VI.

In dieser Zeit war es, daß ein junger Mann zu ihr kam. Bei einem Konzert

hatte er sie inmitten einer großen Gesellschaft gesehen und ihren suchenden

Blick gefühlt. Er ließ große Inserate in die Tageszeitungen einrücken,

worin er um ein Rendezvous bat. Aber sie las ja keine Zeitungen. Zufällig

traf er sie nach Wochen wieder und sprach sie an. Schließlich kam er dann

jeden Tag zu ihr.

Er war im allgemeinen scheu und zurückhaltend und verlangte nichts. Sie

beschäftigte sich nicht allzuviel mit ihm, aber sie empfand, daß von ihm

etwas von der Kraft reiner, wahrer Liebe ausging und fühlte eine wonnige

Beruhigung. Manchmal sprach er den ganzen Tag kein Wort, er wollte nur um

sie sein und träumen -- -- sagte er.

Es war wirklich eine Beruhigung für sie. Oft seufzte sie in einsamen

Nächten: Wer doch gut sein könnte, so gut.

Dieses Wort hatte für sie einen besonderen Klang bekommen.

Es lag soviel Befriedigung und Sehnsucht darin. Es war, als ob sie langsam

an seinen Worten gesunden sollte.

Seines Zeichens war er Journalist und beschäftigte sich auch privatim mit

schriftstellerischen Arbeiten. Sie arbeiteten zusammen mit zwei Listen. Die

eine führte er, auf der die Daten der Geburts- und Todestage aller großen

Männer und Frauen verzeichnet waren, während sie die zweite Liste führte,

auf der die Zeitungen und Journale angestrichen wurden, die refusiert oder

angenommen hatten, mit rotem oder blauem Stift -- je nachdem. So wußte sie

auch immer, wieviel Geld einkam.

Manchmal las er künstlerische Versuche vor und enthüllte sein Innerstes

schonungslos, seine Begierden und Befriedigungen. Und über allem schwebte

sie, die Unantastbare, die Königin, die da kommen mußte, und der alles

bereitet war.

Sie las viel in den Schriften der neuen Generation, und jede Zeile war ihr

ein süßer und billiger Trost.

Aber es wurmte noch etwas in ihr und bäumte sich auf. Ein Bodensatz. Es

kamen noch Tage, wo sie ihn floh. Es kamen noch Nächte, da sie durch

Tanzsäle raste. Aber die Reste ihrer Kraft schwanden immer wieder, so daß

sie bald zu ihm zurückkehrte. Sie fand ihn stets wie ein treues Tier

wartend, voll Dankbarkeit.

Er litt, doch es war eine tröstende Gewißheit um ihn.

Auch als sie noch einmal mit einer Lüge zu ihrem Kaufmann reiste. Auf acht

Tage. Sie kam wie eine Fremde und dachte auf Schritt und Tritt an ihren

armen Jungen. Noch vor der Zeit war sie wieder bei ihm. Sie raffte alle

Schönheiten in ihrer Erinnerung zusammen, wie jemand, der vor den Trümmern

seines abgebrannten Hauses das letzte sucht, und sie bauten darauf auf. Mit

blutendem Herzen tat der andere seine Phantasie hinzu.

Dann aber drückte sie wieder ihre Stille.

Ein neuer Taumel riß sie mit fort.

Sie betrog ihn mit einem Studenten, der ihr über den Weg lief -- -- --

nein, sie betrog ihn nicht, sie sagte es ihm.

Er hetzte hinter ihr her, Tag und Nacht.

Noch einmal war alles Rausch in ihr und Grausamkeit.

Dann aber würgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urplötzlich griff

sie zu und riß sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog.

Die Scham.

Sie saß an einem Caféhaustisch unter lärmenden Gesellen. Man sprach

Persönliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgültige

Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes

Musikgepolter. Lüge und Einsamkeit.

Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei

und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es

vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden.

Ihre Stimmung war verflogen. Sie schüttelte den Kopf: Das war es nicht, was

sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte

Mißtrauen zwischen ihnen.

Das Trottelbuch · 第 27 / 46 题