In dieser Zeit war es, daß ein junger Mann zu ihr kam. Bei einem Konzert
hatte er sie inmitten einer großen Gesellschaft gesehen und ihren suchenden
Blick gefühlt. Er ließ große Inserate in die Tageszeitungen einrücken,
worin er um ein Rendezvous bat. Aber sie las ja keine Zeitungen. Zufällig
traf er sie nach Wochen wieder und sprach sie an. Schließlich kam er dann
jeden Tag zu ihr.
Er war im allgemeinen scheu und zurückhaltend und verlangte nichts. Sie
beschäftigte sich nicht allzuviel mit ihm, aber sie empfand, daß von ihm
etwas von der Kraft reiner, wahrer Liebe ausging und fühlte eine wonnige
Beruhigung. Manchmal sprach er den ganzen Tag kein Wort, er wollte nur um
sie sein und träumen -- -- sagte er.
Es war wirklich eine Beruhigung für sie. Oft seufzte sie in einsamen
Nächten: Wer doch gut sein könnte, so gut.
Dieses Wort hatte für sie einen besonderen Klang bekommen.
Es lag soviel Befriedigung und Sehnsucht darin. Es war, als ob sie langsam
an seinen Worten gesunden sollte.
Seines Zeichens war er Journalist und beschäftigte sich auch privatim mit
schriftstellerischen Arbeiten. Sie arbeiteten zusammen mit zwei Listen. Die
eine führte er, auf der die Daten der Geburts- und Todestage aller großen
Männer und Frauen verzeichnet waren, während sie die zweite Liste führte,
auf der die Zeitungen und Journale angestrichen wurden, die refusiert oder
angenommen hatten, mit rotem oder blauem Stift -- je nachdem. So wußte sie
auch immer, wieviel Geld einkam.
Manchmal las er künstlerische Versuche vor und enthüllte sein Innerstes
schonungslos, seine Begierden und Befriedigungen. Und über allem schwebte
sie, die Unantastbare, die Königin, die da kommen mußte, und der alles
bereitet war.
Sie las viel in den Schriften der neuen Generation, und jede Zeile war ihr
ein süßer und billiger Trost.
Aber es wurmte noch etwas in ihr und bäumte sich auf. Ein Bodensatz. Es
kamen noch Tage, wo sie ihn floh. Es kamen noch Nächte, da sie durch
Tanzsäle raste. Aber die Reste ihrer Kraft schwanden immer wieder, so daß
sie bald zu ihm zurückkehrte. Sie fand ihn stets wie ein treues Tier
wartend, voll Dankbarkeit.
Er litt, doch es war eine tröstende Gewißheit um ihn.
Auch als sie noch einmal mit einer Lüge zu ihrem Kaufmann reiste. Auf acht
Tage. Sie kam wie eine Fremde und dachte auf Schritt und Tritt an ihren
armen Jungen. Noch vor der Zeit war sie wieder bei ihm. Sie raffte alle
Schönheiten in ihrer Erinnerung zusammen, wie jemand, der vor den Trümmern
seines abgebrannten Hauses das letzte sucht, und sie bauten darauf auf. Mit
blutendem Herzen tat der andere seine Phantasie hinzu.
Dann aber drückte sie wieder ihre Stille.
Ein neuer Taumel riß sie mit fort.
Sie betrog ihn mit einem Studenten, der ihr über den Weg lief -- -- --
nein, sie betrog ihn nicht, sie sagte es ihm.
Er hetzte hinter ihr her, Tag und Nacht.
Noch einmal war alles Rausch in ihr und Grausamkeit.
Dann aber würgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urplötzlich griff
sie zu und riß sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog.
Die Scham.
Sie saß an einem Caféhaustisch unter lärmenden Gesellen. Man sprach
Persönliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgültige
Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes
Musikgepolter. Lüge und Einsamkeit.
Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei
und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es
vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden.
Ihre Stimmung war verflogen. Sie schüttelte den Kopf: Das war es nicht, was
sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte
Mißtrauen zwischen ihnen.