25. Nach der Mazurka.

Die Mazurka war zu Ende. Wolodja, Iwins und der junge Fürst kamen

in das Zimmer, in dem ich auf dem Sofa lag und riefen mich, als

wenn nichts passiert wäre, nach oben; ich sollte meine Kräfte mit

Etienne messen, der sehr prahlte und sagte, er würfe uns alle mit

einem Finger um. Hätte jemand sich auch nur die leiseste Anspielung

auf mein Mißgeschick erlaubt, so wäre ich rasend geworden und hätte

ihnen Unannehmlichkeiten gesagt; da das aber nicht geschah, willigte

ich ein, mit nach oben zu kommen, besonders da ich mich in Kraft- und

Geschicklichkeitsübungen stets ausgezeichnet habe. Dieser Kampf, das

Rennen, Toben und Geschrei zerstreute mich und ließ mich mein Unglück

fast vergessen; nur bisweilen kam mir die Erinnerung; dann preßte

ich die Zähne zusammen und schrie leicht auf, wie meistens bei sehr

unangenehmer Erinnerung. Als wir zum Abendessen gerufen wurden, hatte

ich meine misanthropischen Pläne schon vergessen und lief mit dem

angenehmen Gefühl der Selbstzufriedenheit, die der Erfolg gebiert, nach

unten. Mein Erfolg, ich darf sagen: mein Triumph, bestand darin, daß

ich zweimal hintereinander den jungen Fürsten geworfen hatte, einmal

derart, daß auf seiner Stirn eine sehr große und sehr lächerliche Beule

zum Vorschein kam.

Beim Abendessen, als der Diener jedem von uns aus einer umwickelten

Flasche Champagner eingoß, standen wir alle auf und gingen noch einmal

zu Großmutter zum Gratulieren. Kaum war das geschehen, so ertönten aus

dem Saal die Klänge des Großvatertanzes und überall wurden geräuschvoll

die Stühle zurückgeschoben. Ich glaube, ich hätte es niemals riskiert,

Sonja wieder aufzufordern, wenn nicht in dem Augenblick, als ich

zögerte, Sonjas Mutter vorübergekommen wäre und zu uns beiden gesagt

hätte: »Was steht ihr denn da; kommt doch.«

Sonja reichte mir den Arm, und wir liefen aus dem Saal.

Der Ringkampf, das Glas Champagner, die Nähe und Heiterkeit Sonjas

ließen mich die unglückliche Mazurka ganz vergessen; ich fühlte nicht

die geringste Verlegenheit mehr, war ausgelassen bis zur Tollheit.

Mit den Beinen machte ich die komischsten Dinge; ich ahmte die Gangart

eines Pferdes nach, lief in kurzem Trab, hob stolz die Beine, blieb

dann auf einer Stelle stehen und trampelte mit den Füßen wie ein

Hammel, der über einen Hund böse ist. Dabei lachte ich aus vollem

Herzen, ohne mich um den Eindruck zu kümmern, den meine ~pas~ auf

die Zuschauer machten. Sonja lachte ebenfalls unaufhörlich; lachte,

als wir uns Arm in Arm im Kreise drehten; kicherte, als ein Herr

mit Schnurrbart und goldenem Ring am Daumen langsam die Beine

hebend über ein Schnupftuch stieg, mit einem Ausdruck, als ob ihm

das sehr schwer würde, und schüttelte sich vor Lachen, als ich, um

meine Geschicklichkeit zu zeigen, fast bis zur Decke sprang. Dieses

reizende helle Lachen, bei dem ihr Händchen wie ein Vöglein in meiner

Hand zitterte, sowie der schnelle Übergang von der Verzweigung zur

Heiterkeit machten mich ganz glücklich.

Als wir durch Großmutters Zimmer kamen, besah ich mich unwillkürlich

in dem großen Trumeau in der Ecke. Mein Gesicht war schweißgebadet,

das Haar zerzaust, die Borsten sträubten sich mehr als je -- trotzdem

befriedigte mich der Gesamteindruck; die grauen, noch kleineren

Augen als sonst glänzten derart, und der ganze Gesichtsausdruck war

so lustig, unbekümmert und gut, gesund und frisch, daß ich mich

noch niemals in so vorteilhaftem Licht gesehen hatte. Das rührte

wahrscheinlich daher, daß ich mich beim Schauen in den Spiegel

gewöhnlich bemühte, einen nachdenklichen und deswegen unnatürlichen

dummen Ausdruck anzunehmen. Wäre ich nur immer so wie jetzt! dachte

ich, dann könnte ich noch gefallen.

Als ich dann aber wieder auf das schöne Gesichtchen meiner Dame

blickte, fand ich dort außer der Fröhlichkeit, Gesundheit und

Sorglosigkeit, die mir in meinem Gesicht gefielen, so viel vornehme,

zarte Schönheit, daß ich mich über mich selbst ärgerte; ich sah ein,

wie dumm es war zu hoffen, die Aufmerksamkeit eines so herrlichen

Geschöpfes jemals auf mich zu lenken.

Ich konnte nicht auf Erwiderung meiner Gefühle rechnen und wünschte

sie gar nicht; meine Seele strömte auch so von Glück über. Für all

meine unendliche Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckte, wünschte,

forderte ich nichts: mir war auch so gut. Ich fühlte nur, wie mir das

Blut zum Herzen strömte; daß dieses schlug wie eine Taube, daß ich

etwas Sonderbares, Unverständliches wollte -- wahrscheinlich weinen.

Als wir auf dem Korridor am dunklen Verschlage unter der Treppe

vorbeikamen, dachte ich: was wäre das für ein Glück, wenn man ein

ganzes Jahrhundert lang mit ihr in diesem dunklen Verschlage leben

könnte, so daß niemand etwas davon wüßte. Aber das ist nicht möglich,

also hat es auch keinen Zweck, daran zu denken; sie geht gleich, und

Gott weiß, wann wir uns wiedersehen ... vielleicht nie ...

Wir waren das letzte Paar; ich ging langsam und beschloß, ihr alles zu

sagen, was ich empfand. Aber was? Und wie?

»Nicht wahr, heute war es nett?« begann ich mit leiser, zitternder

Stimme und beschleunigte den Schritt, voll Schreck nicht so sehr über

das, was ich gesagt hatte, als über das, was ich sagen wollte.

»Ja, sehr,« antwortete sie, mir das Köpfchen mit so gutem offenen

Ausdruck zuwendend, daß meine Furcht verschwand.

»Besonders nach dem Abendessen; wenn Sie aber wüßten, wie leid es mir

tut -- (›weh‹ wollte ich sagen, wagte es aber nicht), daß Sie gehen und

wir uns nicht wiedersehen.«

»Warum nicht?« meinte sie, angelegentlich ihre Schuhspitzen betrachtend

und mit einem Finger über den durchbrochenen Wandschirm fahrend, an dem

wir vorüberkamen.

»Jeden Dienstag und Freitag um zwei Uhr fahre ich mit Mama auf dem

Twerskoi Boulevard spazieren. Gehen Sie denn nicht aus?«

»Ich werde sicher um Erlaubnis bitten, und wenn man mich nicht läßt,

laufe ich ohne Mütze fort. Den Weg weiß ich.«

Sonja lachte.

»Wissen Sie was?« sagte sie plötzlich, mit dem Fuß einen kleinen Apfel

aus dem Wege schleudernd, »ich sage zu einigen Jungen, die zu uns

kommen: ›du‹; wollen wir uns auch duzen? Willst du?« fügte sie hinzu

und sah mir, das Köpfchen schüttelnd, gerade in die Augen.

In diesem Augenblick traten wir in den Saal, und es begann der zweite,

lebhafte Teil des Großvatertanzes.

»Kom ... men Sie,« sagte ich, als die Musik und der Lärm meine Stimme

übertönten.

»Komm, und nicht: kommen Sie,« verbesserte sie mich lächelnd.

Das »ie«, das sie möglichst derb auszusprechen suchte, erschien mir als

der harmonischste Ton, den die menschliche Stimme hervorbringen kann.

Ich war hingerissen.

Der »Großvater« war zu Ende; ich hatte nicht einen Satz mit »du«

zustande gebracht, obgleich ich mir unaufhörlich den Kopf zerbrach und

Wendungen ausgrübelte, in denen das Fürwort mehrmals vorkam. Es fehlte

mir an Mut. »Willst du? Komm!« klang es in meinen Ohren und rief einen

rauschähnlichen Zustand bei mir hervor: ich sah nichts als Sonja. Ich

beobachtete, wie Frau Walachin sie musterte, ob sie vom Tanzen nicht

zu sehr erhitzt sei und fahren könnte; wie sie sich kätzchengleich an

ihre Mutter schmiegte; sah, wie ihre Locken zusammengenommen und hinter

die Ohren gelegt wurden, so daß ein Teil der Stirn und die Schläfe frei

wurde, die ich noch nicht gesehen hatte. Diese neuen Stellen schienen

mir noch schöner als die bereits bekannten. Ich weiß noch, wie sie in

ein großes wollenes Tuch so dicht eingewickelt wurde, daß, wenn sie

nicht mit ihren Rosenfingern ein kleines Loch für den Mund freigemacht

hätte, sie sicher erstickt wäre. Obgleich man hinter dem Tuch nur die

Augen und die Nasenspitze sah, waren diese so lieb, daß ich mich von

dem Anblick nicht trennen konnte. Als sie hinter ihrer Mutter die

Treppe hinunterstieg, wandte sie sich schnell noch einmal um, nickte

mit dem Kopf und dann sah ich sie nicht mehr.

Wolodja, Iwins, der junge Fürst, ich, wir alle waren in Sonja verliebt,

standen auf der Treppe und warfen ihr Blicke nach. Wem sie eigentlich

besonders zunickte, weiß ich nicht; damals war ich aber fest überzeugt,

daß ich es sei.

Beim Abschied von Iwins sprach ich sehr frei, ungezwungen und sogar

etwas kalt mit Serjoscha und drückte ihm die Hand.

Diese Veränderung in meinem Benehmen überraschte ihn wahrscheinlich

unangenehm, denn er sah mich fragend und nicht gerade freundlich an.

Wenn er begriff, daß sein Einfluß auf mich mit dem heutigen Abend sein

Ende erreicht hatte, tat ihm das sicher leid, obgleich er sich bemühte,

ganz gleichgültig zu erscheinen.

Zum erstenmal im Leben war ich treulos in der Liebe, und zum

erstenmal empfand ich die Süßigkeit dieses Gefühls. Es war mir eine

wahre Herzensstärkung, das überlebte Gefühl der Ergebenheit gegen

ein frisches Liebesempfinden voll Heimlichkeit und Ungewißheit

einzutauschen. Außerdem bedeutet mit einer Liebe aufhören und eine neue

beginnen, doppelt lieben.

Als ich in den Saal zurückkehrte, sah ich niemanden; ich blickte alle

Gäste an und suchte Sonja, obgleich ich wußte, daß sie fort sei, und

ich sie unmöglich wiedersehen könnte.

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 32 / 55 题