verschiedene Erlebnisse immer wieder auf das eine Problem des Judentums
zusammenliefen. Was hat mir die Gymnasialzeit meines Sohnes für Sorge
und Herzeleid gebracht! Simon war Schüler des vierten Gymnasiums. Eines
Tages wurden die Knaben in die Kapelle des Gymnasiums zu einem
Gottesdienst geführt. Vor den Heiligenbildern knieten alle nieder. Mein
Sohn nur blieb stehen. Der Klassenaufseher forderte ihn auf, sofort
niederzuknien. Mein Sohn lehnte es entschieden ab: »Ich bin ein Jude.
Und mein Glaube verbietet mir, vor einem Bilde zu knien.« Wütend ging
der Aufseher. Nach dem Gottesdienst wurde Simon gerufen: er war
entlassen. Morgen sollte er sich seine Papiere holen. Das war eine böse
Kunde. Auch diese Sorge noch! Ich eilte zu den Popetschitjel, flehte,
jammerte. Mein Sohn hätte ja nicht die Schuldisziplin mißachten wollen.
Er wollte nur der Erziehung treu sein, die er im Elternhause und in der
Rabbinerschule genossen. Achtung vor der Autorität der Eltern sei auch
ein wichtiges Erziehungsmoment. Wo sie aufhört, beginnt vielleicht das
Laster. Aber Fürst Liwin blieb hart. Ich konnte nicht mehr sprechen. Der
Schmerz drückte mir die Kehle zu. Tränen auf Tränen quollen aus meinen
Augen. Sah ich doch das Lebensglück meines Sohnes zerstört. Ich lief
hinaus. Aber kaum hatte ich das Vorzimmer erreicht, da rief mich der
Fürst zurück. Dieses Gymnasium sollte er verlassen. Aber er wollte doch
dafür sorgen, daß er in ein anderes aufgenommen würde. Und so geschah
es. Ich fand wieder die Ruhe und genoß mit tiefem Behagen die Freude
über die stolze Handlung meines Sohnes. Das war Blut von meinem Blute.
Aber durfte ich unter den fremden Einflüssen hoffen, daß die Kinder
immer der Art der Mutter folgen würden? Sie wurden größer. Sie begriffen
auf ihre Weise, was in ihrer Umgebung vorging und -- stellten sich
manchmal auf die Seite des Vaters. So war ich oft vereinsamt: Der Mann,
die Gesellschaft gegen mich. Ich unterlag. Aber niemand ahnte die Tragik
jener Tage, die ich damals durchlebte.
Nur ein paar vergilbte Blätter, denen ich mein Leid damals vor
achtunddreißig Jahren in einer Verzweiflungsstunde anvertraut hatte,
sind stumme, starre Zeugen meiner Leiden -- Ich füge hier jene
Worte, die ich am 15. April 1871 schrieb, bei, denn sie scheinen mir von
allgemeinerem Interesse zu sein, geben sie doch dem Schmerz und dem
verzweifelten Kampf Ausdruck, den nicht nur ich allein, sondern so
manche Frau und Mutter in dieser schweren Übergangsperiode des jüdischen
Lebens zu ertragen hatten.
Die gefährliche Operation. -- Die Reform der Küche.
... Das Geschwür ist so groß geworden, daß es mich zu ersticken droht!
Was tun? Wo Rat holen? Woher die Kräfte zum Kampf nehmen? O, lieber
Gott, schenke mir Seelenstärke, die Operation ohne bleibenden Schaden
ertragen zu können! Ich fühle mich zu schwach, das zu überstehen. Es ist
ein Kampf auf Tod und Leben. Ich habe mich in den eigenen Kräften
verrechnet und glaubte nicht, daß diese letzte Reform mich in solche
Bangigkeit und in so starkes Zerwürfnis mit mir selber hineinstürzen
würde. Warum fällt es mir so schwer, meine bisherigen Grundsätze zu
überwinden? Ich glaube, meine anhängliche Natur ist daran schuld. Die
Verehrung und Liebe für meine Eltern sind bei mir unzertrennlich mit der
Verehrung ihrer religiösen Sitte verbunden. Es überkommt mich die
Verzweiflung, wenn ich an die Notwendigkeit meines Handelns denke, von
der mein künftiges Heil, meine Ruhe und Zufriedenheit, selbst das Glück
meiner Kinder abhängen soll. Es wird sicher eine tiefe Wunde in die
Herzen meiner Eltern schlagen. Ich war ihnen bisher eine liebe Tochter.
Nun haben sie volles Recht, mir zu fluchen -- Ja, ich verstehe ihren
brennenden Schmerz. Ich bin selbst Mutter!
Aber wo sind meine eigenen Grundsätze? Ja, sie sind da. Seit fünfzehn
Jahren kämpfe ich, sie zu erhalten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, in
Fleisch und Blut übergegangen. Nun sind sie aber der Störenfried und
Anstoß für alle Meinigen geworden, an ihnen zerschellt jeden Augenblick
alle Zärtlichkeit, alle Achtung und Liebe. -- Und was mich so
unglücklich in meinem jetzigen Zustand macht, ist das Verhältnis meines
Mannes zu mir. Er hat es nie verstanden, oder sich nie die Mühe gegeben,
mich anders zu betrachten, wie ein für sich notwendiges Ding. Er ist nie
auf den Gedanken gekommen, daß ich meine eigenen Grundsätze,
Gewohnheiten habe, daß ich bereits von Haus aus zu ihm mit Erinnerungen,
ja sogar mit gewissen Erfahrungen kam; und daß die mannigfachen
Lebensumstände meine Standhaftigkeit ausgebildet und gefestigt haben. Er
gab sich nicht die Mühe, sich meinem inneren Wesen zu nähern und es zu
erkennen. Er fordert von mir vor allem Unterwürfigkeit und Verleugnung
meiner Grundsätze. Nein, mein Freund, diesen deinen letzten Wunsch ohne
Murren zu erfüllen, bin ich nicht imstande. Dazu hättest du mich
allmählich vorbereiten sollen, dann wäre es mir vielleicht nicht so
tödlich schwer geworden! Da es aber nicht geschah, da du meinem inneren
Leben fremd bliebest, wurde meine Anhänglichkeit an die Eltern und das
Pflichtgefühl ihnen gegenüber von Tag zu Tag stärker. Ich schuf mir eine
eigene Welt in mir, von der ich mich jetzt so schwer trennen kann. O,
Gott im Himmel, nur du kannst unparteiischer Zeuge meiner Leiden sein!
Wem soll ich klagen! Verstehst du mich, mein Mann? Legst du mir meine
Konsequenzen nicht als eine Hartnäckigkeit aus, kannst du nicht darin
etwas Höheres, Edleres sehen, als Eigensinn? Und die Kinder? Die sind ja
noch zu jung -- sie werden aber schon auf deine Seite kommen. Sie
sind ja Kinder ihrer Zeit!
Das Messer ist geschärft. Ich muß mich entscheiden. Die Operation soll
vor sich gehen, denn ich ersticke! Nur bitte ich um Zeit, damit ich den
Kampf zuerst mit mir selbst auskämpfe und meine geistigen Kräfte sammle.
O, wer hilft mir? Niemand! Zurück also in meine eigene Welt, in mein
Herz, in die Gesellschaft meiner Gedanken, in die Welt meiner
Vergangenheit, die eine inhaltreiche Geschichte ist, und in die
undurchdringliche Zukunft. Ich will dieses furchtbare Opfer auf dem
Altar meines häuslichen Herdes darbringen. Eher darf ich nicht sagen,
daß ich meine Pflicht als Frau und Mutter erfüllt habe, bis ich auch
diesem Wunsch der Meinigen nachgegeben habe. Was ist mein Leben ohne
Liebe, ohne Anhänglichkeit und in einem immerwährenden Streit mit den
Nächsten? Nach jedem Auftritt wegen dieser unheilvollen Frage sehe ich
den Tod vor Augen. Die Bitterkeit, die ich stets dabei empfinde, könnte
drei Leben, und nicht nur eines vergiften! Daher, ihr Henker, schärft
die Messer, ich bin fertig. Ich will mit dieser Tat dem ewigen Spotten
über die Religion in meinem Hause ein Ende machen. Lieber begehe ich
selbst das Schreckliche und rette mit dieser Handlung die wahre
Grundlage der Religion, den Glauben. Ich darf vielleicht nicht länger
zögern, wenn ich das Schlimmste verhindern soll. -- Heutzutage muß man
ein Hillel und kein Schamai sein[37].
O, Schweres, namenlos Schweres hast du mir, Gott, auferlegt! Ich lebe
ja in der schwersten Übergangszeit, in der wir jüdischen Frauen ohne
alle persönlichen Rechte in den Ehestand getreten sind, in der unsere
Männer sich als unsere Herren oder Diener, nie aber als unsere Freunde
betrachten. O, totes Papier, fühlst du es nicht, welche Worte ich hier
niedergeschrieben habe? Es wird mir schrecklich zumute. Meine Sinne
schwinden. Meine Hand versagt ihre Dienste. Ich werfe das Papier weit
von mir. Soll ich wünschen, daß es jemandem einmal in die Hände kommt?
* * * * *
So wurde denn in meinem Hause die treifene Küche eingeführt. Für dieses
Opfer, das ich den Meinigen brachte, forderte ich die Erfüllung eines
Wunsches: Einundfünfzig Wochen im Jahre mußte ich so leben, wie sie es
haben wollten, eine Woche, die der Peßachfeiertage, sollte mir gehören.
Und niemand sollte mir im Wege stehen, diese Feiertage ganz so zu
feiern, wie ich es von Hause aus gewohnt war. Und dabei blieb es.
Ein guter Freund beeilte sich natürlich, meinem Vater von dieser Reform
in meinem Hause Mitteilung zu machen. Mein Vater hörte ihn ruhig an,
schwieg weise eine Weile und sagte dann. »Wenn meine Pessele es getan
hat, so mußte sie es tun.«
* * * * *
Zu diesen religiösen Kämpfen im Hause kam noch der Kampf ums Dasein. Die
geschäftlichen Angelegenheiten meines Mannes blieben dauernd
unerfreulich. Weder als Bankangestellter, noch als Börsenmakler hatte er
Glück. Er fühlte sich niedergeschlagen und müde, denn das schlechte
Petersburger Klima übte einen bösen Einfluß auf seine Gesundheit aus.
Die Kinder wurden groß. Ihre Erziehung forderte Mittel, die die unseren
überstiegen. Unsere materiellen Verhältnisse hielten nicht Schritt mit
den Bedürfnissen, die noch durch unseren Verkehr von Tag zu Tag größer
wurden. Ich hatte so manche schwere Stunde durchzumachen. Aber ich tat
mein Möglichstes, um vor den Kindern und den Fremden unsere materielle
Lage zu verbergen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten verließ mich nie. Ich
arbeitete und arbeitete, daß das Glück, sollte es einmal kommen, keine
verelendete Familie vorfände. Diese Hoffnung gewann mit der Zeit in
meiner Phantasie Form und Gestalt -- ich sah vor unserer Wohnung das
Unbestimmte, das Wunderbare, das uns die frohe Nachricht bringen sollte,
harren und leise unsere Tür öffnen --
Aber es öffnete sie gar so leise und langsam --
Es bedeutete eine glückliche Wendung für uns, als meinem Manne die
Stellung eines Vizedirektors der Kommerzbank in Minsk angeboten wurde.
Wir überlegten nicht lange, packten unser Hab und Gut zusammen und
siedelten nach Minsk über.
Das war gegen Ende 1871.
Endlich wich die materielle Sorge von uns. In kurzer Zeit erhielt mein
Mann die Stelle des Direktors, und von nun an führten wir wieder ein
reiches, vornehmes Leben in Minsk.
Die dritte Generation.
Und es kam die dritte Generation, die weder Gott noch den Teufel
fürchtete. Die allerhöchste Huldigung brachte sie dem eigenen Willen
entgegen und erhob ihn zu einer Gottheit. Dieser Gottheit wurde
Weihrauch gestreut. Ihr wurden Altäre errichtet; und ohne Scheu, ohne
Rücksicht wurden ihr die heiligsten Opfer dargebracht. Es war die Tragik
und das Verhängnis dieser Jugend, daß sie ohne Tradition aufgewachsen
war. Unsere Kinder erhielten keine Eindrücke von den Erinnerungen des
historischen, selbständigen Judentums. Fremd blieben ihnen die
Klagelieder am Tischo b'Ab, fremd die in den dreimal täglich
verrichteten Gebeten lebende Sehnsucht nach Zion, dem Lande der großen
Vergangenheit, fremd der Rhythmus der jüdischen Feiertage, nach welchem
stets einem traurigen ein freudiger folgt. Sie fand nirgends Anregungen
-- diese Generation. Sie wurden Atheisten.
Vielleicht mag mancher jugendliche Leser glauben, daß ich die
Verhältnisse gar zu trübe sehe. Ist meine Erinnerung getrübt und decken
dunkle Flore meine Augen?! O nein. Ich bin ein getreuer Chronist. Mein
lichter Blick sieht nur die tiefen Schatten, weil sie wirklich die Wege
der neuen Jugend über und über decken.
Die dritte Generation! Zeigt mir das Glück, zeigt mir den Adel eurer
Moral -- und ich will mich vor euch beugen!...
... Allmählich sahen die Väter, die jüdischen Brauch und jüdische Sitte
aus der Erziehung der Kinder entfernt und sie ausschließlich im modernen
aufklärerisch-europäischen Sinne hatten bilden lassen, ihren
verhängnisvollen Fehler ein. Sie selbst, wenn sie sich auch von Religion
und Tradition abgewandt hatten, blieben doch im Grunde ihres Herzens
Juden. Gute Juden im nationalen Sinne dieses Wortes, stolz auf ihre
Vergangenheit; denn in ihnen lebten noch die Erinnerungen ihrer
Kindheit. Aber ihre Kinder hatten diese Erinnerungen nicht mehr; ihre
eigenen Eltern, hauptsächlich die Väter, waren daran schuld. Und nicht
selten kam es, daß feiner empfindende Jünglinge, die ihre innere Armut
erkannten, die Eltern anklagten!
Es gab zwar eine Möglichkeit, die Mängel der häuslichen Erziehung
einigermaßen zu ersetzen: durch einen geordneten Religionsunterricht in
den öffentlichen Schulen. Tüchtige Lehrer hätten so leicht das Interesse
der Jugend der großen jüdischen Vergangenheit zuwenden, ihre
Aufmerksamkeit auf die alte hebräische Poesie, die Geschichte der Juden
lenken und auf diese Weise in ihnen die stolze Gewißheit erwecken
können, daß sie einem Volke angehörten, dessen Kultur und Geschichte
alt, inhaltsreich, erschütternd sind. Dann hätte die jüdische Jugend
sich nicht gleich bei der ersten Berührung mit der Schuljugend anderen
Stammes verloren. Sie hätte nicht das Gefühl der Erniedrigung gehabt,
das ihnen jede Erinnerung an die jüdische Abstammung brachte. Sie hätte
sich nicht mit solcher Wut von ihrem eigenen Volke abgewandt, ihre
Pflichten vergessen und ihre Kräfte rücksichtslos in die Dienste der
»anderen« gestellt, wie sie es getan. -- Aber leider standen die
jüdischen Religionslehrer nicht immer und nicht überall auf der Höhe
ihrer Aufgabe. Nur die allerwenigsten verstanden ihre Mission.
In den sechziger Jahren beginnt die Russifizierung der Juden durch die
Regierung. -- In der ersten Epoche der Aufklärung, in der Zeit des
Einflusses Mendelssohns, war die Unterrichtssprache in den jüdischen
Schulen deutsch. Jetzt war die Stimmung eine andere geworden, die
»Aufgeklärten« kamen den Russifizierungstendenzen der Regierung
entgegen, weil sie von der Zukunft politische Freiheiten erwarteten und
die Vereinigung mit dem großen russischen Volke anstrebten. Die
Sprachenfrage war definitiv gelöst, als die Regierung nach dem
polnischen Aufstand die russische Sprache in den jüdischen Schulen
Litauens als obligatorisch eingeführt hatte.
Danach ging man zu den Unterrichtsgegenständen über und verfolgte dabei
die gleiche Tendenz der Russifizierung. So wurde allmählich das Programm
der jüdischen Unterrichtsgegenstände gekürzt zugunsten der
»allgemeinen«, d. h. russischen Bildung. Es kam so weit, daß in den
Mädchenschulen der hebräische Schreibunterricht -=verboten=- wurde. --
Auch in dieser Hinsicht entsprach die Tendenz der Regierung dem stillen
Wunsche der jungen Generation und vor allem auch dem der jüdischen
Lehrer, daß der allgemeinen Bildung der Vorzug zu geben sei. Diese
Lehrer haben das Judentum schließlich auch aus den jüdischen Schulen
gedrängt.
So war es kein Wunder, als die finstere, kalte, stürmische Periode der
achtziger und neunziger Jahre für uns Juden hereinbrach und unsere
Kinder in ihrem schwanken, gebrechlichen Schiffchen von der Hochflut
ergriffen und von den brausenden Wellen des Lebens bald nach oben, bald
nach unten geschleudert wurden, -- daß sie ihr Schifflein in Sicherheit
bringen wollten.
Dieser sichere Hafen war -- die Taufe.
Das glaubten sie damals.
Da fiel es, das inhaltsreiche, schwere, schreckliche Wort, das wie eine
Seuche in das Innere des Judentums hineingriff und die Nächsten
auseinanderriß. Nur ganz selten kam dieses Wort über meine Lippen, weil
es mir zu nahe ging, mir zu tief ins blutende Mutterherz schnitt...
Nachdem das Furchtbare geschehen war, sprach ich darüber auch mit den
Nächsten nicht.
Nur meinen Blättern habe ich es anvertraut, mit Tränen benetzt und
aufbewahrt tief, tief in der Erinnerung -- bis heute.
Aber heute will ich mich überwinden, heute will ich von jener finsteren
Nacht erzählen... Und wie alles, was ich erlebe, so fügt sich mir auch
dieses Vorhaben, diese Aufgabe, in ein Bild: ich sehe mich selbst als
das Großmütterchen am Kamine sitzen -- und um mich herum die Jugend
von heute. Sie hören mir so gerne zu, wenn ich von den alten vergangenen
Zeiten des jüdischen Lebens erzähle. Die Augen werden größer, sie
leuchten, die Kinder heben stolz die Köpfe und lauschen. O, Wunder des
Blutes! Die Kinder, deren Eltern sich vom Judentum abgewendet, kehren zu
ihm zurück. Sie sehnen sich nach ihm und nach der alten großen jüdischen
Melodie, die sie nie gehört. Das alles lese ich in den klugen Augen der
Kinder, und ihnen will ich das wunde Herz öffnen und von all dem Leid
und den Schrecknissen jener Nacht erzählen ...
* * * * *
Zwischen dieser modernen Schule, deren Führer überzeugt und systematisch
die Kinder dem Judentum entfremdeten, und der großen Masse der
orthodoxen jüdischen Bevölkerung herrschte ein sehr feindliches
Verhältnis. Man wird das begreifen. Die hebräische Sprache sollte nicht
treulos verlassen werden. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel mußten
herhalten, um den hebräischen Unterricht zu ermöglichen. Bestrafung und
Strafgelder -- ganz gleich, wenn nur das Ziel erreicht wurde. So
leichten Kaufes wollten sich die Alten nicht ergeben. Die Chedarim
bestanden fort, die arg verspotteten Melamdim »knellten« ihre Schüler
weiter. Und mochte sich auch die Regierung einmischen; wie armselig war
diese Bevormundung gegen den heiligen Eifer der Frommen! Standen auch
die höheren Talmudschulen -- die Jeschiwaus -- unter der Kontrolle des
Ministeriums für Volksbildung, so blieb die Aufsicht nur eine
theoretische. Die Regierungsgewalt drang nicht in die Stille der
Bethäuser. Mit Zwang war eben wenig zu erreichen. Schließlich gab die
Regierung nach. Nicht zum mindesten, als sich 1863 die Gesellschaft zur
Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden gebildet hatte und
nach Überwindung einer Sturm- und Drangperiode mit versöhnender Liebe
und Verständnis für den Wert des Althergebrachten ihre stille, aber
hartnäckig durchgeführte Arbeit betrieb. Freilich fand sie im Zeitgeist
eine kraftvolle Unterstützung. Die wohlhabenden Klassen sandten ihre
Kinder nur in die Kronsschule. Der Cheder blieb eigentlich nur den
Kindern des Proletariats. Aber ganz wurde auch bei den Reichen in der
Folge das Studium der hebräischen Sprache nicht vernachlässigt. Der
Melamed kam für einige Stunden in der Woche ins Haus. Gymnasium und
Universität: das waren jetzt die Ziele. Und es war schon eine auffällige
Ausnahme, wenn ein Reicher seinen begabten Sohn in eine Jeschiwah gab.
In diesen Jahren der inneren Wandlung, in der Zeit der siebziger Jahre,
tauchten in Rußland alle möglichen geflügelten Worte, wie Nihilismus,
Materialismus, Assimilation, Antisemitismus, Dekadenz, auf. Sie
beherrschten das letzte Viertel des XIX. Jahrhunderts und hielten sowohl
die jüdische wie die nichtjüdische Jugend in Rußland in einer
unaufhaltsamen Bewegung, in -=einer=- Aufregung. Es erschien der Roman:
»Väter und Söhne« von Turgenjew, in dem das Wort Nihilismus zuerst
geprägt wurde. Die begeisterte Jugend fand in dem Helden dieses Romans
in der Folge das Echo ihrer Anschauungen und Bestrebungen, und sie
ergänzte und formte das, was noch fehlte, nach dem Vorbild des Basarow.
Der Kampf mit den Eltern wurde immer rücksichtsloser und erbitterter.
Mehr und mehr entfernte sich die jüdische Jugend von den Eltern. Ja, es
war nicht selten, daß die Kinder sich ihrer schämten. In ihren eigenen
Eltern sahen sie oft nichts anderes als den Geldbeutel, der ihnen die
Mittel zur Befriedigung ihrer Wünsche verschaffen mußte. Die Eltern
achten? Weshalb? Achten kann man ja nur den, der an Bildung höher
steht. Die Ergebenheit, Dankbarkeit, Pietät der früheren Zeiten waren
aus dem jüdischen Leben spurlos verschwunden, als seien sie niemals der
Stolz und der Glanz des jüdischen Hauses gewesen. Im Eifer, das Alte zu
stürzen, alles Vorhandene skeptisch zu prüfen, zu kritisieren, die
eigene Individualität zu behaupten, kannte die junge Generation keine
Grenzen mehr, und nicht selten kam es vor, daß ein solcher Philosoph
(Mädchen nicht ausgenommen), ausgestattet mit allen Sentenzen Franz
Moors, seine Geburt den Eltern zum Vorwurf zu machen wagte, wenn es ihm
einmal im Leben nicht nach Wunsch erging. Solch ein Wesen neuester
Formation äußerte sich beispielsweise gnädig: »Wenn ich sehe, daß meine
Mutter und ein Fremder sich gleichzeitig in Gefahr befinden, so rette
ich zuerst meine Mutter!« -- Als ob es anders sein könnte. -- Das
ist ein kleiner Beleg dafür, wieweit die Jugend der achtziger und
neunziger Jahre vom natürlichen Empfinden entfernt war, daß sie erst
beweisen zu müssen glaubte, was so selbstverständlich sein sollte, was
im Blut liegt und zum Instinkt geworden ist.
Wenn ich die Szenen zwischen Eltern und Kindern der vierziger und
fünfziger Jahre als tragikomisch bezeichnet hatte, so waren die
Auftritte in vielen jüdischen Familien der achtziger und neunziger Jahre
rein tragisch.
Die jüdische Jugend verlor sich in fremder Art. Assimilation bis in den
Kern war ihr Losungswort. Im jüdischen Leben ging alles durcheinander,
es herrschte ein wahres »Tohuwabohu«. Aber der Geist Gottes schwebte
nicht über der Oberfläche.
Das war die allgemeine Stimmung und die Verfassung der jüdischen
Jugend, als die finstere, kalte, stürmische Periode über ihr Leben und
ihr Schicksal hereinbrach --
»Wajhi hajaum«! Und es war ein Tag am 1. März 1881, an dem die Sonne,
die in den fünfziger Jahren über dem jüdischen Leben aufgegangen,
plötzlich erlosch: Alexander II. wurde am Ufer des Kanals Mojka in St.
Petersburg erschossen! Die Hand, die den Befreiungsakt für sechzig
Millionen Leibeigene unterzeichnet hatte, wurde starr. Der Mund, der das
große Wort der Befreiung ausgesprochen, verstummte auf ewig. Und das vom
Volke erwartete Heil rückte in weite, weite Ferne.
In einer Sitzung hatte die Minsker Stadtduma beschlossen, zwei Männer
aus ihrer Mitte als Delegierte nach Petersburg zu senden, um dort auf
das frische Grab des humanen Kaisers einen Kranz niederzulegen.
Man wählte den Bürgermeister der Stadt, H. Golinewitsch, und meinen
Mann; die Gemeinde fertigte eine Vollmacht mit den Unterschriften aller
Mitglieder aus, und sie reisten ab.
Es geschah zum erstenmal, daß Juden an einer solchen Trauerkundgebung
teilnahmen.
* * * * *
Und es kamen andere Zeiten -- andere Lieder erklangen -- Das
Schlangengezücht, das sich bisher nicht ans Tageslicht gewagt hatte,
kroch jetzt aus den Sümpfen hervor: der Antisemitismus brach los und
drängte die Juden zurück in das Getto. Ohne viel Umstände verschloß man
ihnen die Pforten der Bildung. Der Jubel der fünfziger und sechziger
Jahre wurde zu »Kines«[38], die Hoffnungen auf die Zukunft zu den Klagen
Jeremias --
Den Juden wurde der letzte Rest ihrer bisherigen Freiheiten genommen.
Beschränkungen über Beschränkungen, die mit zeitweisen Verschärfungen
und Milderungen noch bis heute fortdauern und deren Ende nicht abzusehen
ist. Das Wohnrecht der Juden wurde mehr und mehr eingeengt. Der
Aufenthalt in Petersburg und anderen Städten Rußlands wurde ganz
verboten oder nur bestimmten Kategorien von Juden gestattet, z. B. den
Kaufleuten erster Gilde, die dafür eine sehr hohe Gebühr an die
Regierung bezahlen mußten und denen, die in Rußland ein akademisches
Diplom erworben hatten.
Die akademische Bildung selbst aber wurde den Juden immer mehr
erschwert, indem man zur Aufnahme in die Gymnasien nur eine geringe
Anzahl zuließ und die wenigen, die dann trotz aller Hindernisse das
Gymnasium absolviert hatten, bei der Einschreibung in die Hochschulen
nochmals durchsiebte. Es ist begreiflich, daß diese Härten eine arge
Korruption bei Juden und Russen zeitigen mußten. Alle nur denkbaren
Mittel wurden von den Juden angewandt, um ihren Kindern den Eintritt in
die Gymnasien und Universitäten zu ermöglichen und die brutalen Gesetze
zu umgehen. Kam es doch später sogar so weit, daß jüdische Eltern für
unbemittelte christliche Kinder das Schulgeld bezahlten, nur um so
die Zahl der christlichen Schüler zu erhöhen und dann ihre eigenen
Kinder noch in die Schule bringen zu können. Denn es durfte nur ein
bestimmter Prozentsatz Juden aufgenommen werden.
Geld und Protektion spielten vereint die größte, ja oft einzig und
allein eine Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme jüdischer
Schüler. Welche Demoralisation sogar bei den kleinen Kindern diese
Zustände im Gefolge hatten, läßt sich leicht denken. Oft fragten die
kleinen Kandidaten einander schon bei Beginn der Prüfungen: »Wieviel
gibt dein Vater...?« Und welche Erbitterung mußte das in die
Kinderherzen tragen, daß die Reichen noch allenfalls manches für sich
erlangen konnten, während die Armen ganz zurückstehen mußten. -- Das
Geld war das Recht!
Und wenn es nun schon nach unendlichen Mühen gelungen war, einen
jüdischen Knaben bis zur Reifeprüfung zu bringen, und wenn er diese
sogar mit der höchsten Auszeichnung bestanden hatte, dann war er doch
noch keineswegs sicher, auch in die Hochschule aufgenommen zu werden.
Abermals trat die »Prozentnorm« in Wirksamkeit. Da die Zahl der
jüdischen Studenten ebenfalls wieder abhängig war von der der
nichtjüdischen Studierenden, so mußten beim Eintritt in die Universität
wieder viele, viele Juden zurückbleiben. Und die Wahl des Berufes war
und ist für den jüdischen Jüngling in Rußland keine Frage der Neigung
und Fähigkeit oder der Absichten der Eltern, sondern einzig und allein
des blinden Zufalls, der einige wenige zuläßt und die meisten ohne Wahl
und ohne Rücksicht ausscheidet. Aus keinem andern Grunde, als weil sie
Juden sind.
Wie in der Schule, so im Leben.