29. Trauer.

Am nächsten Tage, spät abends, wollte ich sie noch einmal sehen. Das

unwillkürliche Angstgefühl überwindend, öffnete ich leise die Tür und

trat auf Zehenspitzen in den Saal.

Mitten im Zimmer stand der Sarg auf einem Tisch; ringsum

heruntergebrannte Lichter in hohen silbernen Leuchtern; in einer

entfernten Ecke saß der Küster und las halb im Schlaf mit leiser,

gleichmäßiger Stimme den Psalter.

Ich blieb an der Tür stehen und schaute hin; aber meine Augen waren so

verweint und meine Nerven so zerrüttet, daß ich nichts unterscheiden

konnte. Licht, Brokat, Samt, die hohen Leuchter, das spitzenbesetzte

rosa Kissen, das Stirnband, die Haube mit Bändern und noch etwas

Durchsichtiges, Wachsfarbenes -- alles floß ineinander. Ich stieg auf

einen Stuhl, um ihr Gesicht zu sehen; aber an der Stelle, wo es sein

mußte, war wieder das blaßgelbliche, durchsichtige Etwas. Ich konnte

nicht glauben, daß das ihr Gesicht sei; ich blickte unverwandt hin

und unterschied allmählich die bekannten, lieben Züge. Als ich mich

überzeugte, daß sie es war, fuhr ich vor Schreck zusammen. Warum waren

die geschlossenen Augen so eingefallen? Woher diese schreckliche Blässe

und der schwärzliche Fleck unter der durchsichtigen Haut auf einer

Wange? Warum war der ganze Gesichtsausdruck so streng und kalt? warum

die Lippen so blaß und ihre Linie so schön, majestätisch, überirdisch

ruhig, daß mich kalter Schreck bei ihrem Anblick überlief?

Ich schaute hin und fühlte, daß eine rätselhafte, unbezwingliche

Macht meine Blicke an dieses schöne, leblose Antlitz fesselte. Ich

wandte kein Auge von ihr, und meine Phantasie malte mir Bilder voll

Leben und Glück. Ich vergaß, daß der Leichnam, der vor mir lag und

den ich stumpfsinnig wie irgendeinen Gegenstand anstarrte, der nichts

mit meinen Erinnerungen zu tun hatte, -- sie war. Ich stellte mir

die Mutter bald in diesem, bald in jenem Zustande vor -- lebend,

heiter, lächelnd; dann überraschte mich plötzlich ein Zug in dem

blassen Gesicht, auf welches meine Blicke gerichtet waren -- mir

fiel die schreckliche Wirklichkeit ein, ich zuckte zusammen, wandte

aber die Augen nicht ab. Und wieder traten Träume an Stelle der

Wirklichkeit, und das Bewußtsein der Wirklichkeit zerstörte die Träume.

Endlich war die Phantasie ermüdet; sie betrog mich nicht mehr; das

Wirklichkeitsbewußtsein verschwand ebenfalls; ich war nicht mehr bei

mir selbst.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand dauerte, weiß nicht, worin er

bestand; ich weiß nur, daß ich eine Zeitlang das Bewußtsein meiner

Existenz verlor und einen unerklärlich hohen und zugleich traurigen

Genuß empfand.

Vielleicht blickte ihre reine Seele auf dem Fluge zur besseren Welt mit

Kummer auf diese hernieder, in der sie uns zurückließ; sie sah meinen

Schmerz, empfand Erbarmen mit ihm und ließ sich auf den allmächtigen

Schwingen der Liebe mit himmlischem Lächeln des Mitleids auf die Erde

nieder, um mich zu trösten und zu segnen.

Die Tür knarrte; ein Küster trat ein, um den anderen abzulösen. Dieses

Geräusch ernüchterte mich, und der erste Gedanke, der mir kam, war,

daß der Küster, da ich nicht weinte und in einer Stellung, die nichts

Rührendes an sich hatte, auf einen Stuhl gestiegen war, mich für einen

gefühllosen Jungen halten müsse, der aus Mutwillen oder Neugierde

hinaufgeklettert war. Infolgedessen bekreuzigte ich mich, verneigte

mich zur Erde und begann aus Gewohnheit zu weinen.

Wenn ich jetzt an meine Eindrücke denke, finde ich, daß nur diese

Minute des Selbstvergessens wirkliche Trauer war. Vor und nach dem

Begräbnis hörte ich nicht auf zu weinen und traurig zu sein; aber

ich schäme mich, an diese Traurigkeit zu denken, weil stets ein

eigennütziges Gefühl dabei war; bald der Wunsch zu zeigen, daß ich

trauriger sei als alle anderen, bald die Sorge um die Wirkung, die ich

auf andere ausübte; dann zwecklose Neugierde, die mich veranlaßte,

Betrachtungen über die Stiefel des Küsters, Mimis Haube und die

Gesichter der Anwesenden anzustellen. Ich verachtete mich, weil ich

nicht ausschließlich das eine Gefühl der Trauer empfand und suchte alle

anderen Gefühle zu verbergen; deswegen war meine Trauer unaufrichtig

und unnatürlich. Außerdem empfand ich eine Art Genuß im Bewußtsein

meines Unglücks, suchte dieses Bewußtsein in mir wachzurufen, und

dieses egoistische Gefühl erstickte am meisten dasjenige wahrer Trauer.

Nachdem ich diese Nacht, wie stets nach starkem Kummer, fest und ruhig

geschlafen, wachte ich mit getrockneten Tränen und beruhigten Nerven

auf. Um zehn Uhr wurden wir zur Totenmesse vor der Beerdigung geholt.

Das Zimmer war voll von Hofgesinde und Bauern, die unter Tränen von

ihrer Herrin Abschied nehmen wollten. Ich ärgerte mich über ihre Tränen

und traurigen Gesichter, ärgerte mich beim Gedanken, daß mein Weh

geradeso ausgedrückt wurde.

Während der Messe weinte ich, wie es sich gehört, bekreuzigte und

verneigte mich bis zur Erde; ich betete aber nicht und war im Herzen

ziemlich gleichgültig. Es verdroß mich, daß der neue Frack, den man

mir angezogen hatte, unter der Achsel kniff; ich achtete darauf, beim

Knien die Hose nicht zu beschmutzen und beobachtete insgeheim alle

Anwesenden. Papa stand am Kopfende des Sarges; er war blaß wie ein

Leinentuch und hielt nur mit merklicher Anstrengung die Tränen zurück.

Seine hohe Gestalt im schwarzen Frack, sein blasses, ausdrucksvolles

Gesicht und seine stets sicheren und ausdrucksvollen Bewegungen, wenn

er sich bekreuzigte, verbeugte, mit der Hand den Boden berührte, ein

Licht aus der Hand des Küsters entgegennahm oder an den Sarg trat

-- waren sehr effektvoll; aber ich weiß nicht wie es kam, mir gefiel

gerade das nicht, daß er in diesem Augenblick so schön und erhaben

sein konnte. Mimi stand gegen die Wand gelehnt und schien sich kaum

auf den Beinen zu halten; ihr Kleid war zerknüllt und voller Daunen,

die Haube auf die Seite gerutscht, die Augen rot und geschwollen, der

Kopf wackelte; sie schluchzte fortwährend herzzerreißend und bedeckte

ihr Gesicht häufig mit Schnupftuch und Händen. Mir kam es vor, als wenn

sie das tat, um ihr Gesicht vor den Zuschauern zu verbergen und einen

Augenblick von dem verstellten Schluchzen auszuruhen. Ich erinnerte

mich, daß sie tags zuvor Papa gesagt hatte, Mamas Tod sei für sie ein

so schwerer Schlag, daß sie ihn wahrscheinlich nicht ertragen würde;

er hätte ihr alles geraubt; der Engel (so nannte sie Mama) hätte sie

vor dem Tode nicht vergessen und den Wunsch geäußert, ihre und Katjas

Zukunft für immer zu sichern. Sie vergoß bittere Tränen bei dieser

Erzählung, und vielleicht war ihr Kummer aufrichtig; aber er war nicht

rein und selbstlos.

Ljubotschka im schwarzen Kleid mit Trauerbesatz senkte ihr verweintes

Köpfchen und blickte bisweilen auf den Sarg; dabei drückte ihr Gesicht

kindliche Furcht aus. Katja stand neben ihrer Mutter und war trotz des

verzogenen Gesichtes rosig wie immer.

Wolodja war bei seiner offenen Natur auch in der Trauer aufrichtig;

bald stand er nachdenklich, regungslos auf einen Gegenstand starrend;

dann wieder verzog sich plötzlich sein Mund, und er bekreuzigte und

verneigte sich schnell. Alle Fremden, die bei der Beerdigung zugegen

waren, kamen mir unerträglich häßlich vor. Die Trostworte, die sie Papa

sagten, -- ihr würde dort besser sein, sie wäre nicht für diese Welt

bestimmt -- erregten eine Art Wut in mir. Welches Recht hatten sie, von

ihr zu sprechen und zu jammern? Einige nannten uns Waisen. Als ob man

ohne sie nicht wüßte, daß Kinder, die keine Mutter haben, so benannt

werden. Es machte ihnen wahrscheinlich Vergnügen, uns zuerst so zu

nennen, wie man es eilig hat, ein Mädchen nach der Hochzeit mit »Frau«

anzureden.

In einer entfernten Saalecke, fast hinter der offenen Büfettür, lag ein

gebücktes, altes Weib auf den Knien. Mit gefalteten Händen, die Augen

gen Himmel gerichtet, betete sie ohne Tränen. Ihre Seele strebte zu

Gott; sie bat ihn, sie mit der zu vereinigen, die sie am meisten auf

der Welt geliebt hatte und hoffte bestimmt, daß das bald der Fall sein

würde.

Die hat sie wahrhaft geliebt, dachte ich und schämte mich.

Die Totenmesse war zu Ende; das Gesicht der Verstorbenen wurde

enthüllt, und alle Anwesenden, mit Ausnahme von uns, traten

nacheinander an den Sarg, um ihn zu küssen.

Als eine der letzten trat eine Bäuerin mit einem hübschen fünfjährigen

Mädchen auf dem Arm heran, das sie, Gott weiß warum, mitgebracht hatte.

In diesem Augenblick ließ ich unversehens mein feuchtes Taschentuch

fallen und wollte es aufheben. Kaum hatte ich mich gebückt, da drang

ein sonderbarer, durchdringender Schrei an mein Ohr, ein Schrei, der

solch fürchterliches Entsetzen ausdrückte, daß, wenn ich hundert Jahre

alt würde, ich ihn nie vergäße, und wenn ich daran denke, mir stets

kalte Schauer durch den Körper rinnen. Ich richtete mich auf -- auf

einem Schemel neben dem Sarg stand jene Bäuerin und konnte das kleine

Mädchen kaum auf den Armen halten; mit den Händen abwehrend und das

schreckensstarre Gesichtchen zurückgeworfen, hatte die Kleine ihre

Augen auf das Antlitz der Toten gerichtet und schrie mit entsetzlicher,

unnatürlicher Stimme. Da stieß ich einen wahrscheinlich noch

schrecklicheren Schrei aus und lief aus dem Zimmer.

Erst in diesem Augenblick begriff ich, woher der beklemmend starke

Geruch kam, der mit Weihrauchduft vermischt, das Zimmer erfüllte. Der

Gedanke, daß das vor einigen Tagen noch so schöne, zarte, von mir über

alles in der Welt geliebte Gesicht Abscheu und Schrecken einflößen

konnte, hatte mir zum erstenmal eine bittere Wahrheit enthüllt und

meine Seele mit Verzweiflung erfüllt.

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 37 / 55 题