Beide Gewerbeschulen, die für Knaben und die für Mädchen, existierten

lange Zeit ohne alle Privilegien und Rechte. Doch gelang es uns mit der

Zeit, für beide Schulen gewisse Rechte vom Ministerium für

Volksaufklärung zu erlangen, so das Wohnrecht in Großrußland. Das

Zeugnis, das der Handwerker nach Absolvierung der Schule erhielt, gab

ihm das Recht, in ganz Rußland sein Gewerbe auszuüben. Ich selbst habe

eine Weißnäherinnenprüfung bestanden, als ich nach Jahren das Wohnrecht

in Kiew erlangen wollte.

Von jetzt ab standen unsere Minsker Schulen unter dem Schutz und der

Aufsicht der Direktion der Volksbildung. Die Regierung protegierte diese

Schulen von Anfang an, weil sie durch die Einführung der russischen

Unterrichtssprache auch hier ihre russifizierenden Tendenzen fördern

konnte.

Zehn Jahre nach der Begründung der Mädchenschule veranstalteten wir eine

Ausstellung der von unseren Schülerinnen verfertigten Gegenstände. Das

vornehmste Publikum der Stadt, Juden und Christen, fanden sich ein, und

sogar der Gouverneur, Fürst Trubetzkoi, beehrte uns mit seiner

Gegenwart. -- Es war wieder ein schöner Tag in meinem Leben!

Die Mädchen, vor kurzem noch verarmte, elende, verwilderte Kinder,

standen jetzt in dem festlich geschmückten Ausstellungsraum da, schmuck,

rein, gesund und umgeben von den Höchsten und Vornehmsten der Stadt, die

ihre Arbeiten bewunderten und lobten.

Den Armen und Zurückgesetzten gab unsere Schule die Möglichkeit, redlich

und anständig ihr Brot zu verdienen, sie gab ihnen Gesundheit, Frische,

Jugend und vor allem die menschlichen Rechte. Vielleicht kommt bald der

große Tag wieder, wo die jüdischen »Bal meloches«, Arbeitsleute, auf

gleicher Stufe mit den Gelehrten des Volkes stehen werden. Wie in den

Zeiten unserer Tanaïm und Amoraïm, wo Rabbi Jochanan Schuhmacher, Rabbi

Jizchok und R. Jehuda Schmiede, R. Joseph Zimmermann, R. Schimon Weber,

R. Hillel Holzhauer, R. Hunna Wasserschöpfer, R. Jichah Köhler, R. Jose

und R. Chanina Schuhflicker auf öffentlichem Markt, R. Nehunja

Brunnengräber waren. Ihr Handwerk hinderte sie nicht, talmudische

Vorträge zu halten...

Mit Tränen im Auge sah ich unsere jüdischen Kinder, und eine stille

Freude war in mir, denn ich wußte in diesem Augenblick, daß Gott unsere

Mühe und Arbeit gesegnet hat.

Trotz der großen Geldgaben, der monatlichen Beiträge unserer Mitglieder

und der Erträgnisse der Feste reichten unsere Mittel nicht aus, und wir

arbeiteten mit einem Defizit. Da kam zu uns die Nachricht, daß Baron

Hirsch in seinem Testament mehrere Millionen Rubel für die

Gewerbeschulen der russischen Juden hinterlassen hätte. -- Es

klang wie ein Märchen. Doch bald wurde es Tatsache. Aus Petersburg kam

zu uns ein Bevollmächtigter des Hauptkollegiums der Vertrauensmänner,

und nach Erledigung gewisser Formalitäten erhielten beide Schulen eine

ständige Unterstützung -- jede einige tausend Rubel jährlich --, die bis

auf den heutigen Tag bezahlt wird.

Nach Jahren begegnete ich manchmal fremden jungen Mädchen in der Straße,

die mich mit besonderer Freundlichkeit begrüßten und mit meinem Namen

ansprachen. Als ich sie dann etwas erstaunt nach ihrem Namen fragte,

erhielt ich zur Antwort: »Madame Wengeroff, ich bin doch Riwke oder

Malke usw., aus der Werkstatt --,« und ich brauchte eine gute Weile,

um in dem fast wohlhabend aussehenden Mädchen die kleine zerlumpte,

elende Riwkele zu erkennen!

* * * * *

Der Prozeß der Europäisierung der jüdisch-russischen Massen ist, so sehr

er auch das alte Gefüge des Gettos zerstörte und bei den Schwachen und

Widerstandslosen eine vollkommene Zerrüttung herbeiführte, im

wesentlichen doch nur als ein Umwandlungsprozeß zu betrachten. Wie

konnte es auch anders sein! Ein Geist, der seit Jahrhunderten in die

straffe Zucht des Talmuds genommen war, der über den Alltag hinaus nach

dem höheren Gesetz strebte, der in höchster Anspannung zwischen Recht

und Unrecht zu scheiden sich geübt hatte; ein Gefühlsleben, das sich in

milden, verklärten und sinnigen Gebräuchen ausgelebt und in den stillen

Gärten der Haggadah von der Herbheit des Alltags seine Erholung gefunden

hatte --: der Reichtum dieser psychischen Werte konnte unmöglich durch

die neue Bildung einfach verschüttet werden. Im Blute liegende Kultur,

verfeinert und höher gezüchtet durch die Jahrhunderte, suchte und fand

ein neues Gebiet ihrer Betätigung, eine neue Heimat in der Kunst.

Freilich waren es nur wenige, die Bildner von starker Qualität wurden.

Aber die Tausende und Abertausende junger Schriftsteller, die um die

sechziger Jahre zum Lichte drängten, die vielen Empfinder, Nachempfinder

und Genießer all der künstlerischen Schöpfungen Europas bewiesen immer

nur das eine: daß wohl das Gebiet des persönlichsten, leidenschaftlichen

Interesses ein anderes geworden war; daß aber die seelischen Antriebe

die gleichen waren wie seit Jahrhunderten. Wer die Dinge in dieser

Auffassung sieht, dem werden sich Erscheinungen wie Antokolski nicht

mehr als Wunder darstellen. Künstler gab es eben immer im Getto. Es

mußte aber eine geistige Freiheit kommen, um den Schöpferwillen zu

entbinden, die Knebel von den Händen zu lösen. Antokolski war der Sohn

eines armen Schankwirtes aus dem Vororte Antokol bei Wilna. Schon früh

war seine ungewöhnliche Begabung aufgefallen. Er schnitzte Holzfiguren,

machte Siegel, deren Griffe allerlei Gestalten wiedergaben. Noch als

kleiner Junge schnitzte er in eine Brosche aus Bernstein die Ganzfigur

des Generalgouverneurs Nasimow, die sprechend ähnlich war, obwohl der

Knabe den Gouverneur nur mehrmals flüchtig von der Ferne gesehen hatte.

Aufsehen erregte eine Holzschnitzerei, die die Überraschung einer

Marannenfamilie in einem Keller beim Szederabend darstellte. Die ganze

Tragik dieser Situation war festgehalten. Der Tisch war umgestürzt, die

Haggadahs, das Geschirr, die Leuchter, die Kerzen, Weinflaschen alles

wirr durcheinandergeworfen. In einem Winkel standen die Männer

aneinandergepreßt. An eine Wand war eine Frau gelehnt, einen Säugling

auf dem Arm haltend. Man fühlte, daß sie nicht zu atmen wagte.

Es war klar, daß dieses ungewöhnliche Talent im Getto verkümmern mußte,

wie so viele dort verkümmert waren. Da nahm sich ein Herr Gerstein in

Wilna des jungen Mannes an und verschaffte ihm, als er heranwuchs, die

Möglichkeit, nach Petersburg zu gehen. Das war eine lange Reise auf

einem Leiterwagen. Brot und Hering waren des Jünglings einzige Nahrung.

In Petersburg wurde der berühmte Schriftsteller Turgenjew auf ihn

aufmerksam, der ihn zu sich heraufzog, ihm die Bildung seiner Zeit

vermittelte und ihm den Weg zu den einflußreichen Männern der Stadt

ebnete. Ich hatte das große Glück, den jungen Meister kennen zu lernen,

als er an seinem gewaltigen Werke, Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche,

arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den

akademischen Rat um Gewährung eines größeren Ateliers gewandt. Aber ihm

wurde nur eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer

schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mußte sich mit dem schlecht

erhellten niedrigen Raume bescheiden. Aber das Werk wuchs und wuchs. Und

alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich denke noch heute jener

fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes

packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war, hatte mir

den Zutritt zu seinem Atelier ermöglicht. Das Werk war noch im

Tonmodell. Aber mir war, als stand ich nicht vor einem toten Gebilde,

sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die großen

Gedanken werden, die rücksichtslos auf ein Ziel lossteuern. Beide Arme

waren auf die Sessellehnen gestützt, so daß man glaubte, daß Iwan jetzt

aufspringen müßte; die Bibel, die auf seinen Knien liegt, würde

herabgleiten, und bald würde seine machtvolle Hand die Paliza, den

adlergeschmückten Stab erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnick

(Gardist) durch Stiefel und Fuß jagen.

Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Rußland

gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis

schließlich das Gerücht von diesem Werke bis zu Kaiser Alexander II.

kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stümpern der

Schrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Künstler, das Modell in

einen größeren Raum bringen zu lassen. Denn sie fürchteten, der Kaiser

könnte ahnen, wie engherzig sie den jungen Künstler behandelt hatten.

Antokolski lehnte ab. Angeblich, weil er sein Modell nicht gefährden

wollte. Auf der schmalen Treppe könnte es beschädigt werden. Aber auch

sein Künstlerstolz bäumte sich auf. Sollte doch der Kaiser sehen, daß

Großes auch im Niedrigen wachsen könnte. So wurde denn die Treppe hastig

mit echten Teppichen belegt und mit exotischen Pflanzen geschmückt. Der

Kaiser fühlte sich zwar auf diesen labyrinthischen Wegen, deren Ausgang

man nicht recht sah, unbehaglich. Aber als er in die Mansarde des

Künstlers trat, riß ihn das Werk in den Bann. Er reichte dem Künstler

die Hand, lobte ihn und dankte ihm. Bald darauf erhielt Antokolski den

Titel Professor.

* * * * *

Ungleich größer war die Zahl der reproduzierenden Künstler. Die Musik

war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Kleßmorim nicht nach

Noten spielen, aber in ihr ungefüges, wildes Spiel legten sie ihre ganze

Seele. Und sie wußten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik

studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die

letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und

-- Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer

Chason -- und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe

wanderten -- war ein Ereignis. Er stillte auch jene Bedürfnisse, denen

heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour

der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen

»Grammen« die Zuhörer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch

auch ein Künstler. Verfolgt man die große Schar der ausübenden Musiker,

die jetzt die ganze Welt überschwemmen, und weiß man die verdrehten

Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Kleßmorim,

Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt

Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier

erzählen. Die Geschichte ist eben typisch.

* * * * *

Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei

Jungen, von denen der ältere sieben, der jüngere sechs Jahre zählte, zu

mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: »Das sind die

Kinder von Badchen Fidelmann« vorstellte. Es waren blasse, magere

Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen

anblinzelten. »Ich möchte, daß sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch

spielen hören, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse für sie zu

gewinnen.« »Gut,« sagte ich, »ich werde mein Möglichstes tun.«

Unterdessen lief der ältere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei

kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine,

polnische Lieder und Tänze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der

ältere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich

horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende

war. Nun begann der Jüngere mit Eifer zu spielen -- seine Äuglein

funkelten, seine Gesichtszüge belebten sich, und ich folgte ergriffen

den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein

ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prüfung war beendet. Ich sagte Herrn

F., daß ich und meine Freunde für das Unterrichtshonorar -- monatlich

acht Rubel -- gutsagen würden. Somit wurden die Kinder in Frieden

entlassen, um schon am nächsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den

sie hatten abbrechen müssen, da der Lehrer ein größeres Honorar

verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte

bei dem Jüngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten

eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Außer der Musik ließ ich sie bei

dem jüdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen

unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine

Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prüfungen

zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich für das Spiel des Kleinen zu

interessieren.

Es pflegte oft zu geschehen, daß der Kleine den Korb mit Lebensmitteln

zu mir in die Küche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte,

ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht

unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. »Ich hoffe zu

Gott,« sagte ich, »daß du ein großer, berühmter Mann werden und in

Kutschen fahren wirst und will nicht, daß jemand dich mit dein Korbe

sieht.« Er antwortete: »Für Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.«

Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer

ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab,

beschloß ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich

schrieb an meine Schwester, Exzellenz Sack, sie möge sich des Knaben,

von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzählt

hatte, annehmen.

Es mußte Geld für die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in

Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch

mein Schützling Ruwinke, später »Roman Alexandrowitsch« auftrat. Das

Konzert hatte den gewünschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner

Abreise.

An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er

erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten

Protektor, über die er sich ganz närrisch freute.

Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glück seiner alten

Mutter und all seiner Gönner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn

auch, bald über seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten,

worauf er naiv sagte: »Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen?« Ich

gab ihm einen Rubel für Briefmarken. -- Er hat ihn für diesen Zweck

nicht verwendet.

Durch Vermittlung meiner Schwester und die Fürsprache Anton Rubinsteins

erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und

unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse

von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange,

bis er seiner Militärpflicht zu genügen hatte. Vorher mußte er noch eine

Gymnasialprüfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei

dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; für

seine übrigen Lebensbedürfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk,

in deren Häusern er oft mit großer Anerkennung spielte. Er trat in das

vornehmste Gardekürassierregiment ein und trug die malerische Uniform,

den reich mit Tressen besetzten Hut. Man räumte ihm zwei Zimmer in der

Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit

Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel

die Herzen der Obrigkeit. Um seinen täglichen Übungen zuzuhören, kamen

die höchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu

zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.

Zur selben Zeit besuchte ein französisches Orchester Petersburg und gab

seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach

Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als

erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militärdienste, in der

glänzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Präsidenten Carnot mit

großem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er

beendigte sein Studium im Konservatorium. Während der Militärzeit

konzertierte er in Petersburg, Düsseldorf und Berlin.

Der Tod meines Mannes.

Leise und tückisch schlich sich das Gespenst des Todes an unser Heim

heran. Mein Mann fühlte sich von Tag zu Tag schlechter. Es stellte sich

bei ihm ein Herzleiden ein, das die Aufregung im Geschäft nur immer

verschlimmerte. Er sollte nicht mehr lange unter den Lebenden weilen.

Aber ich ahnte damals noch nicht, -=wie=- nahe sein Ende war.

In den letzten Jahren seines Lebens wurde er still, milde und verfiel in

die mystische Stimmung der Jugendzeit, da er sich in die Lehren der

Kabbala vertiefte. Ich fühlte, wie er mich beneidete, daß ich mir durch

alle Stürme unseres Lebens mein gläubiges Gemüt erhalten hatte --

Er empfand die mystischen Regungen aber dennoch als eine Schwäche. Und

er schämte sich ihrer im Stillen. Mich ließ er jetzt gewähren und hatte

keinen Hohn mehr für meine religiöse Auffassung und mein Tun. Ja es kam

sogar vor, daß er an Feiertagen -- er selbst ging nicht beten -- zu mir

in die Synagoge kam, um, wie er sich verlegen entschuldigte, nach mir zu

sehen -- Seine Besuche hatten aber eine tiefere Ursache: es war

ein Zwang der Seele, der ihn ins Bethaus trieb. Die Atmosphäre der

feierlich versammelten betenden Juden zog ihn an.

Er kam ins Schwanken. Die einmal eingeführte Lebensweise mochte er nicht

ändern. Die Jugenderinnerungen wurden aber doch immer mächtiger, immer

stärker und schlugen ihn in Bande. Die Tradition, die ihm im Blute lag,

war eben doch stärker als aller moderne Sturm und Drang...

Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz

unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen

geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt

sich mit allen und spielte den liebenswürdigen Wirt. Es war schon spät

in der Nacht, als die Gäste unser Haus verließen. Plötzlich, wie

aufgewühlt von einem großen Schmerz, rang mein Mann die Hände und rief:

»Ach, sechzig jüdische Kinder saßen hier beieinander und aßen treife!«

Und so erfüllte sich die Prophezeiung meiner Mutter! -- Diese Stimmung

gewann wieder Macht über viele Männer dieser Generation. Denn in den

heiligen Stunden, da sie sich selbst zu offenbaren wagten, fühlten sie

den Riß, der durch ihre Seele ging. Der Rausch verflog, die Erinnerungen

der Jugend rieben sich den Schlaf aus den Augen und heischten

schmeichlerisch ihr Recht. Das Alte nahm sie gefangen. Die neue Zeit

lockte.

Mein Mann wurde immer stiller und einsamer. Die einzige Leidenschaft

seiner letzten Lebensjahre war die Pflege der Blumen, die er mit

väterlicher Sorge betreute. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich

auch gern mit der Holzschnitzerei und Kupferstecherei. Aber das tat

seinen Lungen nicht gut.

Bis zum letzten Augenblick seines Lebens vertrat er die Interessen

seiner Stammesgenossen. Sein Eifer kannte keine Grenzen, wenn es galt,

ihnen zu helfen, irgend etwas Nützliches für sie durchzuführen. Da half

nicht mein Warnen und Flehen. Er arbeitete dann ohne Rücksicht auf den

bedrohlichen Zustand seiner Gesundheit. Jedes jüdische Ungemach traf ihn

wie ein eigenes. Und ein Unrecht, das anderen mehr als ihm galt, gab ihm

den Tod.

Der Bürgermeister der Stadt Minsk war damals der Graf Czapski, ein

vornehmer, gebildeter Mann von echt europäischer Kultur, dessen einziges

Ziel es war, Minsk zu europäisieren. So führte er die Straßenbahn ein,

ließ ein prächtiges Schlachthaus bauen, die Straßen pflastern u. a. m.

Er gab Hunderttausende Rubel für diese Zwecke aus -- nicht nur vom

Gemeindegeld, sondern er legte auch große Summen aus seiner eigenen

Tasche zu. Für seine eigene Person war er einfach und sparsam. Sein

Essen und seine Kleidung waren schlicht, ja dürftig. Doch rechnete Graf

Cz. bei der Ausführung seiner großen Pläne nicht mit den Mitteln der

Bürgerschaft, die in der Mehrheit arme Leute waren und die Ausgaben

nicht tragen konnten. Das Resultat seines Eifers war eine städtische

Schuld von 200 000 Rubeln, und diese sollten selbstverständlich die

Bürger begleichen. Es war eine überschwere Last, die vor allem den Juden

aufgebürdet wurde. Mein Mann hielt es für eine Ehrenpflicht, gegen

dieses Ansinnen anzukämpfen.

Er arbeitete genaue Aufstellungen für die Ausgaben der letzten Jahre

aus, die seine Ausführungen stützen sollten. So ausgerüstet begab er

sich in die letzte Sitzung der Stadtduma -- deren Mitglied er seit 12

Jahren war. Trotz meiner Beschwörungen und verzweifelten Bitten!

Mein Mann hielt eine zweistündige Rede, die einen starken Eindruck

machte. Sie wurde in den Blättern abgedruckt und war das Tagesgespräch

in der Stadt. Aber schon am folgenden Tage brach er zusammen.

Am dritten Tage -- es war ein Freitag -- ging mein Mann zum letztenmal

in die Bank, kam aber bald zurück und ließ unseren Hausarzt holen. Der

Arzt beruhigte uns, daß es nur eine vorübergehende Schwäche sei. Zwar

ahnte ich das Furchtbare schon, doch ließ ich mich gern täuschen.

Mein Mann teilte mir mit, daß er zum Abendessen einen Geschäftsfreund

eingeladen hätte und bat mich, gute jüdische Fische vorzubereiten. Der

Abend verlief sehr gemütlich, die Kinder spielten auf Vaters Wunsch

Klavier und Cello. Die eleganten Räume waren festlich erleuchtet und

zum letzten Male herrschte in unserem Heim Sabbathstimmung.

Aber mein armer Mann hatte keine Ruhe, es hielt ihn nicht auf seinem

Platze. Er sprang auf und ging hastig in der Wohnung herum.

Er sah auf die spielenden Kinder, auf die schönen Räume, und ich merkte,

daß in aller Unrast ein Hauch des Glückes über seine flammenden Wangen

strich. -- Gott hatte ihm noch eine frohe Stunde vor seinem Hinscheiden

gegönnt.

Der Gast nahm Abschied von uns und lud mich ein, mit den Kindern zu ihm

nach Libau zu kommen.

Mein Mann begab sich, von seinem Diener begleitet, sofort in sein

Schlafzimmer. Die Kinder gingen zur Ruhe. Im Hause wurde es still. Nur

ich allein war noch im Eßzimmer beschäftigt.

Plötzlich ertönte schrill die Klingel aus dem Zimmer meines Mannes.

-- Das war die Glocke, die den kommenden Sturm ankündigte, der unser

ganzes bisheriges Leben zerstören und uns für immer zerstreuen sollte

--.

Ich eilte in das Schlafzimmer und fand meinen Mann schon sehr verändert.

Der Arzt kam, verordnete Medikamente und tröstete uns, so gut er es nur

vermochte. Doch blieb er gemeinsam mit mir die ganze Nacht am

Krankenbett. Mein Mann war unruhig, erwachte jeden Augenblick von seinem

Schlummer, und jedesmal, wenn er mich noch am Bette wachen sah, bat er

mich, zur Ruhe zu gehen: »Schone dich, erhalte du dich wenigstens gesund

für die Kinder...«

Morgens fühlte sich der Kranke erheblich besser und verlangte

aufzustehen. Er kleidete sich an, trank seinen Tee, ging in sein

Arbeitszimmer, las in einem Buche und erteilte sogar einem

Bankprokuristen Anordnungen.

Und wieder schlich sich die Hoffnung in mein verzweifeltes Herz --

doch die verhängnisvolle Stunde näherte sich immer mehr und mehr. Mein

Mann fing von neuem zu klagen an. Die Unruhe in ihm erreichte den

Höhepunkt. Bald saß er, bald legte er sich wieder hin, um sich nach

einem Augenblick wieder hastig zu erheben. Die Uhr schlug sechs. --

Die entsetzlichste Stunde meines Lebens. Es war an einem Samstag, 18.

April 1892. Ich war neben meinem Mann, der sich auf ein Sopha

niedergesetzt hatte. Ängstlich schaute ich ihm ins Gesicht, und mit

quälender Sorge beobachtete ich die winzigsten Veränderungen seiner

Züge. Das regte ihn auf, und er ließ meine Fragen unbeantwortet. Ich goß

ihm Tee auf die Untertasse, von dem er einen Schluck zu sich nahm.

So saßen wir noch etwa fünfzehn Minuten nebeneinander, als er plötzlich

die Augen voll Schrecken weit aufriß, den Atem schwer durch Mund und

Nase einzog und den Kopf in den Nacken warf. Die Kräfte versagten ihm.

Er fiel zurück und blieb bewegungslos liegen.

Es wurde ganz still -- einen Augenblick herrschte im Zimmer jene

entsetzliche Ruhe, die entsteht, wenn Tausende Stimmen aus Verzweiflung

und in grenzenlosem Schmerz verstummen.

Halb wahnsinnig warf ich mich schluchzend über meinen Mann. Ich hielt

seinen Kopf in beiden Händen. Seine Augen waren schon geschlossen. Ich

rief laut seinen Namen. Mein ganzes Herz, meine ganze Liebe, alle

unsere lieben Erinnerungen legte ich in diesen Ruf. Ich glaubte, er

müßte ihn noch einmal wecken. Noch einmal sollten seine Augen auf mir

ruhen, bevor er sie für ewig schloß. Und er blickte auf. Aber es waren

nicht mehr die Augen meines geliebten Mannes. Verschwommen, glanzlos,

fremd war sein Blick, als ob er von weither käme, von dort vielleicht,

woher man nicht mehr zurückkehrt.

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 13 / 15 段