Glückliche, selige, unwiederbringliche Tage der Kindheit! Wie soll man
die Erinnerung an euch nicht hegen und pflegen! Sie erhebt und erquickt
meine Seele und bildet für mich die Quelle der besten Genüsse.
Man hat sich müde gelaufen und sitzt matt auf seinem hohen Kinderstuhl
am Teetisch; es ist schon spät, die Tasse Milch mit Zucker ist längst
geleert, Schlaf fällt auf die Augen, aber man rührt sich nicht von der
Stelle -- sitzt da und hört und sieht.
Wie soll man nicht hören! Mama spricht mit jemandem, ihre Stimme klingt
so lieb, so unbeschreiblich freundlich. Der bloße Klang sagt meinem
Herzen so unendlich viel!
Mit schlafbeschwerten Augen blicke ich unverwandt in ihr Gesicht, und
plötzlich kommt es mir vor, als würde sie ganz, ganz klein, ihr Gesicht
nicht größer als ein Knopf, aber dabei sehe ich alles ganz deutlich,
wie sie mich ansieht und lächelt. Ich habe es gern, daß sie so klein
ist. Ich schließe die Augen noch mehr, und nun wird sie so klein,
wie Jungen im Augapfel; aber dann bewege ich mich und das Zauberbild
verschwindet. Ich mache die Augen kleiner, drehe mich hin und her,
bemühe mich, das Bild wieder hervorzuzaubern, aber es ist umsonst. Ich
stehe auf, schlage die Beine unter und lege mich bequem in den großen
Lehnstuhl.
»Du schläfst wieder ein, Nikolas; solltest nach oben gehen,« sagt Mama.
»Ich will nicht schlafen,« erwidere ich, und undeutliche aber süße
Träume erfüllen die Phantasie. Ein gesunder Kinderschlaf schließt die
Augen, und eine Minute später ist man bewußtlos und schläft, bis man
aufgeweckt wird.
Bisweilen fühlt man im Halbschlaf die Berührung einer zarten Hand; an
der Berührung schon erkennt man sie und ergreift sie noch im Schlaf
dicht vor dem Gesicht und preßt sie fest, fest gegen die Lippen.
Alle sind bereits fortgegangen; im Gastzimmer brennt nur noch ein
Licht. Mama hat gesagt, sie würde mich wecken. Dann kommt sie, setzt
sich auf den Lehnstuhl, auf dem ich schlafe, fährt mit ihrer wunderbar
zarten Hand über mein Haar und flüstert mit der lieben bekannten Stimme
dicht an meinem Ohr: »Steh auf, mein Liebling, es ist Zeit zu Bett zu
gehen.« Kein gleichgültiger Blick stört sie, ungescheut gießt sie all
ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich aus.
Ich rühre mich nicht, presse aber ihre Hand noch stärker an meine
Lippen.
»Steh doch auf, mein Engel!«
Mit der anderen Hand umfaßt sie meinen Hals, und ihre kleinen Finger
bewegen sich und kitzeln mich.
Im Zimmer ist es still, halbdunkel; durch das Kitzeln und Erwachen
sind meine Nerven erregt; Mama sitzt dicht neben mir, berührt mich,
ich spüre ihren Duft und ihre Stimme. Das alles veranlaßt mich,
aufzuspringen, meine Arme um ihren Hals zu schlingen, den Kopf gegen
ihre Brust zu legen und atemlos zu rufen: »Ach liebe, liebe Mutter, wie
habe ich dich lieb!«
Sie lächelt auf ihre traurige bezaubernde Art, nimmt meinen Kopf, küßt
mich auf die Stirn, die Nase und die Augen und setzt mich auf ihren
Schoß.
»Also du hast mich sehr lieb?« Sie schweigt einen Augenblick und sagt
dann: »Hörst du, hab mich stets lieb und vergiß mich nicht. Wenn deine
Mutter nicht mehr da ist, mußt du sie nie vergessen! Hörst du: nie,
Nikolas.«
Und sie küßt mich noch zärtlicher.
»Hör auf, sag das nicht, liebste beste Mutter!« rufe ich, ihre Knie
küssend, und dabei stürzen Tränen aus meinen Augen, Tränen der Liebe
und des Entzückens.
Kommt man dann nach oben und steht in seinem wattierten Schlafrock vor
dem Heiligenbild, welch wunderbares Gefühl empfindet man dann bei den
Worten: »Lieber Gott, beschütze meine Eltern, Papa, Mama und Großmama,
den Lehrer Karl Iwanowitsch, meinen Bruder Wolodja und meine Schwester
Ljubotschka.«
Wenn ich diese Worte sprach, die meine Lippen zuerst der lieben Mutter
nachstammelten, floß die Liebe zu Gott und den Eltern sonderbar in ein
Gefühl zusammen. Ich wußte und fühlte, daß Gott groß, gerecht und gut
sei; ich war überzeugt, daß all meine Bitten erfüllt, alle Vergehen
bestraft würden, daß ich ihm für alles, alles dankbar sein müsse und
daß er mich nie verlassen würde.
Kein Zweifel störte damals meine Ruhe.
Nach dem Gebet wickelte ich mich, leicht und fröhlich ums Herz, in
meine Decke ein. Ein schöner Traum folgte dem anderen; aber was hatten
sie zum Gegenstande? Flüchtige Dinge, dabei war ich erfüllt von
Hoffnung auf helles Glück und reine Liebe. Dann fiel mir wohl Karl
Iwanowitsch mit seinem traurigen Schicksal ein, der einzige Mensch, den
ich für unglücklich hielt. Er tat mir so leid und ich empfand so viel
Liebe für ihn, daß mir Tränen in die Augen traten und ich wünschte,
Gott möge ihn glücklich machen und es mir ermöglichen, ihm meine Liebe
zu zeigen -- ich wollte gern alles für ihn opfern. Dann stopfte ich
mein liebstes Spielzeug, ein Häschen oder Hündchen aus Porzellan, in
eine Ecke des Federkissens und freute mich, wie gut, warm und behaglich
es dort liegen könne. Dann bat ich noch den lieben Gott, allen Glück
und Zufriedenheit zu geben und morgen zum Spazierengehen schönes
Wetter zu machen, legte mich auf die andere Seite, Gedanken und Träume
vermischten sich, und ich schlief leise und sanft mit tränenfeuchtem
Gesicht ein.
Werden sie je wiederkehren, die Frische, Sorglosigkeit und
Glaubensstärke, die ich unbewußt in der Kindheit besaß? Welch schönere
Zeit kann es geben, als die, in der die zwei höchsten Tugenden:
unschuldige Heiterkeit und ein unendliches Bedürfnis zu lieben,
die Haupttriebfedern im Leben waren. Wo sind die gläubigen Gebete
geblieben? wo die schönste Gabe: reine Tränen der Rührung? Kam ein
tröstender Engel geflogen, trocknete lächelnd diese Tränen und hauchte
der reinen Phantasie des Kindes süße Träume ein? Hat das Leben wirklich
so schwere Spuren in meinem Herzen hinterlassen, daß dieses Entzücken
und diese Tränen auf ewig verschwunden und nur Erinnerungen geblieben
sind?