Am 8. September 1836, fast einen Monat nach unserer Ankunft in Moskau
war Großmutters Geburtstag. Um zehn Uhr morgens saß ich im Moskauer
Hause im Klassenzimmer an einem großen Tisch und schrieb; auf der
anderen Tischseite machte der Zeichenlehrer die letzten Verbesserungen
an einer Bleistiftzeichnung, die einen Türken im Turban darstellte.
Wolodja stand mit ausgerecktem Halse auf den Zehenspitzen hinter ihm
und blickte dem Lehrer über die Schulter. Dieser Kopf war Wolodjas
erste Zeichnung, die heute an Großmutters Geburtstag mit folgender
Inschrift auf dem Ärmel des Türken überreicht werden sollte: »Woldemar
Irtenef, 8. Sept. 1836, Moscou.«
»Wollen Sie hier nicht noch etwas mehr Schatten hinbringen?« fragte
Wolodja, auf den Hals des Türken deutend.
»Nein, das ist nicht nötig,« erwiderte der Zeichenlehrer, Bleistifte
und Reisfeder in die Schieblade legend, »jetzt ist es gut; rühren Sie
es nicht mehr an. Nun aber Sie, Nikolenka,« er erhob sich, den Türken
weiter von der Seite betrachtend -- »verraten Sie uns doch endlich Ihr
Geheimnis: was schenken Sie der Großmutter? Am besten wäre ebenfalls
ein Kopf. Adieu, meine Herren.« Er nahm seinen Hut und verließ das
Zimmer.
In diesem Augenblick war ich auch der Ansicht, daß ein Kopf besser
sei als die Arbeit, mit der ich mich quälte. An dem Abend, als man
uns mitteilte, wir sollten ein Geschenk zu Großmutters Geburtstag
vorbereiten, kam mir der Gedanke, ihr bei dieser Gelegenheit ein
Gedicht zu machen, und ich verfaßte sofort zwei gereimte Strophen in
der Hoffnung, die übrigen ebensoleicht hinzufügen zu können. Meinen
Plan vertraute ich niemandem an; alle Fragen beantwortete ich damit,
ich würde sicher ein Geschenk darbringen, aber niemandem sagen, worin
es bestände. Dann ging ich sogleich ans Werk.
Wider Erwarten stellte sich heraus, daß ich außer den beiden im
ersten Feuereifer ersonnenen Strophen, trotz aller Anstrengung nichts
Gescheites mehr zustande bringen konnte.
Um mir die Mühe zu erleichtern, nahm ich Zuflucht zu einer List. Ich
las alle Verse, die mir in die Hände fielen; da die Auswahl aber
nicht groß war und ich nirgends Glückwünsche fand, überzeugte mich
die Lektüre von Puschkin, Dershawin und anderen noch mehr von meiner
Ohnmacht und Talentlosigkeit. Dann kramte ich unter Karl Iwanowitschs
Papieren, der, wie ich wußte, oft Gedichte verfaßte. Unter seinen
Manuskripten fand ich ein Produkt, das wahrscheinlich seiner Feder
entstammte. Hier ist es:
An Frl. L.
Denke mein: nahe,
Denke mein: fern,
Denke mein: immerdar,
Denke mein: gern.
Denke mein bis an das Grab,
Wie ich so treu geliebt dich hab!
Petrowskoie, 12. Juni 1828. Karl Mauer.
Dieses mit großen runden Buchstaben auf dünnes Briefpapier geschriebene
Gedicht gefiel mir wegen des rührenden Gefühls, von dem es durchdrungen
ist. Ich las es einigemal durch und lernte es auswendig. Vorher,
als ich mir die gedruckten Verse zum Muster genommen hatte, sah
ich deutlich, daß meinen eigenen etwas mangelte und geriet darüber
in Verzweiflung. Jetzt, mit dem Rückhalt dieser Verse, die ich
nachzumachen suchte, ging die Sache weit leichter. Am Geburtstage war
ein Glückwunsch aus zwölf Strophen fertig; am Tisch im Klassenzimmer
schrieb ich ihn auf Velinpapier ab.
Schon waren zwei Bogen verdorben ... nicht, weil ich etwas ändern
wollte -- die Verse schienen mir ausgezeichnet; aber von der dritten
Zeile an kletterten die Versenden immer höher und höher, so daß man
schon von weitem sah, wie schief das Gedicht war und daß es nichts
taugte.
Obgleich die dritte Abschrift ebenso schief war wie die übrigen,
beschloß ich, jetzt nichts mehr abzuschreiben. Dagegen machte mir ein
ganz anderer Umstand Schwierigkeiten. In meinem Gedicht gratulierte ich
zunächst der Großmutter zum Geburtstag, wünschte ihr viele, viele Jahre
Gesundheit, dankte ihr dann für ihre Liebe und schloß, meine Gefühle
beschreibend:
»So will ich dich auch stets erfreun,
Du sollst wie meine Mutter sein.«
Die Sache war nicht übel, aber der letzte Vers gefiel mir nicht, er
beleidigte direkt mein Ohr. »Wie meine Mutter« wiederholte ich für
mich, »Du sollst wie meine Mutter sein --« es ging; ich wollte es doch
aber lieber ändern. Wie einen anderen Schluß finden? Dein? Weih'n? Ich
will dir alle Kräfte weih'n. Ach was, sagte ich mir, es geht schon.
Immer noch besser als Karl Iwanowitschs Verse. So schrieb ich die
letzte Strophe hin. Dann ging ich ins Schlafzimmer und deklamierte
alles laut mit Gesten und sehr ausdrucksvoll.
Die ersten Strophen hatten gar kein Versmaß; aber dabei hielt ich mich
nicht lange auf. Die letzte Zeile dagegen berührte mich immer stärker
und unangenehmer. Ich setzte mich auf mein Bett und überlegte. Warum
hatte ich geschrieben: »wie meine Mutter.« Warum sie erwähnen? Sie
war doch nicht hier! Ich liebte und verehrte Großmutter, weil sie so
respektgebietend war; aber das war doch nicht das! Warum, warum hatte
ich die Worte geschrieben? Ich begriff es wohl undeutlich, fühlte aber
dabei, daß, der Großmutter sagen, sie solle wie meine Mutter sein --
erstens falsch und zweitens überflüssig sei. Wozu ihr das sagen? Nein,
es war nicht hübsch! Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich die letzte
Zeile ändern könnte; aber das ging nicht so einfach -- ich mußte dann
die letzten vier Zeilen des Gedichts, die alle den gleichen Reim
hatten, umdichten -- ein Drittel des ganzen Gedichtes. Vielleicht
hätte ich auch das noch fertiggebracht; aber jetzt hörte ich, wie der
Schneider mit meinem neuen Frack kam.
»Also mag es schon so bleiben,« sagte ich ärgerlich, schob die Verse
unter das Kissen und lief, um den Moskauer Anzug anzuprobieren.
Er erwies sich als vorzüglich. Der zimtbraune Frack mit blanken Knöpfen
lag prall am Körper an, nicht so auf Zuwachs berechnet, wie auf dem
Lande für uns gearbeitet wurde; die schwarze, ebenfalls enge Hose
umspannte wundervoll die Schenkel und fiel gefällig auf die Stiefel.
»Endlich richtige Hosen mit Strippen,« dachte ich, vor Freude außer mir
und besah von allen Seiten meine Beine. Obgleich mir der neue Anzug
eng und unbequem war, verheimlichte ich das vor allen und sagte im
Gegenteil, er säße sehr bequem, und wenn er einen Mangel hätte, wäre es
der, daß er etwas weit sei. Dann nahm ich eine Bürste und bearbeitete
eine ganze Stunde lang meinen stark pomadisierten Kopf vor dem Spiegel.
Aber wie sehr ich mich auch bemühte, die Borsten auf dem Scheitel glatt
zu legen -- sie gehorchten nicht; sobald ich mit bürsten aufhörte,
richteten sie sich auf, starrten nach allen Seiten und gaben meinem
Gesicht einen lächerlichen Ausdruck.
Karl Iwanowitsch kleidete sich im Nebenzimmer an. Durch das
Klassenzimmer wurde ihm ein blauer Frack und Wäsche gebracht. An
der nach unten führenden Tür hörte man die Stimme von Großmutters
Kleinmädchen; ich ging hinaus, um nachzusehen, was sie wünschte. Sie
hielt ein steifgestärktes Oberhemd in der Hand und sagte, das sei für
Karl Iwanowitsch; sie hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, um es
rechtzeitig fertigzubringen. Ich nahm ihr das Hemd ab und fragte, ob
Großmutter schon aufgestanden sei.
»Gewiß doch! Hat schon längst Kaffee getrunken; der Protopop ist schon
da. Wie nett Sie heute aussehen!« schloß sie lächelnd. Diese Bemerkung
ging mir durch und durch und machte mich erröten; ich drehte mich
auf einem Fuß um, hüpfte und schnalzte mit den Fingern, um ihr zu
verstehen zu geben, daß sie noch gar nicht recht wisse, wie nett ich in
Wirklichkeit sei.
Als ich Karl Iwanowitsch das Oberhemd brachte, hatte er es bereits
nicht mehr nötig; er hatte ein anderes angezogen. Er stand gebückt
vor dem kleinen Spiegel auf dem Tisch, hielt mit beiden Händen seine
Halsbinde und probierte, ob sein rasiertes Kinn sich in der Binde hin
und her bewegen könne.
Nachdem Karl Iwanowitsch unseren Anzug überall zurechtgezogen und
Nikolas um den gleichen Dienst bei sich gebeten hatte, führte er uns
zur Großmutter. Ich muß noch jetzt lachen, wenn ich daran denke, wie
stark wir drei nach Pomade rochen, als wir die Treppe heruntergingen.
Karl Iwanowitsch trug eine selbstverfertigte Schachtel, Wolodja die
Zeichnung, ich das Gedicht, das ich vor unserem Aufbruch unter dem
Kissen hervorgeholt hatte. Jeder hatte den Spruch auf der Zunge, mit
dem er sein Geschenk überreichen wollte.
In dem Augenblick, als Karl Iwanowitsch die Tür öffnete, legte der
Priester sein Gewand an und das Gebet begann.
Großmutter war schon im Saal; auf eine Stuhllehne gestützt stand sie an
der Wand und betete inbrünstig. Neben ihr stand Papa. Er wandte sich
nach uns um und lächelte, als wir schnell unsere Geschenke auf dem
Rücken versteckten und dicht an der Tür stehenblieben, um nicht bemerkt
zu werden.
Die ganze Überraschung, auf die wir gerechnet hatten, war dahin.
Als nach Schluß des Gebets das Kreuz geküßt wurde, war ich
unentschlossen, ob ich sogleich das Gedicht überreichen und Großmutter
gratulieren sollte oder nachher. Das sofortige Überreichen war mir sehr
unangenehm, weil ich bei der Vorbereitung auf diesen Augenblick nicht
daran gedacht hatte, daß der Vorgang sich vor einem Publikum abspielen
würde, das jetzt aus Papa und dem Protopopen bestand. Namentlich vor
Papas Spott hatte ich Angst. Ich hielt mein Gedicht auf dem Rücken und
stand so unbeschreiblich schüchtern und verlegen da.
Karl Iwanowitsch beglückwünschte Großmutter in den gewähltesten
Ausdrücken, nahm die Schachtel aus der linken Hand in die rechte,
händigte sie ihr ein und trat ein paar Schritte zurück, um Wolodja
Platz zu machen. Großmutter schien von der Schachtel mit Goldrand
entzückt und gab mit verbindlichem Lächeln ihrem Dank Ausdruck.
Man merkte aber, daß sie die Schachtel nirgend hinzustellen wußte
und wahrscheinlich aus diesem Grunde Papa bat, einmal zu sehen, wie
erstaunlich kunstfertig sie gearbeitet sei.
Nachdem Papa seine Neugierde befriedigt hatte, übergab er die Schachtel
dem Geistlichen, dem das Ding anscheinend sehr gefiel. Er wiegte den
Kopf hin und her und blickte neugierig bald auf die Schachtel, bald auf
den Meister, der solch schönen Gegenstand fertiggebracht hatte.
Wolodja überreichte seinen Türken mit dem Signum und erntete von allen
Seiten das höchste Lob.
Jetzt war die Reihe an mir; mit einem Lächeln, das besagte: »Nun, mein
Junge, jetzt kommst du,« wandte sich Großmutter an mich.
Wer jemals Schüchternheit empfunden hat, weiß, daß dieses Gefühl mit
der Zeit zunimmt, während die Entschlossenheit umgekehrt nachläßt. Das
heißt: Je länger die Schüchternheit dauert, um so unbezwinglicher wird
sie und um so weniger Entschlossenheit bleibt übrig.
Die letzte Spur von Entschlossenheit verließ mich, als Karl Iwanowitsch
und Wolodja ihre Gaben darbrachten; und jetzt, als ich fühlte, daß ich
unbedingt hervortreten müsse, erreichte sie den Höhepunkt. Ich fühlte,
wie mir das Blut vom Herzen unaufhaltsam zu Kopf schoß, wie mein
Gesicht die Farbe wechselte und wie dicke Schweißtropfen auf Stirn und
Nase traten. Die Ohren brannten, im ganzen Körper fühlte ich Zittern
und kalten Schweiß; ich trat von einem Fuß auf den anderen, knüllte die
verhängnisvolle Papierrolle in der schweißigen Hand zusammen und rührte
mich nicht vom Fleck.
»Nun, Herr Poet, deklamieren Sie uns Ihre Verse vor,« sagte plötzlich
Papa, der, ich weiß nicht wie, hinter mein Geheimnis gekommen war.
Da war nichts zu machen; mit zitternder Hand überreichte ich Großmutter
das zerknüllte Papier, anstatt aber dabei meinen Glückwunsch zu sagen,
stammelte ich unzusammenhängende Worte. Obgleich damit die Hauptsache
getan war, konnte ich den Gedanken nicht fassen, daß sogleich in aller
Gegenwart die Worte »wie meine Mutter« gelesen und meine Gemeinheit
aller Welt offenbar würde.
Wie soll ich meine Qualen schildern, als Großmutter laut mein Gedicht
vorzulesen begann, als sie es nicht entziffern konnte, in der Mitte
steckenblieb und mit einem Lächeln, das mir spöttisch vorkam, Papa
ansah, als sie die Worte nicht so betonte wie ich wollte, und
schließlich, wegen ihrer schwachen Augen, Papa das Schriftstück gab
und ihn bat, es ihr von Anfang an vorzulesen. Mir war, als täte sie
das deswegen, weil sie keine Lust hatte, solch schlechte, schief
geschriebene Verse zu lesen, die zeigten, wie schnell ich meine Matter
vergessen hatte. Ich erwartete, daß man mir meine Verse um die Ohren
schlagen und sagen würde »Nichtsnutziger Bengel, vergiß deine Mutter
nicht, da hast du was!« Aber nichts dergleichen geschah; im Gegenteil,
als alles vorgelesen war, sagte Großmutter: »~Charmant! merci, mon
cher Nicolas!~« und küßte mich auf die Stirn.
Schachtel, Zeichnung und Gedicht wurden auf einen kleinen Tisch neben
Großmutters Stuhl gelegt, neben die beiden Batisttücher und die
Tabatiere mit Mamas Bild, von dem Großmutter sich niemals trennte.
»Die Fürstin Barbara Iljinitschna Kornakowa!« meldete einer der
riesigen Diener, die hinten auf Großmutters Wagen fuhren.
Großmutter betrachtete nachdenklich das Bild auf der Schildpatdose und
gab keine Antwort. Sie dachte in diesem Augenblick sicherlich an Mama,
ihre Lieblingstochter und überlegte: Warum ist sie heute nicht bei mir?
Was mag sie treiben?
»Wünschen Durchlaucht zu empfangen?« sagte der Diener.
»Bitte.«