In einem anderen chassidischen Buche wird erzählt: »Nie ist der

Großvater aus Spale[6] Gott so nahe gekommen, nie hat er sich so innig

mit ihm vereinigt, wie während seines Tanzes am Sabbath und Jomtow.«

Er besaß dann die natürliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines

vierjährigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem würden sofort die

Gefühle der Buße und Reue wach. Das Herz füllte sich mit Freude, und

die Augen wurden tränenvoll. Rabbi Scholem war einst beim »Großvater

aus Spale«. Voll Ekstase saß er in einer Zimmerecke, während in einer

anderen der »Großvater« saß. Nach dem Essen richtete plötzlich der

Großvater an Rabbi Scholem die Frage, ob er tanzen könne. »Nein,«

antwortete Rabbi Scholem. »Dann sieh, wie der Großvater tanzt.« Der

Großvater erhob sich schnell von seinem Platze und begann einen

herrlichen Tanz. Voll Begeisterung stand Rabbi Scholem da: »Seht, seht,

wie der Großvater tanzt!« Diese Szene wiederholte sich einige Mal, und

Rabbi Scholem sprach zu den Anwesenden: »Glaubt mir, seine Gliedmaßen

sind unendlich weihevoll, mit jedem Schritt hebt er sich zur Gottheit

empor, vereint sich mit der Gottheit.« Am anderen Tage saß Rabbi

Scholem unbeweglich da und betrachtete bewundernd den alten Großvater.

Auch für die Naturschönheiten haben die Chassidim großes Verständnis;

und es mutet uns fast pantheistisch an, wenn von Rabbi Nachman aus

Bratzlaw erzählt wird, er habe die höchsten Stufen der Göttlichkeit

erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte, gemeinsam mit der

Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und

ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem großen, weiten See umherfuhr.

Der Rebbe ist die Verkörperung alles seelischen Adels. In ihm ist Gott

am reinsten offenbart. Muß es da nicht selbstverständlich sein, daß man

das Leben des Rabbi loslöst von allen materiellen Sorgen? Jeder, selbst

der ärmste Chossid hält es für seine vornehmste Pflicht, für den

Unterhalt des Rebben die sogenannten Pidjonim zu spenden. In diesem

Eifer sind sich die mannigfachsten Untergruppen der Chassidim einig.

Es ist ein seltsames Leben, das die Chassidim führen. Sie weihen ihren

Körper, denn auch er ist ein Geschenk des Herrn. Nur in höchster

Reinheit wollen sie vor ihren Gott treten. Häufige Waschungen,

mehrmalige Bäder am Tage, besonders in fließenden Gewässern, ganz

gleich, ob es Winter oder Sommer ist, sind gottesdienstliche Handlungen.

Trotz all den frommen Übungen muß doch bemerkt werden, daß die

litauischen Chassidim viel nüchterner sind und dem praktischen Leben

mehr Verständnis entgegenbringen als die polnischen. Sie sind besonnene

Kaufleute, gute Familienväter und treue Ehemänner. Ihre ganze

weltentrückte Ekstase findet ihren Ausdruck im Gebete. Vollends in jenen

heiligen Stunden, wenn sie einmal im Jahre zum Rosch-Haschonoh-Feste zu

ihrem Rebben fahren. In ihrem Rebben ist Seligkeit und die Gewißheit der

Zukunft. Da braucht man nur auf das Grab des Zaddiks ein Stück Papier zu

legen, das alle Wünsche für das kommende Jahr enthält, und man kann

getrost heimgehen. Der Rabbi wird das Schicksal beugen. Tiefe, mystische

Vorstellungen beherrschen das Sinnen und Handeln der Chassidim. Und es

hieße, die verschlungenen Wege der Kabbala wandeln, wollte man die

tieferen Beziehungen ihrer oft seltsamen Bräuche zu erkennen suchen. So

entsinne ich mich, daß vor dem furchtbaren Tage der Versöhnung, an dem

der Allmächtige über Leben und Tod entscheidet, in den chassidischen

ebenso wie in den misnagdischen Häusern große Wachslichte angefertigt

werden. Aber der siebenmal gefaltete Docht wird nicht früher in das

Wachs gelegt, als bis aus den Fäden die Namen eines jeden lebenden

Familienangehörigen, wie jedes toten zusammengelegt worden ist. Zwischen

den Lebenden und den Toten ist ja nur ein äußerer Unterschied.

Reicher an Bräuchen, ungleich verinnerlichter ist das Leben der

polnischen Chassidim. Hat doch auch heute noch -- in diesen aufgeregten

Tagen -- der Chassidismus gerade in Polen die größte Zahl seiner

Anhänger. Dort hat er nur wenig von seiner alten Kraft und seinen alten

Formen verloren. In jenen Zeiten, von denen ich hier berichte, war der

polnische Chossid ein Wesen, dessen Leben zwischen Himmel und Erde

schwebte und in seiner Verklärtheit dem praktischen Alltag entrückt

schien. Im Gebet erst reifte sein Menschtum zur Ganzheit und Schönheit

aus. So heilig war das Gebet, daß es erst aus der Seele emporsteigen

konnte, wenn alle irdischen Gedanken verbannt waren. Lieber gar nicht

beten, als ohne Inbrunst beten, war ihr Grundsatz. Sie verschmähten

darum die zeitlichen Grenzen, die für das Gebet vorgeschrieben waren,

sie harrten der Feierstunden. Und wollte sich die Seele nicht

aufschwingen zur Weltvergessenheit, dann mußte ein Gläschen Wein -- des

Brechers der Sorgen, des Bringers der himmlischen Freuden -- nachhelfen.

Ihr Auge, aus dem die Flammen des inneren Brandes schlugen, sah die Welt

erfüllt mit guten und bösen Geistern. Sie nahmen mannigfache Formen an.

So erschien ihnen die Frau als ein Dämon, der die Menschen verführt und

in die Niedrigkeit herabzerrt. Lieber einen weiten Umweg machen, als

zwischen zwei Frauen hindurchgehen.

Das Verhältnis der übrigen Judenheit -- der Misnagdim -- zu den

Chassidim ist sehr feindlich. Zwischen den litauischen Chassidim und

Misnagdim bestehen weniger Unterschiede. Und Konflikte sind nur selten,

weil sie auch viel Gemeinsames haben, hauptsächlich die Talmudverehrung.

Die polnischen Chassidim dagegen ignorieren mehr oder weniger den Talmud

und schöpfen ihre Weisheit und Begeisterung aus -=ihren=- heiligen

Büchern. Ein interessanter und bezeichnender Beleg für dieses feindliche

Verhältnis zwischen den beiden Richtungen ist das Liedchen der Misnagdim

über die Chassidim:

:|: Wer geht in Schül arayn?:|:

Unsere heilige Idelach.

:|: Wer geht in Schenk arayn?:|:

Unsere Kotzker Chassidimlach.

:|: La, la, la, la, la, la:|:

:|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:

Auch die Wengeroffs waren Chassidim, aber litauische. Ich, die Tochter

des Misnagid, sah und hörte hier viel Neues und mußte mich allmählich an

manches Fremde gewöhnen.

Meine Schwiegereltern waren sehr gastfreundlich, und in ihrem Hause

verkehrten viele Leute. Dieser Verkehr war aber ein ganz anderer als der

bei den Meinigen in Brest. Da es in Konotop keine vornehmen jüdischen

Familien gab, so bildete sich allmählich der Verkehr mit Nichtjuden aus,

der sich bald recht freundschaftlich und rege gestaltete. Junge

Offiziere, Gutsbesitzer mit ihren Frauen und Geschwistern besuchten

meine Schwiegereltern oft und gerne. Auch manche künftige Berühmtheit

Rußlands befand sich darunter, wie: Dragomirow, der spätere

Generalgouverneur von Kiew und Lehrer Alexander des III., Ponamariew,

Mescenzow und noch andere, die später als Schriftsteller oder auf

militärischem Gebiete bekannt wurden. Durch diesen Verkehr schlichen

sich unvermerkt auch »christliche« Sitten ins Schwiegerelternhaus ein.

Es entstand ein Gemisch von echt jüdischer Religiosität und

nichtjüdischen Gebräuchen.

Allmählich fing ich an, mich an das neue Leben zu gewöhnen und schloß

mich fest und innig meinen Schwiegereltern und den Geschwistern meines

Mannes an. Sie bemühten sich alle, mir über den Schmerz der Trennung

von den Meinigen hinwegzuhelfen, mir das eigene Elternhaus zu ersetzen.

Ich war wie die Tochter im Hause. Auch manche Arbeit in der Wirtschaft

übernahm ich. So war das Teeeingießen des Morgens und Abends, das je

zwei Stunden andauerte, bald mein Amt. Anstrengend war die Erfüllung

dieser Pflicht im Hochsommer während der großen Hitze. Nach vollendeter

Arbeit war ich triefend naß. Hier, am brodelnden Samowar war es, wo mein

Schwiegervater, sonst ein schweigsamer und etwas mürrischer Mann, mit

mir die liebevollsten Gespräche führte und sich stets nach meiner

Gesundheit erkundigte.

Zwei Menschen im Hause waren am meisten tätig: der Schwiegervater und

die Großmutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau

eine große Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand

vortrefflich zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu

den schmackhaftesten Leckerbissen wußte sie alles herzurichten. Sie war

ein besonderer Künstler im Einkochen der mannigfachsten Früchte, denen

sie dabei ihr natürliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt

waren ihre »Knischi«, Pastetchen, die sie mit Gänseschmalz, Grieben,

Gänseleber, auch mit in Gänseschmalz gedämpftem Sauerkohl zu füllen

pflegte. Ihr Meisterstück aber auf dem Gebiete stellten ihre

Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weißen Honig und goß ihn nebst

etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rührte alles mit einem

Holzlöffel gut durcheinander und ließ die Masse ein wenig abkühlen. Dann

nahm sie etwas von dem Teig, in den noch gute große Haselnüsse

hineingeknetet wurden, zwischen beide Hände und rieb, zog, drückte ihn

so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflächen

ablöste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer

Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde.

Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag

kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Sie war der

Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den

Armen stets zur Seite. Täglich fast sah man die alte Frau von einer

Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurückkehren. Der eine wollte von

ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner

Tochter. Ein dritter klagte ihr über Schmerzen in der Brust. Eine Frau

bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in

Geburtswehen daliegt, usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit

guten, verständigen Worten ab. Die andern, bei welchen die Not größer

war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der

Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins

Kontor, um sich hier über verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zu

informieren. Hastig kehrte sie zurück, warf ihren Mantel um und eilte zu

der Wöchnerin.

Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie

verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen

mir noch einige in Erinnerung sind. Bei Brustschmerzen und starkem

Husten ließ sie während eines ganzen Monats das folgende Getränk nehmen:

Hafermehl, Sahne, Butter und vier Lot kandierten Zuckers mußten zusammen

gut aufgekocht werden. Dieses außerordentlich nahrhafte Getränk

kräftigte die Leute sehr bald und der Husten ließ nach. Zur Nachkur

mußte der Kranke süße Sahne nehmen, die in einer Flasche so lange

geschüttelt wurde, bis sich an der Oberfläche kleine Krümel Butter

zeigten. Wurde diese Kur gewissenhaft durchgeführt, so war sie meistens

erfolgreich. -- Bei Rheumatismus, Blutstockungen und Kopfschmerz ließ

sie vier bis sechs Wochen lang einen großen Kelch einer Abkochung von

Sarsaparilla trinken. Bei Blutwallungen nach dem Kopfe und

Schwindelanfällen war ihr souveränes Mittel der Aderlaß, wobei ein

Teller voll Blut abgelassen wurde. Bei Fußbeschwerden ließ sie Bäder von

durchgekochten grünen Pappelblättern machen. Sehr häufig empfahl sie

auch Bäder aus einer Abkochung von trockenem, zerriebenen Heu. Dabei

bevorzugte sie jene zerriebenen Heubröckel, wie sie sich in der Scheuer

bei lange lagerndem Heu am Boden finden. Diese Bäder galten ihr übrigens

auch als ein treffliches Mittel für kranke und schwächliche Kinder. Als

allgemeines ableitendes Mittel bei den mannigfachsten Beschwerden liebte

sie Pflaster von spanischen Fliegen. Diese wurden so lange auf der

kranken Stelle belassen, bis sich eine Blase bildete, die sie dann mit

einer Scheere öffnete und mit Buchnersalbe -- eine Art auf Leinwand

gestrichener Zugsalbe -- längere Zeit offen hielt. Bei skrofulösen

Kindern empfahl sie, Bäder aus Malz oder Rinde von jungen Eichen zu

machen. Senfpflaster gab sie zwei- und dreijährigen Kindern bei

Leibschmerzen. Ein sehr rabiates Mittel wandte sie bei Halsschmerzen und

Mandelentzündungen kleiner Kinder an. Sie tauchte ihren Zeigefinger in

heißes Wasser und massierte die Drüsen vom Munde her. Die Kinder machten

dabei natürlich einen großen Lärm; und ich sehe noch die Alte, wie sie

durch Schnalzen und Schmatzen mit den Lippen die Kinder zu beruhigen

suchte. Versagten aber alle ihre Methoden, dann griff sie zu einem

heroischen Mittel. Ich selbst hatte die Gelegenheit, diese Prozedur bei

meinem Kinde zu verfolgen. Nach dem Tode meines erstgeborenen Kindes

gebar ich ein Mädchen, das in seinem ersten Jahre -- es wurde noch an

der Brust ernährt -- plötzlich zu kränkeln anfing. Es wurde immer

blasser, immer schwächer und magerte ganz ab. Die Alte hatte alle ihre

Mittel schon angewandt. Aber keines half. Das Kindchen siechte immer

mehr und mehr dahin. Mit einem feierlichen Ernste sagte sie mir: sie

werde noch ein Mittel probieren, aber das sei ein furchtbares Mittel,

und es sei nicht unmöglich, daß das Kind unter Umständen dabei zugrunde

gehen könnte. Das Kind schien uns ohnehin verloren. Und so entschlossen

wir uns denn, diesen letzten entscheidenden Versuch zu wagen. Ein Ochse

wurde auf dem Hof geschlachtet. Noch ehe man das Fell abzog, schnitt man

den Leib auf und nahm den dampfenden Magen heraus. Er wurde in eine

Krippe gelegt und mit einem wollenen Tuch bedeckt, damit er warm bliebe.

So wurde er in das Krankenzimmer gebracht. Die Alte schnitt nun mit

einem großen Küchenmesser den Magen auf, schob den dampfenden Speisebrei

auseinander und setzte nun das halbtote Kind mitten hinein. Mit der

einen Hand hielt sie das Köpfchen fest, mit der andern bedeckte sie

immer wieder das Körperchen des kranken Kindes mit dem dampfenden

Mageninhalt. Schon nach wenigen Minuten röteten sich die Wangen des

blassen Kindes wieder. Die sonst halbgeschlossenen Augen öffneten sich

und mit schwacher Stimme rief es mich: -- Mamm', Mamm'. Nun nahm die

Alte das Kind aus den Ochsenmagen, badete es und legte es in die Wiege.

Nach einem halbstündigen, ruhigen Schlaf verlangte es zu essen. Seit

jener Stunde, von der an es sich immer kräftiger und kräftiger

entwickelte, aß es mit bestem Appetit und ich kann versichern, daß

dieser Appetit auch heute noch meine Tochter -- sie ist nun schon 55

Jahre alt -- nicht wieder verlassen hat.

Man kann von der Großmutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, daß sie

eine große Praxis besaß. Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine

Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein

Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden

durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreißenden Frau unentbehrlich

war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen »Beileniu« zu

rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie

fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhältnissen angepaßt.

Sie trug große, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine

schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige

Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu

denen sie hinkam, so groß, daß sogar Windeln für das Neugeborene

fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie riß

ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte

selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die

Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die

Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück

und erzählte häufig und gern von ihren Erlebnissen.

Nach der unter den Juden dieses Ortes herrschenden Sitte wurde die

Hebamme stets nach der geleisteten Geburtshilfe mit einem weißen Hemd

beschenkt. Meine Großschwiegermutter besaß viele solcher Hemden, deren

Annahme sie aus Zartgefühl nie verweigerte. Sie lagen in einer Kommode

aufbewahrt. Verlobte sich im Städtchen ein armes Mädchen, oder war die

Not irgendwo so groß, daß sogar Wäsche fehlte, dann wurde die Kommode

geöffnet und der Vorrat hervorgeholt.

Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich

und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und

der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg

ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die

sich in ihrem kleinen beschränkten Kreise ein Betätigungsfeld schuf und

das soziale Empfinden in diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den

Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange ununterbrochene

Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas

Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an.

Es könnte dem Leser etwas vag vorkommen, daß ich an ein einziges

Beispiel anknüpfend zu solch allgemeinen Schlüssen gelange. Aber die

Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausführlich geschildert habe,

war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden

viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen.

-- Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging

sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze

Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte.

Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele

Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens

besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und

ging dann in die Synagoge.

Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie aß wenig und

einfach. Für die Gäste aber mußte stets ein reichbesetzter Tisch

hergerichtet werden, was in jenen Zeiten in -=jedem=- reichen, vornehmen

jüdischen Hause üblich war.

Die Bevölkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle

Bekannten und Freunde brachten ihr die größte Achtung entgegen. Ihr

Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als ein Gesetz, besonders bei

ihrem Manne und uns Kindern.

Trotzdem sie aber die Macht besaß, ließ sie dies niemals jemanden

fühlen. Nichts von Egoismus und Selbstüberschätzung war in dieser Frau,

keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religiöse

Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den

Willen Gottes -- das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. -- Daß diese

Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue

hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen

gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die in

ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmudstudium, wie auch zu dem der

russischen Sprache anhielt.

Ihr Gatte, ein hageres Männchen mit blitzenden, gutmütigen Augen, war

ihr ganz ergeben und fügte sich, weil er wußte, daß sie ihm in jeder

Hinsicht überlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschäfte

tätig. Das entscheidende Wort führte jedoch seine Frau. Wohl konnte er

gelegentlich gegen die Enkelkinder streng werden. Aber niemand fürchtete

ihn, weil man sein weiches Gemüt kannte. Er war tief ergriffen von allem

menschlichen Elend. Szenen auf dem Hofe, die sich unter Dienstleuten

abspielten, und die sonst niemand bemerkte, konnten ihn tief rühren. Im

gewöhnlichen Leben war er ohne Initiative, energielos... Aber beim

Vorbeten in der eigenen kleinen Synagoge wurde er ein neuer Mensch.

Seine ganze Gestalt veränderte sich in dem Augenblick, da er die ersten

Gebetworte sprach. Eine Kraft und ein Feuer kamen in seine Stimme, daß

man staunen mußte, wo dieser winzige Körper sie hernahm. Der Ton seines

Betens wurde immer bewegter, immer verinnerlichter. Er geriet in eine

weltentrückte Verzückung. Der kleine gebückte Mann wurde groß, so groß

und erhaben, wie die Worte es waren, die er sprach.

Mir persönlich war er sehr gewogen und später, als mein Erstgeborener

einige Monate zählte, kam der Urgroßvater jeden Morgen vor Tagesanbruch

zu ihm ins Zimmer und spielte eine Stunde mit dem Kinde. Der Kleine

erkannte ihn stets und streckte ihm die Händchen entgegen. Er nahm ihn

aus der Wiege, hob ihn hoch über den Kopf und sang dabei: Haisurki,

haisurki...

Das Kind lachte laut, zappelte vergnügt in der Luft und fuhr mit den

Händchen dem Alten ins Gesicht und in den Bart.

Diese Szene wiederholte sich regelmäßig jeden Morgen. Halbschlummernd

hörte ich manchmal aus meinem Schlafzimmer dem Spiel zu, und es wurde

mir dabei stets so warm, so behaglich zu Mute.

Eine Geschichte, die in der Familie ein Geheimnis war und mir erzählt

wurde, knüpft sich an dieses Ehepaar: Vor vielen Jahren wurde der Mann

infolge einer Denunziation ins Gefängnis gebracht. Die tief erschütterte

Frau schreckte vor keiner Gefahr zurück, um ihrem Mann Trost und Mut zu

bringen. Sie besuchte ihn häufig im Gefängnis, als Soldat verkleidet --

eine Tat, die, wäre sie entdeckt worden, ihr den sicheren Tod gebracht

hätte.

Auch in dieser heroischen Tat kommt sie mir wie ein Vorbote derjenigen

jüdischen Frauen vor, die seit den 80er Jahren an der russischen

Revolution teilnahmen und unerschrocken für die gute Sache kämpfen. Aber

zu jener Zeit war Rußland noch in tiefen Schlaf versunken, und für eine

jüdische Frau gab es damals noch keine andere Möglichkeit, ihren

heroischen Geist zu offenbaren, als im engen, geschlossenen

Familienleben. Innerhalb dieses Kreises hat sie auch vollauf ihre

Mission erfüllt.

Munter trug meine Großschwiegermutter ihre Sorgen und blieb bis ins hohe

Alter gesund und rüstig. Als ich ins Wengeroffsche Haus kam, war sie

noch schön -- eine Gestalt von mittlerer Stärke, ein ovales Gesicht,

kluge, gute Augen, eine leicht gebogene Nase und ein sehr kleiner Mund

mit blendend weißen Zähnen, der sich aber fast nie zum Lachen verzog;

ein Kinn, auf dem seltsamerweise ein Bart wuchs, den sie sich jede Woche

entfernen lassen mußte.

Ihr ganzes Trachten und ihre Mühe galten ihrem Sohne, meinem

Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen,

ihrer Sorgen und Wünsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr

brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehörte dem

Sohne, dem lichten Stern ihres mühevollen Lebens.

Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit näher kennen zu

lernen, weil er sehr oft auf Geschäftsreisen ging; und wenn er nach

Hause zurückkehrte, nahmen ihn auch die Geschäfte ganz in Anspruch. Er

war ein kluger Mann mit großen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen

jedermann und seiner Frau gegenüber der liebenswürdigste Kavalier und

geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich

herrschsüchtige Gattin war von ihrer Allwissenheit überzeugt. Die

allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose

Vergötterung ihres Mannes unterstützten sie noch mehr in ihrem

Selbstbewußtsein. Sie besaß Kenntnisse des Hebräischen, was ihren Stolz

noch vergrößerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in

Konotop, sondern in ganz Klein-Rußland damals zur Seltenheit gehörte.

Sie stand sehr spät auf. Wenn sie im Eßzimmer erschien, suchten entweder

meine ältere Schwägerin oder ich ihr das Frühstück mit aller

Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre

Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmädchen und

Bediente erhielten ihr Teil sogleich während des Frühstücks. Nach dem

Frühstück nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Fürstin

gleich ihr ganzes Hab und Gut übersah und beherrschte. Und alle im

Hause, männliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer

Stimme.

Außer einem Schwager und seiner Frau, der Schwägerin Kunze, einer

ungewöhnlich guten und schönen Frau, waren die übrigen Mitglieder des

Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 5 / 15 段