II.

Wochen vergingen, es wurde Winter. In die Kunstschule ging sie nicht mehr.

Allabendlich stand sie vor dem Variété und wartete auf ihre Gesellschaft.

Der Kapellmeister, zwei Sängerinnen und ein Kraftmensch. Dieser entzückte

die ganze Stadt, wenn er einen Wagen mit vier Insassen auf dem Nacken trug

oder mit Kanonen balanzierte.

Er war der Schwarm verheirateter Frauen.

Er schleppte sie durch die Caféhäuser und Bars, begleitet in

ehrfurchtsvollem Abstande von Studenten, Kommis, Kellnern und Nachtmädchen.

Oft saßen sie in größerer Gesellschaft in den Separés der Hotels, es wurde

Wein getrunken, Musik gemacht und getanzt.

Mitunter verirrte sich auch ein Künstler unter die Gesellschaft. Meistens

blieben sie aber allein. Sie saß zitternd mitten drin, wie ein flügellahmer

Vogel, nur ihre Augen flackerten Sehnsucht und heißes Begehren.

Man wußte in diesen Kreisen nie, was morgen war, und immer trennte man sich

in der Besorgnis, die eine süße Erwartung war, sich nicht mehr

wiederzusehen.

Jeweilig zwei Tage vor seinem letzten Auftreten in irgendeiner Stadt

pflegte der Athlet seinen Geburtstag zu feiern. Dann ging es hoch her. Die

Katze saß unter all' dem lärmenden Volk an seiner Seite. Sie zitterte und

ertappte sich dabei, wie sie irgendeine läppische Redensart, die gerade am

Tisch gefallen war, immer wieder vor sich hersprach. Sie fürchtete sich,

aber die Stimmung riß sie mit fort. Die Blumenarrangements, die ihm von den

Frauen auf die Bühne geschickt worden waren, schmückten die Tafel, die

zahllosen Einladungen zu Dämmerstunden und Soupers, die sie immer wieder in

die Hand nahm und durchlas, der Wein, die Lichter -- kurz, es kam ein

roher, plumper Ton in ihren Verkehr, sie scherzte mit ihm. Sie hatte ihre

Haare zu einem Knoten zusammengebunden und eine rote Sammetkappe

darübergestülpt. Ihre Bewegungen bekamen etwas gewollt Unfertiges und

Kindliches.

So saß sie unter den Betrunkenen, und eine qualvolle Unruhe bedrückte sie.

Oft lachte sie plötzlich laut auf oder küßte den Athleten und drückte sich

an ihn oder erinnerte sich irgendeines fernstehenden Menschens, der ihr ein

lieber Bruder und Führer hätte sein können. Wenn der da wäre, dachte sie

manchmal, der oder auch der -- Warum ist niemand da? -- Vielleicht gerade

heute -- --

In manchen Augenblicken fühlte sie etwas Verfehltes in sich, ein

Nichtzuendekommen, Haß stieg in ihr auf, und sie warf sich dem Athleten an

die Brust oder streichelte seine Fleischerhände.

Sie wurde betrunken, die Augen funkelten.

Da nahm er sie an der Hand und führte sie hinaus. Drinnen johlten die

anderen. Er trug sie in sein Zimmer und küßte sie. Die Lichter verlöschten.

Der Lärm kam aus weiter Ferne und drang nicht mehr zu ihnen. Ab und zu

hörte man ein Schlürfen, verwischte Laute sich entfernender Stimmen, ein

letztes Poltern.

Die Stunden waren bitter, da er mit ihrer Seele rang, aber sie wurde blind

-- vor dem Tier, das vor ihr winselte und bettelte.

Wozu? Der Löwe und die Katze -- -- fühlte sie.

So nahm er sie.

Es folgten Tage wie Feuerbrände und die Stunden des ersten Erwachens. Sie

schlug ihn blutig. Er fesselte sie an den Bettpfosten. Und immer stand sein

Diener Bill, der abends die Gewichte schleppte, dabei, unbeweglich,

lauernd, immer bereit, alle Wünsche zu erfüllen und die Befehle seines

Herrn sofort zu vollziehn.

So erkannte sie sich wieder und die Erinnerung kam. Sie reisten ab. Sie

wohnte bei seinen Eltern, und er nannte sie seine Braut. Dann reiste sie

mit ihm. Es lag etwas Verjüngtes in seinen Schritten, die Blicke verloren

das Starre, Herzlose -- während sein Weib in einem Hotelzimmer verblutete.

Er betrog sie in Brüssel und Marseille und gab Unsummen aus für Brillanten,

mit denen er sie, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, herausputzte.

Schließlich hatte er sich sogar an sie gewöhnt und fühlte einen Anflug von

Liebe, wie er Schlächtergesellen eigen ist. Manchmal dachte er daran, ein

Gut zu kaufen und so im bürgerlichen Leben unterzutauchen. Mit der Zeit

sehnte er sich sogar danach. Sie wurde von den Französinnen und

Engländerinnen beneidet, manche beschenkten sie. Oft fuhr sie des Nachts in

Gesellschaft auf dem Züricher See, man war freundlich zu ihr und wollte ihn

kennen lernen. Dann kam sie manchmal nach Haus und biß ihn, daß man auf

seiner Brust abends die Spuren sehen konnte. Oder sie schlug ihm vor dem

Hotelpersonal die Faust ins Gesicht.

Er wurde weich wie ein Kind und liebte sie. Monatelang nahm er kein

Engagement an. Und auch Bill wurde entlassen.

Seine Mutter drängte sich an sie und schmeichelte, wie Schlächterfrauen zu

schmeicheln pflegen. Die ganze Familie fing wieder an zu verarmen, niemand

arbeitete.

Da, eines Tages, nahm sie aus dem Koffer den Rest seines Geldes und blieb

verschwunden. Krank, mit fiebernden Augen bat sie bei ihrer Mutter um

Unterkunft.

Aus ihren Träumen kam hin und wieder ein Auflachen, das man um Mitternacht

um dunkle Straßenecken hört.

Das Trottelbuch · 第 22 / 46 题