(Liebkin), dessen Seelengröße an Hillel heranreichte. Er war hart gegen
sich und voll unsäglicher Liebe gegen andere. Er kämpfte für die
Einfachheit der Sitten. Aber die Askese sollte nie in einer Zerstörung
des Lebens ausarten. Es war im Jahre 1855, da die große Choleraepidemie
durch das Land verheerend zog. Das Volk fastete, um Buße zu tun, denn
die unheimliche Krankheit galt als Gottesgeißel. Da Rabbi Salanter aber
fürchtete, daß das Volk durch die selbstauferlegten Entbehrungen Schaden
leiden könnte, trat er nach dem Morgengebet am Jomkippur in der Synagoge
mit einem Stück Kuchen in der Hand auf den Almemor und aß vor allem
Volke davon. Durch dieses Beispiel wollte er das Volk zu gleichem Tun
ermuntern. R. Salanter war ein echter Lehrer des Volkes. Waren doch
wunderbare Menschen seine Erzieher gewesen: Reb Hirsch Broide und Reb
Sundel.
Von den Tugenden des Reb Broide weiß ich folgende Geschichten: Die
ungepflasterte Straße, an der er mit seiner alten Mutter lebte, hatte
einst ein schwerer Regenguß aufgeweicht. Reb Broide wußte, daß die alte
Mutter trotzdem ihren täglichen Synagogengang nicht unterlassen würde.
So machte er sich des Nachts daran, den Weg mit Ziegelsteinen
auszulegen, daß seine Mutter trockenen Fußes in die Schul' gehen konnte.
Ein anderes: Es erregte seine Verwunderung und war ihm zugleich ein
Schmerz, daß die Bettler ihn gar nicht aufsuchten. Er meinte, daran
könnte nur das Schloß an seiner Tür Schuld haben: es war zu fest. So
entfernte er es eines Tages ganz. Der Gute: er ahnte nicht, daß die
Bettler genau wußten, wie arm er selbst war. Sie mieden sein Haus, um
ihn nicht zu beschämen.
Reb Sundel pflegte seine Studien in Feld und Wald, in Gottes freier
Natur zu betreiben. Einmal bemerkte er, wie sein Schüler Salanter hinter
ihm her kam. Er wandte sich zu ihm mit klugen Worten und schloß mit dem
Satz: »Israel, beschäftige dich mit Strafpredigten und fürchte Gott.«
Diese Worte gruben sich dem Jüngling tief in die Seele und bestimmten
sein ganzes Leben. Sein Amt[9] in Wilna legte er bald nieder, um seiner
idealen Bestimmung nicht untreu werden zu müssen.
Wenn die Chassidim gegen die Schwermut eiferten, so wandte sich
sein Wort gegen den Übermut der Freude. Der Chassidismus lehrte,
Gott mit Freude zu dienen, die Strafprediger dagegen forderten,
Gott im Ernste zu dienen. Die Schwermut hemmt die höhere Eingebung,
behaupten die Chassidim. Die Freude führt zum Leichtsinn, entgegnen
die Strafprediger. Die Tat bringt die Erlösung, lehrte Rabbi Salanter,
und er wurde nicht müde, die Gemeinde zu Werken der Liebe aufzurufen.
Wohltätigkeit und Reue sind die Stützen der Welt. Wenn ein Mensch nur
eine Stunde am Tage in der Reue zubringt und ein einziges Mal vor
Verleumdung sich durch die Reue hütet, hat er schon eine große Tat
vollbracht. Die Wirkung seiner Rede war überwältigend. Aber der Reiz
dieser reinen Persönlichkeit war wie ein Zauber. Man wird es begreifen,
daß das Rabbinat von Litauen durch das Anwachsen der Bewegung in
Schrecken geriet. Man fürchtete, daß die Predigt der Askese zu einer
Sektenbildung führen könnte, die das Judentum streng verbietet. So
gingen die Rabbiner zu den Strafpredigern selbst und traten ihnen
entgegen. Das gab oft verwunderliche Kämpfe, für die die Aufklärung
freilich nur Spott hatte. Lebten doch in Kowno die ersten Adepten der
Lilienthalschen Bewegung.
Unter ihnen war eine der markantesten Erscheinungen der jüdische Dichter
-=Abraham Mapu=-, der dort ein bescheidenes Leben führte und durch
Unterrichten in der russischen und deutschen Sprache sein Brot
verdiente. Er war ein stiller, anspruchsloser Mensch, seinem ganzen
Wesen nach ein Lehrer, der erst in seinem kleinen Studierstübchen
auflebte und zu jenem Mapu wurde, den die jüdische Welt als ihren
-=ersten=- großen hebräischen Belletristen ehrt. Eine wunderbare Seele
lebte in diesem so unscheinbaren Gettojuden. Aus den schmalen, krummen
Gäßchen des Ansiedlungsrayons mit all ihrem Elend und ihrer Armut, aus
der dumpfen schwülen Atmosphäre des Gettolebens trug ihn seine Phantasie
in die große, glänzende Vergangenheit seines Volkes, und voll
Begeisterung schrieb er seinen ersten Roman: »-=Ahawath Zion=-«[10], die
Zionsliebe, und zeigte dem jüdischen Leser an diesen Schilderungen den
Kontrast zwischen ihrem gegenwärtigen trostlosen Dasein und der
ehemaligen Pracht und Größe des jüdischen Lebens auf dem eigenen Boden.
Diesem Romantikerwerk folgte ein wuchtiger, satirischer Tendenzroman:
»-=Ajit Zabua=-«, ein grimmer Protest gegen die althergebrachten Formen
der jüdischen Art. »-=Ajit Zabua=-« begeisterte die Jugend und empörte
die Alten. Es erhob sich ein Sturm gegen Mapu und sowohl er wie sein
Werk wurden verpönt, verspottet, verfolgt. Aber Mapu fand seine
begeisterten Anhänger unter der jüdischen Jugend. Er war ein Kämpfer für
die Aufklärung der Juden. Aber er kämpfte mit ganz neuen, bisher nie
gebrauchten Mitteln -- mit echter Poesie. Er gab der Jugend -=neue=-
Gedanken. Er wies ihnen neue Wege, eröffnete ihnen neue Horizonte und
Lebensmöglichkeiten. So manches Talent wurde durch ihn angeregt und zu
hebräischen Dichtungen begeistert.
Wir hatten oft Gelegenheit, den versonnenen Mann in unserem Hause zu
sehen. Er gab meinem ältesten Sohne Unterricht im Deutschen und
Russischen. Aber er stellte sich auch zu einem gemütlichen
Plauderstündchen ein. Mein Mann verehrte ihn sehr; und es war immer eine
Lust, der angeregten Unterhaltung zu lauschen.
Unser Leben in Kowno gestaltete sich anfänglich sehr angenehm. Mein Mann
fühlte sich hier in seinem Element, und obwohl mich die neuen Sitten
zuerst befremdet hatten, so gefiel mir doch mit der Zeit die
Geselligkeit und der freie, einfache, zugleich doch vornehme und
harmlose Verkehr der beiden Geschlechter miteinander. Meine Verlegenheit
schwand allmählich, und ich nahm gerne teil an den oft veranstalteten
Jours-fix, beobachtete, schaute zu und amüsierte mich auch. Je nach der
Stimmung.
Ich trug noch immer meinen »Scheitel«. Alle übrigen Frauen, auch die
älteren in unserem Kreise, hatten sich längst davon befreit. Ich fühlte
mich unbehaglich. Aber der Gedanke lag mir fern, dem Beispiel anderer
Frauen zu folgen, obwohl ich wußte, daß mein eigenes Haar mich nur
schmücken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so forderte mein Mann die
Entfernung des Scheitels. Ich müsse mich den Sitten der Gesellschaft
anpassen, um mich nicht dem Spotte auszusetzen.
Ich erfüllte seinen Wunsch jedoch nicht und trug die Perücke noch lange
Jahre.
Geschäftlich ging es uns in Kowno nicht gut. Es war die Zeit (1859), in
der es in Russisch-Polen und Litauen im Volke zu gären anfing. Der
polnische Aufstand bereitete sich vor. Die Geistlichkeit begann unter
dem Volke die Abstinenz (trezwost) zu predigen -- also eine Agitation
gegen den Branntwein; und da der Gewinn unseres Geschäftes an einen
ausgiebigen Branntweinverbrauch gebunden war, so drohte uns jetzt der
Ruin. Die monatliche Pachtsumme von 120000 Rubel, welche die
Konzessionäre der Staatskasse zu zahlen verpflichtet waren, konnten sie
bald nicht mehr entrichten. Die drei Familien: Kranzfeld, Gorodezki und
Wengeroff, die an dem großen Unternehmen teilnahmen, wurden materiell
vernichtet. Mein Mann hätte wohl noch seine Existenz als Angestellter
leidlich sichern können. Aber sein Großvater wollte nicht, daß er in
einem Geschäft, in dem er einmal Herr war, eine abhängige Stellung
annehme. Er gehorchte und wurde brotlos.
Die politische Propaganda in Polen riß auch die jüdische Jugend mit sich
fort. Sie nahm Teil am Aufstand, als ob es ihre eigene Sache und ihr
Vaterland wäre, für das sie kämpften. Ungehört verhallten die Warnungen
des berühmten Rabbiners Meisel in Warschau, der die Juden beschwor, zur
jüdischen Fahne, d. h. der Thora, zurückzukehren: sie gingen in den
Kampf -- für Polen!
Sie wurden aber in ihren Hoffnungen betrogen. Das stärkere Rußland
siegte. Kosaken jagten durch Polen, und ihre Nagaikas schonten die Juden
nicht. Aber sie mußten noch mehr erdulden. Sie, die ihr junges Blut
vergossen hatten und unerschrocken, opfermutig in den Reihen der
Kämpfenden gestanden, blieben die Verachteten. Man ließ sie fühlen, daß
sie -=nur Juden=- seien. Wieder einmal hatte das jüdisch-polnische
Sprichwort sich bewahrheitet: »Jak bida, to do Zyda, po bidzie za drzwi
Zydze« -- »Wenn die Not kommt, geh zum Juden, Not vorbei -- Jude raus!«
Das Frühjahr kam. Es wurde wieder still im Lande. Aber es war nicht die
Ruhe im Genusse erfüllter Wünsche und Forderungen, die lächelnde Ruhe
des Sieges. Es war jene unheimliche Stille, die in stummen Worten von
Entsetzen, von Blut und Verbannung erzählt.
Und wir -- wir standen vor dem Nichts. Nun hieß es, von neuem anfangen
und Brot suchen. Zum Glück bot sich meinem Manne bald eine Beschäftigung
beim Telegraphenbau in Wilna. Er zögerte nicht lange und ging dorthin.
Ich blieb mit den drei Kindern vorläufig in Kowno zurück. Nach kurzer
Zeit konnten wir ihm nach Wilna folgen.
Wilna.
Wilna, die einstige Residenz Litauens, war damals eine große Stadt mit
imposanten Staats- und Privatgebäuden, einem alten Rathaus, einem
Theater und großartigen, meistenteils gotischen, katholischen Kirchen,
unter denen sich die »Ostrobrama« durch besondere Pracht und durch ein
Portal von hohem künstlerischen Wert auszeichnete. Durch dieses Tor
durfte weder Christ noch Jude mit bedecktem Haupte gehen. Oft sah man
dort die Gläubigen im Vorübergehen auf die Knie fallen. Die meisten
frommen Juden vermieden es, diesen Weg zu gehen, obwohl sich das Tor im
Mittelpunkt der Stadt befindet.
Dank der reichen Magnaten, die auf ihren Gütern in der unmittelbaren
Nähe Wilnas wohnten und kommerzielle Verbindungen mit der Stadt
pflegten, blühte die Industrie in der Residenz.
Die Stadt trug zu jener Zeit noch ganz den polnischen Charakter; überall
herrschte die polnische Sprache und die ganze Lebensweise war durch
polnische Sitten bestimmt!
Aber es wurde anders: Nach dem polnischen Aufstande im Anfange der
sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde Generalgouverneur
von Wilna der berüchtigte Murawiew. Mit beispielloser Grausamkeit
hat dieser Mann das Polentum in seinem Bezirk auszurotten und das
ganze Land zu russifizieren versucht. Er war gefürchtet, aber er
fürchtete sich auch. Er lebte in seinem Palast wie ein Gefangener.
Selbst der Schornstein in seinem Arbeitszimmer war vermauert. Er
schlief in seinem Arbeitszimmer und dort wurde auch vor seinen Augen
auf einer Spiritusmaschine sein Essen bereitet. Er lebte in solcher
Abgeschiedenheit, daß das Gerücht sich bilden konnte, er existiere
überhaupt gar nicht. Er war ein Gespenst des Schreckens, eine mythische
Person. Eine kleine Episode. Jüdische Arbeiter besserten das Dach
seines Palastes aus. Dabei unterhielten sie sich über die Frage,
ob es überhaupt einen Gouverneur Murawiew gäbe. Die Antwort mußte
gefunden werden. Und als sie gerade oberhalb des einzigen Fensters
des Murawiewschen Arbeitszimmers zu tun hatten, ließen sie an einem
starken Seil den Lehrjungen herunter, damit er durch das Fenster in das
Zimmer hineingucken könne. Als der Junge nun vor dem Fenster schwebte,
erblickte ihn der Gouverneur, der im ersten Moment furchtbar erschrak.
Denn er glaubte, daß auf raffinierte Weise ein Attentat geplant sei.
Er schlug Lärm. Der ganz entsetzte Lehrjunge wurde abgeschnitten. Als
Murawiew den zitternden, halbwüchsigen Knaben nun vor sich stehen sah,
mußte er lachen und er entließ den Kleinen ruhig, ohne ihn die Ruten
kosten zu lassen. -- Häufig kam es allerdings nicht vor, daß Murawiew
Milde walten ließ. Die Henkersknechte kamen unter seiner Herrschaft
nicht zur Ruhe. Es war ein fast alltägliches Ereignis, daß unter
Trommelwirbeln unglückliche Menschen zum Richtplatz geführt wurden.
Immer fand sich dabei eine große Menschenmenge ein, die von Schmerz
und Mitleid, oft auch von Wut und Ingrimm ergriffen, den armen dem
Tode Geweihten das Geleit gaben. Wir saßen eines Morgens am Teetisch,
als dumpfe Trommelklänge uns aufschreckten. Ans Fenster eilend, sahen
wir auf einem von einem einzigen Pferde gezogenen primitiven Wagen
drei Männer zur Richtstatt fahren. Das Gefährt bestand aus einem auf
vier Rädern ruhenden Brett. Darauf stand eine Bank mit einer Lehne und
einer Tafel, auf der die Namen der sogenannten Verbrecher verzeichnet
waren. Dieses Fahrzeug nannte man den Pranger. Es bewegte sich durch
die Straßen bis zu dem großen Marktplatz, wo ein Galgen errichtet war,
an dessen Fuße das Fahrzeug halt machte. Die Henkersknechte mußten die
schon vor Furcht halbtoten Delinquenten stützen, um sie zum Gerüst zu
führen. Dort wurden ihnen Säcke über die Köpfe und die Schnur um den
Hals geworfen und mit einem einzigen Zuziehen der Schnur wurde die
Hinrichtung aller drei vollzogen. Mit Schaudern und Entsetzen sehe ich
noch heute die baumelnden Körper in Todeszucken vor mir und werde den
Anblick wohl nie vergessen können. -- Daß unter der Herrschaft dieses
Gestrengen und in der Erinnerung an die zahllosen Opfer des polnischen
Aufstandes das erregte Volk in trüber Stimmung lebte, begreift
man leicht. Alle -- Christen und Juden -- trugen Jahre hindurch
Trauerkleider. Es galt als ein Verbrechen, selbst bei festlichen
Gelegenheiten, im Theater oder bei Konzerten in hellen Kleidern zu
erscheinen. Wagte es aber jemand, so konnte er sicher sein, daß sein
Anzug von einem polnischen Patrioten mit Petroleum begossen wurde.
Als wir nach Wilna hinkamen, hatte die Stadt noch ihr altes Gepräge.
Politisch eine Stadt des stolzen Polentums; kulturell -- so weit es die
Juden betrifft -- eine Hochburg jüdischer Geistesaristokratie.
Die jüdische Gesellschaft in dieser Stadt, die das jüdische Athen
von Litauen genannt wurde, bestand aus vielen vornehmen, reichen
und meistenteils noch sehr konservativen Familien und aus einer
kleinen Gruppe Fortgeschrittener -- den Vertretern der neuen Ideen.
Diese Aufgeklärten verhielten sich aber kleinlaut und wagten nicht,
wie in Kowno, rücksichtslos gegen die Tradition aufzutreten. Denn
hier in Wilna besaßen die Alten die Autorität. Ihren Führern, wie
Reb Elia, dem Wilnaer Gaon, Reb Akiba Eiger, hat die Nachwelt den
Ehrentitel der »Patriarchen« beigelegt. Diese Namen lebten in ihrem
ganzen Glanze in der Erinnerung der Juden fort. Wilna, die Stätte
der Talmudgelehrsamkeit, die Stadt der großen Gemeinde mit ihren
zahlreichen Lehrhäusern (Bothemidraschim) und dem berühmten Schulhof,
wo Hunderte alter und junger Männer Tage und Nächte den Talmud
studierten -- dieses Wilna wirkte erdrückend auf die Modernen; und
sie wagten sich nicht mit ihrer »aufgeklärten Irreligiosität« in die
Öffentlichkeit.
Die neue Umgebung übte einen sehr günstigen Einfluß auf meinen Mann aus;
und ich freute mich zu sehen, wie er ohne Zwang, nur innerem Bedürfnis
folgend, sich wieder dem Talmudstudium zuwandte und auf dem Irrwege, den
er betreten hatte, ein Stück zurückging. Er unterrichtete jetzt selbst
unseren Sohn Simon in der hebräischen Sprache, las mit ihm die Bibel und
die Mischnah, was er in Kowno nie getan hätte; er beschloß auch, den
Jungen in die Rabbinerschule zu geben.
Hier in Wilna traf ich mit meiner Schwester Helene, die ich während des
Brautjahres gepflegt und noch leidend zurückgelassen hatte, zusammen.
Sie lebte hier als verheiratete Frau mit ihrem Manne und ihren Kindern.
Die Freude des Wiedersehens war groß, aber sie währte nicht lange.
Unsere pekuniären Verhältnisse wurden von Tag zu Tag schlimmer; bis sich
mein Mann entschließen mußte, anderswo eine Beschäftigung zu suchen. Er
ging allein nach Petersburg, wo er bei unserem Schwager Sack, der dort
in reichen Verhältnissen lebte, brüderlich aufgenommen wurde. In diesem
Hause verkehrten Kaufleute großen Stils; und durch ihre Vermittlung fand
sich bald für meinen Mann eine Beschäftigung. In der Festung der
Hauptstadt Helsingfors am Finnischen Meerbusen, in Sweaborg, sollte eine
Kaserne gebaut werden. Bei diesem Unternehmen erhielt mein Mann eine
gute Anstellung. Im März 1866 ging er dorthin, und noch im Frühjahr
desselben Jahres folgte ich ihm mit den Kindern nach Helsingfors.
Da wir in Helsingfors in der Festung wohnen sollten, erwachte in mir die
Sorge um den Unterricht für meine beiden älteren Kinder, und ich
beschloß, sie nach Mitau zum Rabbiner zu bringen. Ich wandte mich
schriftlich an ihn. -- Er ging auf alle Bedingungen ein und versicherte
mich in seinem Antwortschreiben, die Kinder würden in seinem Hause eine
durchaus moderne, europäische Bildung erhalten. Diese Aussicht
beunruhigte mich aber, und ich schrieb ihm wieder, ich hoffe, daß er
trotz der modernen Erziehung eine koschere Küche führe, andernfalls
könnte ich ihm die Kinder nicht anvertrauen. Ich erhielt einen
befriedigenden Bescheid und ging an die Ausführung meines Planes. Ein
seltsamer Zufall vereitelte jedoch mein Vorhaben: Ich setzte mich mit
den beiden Kindern in einen falschen Zug, stieg ein paarmal um und kam
statt nach Mitau in eine mir völlig unbekannte Stadt, und erfuhr zu
meinem großen Ärger, daß ich mich Wilna näher als dem Ziel meiner Reise
befand. Dieser Zufall war entscheidend, und meine Kinder kamen nicht in
die Schule zum Mitauer Rabbiner. -- Kleine Ursachen, große Folgen.
Der verabredete Termin des Zusammentreffens mit meinem Mann, der uns
nach Petersburg entgegenkommen sollte, rückte heran. Es blieb mir keine
Zeit übrig. Ich trat daher sogleich die Rückreise nach Wilna an. Bald
trafen wir in Petersburg zusammen. Ich erzählte meinem Mann die
Geschichte mit den falschen Zügen. Er lachte und freute sich, daß wir
nun doch alle beisammen blieben. Am nächsten Tage bestiegen wir den
Dampfer, der uns nach Helsingfors bringen sollte.
Und wiederum blühte die Hoffnung auf bessere Zeiten.
Helsingfors.
Wir gelangten nach der Festung Sweaborg. Fremdes Volk, fremde Sitten und
Gebräuche. Eine fremde Sprache! Ich verstand weder Finnisch noch
Schwedisch und konnte mich mit der einheimischen Dienerschaft nur durch
Vermittelung des einzigen russischen Angestellten verständigen. Aber
schon nach Verlauf von zwei Monaten gelang es mir, mit Hilfe der
Ollendorfschen Methode so viel zu erlernen, wie ich notwendig brauchte.
Trotz des rauhen Nordens und des siebenmonatlichen strengen Winters
lebte hier in Helsingsfors ein munteres, lebenslustiges, intelligentes
Volk, Schweden und Finnen. Äußerlich sind diese beiden Nationen leicht
voneinander zu unterscheiden. Während die Finnen, Männer wie Frauen,
einen robusten vierschrötigen Typus mit blondem Haar, Kartoffelnase und
kleinen Äuglein darstellen, sind die Schweden hochgewachsen mit feinen,
edlen Gesichtszügen, wundervollem, starkem, blondem Haar und gesunden,
großen, weißen Zähnen. Die Bevölkerung lebte hier sehr bescheiden.
Trotzdem die Lebensmittel sehr billig waren, bestand ihre Mahlzeit
gewöhnlich aus Hering, gekochten Kartoffeln und Schwarzbrot. Dieses
Schwarzbrot wurde nach der Landessitte sowohl vom Volk wie von der
Bürgerklasse im Herbst gebacken und ein Vorrat für den ganzen Winter
vorbereitet. Es hatte eine runde Form; in der Mitte war ein Loch. Man
zog sie alle auf eine Schnur und hängte sie so zum Trocknen auf. Diesem
trocknen Schwarzbrot, so behauptet die Bevölkerung, verdankt sie ihre
gesunden, schönen, weißen Zähne.
Auch die Wohlhabenden in der Stadt führten eine äußerst bescheidene
Lebensweise, und ihre Mahlzeiten waren auch nicht viel üppiger. Dafür
wurde aber in anderer Hinsicht geradezu Luxus getrieben: im Punkte
Bildung und Vergnügungen kannte man in Helsingfors keine Sparsamkeit.
Die Stadt, die nur zwanzigtausend Einwohner hatte, besaß zwei Theater,
drei Leihbibliotheken, komfortable Hotels und zahlreiche Cafés.
Es war ein freies, stolzes Volk, das hier lebte, stolz besonders den
Fremden -- Russen -- gegenüber, die es »rüssene Pergele« (Russenteufel)
nannte. Wenn man einem Bettler ein Almosen gab, so drückte er wohl
dankbar dem Geber die Hand. Ein Droschkenkutscher aber lehnte fast immer
das Trinkgeld stolz ab.
Auch geistig war die Bevölkerung fortgeschritten, interessierte sich
für das, was in der großen Welt vorging. Nie kehrte ein Bauer, der die
Ware in die Stadt brachte, ohne seine Zeitung »Soimele« (»Finnland«)
aufs Land zurück.
Unsere Wohnung war in einer Kasematte und bestand aus vier kleinen,
dunklen Räumen, deren Wände aus mächtigen, wohl zwei Meter dicken
Granitsteinen zusammengefügt waren. Wunderlich war unser Schlafzimmer.
Es hatte ein Fensterbrett, auf dem ein Tisch und Stühle Platz hatten.
Freilich war es für andere Zwecke bestimmt. Während eines Krieges sollte
da ein weniger friedliches Möbel stehen: eine Kanone! Aber einen Vorzug
hatte dieses Schlafzimmer: von dem Fenster gab es eine herrliche
Aussicht auf den Finnischen Meerbusen mit seinen dunklen, waldigen
Ufern. Hier war mein Lieblingsplätzchen. Hier pflegte ich mit den
Kindern zu sitzen, bei einer Handarbeit auszuruhen. Hier konnte ich
träumen, stundenlang auf das weite Meer schauen und seinem ewigen,
geheimnisvollen Murmeln lauschen.
Wir wohnten in der unmittelbaren Nähe des Kommandanten und der
Offiziere, mit denen wir auch bald bekannt wurden und die bald in
unserem Hause verkehrten.
Einer von ihnen erklärte sich bereit, meinen älteren Sohn in der
russischen Sprache zu unterrichten. Mein Mann warf sich eifrig auf das
Studium des Finnischen und Schwedischen und machte bald so große
Fortschritte, daß er sich der beiden Sprachen in geschäftlichen
Angelegenheiten bedienen konnte. Daneben lernte er mit der Tochter
englisch. Die beiden älteren Kinder besuchten eine französische Schule
in der Stadt. Jeden Tag mußten sie über das Meer fahren.
Ich war stolz, so viel Wißbegier bei meinem Manne und der
heranwachsenden Jugend zu sehen, stolz, glücklich und doch zugleich
auch traurig, denn der Lerntrieb erstreckte sich nicht auf das, was mir
vor allem heilig und wert war.
Hier in Helsingfors lebten wir fern von allem Jüdischen. In diesem Lande
bestand nur eine kleine Gemeinde alter Soldaten, die noch seit der Zeit
Nikolaus I. das Privilegium, hier zu wohnen, besaßen. Sie hatten eine
kleine Synagoge und einen sogenannten Rabbiner, der zugleich Schochet
(Schächter) war.
Eine Gemeinde »Nikolajewsker« Soldaten. Das sagt für die Eingeweihten
genug. In den zwanziger Jahren hatte man die Juden auf alle mögliche
Weise zum Heeresdienst, der fünfundzwanzig Jahre dauerte, herangezogen.
Herangeschleppt! Galt doch infolge der Härte und Länge der Dienst für
schlimmer als der Tod. Was Wunder, daß die ausgemergelten Juden sich in
diesen Abgrund nicht bei Lebzeiten schleudern lassen wollten. Da man
aber für die Ergreifung eines flüchtigen jüdischen Jünglings -- sie
waren oft nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre -- 20-30 Rubel
bezahlte, so fanden sich natürlich auch unter den Juden Subjekte, die
ein Geschäft daraus machten, möglichst viel solchen Sündengeldes zu
verdienen. Näherte sich so ein »Chapperl«[11] zum Beispiel einer
Schneiderstube, so kam schnell ein guter Freund, um die Schneiderjungen
zu warnen -- und alles floh rascher als vor der Pest, wo sich nur ein
Versteck bieten wollte. Die Ergriffenen nannte man mit dem russischen
Wort »Pojmeniky«, (Ergriffene).
In einem kleinen Volksliedchen heißt es:
Sitzen Schneider arim Tisch
Oj, oj, oj nähen
Kimmt a giter Briderl
Ün sagt die Chapperlach gehen!
Die Zahl dieser Volkslieder ist unendlich groß. Eine Reihe geradezu
ergreifender Stücke ist in der trefflichen Sammlung von Günzburg und
Marek zusammengestellt. Einige möchte ich aus meiner Erinnerung hierher
stellen.
Wie es is bitter,
Meine liebe Mitter,
:|: A Schiffele auf'n grünem Gros:|:
Asoj is bitter, meine liebe Mitter,
M' tüt doch mir chappen,
:|: Wie a Hås:|:
Nit wejn i nit schrei,
Meine liebe Mitter,
:|: Nit ich bin dos allein.:|:
Nemmt mir, ŭn vor meinem Herzen
:|: Setz ich mir anieder und wein.:|:
Wie es is bitter, meine liebe Mitter,
:|: A Bäumele ohn Ritter (_Zweige_).:|:
Asoj is bitter, meine liebe Mitter
M' tut doch mir machen
Far a Moskowiter.
Ein anderes Lied lautet:
As och ün' Weih zu jüdische Kinder,
Sint sei hoben gesehen die Like Liwone[12].
Vün jener Zeit un hoben sei