Es singt in allen Festen die gleiche Melodie -- nur die Tonart wechselt

und der Rhythmus. Am Chanuka läßt uns Großmutter die Reise durch das

ganze Jahr beginnen. Mit den Latkes -- den Honigflinsen -- fängt sie an.

Mit dem Pflichträuschchen am Simchas-thora hört sie auf. Zwischen Lust

und Trauer pendelt das Leben hin. Wenn die Trauer die Seele gar zu fest

zu umschnüren droht, löst ein Festtag die Schlingen. Und ein Trauertag

dämmt die über die Borde schlagende Fröhlichkeit ein. Nicht

kalendarisch-äußerlich gehalten, sondern in ihrem spezifischen Charakter

hingenommen, nach ihrem Stimmungsgehalt gelebt, nach ihren gedanklichen

Inhalten begriffen -- wirken die jüdischen Feste wie ein Regulator

menschlichen Treibens. Sie lösen die Verworrenheit unseres Seins in

geruhige Harmonien auf und gleichen das stürmische Auf und Nieder aus

zum Wellenschlag eines friedlich hingleitenden Lebens. Und wundersam

haben sich Sitte und Brauch dem Sinn der Feste angeschmiegt.

Großmutter Wengeroff hat in ihren Memoiren, -- »dem Ben-Sekunim«, dem

Kind des Greisenalters -- mit unendlicher Liebe den Kranz der vielen

Bräuche zusammengewunden, die die Feste schmücken und -- ihr Werk. Wenn

einmal die alte Formensprache unserer Volkssitten verstummt sein sollte,

wird der Ethnologe und Kulturhistoriker nach diesen Blättern das Leben

der Juden in alten Tagen wieder aufbauen können. Der häusliche Herd --

der in der Küche steht -- ist der Mittelpunkt der Familie. Was dort

brodelt und kocht, dient nicht gedankenloser Genußsucht und Völlerei.

Die Hausfrau beginnt ihre Arbeit nicht, eh daß sie ein Gebet gesprochen

und ein Opfer dargebracht hat. Die Speisen sind den Festen angepaßt und

alle Zutaten sind zugleich -- Symbole! Speise und Trank, die den Körper

kräftigen sollen, damit die Seele ungehemmt von irdischer Schwere ihren

Flug in die Höhe nehmen kann, sind selbst nur -- beseelte Materie. Sie

sind geweiht. Und wenn die Hausfrau nicht fast erdrückt wurde von der

Fülle der Sorgen, der Pflichten, der religiösen Gebote und der

Subtilitäten, die der Brauch zum Zwange gesetzlicher Vorschriften

erhoben hat, so konnte nur der Gedanke, mit all der peinlichen Arbeit

höheren Zwecken, ja dem höchsten Zwecke zu dienen, die Last heiligen und

adeln -- und aus der Sphäre des ermattend Körperlichen hinaus -- und

emporrücken.

In dieser in Gott und Judentum zentrierten Welt kann schlaffe

Bequemlichkeit nicht hemmend in den Weg der Pflichten treten. Je

getreulicher die Gebote erfüllt werden, um so leichter wird das Leben

getragen. Je enger der Zaun der Gesetze, um so lichter und freier

schwingt sich die Seele zu Gottes Thron. Und gemeinsam wie der Flug in

die Höhe, rollt sich auch das bürgerliche Leben ab. Der einzelne

versinkt nicht in der Gemeinschaft bis zur Unkenntlichkeit. Sein

individueller Wert wird gesteigert, sein individueller Charakter

ausgearbeitet durch die Gemeinschaft. In das Schicksal des einzelnen,

welche Phasen vom Glück zum Leid es auch durchlaufe, sind doch

Schicksalfäden der anderen verwoben. Die Lebensbedingungen jedes

einzelnen Juden sind die der anderen Juden. Jeder braucht den anderen,

zum gemeinsamen Gebet in der Chewra, in der Trauerzeit, beim Mahle, in

den Scherzen des Purim, in der Lust des Freudenfestes. Und dieses

Aufeinanderangewiesensein in den Bedürfnissen eines höheren Lebens

verinnerlicht die Bande angeerbten Volkstums und gemeinsamer äußerer

Geschicke und schafft auf einem weitab vom materialistischen Sozialismus

führenden Wege einen sozialen Bund von ganz spezifischer Prägung.

Eine idyllische Ruhe und der Frieden einer in ihren Sehnsüchten, ihrem

Gottvertrauen geeinten Menschengruppe ruhten über jener Generation. Und

lösten wir selbst den Glorienschein auf, den die alte Großmutter um ihre

Jugendjahre legt, und wollten wir in Einzelzügen ergänzen, was die

versöhnende und nivellierende Vergeßlichkeit des Alters verwischte, die

Grundlinien einer lieblichen Idylle verlören ihre Schärfe nicht. Die

Spiele der Kinder und das Sinnen der Alten erfüllen nur eine enge Welt;

aber sie ist voller duftiger Träume, voll tiefer Beziehungen und in

jeder Spanne persönlich erobert und ganz zu persönlichem Besitze

geworden. Der Tag ist unendlich lang, so lang, daß das gewöhnliche

Ausmaß der Stunden seine Geltung verloren zu haben scheint. Aber Gefühl

und Begriff der Langeweile sind keinem bekannt. Es gibt keine toten

Stunden, weil jede Stunde ihr eigenes Leben hat. In grauer Frühe, da die

Nacht kaum an den kommenden Tag denkt, denken die Juden schon an ihr

Tagewerk. Wer weiß, wie der Beruf die Stunden knebeln wird -- darum

schnell noch zum Talmudfoliant greifen, der von gestern noch

aufgeschlagen ungeduldig schon des »Lerners« harrt; darum schnell noch

in das Beth-Hamidrasch eilen, um in der Chewra Thillim im Zweisang die

lieben Psalmen zu sagen.

Das Leben ist so kurz -- und des Betens und Lernens ist so viel. Diesen

Gedanken heißt es den Kindern zu überliefern. Sie können nicht früh

genug in den Cheder. In seiner Enge und seinem ewigen Dämmer wächst eine

heilige Weit. Und der erste Chederbesuch wird so der wahre Geburtstag --

der Menschenseele. Der Ärmste gibt sein letztes Gut hin, um sein Kind

nicht geistig verhungern zu lassen. Und es ist ein Brauch, der die ganze

Judenseele bloßlegt, ein Brauch von ergreifender Tiefe und unsagbarer

Innigkeit, daß der Vater den jungen Chederbuben in einen Gebetmantel

gehüllt zum Melammed trägt... Er zeigt ihm die strahlende Pracht der

Himmel und lehrt sie, sich den Weg zu Gott zu schlagen und mit den

Quadern der heiligen Buchstaben zu ebnen. Sonnig ist das Ziel. Aber die

Arbeit ist hart. Selbst die Spiele in den freien Zeiten sind noch

durchwebt mit den Seidenfäden der Lehre, die das Halbdunkel des Cheders

gesponnen. Schon frühe lernt das Kind sich bescheiden. Denn das Ghetto

ist eine bescheidene Welt. In gedämpften Tönen klingt aller Sturm der

Seelen aus. Das ganze Sein ist voller Geheimnis. Und die Bangheit und

Scheu, die das Kind empfand, als es einmal in dem leeren Gotteshause vor

der heiligen Lade stand, trägt es allezeit mit sich und sie geben ihm

die stille Ergebenheit, wenn es einst vor den heiligen Fragen des Lebens

stehen wird... In diese festgefügte Welt mit ihrer eigenen Bildung, mit

ihrem schillernden Reichtum der Phantastik, mit ihrer geschlossenen

Lebensanschauung, in diese Welt der Träume und mystischverdämmerter

Ahnungen, in diese Welt der klaren Tage, der besonnenen Arbeit -- tritt

nun polternd mit groben Füßen die neue Zeit! Kann aus den zerstampften

Schollen gleich herrliche Saat erblühen? Die Menschen sind zu gefestet,

als daß die neue Zeit sie ganz zu zerbröckeln vermöchte. Noch lachen sie

und spotten ihrer, und reißen der Zeit ihre neuen Gaben aus der Hand.

Chausseen werden gebaut. »Solange sich Menschen erinnern, waren zwei

Tage nötig, um den Weg von Brest nach Bobruisk zurückzulegen, nun kommt

Reb Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise

verkürzen.« Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine

Tasche stecken? Und Reb Zimel Epstein hat Recht. Indessen was

verschlägt's? Kann man mit Lampen, die heller und ruhiger brennen als

Kienfackeln, den Sabbatabend nicht lichtiger und geruhiger machen?...

Und kann man bei neuen Wegen nicht ein alter Jude bleiben?... Und doch:

auf neuen Wegen kommt die neue Zeit! Die Welt wird größer. Die Enge löst

sich. Die plumpen Wägelchen verschwinden. Es kommen die Karossen und

bald, bald wird das Dampfroß die Wälder durchjagen. Jeder Tag bringt

neue Wünsche; und wie die Mauern des Ghetto zu wanken beginnen, so

kommen die Kinder des Ghetto ins Wanken. Die stille Harmonie wird

zerstört. Sie scheinen wie Trunkene und wir lächeln ihres torkelnden

Ganges. Auf den Hintertreppen schleicht die Aufklärung in die Häuser.

Sie verdüstert mehr als sie erleuchtet -- denn es ist eine Aufklärung,

der -- russischen Regierung! Über dem Talmudexemplar liegt Schillers

Don Carlos und Posa sagt seine Leitartikel auf im »Gemara-Nigen«. Die

Jugend will dadurch die Eltern täuschen. Aber sie täuscht sich selbst:

Schiller wäre ihnen unverständlich, wenn er nicht »gelernt« würde... Die

Eltern fürchten die neue Zeit und sie beschwören den Missionar der

russischen Regierungsaufklärung, Lilienthal, bei »der Sepher Thora« zu

erklären, ob er die Juden zur Taufe führen will. Sie fürchten. Aber ihre

Furcht ist mehr ein Ahnen furchtbarer Entwicklungen. Was sie um sich

sehen, macht sie mehr stutzig, als erschrocken. Hier eine Szene, die die

schwangere Zeit köstlich zeichnet: Dem Schwager unserer Großmutter hatte

es die Naturwissenschaft angetan. Bei grauendem Morgen war er halb

entblößt in den Garten gegangen. »Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie

beseitigt die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die

mein Schwager -- nicht ohne Ekel! -- in ein kleines Kästchen mit einem

Glasdeckel warf.« Die Mutter hatte ihn bemerkt und rief halb verwundert,

halb belustigt: »Wos tust du do?«

»Gur nischt«, gab er lakonisch zur Antwort.

»Wos is do im Kästchen auf der Erd'?« fragte die Mutter weiter.

»Gur nischt«, meinte der erregte Naturforscher.

»Warum biste so früh do?«, forschte die Mutter.

»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann, in der

Hoffnung, sich so aus der Affäre zu ziehen... Die Mutter beugte sich

über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger ein Buch neben dem

Kästchen. Sie tritt näher. Der Naturforscher ergreift die Flucht. Meine

Mutter blickte in das Kästchen und entdeckte zu ihrem unbeschreiblichen

Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen,

eine Ameise, einen Holzwurm... Sie traute ihren Augen nicht, und ihr

Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können,

auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?«

Zu dem »Gewürm«, das den inneren Menschen zernagte, kam ein anderes

Unheil. Ein Ukas der Regierung verbot die jüdische Tracht: der äußere

Mensch mußte reformiert werden. Sogar die Pejes, »die dem Juden erst die

Gottähnlichkeit geben«, sollten schwinden. Es gab erbitterte Kämpfe mit

den ausführenden Polizeiorganen. Aber schwerer waren die Kämpfe in der

Seele der Juden. Der Mantel fiel und der Herzog mußte ihm folgen. Die

neue Tracht führte die Juden nicht in eine neue Welt hinein. Sie führte

sie nur aus ihrer alten Welt heraus. Das empfanden alle tiefer blickende

Männer, das machte sie traurig und ihre Ohnmacht so unsäglich qualvoll.

Als die Gräber des alten Brester Friedhofs geöffnet wurden und die

Leichen ihre Friedensstätte verlassen mußten, weil die Stadt zu einer

Festung umgebaut wurde, war ein Wehklagen in der Gemeinde -- doch die

Toten fanden einen Ruheplatz. Aber die Seelen, die aus ihrer stillen

Welt hinausgezerrt wurden, die Seele der Jugend wurde heimatlos und

mußte wandern in eine ungewisse Welt. Die Besten wurden schwankend. Die

Schwachen wurden haltlos. Sie wechselten die äußere Tracht und wurden

äußerlich.

»Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,

Weiße, höfliche Manschetten

Sanfte Reden, Embrassieren --

Ach! Wenn sie nur Herzen hätten.«

Es sind nur die ersten Anfänge jener neuen Zeit, von denen unsere

Großmutter spricht. Mit verhaltenen Worten. Ihre ganze Innigkeit hat sie

über das alte Ghettoleben gebreitet, von dem sie uns freilich nur einen

Bruchteil gibt. Wir lernen nur ein Haus mit allen seinen Freuden,

Erregungen und seinem Kummer kennen. Es ist ein reiches und vornehmes

Haus, in das wir als Gäste eintreten. Und doch ist es nur ein Paradogma

für das Treiben im Ghetto. Denn das Leben im Patrizierhaus ist seinem

Wesen und seiner Form nach nicht herausgehoben aus der Ghettoartung.

Hütte und Herrensitz unterscheiden sich nur in den groben

Äußerlichkeiten der Lebensformen. Charakter und Inhalt der

Vorstellungsinhalte, die Skala der Gefühle und die zarten Bedürfnisse

der Seele: -- vielleicht, daß sich darin eine individuelle

Differenzierung spiegeln könnte. Aber niemals die soziale! Dem Reichen

wird nur die Gnade, daß er die Fülle der Pflichten leichter und

unermüdlicher tragen konnte. Und sein Dank für diese Gnade war, daß er

die Pflichten peinlicher beobachtete und ihre Kreise weiterzog!

Im Hause des Reichen zerbröckelte nicht das Judentum. Sitte und

Überzeugung, Tat und Gebet, Alter und Jugend standen in Schönheit und

unbefleckt durch die grobe Not nebeneinander, das Haus zu einer Stätte

Gottes zu machen...

Großmutter erzählt... Und eine Welt der Schönheit, des Friedens und

verjüngender Heiterkeit steht vor uns auf. Und uns überflutet eine

Sehnsucht nach dem versunkenen Lande der Ganzen.

Nach all den Enttäuschungen, die die Zivilisation bringt und die sie --

je empfindsamer und zarter wir werden -- uns immer herber wird fühlen

lassen, blicken wir in jene stille, abgestorbene Welt zurück und in

einsamen Stunden regt sich leise in uns ein Fragen, ob dort nicht die

blaue Blume der Romantik ihre Düfte um die Menschen hauchte.

Es war eine enge Welt. Aber sie war hoch und reichte bis an den

siebenten Himmel...

Die Menschen waren klein. Aber ihre Seelen waren voller Harmonie und

Einheit. Sie verschmachteten nicht im Genusse. Wunsch und Kraft, Wille

und Ziel, Leben und Lehre waren eines nur. Sie gaben den heiligen

Frieden, der nicht einmal ahnen konnte, daß es auch eine Zerrissenheit

gibt.

Dr. Th. -=Zlocisti=-.

=Allgemeine Ztg. d. Judentums. Berlin.=

Ein versonnenes »Es war einmal« klingt mit leiser Wehmut aus dem Buche

der feinfühligen Verfasserin. Wie bei einem Rembrandtschen Gemälde

blicken wir in das anziehende Helldunkel einer verflossenen jüdischen

Kulturperiode, und das stechende Licht des Alltags schmerzt uns, wenn

wir das Buch schließen. Denn was uns die Verfasserin aus der

Vergangenheit des vorigen Jahrhunderts so anspruchslos zu erzählen weiß,

ist mehr als das Leben einer vornehmen jüdischen Familie in der

russischen Stadt; es ist überhaupt ein Mikrokosmos des guten Judentums

alten Schlages, ein Kleingemälde voll intimen Reizes, das uns moderne

Israeliten, die wir uns als »Kinder der Welt« so groß dünken, mit

Schmerz empfinden läßt, wie klein wir geworden sind -- weil wir keine

eigene Kultur mehr haben. Man mag das Leben jener Juden, das nichts

anderes war, als ein von Anfang bis Ende des Jahres wunderbar sich

abrollender Gottesdienst, in gewissem Sinne beschränkt nennen, in der

Beschränktheit zeigt es die Meisterschaft. Das Gemälde ist etwas

Ausgefülltes und Ganzes, und wir nehmen einen wohltuenden Volleindruck

mit. Wir mögen es wohl im Sinne des Fortschritts begrüßen, daß endlich

in den patriarchalischen Dämmer das volle Licht der europäischen Kultur

hereinbrach -- aber wir klagen auch mit der Verfasserin über die

fürchterlichen Zerstörungen, die die zersetzenden Strahlen anrichteten.

Wieviel jüdische Lebenskunst, Poesie und Ethik ist zu Grabe getragen

worden! -- Möge das Buch der Großmutter, dem Dr. G. Karpeles ein

freundliches Geleitwort mitgegeben hat, nicht nur gelobt, sondern auch

gelesen werden! Es ist nicht nur für liebe »Enkelkinder« bestimmt, die

spielend, besser vielleicht als es in den Religionsschulen geschehen

kann, in den Reiz und die Weihe des altjüdischen Lebens eingeführt

werden, es gibt auch den Erwachsenen einen interessanten Beitrag zur

»Umwertung der Werte« bei unseren Brüdern im Nachbarreich. Und endlich

wird es jeden ernsten Juden gedankenvoll stimmen. Denn wenn wir auch mit

Koheleth sagen müssen: »Sprich nicht, wie kommt es, daß die vergangenen

Zeiten besser waren, nicht aus Weisheit fragst du,« so erweckt es doch

das heiße Verlangen nach der inneren Einheitlichkeit und

Geschlossenheit, wie sie die Väter kannten, die Sehnsucht nach neuen

jüdischen Kulturwerten.

E. L.

=Jüdische Zeitung. Wien.=

Wenn man das Buch aufschlägt, so findet man auf der ersten Seite das

Bild der Verfasserin: Ein altes, freundliches Gesicht mit klugen, milden

Augen, die schon von vornherein für alles einnehmen, das die Verfasserin

sagen wird. In freundlichen Worten wird nun ein Bild aus dem jüdischen

Leben eines wohlhabenden Bürgerhauses in den vierziger Jahren des 18.

Jahrhunderts geschildert. Alles ist so unbeweglich still und atmet

Traulichkeit, innere Abgeklärtheit, starken Familiensinn und echtes

Menschentum. Es ist alles so licht und lieb, daß man den Gedanken nicht

bannen kann, daß die Verfasserin unbewußt schöner dargestellt hat, als

es wirklich gewesen ist, daß sie ihre Kindheitstage, die jetzt vor uns

vorbeiziehen, mit dem Glorienschein der Poesie umgeben hat. Eines aber

erfahren wir unzweideutig daraus: Daß das jüdische Familienleben jener

alten guten Zeit innig und traulich war, daß die Häuser der Juden in

jener Zeit Kulturstätten waren im besten Sinne des Wortes. Die

Schilderung des Übergangsstadiums zum Haskalah erscheint uns minder

gelungen, wie überhaupt der ganze Aufbau des Buches eine mangelhafte

Technik verrät. Doch wir wollen mit der Verfasserin darüber nicht

rechten, denn der herzliche Ton des Buches, der wie Märchenzauber unsere

Herzen gefangen nimmt, entschädigt uns überreichlich. Wir wünschen dem

Buch die weiteste Verbreitung unter Alten und Jungen. Besonders ist das

Buch jungen Mädchen zu empfehlen, denn die jüdische Innigkeit und der

jüdische Familiensinn sind leider im Schwinden begriffen, und da kann

dies Büchlein dazu beitragen, daß die zukünftigen Mütter unseres Volkes

weniger modern, dafür aber natürlicher und jüdischer werden.

=Israelitische Monatsschrift, Breslau.=

Die Memoirenliteratur ist während der letzten Jahre in ihrer Bedeutung

für die Geschichtswissenschaft voll erkannt worden. Von jüdischen

Memoirenwerken, deren Zahl ohnedies gering ist, darf man nun allerdings

nur eine geringe Ausbeute für die pragmatische Geschichte erwarten. Gab

es doch nicht allzuviele Persönlichkeiten unter den Juden, die an den

aktiven Tagesereignissen großen Anteil hatten, und auch unter diesen

nicht viele, die Zeit und Muße zur Niederschrift ihrer Denkwürdigkeiten

fanden. Um so größer ist aber dieser Gewinn, der aus dieser Literatur

für das innere Leben und die Kulturgeschichte sich ergibt. In diesem

Sinne und mit dieser Beschränkung ist auch das angezeigte Buch als

wertvolle Quelle, aus der mancherlei Belehrung und Aufklärung über das

Leben unserer Glaubensbrüder im Osten zu schöpfen ist, anzusprechen.

Wo geschichtliche Vorgänge berichtet werden, so in der Darstellung

der Aufklärungsperiode, ist der Wert dieser Aufzeichnungen mehr

als problematisch; es berührt eigentümlich -- um die einer Dame

gegenüber gebotene Höflichkeit zu wahren -- wenn Verfasserin wiederholt

von dem »scholastischen Gespinst« und den »vielen talmudischen

Spitzfindigkeiten« spricht und damit ihre Legitimation für die

Beurteilung jener so verhängnisvollen Epoche zu erbringen vermeint.

(Hierher gehört auch die Feststellung, daß »viele Traktate des Talmud

mit den Worten omar abaja beginnen«!). Wo dagegen die Verfasserin sich

auf das ihr liegende Gebiet der Detailmalerei und der Szenen aus dem

Volks- und Familienleben beschränkt, liefert sie wahre Kabinettstücke

dieser Kleinkunst, die niemand ohne Vergnügen und Nutzen lesen wird.

=Israelitisches Familienblatt, Hamburg.=

Diese Memoiren gehören zu den liebenswürdigsten Büchern, die seit langem

auf den jüdischen Büchertisch gekommen sind. Das Großmütterliche wie das

Jüdische darin verschmelzen sich zu einer warmen, trauten Herzlichkeit,

die eine blendende, poetische Darstellung, die man von diesem Werke

nicht erwarten darf, vollkommen ersetzt. Wir haben es aber auch mit

einer kulturhistorischen Gabe allerersten Ranges zu tun. Sie hält in

getreuester, liebevollster Hingabe und Erinnerung für die Nachwelt fest,

was jetzt bereits im Aussterben begriffen ist, das echt jüdische Haus-

und Gemeindeleben unserer russischen Brüder. Die Behauptung von einer

Trockenheit und Verknöcherung des alten Judentums, von seelischer

Finsternis und Sklaverei unter dem »Gesetz« schmilzt vor dieser

Darstellung wie Schnee vor der Sonne. Wer dieses Buch liest, das in

jedem Buchstaben den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt, muß sagen, daß

unsere Großväter und Großmütter, die so lebten, ein solches rundes,

jüdisches, von Festen wie von wunderbaren jüdischen Ereignissen

durchzogenes Jahr, glücklich waren. Trotz allen äußeren Druckes, trotz

ihrer Einfalt und Fremdheit von der modernen Kultur. Wir lernen aus

diesem Buch vieles wieder lieben, was wir bereits belächelt haben.

Besonders unseren Frauen kann es eine Offenbarung bedeuten.

Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen.

Fußnoten:

[1] »Die Welt« 1900.

[2] Von diesen beiden Brüdern wurde der eine ein Bibelforscher, der

folgende Werke veröffentlichte: »-=Die Religion Altisraels=- nach den in

der Bibel enthaltenen Grundzügen«, dargestellt von -=Israel Sack=-.

(Leipzig und Berlin 1885. Verlag von Wilhelm Friedrich, Kgl.

Hofbuchhdl.)

»-=Die altjüdische Religion=- im Übergang vom Bibeltum zum Talmudismus«

von -=Israel Sack=-. (Berlin 1889. Verlagsbuchhandlung v. -=Ferd.

Dümmler=-.)

»-=Monistische Gottes- und Weltanschauung.=- Versuch einer

idealistischen Begründung des Monismus auf dem Boden der Wirklichkeit.«

(-=Leipzig=- 1899. Verlag v. Wilhelm Engelmann.)

Der andere Bruder, Gregor Syrkin (Stiefbruder), ist ein hervorragender

Kenner der hebräischen Sprache und Literatur. Er schrieb ein Werkchen

unter dem Titel: Chesjaunaus Lajlo -- Traumbilder.

[3] Sarwerke -- eine Frau, die in besseren jüdischen Häusern während der

Feierlichkeiten serviert, Süßigkeiten, Konfitüren, Eingemachtes

vorbereitet.

[4] Das Städtchen spielte in der Geschichte Kleinrußlands eine Rolle. Es

war des Hetman Mazepa Residenz.

[5] Des Bräutigams Eltern und Verwandten.

[6] Ein Ort in Polen, wo ein Heiliger wohnt, der unter dem Namen »der

Großvater aus Spale« bekannt ist.

[7] Malakoff-kurgan (Schanze). Auf Veranlassung des General Malakoff

füllte man unzählige tausende Säcke mit Sand und baute daraus eine

Schanze, indem man sie in Quadraten dicht aneinander legte. Die Kugeln,

welche vom feindlichen Lager herüberflogen, blieben in den Säcken

stecken.

[8] In jener glücklichen Zeit wurden auch Pläne zur Gleichstellung der

Juden vorbereitet.

[9] Als Haupt einer Talmudschule.

[10] Der Roman ist auch in deutscher Sprache unter dem Titel »Thamar«

erschienen. Ein schmachvoller literarischer Diebstahl. Der Übersetzer S.

Mandelkern gab das Werk unter seinem eigenen Namen heraus. Aber er

übersteigerte die Frechheit noch, indem er den Roman Mapu, dem

eigentlichen Verfasser, widmete!

[11] Ein Hascher.

[12] Mondfinsternis.

[13] kein Trost.

[14] Soldatenaushebung.

[15] Seele.

[16] Gott.

[17] Kränkung.

[18] Soldatenbrot.

[19] Wollenzeug mit Leinen genäht.

[20] Sich entfernen, sich zurückhalten.

[21] Verordnungen.

[22] Wahl.

[23] Verzeihen.

[24] Sünden.

[25] Gottergeben.

[26] Die die Soldaten der Regierung abliefern.

[27] Der die Soldaten annimmt.

[28] Ohnmächtig werden.

[29] Tumult.

[30] Milch und Honig.

[31] Befehl.

[32] Befehlshaber.

[33] Fort, weg!

[34] Die hohen Festtage.

[35] Horn.

[36] Exil.

[37] Zwei Gelehrte, die entgegengesetzte Richtungen vertraten: Hillel --

die milde, nachgiebige; Schamai -- die strenge.

[38] Klagelieder am Tischo b'Ab.

[39] Ahnenstolz.

Notizen des Bearbeiters:

gesperrter Text markiert durch: -= ... =-

fett gedruckter Text markiert durch: = ... =

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 15 / 15 段