auf Schritt und Tritt auch von der niedrigsten Schicht der Bevölkerung
verspottet und verfolgt. So erinnere ich mich einer für jene Zeiten
charakteristischen Episode, die mein Mann in Minsk erlebte. Als er
einmal auf der Straße ins Gedränge geriet, hörte er plötzlich neben sich
einen kurzen Befehl: »Jud', fort vom Wege!« Er wandte sich um und
erblickte einen Russen, aus dessen Zügen das Gift des Hasses quoll. Die
Straße wimmelte von Juden. Da erhob mein Mann unzweideutig seinen
Spazierstock und rief dem Antisemiten laut zu: »Was fällt Ihnen ein, so
verächtlich zu reden; die Straße ist doch für jeden frei --!« In
einem Augenblick war er von Juden umringt, die in ihrer Wut sofort Rache
an diesem Menschen nehmen wollten. Der Antisemit machte sich aber
schleunigst aus dem Staube.
Einige Tage nach diesem Vorfall ließ der Gouverneur Petrow meinen Mann
zu sich bitten und begrüßte ihn mit folgenden Worten: »Wie ich höre,
sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht
wollen Sie überhaupt meinen Posten übernehmen?« Mein Mann bedankte sich
höflich und versicherte dem Gouverneur stolz und mit vornehmer Ruhe, er
sei mit -=seiner=- Stellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden
und verlange keine andere.
Nur die hohe Stellung meines Mannes und seine Verbindungen in der
Beamtenschaft verhinderten einen schlimmen Ausgang dieses Vorfalles.
Jeder andere würde ihn schwer gebüßt haben.
Solche und ähnliche Episoden wiederholten sich immer häufiger. Sie waren
die Vorboten jener blutigen Ereignisse, die nicht mehr lange auf sich
warten ließen.
Und »Pogrom« war das neue Wort, das die achtziger Jahre geprägt
hatten... Die Juden von Kiew, Romny, Konotop und anderen Orten mußten
zuerst das Furchtbare erleben; sie waren die ersten, die wehrlos von den
wilden Massen des heimischen Pöbels überfallen und auf die roheste Weise
niedergemacht wurden. Die Zeitungen, hauptsächlich aber Privatbriefe,
brachten ausführliche Nachrichten über das Vorgefallene und verbreiteten
eine unglaubliche Panik --
Das war der Anfang... Ein vielfaches Echo erscholl aus allen Enden
Rußlands. Unter den Juden herrschte Niedergeschlagenheit und die
Verzweiflung.
Doch verharrten sie nicht lange in dieser trostlosen Starrheit und
rafften alle ihre Kräfte zusammen, um sich gegen den Feind zu wehren.
Sie sahen ein, daß Gott ihnen nur dann helfen würde, wenn sie sich
selbst helfen -- und sie trafen Maßregeln und Vorbereitungen für
die Zukunft, unerschrocken, mutig, an die Worte aus der »Megilath Ester«
denkend: »Kaascher -- owadeti, owodeti« -- »Sowieso sind wir verloren,
daher wollen wir uns doch wehren!«
In der Stadt Minsk herrschte eine düstere Stimmung. Der Handel stockte.
Die Juden verließen ihre Geschäfte. Man sah sie durch die Straßen eilen,
hastig, unruhig, mißtrauische Blicke um sich werfend. Sie waren auf
ihrer Hut und hätten im Falle eines Pogroms verzweifelt gekämpft. Die
Luft war geladen. Jeden Augenblick erwartete man die Explosion.
Die jüdischen Marktweiber, die zu mir ins Haus kamen, erzählten voll
Schrecken und Entsetzen von den Roheiten und den Drohungen der Bauern,
die zweimal wöchentlich ihre Ware zum Minsker Markt brachten. Die Bauern
sprachen öffentlich von einem baldigen Überfall und von der Ermordung
aller Juden.
Mein Mann brachte ebenfalls Schreckensnachrichten aus seiner Bank, die
Kinder aus der Schule. Die judenfeindliche Stimmung wuchs mit jedem
Tage. Und es kam dahin, daß sogar kleine Straßenbengel sich
erdreisteten, die Fensterscheiben bei den angesehensten Familien von
Minsk mit Steinen einzuwerfen und den Juden verächtliche Worte und
Schimpfreden nachzurufen.
Einmal wurde an der Entreetüre unserer Wohnung, die zu ebener Erde lag,
stark geklopft. Das Mädchen öffnete die Tür und sah erstaunt einen
kleinen Gassenjungen vor sich. Dreist, mit einem frechen,
herausfordernden Gesichtsausdruck, ohne die Mütze zu ziehen, fragte er
nach dem Namen der Herrschaft. Als das Mädchen ihm unseren russisch
klingenden Namen und unseren russischen Vornamen nannte, wiederholte er
noch einmal ungeduldig seine Frage: »Ich will wissen, ob hier Juden oder
Christen wohnen!« Nachdem er die gewünschte Antwort erhalten, schrie er
wütend in die Wohnung hinein: »Judenpack, na, warum protzt ihr denn mit
russischen Namen --« und lief davon.
In allen Schichten der Bevölkerung glimmte der Haß gegen die Juden, die
sich unter den feindlichen, gehässigen Blicken wie unter geschliffenen
Messern bewegten.
Die Juden in Minsk rüsteten sich zum Kampf und ihre Häuser wurden
Kriegszelte. Jeder nach seiner Art, wie es ihm am leichtesten war: einer
besorgte sich starke Stöcke -- »Drongi« genannt --, der andere mischte
Sand und Tabak, um dieses Zeug dem Pogromgesindel in die Augen zu
werfen. Jungen von acht Jahren, Mädchen von zehn nahmen Teil an den
schrecklichen Vorbereitungen, »waren mutig, unerschrocken auf den
Straßen«. Es kam, daß ein solcher Held seiner besorgten Mutter zurief:
»Sei ruhig, wenn die Kazappes kommen, uns zu töten, so hab ich auch ein
Messer!« Bei diesen Worten griff er in seine Tasche und holte sein
kleines Messer, das er für zehn Kopeken gekauft hatte, hervor.
Im eigenen Hause fühlte man sich nicht mehr sicher. Die christliche
Dienerschaft, die seit längerer Zeit bei uns im Dienst war, wurde
plötzlich unhöflich und herausfordernd, so daß wir uns vor diesen
Hausfeinden zu sichern gezwungen waren. Jeden Abend, nachdem die
Dienerschaft zur Ruhe gegangen, nahm ich alle Messer und Hämmer aus der
Küche und verschloß sie in einem Schrank in meinem Schlafzimmer, und
ohne daß es die Dienerschaft merkte, richtete ich jede Nacht vor der
Eingangstür eine Barrikade aus Küchenbänken, Stühlen, einer Leiter und
anderen Möbelstücken auf. Dabei lächelte ich wehmütig, denn ich glaubte
nicht, daß wir uns im Falle eines Pogroms auf diese Weise wehren und
retten könnten. Doch ich baute diese Barrikade immer von neuem, und
frühmorgens stand ich als die erste auf, um alles wieder in Ordnung zu
bringen, damit die Dienerschaft unsere Angst nicht merke.
Doch zu einem Pogrom kam es in Minsk nicht. Diese Stadt wurde
zufälligerweise, oder vielleicht nicht zufälligerweise, verschont.
So gab es in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz
Rußland wütete, für einen Juden nur zwei Wege: entweder auf alles, was
ihm jetzt schon unentbehrlich geworden war, im Namen des Judentums zu
verzichten -- oder die Freiheit und alle Möglichkeiten, wie Bildung,
Karriere, d. h. die Taufe. -- Und Hunderte von den aufgeklärten
Juden gingen den letzten Weg. Aber die Meschumodim dieser Zeit waren
nicht Täuflinge aus Trotz (l'hachis), sie waren auch nicht, wie die
Marannen in früherer Zeit, die in Kellern ihren Gottesdienst abhielten,
diese Meschumodim waren Verneiner alles Religiösen -- sie waren
Nihilisten --.
-- Es komme der größte Zadik und sage, daß er den Mut und das
Recht hätte, von einem jungen Menschen, der ohne jede Tradition, fern
vom Judentum aufgewachsen, zu fordern, er solle im Namen dieses ihm
unbekannten und leeren Begriffes auf alles verzichten, was die Zukunft
ihm bieten könnte, auf Glück, Ehre, Namen. Zu fordern, daß er diesen
Versuchungen widerstehe und sich in die Finsternis und Enge eines
Provinzstädtchens zurückziehe und ein armseliges Dasein friste. Er sage,
ob er das Recht und den Mut dazu hätte, denn -=ich hatte ihn nicht=-!
Und so gingen auch meine Kinder den Weg, den so viele andere gingen. Der
erste, der uns verließ, war Simon.
Als wir es erfuhren, schrieb mein Mann unserem Kinde nur folgende Worte:
»Es ist nicht schön, das Lager der Besiegten zu verlassen.«
Seinem Beispiele folgte mein Herzenskind Wolodia, der sich nicht mehr
unter den Lebenden befindet. Nachdem er die Maturitätsprüfung in Minsk
glänzend bestanden hatte, reiste er nach St. Petersburg, um dort an der
Universität sein Studium zu beginnen. Er erschien in der
Universitätskanzlei und wies seine Papiere dem Beamten vor, der über die
Aufnahme zu entscheiden hatte.
Für die Juden herrschten große Beschränkungen. Es wurden nur diejenigen
aufgenommen, die eine goldene Medaille bei der Abgangsprüfung erhalten
hatten, und auch von diesen nicht alle, sondern nur bis zu zehn Prozent
der Gesamtzahl der Studenten. Der Beamte gab die Papiere meinem
Sohne mit den barschen Worten zurück: »Das sind nicht Ihre Papiere!«
Als mein Sohn ihn erstaunt ansah, fügte er noch bestätigend hinzu:
»Sie haben sie irgendwo entwendet; Sie sind ja Jude und in Ihren
Zeugnissen steht kein jüdischer, sondern ein russischer Name >Wladimir<
verzeichnet.« Noch an demselben Tage mußte der tiefgekränkte, in seiner
Würde verletzte Jüngling St. Petersburg verlassen, denn als Jude
durfte er, ohne Student zu sein, dort keine vierundzwanzig Stunden
verbleiben. Noch einige Male mußte der Junge in dieser Angelegenheit
nach Petersburg reisen, stets mit dem gleichen Erfolg, bis er den
verhängnisvollen Schritt tat -- und sogleich in die Liste der
Studenten eingetragen wurde. Und ähnlich erging es auch manchen anderen
Kindern.
Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem
Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel
ertragen -- ich verzieh und schob die Schuld auf uns Eltern.
Allmählich verlor dieses Leid für mich die Bedeutung eines persönlichen
Erlebnisses, immer mehr wurde es zu einem Nationalunglück. Ich
betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jüdin das ganze
jüdische Volk, das so viele edle Kräfte verlor.
Aber es haben sich in jener finsteren Periode nicht alle aufgeklärten
Juden zu den Fremden verirrt -- es waren unter ihnen viele, die den
Weg zum Judentum zurückfanden und die unter dem Einfluß der letzten
Ereignisse sich zusammenschlossen. Ja, es entstand als Reaktion auf den
Antisemitismus die Gesellschaft der »Chowewe Zion« (Palästinafreunde),
gegründet von Dr. Pinsker, Dr. Lilienblum und anderen.
Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange
niedergeschlagen, verkümmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot,
seine Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen, kam von
neuem ein Geist freudigen Schaffens über ihn.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Rußland die
Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmählich an
Bedeutung und Interesse.
Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die
größtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein
Wunder, daß sie von einem Volke, das die Bildung am höchsten ehrt, bei
dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschätzt wurde.
Redensarten, wie: »Er versteht >Chumisch< (die 5 Bücher Moses) wie ein
Schuster, wie ein Schneider« usw. haben sich eingebürgert und wurden
sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jüdischen Familien nicht
selten vor, daß der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines
Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfährt, daß in der Familie
Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute
bei der großen Mehrheit auch der aufgeklärten Juden der »Jiches«[39]
sehr viel.
Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses
dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese
Zurückgebliebenen zum neuen, schöneren Leben. Auch unter ihnen begann
eine geistige Gärung.
Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermögende, vornehme Judentum
entgegen und schonte keine Mühe und kein Geld, seine Bestrebungen zu
unterstützen.
Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und
mein Mann faßte den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben in
Minsk zu begründen. Gedacht, getan! »Ojmer w'ojße,« wie der Hebräer
sagt.
Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die
jüdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte
Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das übrige notwendige Geld
sollten Mitglieder durch monatliche Beiträge zusammenbringen.
Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde
widmete er jetzt der »heiligen Sache«. In dieser Schule sollten anfangs
die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei,
Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfächern Unterricht
erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.
Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem
Mann gelang es zu seiner großen Freude, das Inventar sehr billig und oft
umsonst zu erhalten.
Die jüdische Bevölkerung von Minsk war sehr zufrieden. Von den
wohlhabenden Juden erklärte sich jeder bereit, mit einer Geldgabe das
gute Werk zu fördern. Nicht ohne Grund sagten unsere Weisen schon:
»Jisroel rachmonim bne rachmonim« -- »Die Kinder Israel sind barmherzig
und Kinder der Barmherzigen«.
Es wurde ein Vorstand aus den fortschrittlichen vornehmen Juden der
Stadt gewählt, die meinen Mann zum Vorsitzenden ernannten.
Alles war bereit, und man begann mit der Aufnahme der Kinder. Den Vorzug
hatten Waisenkinder und Kinder sehr armer Eltern. Es wurden über sechzig
Knaben angenommen.
Man richtete Internate für die ganz Armen und Obdachlosen ein; zuerst
aßen die Kinder bei den Bürgern der Stadt -- jeden Tag wurden sie bei
anderen Leuten untergebracht. Doch mit der Zeit fanden sich Mittel, um
eine Köchin zu mieten, und die armen Kinder bekamen dreimal täglich in
der Schule zu essen. An Wochentagen waren die Mahlzeiten sehr einfach,
doch frisch und gesund -- Suppe, ein Stück Suppenfleisch, Grütze. Aber
am Freitag abend und am Sabbat wurde der Tisch festlich gedeckt und die
Kinder bekamen ein echt jüdisches traditionelles Mahl. Am Sabbat wurde
nicht gearbeitet. Es war ein Festtag, an dem die Knaben auch in ihrer
Synagoge beteten.
Diese Schüler, meistens Kellerbewohner waren magere, blasse Kinder, mit
großen, klugen, schwarzen Augen. Sie waren natürlich nur schlecht
gekleidet. Aber sie arbeiteten und lernten mit Lust. Ich kam öfters in
die Schule, um mich an dem Anblick der arbeitenden Kinder zu erfreuen.
Es verging kein Tag, ohne daß mein Mann die Schule besucht und
mindestens eine Stunde dort verweilt hätte. Rabbiner Chaneles
beschäftigte sich sehr viel mit dieser Anstalt und unterrichtete selbst
die Kinder unentgeltlich in der Bibel und in anderen Fächern.
So verging ein Jahr. Die Schule hatte gute Erfolge. Mein Mann und
Rabbiner Chaneles veranstalteten einen offiziellen Akt, um den
Jahresbericht über ihre Tätigkeit abzustatten.
Man lud zu dieser Feierlichkeit den Gouverneur Petrow ein und mehrere
Regierungsbeamte, die Direktrice des Mädchengymnasiums, Madame
Buturlina, und die Lehrer der oberen Klassen, wie auch die vornehmsten
Damen und Herren der jüdischen Gesellschaft.
Mein Mann las den Bericht vor, und die ganze Gesellschaft folgte mit
wahrem Interesse seinen Ausführungen. Es geschah zum erstenmal, daß in
den Räumen einer -=jüdischen=- Schule Juden und Christen einträchtig und
in feierlicher Weise die Angelegenheiten des heranwachsenden jüdischen
Proletariats besprachen.
In der großen Tischlerwerkstatt waren die Schüler -- Knaben im Alter von
11-13 Jahren -- versammelt; sie erweckten durch ihr elendes Äußere in
den Gästen das wärmste Mitleid.
Als der offizielle Teil des Aktes vorbei war, wandte ich mich an die
reichen Damen und sagte ihnen, daß es unsere heilige Pflicht sei, für
das tägliche Brot und eine angemessene Bekleidung dieser armen Knaben zu
sorgen. Meine Aufforderung hatte den gewünschten Erfolg.
Am nächsten Tage lud ich einige Damen zu mir, und wir berieten unser
Vorhaben. Wir bildeten vor allem einen Damenverein; ferner sandten wir
einige hundert Briefe an die jüdischen Damen mit der Bitte, unserem
Verein beizutreten. Wir baten sie gleichfalls um neue oder abgetragene
Wäsche und Kleidungsstücke, wie auch um kleine Geldspenden für unsern
Zweck.
Schon in den nächsten Tagen kamen ganze Sendungen Kleidungsstücke. Für
das Geld, das wir zu diesem Zweck erhielten, kaufte ich den Kindern
wollene Handschuhe und sogenannte »Baschliki« -- Kapuzen. Alles, was an
Stoffen in meinem Hause war, wurde zusammengesucht, und die Bonne meiner
Kinder saß mehrere Tage an der Nähmaschine und verfertigte die
Baschliki. Ich empfand eine wahre Freude, wenn ich während meines
Spazierganges den Kindern in warmen Mützen und Handschuhen begegnete. An
diesen Kapuzen erkannte das Volk die Angehörigen dieser Schule, die man
in der ersten Zeit »Wengeroffs Werkstatt« nannte.
Die Beiträge der Mitglieder liefen pünktlich in die Schulkasse ein, und
wir hatten nun die Möglichkeit, den Kindern außer den Mahlzeiten in der
Schule auch neue, gediegene Kleidung aus grauem, starkem Baumwollstoff
zu verschaffen.
Es war eine große Genugtuung für meinen Mann, als einige Generationen
von Lehrlingen, die die Schule mit einem Diplom verlassen hatten,
überall, wo sie angestellt wurden, als gute Handwerker gelobt und
anerkannt wurden. Diese ersten Handwerker zerstreuten sich im ganzen
Lande; viele gingen aus Litauen nach Großrußland, wo sie als Handwerker
das Wohnrecht erhielten. Es waren die ersten jüdischen Handwerker im
nordwestlichen Ansiedelungsrayon, die eine systematische Ausbildung
sowohl in ihrem Fach, als auch in der Bibel und in den Elementarfächern
wie Lesen, Schreiben, Rechnen genossen hatten.
Die Zeiten waren noch so nahe, in denen der Handwerkerlehrling vor allem
bei seinem Meister als Hausknecht dienen mußte und jahrelang hungerte
und darbte, bis er etwas vom Handwerk lernte. Jetzt konnte er in
gesunden Verhältnissen sich ruhig und systematisch zum guten Arbeiter
heranbilden.
Unter solchen günstigen Bedingungen blühten die Kinder auf. Sie lernten
eifrig und machten große Fortschritte.
Doch das Budget reichte leider nicht aus. Unser Damenverein beschloß,
die Bürger von Minsk auf angenehme Weise zu Beiträgen heranzuziehen und
veranstaltete ein Herbstfest, an dem auch viele Nichtjuden, sogar der
Gouverneur, teilnahmen. Das Fest brachte uns an zweitausend bis
dreitausend Rubel, und wir veranstalteten seitdem jeden Herbst von neuem
diese Feste, stets mit großem Erfolge. Wir brauchten aber für unsere
Zwecke immer mehr Geld, und nicht selten beglich mein Mann das Defizit
aus seiner eigenen Tasche.
So existierte die Schule schon etwa acht Jahre unter der Leitung meines
Mannes. Ein gelungener Tanzabend brachte in die Kasse des Damenvereins
über dreitausend Rubel. Bei der nächsten Sitzung machte mein Mann den
Vorschlag, bei dieser Kasse eine Anleihe zu machen, da die große Kasse
leer sei -- dieser Antrag stieß auf Widerspruch. Mein Mann legte,
dadurch gekränkt, das Präsidium nieder. Es war ein Schlag sowohl für
meinen Mann wie für mich -- uns wurde ein wichtiger Lebensinhalt
geraubt.
Aber gottlob prosperierte die Schule auch ohne uns; sie entwickelte sich
mit jedem Jahre und existiert bis auf den heutigen Tag.
In dieser Zeit kam ein großes Unglück über die Stadt. Es brach ein Brand
aus, der mehr als zwei Millionen Rubel Schaden anrichtete. Unsere
Wohnung samt allen Möbeln und neuen Schränken, voll mit kostbaren
Kleidern und Pelzen, wurde vernichtet. Wir waren froh, mit dem Leben
davonzukommen. Durch Flammen und Rauch bahnten wir uns mit den Kindern
den Weg nach einem entlegenen Teil der Stadt, wo unsere Freunde wohnten,
die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Der Schrecken jener Nacht
erschütterte mich sehr. Ich wurde sehr krank und mußte zur Kur ins
Ausland reisen. Ich nahm die Kinder nach Wien mit.
Die Gewerbeschule hatte nur wenig durch diesen Brand gelitten.
* * * * *
Ich kehrte erst nach drei Jahren nach Minsk zurück. Wir bezogen unser
eigenes Heim, das mein Mann in unserer Abwesenheit hatte bauen lassen.
Ich brachte aus Wien eine ganz neue Einrichtung mit; und unser Haus sah
vornehm und gemütlich aus. Unser Leben gestaltete sich sehr angenehm.
Nicht lange nach meiner Rückkehr erschien bei mir eine Frau Kaplan, eine
sehr gescheite Dame, eine »Gabbete«, die für die Not des jüdischen
Volkes großes Verständnis hatte und auch einen starken Drang, dieser Not
abzuhelfen. Sie schlug mir die Gründung einer Gewerbeschule für Mädchen
vor, einen Plan den ich mit Begeisterung aufnahm. Ich drückte dankbar
ihre Hand, und damit war unser Bund geschlossen.
Und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie mein Leben wieder einen
Inhalt, eine intensivere, ich möchte sagen religiöse Färbung erhielt.
Wir gingen sofort an die Arbeit. In den nächsten Tagen mietete Frau
Kaplan eine Wohnung für die Schule. Wir wählten dann ein Damenkomitee
aus jungen Frauen und wandten uns ebenso, wie bei der Begründung der
Knabenschule, an die jüdischen Bürger von Minsk mit der Bitte, sich mit
Beiträgen an dieser Sache zu beteiligen. Für die ersten Ausgaben jedoch
veranstaltete ich ein Liebhabertheater. Die Einnahme brachte etwa die
Hälfte der nötigen Summe.
Und nun führten uns jeden Tag die Bewohner der Mansarden, der Keller der
entlegensten Teile der Stadt ihre acht- bis zehnjährigen Töchterchen zu
und baten, sie in die Schule aufzunehmen. Wir kauften auf Abzahlung drei
Nähmaschinen, engagierten eine Schneiderin mit einem Gehalt von zwanzig
Rubeln monatlich, eine Wäschenäherin mit zehn Rubeln monatlich und eine
Korsett- und Miedernäherin mit dem gleichen Gehalt. Wir kauften mehrere
hundert Meter vom einfachsten Kattun, alles nötige Nähzeug, einige
Plätteisen, Scheren usw.
Der Tag, an dem wir diese bescheidene Anstalt eröffnen sollten, rückte
heran. Wir fanden uns alle zur bestimmten Stunde in den Schulräumen ein.
Frau Kaplan, die selbst die Schneiderkunst mehrere Jahre in Königsberg
gelernt hatte, schnitt von einem großen Stück Stoff mehrere einzelne
Teile ab und verteilte sie unter die versammelten Mädchen, und der
Unterricht in den drei Klassen nahm seinen Anfang.
Es währte nicht lange, so meldeten sich mehrere Damen und junge Mädchen
bei uns und boten ihre Dienste an. Die jungen Mädchen erteilten den
Kindern unentgeltlichen Unterricht in der russischen Sprache und im
Rechnen; auch ein Melamed für den Unterricht im Hebräischen wurde von
uns engagiert, der täglich unterrichtete, während die Lektionen in der
russischen Sprache nur zweimal wöchentlich stattfanden.
Aber das vernachlässigte wilde Äußere unserer Schützlinge gab uns keine
Ruhe, und unser nächster Wunsch, sie anständig gekleidet zu sehen, ging
bald in Erfüllung.
Schon nach kurzer Zeit hatten wir die Genugtuung und Freude, unsere
sechzig Mädchen sauber gewaschen, mit kurzgeschnittenen Haaren in
einfachen, reinen Kleidchen und Schürzen bei ihrer Arbeit fleißig
beschäftigt zu sehen.
Auf meinen Vorschlag hin wurden diesen Kindern des Volkes die kernigen,
praktischen Lebensregeln unserer Weisen: »Pirke Abot« (Sprüche der
Väter) beigebracht.
Ich war oft bei diesen Vorlesungen zugegen, und es bereitete mir viel
Freude zu sehen, mit welchem Interesse und Verständnis die Kinder diesen
Ausführungen folgten.
Dank der warmen Teilnahme der Bürger der Stadt Minsk, die mit Spenden
und Beiträgen unsere Schulkasse unterstützten, waren wir bald imstande,
nicht nur für den Unterricht der Mädchen, sondern auch für die Ernährung
dieser armen, ausgehungerten Wesen zu sorgen.
Die Kinder lernten sehr schnell und verfertigten bald nützliche
Kleidungsstücke. Im Verlauf eines Jahres brachten sie es so weit, daß
vornehme jüdische und christliche Damen ihre Toiletten in unserer
Werkstatt anfertigen ließen.
Im Herbst des ersten Jahres veranstalteten wir zugunsten unserer Schule
ein Fest, das uns zweitausend Rubel brachte. Die Feste wurden zu einer
ständigen Einrichtung bis auf den heutigen Tag.