IV.

Sie war freudig bei der Arbeit, es war wie eine heilige Sache für sie. Ihr

Tanz atmete die scheue Zurückhaltung, die Greise zu Phantasten macht. In

vielen Städten und viele Wochen lang tanzte sie so. Die Verehrung, mit der

man sie umgab, glitt an ihr vorüber und rührte sie nicht. Sie hatte ihren

Haß und nährte ihn, aber sie wurde zusehends schwächer. Sie wurde müde in

ihrem Ekel und sehnte sich. Nach dem Fernen und Weichen, dem Streicheln und

Einschläfern, dem Katzenhaften und Kindlichen. Die Erinnerung wachte auf

und brachte auch wieder die Eitelkeit mit. Abends saß sie inmitten ihrer

Gesellschaft, unberührt von den Gesprächen rings um sie herum, und sehnte

sich so.

Es war dies die Zeit, wo sie fast täglich an ihre Mutter schrieb. Ein neues

Aufatmen schien gekommen.

Und einer war, der zu ihr sprach mit leiser Stimme, von Dämmerung und

verträumtem Zittern, von asketischem Insichhineinversenken und ewiger

Einsamkeit.

Er beweinte im voraus, daß er sie nie besitzen würde. Sie lächelte oder war

auch plötzlich bitterernst, und streichelte seine Hand, abwesend, wie eine

unbeteiligte Fremde. Dann pflegte er mit hohler, vibrierender Stimme Verse

zu zitieren, manchmal auch eigene, und er bevorzugte den Refrain:

Daß ich noch einmal würde lieben,

Ich hätt' es nimmermehr gedacht!

Es war ein Schauspieleleve, der schon eine Anzahl bürgerliche Berufe hinter

sich hatte. Aber es kam so genau nicht darauf an, denn er lebte bei den

Eltern.

Einmal kam sie nach einer heißen Nacht zu ihm und gab ihm leicht blinzelnd

die Hand. Es war wieder Bewegung in ihr. Sie schmiegte sich an ihn und

lauerte.

Da sagte er: »Sprich nicht so laut. Meine Mutter ist krank, zwei Zimmer

weiter -- -- --« und wies mit der Hand.

»Du -- -- --« sie knackte mit den Fingern, es klang gurgelnd, drohend, ein

Befehl, dann aber in eisiger Ironie: »komm mit.«

Er nahm ein Bild vom Schreibtisch und schenkte es ihr. Mit resignierter

Miene überreichte er die Widmung: Daß ich noch einmal u. s. w.

Dann ging er mit ihr durch die Straßen. Sie waren still und bedrückt.

Plötzlich lachte sie auf, gröhlte und summte vor sich hin. Einen

Gassenhauer mit höchst eindeutigem Text. Er war starr, wie aus dem Gleis

geschleudert, grinste indigniert und benahm sich auch sonst seltsam, wie es

ein Mann tut, den die Verlegenheit überrascht. Was ist das nur, so wunderte

er sich, aber er schwieg, und sie wurde auch wieder still. An ihrer Wohnung

verabschiedete sie ihn, und er versuchte seinem Mienenspiel, das noch immer

eine gewisse Bestürzung zeigte, einen hündischen, treu besorgten Zug mit

beizumischen.

Wenige Stunden später polterte es an ihrer Tür.

Er war betrunken und bat um Einlaß. Die Haare waren zerzaust, die Kravatte

verschoben. Mit funkelnden Augen stand er da, bald flüsterte er Kosenamen,

dann wieder besann er sich und stammelte von einer dringenden Angelegenheit

oder seufzte weh und verzichtend, wie von Schmerz zerrissen, dann wieder

drückte er an die Klinke, und sein Gesicht wurde weich und zart. Aber die

Tür blieb verschlossen. Er schwor sogar, daß er für sie alles aufgeben

wolle, aber sie schwieg und rührte sich nicht. Ein neuer Rausch war über

sie gekommen, eine dumpfe Macht, die sie verwirrte und gefangen hielt.

Sie schrieb an den Herrn v. B., der sie seit einigen Tagen verfolgte, ein

Billet: »Erwarten Sie mich noch heute nach Schluß, und bringen Sie den Pelz

mit.«

Herr v. B. sprang von seinem Divan auf. Was ist das? -- -- Jaso -- -- der

Pelz. Dann betrachtete er im Spiegel wohlgefällig sein hageres Gesicht, den

englischen Schnitt. Er lächelte überlegen.

Abends brachte er einen wundervollen echten Pelz, einen entzückenden Pelz.

Sie hüllte sich hinein und war wieder Kind. Plauschte und stotterte, die

ganze Gesellschaft nahm sie gefangen.

Herr v. B. feierte Triumphe. Seine Freunde -- die ganze Stadt -- -- oh, es

war wirklich ein Triumph. Er war fast traurig und gerührt, seine Augen

wurden gläsern.

Dann nahm sie ihn mit in ihr Zimmer hinauf. Sie ließ ihn eine Melodie

summen und tanzte vor ihm. Sie kuschte sich zu ihm und trieb zu tausend

Kapriolen und Späßen. Oder sie fuhr ihm an die Gurgel und streichelte dann

sein erschrecktes Gesicht. Oh, es war reizend.

Herr v. B. schwitzte und dachte in süßestem Selbstbewußtsein: Gerade ich --

-- ja -- -- höchst seltsam und wunderbar -- --

Sie zwickte und puffte ihn und stieß ihn zu Boden. Ein schwerer Rausch

hielt sie umfangen.

Er begann, wie aus einer Familientruhe heraus, seine Gefühle auszupacken

und sprach von Liebe und Glück und ähnlichem. Eine hüpfende Seligkeit war

in ihm. Oh, es war reizend -- -- -- ja gerade ich -- -- fühlte er nur immer

wieder. An alle Bekannten dachte er.

Der Morgen kam grau und abweisend, wie ein Henker.

Da stieß sie ihn mit Fußtritten von sich. Ihr Gesicht war aschgrau und

verzerrt, das Haar hing in dürren Strähnen.

Herr v. B. fühlte: Das ist kein Erwachen, ich komme um den Genuß. Er

versuchte sie zu beruhigen und sprach schöne Worte.

Sie spie ihn an, eine Flut von Flüchen schwoll ihm entgegen.

Dann schrie sie laut auf und Krämpfe schüttelten ihren Körper.

Das Hotelpersonal lief zusammen, der Direktor kam, Kollegen.

Man wusch sie mit kölnischem Wasser, alle standen ratlos.

Herr v. B. blutete aus vielen Kratzwunden, aber er achtete nicht darauf.

Herr v. B. blieb ein Ehrenmann. Er behob das Peinliche der Situation durch

eine kurze Erklärung, bat den Direktor zu einer vertraulichen Aussprache

auf den Korridor und stellte seine Dienste nach jeder Richtung hin zur

Verfügung. Seine Hand zitterte, als er vor einem Spiegel die Blutrinnsel

aus dem Gesicht entfernte. Er hatte einen greisenhaften Zug bekommen, er

kam sich selbst wie ein zerhackter Häher vor. Es fehlte nicht viel, und er

hätte ein ganz klein wenig gelächelt.

Er schrieb einen Brief: »Teuerste -- -- wenn Ich Ihnen irgendwie noch

behilflich sein könnte -- -- -- --« aber der erreichte sie nicht mehr.

Ein paar Stunden später hatte sie sich aus dem Koffer des Direktors einiges

Reisegeld genommen und war verschwunden.

Das Trottelbuch · 第 25 / 46 题