.
Ein Abgrund tat sich auf.
Sie hatte den Moment seit Wochen gewittert und empfing ihn: »Du -- -- also
auch einer,« sie lachte verächtlich. »Pfui Teufel!«
Er versteckte sich hinter einem Wortschwall, er empfand eine Lust sich zu
erniedrigen und dachte: es ist gewiß meine letzte Niederlage. Wo liegt der
Fehler -- -- -- --
»Ja, ja -- -- so bin ich!« schrie er.
Es folgte jetzt eine Szene, von der man nicht weiß, ob sie sich wirklich
abgespielt hat. Sie zerrten sich, spieen sich an, er riß sie an den Haaren
im Zimmer herum, sie riß ihm die Fetzen vom Leibe, er fühlte ihren Mund in
Wollust zittern -- -- -- -- -- -- ihren heißen, süßen Mund. Er sah das
Zittern, aber er wußte nicht, ob etwas war. Er wurde stumpf und sank
ermattet in sich zusammen.
Anderntags schrieb sie:
»Ich danke dir vieles, vielleicht alles, meinen Körper kann ich dir nicht
geben. Nie! Mich ekelt. Daß du es weißt . . . . .«
Wieder einen Tag später schrieb sie:
»Schicke mir durch den P. etwas Reisegeld, ich muß nach Haus fahren.«
Ihre Seele war frei, sie fühlte: ein Tempel. Es war ihr, als ob sie etwas
unendlich Zartes und Heiliges behütete. Erregt schritt sie im Zimmer auf
und ab oder lief weit hinaus vor das Tor der Stadt. Sie fühlte dieses
Glücksgefühl dumpf und in süßer Ungewißheit emporwachsen. Und immer
wiederholte sie sich: Nur nicht denken.
Die Leute entsetzten sich, als sie durch die Straßen zum Bahnhof ging. Alle
hielten sie für betrunken. Sie lehnte sich zum Coupefenster hinaus, und
alles war verklärt. Die Leute, die rauchgeschwärzte Halle. Die Trains
donnerten in die Halle, Lokomotiven kreischten und pfiffen. Es waren ihr
himmlische Fanfaren. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Jemand rief:
»Also leb wohl und grüß mir . . . . .«
Aber das galt ihr nicht.