Wir Mädchen machten Toilette. Ich wählte ein Kleid, das mir sehr gut

stand, und musterte mich selbst im Spiegel, der mir von meinem eigenen

Glücke erzählte. -- Dann stiegen wir ein und fuhren rasch weiter.

Unterwegs kam uns ein Wagen entgegen. Wir erkannten bereits aus der

Ferne meinen Schwiegervater und den Herrn Brim. Die letzte Station vor

Konotop erreichten wir in einer halben Stunde, und von da aus waren wir

unserm Reiseziel ganz nahe. Wir fuhren in Konotop ein. Die Vorstadt war

nicht vielversprechend: lauter kleine Hütten mit Strohdächern. Meine

Schwester war fast entsetzt über den Dorfcharakter des Städtchens. Mir

aber war alles gleichgültig. Was ging mich damals die Stadt an! Es

schwebte nur das Bild meines Verlobten vor mir gleich wie die leuchtende

Feuersäule in der Nacht vor den Israeliten in der Wüste und bannte alle

trüben Gedanken.

Wir fuhren durch eine lange ungeebnete Straße. Rechts und links die

gleichen strohbedeckten Hütten. Endlich kamen wir an einen weiten

Platz, wo das erste große, vornehme, steinerne Haus mit einem grünen

Blechdach stand. Es war das Ziel unserer Reise; das Haus der Familie

Wengeroff. Begleitet von einer neugierigen Menge fuhr unser Wagen durch

das Einfahrtstor und machte vor einem großen Balkon, der ganz mit

Menschen besetzt war, Halt.

Meine zukünftige Großschwiegermutter kam mir entgegen, küßte mich und

übergab mir ein »süßes Brot«. Ernst und ehrfurchtsvoll war der Eindruck,

den diese Frau auf mich machte. Dagegen wußte die Tante, die Stiefmutter

meines Bräutigams, sogleich mein Vertrauen und meine Zuneigung zu

gewinnen. Auch schien mir ihre Umarmung herzlicher, traulicher und

zärtlicher als die der anderen. Es wurden mir noch die Frau des älteren

Bruders meines Bräutigams und seine jüngere Schwester vorgestellt. Von

dieser wußte ich bereits soviel Gutes und Liebes, daß ich sie wie eine

längst vertraute Freundin herzlich umfing. Aber über all diese Menschen

hinweg schweifte mein Blick weiter und suchte den Liebsten, den

Nächsten, nach dem ich mich das ganze lange Jahr so heiß gesehnt hatte.

Aber nirgends war er zu sehen. Von allen begleitet gelangte ich durch

das Vorzimmer in den Salon. Hier empfing mich glückstrahlend mein

Bräutigam. Unsere Begrüßung war stumm: es bedurfte wirklich keiner

Worte. Die Augen sagten so viel; sie sagten so manches, wofür noch kein

Dichter den Ausdruck gefunden hat. --

Es wurde Abend. Zahllose Lichter brannten, und Wohnung und Menschen

sahen feierlich aus. Man reichte den Tee. Die ältere Schwägerin wich

nicht von der Seite meiner Mutter, die jüngere nicht von der meinigen.

Mein Bräutigam mußte, um die Sitte nicht zu verletzen, meinem Vater

Gesellschaft leisten und in der Herrengesellschaft bleiben. Er wagte es

aber, ab und zu auf eine Weile an meiner Seite Platz zu nehmen, um mir

einige liebe Worte zuzuflüstern.

Bald forderte man uns zum Tanz auf. Wir beide, meine Schwester und ich,

mußten uns auch daran beteiligen, obwohl unsere Lust nicht sehr groß

war. Wir tanzten die Polka-Mazurka mit Figuren, was großen Beifall

erregte. Überhaupt: an diesem Abend waren wir der Mittelpunkt der

lustigen Hochzeitsgesellschaft.

Nach dem Tanze wurde zu Tisch gebeten. Mein Bräutigam saß wieder mit den

älteren Herren an der anderen Seite des Tisches, und nur durch Blicke

konnten wir uns verständigen.

Das Abendessen war zu Ende. Halbschlafend vor Müdigkeit trennte ich mich

von meinem Bräutigam und allen Anwesenden. -- Als ich mit meiner

Schwester in unserem Logis allein zurückblieb, tauschten wir noch

allerlei Bemerkungen und Beobachtungen über die Gesellschaft aus, die

wir soeben verlassen hatten. Plötzlich öffnete sich die Tür, und im

Zimmer erschien ein ganz komisches Wesen. Es war eine kleine,

untersetzte Person mit sehr stumpfer, echt russischer Nase, kleinen

lebhaften Augen, breitem, sonnverbranntem Gesicht in einer ganz

eigenartigen, kleinrussischen Tracht. Auf dem Kopfe trug sie einen

Turban aus wollenem, buntem Tuch, an welchem grellrote, künstliche Rosen

mit noch grelleren, grünen Blättern befestigt waren, die ihr tief ins

Gesicht fielen. Vorn und hinten war der ganze Körper mit zwei bunten

Schürzen bedeckt -- darunter ein viel längeres weißes Hemd mit

bauschigen, buntgestickten Ärmeln. Am Halse eine Masse Korallen, bunte

Perlen, Messingmünzen und große Ringe in den Ohren. Schuhe und Strümpfe

fehlten, und die nackten Füße ließen an Reinlichkeit viel zu wünschen

übrig. Es war das Dienstmädchen, das uns frisches Wasser brachte und

sich nach unseren Wünschen erkundigte. Wir sahen zum erstenmal diese

wunderliche Tracht, waren im ersten Augenblick sprachlos vor

Überraschung und brachen plötzlich in ein lautes, mutwilliges Lachen

aus. Wir lachten noch lange, nachdem das Mädchen fort war und plauderten

vergnügt. Vor dem Einschlafen umarmte mich meine Schwester Cäcilie

stürmisch und rief aus: »Du bist glücklich und wirst sehr glücklich

sein, Schwester!« Auch ich glaubte an mein Glück. Das Herz war so voll,

schlug so stürmisch. Ich hätte die ganze Menschheit in jener Stunde

umarmen können. Vom Glücksgefühl übermannt, in süße Träume eingewiegt,

schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Vater bei den

Mechutonim[5]. Mutter und Schwester waren zum Ausgehen bereit. Von

drüben fragte man schon einige Male nach mir. Ich zog mich rasch an, und

als ich mit meiner Toilette fertig war, brachte mir die Mutter selbst

den Ziganka, und wir verließen unser Quartier. Bei Wengeroffs wurden wir

zum Frühstück erwartet.

In der zwanglosen, intimen und herzlichen Stimmung schwand auch meine

Schüchternheit; wir jungen Leute durften uns in ein anderes Zimmer

zurückziehen. Zweimal ließen wir uns dies nicht sagen und waren lustig

und ausgelassen.

Die Schwiegermutter und die zukünftige Schwägerin äußerten den Wunsch,

meine Aussteuer zu sehen. Sie betrachteten alles Stück für Stück mit

Sachkenntnis und eingehendem Interesse, und meine Mutter erntete bei

dieser Besichtigung großen Beifall. Über einen Gegenstand in der Wäsche

waren sie aber sehr erstaunt, nämlich über die Unterröcke, denn als ich

nach Konotop kam, trug keine einzige Frau solche. Auch in der Aussteuer

meiner Schwester Eva fehlte dieses Stück Wäsche. In der kurzen Zeit seit

der Verheiratung meiner Schwester war so manche neue Sitte in unserem

Hause eingeführt worden. Die Frauen in Konotop trugen auch noch keine

Unterröcke, sondern das Kleid direkt über dem Hemd. Unterröcke zu

tragen, wurde schon als »christlich« betrachtet. Nur im Winter hatten

die Frauen dicke Flanellunterröcke und sehr dicke hohe Herrenstiefel an.

-- Selbstverständlich wußte man nach kurzer Zeit in ganz Konotop von

diesem Bestandteil meiner Aussteuer; und es dauerte nicht lange, so

folgten andere Frauen in Konotop meinem Beispiel. Jedenfalls brachten es

die Jüdinnen in Konotop leicht über sich, ein neues, modernes

Kleidungsstück in ihre Toilette aufzunehmen.

Kulturell hauptsächlich aber gesellschaftlich stand Konotop noch weit

hinter Brest zurück. Von der Mode wußte man hier nicht viel. Meine

Sachen wurden bewundert; ich selbst, so oft ich durch die Straßen ging,

angestaunt; und nach kurzer Zeit galt ich in Modesachen für tonangebend

in ganz Konotop.

Am Tage vor der Hochzeit erwartete man noch Gäste aus Petersburg, einen

Bruder und Schwager meiner künftigen Schwiegermutter. Sie kamen während

des Mittagessens an. Es waren zwei hübsche, vornehm aussehende Herren.

Sie trugen kurze hellseidene Sommerkostüme, eine Art Reiseanzug, und

breitrandige weiße Strohhüte, die sie beim Eintritt ins Speisezimmer

abnahmen, so daß sie mit bloßem Haupt sitzen blieben, während die

übrigen Herren beständig ein kleines, schwarzes Samtkäppchen

aufbehielten. Mein Schwiegervater war sogar etwas betroffen. Das freie,

ungezwungene Benehmen seiner Gäste störte ihn um so mehr, als die

Gegenwart meines lieben Vaters eine tiefreligiöse Stimmung verbreitete.

Doch merkten die jungen Leute schnell ihren Fehler und suchten sich bald

den anderen anzupassen. So setzten sie zum Nachtischgebet die Hüte auf

und murmelten gezwungen vor sich hin, was uns sehr possierlich vorkam.

Nach dem Mittagessen verließ ich die Gesellschaft, denn nach den

althergebrachten Gesetzen mußte ich mich vor meiner Hochzeit der

rituellen Reinigung unterziehen. Bei dieser Zeremonie litt ich die

unerträglichsten Qualen, und meine Feinfühligkeit wurde dabei auf eine

harte Probe gestellt. Die religiösen Formalitäten in der »Mikwe« (dem

rituellen Bade) wollten kein Ende nehmen. Ich wurde gewaschen. Man

putzte mir sorgfältig die Nägel und zum Schluß mußte ich nach der

Vorschrift dreimal ganz im Bassin untertauchen. In stummer Ergebung

erfüllte ich die Befehle der alten Weiber, die mich wie ein Opferlamm

behandelten. Wie froh war ich, als ich sie endlich verlassen durfte!

Am Abend wurde wieder getanzt. Und jetzt waren es nicht nur Mädchen

allein, sondern auch einige junge Leute nahmen daran teil. Es war zwar

gegen die Sitte; die Alten waren aber in einem entfernten Zimmer

versammelt, und die günstige Gelegenheit nutzte die Jugend aus. An

diesem Abend, dem Vorabend meiner Hochzeit, trennten wir uns zeitig

voneinander, doch konnte ich lange nicht einschlafen und nahm mit Wehmut

von meinen Mädchenträumen Abschied.

Am nächsten Tag erwachte ich mit dem Gedanken, daß es der bedeutendste

Tag meines Lebens sei. Wir machten heute alle große Toilette. Ich legte

das schwere grauseidene Kleid an, setzte den Myrtenkranz mit dem langen,

weißen Schleier auf. Weiße Handschuhe, Fächer und ein zierliches

Spitzentaschentuch ergänzten meinen Anzug. Man warf mir den

Zigankamantel um, und wir bestiegen den Wagen, der uns, von einer

gaffenden, neugierigen Menge begleitet, vor das Wengeroffsche Haus

brachte. Die beiden Schwägerinnen empfingen uns. Im Salon wurden wir von

den Schwiegereltern und vielen fremden Damen und Herren begrüßt. Erst

nach einiger Zeit erschien mein Bräutigam, umgeben von zahlreichen

Herren. Er wagte kaum mich anzusehen, denn nach der Sitte des Ortes

sollten Braut und Bräutigam in der letzten Stunde vor der Trauung am

meisten voneinander entfernt bleiben.

Ohne jede Feierlichkeit führte man mich in den Hochzeitssaal. Nicht

einmal der bei uns gebräuchliche Lehnsessel wurde mir angeboten. Ich

mußte an die Hochzeit meiner Schwester zurückdenken --: wie feierlich

war dort alles zugegangen, wie bewegt waren wir Geschwister, als Vater

und Mutter unter Klängen einer rührenden Musik die Braut in den Saal

hineinführten, und sie dann auf einen Armstuhl, der sich in der Mitte

des Salons auf einem Teppich befand, niederließen --. Mir wurde

traurig bei dieser Erinnerung, und ich verspürte eine leise

Enttäuschung. Meine Empfindlichkeit steigerte sich bis zum Ärger, als

ich erfuhr, daß die ganze Zeremonie der Hochzeit nach der dort

herrschenden Sitte auf dem Hofe in einer großen Bretterscheune

stattfinden sollte. Mutter, Schwester und ich konnten es kaum fassen. An

eine Weigerung war aber nicht zu denken, und wir mußten uns fügen. Zu

unserer Beruhigung versicherte man uns, daß eine Hochzeit in Konotop nie

anders gefeiert würde, wenn auch die prächtigsten Räume zur Verfügung

ständen.

In der Scheune nahmen wir auf Stühlen Platz, während die Menge sich auf

Bänken niederließ. Die Musik stimmte in grellen, schrillen Tönen an, und

in die Scheune tanzte in wilden Sprüngen, sich im Kreise drehend, eine

alte Frau herein. Hoch überm Haupte hielt sie einen runden Kuchen, und,

lustig singend, brachte sie folgende Worte hervor:

»Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow!« Dabei ermunterte sie die

Musik, weiter zu spielen.

Ich und meine Schwester hatten noch nie Ähnliches erlebt. Unser

Erstaunen war grenzenlos. Bald aber ergriff uns eine Lachlust, der wir

gar nicht widerstehen konnten. Die Schwägerin merkte es und beeilte

sich, uns diese Szene zu erklären: Nach dem Brauch des Ortes sandte jede

Freundin des Hauses der Hausfrau einen Kuchen, der in dieser seltsamen

Weise überreicht wurde. Diese Erklärung machte die Sache nicht weniger

komisch und unsere Lachlust nicht geringer. Die gleiche Zeremonie

wiederholte sich noch mehrmals, nur mit dem Unterschied, daß jedesmal

der Name einer anderen Freundin ausgerufen wurde.

Um drei Uhr nachmittags waren die Feierlichkeiten in der Scheune zu

Ende, und ich entfernte mich, um das Vorabendgebet zu verrichten und das

Kleid zu wechseln. Die Mutter begleitete mich. Mit bewegter Stimme

sprach sie zu mir von dem Ernste des Hochzeitstages, der für die Braut

einen zweiten Versöhnungstag bedeute, an dem sie Gott um Vergebung aller

ihrer bisherigen Sünden anflehen müsse. Tränen entflossen unaufhaltsam

meinen Augen. Ich umklammerte krampfhaft das Gebetbuch und betete...

Meine fromme und weihevolle Unterredung mit Gott dauerte eine gute

Stunde, und mit verweinten Augen erschien ich wieder in der Scheune. Die

anwesenden Mädchen näherten sich mir, nahmen mir den Brautkranz ab,

lösten das Haar, das zu kleinen Zöpfchen geflochten war, damit die ganze

Frauengesellschaft an dem Auflösen der Haare teilnehmen könnte, und

breiteten es auf Schultern und Nacken aus. Ich schluchzte vor Bewegung.

Da erschien der Bräutigam im Kreise der Herren, nahm das weiße

Seidentuch, das über einer mit Hopfenblumen gefüllten Platte

ausgebreitet lag, und auf Anweisung des Rabbiners bedeckte er damit

meinen Kopf, wobei alle Umstehenden mich mit Hopfen bestreuten, ganz in

derselben Weise, wie ich es bei der Hochzeit meiner Schwester Eva

ausführlich beschrieben habe. -- Dann wurde mein Bräutigam zur Synagoge

gebracht, und ich wurde von Vater und Mutter dorthin geführt, wo der Akt

der Trauung vor sich ging. Darauf trat ich am Arme meines Neuvermählten

unter lustigen Musikklängen den Rückweg an. Ich sah den Weg nicht, da

mein dichtes seidnes Tuch über den Augen mich wie blind machte.

Zu Hause angelangt, zogen wir uns ins Gastzimmer zurück, wo ich endlich

das seidene Tuch auf einen Augenblick lüften durfte, um meinen Mann zum

erstenmal nach der Trauung ins Auge zu sehen. Man servierte uns Tee, den

wir mit wahrer Wonne tranken. Denn nach der jüdischen Sitte hatten wir

bis zu dieser Stunde gefastet.

Während des Abendessens, zu dem in der Scheune gedeckt wurde, und an dem

das ganze Städtchen teilnahm, saß ich am Damentisch und mein Mann am

Herrentisch. Die »Schewa broches«, die sieben Segenssprüche, welche der

Rabbiner bei der Einsegnung des Ehepaares rezitiert hatte, wurden hier

wiederholt, eine Zeremonie, die eine ganze Woche hindurch, aus

besonderem Anlaß sogar während des ganzen Honigmonats, beobachtet werden

muß. Dieses Trauungsmahl (Chuppewetschere) dehnte sich bis Mitternacht

aus, denn die Aufheiterung des Chossen und der Kalle (m'ssameach chosson

w'kaloh) gehörte zu den größten Mizwaus, d. h. gottwohlgefälligen

Handlungen.

Am nächsten Morgen erschien die mit einer Schere bewaffnete Frau, und

auf Befehl meiner Mutter schnitt sie mir das Haar ab. Man ließ mir zum

Andenken noch etwas vom Stirnhaar zurück. Aber auch dieses verdeckte die

Perücke.

Die Perücke war bereits ein Fortschritt; meine letztverheiratete

Schwester hatte nur eine festanliegende Kopfbedeckung aus Stoff und

einem haarfarbenen Bande erhalten.

Die Operation war zu Ende. Ich warf einen Blick in den Spiegel und war

entsetzt, über mein verwandeltes Äußere. Mein Mann tröstete mich aber

liebevoll und versicherte, daß ich ebenso nett wie früher aussehe. So

beruhigte ich mich allmählich. In der kunstvoll gearbeiteten Perücke

mit einem koketten Häubchen, im hübschen Seidenkleid erschien ich, von

Mutter und Schwiegermutter geführt, im Saale. Ich gefiel allgemein in

meiner neuen Tracht, und es fiel so manche Bemerkung, die mich erröten

ließ. Mein Mann wich nicht von meiner Seite.

Die letzten vier Wochen vor der Hochzeit wurde ich dermaßen behütet, daß

ich buchstäblich keinen Schritt allein machen durfte. Ein Aberglaube

herrschte sowohl im Volke, wie unter der damaligen jüdischen

Intelligenz, daß die bösen Geister in den letzten vier Wochen, die man:

kupferne, messingne, silberne und goldene nennt, besonders aber in der

letzten, von der Braut Besitz ergreifen und leichten Zugang zu ihr haben

könnten, wenn sie allein sei. Aus diesem Grunde wurde eine Braut, sowohl

am Tage, wie bei Nacht, bis nach der Chuppe keinen Augenblick allein

gelassen. Nach der Chuppe verloren die bösen Geister die Macht. Nun

hörte auch meine Angst vor den Geistern, die ich überall auf mich lauern

sah, auf, und ich freute mich meiner Freiheit.

Einige Tage vergingen in Lust und Freude. Ich fühlte mich heimisch in

den neuen Lebensbedingungen und dachte nicht mehr mit solcher Angst an

die Trennung von den Eltern.

Roschhaschonoh war vor der Tür, und meine Eltern wollten fort. Aber die

Wengeroffs ließen sie nicht fahren. Sie nahmen die herzliche Einladung

an, und wir verlebten gemeinsam die Feiertage. Aber nach den Feiertagen

traten sie ihre Rückreise nach Brest an, und wir nahmen Abschied

voneinander auf einige Jahre.

Und so kam ich als Gattin eines heißgeliebten, aber mir noch unbekannten

Mannes in ein fremdes Land, unter fremde Leute, fremde Sitten und mußte

mich in all dem Neuen mit meinen achtzehn Jahren zurechtfinden. So haben

die Eltern in jenen Zeiten ihre unvorbereiteten, fast ahnungslosen

Kinder verheiratet und, obwohl sie sie zärtlich liebten, hegten sie

keinen Zweifel und keine Bedenken. Mit Zuversicht in Gottes Beistand

übergaben sie die Kinder ihrem Schicksal. So nahm denn mein geregeltes

jüdisches Eheleben seinen Anfang...

Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern.

Konotop, das von nun an meine zweite Heimat werden sollte, war ein

kleines Städtchen von zehntausend Einwohnern. Dem Aussehen nach machte

Konotop ganz den Eindruck eines Dorfes.

Die Hauptbevölkerung in Konotop bildeten Christen -- Kaufleute, Beamte

und Ackerbauer. Die Juden, die hier in einer ganz geringen Zahl lebten,

waren hauptsächlich Getreidehändler und Schankwirte. Mein

Schwiegervater, der reichste Mann im Orte, war der »Otkupschczik« von

Konotop. In jener Zeit übergab die Regierung einem reichen Kaufmann --

Russen, Juden oder Griechen -- kontraktlich das Monopol auf Branntwein

und alkoholische Getränke. Nach diesem Vertrag war der Konzessionär

»Otkupschczik« verpflichtet, außer der Kaution, die in liegenden Gütern

und Staatspapieren bestand, jeden Monat eine bestimmte Summe in die

Staatskasse zu entrichten; blieb die Zahlung einen, höchstens zwei

Monate aus, so ging die Kaution verloren, und die Konzession fiel an die

Regierung zurück. Jede Stadt hatte einen solchen Konzessionär. Diese

Verpachtung war für den Staat sehr einträglich -- der Gewinn wurde auf

hundert Millionen Rubel jährlich berechnet, eine Summe, die, wie es

allgemein hieß, ausschließlich für die Armee verwendet wurde. Aber auch

die Konzessionäre hatten, wenn die Geschäfte normal gingen, ihren guten

Verdienst dabei. Sie erfreuten sich aller Freiheiten und des Schutzes

seitens der Behörden, führten ein vornehmes, reiches Leben, gaben oft

große Gesellschaften, bei denen üppig geschmaust und getrunken wurde.

Die schönsten Pferde, die elegantesten Equipagen der Stadt gehörten

ihnen. Kleinen Selbstherrschern gleich lebten sie in ihrer Umgebung.

Mein Schwiegervater besaß, wie gesagt, eine solche Branntweinkonzession.

Den Genuß von Wein und Bier kannten damals nur die oberen Schichten der

Gesellschaft. Das Volk trank Schnaps. Freilich verachteten auch die

oberen Zehntausend den Schnaps nicht und tranken gern ein Gläschen, um

ihren Appetit anzuregen. Der Arbeiter gebrauchte schon größere Dosen, um

in den Ruhepausen »seine Kräfte zu stärken«. Den größten Absatz fand

aber der Schnaps auf dem Lande bei dem Bauern, der ihn trank, um sich zu

betäuben. Die Schänkstube war sein Klub, wohin er stets nach der Arbeit

seine Schritte lenkte, wo er seinen »Wodka« trank, bald traurige, bald

lustige Lieder dabei singend und oft im Rausche tanzend.

Der verführerische Schnaps war in den Städten viel teurer als auf dem

Lande. Daher wurde Schmuggel damit getrieben. Es gab damals eine

»Rogatka« (Schlagbaum) vor jeder Stadt. Ein »Straschnik« (Wächter mit

einem großen Messingzeichen, dem Embleme der Konzession, auf der Brust

und dünnem Eisenstock in der Hand) war der Hüter der Grenze. Mit diesem

Stock durchstöberte er jeden Wagen, der an ihm vorbeifuhr, und wehe dem

Bauern oder dem Kaufmann, bei dem etwas gefunden wurde. Der

Unglückliche wurde ins Verwaltungsbureau geschleppt, der Tatbestand zu

Protokoll genommen. Man behandelte den Ertappten dabei wie einen

Verbrecher; und er entging nie einer großen Geldstrafe.

Mit solchen glücklichen Zufällen rechneten die Konzessionäre von

vornherein. Sie bestritten teilweise die großen Ausgaben für das

Personal, für die zahlreichen Aufseher zu Fuß und zu Pferde. Aber trotz

der zahlreichen Hüter der Grenze wurde sehr viel geschmuggelt, und ganze

Sendungen von 20 bis 30 Fässern auf Umwegen durch Schluchten, durch

Wälder in finsteren stürmischen Winternächten in die Städte befördert.

Da kam es nicht selten zu erbitterten Kämpfen zwischen den bewaffneten

Hütern der Grenze und den ebenfalls bewaffneten Schmugglern. Wie oft gab

es bei diesen Zusammenstößen Tote und Verwundete! Die erbeuteten Wagen

wurden mit Triumph in das Verwaltungsgebäude gebracht; und nun begann

der Prozeß. -- Die Angestellten kannten keine Ausnahme -- jeder, der

durch die Grenze kam, mußte sich einer Revision unterziehen. Und so

behelligten sie auch die Pilger, die von allen Enden Rußlands barfuß

nach der heiligen Stadt Kiew wallfahrteten, wo die Katakomben der

unermeßlich reichen Kirche »Peczerskaia Lawra« die Überreste vieler

Heiliger aufbewahren und wo sich das Grab des ersten russischen

Herrschers Wladimir des Heiligen, befindet. Das Fläschchen Branntwein,

das die Pilger, unter denen sich oft die vornehmsten Frauen und Männer

des Landes befanden, zu ihrer Stärkung und zur Einreibung der wunden

Füße bei sich trugen, wurde ihnen zumeist unter Schimpfen und Drohen

fortgenommen. Nur selten ließ man die Pilger ungestraft ihres heiligen

Weges gehen.

Die meisten Juden in Konotop waren Chassidim, eine in ihrem Wesen so

vielfach verkannte, in ihren Lehren so oft verleumdete Sekte. Vor etwa

hundertfünfzig Jahren ist der Chassidismus in Wolhynien entstanden als

Reaktion gegen die vornehmlich in Litauen herrschende, trockene

Talmudgelehrsamkeit. Es war gleichsam der Kampf des aufkommenden

Mystizismus und der Romantik gegen den kühlen Rationalismus. Nicht in

Klügeleien und komplizierten spitzfindigen Auslegungen eines

Bibelwortes, nicht in unaufhörlichem Brüten über dem Talmud, nicht in

den leblosen Wortgefechten besteht die echte, wahre Frömmigkeit. Mit

Herz und Gefühl soll Gott gedient werden. Begeisterung, Inbrunst,

Ekstase müssen den Menschen allem Materiellen entrücken und ihn in die

geistigen Höhen zu der Sphärenharmonie emporheben. So lehren die

Chassidim. Nach ihren späteren Lehren können immer nur wenige -- durch

absolute Vergeistigung eine höhere Erleuchtung, eine göttliche

Inspiration erlangen. Dies ist der Zaddik, der Rebbe, dem unbedingter

Glaube und Vertrauen entgegenzubringen ist. Das Leben soll nicht

getötet, sondern erhöht und gesteigert werden. Der Gottesdienst muß

freudig und jauchzend verrichtet werden, und überall muß Schönheit sein.

Die Schönheit des Rebben offenbart sich in allen seinen Bewegungen und

reißt seine Anhänger zur Entzückung hin. Und so pilgern die Chassidim

bei jeder Gelegenheit zum Rebben, nicht nur um Thora zu lernen und

Gebete zu sagen, sondern um in der Frömmigkeit zu leben und seine

Schönheit zu genießen. Der Rebbe hat Anteil an Gott. Seine Anhänger

wollen Anteil haben an ihm. So greifen sie leidenschaftlich nach den

Resten seiner Speisen. So verfolgen sie in Ekstase seine kleinsten

Bewegungen, suchen ihn in seinem Tanze zu beobachten und tanzen mit ihm.

Tanzend werden Gebete verrichtet, freudig gemeinsame Mahlzeiten

eingenommen und zwischen den einzelnen Mahlzeiten Lieder im Chor

gesungen, die der Rebbe einleitet. So erzählt ein chassidischer Weiser,

Rabbi Leib: »Ich fuhr oft zum Magid (Prediger) von Mezritz, (einem

Fleckchen in Polen), nicht etwa um Thoraneuigkeiten zu hören, sondern um

zu sehen, wie er seine Strümpfe ab- und anlegt.«

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 4 / 15 段