Karl Iwanowitsch war noch nicht da; wir legten uns schlafen.
Wie hatte ich, trotz seiner Gleichgültigkeit, Serjoscha Iwin so
sehr lieben können? überlegte ich. Nein, er hatte meine Liebe nie
verstanden, war sie nicht wert und wußte sie nicht zu schätzen. Sonja
dagegen? Wie war die reizend! »Willst du; du mußt anfangen.« Ich sprang
auf allen vieren hoch, stellte mir ihr reizendes Gesicht vor, bedeckte
den Kopf mit der Bettdecke, stopfte sie auf allen Seiten zu, und als
nirgends eine Öffnung mehr war, legte ich mich wieder hin und versank,
im angenehmen Gefühl der Wärme, in süße Träume und Erinnerungen.
Den Blick auf das Futter der Steppdecke gerichtet, sah ich Sonja so
deutlich vor mir, wie eine Stunde vorher; ich sprach in Gedanken mit
ihr, und diese Unterhaltung, die gar keinen Sinn hatte, verschaffte mir
unbeschreiblichen Genuß, weil das: »du, dir, mit dir, dein« fortwährend
darin vorkamen.
Diese Träume waren so klar und angenehm, daß ich vor süßer Erregung
nicht einschlafen konnte; ich wollte jemandem mein Glück mitteilen.
»Lieb--ling!« sagte ich fast laut, mich schnell auf die andere Seite
drehend.
»Wolodja, schläfst du?«
»Nein,« erwiderte dieser schläfrig. »Was ist?«
»Ich bin verliebt, Wolodja, total verliebt in Sonja Walachin.«
»Na u--und?« meinte er gedehnt.
»Ach, Wolodja, du kannst dir nicht vorstellen wie mir ist; eben lag ich
unter der Decke, und da hab ich sie so deutlich, so klar gesehen und
mit ihr gesprochen -- einfach erstaunlich. Willst du glauben, so sehr
ich mich schäme, aber ich möchte, Gott weiß warum, schrecklich gern
weinen.«
Wolodja bewegte sich.
»Ich möchte nur eins,« fuhr ich fort, »nämlich: sie immer sehen ...
weiter nichts. Bist du auch verliebt? Sag doch die Wahrheit, Wolodja.«
Sonderbar. Ich wünschte, daß alle in Sonja verliebt wären und alle es
erzählten.
»Was geht dich das an,« meinte Wolodja, sich mit dem Gesicht zu mir
wendend, »kann schon sein.«
»Du willst gar nicht schlafen, hast nur so getan!« rief ich
triumphierend. An seinen Augen sah ich, daß er nicht an Schlaf dachte
und schlug die Bettdecke zurück. »Laß uns von ihr plaudern. Nicht wahr,
sie ist so reizend ... so reizend, daß, wenn sie zu mir sagt: ›Nikolas,
spring aus dem Fenster, oder stürz dich ins Feuer, ich möchte es‹ --
weiß Gott,« sagte ich, mich zur Beteurung meiner Worte bekreuzend,
»ich täte es sofort. Ach, dieser Liebling! Ei--jai--jai, wie reizend!«
schloß ich, sie mir deutlich vorstellend, und warf mich, um das Bild
so recht zu genießen, mit einem Ruck herum in die Kissen. »Ich möchte
schrecklich gern weinen, Wolodja.«
»Du Schafskopf,« sagte er lächelnd und meinte dann nach kurzem
Schweigen: »ich bin ganz anders wie du; ich denke, wenn ich könnte,
möchte ich erst neben ihr sitzen ...«
»Aha! Also du bist auch verliebt,« unterbrach ich ihn.
»Dann,« fuhr Wolodja lächelnd fort und machte dabei so verschmitzte
Augen (wie Papa, wenn er mit Damen sprach), »dann möchte ich sie an der
Hand fassen, dann ihre Fingerchen, Äuglein, das Näschen, die Lippen,
Füßchen, alles möchte ich küssen ... möchte sie auffressen!« schloß er,
mit den Füßen ausschlagend und mit den Zähnen knirschend.
»Dummheit! Gemeinheit!« schrie ich ärgerlich und wandte mich ab.
»Du verstehst nichts,« sagte Wolodja verächtlich.
»Nein, ich verstehe schon, aber du hast keine Ahnung und redest
Dummheiten,« erwiderte ich unter Tränen.
»Ist doch gar kein Grund zum Weinen! Bist ein richtiges Weib!«