Arzt kam und verordnete strenge Diät. Noch an demselben Abend erkrankte
meine Schwester ganz unmittelbar und plötzlich, nachdem sie noch einige
Augenblicke vorher an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte. Ich war vor
Angst einfach wie besessen, brach zusammen und mußte ins Bett gebracht
werden. -- Meine Schwester genas. Aber ihr Kindchen, das sie selber
nährte, steckte sie an, und es starb nach einem Tage furchtbarer
Schmerzen.
Die Seuche verbreitete sich von Sebastopol über das ganze Land mit
Riesenschritten, und tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Und es
waren gar viele Verwandte und Freunde dabei.
Kein Wunder! Es konnte bei den damaligen hygienischen Verhältnissen
nicht anders sein, bei dem vollkommenen Mangel aller Vorsichtsmaßregeln.
Wie günstig mußten die Bedingungen für die Verbreitung der Cholera in
den -=fünfziger=- Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, wenn noch
jetzt, 1908, die Cholera den ganzen Sommer, Herbst und bis spät in den
Winter hinein wütet und ihr so viele Menschen wie Fliegen auf der Straße
zum Opfer fallen. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen, ein
Zeitraum, in welchem gerade die westeuropäische Kultur nach dieser
Richtung so große Fortschritte gemacht hat. Aber zwischen Westeuropa und
Rußland besteht eine strenge Grenze, und der Fortschritt schleicht sich
in Rußland nur auf Schmugglerwegen ein: St. Petersburg besitzt noch
heute keine Kanalisation, und das Volk glaubt nicht an die kleinen
verderblichen Bakterien, die im klaren Wasser leben sollen.
Nicht ohne Interesse ist es, daß unter den Juden die Epidemie ungleich
weniger verbreitet war als unter der übrigen nichtjüdischen Bevölkerung.
Ihr Leben war durch das Gesetz geregelt, war einfacher und entsprach mit
seinen zahlreichen Waschungen, den strengen Speiseverboten wesentlich
mehr allen hygienischen Forderungen.
Ich selbst litt furchtbar, wurde immer schwächer und lag tagelang
apathisch und melancholisch zu Bett. Mein Gemüt war unter dem Eindruck
der letzten Erlebnisse erschüttert.
Und so kam der Juli. Eines Tages erhielt meine Schwester die frohe
Nachricht von der Ankunft ihres Mannes. Wir freuten uns alle herzlich
auf sein Kommen; und diese freudige Erwartung brachte einen freundlichen
Schein in unser so düsteres Leben. Während der Anwesenheit unseres
Schwagers Abraham Sack, der ein munteres, heiteres Wesen besaß, verlor
sich meine Schwermut ein wenig, und ich atmete freier auf. In den zehn
Tagen seines Aufenthaltes bei uns führten wir alle unser altes normales
Leben. Er verreiste voll Hoffnung auf eine Besserung seiner materiellen
Verhältnisse. Mit ihm verließ die Freudigkeit wieder unser Haus. Ich
verfiel von neuem in trübe, melancholische Stimmung. Meine Schwester
blieb zurück und wartete weiter und harrte von Tag zu Tag, von Woche zu
Woche auf Nachrichten. Sie litt unsäglich und fürchtete schon das
Schlimmste. Aber Gott hat Erbarmen. Je größer die Not, um so näher die
Hilfe. Der langersehnte Brief kam an. Er war an mich adressiert und
enthielt ein Schreiben für mich, ein zweites für Schwester Kathy. Mein
Schwager berichtete von der glücklichen Wendung in dem Gange seiner
Geschäfte, die ihm nunmehr endlich gestatteten, seine Frau wieder zu
sich zu nehmen. Unsere Freude hatte keine Grenzen. Wir jauchzten den
ganzen Tag vor Glück, und meine Schwester vergoß Tränen der Rührung und
Dankbarkeit. Ich half ihr beim Packen, und in kurzer Zeit war sie zur
Abreise fertig. Ich begleitete sie mit meinem Mann bis nach Poltawa, wo
wir ihr halfen, eine elegante Equipage mit drei guten Pferden zu kaufen,
einen Kutscher und eine jüdische Köchin mieteten und sie sodann
weiterbeförderten.
Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war ein reicher Mann
geworden. Das war eine der großen Schicksalswendungen, die das
Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische,
verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Rußland in
rascherem Tempo rollen ließ und mit einem mächtigen Stoß alles Obere zu
unterst, alles Untere zu oberst kehrte.
Meines Schwagers Genius führte ihn immer höher und höher, sein
Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch
die Zeit war günstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue
Ära war angebrochen. Tüchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt
in Rußland auf allen Gebieten betätigen. --
-- Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre übernahmen die drei
großen »Otkupscheriki« -- der Großvater und der Vater meines Mannes und
Herr Kranzfeld -- die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols
-- eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte.
In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde
Chef des Bureaus.
Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. -- Wir liquidierten unser
Geschäft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach
Kowno.
Ehe ich aber von meinen weiteren persönlichen Lebensschicksalen weiter
erzähle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht
nur im Leben ganz Rußlands, sondern speziell für die Juden den Beginn
einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung
Alexanders II.
Alexander II.
Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging
golden auf und weckte mit ihren erwärmenden Strahlen alle verborgenen
Keime zur Blüte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron.
Dieser edle, feinsinnige Fürst gemahnte an die Sprüche des königlichen
Psalmensängers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):
»Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhöht
er den Dürftigen, daß er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen
seines Volkes.
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.«
Alexander II. hat diese Worte tatsächlich in Erfüllung gebracht, indem
er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite
und auch uns Juden die drückendsten Fesseln löste. Er öffnete uns die
Tore seiner Residenzen, so daß ein Schwarm jüdischer Jünglinge sich in
die Hauptstädte ergoß, um an den Universitäten den Durst nach
westeuropäischer Bildung zu stillen.
In dieser glänzenden Periode geistiger Blüte durfte und konnte sich der
geknechtete Geist der Juden wieder nach Herzenslust recken und strecken.
Der Jude nahm jetzt an der freudigen Aufregung des großen Volkes teil,
an dem Aufschwunge der schönen Künste, an der Entwicklung der
Wissenschaften und trug damit sein Scherflein zu dem geistigen Gut des
Landes bei. Die Wirkungen der Reform der vierziger Jahre zeigten sich
bereits nach zwei Dezennien. Es gab da schon eine Reihe jüdischer
Professoren, Ärzte, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, die
auch im Auslande Anerkennung fanden und ihrem Lande Ehre machten.
Für die Emanzipation der Juden in Rußland sind Generalgouverneur von
Neurußland und Bessarabien Graf Alexander Strogonow und
Generalgouverneur von der Krim Graf Woronzow in den Jahren 1856-1858
energisch eingetreten[8]. Sie äußerten ihre Meinung in der Antwort auf
die Anfrage der eingesetzten Kommission (der Vorsitzende dieser
Kommission war Graf Kisselew) zur Lösung der Judenfrage in Rußland wie
folgt:
»Wenn die Juden auf das einheimische Volk einen schlechten Einfluß
ausüben sollten, so ist es doch nicht ratsam, sie im Nordwesten
Rußlands, auf dem kleinen Teil des Einheimischen zu lassen. -- Unserer
Ansicht und Erfahrung nach wäre es doch rationeller, diese wenigen
Millionen Juden Rußlands auf das ganze große Reich zu verteilen und sie
damit unschädlich zu machen. Ich bin auch nicht weit von der Meinung
entfernt, daß unser einheimisches Volk von den Juden so manches Gute,
wie den Handel und die Enthaltsamkeit vom Trinken, Bescheidenheit im
Essen, lernen könnte. -- Es ist unrecht, unserer Meinung nach, diesem
historisch ältesten Volke alle Rechte zu rauben, die das einheimische
Volk besitzt, und zu gleicher Zeit alle Pflichten zu fordern, Geld
und Menschenmaterial zum Schutz und Trutz des Landes gegen die Feinde
aufzubieten! Nicht mit Strenge kann und soll man Fehler eines Volkes
aus dem Wege schaffen. Wir wollen wie die westeuropäischen Staaten
den Juden erst die Gleichberechtigung geben, dann wird ihr angeblich
unmoralisches Wesen sich bessern können. Die Befreiung vom Drucke,
vom Elend wird schneller wie alle repressiven Mittel helfen. Sie
sind von allen höheren Ämtern im Lande ausgeschlossen, so müssen sie
notgedrungen zum Handel greifen, manchmal auch zum Betruge. Daß sie
aber fleißig, befähigt, beharrlich in ihrem religiösen alten Glauben
sind, kann niemand leugnen.« Die Kommission antwortete, daß sich in
den westeuropäischen Staaten viel weniger Juden finden als in Rußland;
auch wären sie viel gebildeter. Hier habe man noch Schwierigkeiten, den
Juden die Bildung beizubringen.
Die Entwicklung der Dinge brachte es mit sich, daß die Juden auch auf
dem Gebiete des Handels und der Industrie einen ungeahnten Einfluß
gewannen. Niemals vorher und nachher kannten die Juden in St. Petersburg
ein so reiches und vornehmes Leben wie damals, da die Finanzgeschäfte
in den Residenzen zum guten Teil in ihren Händen lagen. Es entstanden
jüdische Bankhäuser. Es wurden Aktiengesellschaften gegründet, die Juden
leiteten. Die Börsen- und Bankgeschäfte nahmen unerwartete Dimensionen
an. Hier auf der Börse fühlte sich der Jude in seinem Element. Die Börse
schuf oft über Nacht reiche Leute. Aber auch so mancher stürzte in die
Tiefe. Diese Art geschäftlicher Tätigkeit war in Rußland etwas Neues.
Von den Juden aber wurde sie geradezu genial erfaßt, selbst von denen,
deren Erzieher nur der Talmud gewesen. --
Gegen Ende der fünfziger Jahre erfuhr das alte Branntweinmonopol »Otkup«
eine Einschränkung, die zugleich in mancher Beziehung eine Verbesserung
war. Hatten sich seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele Kaufleute,
Juden, Russen und Griechen, an diesem Geschäft bereichert, so
entwickelte sich jetzt das Akzisesystem, das in dem vollständigen
Branntweinmonopol der Regierung landete. Schon die Einführung der Akzise
machte das Geschäft für die Unternehmer unlohnend. Mit dem Monopol der
Regierung hörte die Privatinitiative vollständig auf. Da wandten die
jüdischen Kaufleute ihr Kapital anderen Erwerbszweigen zu und
entwickelten eine große Tätigkeit besonders auf dem Gebiete der
Eisenbahnkonzessionen. Hier fand ihr nüchterner und reger Geist ein
dankbares Feld. Großer Gewinn belohnte ihre Mühe und brachte große
Kapitalien in ihre Hände. Die völlig neue Beschäftigung erheischte
freilich eine Lebensweise, die von der altgewohnten bedeutend abwich.
Die jüdische Religion und die Tradition kamen ins Gedränge. Mit dieser
Tätigkeit ließ es sich eben kaum noch vereinen, daß die jüdischen
Angestellten wie einst das Studium des Talmuds pflegen und alle
religiösen Vorschriften getreulich beobachten konnten. Die Bezeichnungen
»Akzisnik«, d. h. ein beim »Otkup« oder bei der Akzise Angestellter, und
»Schmin-Defernik«, das ist ein Angestellter beim Bahnbau (chemin de
fer), waren gleichsam Spitznamen geworden. Und die altjüdische
Gesellschaft mußte die Nichtbeachtung der überlieferten Gebräuche bei
diesen jungen Leuten ebenso dulden wie bei den jüdischen Bankbeamten,
die den Sabbath und die Feiertage zu ignorieren gezwungen waren und auch
nicht -=eine=- Stunde mehr am Tage dem Talmud widmen konnten und --
wollten.
Ein Volksliedchen gibt diesen Zuständen humoristischen Ausdruck:
Un akzisne junge Lait
Sainen varschait: (_ausgelassen_, _liederlich_)
Golen (_rasieren_) die Bärdelach
Un reiten auf Ferdelach
Geihen in Galoschen
Un essen ungewaschen.
Aus dieser Zeit stammt auch ein Scherzlied Michael Gordons: »Ihr seid
doch Reb Jüd in Poltawa gewesen«, das in einer launigen Melodie bald
weit über die Grenzen Rußlands bekannt wurde.
Zwei Worte sagte meine kluge Mutter.
»Zwei Dinge kann ich gewiß sagen: ich un mein >Dor< (Generation) wellen
gewiß als Juden leben und sterben; unsere Einiklach (Enkel) wellen gewiß
nicht als Juden leben und sterben. Nor wos von unsere Kinder wet weren,
kenn ich nit >raten< (erraten, voraussehen).« Die beiden ersten
prophetischen Behauptungen haben sich teilweise erfüllt, die dritte geht
auch in Erfüllung, denn unsere Generation stellt eine Art Zwitterding
dar.
Hingerissen von dem unaufhaltsam vorwärtsdringenden Strom der neuen
westeuropäischen Bildung, haben wir selbst im vorgerückten Alter uns
bemüht, auf mannigfachen Gebieten der Wissenschaft und in fremden
Sprachen uns Kenntnisse anzueignen.
Während aber andere Völker und Nationen von den modernen und fremden
Strömungen und Ideen nur aufnehmen, was ihrem Wesen entspricht und dabei
ihre Individualität und Eigenart bewahren, lastet auf dem jüdischen
Volke der Fluch, daß es das Fremde und Neue sich fast nie anders
aneignet, als indem es sich vom Alten, von seinem Eigensten und
Heiligsten lossagt.
Wie wirbelten im Gehirn der jüdisch-russischen Männer die modernen Ideen
chaotisch durcheinander! Plötzlich, mächtig, unaufhaltsam drang der
Geist der sechziger und siebziger Jahre in das jüdische Leben hinein und
zerstörte seinen bisherigen Charakter. Rücksichtslos sagte man sich vom
Alten los. Die alten Familienideale schwanden, ohne daß neue aufkommen
konnten.
Bei den meisten jüdischen Frauen jener Zeit hatten Religion und
Tradition derart ihr innerstes Wesen durchdrungen, daß sie ihre
Verletzung fast wie einen physischen Schmerz empfanden und deswegen
einen schweren Kampf in ihrem engsten Familienkreis zu bestehen hatten.
In dieser Übergangsperiode wurde der Mutter, der natürlichen Erzieherin
ihres Kindes, das Recht der Erziehung nur für jene Zeit zugebilligt, in
der das Kind nichts als schwere Opfer und schwere Pflichterfüllung
erfordert. Sobald aber die Zeit der geistigen Erziehung heranrückte, da
wurden die Mütter brutal beiseite geschoben, da endeten ihr Walten und
ihre Sorge um das Kind. Die Frau, die an den Traditionen noch mit jeder
Fiber ihres Wesens hing, wollte sie auch ihrem Kinde beibringen: die
Sittenlehre der jüdischen Religion, die Traditionen ihres Glaubens, die
Weihe des Sabbaths und der Feiertage, die hebräische Sprache, das Lernen
der Bibel, dieses Buches aller Bücher, dieses Werkes aller Zeiten und
Völker. Diesen ganzen Reichtum wollte sie in schönen und erhabenen
Formen ihren Kindern übergeben -- zugleich mit den Ergebnissen der
Aufklärung, zugleich mit dem Neuen, das die westeuropäische Kultur
gebracht hatte. Aber auf alle Bitten und Einwände erhielten sie von
ihren Männern stets die gleiche Antwort: »Die Kinder brauchen keine
Religion!« Vom Maßhalten haben die jüdischen jungen Männer jener Zeit
nichts gewußt, und sie -=wollten=- auch nichts davon wissen. In ihrer
Unerfahrenheit wollten sie unvermittelt den gefährlichen Sprung von der
untersten Stufe der Bildung gleich zur obersten machen. Manche
verlangten von den Frauen nicht nur Zustimmung, sondern auch
Unterwerfung, -- sie verlangten von ihnen die Abschaffung alles dessen,
was gestern noch heilig war. Alle modernen Ideen, wie Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit, in der Gesellschaft predigend, waren diese
jungen Leute zu Hause ihren Frauen gegenüber die größten Despoten, die
rücksichtslos die Erfüllung ihrer Wünsche forderten. Es gab erbitterte
Kämpfe innerhalb des bis jetzt so patriarchalischen und beschaulich
dahinfließenden Familienlebens. Gar manche Frau wollte nicht nachgeben.
Sie ließ ihrem Manne volle Freiheit außerhalb des Hauses, verlangte aber
im eigenen Hause die Ehrung der alten, lieben Bräuche. Daß dieses
Doppelleben nicht auf die Dauer möglich war, begreift sich leicht. Der
Zeitgeist siegte in diesem Kampfe; und blutenden Herzens gaben die
Schwächeren nach. Wie das so kam bei den anderen und bei mir, davon will
ich in den nächsten Kapiteln erzählen.
Kowno.
Ich war sehr froh, daß das Schicksal uns 1859 wieder nach Litauen
brachte, wo das Leben großzügiger, inhaltreicher, und die Juden
intelligenter waren. Wir siedelten uns in Kowno an, das damals ein
kleines, schönes Provinzstädtchen war. Juden bildeten den Stamm der
Bevölkerung. Sie sprachen hier ein Gemisch von Hebräisch und Deutsch.
Das preußische Grenzstädtchen Tauroggen war nicht fern. So kam es wohl,
daß ihre ganze Lebensweise von deutscher Art nicht unwesentlich
beeinflußt wurde.
Während in den übrigen Städten Litauens die jüdische Tradition noch
völlig unberührt blieb, hatte sich in Kowno allmählich der Zwang der
Überlieferung gelockert. Als wir nach Kowno kamen, war die Aufklärung
dort in vollem Gange, und die neuen Ideen fanden ihre begeisterten
Vertreter. Es herrschte in den vorgeschrittenen jüdischen Häusern,
zumeist bei den reichen Kaufmannsfamilien, deren Väter und Söhne in
geschäftlicher Verbindung mit Deutschland standen und häufig über die
Grenze kamen, der Abfall. Man behielt eigentlich nur noch die koschere
Küche bei.
Der Sabbath wurde von den Männern nicht mehr heilig gehalten und
unterbrach den Eifer der Geschäfte nicht. War der Jude früher nach den
Worten Heines durch die ganze Woche ein Hund, der sich erst am Sabbath
als Prinz und am Sedertisch des Pesach als Herrscher entzauberte, so
lebten die Männer der zweiten Generation eigentlich das ganze Jahr wie
die Hunde; ohne Ruhe und Rast, immer in Sorgen und Arbeit. Der Geist
stieg nicht empor in himmlische Sphären, und der Körper raffte nicht
mehr in der strengen Ruhe des Sabbaths seine in der Arbeit der Woche
verlorenen Kräfte zusammen. Es war eine seltsam gemischte unruhige
Stimmung am Sabbath. Die Frauen, die ja ihrer ganzen Natur nach zäher am
Alten hängen, pflegten ja noch am Freitag Abend Sabbathlichte anzuzünden
und das Gebet zu sprechen. Aber der aufgeklärte Herr Gemahl steckte sich
seine Zigarette daran an, und ihr sonst so friedliches Gesicht verzog
sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Mit derselben Herzlichkeit, mit der
der Hausherr einst die Sabbathengel begrüßt hatte, hieß er jetzt seine
Freunde willkommen, um mit ihnen Préférence zu spielen. Der
Kidduschbecher stand zwar mit Wein gefüllt auf dem Tisch. Aber niemand
nippte daran. Er war zu einem Symbol geworden. Aber die gefüllten
Pfefferfische -- so weit ging die Abtrünnigkeit nicht, um auch sie vom
Freitag-Abendtisch zu verbannen. Die Barches blieben auch erhalten. Nur
daß eben die Dienerin sie fein säuberlich geschnitten auf dem Brotkorb
servierte. An die Stelle der Sabbathlieder, der Semiraus, traten
Humoresken, Anekdoten -- das ganze Gebiet des jüdischen Witzes. Das
Kartenspiel aber durfte sich weit über die Mitternacht hinziehen. Denn
keine Chewra t'hillim erwartete die Herren am frühen Morgen zum Gebet.
Und die christlichen Bedienten konnten ruhig schlafen gehen. Denn der
Sabbath hinderte die Männer nicht, die Kerzen selbst zu löschen. Am
Samstag stand man früher auf als gewöhnlich. Es war ein Tag vor dem
Sonntag, und da gab es im Geschäft besonders viel zu tun. Aber auch am
Sonntag wurde fleißig gearbeitet. Denn ein letzter Rest nationalen
Trotzes hielt doch alle ab, diesen Tag etwa festlich zu begehen.
Selbstverständlich war auch der Verkehr der beiden Geschlechter
miteinander ein wesentlich anderer geworden. Man veranstaltete
Tanzabende, an denen nicht nur die Jugend, sondern auch die
verheirateten Frauen und Männer unserer Generation teilnahmen. Daß junge
Mädchen von solchen Zusammenkünften in Herrenbegleitung nach Hause
gingen, war ganz selbstverständlich geworden; und es ergab sich bei
diesen Sitten von selbst, daß in den Häusern, wo erwachsene Mädchen
waren, auch junge Herren verkehrten. -- Auch in den Gesprächen herrschte
ein freierer Ton. Jene Innigkeit, mit der man einst die Eisches chajil
(die Heldenfrau) besungen hatte, wurde verdrängt von der aufflackernden
Begeisterung für die Operettendiva, die gerade das Tagesgespräch hergab.
Der Zynismus war der neuen Generation nicht fremd geblieben.
Das Talmudstudium hörte natürlich in diesen fortschrittlichen Kreisen
vollständig auf. Nur hier und da setzte ein Romantiker, der vom Alten
nicht lassen konnte, sein Talmudstudium weiter fort und ließ auch seine
Kinder im Talmud unterrichten. Bei den »Gebildeten« kam das nur selten
vor.
Sogar unter den ganz Frommen sahen manche Eltern die Notwendigkeit der
europäischen Bildung für ihre Kinder ein und erlaubten ihnen, in der
Residenz zu studieren. Eines aber forderten sie von ihren Söhnen
unbedingt: sie sollten »koscher« essen. Diese absonderlichen
Verhältnisse werden durch manche Anekdote illustriert.
So geschah es einmal, daß sehr fromme Eltern ihren Sohn zum Studium nach
Petersburg sandten. Ein christlicher Freund, der nach einiger Zeit in
die Residenz fuhr, sollte nun nachforschen, ob der Sohn wirklich sein
Versprechen halte. Nach seiner Rückkehr beruhigte er die Eltern und
versicherte sie, daß der Sohn nur »koscher« speise -- er selbst war bei
ihm zum Mittagstisch. »Was haben Sie denn bekommen?« fragten die Eltern
interessiert. -- »Einen Hasen,« antwortete der Freund, »aber er war
koscher, denn Ihr Sohn erzählte mir, daß er vom jüdischen Schlächter
(Schochet) geschlachtet sei.«
Die Zustände, von denen ich hier spreche, waren natürlich nur für die
Schichten bezeichnend, die man so gemeinhin die »oberen« zu nennen
pflegt. Wer weiß, an welche Stelle sie rücken, wenn einst die gerecht
waltende Geschichte die Rangordnung feststellen wird!... Allein
gewaltige Kulturumwälzungen wühlen nicht gleich das ganze Volkstum auf
und durcheinander. An der Kruste mögen die Prozesse des kulturellen
Abbaues und des Anbaues schneller und sichtbarer vor sich gehen. In der
Tiefe vollzieht sich das Umsetzungswerk oft überhaupt nicht, meist in
seltsamen Formen. Immer aber ungleich zögernder!
So war es auch in Kowno!
* * * * *
In jener Zeit lebten und wirkten in diesem »aufgeklärten« Kowno in einem
anderen Teile der Stadt, drüben über der Brücke des Flusses Wilja,
Menschen, die in ihrem ganzen Leben und Treiben unter dem Einfluß der
veränderten Verhältnisse gerade auf die entgegengerichtete Bahn gedrängt
wurden. Und sie fanden getreue Mitwanderer in den Juden der kleinen
Städtchen des Gouvernements. Sie landeten in der Askese. Es waren kleine
Leute, aber große Menschen! Groß in ihrem Talmudwissen, in ihrer
Hochherzigkeit, Nächstenliebe und in der größten Tugend, der
bescheidenen Selbstlosigkeit. Ihre Ansprüche auf Essen, Trinken und
Kleidung setzten sie auf das geringste Maß herab. Ihre idealen Ziele
aber waren riesengroß. Das Forschen, Schaffen, Grübeln in dem Talmud
betrieben sie jetzt mit gesteigerter Gier Tage und Nächte hindurch.
Zunächst bestand diese Asketengruppe nur aus zehn Personen. Sie
überwachten unermüdlich das junge, heranwachsende Proletariat,
beobachteten ihr Lernen und ihr Leben und wiesen sie mit guten und
strengen Worten zurecht. Mit gleichgestimmten, würdigen Männern
gründeten sie später einen Verein, der sich die Predigt der Askese zur
heiligen Aufgabe stellte. Jeder Lebensgenuß schien ihnen verächtlich.
»Diese« Welt war ihnen nichts anderes als eine Übergangsstufe zu einem
besseren, höheren, reineren Sein. Jeder Schritt, jede Handlung am Tage
sollte deshalb wohl überlegt sein. Und dreimal des Tages müsse man Gott
anflehen, daß er die unwillkürlich begangenen Sünden, selbst des
Lauteren, vergebe.
Das jüdische Proletariat in seinem Getto, zermürbt vom Kampfe ums
Dasein, drängte sich um diese Prediger. Besonders aber wurden die jungen
Talmudisten und die »Orimbocherim« für diese Bewegung begeistert,
hingerissen. Diese Strafpredigten fanden zuerst in der Dämmerstunde
statt, und die Synagoge war von alten und jungen Zuhörern überfüllt wie
am Vorabend zum Jomkippur. Alle weinten und flehten ob ihrer Sünden aus
tiefster Seele zu Gott.