Wochen vergingen, es wurde Winter. In die Kunstschule ging sie nicht mehr.
Allabendlich stand sie vor dem Variété und wartete auf ihre Gesellschaft.
Der Kapellmeister, zwei Sängerinnen und ein Kraftmensch. Dieser entzückte
die ganze Stadt, wenn er einen Wagen mit vier Insassen auf dem Nacken trug
oder mit Kanonen balanzierte.
Er war der Schwarm verheirateter Frauen.
Er schleppte sie durch die Caféhäuser und Bars, begleitet in
ehrfurchtsvollem Abstande von Studenten, Kommis, Kellnern und Nachtmädchen.
Oft saßen sie in größerer Gesellschaft in den Separés der Hotels, es wurde
Wein getrunken, Musik gemacht und getanzt.
Mitunter verirrte sich auch ein Künstler unter die Gesellschaft. Meistens
blieben sie aber allein. Sie saß zitternd mitten drin, wie ein flügellahmer
Vogel, nur ihre Augen flackerten Sehnsucht und heißes Begehren.
Man wußte in diesen Kreisen nie, was morgen war, und immer trennte man sich
in der Besorgnis, die eine süße Erwartung war, sich nicht mehr
wiederzusehen.
Jeweilig zwei Tage vor seinem letzten Auftreten in irgendeiner Stadt
pflegte der Athlet seinen Geburtstag zu feiern. Dann ging es hoch her. Die
Katze saß unter all' dem lärmenden Volk an seiner Seite. Sie zitterte und
ertappte sich dabei, wie sie irgendeine läppische Redensart, die gerade am
Tisch gefallen war, immer wieder vor sich hersprach. Sie fürchtete sich,
aber die Stimmung riß sie mit fort. Die Blumenarrangements, die ihm von den
Frauen auf die Bühne geschickt worden waren, schmückten die Tafel, die
zahllosen Einladungen zu Dämmerstunden und Soupers, die sie immer wieder in
die Hand nahm und durchlas, der Wein, die Lichter -- kurz, es kam ein
roher, plumper Ton in ihren Verkehr, sie scherzte mit ihm. Sie hatte ihre
Haare zu einem Knoten zusammengebunden und eine rote Sammetkappe
darübergestülpt. Ihre Bewegungen bekamen etwas gewollt Unfertiges und
Kindliches.
So saß sie unter den Betrunkenen, und eine qualvolle Unruhe bedrückte sie.
Oft lachte sie plötzlich laut auf oder küßte den Athleten und drückte sich
an ihn oder erinnerte sich irgendeines fernstehenden Menschens, der ihr ein
lieber Bruder und Führer hätte sein können. Wenn der da wäre, dachte sie
manchmal, der oder auch der -- Warum ist niemand da? -- Vielleicht gerade
heute -- --
In manchen Augenblicken fühlte sie etwas Verfehltes in sich, ein
Nichtzuendekommen, Haß stieg in ihr auf, und sie warf sich dem Athleten an
die Brust oder streichelte seine Fleischerhände.
Sie wurde betrunken, die Augen funkelten.
Da nahm er sie an der Hand und führte sie hinaus. Drinnen johlten die
anderen. Er trug sie in sein Zimmer und küßte sie. Die Lichter verlöschten.
Der Lärm kam aus weiter Ferne und drang nicht mehr zu ihnen. Ab und zu
hörte man ein Schlürfen, verwischte Laute sich entfernender Stimmen, ein
letztes Poltern.
Die Stunden waren bitter, da er mit ihrer Seele rang, aber sie wurde blind
-- vor dem Tier, das vor ihr winselte und bettelte.
Wozu? Der Löwe und die Katze -- -- fühlte sie.
So nahm er sie.
Es folgten Tage wie Feuerbrände und die Stunden des ersten Erwachens. Sie
schlug ihn blutig. Er fesselte sie an den Bettpfosten. Und immer stand sein
Diener Bill, der abends die Gewichte schleppte, dabei, unbeweglich,
lauernd, immer bereit, alle Wünsche zu erfüllen und die Befehle seines
Herrn sofort zu vollziehn.
So erkannte sie sich wieder und die Erinnerung kam. Sie reisten ab. Sie
wohnte bei seinen Eltern, und er nannte sie seine Braut. Dann reiste sie
mit ihm. Es lag etwas Verjüngtes in seinen Schritten, die Blicke verloren
das Starre, Herzlose -- während sein Weib in einem Hotelzimmer verblutete.
Er betrog sie in Brüssel und Marseille und gab Unsummen aus für Brillanten,
mit denen er sie, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, herausputzte.
Schließlich hatte er sich sogar an sie gewöhnt und fühlte einen Anflug von
Liebe, wie er Schlächtergesellen eigen ist. Manchmal dachte er daran, ein
Gut zu kaufen und so im bürgerlichen Leben unterzutauchen. Mit der Zeit
sehnte er sich sogar danach. Sie wurde von den Französinnen und
Engländerinnen beneidet, manche beschenkten sie. Oft fuhr sie des Nachts in
Gesellschaft auf dem Züricher See, man war freundlich zu ihr und wollte ihn
kennen lernen. Dann kam sie manchmal nach Haus und biß ihn, daß man auf
seiner Brust abends die Spuren sehen konnte. Oder sie schlug ihm vor dem
Hotelpersonal die Faust ins Gesicht.
Er wurde weich wie ein Kind und liebte sie. Monatelang nahm er kein
Engagement an. Und auch Bill wurde entlassen.
Seine Mutter drängte sich an sie und schmeichelte, wie Schlächterfrauen zu
schmeicheln pflegen. Die ganze Familie fing wieder an zu verarmen, niemand
arbeitete.
Da, eines Tages, nahm sie aus dem Koffer den Rest seines Geldes und blieb
verschwunden. Krank, mit fiebernden Augen bat sie bei ihrer Mutter um
Unterkunft.
Aus ihren Träumen kam hin und wieder ein Auflachen, das man um Mitternacht
um dunkle Straßenecken hört.