Es kam alles anders, wie sie gefürchtet hatte. Der Direktor schrieb einen
versöhnlichen Brief, sie solle nur ruhig zurückkommen, sie würde es schon
noch zu was bringen.
In den Tagen, da sie zu Haus war, frischte sie alte Bekanntschaften wieder
auf. Sie erschrak vor ihrer inneren Unruhe und suchte sich zu betäuben. Man
muß das Leben vernichten -- -- -- erinnerte sie sich.
Ein Distriktsbeamter aus einer afrikanischen Kolonie bemühte sich um sie
und wollte sie mitnehmen. Dies schien ihr der Rausch, den sie suchte. Nur
nicht denken -- -- -- -- fühlte sie. Ihr Blick bekam etwas lauerndes,
haßerfülltes, etwas vom Vampyr. Schwere Tage schlichen dahin, und tolle
Nächte verbluteten in rasendem Taumel.
Eines Tages war der Afrikaner verschwunden.
Er traute nicht.
Sie erließ Aufforderungen in die Blätter, sie ließ ihn suchen durch die
Polizei und Privatdetektivs. Es half alles nichts, er blieb verschwunden.
Niemand kannte seine Adresse, und man hörte nichts mehr von ihm.
Schließlich fuhr sie wieder ihrem Direktor nach und wurde der Stern der
Truppe. Ein Schwarm junger Männer war um sie. Blumen und Schmucksachen
flogen ihr zu. Sie verschenkte alles wieder. Mit kaltem Lächeln und
brennendem Ekel. Zwei Monate lang lebte sie so und immer war der Direktor
um sie herum und nannte sie seine Tochter. Er ließ sie nicht aus den Augen
und lebte von ihr.
Da erhörte sie einen ihrer hündischen Anbeter, der ihr von Stadt zu Stadt
gefolgt war, und verließ die Truppe.
Es war schon ein gereifter Mann, der irgend eine größere kaufmännische
Position innehatte und in Petroleum spekulierte.
Sie täuschten sich ein gewisses Frühlingsglück vor und waren oft still und
traurig.
Wenn sie Hand in Hand auf den Dünen entlang schritten oder den Rhein
hinabfuhren, stiegen Erinnerungen in ihnen auf, und eine opferwillige Liebe
ergriff ihn. Er sprach von dem Herbst seiner Liebe und der Hütte, die er
errichten wolle, denn er hatte bei seinem gelegentlichen Umgange mit
Künstlern sehr wohl auf deren Umgangsformen geachtet. Er traf Anstalten zum
Ankauf eines Häuschens, das mitten im Walde gelegen war, und überhäufte sie
mit Erbstücken von seiner Mutter und Großmutter.
Sie fühlte von alledem nichts. Sinnlichkeit raste in ihr und rüttelte. Wenn
sie sich ihm gab, fühlte er eine bittere Trockenheit aufsteigen und
prasselndes Feuer, das sich in den Leib fraß. Er wurde in den Taumel mit
hineingerissen. Ein unendliches Mitleid quälte ihn, und in den Nächten der
tiefsten Ermattung rang er mit dem Entschluß, alles von sich zu werfen und
zu heiraten. Ihr Leben wurde immer trauriger und drückender. Er fürchtete
für seine Liebe und bebte vor deren Ende. Er fühlte sich der Situation
nicht mehr gewachsen. Die Hilflosigkeit verstärkte indessen noch seine
Liebe, und er fand keinen Ausweg mehr.
Sie verlor allmählich ihre Sicherheit. Sie sträubte sich dagegen, als
Heilige verehrt zu werden. Ein dämonischer Wille erfüllte sie, ihn darin zu
erschüttern. Sie bot sich seinen Freunden an oder inszenierte auf der
Straße einen Zank und schlug ihm den Hut vom Kopf. Sie wußte mit seiner
Liebe nichts anzufangen und wollte sie nicht, nur Haß und Vernichtung.
Sie nahm Weiber zu sich, er sah nichts. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn
zu vergiften, er achtete nicht darauf. Sie zeigte ihre Wirtin wegen
Kuppelei an, er lächelte darüber.
Die ganze Stadt war voll von Gerüchten, und man riet ihm, sie aufzugeben.
Aber in ihm lebte eine Hoffnung von einer über alles kostbar belohnten
Mission, die ihn alles vergessen ließ.
Auch ihn hatte jetzt der Rausch erfaßt.
Eines Tages hielt sie ihm den Revolver unter die Nase.
»Ich bin schwanger!«
Sein Gesicht strahlte reine Freude.
»Ich will kein Kind von dir -- -- --« ein Aufschrei in wildem Haß.
Er lächelte und entwand ihr die Waffe.
»Du bist doch mein -- --« und wollte sie umarmen.
»Du langweiliges Spielzeug -- -- -- -- sie spie aus -- -- -- -- ich hab'
dich satt.«
Die Umrisse im Zimmer begannen sich zu verwischen. Aller Schmerz stieg in
ihr auf. »Nichts denken« -- -- schrie sie. Sie sah sich in dieser Sekunde
und ihr ganzes Leben. Der Rausch zerbarst.
Die Krampfanfälle kamen wieder. Er lag zu ihren Füßen wie ein geprügelter
Hund. Er hätte weinen wollen, bitten wie ein Kind, aber er fühlte, er war
nicht rein genug. Ein Gefühl der Befriedigung zog ein, er wurde sich der
Held eines Romanes und hatte seinem Leben endlich einen Inhalt gegeben.
Er schrieb ihr nach Haus Briefe, die eines gewissen poetischen Schwunges
nicht entbehrten. Ich will immer auf dich warten, so schrieb er, die Sonne
wird auf- und untergehen und ich werde sie nicht sehen, solange du nicht
bei mir bist -- -- -- -- und -- -- -- -- ich will mit dir hassen lernen.
Der Mutter schickte er Geld und schrieb: Pflegen Sie sie mir gut. Wenn
alles vorüber ist, will ich hinkommen und mit ihr sprechen. Und dann kam
er. Sie sah ihn mit scheuen Augen an und fürchtete sich. Sie dachte: Was
will er nur von mir?
Oder sie schleifte ihn abends durch die Tanzsäle und suchte sich zu
betäuben. Aber es gelang nicht mehr. Ihr Haß hatte sich entwurzelt, und
ihre Seele war ausgebrannt. Sie sprach mit grausamem Lächeln von ihren
Erinnerungen oder bot sich ihm an, mechanisch, wie eine Uhr, die täglich
aufgezogen werden muß.
Es wurde ihm unheimlich. Der Roman war doch nicht nach seinem Geschmack. Er
sprach hin und wieder mit ihrer Mutter, schließlich reiste er ab. Sein
Innenleben war ausgelöscht. Ein unbestimmtes, dumpfes Gefühl bedrückte ihn
und wollte auch späterhin nicht mehr von ihm weichen, selbst wenn er die
größten Geschäfte machte.