28. Was uns auf dem Lande erwartete.

Am 15. April stiegen wir an der Treppe von Petrowskoie aus der

Reisekutsche.

Bei der Abfahrt aus Moskau war Papa sehr nachdenklich, und als Wolodja

ihn fragte, ob Mama vielleicht krank sei, blickte er ihn traurig an und

nickte mit dem Kopf. Unterwegs beruhigte sich Papa merklich; als wir

uns aber dem Hause näherten, wurde sein Gesicht immer trauriger, und

beim Aussteigen, als er den keuchend herumlaufenden Foka fragte: »Wo

ist meine Frau?« war seine Stimme unsicher, und in seinen Augen standen

Tränen. Der gute alte Foka schlug, nach einem verstohlenen Blick auf

uns, die Augen nieder, öffnete die Flurtür, wandte sich ab und sagte:

»Schon sechs Tage hat die gnädige Frau das Schlafzimmer nicht

verlassen.«

Milka, die, wie ich später erfuhr, seit dem Tage, an welchem Mama

erkrankte, unaufhörlich heulte, stürzte Papa freudig entgegen, sprang

an ihm in die Höhe, winselte, leckte ihm die Hände; aber er stieß sie

fort und ging ins Gastzimmer; von dort ins Diwanzimmer, dessen Tür

direkt ins Schlafzimmer führte. Je näher er diesem Zimmer kam, desto

deutlicher war seine Unruhe an der ganzen Körperhaltung zu erkennen.

Beim Eintritt ins Diwanzimmer ging er auf den Zehenspitzen, wagte kaum

zu atmen und bekreuzigte sich, bevor er den Griff der geschlossenen Tür

anzurühren wagte. Im selben Augenblick kam aus dem Korridor verweint

und unfrisiert Mimi gelaufen.

»Ach, Peter Alexandrowitsch!« flüsterte sie mit dem Ausdruck echter

Verzweiflung, und fügte dann, bemerkend, daß Papa die Türklinke

niederdrückte, kaum hörbar hinzu: »hier geht es nicht -- durchs

Kinderzimmer ist der Eingang.«

O, wie schwer wirkte das alles auf meine kindliche Phantasie, die

bereits von schrecklichen Vorahnungen erfüllt war.

Wir gingen ins Mädchenzimmer. Auf dem Korridor begegnete uns der

verrückte Akim, der uns stets durch seine Grimassen amüsiert hatte;

aber in diesem Augenblick schien er mir durchaus nicht lächerlich, ja

sein geistlos-gleichgültiges Gesicht berührte mich direkt schmerzlich.

Die beiden Mädchen im Mädchenzimmer saßen bei einer Arbeit; sie erhoben

sich bei unserem Anblick mit so gezwungen-traurigem Ausdruck, daß ich

mich über ihre Verstellung schrecklich ärgerte. Nachdem wir noch Mimis

Zimmer passiert hatten, öffnete Papa die Tür zum Schlafzimmer, und wir

traten ein.

Die beiden Fenster rechts von der Tür waren mit Holzschalen besetzt und

mit Tüchern verhängt. An einem Fenster saß Natalie Sawischna mit der

Brille auf der Nase, strickend. Sie küßte uns nicht wie gewöhnlich,

sondern stand nur auf und sah uns durch die Brille an, wobei ihr die

hellen Tränen aus den Augen flossen. Es gefiel mir gar nicht, daß alle

bei unserem Anblick weinten, während sie vordem ganz ruhig gewesen

waren.

Links von der Tür stand ein Wandschirm, dahinter das Bett, der

Nachttisch, ein Schränkchen mit Arzeneien und ein großer Sessel, auf

welchem der Doktor schlummerte. Neben dem Bett stand ein junges,

blondes, auffallend schönes Mädchen in weißem Morgenrock, die Ärmel

ein wenig aufgestreift, und legte Mama, die ich in diesem Augenblick

nicht sah, Eis auf den Kopf. Das war »~la belle Flamande~«, von der

Mama geschrieben hatte, und die später im Leben unserer Familie eine

so wichtige Rolle spielte. Sobald sie uns sah, nahm sie eine Hand von

Mamas Kopf und zog die Falten ihres Morgenrockes auf der Brust zurecht;

dann flüsterte sie traurig, fast unmerklich lächelnd: »Sie schläft

jetzt.«

Ich war in diesem Augenblick tief betrübt, bemerkte aber unwillkürlich

alle Einzelheiten; ich sah das an Papas Adresse gerichtete

verführerische Lächeln des Mädchens und den flüchtigen Blick, den Papa

dicht vor dem Bett auf ihre schönen, halb entblößten Arme warf.

Im Zimmer war es heiß, fast dunkel, und es roch gleichzeitig nach

Pfefferminz, Eau de Cologne, Kamillen und Hoffmannstropfen. Dieser

Geruch wirkte so auf mich, daß meine Phantasie, wenn ich ihn auch

nicht mehr spüre, sondern nur daran denke, mich unverzüglich in

dieses dunkle, schwüle Zimmer versetzt und mir die geringfügigsten

Einzelheiten dieser schrecklichen Minute in die Erinnerung zurückruft.

Mamas Augen waren offen, aber sie sah nichts. Nie werde ich diesen

schrecklichen Blick vergessen. Er drückte entsetzliche Leiden aus. Man

brachte uns fort.

Als ich später Natalie Sawischna nach Mamas letzten Augenblicken

fragte, erzählte sie mir: »Nachdem man euch weggebracht hatte, wälzte

sie sich noch lange hin und her, als wenn sie gerade hier an dieser

Stelle etwas drückte; dann sank ihr Kopf auf das Kissen, und sie

schlief so sanft und ruhig ein, wie ein himmlischer Engel.

Nur einen Augenblick bin ich hinausgegangen, um zu sehen, warum das

Getränk nicht kommt -- da hat sie, als ich zurückkomme, schon alles

auf dem Bett durcheinander geworfen und winkt den Papa zu sich heran;

der beugt sich über sie, sie hatte aber offenbar nicht mehr die Kraft

zu sagen, was sie wollte; sie öffnet nur die Lippen und beginnt wieder

zu stöhnen: ›Ach Gott, mein Gott! Die Kinder! Die Kinder!‹ Ich wollte

nach euch laufen, aber Iwan Wassilitsch hielt mich zurück und sagte, es

beunruhige sie nur noch mehr; lieber nicht. Dann hob sie nur noch die

Hand und ließ sie sinken; was sie damit sagen wollte, weiß Gott allein.

Ich denke mir, daß sie euch dadurch abwesend segnete, da Gott ihr nicht

beschieden hatte, vor ihrem Ende die Kinder noch einmal zu sehen.

Dann erhob sie sich, mein Täubchen, machte so mit der Hand und sprach

mit einer Stimme, daß ich nicht mehr daran denken kann, plötzlich:

›Mutter Gottes, verlaß sie nicht! ...‹

Dann trat ihr das Weh ans Herz -- man sah den Augen an, daß die Ärmste

sich schrecklich quälte; sie fiel auf die Kissen, biß in das Bettuch

und ihre Tränen flossen ununterbrochen.«

»Und dann?« fragte ich.

Natalie Sawischna konnte nicht weiter sprechen; sie wandte sich ab und

weinte bitterlich.

Mama starb unter schrecklichen Qualen.

Warum litt sie? Warum ...

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 36 / 55 题