Kein güt's, ün' kein N'chome[13]

As mĕ führt jüdische Kinder zim Priom[14],

Tüt doch zittern die N'schome[15].

Drüm beten mir dir Reboine schel oilom[16]

Du sollst üns geben far unser Zar[17] a stickele Nichome.

Bitter is doch ünser leben asoj wie der Toit

As mir darfen essen dem Jewonischen Broit[18]

As mir darfen gehen in »schatnes«[19] gekleid't,

Dus is doch ünsere bittere Noit.

Der wos im Himmel, der versteht. Gott Gott worüm bist

di dir vün üns pourisch[20]!

Du weißt doch as mir nit kennen nicht hitten deine geseres[21]

Dus is doch unsere bittere Breres[22],

Drim betten mir dir Reboine schel oilom

Du sollst üns moichel sein[23] auf ünsere Aweres[24].

Deine Struf tün mir doch M'kabel-b'ahwe[25] anzunehmen

As me tüt üns Bort un Pees arobnehmen

Tüt doch uns in Harzen klemmen

As mir tün sich allein var üns schemen;

Drüm beten mir dir Reboine schel oilom

Di sollst ins vin gules arois nehmen.

Wer wet ünser Herausnehmer ün ünser Ausleser sein

As mir seinen tief in goischke Händ arein,

Dus is doch ünser Schmarz ün Pein,

Drüm beten mir dir Reboine schel oilom

Di sollst ünser Herausnehmer ün Ausleser sein.

Silber in Gold tün doch die sdatozikes[26] var üns legen

As der Prijomschick[27] soll sugen mir tün var Soldaten ja

toigen (taugen)

Asoi tüt doch vün ünsere Vaters un Mütters nit trückenen sere Oigen.

Schabossim ün Jomim toiwim tün sei tun varbringen.

Chaleschen[28] tüt doch ünser Harz vün dem groißen Gerasch[29]

In der Heim hoben mir doch gehat vün Cholev ün vün Dwasch[30]

As m' leint den bitteren Ukas[31]

Tor sach kein junger Mann nit weisen auf der Gaß.

Toit wünschen mir sich gewiß, as mir darfen sich bucken

zum Naczalniks[32] Füß

As der Naczalnik tüt a Geschrei Paschol[33] müssen mir es

annehmen far zuckersüß.

Jom Noroim[34] tun mir doch schauffer[35] blosen

As men leient op dem bitteren ukas tien mir doch zilaufen

wie die Hasen

Af Felder ün af Wälder tün mir sich zuspreiten wie di Grasen,

Drum beten mir dir Reboine schel oilom

Du sollst üns vün goles[36] araus losen.

Sich dieser »Gesere« zu entziehen, gab es nur für die Reichen das

bekannte Mittel -- die Rubel --, für die Armen aber nur einen Weg: Da

nur die Nichtverheirateten zum Militärdienst ausgehoben wurden, mußten

die Knaben eben schon im frühesten Jugendalter verheiratet werden. Nicht

selten führte man die Kleinen vom Spielplatz hinweg unter die »Chuppe«.

Damals war es auch, daß sich im Volke das Gerücht verbreitete, die

Regierung wolle jüdische Mädchen in die Staatsfabriken nehmen.

Vielleicht war dieses Gerücht entstanden, um die zögernden Eltern von

Mädchen gefügig zu machen. Sie waren natürlich jetzt um so schneller

bereit, ihre unerwachsenen Töchter mit unerwachsenen Knaben zu

verheiraten.

Diese »Chapperei« wurde bei den Juden »Behules« genannt.

Es war ein geradezu unnatürlicher Zustand. Und in jener Zeit ist auch

wohl der Grund gelegt worden für die Degeneration eines großen Teils der

russischen Judenheit. Diese halbwüchsigen Mädchen wurden -=Mütter=-.

Mütter von Kindern, deren Väter noch halbe Kinder waren. Aber die armen

Eltern brachten auch diese Opfer. Der Mensch mochte gefährdet sein! Aber

der Glaube, das Judentum durfte nicht leiden!

War es doch unvermeidlich, daß der Heeresdienst die Beachtung all der

jüdischen Bräuche, dieses heiligen Erbes, ausschloß. Das waren noch die

Glücklicheren, denen es beschieden war, in Städte mit einer jüdischen

Gemeinde zu kommen, wo sie wenigstens mit ritueller Kost von der

Gemeinde versorgt wurden.

Nur einen Vorteil gewährten diese schweren Militärjahre: Waren diese

jüdischen Soldaten nicht den unerhörten Anstrengungen und den

Brutalitäten ihrer halbvertierten »Vorgesetzten« erlegen und hatten sie

mit heilem Körper die fünfundzwanzig Jahre ihres Dienstes überstanden,

so durften sie überall in Rußland wohnen. Dieser Vorzug brachte sie

bisweilen in günstigere Verhältnisse, so daß sie nicht selten später

reiche Leute wurden. Aber der größte Teil von ihnen hat es nicht so weit

gebracht.

In einer Gemeinde Nikolajewsker Soldaten mußte ich nun leben. Nach

Wilna--Helsingfors!

Ich hatte große Mühe, unter solchen Bedingungen eine rituelle Küche zu

führen: Das Fleisch mußte stets aus der Stadt geholt werden und ich

selbst mußte die Küche besorgen, weil ich mich auf eine christliche

Köchin nicht verlassen wollte. Und wie sich erst die Schwierigkeiten vor

Pesach häuften, kann nur eine religiöse Frau und eine gute, echt

jüdische Wirtin begreifen.

Aber über alle diese Schwierigkeiten hinweg half mir der heiße Wunsch,

die Tradition für die Kinder zu erhalten und vor allem die Liebe, die

warme, treue Liebe zu meinem Manne. Nicht umsonst sagt das Volk: »Mit

einem geliebten Manne auch übers Meer.«

Wir suchten nach einem jüdischen Lehrer für die älteren Kinder, konnten

aber keinen finden. So kam es, daß mein Mann selbst dem älteren Sohne

Unterricht erteilte. Aber er war kein Lehrer, hatte wenig Geduld und

vergaß sich oft. »Du Esel, was wird aus dir werden?« schrie er ihn oft

an, wobei es nicht selten zu Handgreiflichkeiten kam. Auf das Kind

konnte diese Behandlung nicht ermunternd und anspornend wirken; die

Stande wurde ihm zur Qual. Ich mußte oft dazwischen treten und die

Aufregung besänftigen. Der Unterricht hörte bald auf, und wir bemühten

uns, einen jüdischen Soldaten, der in der Festung wohnte, als Lehrer zu

engagieren. Aber leider wollte er auf unseren Vorschlag nicht eingehen.

Dieser jüdische Soldat, der uns vom Kapitän Sommer als ein Heiliger

geschildert wurde, war eine so ungewöhnliche und interessante

Erscheinung, daß ich von ihm etwas ausführlicher sprechen muß. Religiös,

bescheiden, schweigsam und still führte er ein fast asketisches Leben.

Sowohl seine Vorgesetzten wie auch seine Kameraden sprachen von ihm als

von einem göttlichen Manne. Er wurde von allen mit besonderer

Auszeichnung behandelt. Trotz der bevorzugten Behandlung, die er erfuhr,

vernachlässigte er aber nie die Dienstpflichten, erschien stets

pünktlich auf dem Exerzierplatz und war eifrig im Dienst. Die übrige

Zeit verbrachte er über Taldmudfolianten gebückt, in seinem eigenen

Kämmerchen, das ihm bewilligt worden war.

Seine Nahrung bestand in Schwarzbrot, »Kwas« (einem kohlensauren,

alkoholfreien Getränk), Kartoffeln und Hering. Aus religiösen Gründen aß

er nie aus dem gemeinsamen Kessel. Am Sabbath erhielt er Urlaub, nach

der Stadt zu gehen, um dort einmal ordentlich zu essen.

Seine Talmudkenntnisse waren tief und bedeutend; und nicht selten saß

mein Mann bei ihm, von dem niemand etwas Näheres wußte, der nie etwas

von seiner Herkunft verraten wollte, in seinem winzigen, ungeheizten

Stübchen und diskutierte mit ihm. Mein Mann zählte diese Stunden auf der

einsamen Insel zu den interessantesten. Er kehrte von dort stets in

guter Laune zurück und erzählte mir voll Bewunderung von diesem einsamen

Menschen, der als Arkadius Petrow im Regiment bekannt war.

Den Unterricht meines Sohnes übernahm er nicht, er schlug unsere Bitte

ab, mit der Begründung, daß es ihm zu viel Zeit rauben würde.

* * * * *

Es vergingen ein und ein halbes Jahr. Friedlich und angenehm floß unser

Leben unter dem kalten und abgelegenen Himmelsstrich dahin.

Der Bau der Kaserne näherte sich seinem Ende, und mein Mann sah sich

nach einer anderen Beschäftigung um.

Er ging nach St. Petersburg. Ich blieb wieder einmal allein mit den

Kindern zurück -- Es war Dezember -- kurze, finstere Tage, welchen

jene stürmischen nordischen Winternächte folgten. Es war eine traurige

Zeit für mich!

Am Tage blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken übrig. Da war ich

beschäftigt mit der Wirtschaft und den Kindern. Aber in den Nächten, in

den endlosen, einsamen Nächten lag ich stundenlang mit weitgeöffneten

Augen und horchte auf das Sausen des Windes, auf das Heulen der

hungrigen Wölfe, die der wilde Sturm widerstandslos von den

festgefrorenen Ufern ins Meer jagte. Die Stimmen wurden mir inzwischen

so vertraut, daß ich mit ihnen plauderte und ihnen mein Weh und Leid

klagte -- Und tausendstimmig kam die Antwort -- Zuerst ein

Gemurmel wie Klagen, Weinen und Stöhnen -- so herzzerreißend, daß ich

darüber mein eigenes Weh vergaß. Allmählich beruhigte sich die See und

plötzlich entstiegen den Tiefen tausend lustige, fröhliche zarte Töne

und erklangen durch die Lüfte wie silberne Glocken.

So ging die Zeit dahin. Endlich, nach einigen Wochen -- wie ewig lang

kann eine Woche sein! -- kehrte mein Mann aus Petersburg froh und

zufrieden zurück, denn er war dort in einem neubegründeten Bankhaus

als Leiter angestellt worden. Wir blieben aber noch bis zur endgültigen

Vollendung des Baues der Kaserne in der Festung Sweaborg.

Der Frühling kam.

Am dritten Tage des Peßach segnete mich Gott mit einer Tochter, die ich

Sina nannte. Es waren schwere, schwere Stunden.

Die Kaserne wurde fertig; sie sollte von der Festungsbehörde übernommen

werden. Zu diesem Zwecke kamen aus Petersburg die beiden Teilhaber des

Unternehmens: Herr Hessin und Herr Klonski, ein älterer Herr, der meinen

Mann nach guter, patriarchalischer Sitte mit »du« ansprach. Trotzdem

mein Mann damals 35 Jahre zählte, nahm er keinen Anstoß an dieser

ungezwungenen Anrede, denn der Respekt vor dem Alter war ihm in Fleisch

und Blut übergegangen.

Heute wäre ein solches Benehmen einem jungen Menschen gegenüber fast

ausgeschlossen. Ein Blick würde den freien »Alten« belehren, daß er den

der -=Jugend=- gebührenden Respekt vergaß.

Mein Mann ging nach Petersburg. Wieder einmal blieb ich allein mit den

Kindern, lange, unendlich lange, zehn Monate.

Während dieser Zeit wurde mein ältester Sohn Barmizwah. Er erhielt

Tefilin, die er von nun an jeden Tag zum Beten anlegte. Sein Eifer im

Lesen steigerte sich mehr und mehr, und ich mußte meine Zustimmung

geben, daß er jeden Tag in der Konditorei der Stadt Zeitungen lesen

durfte. Die Besucher dort waren immer verwundert, daß so ein kleiner

Junge die russischen, deutschen und französischen Blätter so flink

durchlesen konnte; er erzählte mir alle Neuigkeiten.

Und wieder einmal stand ich mit meinen Kindern reisefertig da. Wir

bestiegen den Dampfer, der uns nach Petersburg bringen sollte, und

machten es uns in der Kajüte bequem. Auf mein Verlangen wurde uns dort

das Mittagessen serviert -- es war eine üppige Mahlzeit, die wir aber

nur halb genießen konnten, denn die Fleischspeisen, die ja nicht koscher

waren, genoß ich nicht, und ein Blick von mir genügte, daß auch die

Kinder sie unberührt ließen.

Wir waren 24 Stunden unterwegs und gelangten ermüdet nach Petersburg.

* * * * *

Petersburg.

In den siebziger Jahren unter der Regierung Alexanders II. war

Petersburg in seiner höchsten Blüte. Der Hauptteil von Petersburg, wo

das bewegteste und eleganteste Treiben herrscht, ist der Newsky Prospekt

und die Morskaja. Hier entwickelte sich vor unseren Augen Tag und Nacht

das russische Straßenleben, in dem sich die ganze russische Natur

widerspiegelt. Um jede Tageszeit ein anderes Bild, stets ganz eigenartig

und sehr interessant.

Acht Uhr morgens. In den Straßen von St. Petersburg dominiert die

Jugend, die aus allen Enden der Stadt in ihre Schulen eilt. Die

Schulzeit in ganz Rußland beginnt um 9 Uhr und währt bis 3 Uhr

nachmittags, nur mit einer einstündigen Unterbrechung von zwölf bis

eins.

Da eilen die kleinen und großen Gymnasiasten in ihren Uniformen in Grau

und Silber. Die Studenten in Schwarz und Blau mit goldnen Knöpfen, die

breitrandigen Mützen keck auf die Seite geschoben. Die Mädchen in ihren

schlichten braunen Kleidern mit schwarzen Schürzen, die, aller Mode

spottend, nach einer streng vorgeschriebenen Fasson angefertigt sind...

äußerlich alle gleich aussehend. Sowohl die Schüler wie die Schülerinnen

haben einen Ranzen, der nach Vorschrift der Schulbehörde auf dem Rücken

getragen werden muß.

Unterwegs einander begrüßend, laute Reden führend, eilen sie aneinander

vorbei, jeder seinem Ziele zu, lustig, übermütig.

Die Lastwagen, die des Morgens die elegantesten Straßen durchziehen,

lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Den mit Kot und Schmutz bedeckten

Wagen zieht ein großes, plumpes Pferd, das seit Jahr und Tag keine

Reinigungsbürste auf seinem Fell verspürt hat. Die zentnerschwere Last

mit einer zerlumpten und zerfetzten Plane bedeckt. Wagen und Pferd

warten nur auf den wohltätigen Regen, der sie einmal von dem Schmutz

befreit. Ganz dem Wagen und dem Pferde angepaßt ist der ungepflegte

Kutscher mit seiner grünen Mütze und dem an den Ärmeln zerrissenen

Schafpelz, der ihm zugleich als Kleid und Schlafdecke dient.

Zwölf Uhr mittags. Von der Peterpaulkirche schlägt die Stunde, von der

Festung ertönt ein Kanonenschuß. Die Leute auf dem Newsky-Prospekt

ziehen mechanisch die Taschenuhren hervor, um sie zu richten. Die

Straßen bieten wieder ein anderes Bild: Gouvernanten, Bonnen, die

russischen »Nianias« (Kindermädchen) und die ausgeputzten Ammen in ihrer

Nationaltracht führen die Kinder durch den schönen breiten Newsky

spazieren.

Um vier Uhr nachmittags beginnt in Petersburg der Korso, der besonders

im Winter ein prächtiges Bild bietet. Was für ein Luxus kommt bei diesen

Fahrten zum Vorschein! Die herrlichsten Schlitten, die seltensten

Rassepferde, die ausgesuchtesten Toiletten und kostbarsten Pelze dürfen

da Revue passieren.

Der Korso bewegt sich vom Nikolaibahnhof durch den Newsky, die große und

breite Morskaja bis zur »Poztelujewbrücke«. Der Weg ist so breit, daß

drei Schlittenreihen bequem nebeneinander fahren können. Alles

prächtige, weite Schlitten (hauptsächlich Privatschlitten), innen mit

Schafpelz und Teppichen ausgeschlagen, ein schwarzes Bärenfell als

Decke. Über die Pferde sind blaue, rote, grüne, manchmal weiße Netze

gebreitet. Silbernes Geschirr. Der Kutscher ist meist von ungewöhnlichem

Umfang, da sein gepolsterter Mantel (»Jarmak«) von Schulter zu Schulter

fast einen Meter breit ist. Es ist ein Oberkleid, festgeknöpft mit einem

roten, grünen, blauen oder weißen Gürtel, entsprechend der Farbe des

Netzes. Dieses Oberkleid deckt den Kutscher und nimmt die Hälfte des

Schlittens ein, so daß es aussieht, als säße der Kutscher auf den Knien

seiner Herrschaften. Auf dem Kopf eine vierkantige gepolsterte,

rotsamtne Mütze, mit Pelzbesatz und Goldschnur geschmückt. Weiße oder

gelbe lange Handschuhe mit Stulpen ergänzen diese so eigenartige Tracht

der Petersburger herrschaftlichen Kutscher.

In den Schlitten Damen und Herren, in die kostbarsten Pelze eingehüllt.

Hier und da saust mit einer unheimlichen Schnelligkeit ein »Lichatsch«

vorbei -- ein Einspänner mit einem kleinen Schlitten, nicht größer als

ein Sessel. Man sieht nicht mehr als einen Biberpelz, darüber ein

kleines kokettes Pelzmützchen.

Das Publikum fährt so nahe aneinander vorbei, daß nicht nur kurze Grüße

ausgetauscht werden können, auch Fragen und Antworten fliegen hinüber

und herüber. Man verabredet Rendezvous und tauscht Komplimente aus.

Der glitzernde, knirschende Schnee, das Wiehern der Pferde, das leise

Rauschen der seidenen Stoffe, das Lachen und Plaudern des Publikums, die

Pracht und der Luxus der Schlitten und seiner Insassen -- das gibt ein

Bild, das nicht nur den Fremden, sondern auch den Einheimischen stets

von neuem fasziniert.

* * * * *

Mit der Übersiedelung nach Petersburg ging ich einer Zukunft entgegen,

die an Ereignissen und Veränderungen die Vergangenheit, die Gegenwart

und alle Erwartungen übertraf.

Das Milieu, in das wir in Petersburg kamen, bestand aus vornehmen,

gebildeten Leuten, bei denen meistenteils Reichtum und Luxus herrschten,

und die ein fast sorgloses Dasein führten. Trotzdem die Petersburger

jüdische Gesellschaft eine große, prächtige Synagoge besaß und zwei

Rabbiner hatte, -- einen modernen studierten und einen orthodoxen --

trennte sie doch vieles von jüdischer Sitte und jüdischer Tradition. Die

Vornehmen übernahmen gar manche fremde Tradition und feierten fremde

Feste, wie Weihnachten. Von den eigenen Feiertagen hielt man nur noch

zwei Feiertage: Jom Kippur und Peßach. Aber sie wurden »modern«

gefeiert. Manche kamen ruhig in einer Equipage in die Synagoge und

speisten am Jom Kippur während der Pausen.

Das Peßachfest hielt sich selbst in den vorgeschrittensten Kreisen. Es

blieb ein Fest der Erinnerung. Freilich nicht an den Auszug aus Ägypten,

sondern an die eigene Kindheit in den kleinen litauischen Städtchen. Der

Sederabend wurde gefeiert, aber auf eine sehr abgekürzte Art. Sogar die

getauften Juden mochten sich vom Sederabend nicht trennen.

Veranstalteten sie auch kein besonderes Mahl in ihrem eigenen Hause, so

ließen sie sich doch gern in ihren Bekanntenkreisen bei den -- noch

nicht Getauften einladen. Es sah recht feierlich aus. Die Hausfrau im

höchsten Staat, die Kinder sorgsam angezogen, die Gäste in Frack und

weißer Binde. Den Tisch schmückte ein Stoß Mazzaus, die auf einem

Tablett aufgehäuft waren. Eine Schüssel mit Eiern, mit grünem Salat und

Radieschen war hergerichtet. An gutem Wein fehlte es natürlich nicht.

Und doch zogen die Herren meistens den »Zmukim« (Rosinenwein), vor, der

sie so stark an das Elternhaus erinnerte. Von Gebeten und der ganzen

Reihe alter, symbolischer Bräuche nahm man Abstand. Das Gespräch dauerte

zwar auch bis Mitternacht. Aber es galt nicht dem Auszug aus Ägypten,

sondern Tagesfragen, Zeitungsneuigkeiten, Börsengeschäften. Das Mahl war

recht reichhaltig und fing natürlich mit den Eiern an, die in Salzwasser

genossen wurden. Dann folgten gefüllte Pfefferfische, Fleischbrühe mit

schmackhaften Klößchen und Putenbraten. Es war ein gemütliches Souper

mit einigen Eigenheiten, mehr aber nicht. Mit dem Sederabend hatte es

eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Auf dem Tisch lag keine

Haggadah, sie lag irgendwo in einer alten Holzkiste friedlich bei den

vergilbten Talmudexemplaren, der Bibel und alten hebräischen Büchern.

Die Fragen wurden nicht gestellt. Die Hände hatte man sich zu Hause mit

parfümierter Seife gewaschen. Und beim Weintrinken legte man weiter kein

Gewicht darauf, ob es gerade nur vier Becher waren. Natürlich trat das

Préférencespiel an die Stelle des Benschens.

Was ich hier schildere, waren die neuen Sitten einer feinen, dünnen

Oberschicht der Petersburger Juden.

Die Mehrheit jedoch war der alten hergebrachten Religion, der Tradition

treu geblieben, und darunter waren nicht wenige, die zur Elite der

jüdischen Gesellschaft gehörten.

In dieser Umgebung zu leben und von ihrem Einfluß unberührt zu bleiben,

erforderte eine Charakterstärke und eine religiöse Festigkeit, wie sie

mein Mann leider nicht besaß. Mich hätte es unberührt gelassen, mich

hätte mein starker Glaube, meine Erziehung und die religiöse Innigkeit,

mit der ich an jüdischer Sitte hing, vor der Untreue bewahrt. Ja, stolz

wäre ich umhergegangen unter all den Schwachen. Stolz und glücklich, daß

ich noch im Besitz all des innigen Reichtums war, den jene längst

verloren hatten. Und ich hätte sie wegen ihrer Armut bedauert.

Und doch hatte ich gerade hier in Petersburg, wo die Juden sich von so

vielen jüdischen Bräuchen lossagten, oft Gelegenheit zu beobachten, wie

stark das Zusammengehörigkeitsgefühl trotz allem unter den Juden

entwickelt war: Wenn Juden irgendwo in der Provinz in einem Streit mit

der Behörde unterlegen waren, so wandten sie sich nach Petersburg um

Unterstützung; und niemals sparte die Petersburger jüdische Gesellschaft

Geld und Zeit, um die Sache ihrer Stammesgenossen zu vertreten. Man

appellierte und setzte die höchsten Instanzen in Bewegung, damit den

bedrängten Juden ihr Recht werde; und dieser Eifer war allen natürlich

und selbstverständlich. Nicht umsonst ist ja das Solidaritätsgefühl der

Juden in der ganzen Welt sprichwörtlich geworden. Sogar die meisten

getauften Juden machten dabei keine Ausnahme. Ja, es gehörte geradezu

zum guten Ton in der Petersburger jüdischen Gesellschaft, wohltätige

Anstalten für die Juden zu gründen, wo Hunderte von Kindern Unterkunft,

Erziehung und Bildung erhielten. --

Es ging bei uns ähnlich zu wie in so vielen anderen Familien, in denen

der Kampf um die Tradition gekämpft wurde. »Der Mann, der Verdienende,

der die Pflicht hat, die Seinigen zu versorgen, besitzt auch das größere

Recht, er ist der Herr im Hause, er kann bitten, darf aber auch

fordern,« hieß es dort. Auch mein Mann -=bat=- zuerst, und als er damit

sein Ziel nicht erreichte, -=forderte=- er die Erfüllung seiner Wünsche.

Er wurde despotisch und verlor jedes Maß.

Mit seinem schlichten, ruhigen, ehrlichen Wesen, mit dem grenzenlosen

Vertrauen, das er den Menschen entgegenbrachte, paßte er nicht hinein in

das Großstadtleben, in dessen Hasten und Streben und Ringen. Trotz

seiner Kenntnisse und Fähigkeiten ging es ihm in pekuniärer Hinsicht

nicht gut, und in dem Riesenunternehmen, an dem er teilnahm, konnte er

nicht vorwärts kommen. Das schmerzte und quälte ihn. Denn frisch noch

lebten in seiner Erinnerung die Zeiten, da er ein großer Herr war, reich

und vornehm. Wenigstens in seinem Hause, im eigenen Familienkreise

wollte er Entschädigung haben für diese Ungerechtigkeit. Hier wollte er

ganz Herr sein -- und er war es auch im vollsten Sinne. Es genügte

nicht, daß ich ihm volle Freiheit außerhalb des Hauses ließ. Ich mußte

mich selbst und mein Haus »reformieren«.

Zuerst waren es Kleinigkeiten, aber liebe, vertraute Kleinigkeiten, die

mir ans Herz gewachsen waren, von denen ich mich trennen mußte. Aber

damit waren die Umstürzler noch nicht zufrieden. Es wurde weiter

gefordert; und rücksichtslos wurden die Grundlagen unseres bisherigen

Lebens -=zerstört=-.

Hier in Petersburg war es, wo ich gleich am Anfang unseres Aufenthaltes

den »Scheitel« abnehmen mußte. Hier war es, wo ich nach heftigstem

Widerstand die koschere Küche abschaffte und allmählich -=eine=- schöne,

alte Sitte nach der anderen aus meinem Hause vertrieb. -- Nein,

ich vertrieb sie nicht, ich begleitete jede von ihnen bis zur letzten

Pforte meines Hauses mit Schluchzen und Weinen. Blutenden Herzens ließ

ich sie hinausziehen und schaute ihnen lange, lange nach -- und

war so traurig, als wenn ich das Teuerste zu Grabe brächte. Was litt ich

damals, welche Seelenkämpfe habe ich durchmachen müssen! Ich ahnte

nichts davon in meiner Jugend, als ich noch so glücklich das

beschauliche, ruhige, stolze, patriarchalische Leben in meinem

Elternhause lebte. Trotzdem ich meinen Mann so heiß und treu liebte wie

in der ersten Zeit unseres Zusammenlebens, konnte und durfte ich nicht

widerstandslos nachgeben. Für mich und für die Kinder wollte ich das

teure Gut erhalten und kämpfte einen Kampf um Sein oder Nichtsein.

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 10 / 15 段