Mama war nicht mehr; unser Leben aber ging ganz den alten Gang. Wir
gingen zu Bett und standen auf um dieselbe Zeit und in denselben
Zimmern; Morgentee, Abendtee, Mittagessen, Abendessen -- alles zur
gewohnten Zeit; Tische und Stühle standen auf demselben Fleck, nichts
im Hause, nichts an unserer Lebensweise hatte sich geändert; nur sie
war nicht mehr.
Mir schien aber, nach einem solchen Unglück müßte alles neue Form
annehmen; unsere gewöhnliche Lebenseinteilung kam mir wie eine
Beleidigung ihres Andenkens vor und erinnerte zu sehr an ihr Fehlen.
Jetzt liebe ich diese traurigen Erinnerungen; damals fürchtete ich sie
und suchte sie fernzuhalten.
Am Tage vor der Beerdigung wollte ich nach dem Mittagessen schlafen und
ging in Natalie Sawischnas Zimmer; dort wollte ich auf ihrem Bett, auf
dem weichen Daunenkissen unter der warmen Steppdecke ruhen. Als ich
eintrat, lag sie selbst auf dem Bett und schlief. Beim Geräusch meiner
Schritte erhob sie sich, warf die Wolldecke, mit der der Kopf zum
Schutz vor den Fliegen bedeckt war, zurück und setzte sich, die Haube
zurechtrückend und die Augen reibend, auf den Bettrand.
Da ich schon früher ziemlich häufig nach dem Essen in ihr Zimmer
gekommen war, um zu schlafen, erriet sie meine Absicht und sagte, sich
vom Bettrand erhebend: »Sie wollten sicher etwas ruhen, Liebling. Legen
Sie sich nur hin.«
»Was fällt Ihnen ein, Natalie,« sagte ich und faßte sie an der Hand,
»ich denke nicht daran ... bin nur so gekommen; Sie sind selbst müde,
legen Sie sich lieber hin.«
»Nein, Freundchen, ich habe schon ausgeschlafen,« sagte sie -- dabei
wußte ich, daß sie drei Tage und Nächte nicht geschlafen hatte. »Mir
ist auch jetzt nicht nach Schlafen zumute,« schloß sie mit einem tiefen
Seufzer.
Ich hatte den Wunsch, mit Natalie Sawischna über unser Unglück zu
sprechen; ich kannte ihre aufrichtige Liebe; deswegen war das Weinen
mit ihr für mich ein Trost.
»Natalie Sawischna,« sagte ich nach kurzem Schweigen und setzte mich
auf das Bett, »hatten Sie das erwartet?«
Die Alte sah mich verständnislos und neugierig an; wahrscheinlich
begriff sie nicht, weshalb ich sie danach fragte.
»Wer hätte das erwartet,« wiederholte ich.
»Ach, mein Kind,« sagte sie mit einem Blick zärtlichsten Mitgefühls,
»nicht erwartet -- ich kann auch jetzt noch nicht daran denken. Was
mich alte Frau betrifft, wäre es längst an der Zeit, die müden Knochen
zur Ruhe zu bringen, denn was habe ich nicht schon erlebt! Den alten
Herrn, Ihren Großvater, Gott hab ihn selig, den Fürsten Nikolai
Michailowitsch, zwei Brüder, meine Schwester Anuschka -- alle habe ich
begraben, und alle waren jünger als ich, mein Freund. Jetzt aber muß
ich, offenbar meiner Sünden wegen, auch noch sie überleben! Es war Sein
heiliger Wille! Er hat sie zu sich genommen, weil sie würdig war und
weil Er auch im Jenseits Gute braucht.«
Dieser einfache Gedanke tröstete mich; ich rückte näher an Natalie
Sawischna heran. Sie faltete die Hände auf der Brust und blickte
aufwärts; ihre eingefallenen feuchten Augen drückten tiefe, aber ruhige
Trauer aus. Ihre feste Hoffnung war, Gott würde sie nicht allzulange
von der trennen, auf die sie so viele Jahre die ganze Kraft ihrer Liebe
verwandt hatte.
»Ja, mein Liebling, es ist wohl schon lange her, daß ich sie gewiegt,
in Windeln gewickelt habe und daß sie mich ›Nascha‹ nannte. Wie oft
kam sie zu mir gelaufen, schlang ihre Arme um mich und plapperte unter
Küssen: ›Mein Naschachen, meine Süße, was bist du für eine Pute!‹ Ich
machte bisweilen Scherz und sagte: ›Nicht wahr, Liebling; du liebst
mich gar nicht; werde nur erst groß, dann heiratest du und vergißt
deine Nascha.‹ Dann dachte sie wohl nach: ›Nein,‹ meinte sie, ›ich will
lieber nicht heiraten, wenn ich Nascha nicht mitnehmen kann; Nascha
werde ich nie verlassen.‹ Nun hat sie es dennoch getan und hat nicht
auf mich gewartet. Und wie hat sie mich geliebt, die Verstorbene! Wen
hat sie überhaupt nicht geliebt? Ja, Liebling, Ihre Mutter dürfen Sie
nicht vergessen; sie war kein Mensch, sondern ein Engel vom Himmel.
Wenn ihre Seele im Himmelreich angekommen sein wird, wird sie euch auch
dort lieben und sich über euch freuen.«
»Warum sagen Sie: wenn sie angekommen sein wird, Natalie Sawischna? Ich
denke, sie ist jetzt schon da.«
»Nein, Liebling,« meinte Natalie, die Stimme dämpfend und rückte mir
auf dem Bette näher, »jetzt ist ihre Seele hier,« dabei deutete sie auf
die Zimmerdecke. Sie sprach fast im Flüsterton mit solcher Überzeugung,
daß ich unwillkürlich den Blick aufwärts richtete, den Fries ansah und
etwas suchte. »Sehen Sie, mein Liebling, das will ich Ihnen sagen,«
fuhr die Alte fort, »zwei Wochen nach dem Tode bleibt die Seele in
ihrem Hause und fliegt hier überall herum; nur sieht man sie nicht;
nach vierzehn Tagen hat sie die erste Prüfung zu bestehen, dann die
zweite, die dritte und so geht es vierzig Tage. Wenn sie alle bestanden
hat, erst dann läßt sie sich im Himmelreich nieder.«
Sie sagte das alles so einfach und zuverlässig, als wenn sie die
gewöhnlichsten Dinge erzählte, die sie selbst gesehen und die niemand
auch nur im geringsten bezweifeln könnte. Ich hörte ihr mit stockendem
Atem zu, und obgleich ich nicht recht verstand was sie sagte, glaubte
ich ihr vollkommen.
»Ja, mein Kind, jetzt ist sie hier, sieht auf uns und hört vielleicht,
was wir reden,« schloß Natalie Sawischna, senkte den Kopf und schwieg.
Sie mußte weinen; um die Tränen abzutrocknen, stand sie auf, sah
mir gerade ins Gesicht und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung
zitterte: »Um wieviele Stufen hat Gott mich hierdurch sich näher
gebracht. Was bleibt mir jetzt noch übrig? Für wen soll ich leben? Wen
soll ich lieben?«
»Lieben Sie uns denn gar nicht?« rief ich vorwurfsvoll und enthielt
mich kaum der Tränen.
»Gott weiß, wie ich euch liebe, mein Täubchen; aber so wie sie kann und
werde ich niemanden mehr lieben.«
Sie konnte nicht weitersprechen, wandte sich ab und brach in lautes
Schluchzen aus.
Ich dachte nicht mehr an Schlaf; wir saßen uns schweigend gegenüber und
weinten beide.
Foka trat ins Zimmer; da er unseren Zustand bemerkte und wahrscheinlich
nicht stören wollte, blieb er schweigend mit schüchternen Blicken in
der Tür stehen.
»Was willst du, Foka?« fragte Natalie Sawischna, die Tränen trocknend.
»Anderthalb Pfund Rosinen, vier Pfund Zucker und drei Pfund Reis zum
Leichenschmaus.«
»Sofort, sofort, Freund,« sagte Natalie Sawischna, nahm schnell eine
Prise und trippelte zum Vorratskasten. Die letzten Spuren des durch
unsere Unterhaltung hervorgerufenen Kummers verschwanden, als sie ihre
Tätigkeit begann, die ihr wichtig erschien.
»Wozu vier Pfund?« fragte sie brummig, den Zucker hervorholend und auf
der Schnellwage abwiegend, »dreieinhalb Pfund sind genug,« dabei nahm
sie ein paar kleine Gewichtstücke fort.
»Was soll denn das heißen; gestern erst hab' ich acht Pfund Reis
ausgegeben, und nun wird schon wieder welcher verlangt. Mach, was du
willst, Foka Demidytsch, aber Reis gebe ich nicht. Wanka freut sich
wohl, daß im Hause alles drunter und drüber geht und denkt, man merkt
es nicht. Nein, mit dem Herrschaftsgut wird nicht geschleudert. Ist das
wohl erhört: acht Pfund Reis.«
»Was soll ich machen? Er sagt, alles sei draufgegangen.«
»Na, dann nimm! Er soll daran ersticken!«
Mich überraschte damals dieser plötzliche Übergang von der Rührung
in der Unterhaltung mit mir zur Brummigkeit und kleinlichen
Berechnung. Bei späterem Nachdenken verstand ich, daß Natalie trotz
der seelischen Erregung noch genug Geistesgegenwart besaß, um ihre
Arbeit zu verrichten, zu der die Macht der Gewohnheit sie hinzog. Der
Kummer wirkte so stark auf sie, daß sie es nicht für nötig hielt zu
verbergen, daß sie es vermöchte, sich auch noch mit anderen Dingen zu
beschäftigen; sie hätte wahrscheinlich gar nicht verstanden, wie man so
etwas denken könne.
Eitelkeit ist das mit aufrichtiger Trauer am wenigsten zu vereinigende
Gefühl; dabei ist diese Eigenschaft der menschlichen Natur so tief
eingeimpft, daß selbst die stärkste Trauer sie kaum unterdrücken kann.
Eitelkeit in der Trauer äußert sich in dem Wunsch, entweder sehr
betrübt, oder unglücklich, oder besonders fest zu erscheinen; und
dieses niedrige Verlangen, das wir nicht eingestehen, das uns aber
fast nie, selbst beim heftigsten Schmerz nicht verläßt, nimmt unserem
Kummer jede Kraft, Würde und Aufrichtigkeit. Natalie Sawischna war
von dem Unglück so tief betroffen, daß in ihrem Innern kein Wunsch
übriggeblieben war und daß sie nur aus Gewohnheit weiterlebte.
Nachdem sie Foka die verlangten Dinge ausgeliefert und an den Kuchen
erinnert hatte, der für die Popen gebacken werden müsse, entließ sie
ihn, nahm ihren Strumpf vor und setzte sich wieder neben mich.
Die Unterhaltung betraf wieder denselben Gegenstand; wir weinten
abermals und trockneten unsere Tränen.
Die Gespräche mit Natalie Sawischna wiederholten sich jeden Tag; ihr
stilles Weinen und die ruhigen frommen Reden verschafften mir Trost und
Erleichterung.
Aber bald wurden wir getrennt; drei Tage nach dem Begräbnis siedelten
wir mit dem ganzen Hause nach Moskau über, und es war mir nicht
bestimmt, Natalie je wiederzusehen.
Großmutter erfuhr die Schreckenskunde erst bei unserer Ankunft. Ihr
Schmerz war außerordentlich. Wir wurden nicht zu ihr gelassen, da
sie eine ganze Woche lang ohne Bewußtsein lag. Die Ärzte waren um ihr
Leben besorgt, weil sie nicht nur keine Arzenei nahm, sondern mit
niemandem sprach, nicht schlief und nichts genoß. Bisweilen saß sie
in ihrem Zimmer allein auf ihrem Sessel, begann plötzlich zu lachen,
dann ohne Tränen zu schluchzen, bekam Krämpfe und schrie unnatürlich
laut unsinnige oder schreckliche Worte. Es war der erste starke Kummer,
der sie traf, und dieser äußerte sich in Wut und Haß gegen Gott und
Menschen. Sie mußte jemanden haben, dem sie ihr Unglück zum Vorwurf
machte, und nun sprach sie entsetzliche Worte, fluchte Gott, ballte die
Fäuste, drohte jemandem heftig, sprang von ihrem Sessel auf, ging mit
großen schnellen Schritten durchs Zimmer und fiel dann ohnmächtig zu
Boden.
Einmal betrat ich ihr Zimmer. Sie saß wie gewöhnlich auf ihrem Sessel
und war anscheinend ruhig; aber ihr Blick machte mich stutzig. Die
Augen waren weit offen, der Ausdruck aber unbestimmt und stumpf; sie
sah mich gerade an, erkannte mich aber offenbar nicht. Ihre Lippen
begannen langsam zu lächeln, und sie sprach mit rührender, zarter
Stimme: »Komm her, mein Liebling, komm mein Engel ...«
Ich glaubte, sie spräche zu mir und trat näher; aber sie sah mich nicht
an.
»Ach, wenn du wüßtest, mein Herz, wie ich mich gequält habe und wie ich
mich freue, daß du gekommen bist ...« Da wurde mir klar, daß sie sich
einbildete, Mama zu sehen, und ich blieb stehen.
»Dabei hat man mir gesagt, du wärest nicht mehr,« fuhr sie
stirnrunzelnd fort. »Dieser Unsinn! Wie kannst du vor mir sterben!« Sie
lachte schrecklich, hysterisch.
Nur Menschen, die starker Liebe fähig sind, können schweres Leid
durchmachen; dieses Liebesbedürfnis aber bildet bei ihnen ein
Gegengewicht für Kummer und lindert ihre Schmerzen.
Daher kommt es, daß die moralische Natur des Menschen noch
lebenskräftiger ist als die physische, und daß Kummer niemals tötet.
Nach einer Woche war Großmutter imstande zu weinen, und ihr wurde
besser. Ihr erster Gedanke, als sie zu sich kam, waren wir; ihre Liebe
zu uns nahm noch zu. Wir wichen nicht von ihrem Sessel; sie weinte
still vor sich hin, sprach von Mama und streichelte uns zärtlich.
Niemandem, der Großmutters Kummer sah, konnte der Gedanke kommen, daß
sie ihn übertrieb. Der Ausdruck dieses Kummers war stark und rührend.
Trotzdem, ich weiß nicht wie es kam, fühlte ich mich mehr zu Natalie
Sawischna hingezogen, und ich bin bis jetzt überzeugt, daß niemand Mama
so rein und aufrichtig geliebt und beweint hat, wie dieses einfache,
hingebende Wesen.
Mit Mamas Tode endete für mich die glückliche Zeit der Kindheit,
und es begann eine neue Epoche -- die des Knabenalters. Da aber die
Erinnerungen an Natalie Sawischna, die ich nicht wieder sah, die aber
einen so starken und wohltätigen Einfluß auf meine Richtung und mein
Empfinden ausübte, der ersten Epoche angehören, will ich noch einige
Worte über Natalie und ihren Tod sagen.
Nach unserer Abreise litt sie, wie mir später Leute erzählten, die auf
dem Lande blieben, sehr unter der Untätigkeit. Obgleich alle Kisten und
Kasten unter ihrer Obhut standen, und sie unablässig darin kramte, sie
umpackte, wog, verteilte, fehlten ihr doch der Lärm und das Getriebe
des von der Herrschaft bewohnten Landhauses, an welche sie von kleinauf
gewöhnt war. Der Kummer, die veränderte Lebensweise und das Fehlen
der Sorgen entwickelten bei ihr bald eine Alterskrankheit, zu der sie
neigte. Gerade ein Jahr nach Mutters Tode bekam sie die Wassersucht und
legte sich ins Bett.
Ich glaube, das einsame Leben in dem großen, öden Hause von
Petrowskoie, ohne Verwandte und Freunde, wurde Natalie Sawischna
schwer. Und noch schwerer der Tod. Alle Hausangehörigen liebten und
verehrten Natalie, aber sie unterhielt mit niemandem Freundschaft und
war stolz darauf. Sie war der Meinung, daß bei ihrer Stellung als
Wirtschafterin, die das Vertrauen ihrer Herrschaft genoß und so viele
Kasten mit jeglichem Gut unter sich hatte, Freundschaft mit irgend
jemandem zu Parteilichkeit und strafbarer Nachlässigkeit führen müsse;
deswegen, oder vielleicht, weil sie mit der anderen Dienerschaft nichts
gemein hatte, hielt sie sich von allen fern und sagte, es gäbe für sie
weder Vettern noch Basen im Hause, und beim Gut der Herrschaft sähe sie
niemandem durch die Finger.
In heißem Gebet Gott ihre Gefühle anvertrauend, suchte und fand sie
Trost; bisweilen aber, in Augenblicken der Schwäche, der wir alle
unterliegen und in denen der beste Trost für Menschen Tränen und die
Teilnahme eines lebenden Wesens sind, -- nahm sie ihren Mops ins
Bett, der ihr die Hände leckte und seine klugen, gelben Augen auf sie
richtete. Mit dem sprach sie, weinte leise und streichelte ihn. Wenn
der Hund jämmerlich zu heulen begann, suchte sie ihn zu beruhigen und
sagte: »Hör schon auf; ich weiß auch ohne dich, daß ich bald sterbe.«
Einen Monat vor ihrem Tode holte sie aus ihrem Kasten weißen Kattun,
weißen Tüll und rosa Band hervor, nähte sich mit Hilfe ihres Mädchens
ein weißes Gewand und eine Haube und traf bis auf die kleinsten
Einzelheiten alle Anordnungen für ihr Begräbnis. Ferner ordnete sie
die Kisten der Herrschaft und übergab den Inhalt mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit nach einem Verzeichnis der Frau des Hausverwalters.
Dann holte sie zwei seidene Kleider, einen uralten Schal, den
Großmutter ihr einst geschenkt, und Großvaters goldgestickte, ihr
ebenfalls vermachte Uniform hervor. Dank ihrer Sorgsamkeit waren
Stickerei und Tressen an der Uniform noch ganz wie neu und das Tuch
nicht von Motten berührt.
Vor ihrem Ende äußerte sie den Wunsch, das eine Kleid, das rosa,
sollte Wolodja zu einem Schlafrock oder Halbrock haben; das andere,
gewürfelte, ich zum selben Zweck, und den Schal -- Ljubotschka. Die
Uniform setzte sie dem von uns aus, der zuerst Offizier wurde. Alle
übrige Habe und das Geld, mit Ausnahme von vierzig Rubeln, die sie
zum Begräbnis und Messelesen bestimmte, sollte ihr Bruder bekommen.
Dieser schon längst freigelassene Bruder wohnte in einem entfernten
Gouvernement und führte ein sehr liederliches Leben. Deswegen hatte sie
bei Lebzeiten keinerlei Verkehr mit ihm. Als er kam, um die Erbschaft
in Empfang zu nehmen und es sich herausstellte, daß das ganze Vermögen
der Verstorbenen in fünfundzwanzig Papierrubeln bestand, wollte er das
nicht glauben und sagte, es sei unmöglich, daß eine Frau, die sechzig
Jahre in einem vornehmen Hause gelebt, alles unter Händen gehabt, stets
geknausert und jeden Lappen benutzt hätte, nichts hinterlassen haben
sollte. Es war aber wirklich so.
Natalie Sawischna war zwei Monate krank gewesen und hatte ihre Leiden
mit wahrhaft christlicher Geduld ertragen; sie murrte nicht, jammerte
nicht, sondern rief nur, ihrer Gewohnheit nach, unaufhörlich Gott an.
Eine Stunde vor ihrem Tode beichtete sie mit stiller Freude und bekam
das Abendmahl und die heilige Ölung.
Alle Hausbewohner bat sie um Vergebung für Kränkungen, die sie ihnen
zugefügt haben könnte, und ersuchte ihren Beichtvater, uns allen zu
übermitteln, daß sie nicht wüßte, wie sie uns für alle Liebe danken
sollte und daß sie uns um Verzeihung bäte, wenn sie in ihrer Dummheit
jemandem Kummer bereitet hätte. »Eine Diebin bin ich nie gewesen,
und ich darf wohl sagen, daß ich keinen Heller vom Herrschaftsgut
veruntreut habe.« Das war die einzige Eigenschaft, die sie an sich
schätzte.
Nachdem sie das selbstbereitete Gewand angelegt und die Haube
aufgesetzt hatte, sprach sie, auf das Kissen gestützt, bis zum Tode
unaufhörlich mit dem Geistlichen; ihr fiel ein, daß sie den Armen
nichts hinterlassen hätte; sie holte zehn Rubel hervor und bat, sie im
Kirchspiel zu verteilen. Dann bekreuzigte sie sich, legte sich hin und
hauchte, den Namen Gottes auf den Lippen, ihren letzten Seufzer aus.
Sie schied ohne Bedauern aus dem Leben und hatte keine Furcht vor dem
Tode, sondern nahm ihn als eine Wohltat hin. Wie oft wird das gesagt
und wie selten geschieht es in Wirklichkeit! Natalie Sawischna konnte
den Tod nicht fürchten, weil sie in unerschütterlichem Glauben starb
und die Gebote des Evangeliums erfüllt hatte. Ihr ganzes Leben, seit
sie das egoistische Gefühl gegen Foka (es war ihre Liebe) unterdrückt
hatte, bestand aus reiner, uneigennütziger Hingabe und Aufopferung.
Wenn auch ihr Glaube erhabener, ihr Leben höheren Zielen hätte
zugewandt sein können -- ist diese reine Seele deswegen etwa weniger
der Liebe und Bewunderung wert?
Sie hat das beste und höchste Werk in diesem Leben vollbracht, sie
ist ohne Bedauern und ohne Furcht gestorben. Was gehen uns ihre
Gewohnheiten und ihre Glaubensrichtung an? Genug, daß sie gut starb.
Großer Gott! Schick mir ebensolchen Aberglauben, solche Sorgen um
Kleinigkeiten, solche Irrungen und ebensolchen Tod!
Auf ihren Wunsch wurde sie unweit der Kapelle bei Mamas Grab beerdigt.
Der von Brennesseln und Kletten überwucherte Hügel, unter dem sie
liegt, ist von einem schwarzen, durch Regen grau gewordenen Holzgitter
eingefaßt; ich vergesse niemals von der Kapelle zu diesem Gitter zu
gehen und dort mein Gebet zu verrichten. Bisweilen tauchen in meiner
Seele plötzlich traurige Erinnerungen an Natalie auf; mir kommt der
Gedanke, daß ich in diesem Leben nie wieder solch zarte, liebende Seele
treffen werde, und obgleich die Vorübergehenden mich erstaunt ansehen,
bleibe ich schweigend vor dem schwarzen Gitter stehen, und bittere
Tränen fließen aus meinen Augen.
Beilage I.
Zu Kapitel 8: »Die Jagd«.
Was ist an der Jagd mit Hunden schön.
Warum wird die Jagd mit Hunden, dieses unschuldige,
gesundheitfördernde, schöne, anziehende Vergnügen von den meisten
Stadt- und Landbewohnern so verachtet? »Mit Hunden jagen« sagen die
Städter; »Hasen hetzen« die Landbewohner. Was ist Schlimmes dabei? Wem
bringt es Schaden? Da wird gesagt: man ruiniert sich, man richtet sich
zugrunde! -- Es kommt dem Gutsbesitzer weit billiger, sich das ganze
Jahr eine ordentliche Jagd zu halten, als zwei Herbstmonate in der
Residenz, in einer Gouvernements- oder Bezirksstadt zuzubringen. Er
würde diese zwei Monate aus Langerweile sicher dort zubringen, weil er
während dieser Zeit auf dem Lande nichts zu tun hat. Zugrunde richten
sich nur diejenigen, die wie wahnsinnig darauflosgaloppieren; und das
tun wieder nur Leute, die keine Jäger sind.
Ferner heißt es: »Was ist denn für ein Vergnügen an der Hetzjagd?«
Darauf erwidere ich: Im Jahre 18.., am 8. November, am Tage des
heiligen Michael um acht Uhr morgens fuhr Fräulein ..., ein Mädchen
in vorgerücktem Alter und von respektgebietendem Äußern in einem
verdeckten Schlitten aus dem Dorf ihres Bruders, des Herrn ... Sie
wäre schon tags vorher gefahren, aber es war Tauwetter und starker
Schneefall eingetreten, der erst eine Stunde vor Sonnenaufgang
nachließ. Die Prophezeiungen der Jäger für den Michaeltag erwiesen sich
richtig; es war ein ausgezeichneter Spürschnee. Herr ... war Jäger.
Der Reitknecht brachte ihm sein Pferd, bestieg selbst das seine, pfiff
den Barsois (russische Windhunde), die sich im Neuschnee wälzten und
herumspielten, und ritt hinter dem Schlitten ins Freie. Er hatte noch
keine zwanzig Faden zurückgelegt, als er rechts vom Wege eine Hasenspur
erblickte, die in dem lockern Schnee so deutlich abgedrückt war, daß
man jede Zehe erkennen konnte. Die Spur führte zur Tenne. Herr ...
verfolgte sie. Jetzt verdoppelte sie sich ... Plötzlich ein »Haken«,
wieder eine doppelte Spur, noch ein Haken, und dann lief alles so
durcheinander, daß Herr ... sich schweigend nach seinem Reitknecht
umsah; beide waren ratlos. Der Reitknecht blickte eine Minute zur
Seite, pfiff leise und deutete mit der Hetzpeitsche auf einen kleinen
Punkt im Schnee; da war eine Sprungspur, alle vier Pfoten zusammen,
dann wieder ein Sprung, die Pfoten schon weiter auseinander, und dann
verlief die Spur gerade weiter. Nochmals eine Verdoppelung -- da sprang
plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, ein Waldhase mit silbergrauem
Rücken auf. Die Hunde hinterher; er rannte auf den Weg und schoß
direkt auf den Schlitten zu, der in kurzem Trabe vorauffuhr. Fräulein
... hörte, daß hinten gehetzt wurde, ließ anhalten und stieg aus dem
Schlitten, um die Jagd besser beobachten zu können. Als sie auf den Weg
trat, war der Hase nicht mehr als zwanzig Schritte von ihr entfernt.
Da sie sah, daß das Tier so in der Nähe war und direkt auf sie zulief,
kreischte Fräulein ... laut auf und setzte sich, alle Anstandsregeln
vergessend, mit ausgebreitetem Überwurf wie eine Gluckhenne mitten
auf den Weg. Wahrscheinlich wollte sie den unerfahrenen Hasen mit
ihrem Überwurf zudecken, wenn er an sie herankäme. Leider gelang diese
List nicht; denn als das Tier die Dame in der sonderbaren Stellung
erblickte, ahnte es wahrscheinlich ihre hinterlistigen Gedanken und
entsprang, die Ohren zusammenlegend, mit einem Satz den Hunden und
stürmte ins freie Feld. Fräulein ..., die plötzlich all ihre Pläne
zerstört sah, kreischte durchdringend: »Ai, ai, haltet ihn, haltet
ihn!« nahm ihren Überwurf zusammen und rannte hinterher. Neben dem Wege
waren aber Schneewehen, außerdem war der Überwurf aus Fuchsfell schwer,
und die weißen Filzstiefel rutschten fortwährend von den Füßen. Sie
konnte nicht weiterlaufen, bekam solches Asthma und wurde so erschöpft,
daß sie in den Schnee fiel und nur noch sagen konnte: »Was wollt
ihr, Leute? Ich freue mich ja so, kann aber nicht mehr.« Sie wurde
aufgehoben und in den Schlitten gesetzt; sie konnte vor Müdigkeit kein
Wort herausbringen, lächelte aber.
In unserer Gouvernementsstadt wohnte ein Kaufmann Podjemschikow; er
stand mit dem Vater in Geschäftsverbindung; dieser hatte ihn wegen
seiner Redlichkeit und Akkuratesse sehr gern; die Jagd dagegen liebte
P. nicht, sondern äußerte sich über Jäger stets verächtlich.
Einmal überredete ihn der Vater, mit auf die Jagd zu reiten. Er zog
seinen langschößigen Kaftan an, bestieg sein Jagdpferd, und die ganze
Gesellschaft machte sich auf den Weg. Die Jagd war zunächst kläglich,
und das verächtliche Lächeln wich nicht von seinem Gesicht. Endlich
kam unmittelbar neben ihm ein weißer Hase auf. Ich folgte ihm während
der Hatz, um zu sehen, welchen Eindruck das auf ihn machte. Er
galoppierte wie verrückt und stieß bisweilen durchdringendes Geschrei
aus; als aber die Hunde den Hasen eingekreist und, wie die Jäger sich
ausdrücken, gestellt hatten, kannte sein Entzücken keine Grenzen mehr;
er galoppierte immer weiter, stürmte aufs freie Feld und erstickte fast
vor Lachen.
Die Hetzjagd war ausgesucht herrlich. Der von allen Seiten eingekreiste
Hase machte einen Salto mortale, und ein Hund packte ihn in der Luft.
Trotzdem man dem Herrn von allen Seiten zuschrie: »Reiten Sie die Hunde
nicht nieder!« galoppierte er gerade an die Stelle, wo der Hase gepackt
war; nicht imstande, sich vor Lachen im Sattel zu halten, fiel er vom
Pferde mitten zwischen die Hunde und fuhr, auf der Erde liegend, mit
seinem unnatürlichen, aber schon klanglosen Lachen fort. Man hatte
Mühe, ihn zu beruhigen. Worüber er eigentlich lachte, ist unbekannt.
Beilage II.