Das war die Umgebung, in der ich mein neues Leben lebte. Es war ein

vornehmes jüdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das,

was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuüben und zu

entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und

Verehrung der Eltern -- Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden

hoffen und die hier mit großem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung

und Verehrung empfand ich für meine Schwiegereltern deshalb, weil sie

Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie

standesgemäß erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschäfte gründeten.

Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschönte nicht

jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir

im Schwiegerelternhause gar nüchtern vor. Es störte meine Andacht, daß

am Tisch von Geschäften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt

sich mit seinem Vater über neu gekaufte Pferde, ihre guten und

schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute -- mein

Mann machte es nicht anders -- schliefen oft aus Langeweile bei Tisch

ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet

weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand.

Man erfüllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war;

man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue

Weise. Kam ein Geschäftsbrief am Sabbath an, so öffnete ihn der

Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.

Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich

heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwürdigen Rabbi!

Nichts verriet in ihm den Geschäftsmann, und weder Freitag abends, noch

den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort über geschäftliche

Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden

beiseite gelegt und erst am Abend geöffnet. Im Wengeroffschen Hause war

man nüchterner. Die stille, verklärte, fromme Begeisterung, die an

Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst

erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein

Elternheim: ebenfalls große Räume, kostbares Mobiliar, schönes

Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, häufige Gäste...

Ich las in Konotop sehr viel, hauptsächlich russisch. Die deutschen

Bücher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest

mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, -- und jetzt kamen die

russischen Bücher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die

Reihe. Ich las die Journale »Moskauer Nachrichten«, »die Nordbiene« usw.

und unterrichtete meinen Mann, der äußerst lerneifrig war, in der

deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden

Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, über

großen Folianten gebückt. Beim Tagesanbruch verließen sie erst das

Studierzimmer.

Häufig saß er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen

Schemel, von oben bis unten in einen großen Lappen, »Plachte,« gehüllt,

das Haupt mit Asche beschüttet und tat »Goles abrichten« d. h. das Joch

des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden

Juden einer übt.

Seit unserer Verlobung erfüllte meinen Mann mehr und mehr eine

mystisch-religiöse Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen

Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmählich in dem

schwärmerischen Jüngling den heißen Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des

Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort müsse er vom

Rebben eine erschöpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rätsel

erhalten. Dort wollte er seine Jugendsünden bekennen und um Ablaß

bitten.

Kaum vor zwei Jahren noch hatte mein Mann freie Ideen vertreten, -- was

sogar zu Zwistigkeiten mit den Eltern geführt hatte. Nun verfiel er nach

so kurzer Zeit in das Gegenteil und verlor sich in mystisch-ekstatischen

Stimmungen.

Eines Morgens -- es war Purim -- während ich in der Wirtschaft tätig

war, kam mein Mann zu mir in die Küche und erzählte mir freudestrahlend,

aufgeregt, sein Vater erlaube ihm und seinem älteren Bruder in

Begleitung ihres Rebben nach Libawitz zu reisen. Als Misnagdim-Tochter

verstand ich nicht die Tragweite und den Ernst dieses Ereignisses.

Zweifelnd fragte ich meinen Mann, ob es sein Ernst sei. Ich erhielt zur

Antwort ein kurzes, aber vielsagendes »Ja«.

Man traf die Vorbereitungen. Und bald stand eine Kutsche mit drei

kräftigen Pferden zur Abreise bereit.

Die Wandlung.

Ich weiß nicht, was bei dem Rebben vorgefallen war, denn nie sprach mein

Mann von diesem traurigen Erlebnis; ich weiß nur, daß ein Jüngling voll

Hoffnung und Begeisterung die Seinigen verließ und zu dem Rebben

wallfahrtete, wie zu einem Heiligen, der einzig und allein die Macht

besitzt, den Schleier von den großen Geheimnissen zu heben... und daß er

ernüchtert zurückkehrte. Die blaue Blume, auf deren Suche er, so manchem

anderen gleich, auszog, fand er nicht sonnenbeglänzt am Rande einer

reinen, erfrischenden Quelle, sondern welk und unähnlich dem Bilde

seiner Träume. Nicht Verzweiflung, sondern eine ruhige Trauer legte sich

über sein Wesen. Der Zauber schwand und mit ihm das Interesse und die

Inbrunst, die er im letzten Jahre den religiösen Gebräuchen und

Pflichten entgegengebracht hatte. Und es begann das Sichlossagen von all

dem, was bisher teuer und nahe war, so nahe, daß es mit dem Menschen

verwachsen und in sein Blut übergegangen zu sein schien. Nicht

plötzlich, nicht auf einmal kam es zum Vorschein -- nur allmählich und

leise, so leise, daß man es zuerst kaum merkte... Mein Mann verrichtete

immer noch seine Gebete. Auch das Lernen mit dem Rebben dauerte fort.

Ja, sogar das nächtliche Sitzen und Arbeiten über den Folianten hörte

nicht auf... Aber das liebende Herz eines Weibes, das zu lauschen

versteht und die leiseste Regung wahrnimmt, kann nichts täuschen... Das

war nicht mehr das lebhafte Interesse des Forschers und Suchers, nicht

mehr das inbrünstige, heiße Beten, das sich zur Ekstase erhebt, in

welcher sich der Mensch Gott nahe fühlt und mit ihm redet ... Nein, es

war eine tote Erfüllung der Pflicht. Jung und unerfahren, wie mein Mann

war, verstand er es nicht, den goldenen Mittelweg zu finden. Von

Enthusiasmus und religiöser Begeisterung zur vollkommenen Ernüchterung

war bei ihm ein Schritt. Er tat ihn und betrat den entgegengesetzten

Weg, den viele Juden bereits gegangen waren. Mein tiefreligiöses Gemüt

erfaßte sogleich diese Wandlung. Es wurde mir gar schwer zumute. Ich

ahnte schon damals all die Kämpfe, die mir in den nächsten Jahren

bevorstehen sollten.

Die Erfüllung der religiösen Pflichten ohne die religiöse Überzeugung

wurde meinem Manne auf die Dauer lästig. Er fing allmählich an, sie zu

vernachlässigen. Die Eltern merkten es bald. Es entstand eine Spannung

zwischen ihnen und dem Sohn. Die erste Auseinandersetzung erfolgte, als

mein Mann sich den Bart schneiden ließ. Die Eltern waren darüber

ungehalten und machten ihm bei dieser Gelegenheit schwere Vorwürfe, auch

wegen der Vernachlässigung anderer religiöser Gebräuche, die sie bisher

stillschweigend geduldet hatten.

Damals kam es auch zum ersten Konflikt zwischen mir und meinem Mann. Ich

beschwor ihn, der Eitelkeit nicht nachzugeben und den Bart weiter

wachsen zu lassen. Er fühlte sich verletzt, wollte nichts davon hören,

erinnerte an seine Herrenrechte und forderte von mir Gehorsam und die

Unterwerfung unter seinen Willen... Das war ein scharfer Stich für mein

zartfühlendes Herz; der blaue Himmel meines Eheglücks trübte sich...

In dieser Zeit wurde ich Mutter. Der Wunsch meiner Eltern und

Schwiegereltern ging in Erfüllung: Gott schenkte mir einen Sohn. Es war

der erste Enkel und Urenkel männlichen Geschlechts. Die Freude war groß.

Es war eine schwere Stunde, aber die Liebe und die Sorgfalt halfen mir

darüber hinweg. Im Getto hatte man ganz besondere Mittel, um der

kreißenden Frau die Geburt zu erleichtern. Die erste Bedingung war, daß

niemand im Hause außer der Hebamme und der ältesten Frau von der

bevorstehenden Geburt erfahren durfte. War aber die bevorstehende

Niederkunft bekannt, so war man sicher, daß sie lange dauern würde und

gefährlich werden konnte. Neunmal wurde die Kreißende um den Eßtisch

herumgeführt. Dann mußte sie dreimal über die Schwelle ihres Zimmers hin

und her gehen. Alle Schlösser an den Schränken, Kommoden und Türen,

sogar die Hängeschlösser an der Speisekammer wurden aufgeschlossen. Alle

Knöpfe an der Leibwäsche der Kreißenden wurden aufgeknöpft, alle Knoten

wurden aufgebunden. Dann, so glaubte man in der naiven Symbolik des

Volkes, müßte auch das Kindchen leichter entbunden werden.

Die Wöchnerin wurde natürlich aufs sorgsamste gepflegt. Am ersten Tage

bekam ich nur Schleimsuppe und Tee mit geröstetem Weißbrot. Am zweiten

Tage begann die spezifische Wöchnerinnenschwelgerei. Schon früh am

Morgen wurde Tee mit der besten Sahne gereicht. Nach zwei Stunden kam

jene »Trianke« an die Reihe, jene Haferschleimsuppe, von deren

Zubereitung ich besonders bei der Behandlung von Brustkranken sprach.

Die Alte reichte sie mir immer mit den Worten: Dieser Teller Suppe, mein

Kind, wird dir deine Eingeweide und deine Brust stärken und heilen. --

Nach weiteren zwei Stunden mußte ich eine fette Hühnersuppe mit etwas

Huhn zu mir nehmen. Bald folgte wieder eine »Trianke«. Die war aber

wieder anders hergerichtet. Sie bestand aus gekochtem Honig, der einige

Tage im Warmen offen gestanden hatte, und war mit einem spirituosen

Auszug von Gewürzen, wie Kalhan, Badjan, Muskatnuß, Kaneel, Nelken,

Zimt, Feigen, Johannesbrot übergossen. Ein Glas von diesem Nektar -- und

man schlief köstlich. Beim Erwachen hatte man meist starken Durst, der

mit Tee kräftig bekämpft wurde. Natürlich fehlten Butterzwiebacke nicht.

Nach weiteren zwei Stunden gab es Pflaumenkompott mit Mandeltorte, zum

Vorabend wieder Hühnersuppe mit Huhn. -- Diese Schwelgerei dauerte acht

Tage. In besonderen Fällen wurde sie bis zu vier Wochen fortgesetzt. Es

war eine feststehende Anschauung bei den alten Frauen: solange nicht ein

ziemlich großer Topf mit Hühnerknochen gefüllt war, d. h. solange die

Wöchnerin nicht eine bestimmte Anzahl von Hühnern verzehrt hatte, war

sie immer noch als Wöchnerin zu betrachten.

Nach der allgemeinen Sitte kamen im Laufe der ersten Lebenswoche meines

Sohnes jeden Abend mehr als zehn Knaben mit dem »Behelfer« (Hilfslehrer)

zu mir ins Zimmer, um die erste »Parsche« (Teil) des Krias Schema

(Abendgebet) herzusagen. Dieses geschah nach dem Glauben der frommen

Juden zur Behütung des Neugeborenen vor den bösen Mächten. Die Kinder

erhielten jedesmal nach dem Gebet Rosinen, Nüsse, Äpfel und Kuchen und

der »Behelfer« nach Verlauf dieser Woche eine Geldgabe.

Zu dem gleichen Zweck der Behütung des Neugeborenen wurde bei den Juden

kabbalistische Gebete, »Schemaus« genannt, über dem Kopfe der Wöchnerin

an der Wand angeheftet, ein zweites Blatt an der Tür und ein drittes

zwischen die Kissen des Kindes gelegt. In der letzten Nacht vor dem

»Briß« (Beschneidung) wurde das Kind am meisten behütet -- man nannte

sie die »Wachnacht«. Am Vorabend der rituellen Zeremonie pflegte der

»Mohel« das Messer in einer Scheide und häufig ein kabbalistisches Werk

zu bringen, und die Hebamme legte beides unter die Kissen des

Neugeborenen. Wenn nun das Kind gerade aufschluchzte, so bemerkte

gewöhnlich die Hebamme bedeutungsvoll: Er weiß schon, was kommen wird.

Lächelte er aber im Schlaf, so hieß es, daß der »Malach« (gute Engel)

mit ihm spiele.

Am Vorabend der Beschneidung meines Sohnes gaben wir den Armen ein Mahl,

wie es bei den vornehmen Juden vor einem Briß und einer Hochzeit Sitte

war. Den Tag vorher sandte man den Synagogendiener »Schames« in die

Armengegend und lud die Armen formell ein -- sogar die Straßenbettler

wurden mit »zur Wachnacht gebeten«. In einem großen Raume des Hauses,

das die Gastgeber bewohnten, stellte man einige Reihen langer Tische

auf, an denen die Gäste Platz nahmen. Zuerst wurden die Männer und dann

gesondert die Frauen bewirtet. Die Speisenfolge selbst wurde mit der

Zeit ebenfalls typisch. Und so befand sich auf jedem Platz eine »Bulke«

(Weißbrot), daneben ein Glas Branntwein und ein Stück »Lekach«

(Lebkuchen); sodann folgten Fische oder Heringe, Braten und Grütze.

Große Krüge Bier standen auf den Tischen. Man trank nach Belieben. Der

Wirt, die Wirtin und ihre Kinder bedienten selbst die Gäste. Vor einer

Hochzeit kamen auch die Braut und der Bräutigam zu der Armen und nahmen

die übliche Gratulation -- »Maseltoff« -- entgegen. Die Armen benahmen

sich gewöhnlich mit Anstand. Die Mahlzeit verlief nach allen

Vorschriften der Religion. Zuerst wusch man sich die Hände. Dann wurde

das Gebet gesprochen. Am Schluß wurde mit »M'sumon gebenscht« -- es

waren ja mehr als drei Leute da, an unserer Tafel sogar mehr als

zweihundert. Nach dem Tischgebet gingen die Männer unter Segen- und

Dankessprüchen. Dann kamen die Frauen an die Reihe. Vor dem Fortgehen

erhielt noch jeder Arme ein Almosen.

Zu unserer Familienfeier bekamen wir liebe Gäste von auswärts: den Vater

meiner Großschwiegermutter -=Reb Abraham Selig Selensky=- und seine Frau

aus Poltawa. Das war ein kluger, vornehmer, religiöser, sehr alter Mann,

der alte -=Selensky=-, der sich in Poltawa einer sehr großen Popularität

erfreute. Es war noch einer vom alten Schlage, den der Geschäftseifer

nicht hinderte, den Talmud stets fleißig zu studieren und die religiösen

Pflichten streng auszuüben. Seine vier Söhne erhielten bereits

europäische Bildung, haben es aber verstanden, das Neue zu erfassen und

es in sich zu verarbeiten und gleichzeitig dem Alten nicht zu entsagen.

Der älteste unter ihnen war ungewöhnlich sprachkundig, der zweite

Hofmaler, der dritte Rechtsanwalt und der jüngste ein berühmter

Talmudist. Dieser Talmudist war dermaßen fromm, daß er sich nicht dazu

entschließen konnte, seinen langen Bart schneiden zu lassen. Er trug

ihn stets in einer Halsbinde halb versteckt, um nicht ausgelacht zu

werden.

Doch ich wollte ja vom Briß sprechen. Schon früh am Morgen traf die

Hebamme ihre Vorbereitungen für das Bad. Denn das Baden vor der

Beschneidung ist eine ganz besonders feierliche Zeremonie. Das Kind wird

sehr frühzeitig gebadet. Das Wasser darf nicht sehr warm sein, denn das

Kind durfte nicht erhitzt werden. Sonst würde in der damaligen

Anschauung nach der Operation eine Blutung eintreten. Beim Baden waren

immer eine große Menge alter Frauen zugegen. Galt es doch als ein

verdienstliches Werk, über das Kind zwei Hände voll Wasser zu schütten.

Bei dieser Prozedur ließen die Frauen eine Silbermünze in das Wasser

gleiten. Sie war für die Hebamme bestimmt.

In dem Zimmer, in dem die Beschneidung stattfindet, werden schon früh um

10 Uhr zwei große Kerzen in hohen Leuchtern angezündet. Auf einem

besondern Tisch sind die Utensilien des Briß hergerichtet. Eine Flasche

Wein, ein Becher, der mindestens den Inhalt von einundeinerhalben

Eierschale fassen muß, ein Teller voll Sand, eine Büchse mit Puder, das

aus altem verfaulten Holz besteht. Gegen 10 Uhr kommen schon die ersten

Gäste an. Der Mohel ordnet an, daß das Kind jetzt gewickelt werden soll.

In den reichen Häusern wurde für diese Windeln die feinste Leinwand

verwendet. Das Kind erhält ein Mützchen auf den Kopf, wird in ein

seidenes Steckkissen getan und mit einem Deckchen aus ebenso feiner

Seide zugedeckt. Für das Wickeln vor der Beschneidung war eine ganz

bestimmte Methode üblich. Eine Windel wurde dreieckig gelegt. Die

Händchen des Kindes wurden gerade an die Körperseiten angelegt und mit

je einer Ecke der Windel umschlungen. Das feine, mit Spitzen besetzte

Hemdchen wurde über dem Leibe des Kindes in einem breiten Saum

hochgeschlagen. Dann wurde das Kind in eine große Windel gepackt, um die

ein sehr langes und breites Wickelband so fest herumgeschlungen wurde,

daß das Kind wie eine Mumie aussah. Nur die Füßchen blieben frei, damit

dem Kinde nicht zu heiß würde, weil ja jede starke Erhitzung die Gefahr

der Blutung gäbe.

Wehmütig blickte ich mein Kind an, das nun das Opfer für sein Volk

darbringen sollte. Ich preßte es an mein pochendes Herz. Aber bald nahm

mir die Hebamme das Kind fort und reichte es der ältesten und würdigsten

Frau, die neben dem Bett stand. Sie wiegte es ein paarmal auf ihren

Armen und reichte es dann der nächststehenden Frau, die es auch mehrmals

hin und her schaukelte, um es dann weiterzugeben. So wandert das Kind

von Arm zu Arm, bis es schließlich der Gevatterin überreicht wird. Sie

tritt mit dem Kinde bis an die Schwelle des Zimmers, in dem der Akt vor

sich gehen soll. Sobald die Festversammlung des Kindes ansichtig wird,

rufen die Herren ihm ein Boruch Habo »Gesegnet sei der Kommende« zu. Der

Gevatter (Quatter) übernimmt dann das Kind und reicht es dem Sandik

(Syndikus), der, in einen großen Tallis gehüllt, auf einem Lehnstuhl

Platz genommen hat. Seine Füße stehen auf einem Holzschemel. Dann

spricht der Mohel ein ergreifendes Gebet. Er fleht Elijahu, den

Schutzengel der Beschneidung, den wundertätigen Schirmer der Juden in

Not und Fährde, um seinen Beistand an. Und nun folgt die eigentliche

Beschneidung. Ein heftiger Aufschrei des Kindes. Und während der Mohel

den Segen über den Wein spricht und dem Kinde den Namen gibt, hört man

noch das leise Wimmern des Kindes, das sich erst dann manchmal beruhigt,

wenn ihm der Mohel mit dem kleinen Finger ein paar Tropfen Wein auf die

Lippen gibt. Vielfach ist es Sitte, daß bei den einzelnen Akten nach der

Beschneidung beim Segen über den Wein, beim Namengeben und beim

Schlußgebet je ein anderer Herr mit der Ehre, das Kind halten zu dürfen,

ausgezeichnet wird. -- Die Zeremonie endet damit, daß der Gevatter das

Kind wieder der Gevatterin überreicht. Glückstrahlend nimmt dann die

Mutter das Kind in Empfang, und das kleine Kerlchen darf nun an der

Mutter Brust wieder seine genußreiche Ruhe finden. Er ist nun in den

Bund Israels aufgenommen und ein Nachkomme des Patriarchen Abraham. Die

Gäste bleiben noch lange bei einem Festmahl zusammen, gilt doch diese

Szude als ein ganz besonders heiliges Mahl.

Ist die Beschneidung glücklich vorüber, -- und ich erinnere mich

eigentlich nie eines traurigen Zwischenfalles -- dann ist die Macht der

bösen Geister gebrochen. Nach drei Tagen war bei meinem Kinde die Wunde

geheilt. Diese glückliche Heilung wurde wieder durch ein Festmahl

gefeiert. Und bald konnte nun die mütterliche Sorgfalt sich ganz der

körperlichen Pflege ihres Kindes widmen.

Es war ganz selbstverständlich, daß damals jede Mutter ihr Kind selbst

stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal

einige Tropfen zur Seite abgedrückt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen

die ersten Tropfen vergiftet haben könnten. Die Entartung der

Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutter

zu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund.

Sie tat Weißbrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stückchen Zucker,

nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Läppchen und band es

mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende

Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von

der zumeist alten und erfahrenen Wärterin auf ein großes Kissen gelegt.

Dann wurde der Leib mit Provenceröl tüchtig eingerieben, das linke

Füßchen mit dem rechten Händchen über dem Bäuchlein des Kindes so

zusammengedrückt, daß Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das

gleiche Manöver wurde mit dem linken Händchen und dem rechten Füßchen

vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den

Körper gelegt. So wurde das Kind in die Höhe gehoben und für einen

Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind

auf den Bauch gelegt, Rücken und Füßchen zart gestrichen. Mochte das

Kind auch aus Leibeskräften geschrien haben, es wurde still.

Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes

Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und

Fußende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die

Wärterin das Kind in die Küche, schaukelte es zunächst auf den Händen,

und hob es dann für ein paar Minuten über den Herd in den Schornstein,

wobei sie unverständliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde

ruhig, vorausgesetzt, daß die Wärterin nicht vorher vergessen hatte,

Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in

ihre Hand zu schütten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen.

Manchmal genügte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu

beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bösen Blick, der

besonders dann zu fürchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind

betrachteten. Ein anderes »unfehlbares Mittel« war, daß die Mutter sich

auf ein Knie niederlassen mußte, während das Kind dreimal zwischen den

Beinen hin und her geschoben wurde.

Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn

einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwärts, blieb es mager und

schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose:

Rippküchen. Die Rippen des Kindes fingen zu dörren an. Ich glaube, das

muß wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit

bezeichnet. Diese Kinder weinten natürlich sehr viel. Und um der Ursache

dieser Unruhe zu begegnen, wußten die wohlweisen Weiber ein kräftiges

Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das

man in jenen Zeiten die Wäsche zu wickeln pflegte, legten dieses

Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten

dicken Brett, mit dem man ansonstens über das umwickelte Rollholz fuhr,

neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die

richtigen Beschwörungsworte wußte. Die bösen Geister liefen dann davon.

Allein es gab Kinder, die selbst nach dieser Prozedur und selbst nach

den noch so feierlich gesprochenen Beschwörungen nicht ruhig wurden. Die

Wärterin überlegte dann. Aber Gott half ihr, und sie fand die richtige

Diagnose: das Kind hat Haare auf dem Rücken. War diese Diagnose

gestellt, so ging man schnell an die Therapie. Das Kind wurde gebadet,

abgetrocknet; und dann wurden Kugeln aus frisch gebackenem weichen

Roggenbrot fest auf dem Rücken des Kindes hin und her gerieben, wobei

ein Teil der Rückenhärchen sich an die Brotkugel festsetzte. Dann rieb

sie nur mit der Handfläche den Rücken des Kindes weiter, bis die kleinen

Härchen fest wie die Borsten standen. Und wirklich, meist wurden die

Kinder ruhig.

Für ganz elende und abgemagerte Kinder wandte man noch die folgende

Methode an: Das Kind wurde nach dem Mittagessen in das noch mit allen

Brotkrumen bedeckte Tischtuch gewickelt, dann auf einen Augenblick in

einen großen, verschließbaren Koffer gelegt. Schnell wurde der Deckel

geöffnet. So machte man es täglich durch vier Wochen. In dem Tischtuch

pflegte man das Kind alle Woche zu wägen. Wenn das Kind gesunden sollte,

so nahm es jede Woche an Gewicht zu. Wenn dann die erste schmale Sichel

des Mondes sichtbar wurde, dann hielt man das Kind so dem Monde

entgegen, daß es ihn sehen konnte. Dazu sprach man die folgenden Worte:

Mjesjatz, Mjesjatz wisokoss, dai tyello nassej kosst, zu deutsch: Mond,

Mond, wachse, gib Fleisch auf diese Knochen.

Nach 18, oft schon nach 15 Monaten wurde das Kind entwöhnt. Gab die

Mutter dem Kinde zum letztenmal die Brust, so setzte sie sich auf die

Schwelle und gab dem Kinde so lange zu trinken, bis es von selbst

aufhörte und müde den Kopf zur Seite legte. Das war ein schwerer, aber

doch festlicher Tag. Die grobe Abhängigkeit des Kindes wurde da gelöst.

Hatte aber die Mutter an diesem Tage so manchen Schmerz, so war es ein

Jubeltag, wenn das Kind zum ersten Male sich auf die Beinchen stellte

und ging. An dieser Stelle machte dann die Mutter einen Einschnitt in

die Diele, das bedeutete: die »Pente zerschneiden«. Die Fesseln waren

von den Füßchen des Kindes genommen.

* * * * *

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 6 / 15 段