Sie war freudig bei der Arbeit, es war wie eine heilige Sache für sie. Ihr
Tanz atmete die scheue Zurückhaltung, die Greise zu Phantasten macht. In
vielen Städten und viele Wochen lang tanzte sie so. Die Verehrung, mit der
man sie umgab, glitt an ihr vorüber und rührte sie nicht. Sie hatte ihren
Haß und nährte ihn, aber sie wurde zusehends schwächer. Sie wurde müde in
ihrem Ekel und sehnte sich. Nach dem Fernen und Weichen, dem Streicheln und
Einschläfern, dem Katzenhaften und Kindlichen. Die Erinnerung wachte auf
und brachte auch wieder die Eitelkeit mit. Abends saß sie inmitten ihrer
Gesellschaft, unberührt von den Gesprächen rings um sie herum, und sehnte
sich so.
Es war dies die Zeit, wo sie fast täglich an ihre Mutter schrieb. Ein neues
Aufatmen schien gekommen.
Und einer war, der zu ihr sprach mit leiser Stimme, von Dämmerung und
verträumtem Zittern, von asketischem Insichhineinversenken und ewiger
Einsamkeit.
Er beweinte im voraus, daß er sie nie besitzen würde. Sie lächelte oder war
auch plötzlich bitterernst, und streichelte seine Hand, abwesend, wie eine
unbeteiligte Fremde. Dann pflegte er mit hohler, vibrierender Stimme Verse
zu zitieren, manchmal auch eigene, und er bevorzugte den Refrain:
Daß ich noch einmal würde lieben,
Ich hätt' es nimmermehr gedacht!
Es war ein Schauspieleleve, der schon eine Anzahl bürgerliche Berufe hinter
sich hatte. Aber es kam so genau nicht darauf an, denn er lebte bei den
Eltern.
Einmal kam sie nach einer heißen Nacht zu ihm und gab ihm leicht blinzelnd
die Hand. Es war wieder Bewegung in ihr. Sie schmiegte sich an ihn und
lauerte.
Da sagte er: »Sprich nicht so laut. Meine Mutter ist krank, zwei Zimmer
weiter -- -- --« und wies mit der Hand.
»Du -- -- --« sie knackte mit den Fingern, es klang gurgelnd, drohend, ein
Befehl, dann aber in eisiger Ironie: »komm mit.«
Er nahm ein Bild vom Schreibtisch und schenkte es ihr. Mit resignierter
Miene überreichte er die Widmung: Daß ich noch einmal u. s. w.
Dann ging er mit ihr durch die Straßen. Sie waren still und bedrückt.
Plötzlich lachte sie auf, gröhlte und summte vor sich hin. Einen
Gassenhauer mit höchst eindeutigem Text. Er war starr, wie aus dem Gleis
geschleudert, grinste indigniert und benahm sich auch sonst seltsam, wie es
ein Mann tut, den die Verlegenheit überrascht. Was ist das nur, so wunderte
er sich, aber er schwieg, und sie wurde auch wieder still. An ihrer Wohnung
verabschiedete sie ihn, und er versuchte seinem Mienenspiel, das noch immer
eine gewisse Bestürzung zeigte, einen hündischen, treu besorgten Zug mit
beizumischen.
Wenige Stunden später polterte es an ihrer Tür.
Er war betrunken und bat um Einlaß. Die Haare waren zerzaust, die Kravatte
verschoben. Mit funkelnden Augen stand er da, bald flüsterte er Kosenamen,
dann wieder besann er sich und stammelte von einer dringenden Angelegenheit
oder seufzte weh und verzichtend, wie von Schmerz zerrissen, dann wieder
drückte er an die Klinke, und sein Gesicht wurde weich und zart. Aber die
Tür blieb verschlossen. Er schwor sogar, daß er für sie alles aufgeben
wolle, aber sie schwieg und rührte sich nicht. Ein neuer Rausch war über
sie gekommen, eine dumpfe Macht, die sie verwirrte und gefangen hielt.
Sie schrieb an den Herrn v. B., der sie seit einigen Tagen verfolgte, ein
Billet: »Erwarten Sie mich noch heute nach Schluß, und bringen Sie den Pelz
mit.«
Herr v. B. sprang von seinem Divan auf. Was ist das? -- -- Jaso -- -- der
Pelz. Dann betrachtete er im Spiegel wohlgefällig sein hageres Gesicht, den
englischen Schnitt. Er lächelte überlegen.
Abends brachte er einen wundervollen echten Pelz, einen entzückenden Pelz.
Sie hüllte sich hinein und war wieder Kind. Plauschte und stotterte, die
ganze Gesellschaft nahm sie gefangen.
Herr v. B. feierte Triumphe. Seine Freunde -- die ganze Stadt -- -- oh, es
war wirklich ein Triumph. Er war fast traurig und gerührt, seine Augen
wurden gläsern.
Dann nahm sie ihn mit in ihr Zimmer hinauf. Sie ließ ihn eine Melodie
summen und tanzte vor ihm. Sie kuschte sich zu ihm und trieb zu tausend
Kapriolen und Späßen. Oder sie fuhr ihm an die Gurgel und streichelte dann
sein erschrecktes Gesicht. Oh, es war reizend.
Herr v. B. schwitzte und dachte in süßestem Selbstbewußtsein: Gerade ich --
-- ja -- -- höchst seltsam und wunderbar -- --
Sie zwickte und puffte ihn und stieß ihn zu Boden. Ein schwerer Rausch
hielt sie umfangen.
Er begann, wie aus einer Familientruhe heraus, seine Gefühle auszupacken
und sprach von Liebe und Glück und ähnlichem. Eine hüpfende Seligkeit war
in ihm. Oh, es war reizend -- -- -- ja gerade ich -- -- fühlte er nur immer
wieder. An alle Bekannten dachte er.
Der Morgen kam grau und abweisend, wie ein Henker.
Da stieß sie ihn mit Fußtritten von sich. Ihr Gesicht war aschgrau und
verzerrt, das Haar hing in dürren Strähnen.
Herr v. B. fühlte: Das ist kein Erwachen, ich komme um den Genuß. Er
versuchte sie zu beruhigen und sprach schöne Worte.
Sie spie ihn an, eine Flut von Flüchen schwoll ihm entgegen.
Dann schrie sie laut auf und Krämpfe schüttelten ihren Körper.
Das Hotelpersonal lief zusammen, der Direktor kam, Kollegen.
Man wusch sie mit kölnischem Wasser, alle standen ratlos.
Herr v. B. blutete aus vielen Kratzwunden, aber er achtete nicht darauf.
Herr v. B. blieb ein Ehrenmann. Er behob das Peinliche der Situation durch
eine kurze Erklärung, bat den Direktor zu einer vertraulichen Aussprache
auf den Korridor und stellte seine Dienste nach jeder Richtung hin zur
Verfügung. Seine Hand zitterte, als er vor einem Spiegel die Blutrinnsel
aus dem Gesicht entfernte. Er hatte einen greisenhaften Zug bekommen, er
kam sich selbst wie ein zerhackter Häher vor. Es fehlte nicht viel, und er
hätte ein ganz klein wenig gelächelt.
Er schrieb einen Brief: »Teuerste -- -- wenn Ich Ihnen irgendwie noch
behilflich sein könnte -- -- -- --« aber der erreichte sie nicht mehr.
Ein paar Stunden später hatte sie sich aus dem Koffer des Direktors einiges
Reisegeld genommen und war verschwunden.