V.

Es kam alles anders, wie sie gefürchtet hatte. Der Direktor schrieb einen

versöhnlichen Brief, sie solle nur ruhig zurückkommen, sie würde es schon

noch zu was bringen.

In den Tagen, da sie zu Haus war, frischte sie alte Bekanntschaften wieder

auf. Sie erschrak vor ihrer inneren Unruhe und suchte sich zu betäuben. Man

muß das Leben vernichten -- -- -- erinnerte sie sich.

Ein Distriktsbeamter aus einer afrikanischen Kolonie bemühte sich um sie

und wollte sie mitnehmen. Dies schien ihr der Rausch, den sie suchte. Nur

nicht denken -- -- -- -- fühlte sie. Ihr Blick bekam etwas lauerndes,

haßerfülltes, etwas vom Vampyr. Schwere Tage schlichen dahin, und tolle

Nächte verbluteten in rasendem Taumel.

Eines Tages war der Afrikaner verschwunden.

Er traute nicht.

Sie erließ Aufforderungen in die Blätter, sie ließ ihn suchen durch die

Polizei und Privatdetektivs. Es half alles nichts, er blieb verschwunden.

Niemand kannte seine Adresse, und man hörte nichts mehr von ihm.

Schließlich fuhr sie wieder ihrem Direktor nach und wurde der Stern der

Truppe. Ein Schwarm junger Männer war um sie. Blumen und Schmucksachen

flogen ihr zu. Sie verschenkte alles wieder. Mit kaltem Lächeln und

brennendem Ekel. Zwei Monate lang lebte sie so und immer war der Direktor

um sie herum und nannte sie seine Tochter. Er ließ sie nicht aus den Augen

und lebte von ihr.

Da erhörte sie einen ihrer hündischen Anbeter, der ihr von Stadt zu Stadt

gefolgt war, und verließ die Truppe.

Es war schon ein gereifter Mann, der irgend eine größere kaufmännische

Position innehatte und in Petroleum spekulierte.

Sie täuschten sich ein gewisses Frühlingsglück vor und waren oft still und

traurig.

Wenn sie Hand in Hand auf den Dünen entlang schritten oder den Rhein

hinabfuhren, stiegen Erinnerungen in ihnen auf, und eine opferwillige Liebe

ergriff ihn. Er sprach von dem Herbst seiner Liebe und der Hütte, die er

errichten wolle, denn er hatte bei seinem gelegentlichen Umgange mit

Künstlern sehr wohl auf deren Umgangsformen geachtet. Er traf Anstalten zum

Ankauf eines Häuschens, das mitten im Walde gelegen war, und überhäufte sie

mit Erbstücken von seiner Mutter und Großmutter.

Sie fühlte von alledem nichts. Sinnlichkeit raste in ihr und rüttelte. Wenn

sie sich ihm gab, fühlte er eine bittere Trockenheit aufsteigen und

prasselndes Feuer, das sich in den Leib fraß. Er wurde in den Taumel mit

hineingerissen. Ein unendliches Mitleid quälte ihn, und in den Nächten der

tiefsten Ermattung rang er mit dem Entschluß, alles von sich zu werfen und

zu heiraten. Ihr Leben wurde immer trauriger und drückender. Er fürchtete

für seine Liebe und bebte vor deren Ende. Er fühlte sich der Situation

nicht mehr gewachsen. Die Hilflosigkeit verstärkte indessen noch seine

Liebe, und er fand keinen Ausweg mehr.

Sie verlor allmählich ihre Sicherheit. Sie sträubte sich dagegen, als

Heilige verehrt zu werden. Ein dämonischer Wille erfüllte sie, ihn darin zu

erschüttern. Sie bot sich seinen Freunden an oder inszenierte auf der

Straße einen Zank und schlug ihm den Hut vom Kopf. Sie wußte mit seiner

Liebe nichts anzufangen und wollte sie nicht, nur Haß und Vernichtung.

Sie nahm Weiber zu sich, er sah nichts. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn

zu vergiften, er achtete nicht darauf. Sie zeigte ihre Wirtin wegen

Kuppelei an, er lächelte darüber.

Die ganze Stadt war voll von Gerüchten, und man riet ihm, sie aufzugeben.

Aber in ihm lebte eine Hoffnung von einer über alles kostbar belohnten

Mission, die ihn alles vergessen ließ.

Auch ihn hatte jetzt der Rausch erfaßt.

Eines Tages hielt sie ihm den Revolver unter die Nase.

»Ich bin schwanger!«

Sein Gesicht strahlte reine Freude.

»Ich will kein Kind von dir -- -- --« ein Aufschrei in wildem Haß.

Er lächelte und entwand ihr die Waffe.

»Du bist doch mein -- --« und wollte sie umarmen.

»Du langweiliges Spielzeug -- -- -- -- sie spie aus -- -- -- -- ich hab'

dich satt.«

Die Umrisse im Zimmer begannen sich zu verwischen. Aller Schmerz stieg in

ihr auf. »Nichts denken« -- -- schrie sie. Sie sah sich in dieser Sekunde

und ihr ganzes Leben. Der Rausch zerbarst.

Die Krampfanfälle kamen wieder. Er lag zu ihren Füßen wie ein geprügelter

Hund. Er hätte weinen wollen, bitten wie ein Kind, aber er fühlte, er war

nicht rein genug. Ein Gefühl der Befriedigung zog ein, er wurde sich der

Held eines Romanes und hatte seinem Leben endlich einen Inhalt gegeben.

Er schrieb ihr nach Haus Briefe, die eines gewissen poetischen Schwunges

nicht entbehrten. Ich will immer auf dich warten, so schrieb er, die Sonne

wird auf- und untergehen und ich werde sie nicht sehen, solange du nicht

bei mir bist -- -- -- -- und -- -- -- -- ich will mit dir hassen lernen.

Der Mutter schickte er Geld und schrieb: Pflegen Sie sie mir gut. Wenn

alles vorüber ist, will ich hinkommen und mit ihr sprechen. Und dann kam

er. Sie sah ihn mit scheuen Augen an und fürchtete sich. Sie dachte: Was

will er nur von mir?

Oder sie schleifte ihn abends durch die Tanzsäle und suchte sich zu

betäuben. Aber es gelang nicht mehr. Ihr Haß hatte sich entwurzelt, und

ihre Seele war ausgebrannt. Sie sprach mit grausamem Lächeln von ihren

Erinnerungen oder bot sich ihm an, mechanisch, wie eine Uhr, die täglich

aufgezogen werden muß.

Es wurde ihm unheimlich. Der Roman war doch nicht nach seinem Geschmack. Er

sprach hin und wieder mit ihrer Mutter, schließlich reiste er ab. Sein

Innenleben war ausgelöscht. Ein unbestimmtes, dumpfes Gefühl bedrückte ihn

und wollte auch späterhin nicht mehr von ihm weichen, selbst wenn er die

größten Geschäfte machte.

Das Trottelbuch · 第 26 / 46 题