Leere tat sich vor mir auf, in der alle Trost- und Liebesworte der mich
umgebenden Kinder und Freunde und Verwandten ohne das leiseste Echo in
meinem Herzen verhallten.
Leer, leer, namenlos leer lag das Leben vor mir, das ich in jener Stunde
so gerne verlassen hätte, um gemeinsam mit meinem Teueren, Geliebten den
anderen Weg zu gehen. In dieser Stunde begriff ich so gut die indische
Sitte, nach der die Frau des Toten zusammen mit ihm eingeäschert wird.
Zehn alte Juden (ein Minjan) »Batlonim« verrichteten dreimal täglich an
der Leiche Gebete, und mein seliger Wolodia sagte »Kaddisch«.
Am Montag, um zwölf Uhr mittags, fand das Begräbnis statt.
Eine große Menschenmenge versammelte sich um unser Haus. Viele Knaben,
die von den Gebethäusern abgesandt waren, sangen Psalmen an der Leiche.
Man brachte Blumenkränze, die aber auf mein Verlangen im Hause
zurückgelassen wurden.
Meine Kinder und ich -- wir zerrissen unsere Kleider an der Brust. Man
hob die Bahre und trug ihn hinaus -- den Mann, den Vater, den
Herrn dieses Hauses.
Auf dem Friedhof sprachen alle, die das Grab umstanden, Gebete. Aus der
Menge, in der sich die vornehmsten Juden und Christen befanden, trat der
Maggid, der Stadtprediger, hervor und hielt eine Leichenrede, die mit
den Worten schloß: »Wenn er auch manche jüdische Sitte in seinem Leben
vernachlässigt hat, so muß man doch an seinem Grabe laut gestehen: >Daß
er ein Auhew Amau Jisroel war, daß er sein Volk Israel liebte.<«
Im gleichen Verlag erschien:
Memoiren einer Großmutter.
Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands
im 19. Jahrhundert.
Von
Pauline Wengeroff.
Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles.
Band 1.
Preis broschiert M. 3.--. Leinwandband M. 4.--
Urteile der Presse:
=Berliner Tageblatt.=
Wenn man das Memoirenwerk eines russischen Autors zur Hand nimmt, das
russische Verhältnisse behandelt, ist man von vornherein darauf
gestimmt, eine Jobiade zu lesen, in der alles zu finden ist, nur keine
Freude und kein Sonnenstrahl. Diese Vorerwartung steigert sich noch,
wenn es sich um russisch-jüdische Verhältnisse handelt, die ein
jüdischer Verfasser schildert. Aber diesmal sind wir auf wunderbarste
und angenehmste Weise enttäuscht. Das Werk der Pauline Wengeroff ist so
sonnig und innig, daß es kein Leser unbefriedigt aus der Hand legen
wird. Insbesondere wird der jüdische Leser seine reiche Freude finden an
der warmherzigen Pietät, die das ganze Buch adelt. Die Schilderungen der
jüdischen Feiertage nehmen den breitesten Raum ein; aber sie sind so
künstlerisch dargestellt und dabei von soviel Gemütswärme unterströmt,
daß man mit tiefer Ergriffenheit der alten Erzählerin lauscht, als sei
sie unser aller Großmütterchen, das uns in stimmungsvoller Dunkelheit
wunderbare Märchen erzählt; Märchen, die wir selber einmal geschaut und
erlebt haben, da wir jung waren... Das Herz feiert Reminiszenzen bei
dieser Lektüre, und die Seele klagt um all das, was wir Modernen
verloren haben im Kampf ums bittere Leben -- alles, was tief und innig
war, und was das Leben einst zu einem ernsten Feiertag machte. Welch ein
naives, gemütreiches Buch, das keine andere Prätension hat als die, uns
den Spiegel der eigenen Vergangenheit vorzuhalten. Und doch gibt dieses
Memoirenwerk zugleich ein Kulturbild von unvergleichlicher Treue.
=Vossische Zeitung, Berlin.=
Ein merkwürdiges und, was noch mehr bedeutet, ein wertvolles Buch sind
diese von einer Greisin geschriebenen Memoiren, die durch die
Gewissenhaftigkeit und Ausführlichkeit, mit denen die von einem
staunenswerten Gedächtnis unterstützte Verfasserin zu Werke geht, einen
sehr schätzenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte der russischen Juden
während der Mitte des vorigen Jahrhunderts liefern. Der Leser wird in
das Familienleben, wie es sich in jener Zeit in einem reichen jüdischen
Haus abspielte, eingeführt und gewinnt durch die keine Einzelheit
vergessende Darstellung einen Einblick in die von tausend religiösen
Vorschriften eingeengte, nur dem Studium des Talmuds dahingegebene und
jede weltliche Bildung abweisende Lebensführung auch der oberen Klassen
der orthodoxen Juden damaliger Zeit. Von der Wiege bis zum Grabe,
während der zahlreichen Fest-, Trauer-, Buß- und Fasttage des
Kalenderjahres mußte der Jude auf die Erfüllung der unzähligen
Vorschriften bedacht sein, die ihm der Talmud machte, und durch die sein
Essen und Trinken, seine Kleidung, sein Wachen und Schlafen, sein Beten
und Feiern, seine Lust und seine Trauer geregelt wurden. Das, was dem
Laien nur als Sitte erscheint, wurde bei diesem temperamentvollen Volke
auch zur Sittlichkeit. Innerhalb der strengen Gebundenheit, die jede
menschliche Empfindung einer Kontrolle unterwarf, wurde der Jude zur
Frömmigkeit, zur Selbstbeherrschung erzogen. Das Studium des Talmuds
gewöhnte an logisches Denken, und die Gemeinsamkeit der zahlreichen
Religionsübungen entwickelte im Verein mit der Abgeschlossenheit des
Juden gegen die ihn umgebende christliche Welt den Familiensinn zu einer
Innigkeit, wie kaum je bei einem anderen Volke. Ergreifend ist die
Schilderung der auf Befehl Kaiser Nikolaus I. erfolgten Zerstörung des
Heimatsortes der Verfasserin, der Stadt Brest in Lithauen, an deren
Stelle eine Festung erbaut werden sollte. Selbst die Toten mußten ihre
letzte Ruhestätte verlassen. Im Jahre 1838 kam es wie die erste Ahnung
einer neuen Zeit über das in Unwissenheit und strengem Formelglauben
dahinlebende Volk, als die russische Regierung die Schulen einer
gründlichen Reform unterzog und mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung
unter den Juden zu verbreiten, den Minister der Volksbildung und den
Gelehrten Dr. phil. Lilienthal betraute. Zu dem Wert und Reiz des Buches
trägt die Darstellung nicht wenig bei. Schlicht und einfach, ohne
rethorischen Aufputz, ohne besonderes Pathos schreibt die Verfasserin
Gebräuche und Einrichtungen, jedoch besitzt sie in hohem Grade die Gabe,
Erlebtes anschaulich zu machen und auch den fernstehenden Leser lebhaft
zu interessieren.
=Frankfurter Zeitung.=
Die Verfasserin, deren Jugend in die dreißiger und vierziger Jahre des
verflossenen Jahrhunderts fällt, entwirft ein sehr anschauliches Bild
vom Leben und Treiben in einer streng gläubigen, jüdischen Familie, die
zu den wohlhabendsten in der Stadt Brest-Litowsk zählte. Schon nach
Durchsicht der ersten Seiten wird einem der Eindruck zuteil, daß man
es mit einer photographisch treuen, dabei künstlerisch abgerundeten
Wiedergabe des Geschauten und Erlebten zu tun hat, daß, mit einem
Wort, ein kulturhistorisches Dokument vorliegt. Solche Bücher sind
immer lesenswert. In diesem Falle kommt noch das Spezialinteresse
hinzu, welches die bis in die feinsten Details gehenden, dabei
keineswegs ermüdenden Schilderungen der religiösen Gebräuche der
lithauischen Juden, den Religionsgenossen der Verfasserin, darbieten
können. Bedeutungsvoll ist das Kapitel, welches vom Beginn der
Aufklärungsperiode unter den russischen Juden handelt. Wie anderwärts,
so auch hier hat die Emanzipation der Geister neben mancherlei Freuden
auch ihre Leiden mit sich gebracht. Die Aufklärung hat, wie Dr.
Karpeles in seinem Geleitwort sagt, »die Nebel, die bis dahin über
dem russischen Judentum lagerten, durchbrochen,« sie hat aber auch
die Juden, die bis dahin, gleichsam wie auf einer Insel inmitten des
slawischen Völkerozeans eine Sonderexistenz führten, in Berührung mit
feindlichen und häufig moralisch minderwertigen Elementen gebracht.
Im zweiten Bande, der hoffentlich bald dem ersten nachfolgen wird,
erfahren wir vielleicht einiges darüber.
=Die Zeit.= Wien.
»La Russie se recueille«, »Rußland sammelt sich«, hat bekanntlich
Gortschakow nach dem Krimkriege gesagt. Dasselbe kann man vom Judentum
sagen, seitdem es von allen Seiten aus der Oeffentlichkeit verdrängt
ist. Zwar finden die reichen Juden noch immer Eingang in
aristokratischen Kreisen, wenn man ihr Geld braucht, und man läßt sich
sogar auf eine Mesallianz mit ihnen ein, wenn es gilt, ein verblaßtes
Adelswappen frisch zu vergolden. Auch lassen sich »freisinnige« Deutsche
die Stimmen der Juden bei den Wahlen gefallen. Aber es heißt doch auf
der ganzen Linie: »Grüß mich nicht unter den Linden!« Der Rückschlag
dieser Verdrängung äußert sich bei den Juden in ihrer Besinnung auf sich
selbst, in verstärkter Pflege ihrer Memoirenliteratur und vermehrter
Schilderung der Vergangenheit des Judentums, besonders seines
Innenlebens. Eine solche Schilderung liegt in den »Memoiren einer
Großmutter« vor. Es ist ein liebenswürdiges Buch, das die Häuslichkeit
und Lebensführung eines wohlhabenden russischen Juden in Brest aus dem
ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in anspruchsloser Weise
beschreibt. Über dem Hauswesen lagert der Hauch patriarchalischer
Frömmigkeit und angestammter Sitte. Von Sabbat zu Sabbat, von Festtag zu
Festtag übersteigen die Hausgenossen wie auf Brücken die Mühseligkeiten
und Beschwerden der Arbeitstage und erhalten sich in gehobener
Stimmung, die in der Innigkeit des Ehe- und Familienlebens, in strenger
Kinderzucht, in der Gastlichkeit und Wohltätigkeit zum Ausdruck kommt.
Es entfaltet sich hier ein Reichtum an geistigen Anregungen und
sittlichen Befriedigungen, der wohl imstande war, für manche bittere
Erfahrung zu entschädigen. Auch an Seelenkämpfen fehlt es nicht, die
durch den Eintritt deutscher Bildungsversuche und die veränderte
Kleidertracht herbeigeführt wurden. Die fesselnde Schilderung macht das
Buch zu einer ebenso anregenden wie belehrenden Lektüre.
Wien. Oberrabbiner Dr. M. -=Güdemann=-.
=Pester Lloyd.=
»Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und
mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese
Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in
der stillen Dämmerung ihres einsamen Lebensabends schlicht erzählt, was
sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.« Wahrlich, jeder
Versuch einer sachlichen Kritik und Würdigung dieses Buches wäre eine
Blasphemie. Solange wir unter dem Banne der Lektüre stehen, kommt uns
die Erwägung gar nicht in den Sinn, ob diese Blätter vom rein
künstlerischen Standpunkt aus überhaupt eine literarische
Existenzberechtigung haben, und selbst wenn wir das Buch schon lange aus
der Hand gelegt, empfinden wir nur das Gefühl verehrungsvoller
Dankbarkeit für diese feinsinnige Großmutter, die uns so großmütig aus
dem reichen Schatz ihrer abgeklärten Lebenserfahrungen teilnehmen läßt.
Mit liebevollen, behutsamen Frauenhänden entrollt Pauline Wengeroff
heitere und ernste, aber immer gleich farbenprächtige Genrebildchen aus
dem jüdischen Familienleben; Bilder, von denen jedes einzelne durch
seinen eigenartigen strengen Reiz unser Herz gefangen nimmt, die aber
dann in ihrer Gesamtheit sich zu einem imposanten Kulturgemälde runden.
Was die temperamentvolle Greisin da von Emanzipation der lithauischen
Juden erzählt, mutet uns wirklich an wie ein Märchen aus Großmütterchens
liebem Plaudermunde; aber ein ganz modernes Märchen, vom
schicksalsschwangeren Feuergeiste unserer Zeit durchweht. Mit
zauberhafter Geschwindigkeit verdrängt die Morgenröte einer neuen Epoche
die Nebel des Ghetto. Manch liebliches Bild, das nur im Dämmer gedeihen
konnte, muß der unbarmherzigen Helle weichen. Aber wie zahlreich auch
die Opfer der Übergangszeit gewesen sein mögen, der Platz an der Sonne
war den Juden damit nicht zu teuer erkauft. Schmerzlich süß muß es für
diese Großmutter sein, in diesen freud- und leidvollen Erinnerungen zu
wühlen. Wahrhaft heroisch ist es jedenfalls, diese zarten Herzensblüten
vor der großen, blasierten Menge auszubreiten. Aber wenn auch nur wenige
sich finden sollten, denen aus diesen vergilbten Blättern erquickender
Duft bis ins tiefste Gemüt dringt, so werden diese wenigen um so
gespannter der weiteren Plaudereien der Großmutter harren.
=Tägliches Unterhaltungsblatt der Posener Neuesten Nachrichten.=
Den bisher ganz vereinzelten Memoirenwerken der jüdischen Literatur
reiht sich hier ein Werk an, das uns einen tiefen, charakteristischen
Einblick in die große Übergangszeit der Aufklärungsperiode unter den
Juden Lithauens gestattet. Pauline Wengeroff ist eine der ersten, die
uns diesen Kulturschatz aufzeigt, und sie tut es mit so inniger Liebe
und Pietät, mit so seltener Treue und Wahrhaftigkeit, mit mildem Humor
und feinem psychologischen Takt, daß man mit größtem Interesse ihren
liebenswürdigen Schilderungen folgt. Wenn mau diesen ersten Band gelesen
hat, wird man mit um so lebhafterer Erwartung dem zweiten entgegensehen.
=Unterhaltungsblatt des Fränkischen Kurier.=
Die jüdische Literatur besitzt nur sehr wenige Memoirenwerke. Aus dem
jüdischen Leben in Rußland dürfte nur ein einziges, die »Zapiski
Jewreja« von Gregor Isaakowitsch Bogrow, bekannt sein. Diesem Werke, das
einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben
der Juden in Rußland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnet hat,
schließen sich die Memoiren von Pauline Wengeroff ebenbürtig an. Mit
inniger Liebe und großer Pietät, mit seltener Treue und aufrichtiger
Wahrhaftigkeit, mit einem milden, verklärenden Humor und feinem
psychologischen Takt erzählt sie wichtige Episoden aus einer großen
Übergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden
in Rußland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum
lagerten, zu durchbrechen begann.
=Essener Volkszeitung.=
Es ist ein Buch, das uns in breiter, behaglicher Form das Leben der
Juden in der Stadt Brest in Litauen vorführt. Die Verfasserin blickt
bereits auf siebzig Jahre zurück, und sie hat sogar die Eindrücke aus
ihrer frühesten Kindheit mit bewundernswerter Genauigkeit im Gedächtnis
behalten. Der vorliegende Band schildert die Zeit, wo die Juden noch
ungestört nach ihren alten Sitten und Gebräuchen und in ihrer eigenen
Tracht in Rußland leben konnten, sowie den Anfang des von der Regierung
eingeleiteten Reformwerkes. Eine Menge charakteristischer Einzelzüge aus
dem Leben dieses Volkes finden wir hier mit gewissenhafter Sorgfalt
verzeichnet. Es sind ganz eigenartige kleine Kulturbilder, die auch für
den Forscher von Wert sein werden und in denen nebenbei auch die Kenner
des jüdischen Jargons eine reiche Ausbeute finden werden. Besonders
muten uns die Schilderungen des behaglichen, engumgrenzten
Familienlebens dieser Juden alten Schlages an, dies feste Zusammenhalten
der einzelnen Familienglieder, der Eltern und der Kinder, selbst wenn
diese schon selbst verheiratet waren. Jeder, der den ersten Teil dieser
interessanten und auch in der Form gut abgerundeten Memoiren gelesen
hat, wird der Fortsetzung mit Spannung entgegensehen.
=Breslauer Zeitung.=
Selten haben in kurzer Zeit so mächtige Wandlungen in einer
Bevölkerungsschicht stattgefunden als unter den russischen Juden
Litauens, jahrhundertelang wie bewegungslos, einem Bilde gleich
verharrend, hat ganz plötzlich eine gewaltige Umgestaltung dort Platz
gegriffen und gewitterartig Veränderungen geschaffen. Das Interesse für
dieses Eckchen Unkultur und Kultur ist ein allgemeines geworden, und
insbesondere die Verfolgungen, denen die russischen Juden ausgesetzt
waren, ließen die Augen der ganzen Welt sich nach jenen Gegenden
richten. Da interessiert es denn besonders, wenn ein Buch uns mit
Schilderungen bekannt macht, die noch von keinem Hauche der Neuzeit
berührt wurden, und doch finden wir dort eine Fülle von interessanten
Tatsachen, von Phantasie, dichterischer Begabung, eigenartiger Bildung
und sonderlicher Zustände. Man wird deshalb mit großem Interesse das
Buch »Memoiren einer Großmutter« lesen und es gleich einem interessanten
alten Bilde auf sich wirken lassen.
=Ost und West, Berlin.=
Ein Buch der Erinnerungen. Wir haben diese stillen Dämmerstunden der
sabbatlichen Nachmittage alle selbst erlebt. Und glühend haben unsere
Kinderaugen zur Großmutter geblickt und Großmutters Träume zogen wie
wundersame Helden-Scharen in unsere Seelen ein.
Nicht als Erlebnis: -- als Traumgebilde voll blasser, milder Farben,
voll schwermütigen Dämmerglanzes knüpft sich das Einst an das Heute. Und
so erscheint uns das Einst immer so reich an Frieden, selbst wenn es
noch so stürmisch war und die blaue Blume der Romantik blüht auf der
Stätte, die eines Ahnen Fuß beschritt...
Eine Großmutter erzählt von altem Leben und eine Welt der Stille,
idyllischer Enge und einer die Seelen befreienden Gebundenheit steigt
vor uns auf. Aber sie würde wieder versinken. Die Enkel wachsen heran
und von Großmutters Erzählungen bleibt nur süße körperlose Erinnerung.
Das Wort verfliegt. Die Melodie nur bleibt. Akkorde, --
Ein sabbatlicher Spätnachmittag... Heimlich und verstohlen gleiten
scheue Sonnenstrahlen durch das dichte Netzwerk der Gardinen und
zeichnen matthelle, seltsam verästelte, verschlungene Linien auf den
dunklen Eßtisch.
In einem Winkel sitzt Großmutter in ihrem Lehnstuhl, und die Enkel
drängen sich an sie, und die Dämmerung hüllt sie mit dunkeldichtem
Schleier ein...
Großmutter erzählt von fernen Tagen; von Menschen, die ferne sind, weit,
weit, wo Gottes stille Himmel liegen; von einem Leben, das längst
erstorben.
Großmutter erzählt: Ein süßes Behagen läßt jedes Wort aufquellen; selige
Erinnerungen steigen lächelnd auf; und eine milde Trauer flutet weich um
die versunkene Vergangenheit und dämpft die Worte zu stiller Ergebung.
Großmutter erzählt: Und Seufzer schleichen durch das Dunkel. Und die
Kinder lauschen und lauschen. Es ist wie ein Märchen...
Es fehlt den Juden nicht der Sinn für einstiges Geschehen. Der Zwang der
Tage, das Joch des Heute hielt nur immer die Seelen gefesselt. Die
Großmütter, die in den engen Stübchen ihre Gebete flüstern, hüteten --
frei von der Frohnde des Daseinskampfes -- den Schatz der Erinnerungen.
Und hätten sie alle nur die Erzählungen aufgeschrieben, denen im Dämmer
sabbatlicher Nachmittage ihre Enkel gelauscht, die Geschichte unseres
Volkes läge vor uns, festgefügt und durchglüht von einem
Stimmungszauber, den niemals ein Historiker wird ahnen lassen können.
Das Wort war behende. Doch die Hand war schwach und welk... Und so trug
der Tod zugleich mit den Hütern der Vergangenheit die Vergangenheit ins
Grab. Nicht was einst war und was einst geschah, bildet den intimen Reiz
der Geschichte. Das mag die Sorge des hockenden Chronisten sein, der wie
ein geiziger Wucherer die Einzelstücke aneinanderreiht und aufeinander
schichtet. In den Geschehnissen und Menschenschicksalen suchen wir das
Einzelschicksal. Wir kennen wohl die Wirkungen großer Ereignisse als
kompakte Größen; und der Philosoph wird aus diesen Werten den Weg der
Geschichte, die Richtung der Entwicklung, aus der Verworrenheit der
wirksamen Faktoren die Gesetzmäßigkeit, aus allen Brutalitäten ringender
Mächte den Sinn, den Geist der Geschichte ableiten. Aber verhüllt sind
uns die einzelnen kleinen Komponenten der geschichtsschreibenden Kräfte:
wie der einzelne Mensch die Geschichte beeinflußt und wie er von der
Geschichtsentwicklung beeinflußt wird. Denn ein Nehmender und Gebender,
zugleich Schöpfer und Geschöpf, Baumeister und Baustein, Subjekt und
Objekt der Geschichte ist das Individuum. In diese wundersame Gewalt des
Werdens, des Wandelns, der ewigen Umformung läßt uns die mikroskopische
Geschichtsforschung blicken. Diese »Andacht zum Kleinen« -- wie Grimm
sie genannt -- schafft und verinnerlicht die Weihe für den wuchtigen
Schritt Gottes in der Geschichte. Die Sonne spiegelt sich in den
kleinsten Tautropfen und gigantischen Epochen der Vergangenheit in der
Seele des niedrigsten Zeitgenossen. Aus diesen Erkenntnissen ist
allmählich der Sinn für die Familienforschung erstanden, das Interesse
für den Briefwechsel zwischen Menschen früherer Geschlechter, die Lust
an Memoirenwerken ... »Großmutter erzählt...«
Das neuere jüdische Schrifttum ist arm an solchen nachdenklichen
Erinnerungen und es kann wohl nicht anders sein. Familienforschung! Wie
kann Familienforschung den Spürsinn regen, wo in unserer Gemeinschaft
ängstliche Scheu die Kette der Geschlechter zerbrechen möchte? Ein jeder
möchte ein Autochthone sein -- gewachsen aus der Erde, geworden durch
eigene Kraft. Wir haben noch nicht den Mut, von der geduldigen
Märtyrerkraft unserer Ahnen zu sprechen, noch nicht den Sinn, die stille
Schönheit ihres engen Seins zu rühmen. Wer möchte das Leben seines
Urahns erforschen, der mit dem Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf
keuchte, mit alten Kleidern handelte -- und doch ein ganzer Mensch war:
unbarmherzig gegen sich, weil das Wissen um Gottes Barmherzigkeit in ihm
war... Wir haben noch nicht die Kraft der festwurzelnden Persönlichkeit,
den billigen Witz zu verachten, den der Tor über das armselige,
erzwungene äußere Leben unserer Ahnen machen könnte. Wir wagen noch
nicht laut zu sagen, daß sie nur Knechte schienen und freie Menschen
waren, die in Not und Wanderelend danach rangen, würdig zu werden der
Gnade, im Ebenbilde Gottes erschaffen zu sein. Wir haben uns noch nicht
emanzipiert von dem Hochmut der eben erst bürgerlich Emanzipierten, über
Sitte und Brauch unserer Ahnen, über ihre Vorstellungen und Gedanken zu
lächeln. Wir haben die Phrase noch nicht überwunden -- die Phrase, die
unsere ganze Armut bloslegt: Moderne Menschen. Mit dieser Phrase wollen
wir das eiserne Band zerhauen, das uns an die Ahnen schmiedet. Bilden
wir uns ein -- und ist doch ein Strohhalm in der Hand eines Kindes.
»Großmutter erzählt.« Von ihrer Welt! Wie weit wären wir, könnten wir
erst ohne ängstlich umherblickende Voreingenommenheit mit Großmutter
durch ihre Zeiten wandern. Sie faßt uns gütig an der Hand und führt uns:
ein kleines Städtchen, ein niedriges Häuschen, sogar mit einer richtigen
Vortreppe -- also ein Herrensitz! -- ein paar winklige Gassen, ein
dunkles Cheder -- und da lebt man!
Man lebt da!...
»Ein Jahr im Elternhause.« Wir wandern von Fest zu Fest. Und der graue
Alltag wird licht, weil er eine Vorstufe der Feste ist.
Was ist eigentlich das Ziel unseres Lebens? Der Festtag.
Unser ganzes Leben ist nur ein Warten auf den kommenden Tag der Feier.
Aber unser Warten ist voll Pein und Ungeduld, quälerisch. Unsere
Hoffnung ist wirr und wildtreibend, zermürbend in der Angst des
Verschmachtens auf halbem Wege: Wann kommt uns die Stunde der Feier?
Vielleicht kommt sie uns niemals.
Großmutter lächelt: Ihr Armen. Zunächst freut man sich die ganze Woche
auf den Sabbat. Man braucht sich nicht zu sorgen: Kommt er? Kommt er
nicht?! Er kommt! Kommt der Sabbat, kommt die Ruhe. Und wer den Sabbat
so recht feiert, weiß gar nicht, daß es einen Alltag gibt. Wir heiligen
den Sabbat, glauben wir. Aber der Sabbat heiligt uns. Er weiht unser
Leben und Treiben; und Essen und Trinken wird Gottesdienst. Und so fällt
schon auf den Freitag -- den Torwart der Ruhestunden -- der milde
Abglanz des Sabbats. Die Arbeit am Freitag macht die Hand nicht müde.
Die Erdenlast ist von ihr genommen. Und gute Engel helfen beim Werke.
Darum schmecken die Fische am Freitag abend so köstlich. Sie haben den
Geschmack von -- »jener Welt« selbst wenn Vater sich nicht so besorgt in
der Küche umsähe und die Sauce kostete. Beten, Ruhe und Essen -- dieser
Dreiklang schlingt sich zur Harmonie des Sabbats zusammen. Und wenn der
Tag zur Neige gegangen, begleitet wieder ein Mahl die »Königin Sabbat«
in ihre Heimat.