Tage und Wochen vergingen. Tiefste Bitterkeit kämpfte mit wiedererwachter
Sinnlichkeit, es wurde ein Haß des Vernichtenwollens, des letzten
Auslöschens. Die Männer, die ihr bisher im Leben begegnet waren, gaben das
Bild ab, an das sich ihre Erregungen klammerten. Sie bespie und verfluchte
sie und glaubte, sie mit Füßen treten zu müssen. Oft saß sie mit starren
Blicken, die Hände zusammengekrampft, und träumte, sie hielte eine Gurgel
umkrallt.
Visionen erschienen ihr und erfüllten sie mit Ekel. Dann ging sie nachts in
ein Rummellokal und tanzte mit den Mädchen von der Straße, wild und
zügellos. Aller Blicke begleiteten sie, die Weiber beschwerten sich, manche
fauchten, die Männer blieben still.
Es war ihnen ein Kribbeln in die Glieder gefahren, ein frischer Rhythmus,
sie streckten sich und ihre Gesichter wurden geschäftig, als ob jeder sie
erwartete, und jeder eine Mission zu erfüllen hätte. Der Tanzmeister, bei
dem man sich beschwerte, aber dachte: Vielleicht ist noch ein Geschäft mit
ihr zu machen -- und zuckte lächelnd die Achseln.
An einem dieser Tage war es, daß sie erschöpft zusammenbrach, und einer der
umstehenden Jünglinge bedauernd sagte: Wie ein gehetztes Reh. Das Wort
durchzuckte sie wie ein Blitzstrahl und wurde eine Erkenntnis für sie.
Immer wieder wiederholte sie für sich: Gelt, wie ein gehetztes Reh.
Wie ein Kind, das die Mutter streichelt: Geltel -- wie 'hetztes Reh.
Zitternd lief sie nach Haus und weinte.
Anderntags kamen Kriminalbeamte und holten sie zur Polizeiwache. Es
handelte sich um die überall übliche Verleumdung seitens einer Freundin,
die die Beamten auf sie aufmerksam gemacht hatte.
»Wir kennen Sie schon --« so empfing man sie.
Die Leute da hatten ein selbstbewußtes, fettes Lachen, ihre Bäuche
zitterten vor Vergnügen und der, der das »Mensch« zu verhören hatte,
trommelte mit dicken Tintenfingern auf dem Pulte herum. Er wackelte
mißtrauisch mit dem kahlen Schädel.
Aus aller Augen leuchtete eine Befriedigung, wie nach einem guten
Frühstück, man konnte sie noch schmatzen hören. Wirklich ein angenehmer und
interessanter Dienst . . . die Weiber . . . und meine zu Hause . . . Hä hä
. . . so dachten sie.
Sie aber fühlte: Hunde.
Dann wurde sie entlassen. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der
Entschuldigung.
Schweinehunde!
Einer rief leise nach: »Na, dann das nächste Mal.« Ihre Fressen zogen sich
zu einem Grinsen, einige scharrten mit den Füßen, einer schneuzte sich,
einer seufzte aus Gewohnheit tief auf, ein Geräusch von Schreibutensilien
-- dann schleppte sich der Dienst bis zum nächsten Fall weiter.
Nun saß sie fast immer zu Haus und weinte. Manchmal las sie zwischendurch
auch Bücher aus Budapest mit Abbildungen, die frühere Verehrer
zurückgelassen hatten.
Es war, als ob sie stumpf geworden wäre, oft fühlte sie in sich ein Tier,
das vor Wut und Schmerzen heulte. Und immer sah sie ein Kind vor sich, das
jämmerlich schrie und zur Mutter wollte.
Ihre Seele verwirrte sich, und ihr Gefühl wurde täglich enger.
Ich muß das Leben bespeien und alles vernichten -- -- fühlte sie.
Es war widerlich zu sehen, wie ihre Mutter, die ein altes Unrecht glaubte,
wett machen zu müssen, um sie herumschwänzelte und Zukunftspläne
schmiedete. Es war widerlich anzusehen.
Man sollte sie vor den Bauch treten -- -- das Aas -- -- dachte sie.
»Du wirst schon deiner alten Mutter noch Glück bringen,« tröstete die, »ich
habe noch nichts gehabt in meinem Leben, du bist noch jung und die Männer
-- sei schlau --«