Zeremonie statt. Meine noch junge Schwiegermutter Cäcilie ließ seit
einem Jahre eine »Sefer Thora« schreiben, wofür sie mehrere hundert
Rubel bezahlte. Sie wollte die heilige Rolle in der Synagoge, welcher
sie gewidmet war, einweihen lassen. Diese Handlung meiner
Schwiegermutter fand sowohl in ihrem Hause, wie im Städtchen großen
Beifall und wurde einer Frau hoch angerechnet. Der Sofer, d. h. der
Schreiber der Thora, ein wahrhaft religiöser Jude, der mit Beten und
Fasten sein Leben verbrachte und als ehrlicher Mann in Konotop bekannt
war, brachte die heilige Rolle zu uns ins Haus.
Die Zeremonie der Thoraeinweihung beging man wie eine Hochzeit; man
holte die »Chuppe« (Baldachin), stellte sie in einem großen Saal auf.
Dem Rabbiner war die Ehre zugeteilt, die Thora zuerst auf die Hände zu
nehmen und mit ihr unter die Chuppe zu treten. Dann begab man sich nach
der Synagoge -- der Rabbiner voran, und ihm folgten die Würdigsten und
Ältesten der Stadt. Zuletzt die Frauen und Mädchen mit brennenden Kerzen
in silbernen Leuchtern. Selbst die Mädchen in diesem Zuge durften nicht
mit entblößtem Haupt mitgehen. Als sich der Zug gerade in Bewegung
setzte, ertönte die fröhliche Musik einer Kapelle. Ein munterer Marsch
erschallte durch die Straßen. Unter seinen Klängen hüpfte der ganze Zug
im Tanz. Lebhaft tanzten die Männer, leidenschaftlich in die Hände
klatschend. Hinterher hüpften die Frauen und Mädchen. Alle zusammen
jubelten, jauchzten, freuten sich und ehrten die schöne Tat der frommen
Frau.
So kam der Zug in der Synagoge an. Da die Zeremonie bis zum Vorabend
dauerte, verrichtete die große Menge gleich dort das Minchagebet.
Die Einweihung der Thora gehörte zu den feierlichsten Handlungen. In
einem jüdischen Städtchen war es ein Ereignis, das man nicht leicht
vergaß. Ich erlebte es zum erstenmal. Es machte auf mich einen großen
Eindruck. Aus einem Fenster sah ich dem Zuge zu und bedauerte sehr, ihn
nicht mitmachen zu können.
Nach diesen Feierlichkeiten verreisten unsere Gäste aus Poltawa.
Jedermann nahm seine Pflichten wieder auf. Das Leben im
Schwiegerelternhause ging seine gewohnten Wege. Ich erholte mich
allmählich. Das Mutterherz schwelgte in neuen Seligkeiten. Ich vergaß
die Sorgen der letzten Zeit, als ich das Büblein anschaute, das kleine
winzige Wesen, das noch so ruhig schlummerte, nichts hörte, nichts sah
und nichts von der jungen Mutter wußte, die stundenlang an seiner Wiege
stand, ihn anblickte, ihm zulächelte und von seinem künftigen Glück und
seiner Größe träumte. -- Monate vergingen, und mein lieber herziger Bub
-- er war blond und hatte blaue Augen, ganz verschieden von dem
Wengeroffschen Typus -- wurde immer größer, er gedieh zu einem
kräftigen, gesunden Kinde. Mit jedem Tag wuchs meine Freude an ihm...
Welchen neuen Inhalt erhielt mein Leben! Meine Liebe teilte sich jetzt
zwischen meinem Mann und dem Kinde, und wahrlich, beide kamen nicht zu
kurz dabei! Selbstverständlich war der Kleine der Liebling des ganzen
Hauses.
Daß unser Eheleben noch zärtlicher, unsere gegenseitige Anhänglichkeit
und treue Liebe durch dieses Kind noch intensiver wurde, brauche ich das
noch zu sagen?
Es verging die Zeit, und unser Sohn wurde zwei Jahre alt. Seine geistige
Entwicklung eilte der körperlichen weit voraus. Er war über sein Alter
aufgeweckt und klug. Ich war mit meinem Manne stolz auf unseren
Erstgeborenen. Wir schmiedeten große Pläne für seine Zukunft.
Aber es gefiel Gott anders, und er nahm ihn zu sich, diesen unseren
Liebling... Vom ununterbrochenen Wachen an seinem Krankenbette müde,
verließ ich das Lager meines kranken Kindes. Im Nebenzimmer legte ich
mich kraftlos auf das Sofa und versank in einen schweren Schlaf. Mir
träumte, ich wäre im Eßzimmer; durch die geschlossenen Läden dringe
etwas Licht hinein; im Zimmer herrschte Halbdunkel. Trotz der
geschlossenen Läden konnte ich doch alles, was draußen vorging,
wahrnehmen. Ein großer schwarzer Hund heulte furchtbar, den Kopf ganz in
den Nacken werfend, und hinter ihm stand eine Anzahl Musikanten; sie
spielten auf Geigen, die mit schwarzem Tuch überzogen waren und die sie
verkehrt in den Händen hielten. Erstaunt fragte ich sie, warum sie auf
diese Weise spielten, und erhielt die düstere Antwort: »Heute müssen wir
so spielen«... Ich erwachte in Angst und Schrecken und stürzte in das
Krankenzimmer. Doch man ließ mich nicht mehr zu meinem Kinde. --
Es war nicht mehr das meine! -- Weit, weit von mir, in die
Himmelshöhen ging es und nahm mein junges, verzweifeltes Mutterherz auf
immer mit sich.
Es war der erste schwere Schicksalsschlag, der mich traf, und erst die
beiden Kinderchen, die mir Gott in den nächsten Jahren schenkte,
trösteten mich ein wenig und linderten meinen Schmerz.
Inzwischen hatte sich der Konflikt zwischen meinem Gatten und seinen
Eltern noch zugespitzt. Mein Mann fand keine Freude mehr daran, mit dem
Rebben gemeinsam den Talmud zu studieren. Er holte die großen Folianten
(Gemores) zu sich in unsere Wohnung und lernte selbständig. Er sah es
gern, wenn ich mit einem Buch oder einer Handarbeit neben ihm saß, und
wenn er müde wurde, lasen wir dann zusammen in einem deutschen Werke.
Dieses Talmudstudium verlor aber ganz den früheren religiösen Charakter
und wurde bei meinem Manne mehr zum Philosophieren, zu einer kritischen
Betrachtung und Prüfung und spielte nicht mehr die Hauptrolle in seinem
Leben. Er widmete sich jetzt mehr dem Erwerbsleben und unternahm sogar
mit meiner Mitgift selbständige Geschäfte, wobei er aber das ganze Geld
verlor. In den kaufmännischen Angelegenheiten hatte ich bei ihm keine
Stimme; meine Ratschläge nannte er Einmischung und wollte von ihnen
nichts hören. Er war der Meinung, daß eine Frau, besonders aber die
seinige, keine Begabung in dieser Richtung besitze und empfand meine
Einmischung als eine Erniedrigung für sich. Diese Meinung war damals bei
den meisten Juden Kleinrußlands verbreitet, besonders aber bei den
Konzessionären, die in ihrem Dünkel sich als Selbstherrscher fühlten und
keine Ratgeber dulden wollten.
Wohl keinem meiner Geschwister ist das Lied von der Wanderung so oft und
so vernehmlich an der Wiege gesungen worden wie mir. Die vier Jahre,
welche wir im Schwiegerelternhause verleben sollten, waren um; und nun
hieß es, ein selbständiges Leben beginnen. Die Schwiegereltern besorgten
für uns ein Geschäft, ebenfalls eine Konzession auf Branntwein, und wir
mußten nach einer anderen Stadt übersiedeln.
Eines Morgens stand eine große, bequeme Equipage vor dem Hause zur Reise
fertig und noch ein Wagen mit Lebensmitteln daneben. Die Abschiedsstunde
war gekommen. Begleitet von Segenssprüchen, bestiegen wir, mein Mann,
ich, zwei Kinder und zwei Bediente, unseren Wagen, und fort ging es in
die Welt, den neuen Schicksalen entgegen.
So verließen wir nach vierjährigem gemeinsamem Leben dieses Haus, wo wir
das patriarchalische jüdische Familienleben zuletzt gelebt haben; wir
verließen es für immer.
Weitere Schicksale.
Luben hieß der Ort, in dem wir unsere selbständige Existenz begründen
wollten. Die jüdische Bevölkerung in diesem zu Kleinrußland gehörenden
Städtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop;
zumal in der äußeren Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten näherte sie
sich mehr der europäischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem
überlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle.
Man führte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebräuchen
der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung. Es gab dort keine
Talmudisten, keine großen jüdischen Gelehrten, nicht einmal eine große
Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiosität, die die Aufklärung mit
sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und
ein Aufgehen in fremder Art.
Es existierte in Luben eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder
ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige
Aristokratie betrachteten.
In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die
Schwiegereltern unseren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend
eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner
ziemlich großen Wirtschaft zurecht und führte sie mit Sachkenntnis. Mein
Mann übernahm das Geschäft, für das er, wie sich erwiesen hat,
Fähigkeiten besaß.
Nun war die Rücksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann
durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tägliche Beten
in Tallis und Tefillin hörte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud
dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der
Stadt, welcher häufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte
dieses Interesse, wie ich schon früher bemerkte, einen rein
wissenschaftlichen Charakter angenommen.
Die berühmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem
Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von
Verwandten, Freunden und Bekannten hörten gar nicht auf. Dreimal täglich
war der Tisch reichlich für acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast
nie eine Mahlzeit ohne Gäste. Unsere Wirtschaft vergrößerte sich von Tag
zu Tag. Sie wurde freilich viel zu groß für unsere Verhältnisse. Die
Schwiegereltern machten uns schwere Vorwürfe wegen dieser
Verschwendung.
»Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen.« Mit diesen Worten trat mein
Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein
Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war:
»Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig
und wir haben nichts bei uns.« Mein Mitleid und mein Schreck waren
grenzenlos, und ich überhäufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, daß
der Bote in der Küche wartete, warf hastig etwas über und lief zu ihm
hinaus. Von dem Überbringer des Briefes, einem jungen Bäuerlein, erfuhr
ich, daß der jüdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war,
Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen
der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter
fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese
Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nächsten Tages unterwegs zu
bleiben gezwungen waren. »Heute Abend«, fügte das Bäuerlein hinzu, »kann
sie schon hier sein.«
Ich überlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine
Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes
gekochtes Huhn, Butter, Käse, etwas Likör und Mandeltorte, die meine
Schwester, wie sie mir nachher erzählte, sofort an unsere Kindertage, an
die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher für seine
Mühe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.
Nachdem der Bote abgefertigt war, kleidete ich mich an, ordnete das
Nötige in der Wirtschaft, wobei mich eine nervöse, freudige Ungeduld gar
nicht verlassen wollte. Am liebsten hätte ich den Wagen anspannen
lassen, um meiner Schwester entgegenzufahren und sie abzuholen. Aber es
war ja Samstag, und in jenen Zeiten, in denen die Religion bei uns Juden
in Rußland das ganze Leben, Tun und Handeln regelte und bestimmte,
durfte ich meinem Herzenswunsch nicht nachgeben; hatte doch auch der
Kutscher fast nur des Sabbaths wegen seine Passagiere beinahe verhungern
lassen...
Es wurde dunkel; ich deckte den Teetisch, traf Vorbereitungen für die
lieben Gäste und wartete. Endlich kamen sie. Wie herzlich war unsere
Begrüßung! Wir freuten uns so sehr miteinander! An diesem Abend gingen
wir spät zur Ruhe. Ich begleitete meine Schwester in das für sie bequem
eingerichtete Zimmer, küßte sie herzlich und lud sie ein, gemeinsam mit
uns morgen zu frühstücken. Als wir am nächsten Morgen zum Tee
erschienen, erwartete uns bereits mein Mann. Ich bemerkte sogleich eine
Befangenheit im Benehmen meiner Schwester, suchte nach der Ursache,
konnte sie aber nicht finden. Mein Mann verließ uns. Wir beide blieben
noch lange am Teetisch sitzen und plauderten von unseren Erlebnissen.
Wir vergaßen vollkommen die Gegenwart und verloren uns in der
Vergangenheit. -- Dann kehrte mein Mann vom Geschäft zurück. Wir
speisten in munterer Stimmung zu Mittag und plauderten immerfort bis
spät in die Nacht hinein. -- Das Fragen und Erzählen hatte kein
Ende; was wollten wir alles voneinander erfahren nach der vierjährigen
Trennung!
Als ich Schwester Kathy an diesem zweiten Abend unseres Zusammenseins
auf ihr Zimmer begleitete, lud ich sie wieder herzlich ein, mit mir und
meinem Manne gemeinsam das Frühstück einzunehmen. Da umarmte sie mich
und bat befangen, in ihrem Zimmer allein frühstücken zu dürfen, und als
ich sie befremdet nach der Ursache fragte, antwortete sie mir verlegen:
»Ich habe außer meinem Manne noch keinen Mann im >Chalat< (Morgenrock)
gesehen, und das geniert mich bei deinem Manne.« Obwohl ich diese für
die damaligen Jüdinnen bezeichnende Schamhaftigkeit etwas seltsam fand,
bat ich doch meinen Mann, dem Wunsch der Schwester nachzugeben. Er
erschien von nun an, trotz seines Hanges zur Bequemlichkeit, am
Frühstückstisch vollständig angekleidet. So rücksichtsvoll blieb er die
ganze Zeit; er bezeigte seiner Schwägerin vom ersten Tage ihrer Ankunft
an stets die größte Ehrerbietung und Aufmerksamkeit und fand es ganz in
der Ordnung, daß ich ihr stets den ersten Platz am Tisch einräumte, auch
wenn die vornehmsten Gäste zugegen waren. Ihr fünfjähriges Töchterchen
wurde von uns allen zärtlich geliebt und gepflegt.
Drei Monate vergingen seit der Ankunft der Schwester Kathy, als wir von
unserer älteren Schwester Marie die Nachricht erhielten, daß sie uns in
den nächsten Tagen besuchen würde. Wieder umfing mich eine ungeduldige,
freudige Spannung. Es vergingen aber mehrere Tage, und sie kam immer
noch nicht. Auch blieb jede weitere Nachricht von ihr aus. Unsere Unruhe
wuchs. Eine Möglichkeit der schnellen Verständigung in die Ferne wie
heute gab es nicht. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als geduldig
zu warten, bis sie uns eines Tages überraschte. Stürmisch war die Freude
des Wiedersehens. Ihr Aufenthalt in unserem Hause verbreitete
allgemeinen Frohsinn. Wir wurden lustiger, jugendlicher. Das Verhältnis
zwischen meinem Mann und Marie gestaltete sich viel gemütlicher und
unbefangener als seine Beziehungen zu Kathy. Man lachte, sang und
scherzte den ganzen lieben Tag. Wir suchten alles, was Luben an
Unterhaltung bot, auszunutzen, um uns gut zu amüsieren.
Zu den Belustigungen, die Luben während des Aufenthalts meiner Schwester
Marie bei uns bot, gehörte auch das Theater, das regelmäßig einmal im
Jahre zur Zeit des großen Jahrmarkts in unser Städtchen kam. Dieses
Theater, das aus einer wandernden Truppe bestand, befand sich noch in
einem sehr primitiven Zustande. Als Theatergebäude diente hier, wie auch
sonst in Provinzstädten, eine Scheune. Die Wände schmückte man mit
bunten Bettüchern. Aus Brettern wurde eine Erhöhung, die Bühne,
hergestellt. Bänke, Stühle, sowie das ganze notwendige Mobiliar, ja
selbst einzelne Kleidungsstücke lieferten die wohlhabenden Bewohner von
Luben. Dafür hatten sie freien Zutritt. Man erhielt aber keine
Freikarten, wie es heute zu geschehen pflegt. Es genügte, wenn man vor
der Kasse den geliehenen Gegenstand laut nannte, um ohne weiteres
hineingelassen zu werden. »Ein Leuchter«; »drei Kattundecken«; »zwölf
Stühle«; »ein Rock«, hörte man die Gäste rufen. Gleich zog sich der
geliehene Kattunvorhang zurück, und der Gast konnte seinen Platz
einnehmen.
Die Vorstellung in diesen Theatern sollte gewöhnlich um neun Uhr abends
beginnen, fing aber fast nie vor elf Uhr an, weil stets auf die
Würdenträger des Ortes gewartet wurde.
Während der Pausen spielte eine Musikkapelle, zumeist ausschließlich aus
jüdischen Musikanten -- »Klesmorim« -- bestehend. Da diese mit dem
Publikum gut bekannt waren, so geschah es oft im Theater, daß die Gäste
von ihren Sitzen aus den Musikanten ihre Wünsche zuriefen: »Jankel,
spiel a Polke!« Dann wieder »a Walzer« usw. Jankel erfüllte
selbstverständlich den Wunsch seines Bekannten, sein Kollege wieder den
des seinigen, so daß die Pausen sich bis ins Unendliche hinauszogen. Oft
kam es vor, daß es schon heller Tag war, wenn die Leute das Theater
verließen.
Das Theater war ein Ereignis im Städtchen. Man begrüßte es immer mit
großer Freude und besuchte es jeden Abend. Von den Juden ging nur die
Jugend ins Theater. Die Alten und Frommen besuchten es nie, ließen aber
die Jugend gewähren und schwiegen weise dazu.
Da wir zu den Wohlhabendsten des Städtchens gerechnet wurden und sehr
viele Gegenstände geliehen hatten, so überließ man uns mehrere Plätze.
Wir gingen fast jeden Abend dorthin in großer, lustiger Gesellschaft und
amüsierten uns köstlich.
Wir hatten in dieser Zeit viel Besuch; an den drei täglichen Mahlzeiten
nahmen bis fünfzehn Personen teil. Dabei wurde streng auf »Koscher«
geachtet; Milch- und Fleischgeschirr waren voneinander geschieden sowohl
im Gebrauch, wie auch beim Abwaschen.
Am Freitag abend wurden nach dem jüdischen Gebrauch für jeden Herrn zwei
ganze Brote (»Challes«) zur »Mauze« seinem Gedeck beigelegt; und die
Zahl der Herren in jenen lustigen Wochen war nicht gering... da gab es
viel zu tun!
Marie blieb einige Wochen bei uns und verließ uns sehr entzückt über die
gastfreundliche Aufnahme. Die Solidarität zwischen den Angehörigen einer
Familie gehörte zu den größten Tugenden, die sogar unter dem Einflusse
der ganzen Sturm- und Drangperiode, die so manche gute Sitte des
jüdischen Familienlebens zerstörte, bestehen blieben, wenn auch nicht in
dem hohen Maße wie vorher. Wie alle Ethik bei den Juden, wurzelte sie in
den religiösen Gesetzen, in denen es heißt: »Du sollst dich deinem Blute
nicht entfremden.«
Und so blieb Kathy, da sie wegen des Krimkrieges nicht zu Haus bleiben
konnte, vierzehn Monate unser Gast -- lange, lange Monate, in welchen
die arme Frau viel Leid und Kummer durchgemacht hat.
Tage und Wochen vergingen. Ihre Niederkunft stand nahe bevor. Die
Großmutter meines Mannes, von deren ärztlichen Kenntnissen und
Fähigkeiten ich ausführlich gesprochen habe, erbot sich, zu uns nach
Luben herüberzukommen. Im November erhielten wir die Nachricht, daß die
opferwillige Frau auf dem Wege zu uns war. Der böse Zufall wollte es,
daß nicht Frost und Schnee, wie sonst um diese Zeit in Rußland, sondern
regnerisches Wetter herrschte, und statt einer bequemen, schnellen Fahrt
im Schlitten mußte die alte Frau den beschwerlichen Weg in der
»Postkibitka« machen, einer höchst primitiven Kutsche ohne Federn. Nach
zweitägigen Reisestrapazen langte sie bei uns an, ermüdet und erschöpft.
Zum Glück war sie in einen Riesenpelz gehüllt, der sie vor Erkältung
bewahrte.
Der neue Familiensprößling ließ nicht lange auf sich warten. Es war ein
Sohn. Nach dem Briß reiste die Großschwiegermutter fort. Kathy erholte
sich allmählich, wir kehrten zu unserm normalen Leben zurück. Nach wie
vor verging keine Mahlzeit ohne Gäste. Der Keller und der Geflügelhof
waren stets voll und boten den Gästen die schmackhaftesten
Leckerbissen. Das Geflügel war in Luben zu jener Zeit sehr billig. Ich
glaube, es ist nicht ohne Interesse die damaligen Preise anzuführen: es
kostete ein Truthahn 15 Kop. = ca. 35 Pf., eine Gans 30 Kop. = 65 Pf.,
ein großes fettes Huhn 30 Kop. = 65 Pf.
Das Jahr 1855. Eine wichtige Epoche für das russische Reich, die Epoche
des Krimfeldzuges. Die Zeitungen, die dreimal in der Woche nach Luben
kamen, brachten unaufhörlich die schrecklichsten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze. Eine Niederlage folgte der anderen. Die russische
Armee, in der der unglaublichste Wirrwarr herrschte, hatte viele
Schwierigkeiten, denen sie nicht gewachsen war, zu überwinden, wie den
Transport des Militärs, der Munition, des Proviantes. In den endlosen
Steppen der Krim fand man im Frühjahr so manche Militärabteilung, die im
Winter zu Fuß nach dem Kriegsschauplatze befördert worden war, vom
Schneesturm verschüttet, erstarrt, erfroren. Der russische Adel, die
Gutsbesitzer und die Kaufmannschaft rüsteten ganze Regimenter auf eigene
Kosten aus, die »Ratniki« genannt wurden. Aber es waren nur
undisziplinierte, ungeschlachte Bauern, die man auf dem
Kriegsschauplatze nur als Kanonenfutter verwerten konnte.
Wenn einmal die russische Armee ausnahmsweise einen Sieg davontrug
oder ein General wie Malakoff auf eine geniale Idee verfiel[7], so
war es nur ein momentaner Triumph, der die vollständige Niederlage
nicht verhindern konnte. Es war nicht nur ein Kampf feindlicher Heere,
sondern der Kampf zweier Systeme; und der Sieg gehörte dem neuen,
besseren, vervollkommneten, das alle Errungenschaften der europäischen
Kultur in den Kampf begleiteten.
Die Stimmung im russischen Volke wurde immer düsterer. Nur denen, die
schon längst im stillen gegen das bisherige Regime murrten, war diese
Niederlage eine traurige Genugtuung. Denn nur durch äußere
Erschütterungen, glaubten sie, könnte das gewaltige Reich von seinen
Schäden geheilt werden.
* * * * *
Im April wurde ich wieder Mutter. Mein Söhnchen erhielt den Namen Simon.
Ich erholte mich sehr rasch.
Der Frühling kündigte sich in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze an.
Und dazu brachten die Zeitungen die Schreckensnachricht, daß auf dem
Kriegsschauplatz und in seiner Umgegend die Cholera zu wüten anfinge,
und sie mahnten die Bevölkerung zur Vorsicht im Essen und Trinken.
Ich hatte von dieser Krankheit nur eine dunkle Erinnerung von meiner
Kindheit her. Eine furchtbare Angst packte mich, so daß keine
Vernunftgründe imstande waren, mich zu beruhigen. Wie ein Gespenst
verfolgte mich der Gedanke an die Seuche. Er wurde zu einer
Zwangsvorstellung, von der ich mich gar nicht befreien konnte. Meine
Gesundheit litt sehr darunter. Melancholisch, niedergeschlagen ging ich
im Hause umher.
Und nun wollte das trotzige Schicksal, daß ich in nahe Berührung mit der
schrecklichen Krankheit kommen sollte. -- Es war gegen Ende Mai, als
wir von der Tante meines Mannes eine Einladung erhielten, sie in
Kremenschuk, wo sie wohnte, zu besuchen. Wir nahmen unser ältestes Kind
Lise mit auf die Reise nach dem Süden. Wir wurden dort mit großer Freude
empfangen. Am vierten Tage unseres Aufenthaltes versammelten sich viele
Verwandte und Bekannte, um mich, die angeheiratete Nichte, kennen zu
lernen. Es war sehr lustig, und die Zeit verging uns auf die angenehmste
Art. Am nächsten Morgen trat die Tante zu uns ins Schlafzimmer und
kündigte uns an, daß die Seuche schon in Kremenschuk eingezogen sei, und
mit Tränen in den Augen erzählte sie, daß manches Mitglied der gestrigen
munteren Gesellschaft sich nicht mehr unter den Lebenden befinde. Mein
Entsetzen war grenzenlos. Wir rafften unsere Sachen zusammen, und in
einigen Stunden verließen wir traurig und tief erschüttert die Stadt.
Auf der ersten Poststation ließ man uns nicht mehr ins Wartezimmer
hinein. Wir vernahmen von dorther das Stöhnen und Schreien eines in
Schmerzen sich krümmenden Cholerakranken. So mußten wir für die Nacht
draußen im Freien lagern. Es war eine Juninacht, warm und kurz. Um zwei
Uhr morgens ging die Sonne auf. Doch uns kam diese Nacht wie eine
Ewigkeit vor. Meine Angst und Beklommenheit steigerten sich noch, als
mein Töchterchen Lisenka über Magenschmerzen zu klagen anfing. Mit
zitternden Händen gab ich dem Kinde Medikamente, die wir von der Tante
mitgenommen hatten. Gegen hohes Entgelt erhielt ich von den Bauern ein
wenig warmes Wasser, womit ich dem Kinde Pfefferminztee bereitete, und
bangenden Herzens erwartete ich den kommenden Tag. Endlich bekamen wir
Pferde und setzten die Reise fort. Das Kind fühlte sieh besser. Die
Schmerzen ließen nach, und als wir abends zu Hause eintrafen, war es
wieder ganz munter.