Erst mehr als drei Wochen nach meiner Verlobung kam mein Vater

freudestrahlend aus der Stadt zurück und übergab mir einen versiegelten,

an mich adressierten Brief mit den Worten: »Da hast du einen Brief,

gewiß von deinem Bräutigam.« Zum erstenmal in meinem Leben erhielt ich

einen Brief; mit zitternden Händen öffnete ich ihn und las folgendes:

»Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein,

einzige Seele meine!

Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewiß zu Haus, bin

schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir

(neben Dir), und ich habe gehört Deine süße, liebe Rede! O, wie

glücklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, daß nach zwei

Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich müssen

weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten

(entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure,

einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir

ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen,

und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es

ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich

fürcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du

kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein

mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche

ich wel lesen Deine Gefühle zu mir. Oh, daß wet mich neugeboren

machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher

(schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern.

Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergnügen und as

ich wel noch erhalten Deine süße Briefe mit Deine Worte!

Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt).

Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort

gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des

Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir

baklert (überlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als

ich wollt gefohren jene Zeit. --

Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergnügen zu erfreien mich mit

Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.

Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher

(schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!

Chonon Wengeroff.

P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet

ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum,

wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. --

Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen,

wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch

a mol gesund, wie es wünscht Dir Dein

Dich liebender

Chonon.

8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.

Ich schreib dem Adreß of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos

geheißen.« --

Grenzenlos war meine Verwirrung, während ich diese zärtlichen

Herzensergüsse las. Meine Eltern fragten mich nach dem Inhalt des

Briefes; den konnte ich ihnen aber nicht sagen. Nur mit Tränen in den

Augen bat ich sie, die Bitte meines Bräutigams, ihm oft zu schreiben,

erfüllen zu dürfen. Die Eltern willigten ein, was bei der orthodoxen

Weltanschauung jener Zeit sehr erstaunlich und für die beiden Menschen

bezeichnend war. So groß war ihre Freude, daß ihre Pessele einen auf

ihren Namen adressierten Brief erhalten hatte, daß sie nachsichtiger

wurden und wirklich ihre Erlaubnis zu diesem Briefwechsel gaben; und so

fing unsere Korrespondenz an.

Die Briefe meines Bräutigams hab ich stets als mein Teuerstes

aufbewahrt, und noch heute, nach neunundfünfzig Jahren, sind sie alle in

meinem Besitz. Manchmal blättere ich in den vergilbten Papieren,

beschwöre die schöne Zeit herauf und sonne mich noch heute in den

Strahlen des einst erlebten Glückes.

Ich zögerte nicht mit der Antwort, bat aber meine Eltern stets, einige

Worte zuzuschreiben, was ihre Zustimmung bedeuten sollte. Denn in jenen

Zeiten konnte es als Frivolität gelten, wenn ich allein mit meinem

Bräutigam den Briefwechsel geführt hätte.

Ein trauriger Zwischenfall trübte mein Glück. Meine jüngste Schwester

Helene erkrankte plötzlich an einem gefährlichen Nervenfieber. Sie war

schon von den Ärzten aufgegeben, als plötzlich Besserung eintrat, und

unsere liebste kleine Schwester war uns von Gott wiedergeschenkt. Und

das kam so: Als mein Schwesterchen leichenblaß und ohne Bewußtsein so

dalag, versuchten die Ärzte ein letztes Mittel. Das Kind wurde in ein

kaltes Bad gelegt, in dem es zehn Minuten blieb. Dann wurde es wieder in

das gut vorgewärmte Bett gepackt. In der Erregung des Augenblicks hatte

man eine heiße Wärmflasche vergessen. Das Kind lag auf der Flasche. Es

bildete sich eine tiefe Brandwunde. Das war ein Glück für das Kind. Die

Ärzte meinten, ohne diese Wunde wäre es zugrunde gegangen. Ich glaube,

das hing mit den damaligen medizinischen Anschauungen zusammen. Man

liebte es ja einst, bei gefährlichen Krankheiten die Methode des

»Haarseiles« anzuwenden. Die eiternde Wunde -- so meinte man -- zöge

die Krankheit aus dem Körper. Langsam, aber stetig machte die Genesung

Fortschritte. Aber das Kind blieb doch noch monatelang ans Bett

gefesselt. Ich mußte zugleich mit meiner jüngeren Schwester die

Pflichten einer Pflegerin versehen, weil es dem leidenden Kinde

angenehmer war, Anverwandte statt einer fremden Pflegerin in seiner Nähe

zu haben. Tag und Nacht war ich bei ihr. Ich hatte ein Lager neben ihrem

Bette und, da sie selbst nicht langen konnte, führte ich ihr die Speisen

zum Munde. Es war eine böse Zeit für mich. Nur die Briefe meines

Verlobten stärkten meinen Mut und gaben mir neue Kraft.

Aber auch für mich sollte eine Prüfungszeit kommen. Ich bekam es so

»durch die Blume« zu hören, daß die Eltern den häufigen Briefwechsel mit

meinem Bräutigam jetzt nicht mehr billigten, denn nach ihrer Meinung

wäre »die Sache, d. h. mein ganzer Brautstand überhaupt nicht ganz

sicher«. Mein Schmerz war grenzenlos. Tage und Nächte brachte ich in

Tränen zu. Ich forschte nach der Ursache der Verstimmung, konnte aber

längere Zeit nichts erfahren. Endlich erbarmte sich meiner der jüngere

Schwager und erzählte mir, mein Bräutigam wäre bei unseren Eltern

verleumdet und als Ausbund aller bösen Eigenschaften bezeichnet worden.

Ich litt unsagbar. Der Vater grämte sich. Die Stimmung im Hause war sehr

gedrückt. Endlich schrieb der Vater nach Homel, einem Städtchen bei

Konotop, wo ein Verwandter von uns, Reb Eisek Epstein, wohnte, und bat

ihn, sich genau nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Bald langte eine

Antwort an, welche die Haltlosigkeit aller Verleumdungen erwies. Die

Familie Wengeroff, schrieb unser Verwandter, wäre eine vornehme und der

junge Mann ein braver Mensch und guter Talmudist. Diese Nachrichten

dämpften den Sturm in unserem Hause. Die dunklen Wolken zerstreuten

sich. Über meinem Leben strahlte wieder der helle, klare Himmel.

Ich jubelte auf. Meine Liebessehnsucht wurde noch mächtiger. Unser

Briefwechsel häufiger. Die Geschwister neckten mich und lachten, wenn

ein Brief kam. Aber sie freuten sich mit mir.

Das Leben im Elternhause ging seinen gewohnten Weg. Der Winter nahte

seinem Ende, und der Frühling kündigte sich in diesem Jahre sehr zeitig

an. Meine Schwester erholte sich gut und konnte bereits das Bett

verlassen. Unsere Mutter traf große Anstalten zur Herstellung meiner

Aussteuer. Leinewand, seidene und wollene Stoffe. Spitzen wurden

bezogen. Man beriet, wählte, kaufte ein. Es war ein hastiges Treiben.

Auch mich zog man oft zu Rate. Aber ich äußerte meine Meinung stets nur

schüchtern und errötend.

Die Wäsche wurde außerhalb des Hauses angefertigt, die Kleider aber

daheim genäht. Nicht Schneiderinnen, sondern Schneidergesellen

arbeiteten daran. Es waren alles junge Burschen, die zufällig zugleich

dem Synagogenchor angehörten. Während der Arbeit sangen sie oft und gern

Lieder, meistenteils religiösen Charakters, wie Purimspiele,

Ahasverusspiel, Josephspiel. Das letztere war ihr Lieblingsspiel, das

sie sehr oft wiederholten. Sie verteilten die Rollen untereinander und

sangen folgendermaßen:

1.

-=Jacob:=-

Ich bin der Bäum vün der ganzer Welt, ün' duhs

Seinen meine Zweigen (mit der Hand auf seine Kinder weisend)

Drum bitt ich den Ojlom (_Publikum_),

Soll a Bissele schweigen.

2.

Schon zwei Johr bin ich vün Häus ojsgezojgen,

Ün nitchasw'schulem (_gottbewahre_) vün mein Parnusse wegen

(_geschäftshalber_),

Nur vün die Zores (_Leiden_), wus is mir gekümmen entgegen,

La la la, la la la, lalalalala la la.

Mein Sühn Schimen, mein Sühn Schimen,

Di bist doch mein bester Sühn,

Di bist doch mein liebster Sühn,

Sug'sche (_sage doch_) mir die Wuhrheit,

Sug'sche mir die Wuhrheit,

Wie (_wo_) is er, wi is er, mein Sühn Josefl?

-=Die Söhne:=-

Vuter (_Vater_), lieber Vuter sießer,

Wir weißen nit, wi er is.

(Wiederholung.)

-=Jacob:=-

Mein Sühn Riwen (_Ruben_), mein Sühn Riwen,

Du bist doch mein bester Sühn

Du bist doch mein liebster Sühn,

Dir wellen doch tun alle loiben,

Sug'sche mir die Wuhrheit, sug'sche mir die Wuhrheit,

Wo is er, wo is er, mein Sühn Josefl?

-=Die Söhne:=-

Vuter, lieber Vuter sießer,

Wie kennen mir dir derweisen den Ponim (_Gesicht_),

As mir hoben ihn verkäuft zu die Midjonim.

-=Jacob:=-

Willt ihr mir das Leben schenken,

Sollt ihr mir ihn bald brengen.

Joseph wird hineingeführt; Jacob gerät in freudige Ekstase. Joseph

singt:

Ich hob viel Schuff (_Schafe_) ün' viel Rinder,

Ich hob a Frau mit zwei Kinder,

Einer heißt Menasse, der andere heißt Ephraim,

Hoben sie mich gemacht zum Groißen in dem Land Mizraim

La, la, la, la, lalalala, la, la, lalalala.

* * * * *

Auch das kleine lustige Liedchen eines Schneiders sangen sie mit

Vorliebe:

Sitz ich mich, a Fissele iber a Fiß

Un sing mir a Liedele zucker-siß.

N' Schnaider zu sain is gor aus die Welt, --

Wohin er kummt, verdient er Geld!

As die Jolden (_lustige Jungen_) wollten sich wellen beklären,

Wollten sie alle Schnaiders weren. --

Manchmal sangen sie Lieder, die mir und meinem Brautstand galten. Einige

von diesen Liedern leben noch ganz frisch in meiner Erinnerung:

Kalele, Kalele, wein, wein, wein,

Der Chosen wet dir schicken a Tellerl Chrein (_Meerrettich_)

Wellen sech die Trären gießen

Bis die Zehen.

Sitz ich auf ein Stein

Nemt mich on a groiß Gewejn

Alle Medelach Kales werden

Ich nebech nejn. --

* * * * *

-=Oder:=-

Nemmt der Bucher (_Jüngling_) die Mojd (_Mädchen_) far der Hand,

mejnt er die Welt is sein,

Git (_gibt_) er ihr grobe Woll spinnen auf'n dünnen Seid.

-=Die Mojd:=-

Ich wel dir grobe Woll spinnen auf'n dünnem Seid,

Di sollst mir a Leiterel machen, wus in Himmel soll sein.

-=Der Bucher:=-

Ich wel dir a Leiterl machen, wus in Himmel soll sein,

Di sollst mir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein.

-=Die Mojd:=-

Ich wel dir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein,

Di sollst mir dem Jam ausschöppen mit a Krigele dilein (_klein_)

-=Der Bucher:=-

Ich wel dir dem Jam (das Meer) ausschöppen mit a Krigele dilein

(_klein_),

Di sollst mir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein.

-=Die Mojd:=-

Ich wel dir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein,

Di sollst mir dem Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.

-=Der Bucher:=-

Ich wel dir das Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.

Di sollst mir sieben Kinder huben ün a jinge Frau zi sein. --

Auch die Wärterin Mariasche neckte mich mit einem Lied, wenn sie sah,

daß ich froh und glücklich im Hause herumlief oder wenn sie mich in

irgendeinem Winkel verträumt antraf:

Oj, weih, wie kenn men leben

Schwäh'r und Schwieger kowed (_Ehre_) obzugeben.

Steih ich auf spät

Sogt main beise Schwieger:

Ich lieg wie a Nweile (_faule_)

Bis halben Tog in Bett!

Oj, weih, wie kenn men leben

Schwäh'r und Schwieger kowed obzugeben!

Geh ich gich (_schnell_), sogt sie, ich zerreiß die Schich,

Geh ich pameilach (_langsam_), sogt sie, ich bin freilach --

:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Back ich greiße (_grosse_) Challes

Sogt main beise Schwieger,

As ich stell ihr gor b'dalles (_ruiniere sie_)

:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Back ich kleine Challes

Sogt main beise Schwieger,

As ich zieh auf ihr dem Dalles

:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Geih ich ongeton schein,

Sogt main beise Schwieger,

As ich mach ihr gor gemein (_arm_).

:|: Oj, weih, wie kenn men leben:|:

Geih ich ongeton mieß (_hässlich_),

Sogt main beise Schwieger,

As ich tu ihr on a Büsch (_Unehre_).

Oj, weih etc. --

* * * * *

-=Oder:=-

Tochter du liebste, Tochter du main,

'ch wel dir lernen wie ba (_bei_) a Schwieger zu sain:

As die Schwieger wet gaihn vun weiten,

Sollstu nit teilen kein oreme Leiten.

Tochter du liebste, Tochter du main,

'ch wel dir lernen, wie ba a Schwieger zu sain:

As die Schwieger wet geihn vün Schul,

Sollstu ihr trogen antkegen (_entgegen_) a Stuhl.

Tochter du liebste etc.

As die Schwieger wet geihn zum Tisch,

Sollstu ihr geben die beste Stick Fisch.

* * * * *

Immer näher rückte die Zeit meiner Trennung vom Elternhause -- eine

Aussicht, die mein Glück störte. Vor der Abreise nach Konotop sollte

ich noch nach Warschau gehen, um von Verwandten, vor allem aber vom

Großvater Abschied zu nehmen und den Segen zu meiner Vermählung zu

erhalten.

Es war Anfang August 1849. In jener Zeit existierte noch die

polnisch-russische Grenze bei dem kleinen Städtchen Terespol, das vier

russische Werst von Brest entfernt lag. Diese Reise unternahm ich mit

meinem Vater. Aber vor der Grenze war er gezwungen, mich zu verlassen;

und ich mußte selbst alle Grenzformalitäten erledigen. Es war mein

erster selbständiger Schritt. Ich muß gestehen, mein Mut war nicht groß.

Als ich in das Bureau kam, wo ich meinen Paß vorzuzeigen hatte, fühlte

ich mich sehr beklommen. Tränen kamen mir in die Augen. Am liebsten

hätte ich geschluchzt wie ein kleines Kind. Ich schämte mich dieser

Schwäche und versuchte mich zu beherrschen. Im Bureau ließ man mich ein

Dokument unterzeichnen: wieder eine selbständige Tat! Endlich befand ich

mich auf der anderen Seite der Grenze. Hier wurde ich von unserem Freund

Reb Jossele erwartet, der mich zu seiner Familie in das kleine Städtchen

Terespol brachte. Am nächsten Tage kam mein sehnsüchtig erwarteter

Vater, und wir reisten gemeinsam nach Warschau.

Unser Aufenthalt in Warschau dauerte acht Tage. Der Großvater empfing

mich mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Tanten und Onkel behandelten

mich die ganze Zeit mit großer Zärtlichkeit. Ich erhielt von allen

hübsche Hochzeitsgeschenke und vom Großvater ein Silberstück und -- den

Segen.

Es war ein Augenblick, den ich nicht vergessen kann: Großvater stand in

der Mitte des Salons. Mit klopfendem Herzen näherte ich mich ihm und

beugte das Haupt in demütiger Ergebung. Er legte seine Hände auf meinen

Scheitel und sprach laut den Segen mit bewegter, zitternder Stimme.

Feierliche Stille herrschte im Zimmer. Nur die Tanten schluchzten leise.

-- Mir war so ernst zumute, so traurig. Hier erst fühlte ich so

recht, welche ernste Wendung mein Leben nehmen sollte. Bangen Herzens

verabschiedete ich mich von meinem lieben, ehrwürdigen Großvater; denn

der Gedanke wollte mich nicht verlassen, daß ich ihn zum letztenmal in

meinem Leben sah.

Nachdenklich und ernster, als ich gekommen war, kehrte ich nach Hause

zurück. Die Aussteuer war fertig. Meine Mutter packte all die schönen

neuen Sachen mit Liebe und Sorgfalt in einen massiven, großen, mit

Eisenblech beschlagenen Koffer ein. Außer der Wäsche erhielt ich

folgende Sachen:

1. Das Hochzeitskleid: aus schwerer grauer Seide -- ein Streifen

»moiré antique« und ein Streifen Atlas, mit breiten grauen

Blondenspitzen (Spitzen aus Flockseide) garniert;

2. ein Kleid aus Mousseline de laine -- dunkelblau und weiß

kariert; fußfrei, ganz leger, einfache Fasson; oben mit einem

Sattel, in der Mitte Gürtel, lange griechische Ärmel;

3. ein Kleid ans dunkelblauem Atlas, mit dunkelblauem Samt vorne

garniert; schmale, lange Ärmel mit Samtmanschetten;

4. ein schwarzes Taftkleid -- »Mantine« genannt -- ohne jede

Garnitur;

5. ein Kleid aus grünem Wollenstoff mit schwarzer Tresse in schönen

Mustern garniert;

ferner: 2 Schlafröcke:

einen aus hellblauem Musselin mit einfachen weißen Spitzen,

einen anderen aus »Teefteek« (türkischem Stoff); ganz lose

verfertigt -- »Rubaschka« (Hemdchen) genannt.

Ferner: 3 Mäntel:

eine »Mandaronka« -- so wurde die damalige übliche Regenmantelform

genannt -- aus dunkelblauem Tuch;

eine »Ziganka« -- grauer Seidenstoff; ein viereckiges Stück einfach

am Halse und an den Ärmeln zusammengerafft; garniert mit rotem,

seidenem Band und grauen Quasten;

eine »Algierka« -- ein langer Mantel mit griechischen Ärmeln,

empire, aus schwarzer Seide. Vorne an der Brust waren zwei seidene

Schnüre befestigt, die über die Schultern auf den Rücken mit zwei

großen Quasten lose herabfielen.

Ferner 2 Tageshauben:

eine aus Blondenspitzen mit blauem Band -- für Feiertage, die

andere einfacher für jeden Tag

und dazu sechs Morgenhäubchen in koketten Formen.

Ferner ein Paar rosa Handschuhe mit weißen Tüllspitzen garniert -- zur

Trauung! --

Alles war also bereitet, und man machte Anstalten zu der großen Reise.

Ich war mir selbst überlassen und hatte Zeit, von allem, was mir lieb

war, Abschied zu nehmen. Es waren schwere Tage für mich -- ein

Durcheinander von Gefühlen und Empfindungen tobte in meinem Inneren.

Bald brachte mich der Gedanke an das Wiedersehen mit meinem

Heißgeliebten in solch eine strahlende Freude, daß jeder, der mir in den

Weg kam, lächeln mußte. So glücklich sah ich aus. Bald kamen mir Tränen

in die Augen, und ich schluchzte leise in irgendeinem Winkel, vom

Trennungsschmerz übermannt. Bald aber lachte ich schon wieder und lachte

vor Seligkeit und Glück.

Den letzten Sonntag vor der Abreise hatte ich noch Abschiedsbesuche bei

Verwandten, Freunden und Bekannten zu machen -- ich erfüllte diese

Pflicht in Begleitung einer älteren Frau, Reisele genannt, die in der

ganzen Stadt als Sarwerke[3] bekannt war und allen jüdischen Bräuten in

Brest als Ehrenbegleiterin diente.

Es kam der vorletzte Tag. Wir saßen alle beisammen am Mittagstisch, als

meine ältere Schwester auf mein ungewöhnlich blasses Aussehen aufmerksam

wurde. Auch die anderen bemerkten es, und der Vater forderte mich

zärtlich besorgt auf, ihm die Ursache meiner Sorgen zu sagen. Es war ein

Traum, der mich quälte: Mir träumte, ich wäre ganz allein in der

kleinen, engen Gasse, durch die ich einst als kleines Mädchen täglich

mit dem »Behelfer« zum Cheder gegangen war. Plötzlich raste ein großer,

schwarzer Ochse in wilden Sprüngen auf mich zu. Ich bebte vor Schrecken,

denn der Ochse mit seinen Riesenhörnern kam immer näher. Ich

suchte mich zu verbergen, konnte aber keinen Winkel finden, lief nach

rechts und links. Doch das schwarze Ungeheuer folgte mir überall. Ich

war endlich ganz erschöpft vor Angst und Müdigkeit und ergab mich meinem

Schicksal. Da tauchte plötzlich im Halbdunkel des engen Gäßchens ein

kleines Männchen auf. Es trug einen seidenen schwarzen Kaftan mit Gürtel

und hoher Zobelmütze. Sein Gesicht war ganz runzlig. Es hatte die Züge

meines Großvaters. Sein Gesicht umrahmte ein ungewöhnlich langer grauer

Bart, der bis zu den Knien reichte. Das Männchen näherte sich mir, nahm

mich an der Hand und sagte, indem es einen Seitenblick auf das Ungeheuer

warf: »Komm mit mir, fürchte dich nicht!« Vertrauensvoll und dankbar

ging ich mit ihm. Nach einer Weile aber blieb er stehen, ließ meine Hand

los, wies mir den geraden Weg und verschwand ganz plötzlich meinen

Blicken. Mit einem Male war auch das Ungeheuer nicht mehr da. Am ganzen

Körper zitternd, erwachte ich und konnte den Eindruck dieses schweren

Traumes gar nicht mehr loswerden. Alle hörten mir mit Spannung zu. Am

meisten bewegt aber war der Vater. Als ich mit dem Erzählen zu Ende war,

erhob er sich rasch vom Tisch und begab sich in sein Arbeitszimmer, wo

er in einem Buch nachblätterte. Freudestrahlend kam er zurück und rief

mir zu: »Sei ruhig, meine Tochter, du wirst Kinder haben, die viel

lärmen werden.«

Ich wurde schamrot und wagte niemanden anzuschauen. Die Meinigen lachten

und neckten mich und wollten mich zum Aufschauen zwingen. Ich aber

verharrte bis zum Schluß des Mittagmahles in der gleichen Haltung.

Für den nächsten Tag war unsere Abreise bestimmt. Schon stand unser

Reisewagen vor dem Hause. Es war ein langes, mit Leder überzogenes und

mit kleinen Fenstern und Vorhängen versehenes Fuhrwerk, »Fürgon«

genannt. Drei Postpferde waren davorgespannt. -- Die Aufregung im Hause

erreichte ihren Höhepunkt. Man lief hin und her. Man raffte noch

mancherlei zusammen und packte es in den Wagen: es gab noch sehr viel zu

tun in dieser letzten Stunde vor der Abreise. Der Wagen war also außen

und innen stark beladen, sollten wir doch vierzehn Tage unterwegs

bleiben. Deshalb nahmen wir großen Vorrat von Backwerk, geräuchertem

Fleisch, gesalzenen Sachen mit, ferner eine ganze Kiste mit Cognak, Rum,

Schnaps, Wein, Tee und Zucker. Das mußte ja reichen für uns alle. Diese

Nahrungsmittel fanden Platz in einer großen, viereckigen, mit weißem

Fell überzogenen und mit Blechstreifen beschlagenen Kiste, »Pogrebez«

genannt. Fünf bequeme Sitze wurden für die Reisenden hergerichtet.

Ich konnte mich gar nicht vom Hause trennen. Da rief der Vater in

befehlendem Tone: »Genug, genug!« und entschlossen half er mir zuerst in

den Wagen. Es folgte meine Mutter, die jüngere von mir innig geliebte

Schwester und der achtjährige Bruder. Ein kurzer, echt russischer Befehl

»pascholl!« (los), und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unter den

Tränen, Wünschen und Segenssprüchen der Zurückgebliebenen fuhren wir ab.

Ich schluchzte wie ein kleines Kind: der Wagen rollte immer schneller.

Durch Tränen hindurch sah ich alte vertraute Straßen schwinden, Häuser,

in denen ich jahrelang ein- und ausgegangen, um liebe Freunde zu

besuchen, Menschen, denen ich solange jeden Tag begegnet. Meine

Lieblingsplätzchen zogen an mir vorbei. Und hinter mir verschwand, um

nie zurückzukehren, die schöne Zeit der sorglosen, glücklichen ersten

Jugend. --

Es war im Jahre 1850, den 5. August.

Ankunft in Konotop. Hochzeit.

Wir fuhren Tag und Nacht, unterbrachen die Reise nur der Sabbathruhe

wegen von Freitag Mittag bis Samstag Abend. Nach sieben Tagen, als wir

die Hälfte unseres Weges zurückgelegt hatten, versagte der Wagen. Wir

waren gezwungen, auf freiem Felde ein Lager aufzuschlagen. Es wurde ein

Teppich ausgebreitet und unser Vorrat herausgeholt. Bald brodelte und

summte der Samowar. Wir setzten uns alle um ihn herum und bei seinem

Summen, im vertrauten Geplauder vergaßen wir unsere unangenehme Lage.

Der Hochzeitstag rückte immer näher heran, und wir waren noch so weit

von unserem Ziele entfernt. Der Vater sandte eine Stafette nach Konotop

und bat um Verschiebung der Hochzeit. In Konotop war man darüber

untröstlich und trug diese achttägige Verzögerung noch lange meinen

Eltern nach, mußten doch die großen Vorräte an Geflügel und anderen

Speisen bei der heißen Jahreszeit verderben.

Wir reisten noch volle sechs Tage, erlebten verschiedene Abenteuer und

gelangten endlich nach der vorletzten Station, Baturim.[4] Hier brachte

uns ein Bote die Nachricht, daß uns der Schwiegervater in Gesellschaft

einiger Herren auf der nächsten Station erwarte.

Mein Herz schlug stürmisch. Aber ich schwieg beharrlich. Denn ich

fühlte, daß gleich dem ersten Worte ein Tränenstrom folgen müßte. Ich

war ja am Ziele meiner schönsten Träume: in einer Stunde sollte meine

Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. -- Ich wagte kaum zu denken an

solche Seligkeit, die wohl nicht jedem Mädchen vom Schicksal beschieden

wird.

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 3 / 15 段