Am 15. April stiegen wir an der Treppe von Petrowskoie aus der
Reisekutsche.
Bei der Abfahrt aus Moskau war Papa sehr nachdenklich, und als Wolodja
ihn fragte, ob Mama vielleicht krank sei, blickte er ihn traurig an und
nickte mit dem Kopf. Unterwegs beruhigte sich Papa merklich; als wir
uns aber dem Hause näherten, wurde sein Gesicht immer trauriger, und
beim Aussteigen, als er den keuchend herumlaufenden Foka fragte: »Wo
ist meine Frau?« war seine Stimme unsicher, und in seinen Augen standen
Tränen. Der gute alte Foka schlug, nach einem verstohlenen Blick auf
uns, die Augen nieder, öffnete die Flurtür, wandte sich ab und sagte:
»Schon sechs Tage hat die gnädige Frau das Schlafzimmer nicht
verlassen.«
Milka, die, wie ich später erfuhr, seit dem Tage, an welchem Mama
erkrankte, unaufhörlich heulte, stürzte Papa freudig entgegen, sprang
an ihm in die Höhe, winselte, leckte ihm die Hände; aber er stieß sie
fort und ging ins Gastzimmer; von dort ins Diwanzimmer, dessen Tür
direkt ins Schlafzimmer führte. Je näher er diesem Zimmer kam, desto
deutlicher war seine Unruhe an der ganzen Körperhaltung zu erkennen.
Beim Eintritt ins Diwanzimmer ging er auf den Zehenspitzen, wagte kaum
zu atmen und bekreuzigte sich, bevor er den Griff der geschlossenen Tür
anzurühren wagte. Im selben Augenblick kam aus dem Korridor verweint
und unfrisiert Mimi gelaufen.
»Ach, Peter Alexandrowitsch!« flüsterte sie mit dem Ausdruck echter
Verzweiflung, und fügte dann, bemerkend, daß Papa die Türklinke
niederdrückte, kaum hörbar hinzu: »hier geht es nicht -- durchs
Kinderzimmer ist der Eingang.«
O, wie schwer wirkte das alles auf meine kindliche Phantasie, die
bereits von schrecklichen Vorahnungen erfüllt war.
Wir gingen ins Mädchenzimmer. Auf dem Korridor begegnete uns der
verrückte Akim, der uns stets durch seine Grimassen amüsiert hatte;
aber in diesem Augenblick schien er mir durchaus nicht lächerlich, ja
sein geistlos-gleichgültiges Gesicht berührte mich direkt schmerzlich.
Die beiden Mädchen im Mädchenzimmer saßen bei einer Arbeit; sie erhoben
sich bei unserem Anblick mit so gezwungen-traurigem Ausdruck, daß ich
mich über ihre Verstellung schrecklich ärgerte. Nachdem wir noch Mimis
Zimmer passiert hatten, öffnete Papa die Tür zum Schlafzimmer, und wir
traten ein.
Die beiden Fenster rechts von der Tür waren mit Holzschalen besetzt und
mit Tüchern verhängt. An einem Fenster saß Natalie Sawischna mit der
Brille auf der Nase, strickend. Sie küßte uns nicht wie gewöhnlich,
sondern stand nur auf und sah uns durch die Brille an, wobei ihr die
hellen Tränen aus den Augen flossen. Es gefiel mir gar nicht, daß alle
bei unserem Anblick weinten, während sie vordem ganz ruhig gewesen
waren.
Links von der Tür stand ein Wandschirm, dahinter das Bett, der
Nachttisch, ein Schränkchen mit Arzeneien und ein großer Sessel, auf
welchem der Doktor schlummerte. Neben dem Bett stand ein junges,
blondes, auffallend schönes Mädchen in weißem Morgenrock, die Ärmel
ein wenig aufgestreift, und legte Mama, die ich in diesem Augenblick
nicht sah, Eis auf den Kopf. Das war »~la belle Flamande~«, von der
Mama geschrieben hatte, und die später im Leben unserer Familie eine
so wichtige Rolle spielte. Sobald sie uns sah, nahm sie eine Hand von
Mamas Kopf und zog die Falten ihres Morgenrockes auf der Brust zurecht;
dann flüsterte sie traurig, fast unmerklich lächelnd: »Sie schläft
jetzt.«
Ich war in diesem Augenblick tief betrübt, bemerkte aber unwillkürlich
alle Einzelheiten; ich sah das an Papas Adresse gerichtete
verführerische Lächeln des Mädchens und den flüchtigen Blick, den Papa
dicht vor dem Bett auf ihre schönen, halb entblößten Arme warf.
Im Zimmer war es heiß, fast dunkel, und es roch gleichzeitig nach
Pfefferminz, Eau de Cologne, Kamillen und Hoffmannstropfen. Dieser
Geruch wirkte so auf mich, daß meine Phantasie, wenn ich ihn auch
nicht mehr spüre, sondern nur daran denke, mich unverzüglich in
dieses dunkle, schwüle Zimmer versetzt und mir die geringfügigsten
Einzelheiten dieser schrecklichen Minute in die Erinnerung zurückruft.
Mamas Augen waren offen, aber sie sah nichts. Nie werde ich diesen
schrecklichen Blick vergessen. Er drückte entsetzliche Leiden aus. Man
brachte uns fort.
Als ich später Natalie Sawischna nach Mamas letzten Augenblicken
fragte, erzählte sie mir: »Nachdem man euch weggebracht hatte, wälzte
sie sich noch lange hin und her, als wenn sie gerade hier an dieser
Stelle etwas drückte; dann sank ihr Kopf auf das Kissen, und sie
schlief so sanft und ruhig ein, wie ein himmlischer Engel.
Nur einen Augenblick bin ich hinausgegangen, um zu sehen, warum das
Getränk nicht kommt -- da hat sie, als ich zurückkomme, schon alles
auf dem Bett durcheinander geworfen und winkt den Papa zu sich heran;
der beugt sich über sie, sie hatte aber offenbar nicht mehr die Kraft
zu sagen, was sie wollte; sie öffnet nur die Lippen und beginnt wieder
zu stöhnen: ›Ach Gott, mein Gott! Die Kinder! Die Kinder!‹ Ich wollte
nach euch laufen, aber Iwan Wassilitsch hielt mich zurück und sagte, es
beunruhige sie nur noch mehr; lieber nicht. Dann hob sie nur noch die
Hand und ließ sie sinken; was sie damit sagen wollte, weiß Gott allein.
Ich denke mir, daß sie euch dadurch abwesend segnete, da Gott ihr nicht
beschieden hatte, vor ihrem Ende die Kinder noch einmal zu sehen.
Dann erhob sie sich, mein Täubchen, machte so mit der Hand und sprach
mit einer Stimme, daß ich nicht mehr daran denken kann, plötzlich:
›Mutter Gottes, verlaß sie nicht! ...‹
Dann trat ihr das Weh ans Herz -- man sah den Augen an, daß die Ärmste
sich schrecklich quälte; sie fiel auf die Kissen, biß in das Bettuch
und ihre Tränen flossen ununterbrochen.«
»Und dann?« fragte ich.
Natalie Sawischna konnte nicht weiter sprechen; sie wandte sich ab und
weinte bitterlich.
Mama starb unter schrecklichen Qualen.
Warum litt sie? Warum ...