Obwohl ich dieses Verhalten meiner Eltern nicht verstand, wurde ich

instinktiv unter ihren Blicken rot; ich wagte jedoch nicht, eine Frage

an sie zu richten. Die Mutter sah meine Verlegenheit, streichelte mir

zärtlich die Wange und entfernte sich im Gespräch mit dem Vater. Ich

blieb auf meinem Platz zurück, nachdenklich und regungslos. Was sollte

das sonderbare Benehmen der Eltern bedeuten? Lange quälte mich die

Frage, bis ich eine Erklärung zu finden glaubte: Ich hatte an diesem

Sommermorgen 1848 ein blaues Sommerkleid an, das meiner Mutter sehr

gefiel, und wahrscheinlich wollte sie mich in diesem Kleide dem Vater

zeigen, der uns Kinder stets hübsch gekleidet zu sehen wünschte.

So harmlos waren die Gedanken und Gefühle der Kinder zu jener Zeit, als

ihre Eltern sich bereits mit Heiratsplänen für sie umhertrugen.

Seit jenem Morgen aber veränderte sich das Benehmen aller Hausgenossen

mir gegenüber; man schenkte mir viel mehr Aufmerksamkeit als sonst, und

es fiel mir auf, daß Vater, Mutter und Geschwister mich oft mit eigenem

Interesse betrachteten. Erst in den nächsten Tagen erfuhr ich die

Ursache dieser sonderbaren Aufmerksamkeit. Mein Vater hatte einen Brief,

der einen Heiratsantrag für mich enthielt, zustimmend beantwortet.

Dieser Brief rührte von dem Rebben (Talmudlehrer) her, der sich auf der

Suche nach einer Braut für seinen Schüler befand.

Ganz nach der patriarchalischen Sitte hatten die Eltern meines Mannes

den Rebben des erwachsenen Schülers in die Welt geschickt, eine Braut zu

suchen. Die Schadchonim (Heiratsvermittler) zeigten ihm an, wo man

hübsche Mädchen aus guten Familien finden könnte.

Der Rebbe, der sich an meinen Vater schriftlich wandte, war bereits in

einigen Städten, hatte aber bisher die Gewünschte nicht gefunden. Und

nun kam er nach Brest, um in unserem Hause eine Braut für seinen

Schüler zu erlangen.

Die Eltern des betreffenden jungen Mannes waren reiche Leute und suchten

für ihre Söhne Frauen aus vornehmen jüdischen Familien. Der vornehme,

reiche Jude jener Zeit war immer bestrebt, eine Bas Towim, d. h. die

Tochter eines talmudisch Gebildeten, für seinen Sohn zu finden.

Andererseits scheute er keine Mühe und kein Geld, einen ebenso

gebildeten Talmudisten seiner Tochter zum Manne zu geben. Die

Talmudwissenschaft und ihre Pflege war für den damaligen Juden der

Hauptinhalt seines Lebens, die einzige Quelle seiner Weisheit und

geistigen Entwicklung.

Alles im Hause geriet in Aufregung. Jedermann wußte, wer der Fremde war,

und welche Absichten ihn zu uns führten. Ich allein wagte nicht daran zu

denken. Meine älteren Schwestern fanden sich mit ihren Männern zum

Familienrate ein, und der ältere Schwager übernahm die Vermittlung

zwischen meinen Eltern und dem Bevollmächtigten meiner künftigen

Schwiegereltern. Der Familienrat beschloß, den Rebben zum Tee

einzuladen. Niemand aber fand es für richtig, mich davon zu

unterrichten. Am Mittagstisch sprach man von diesem Ereignis nur in

Andeutungen. Die Eltern waren freudig gestimmt. -- Meine Aufregung aber

steigerte sich mit jeder Minute, und das arme Herz, in dem die Ahnungen

deutlicher und deutlicher aufstiegen, drohte zu zerspringen. Die ganze

Zeit am Tisch mußte ich mich zusammennehmen, um nicht in Tränen

auszubrechen.

Nach Tisch ging ich aus. Ich mußte allein sein mit meinen Gedanken, mit

all den neuen, ungekannten Gefühlen, die so plötzlich in mir erwachten,

und meinem jungen Leben einen ganz neuen Inhalt gaben. Ich befolgte

nicht den Rat meiner Schwestern, die mir zuredeten, ein schönes Kleid zu

nehmen, sondern behielt mein blaues Kleidchen mit der schwarzseidenen

Schürze an. »Er« sollte mich sehen, so wie ich jeden Tag bin, wie die

Meinigen und wie ich selbst mich sah.

Als ich gegen Abend nach Hause zurückkehrte, hieß es, der fremde Herr

sei bereits eingetroffen, wäre aber verhindert, zum Abendtisch zu

bleiben. Da er mich aber sehen mußte, veranlaßte mich mein Vater, die

brennenden Kerzen in sein Arbeitszimmer zu bringen, wo die beiden Herren

sich befanden. Ich gehorchte, nahm beide Leuchter mit den brennenden

Kerzen und ging in das Arbeitszimmer meines Vaters. Es war ein kurzer

Weg. Aber mir kam diese Zeit wie eine Ewigkeit vor. Wie viele Gedanken

rasten da in diesen wenigen Minuten durch meinen Kopf. Ein Sturm erhob

sich in meiner Brust; das Herz schien still zu stehen. Äußerlich aber

sah ich ganz ruhig aus. Ein leises Klopfen, und ich stand auf der

Schwelle dieses Zimmers, wie auf der Schwelle eines neuen Lebens.

Da mich das Licht blendete, hob ich die Kerzen in die Höhe, über den

Kopf, und stand so da, in ihrem vollen Lichte -- und harrte. Da

ertönte aus dem äußersten Winkel des Zimmers die Stimme meines Vaters,

der mit dem fremden Herrn auf dem Sofa sich unterhielt. Ich folgte

seiner Stimme, immer noch die Kerzen über meinem Haupte haltend.

Der Mann erhob sich vom Sofa, und mein Vater stellte mich ihm vor: »Das

ist mein Pessele.« Ich fühlte ein Paar große, kluge, schwarze Augen

forschend auf mich gerichtet. Es war ein prüfender, durchdringender

Blick, der mir sogleich sagte, daß des Rebben Reiseziel hier erreicht

war. Ich errötete unter diesem Blick und war nicht imstande, ein

einziges Wort zu sagen. Meine Schüchternheit und Verwirrung war so groß,

daß ich noch immer die Kerzen über meinem Kopfe hielt, bis mich mein

Vater darauf aufmerksam machte. Ich stellte die Leuchter auf den Tisch,

blickte noch einmal den Herrn an und entfernte mich lautlos aus dem

Zimmer.

Im Speisezimmer harrten meiner schon alle Angehörigen, die mich sogleich

mit Fragen bestürmten. Ich bat sie aber inständig, über die ganze

Angelegenheit gar nicht zu sprechen, weswegen ich unaufhörlich

ausgelacht und geneckt wurde.

Nach einer Stunde verabschiedete sich Herr Brim (so hieß der Rebbe) von

meinen Eltern, und trat noch an demselben Abend seine Rückreise nach

Konotop (800 russische Werst von unserer Stadt) an.

Bald kam aus Konotop ein Brief an, in welchem der Rebbe meinem Vater

berichtete, er hätte alles nach seinem Wunsch geordnet, und Herr

Wengeroff werde mit seinem Sohne und ihm selbst in den nächsten Tagen

die große Reise antreten. Wir sollten mit meinem zukünftigen Bräutigam

in einem 15 Meilen weit von uns entfernten kleinen Städtchen Kartuskaja

Berjosa zusammentreffen und, wenn wir einander gefielen, dort gleich die

Verlobung feiern.

Mein Mädchenherz kannte die Gefühle der Liebe noch kaum; plötzlich wurde

es aus seinem Schlummer gerissen. Nie geahnte Bilder stürmten auf mich

ein. In der Dämmerstunde saß ich jetzt oft und träumte von der Liebe,

von dem Manne, der mein Lebensgefährte werden sollte, und unserem

gemeinsamen Schicksal...... Es waren stille, lichte Träume, die ich

damals in der Dämmerstunde jeden Abend träumte; denn mein tiefgläubiges

Gemüt erhoffte alles Gute für die Zukunft. --

Ich suchte die Einsamkeit. Ich wollte allein sein mit meinen Träumen,

die ich so lieb gewann. Aber allein war ich nie, denn das Bild meines

Zukünftigen verließ mich nicht, und in meiner Phantasie nahm er die

verschiedensten Gestalten an: Einmal war er blond, mit hellen Augen, ein

anderes mal schwarz, und ein Paar dunkle, tiefe schöne Augen sahen mich

voll Liebe an. Ich errötete vor mir selber: so beschämten mich meine

Träume, aber ich hatte sie so lieb, lieb über alles. --

Manchmal, wenn ich so im Garten saß, in meine Träume verloren, stimmten

die Mädchen, die die Gartenarbeit verrichteten, neckende, schmeichelnde

Liedchen für mich an. Am liebsten hörte ich das Lied von dem schönen

Mädchen, das von vornehmen Rabbinern stammte:

Schejn bin ich, schejn,

Schejn is mein Numen;

Ich kim doch haraus

Von lauter Rabunim.

Auf dem Dach sitz ich,

Von der Sünn schwitz ich,

Bloe Socken trog ich,

Tausend Toler vermog ich.

Kawe in die Kriglach,

Met in die Flaschen,

Tausend Toler...

In die Taschen. --

* * * * *

Die Vorbereitungen zu meiner Verlobung waren großartig. Ich erhielt sehr

schöne Sachen. Es wurde beschlossen, daß die jüngst vermählte Schwester

mit ihrem Manne, der ältere Bruder, Schwester Käthy und der ältere

Schwager Samuel Feigisch uns begleiten sollten.

Vierzehn Tage lang währte die Reise der Wengeroffs bis zu dem

vereinbarten Städtchen. Endlich war das Ziel ihrer Reise erreicht, und

sie setzten uns durch eine Estafette davon in Kenntnis. Wir reisten ab

und erreichten bereits am nächsten Tage in der Nacht Kartuskaja Berjosa.

Es war der 15. Juni 1849 -- ein Datum, das sich tief in mein Herz

eingeprägt hat und das ich nie vergessen werde.

Im Gasthaus, in dem wir Quartier nahmen, wurde uns gesagt, die

Wengeroffs wohnten im Gasthaus uns gegenüber; eine kleine, enge Gasse

liege nur dazwischen, und der Wirt versicherte uns, wir könnten von

unseren Fenstern auch in die ihrigen hineinschauen, zumal von dem

Stübchen, das für mich hergerichtet wurde. Ich begab mich auf mein

Zimmer, ordnete die Sachen und versäumte nicht, obwohl ich sehr müde

war, den Musselinvorhang zu lüften, um einen verstohlenen Blick ins

Nachbarfenster zu werfen. Eine heimliche Stimme in meinem Herzen

schmeichelte mir leise, daß von der anderen Seite das gleiche Manöver

öfters erfolgt sein mußte. Endlich übermannte mich die Müdigkeit, und

ich schlief fest ein.

Am nächsten Morgen weckten mich laute Stimmen aus dem Schlaf, die aus

dem Nachbarzimmer meiner Eltern herrührten, und die ich unwillkürlich

hören mußte. Die heftige Debatte zwischen meiner Mutter und meinem

Schwager berührte -- nach damaliger Sitte sehr eingehend -- die

materielle Seite der bevorstehenden Verlobung: Mitgift, Geschenke,

Juwelen usw. Man war über diese Fragen nicht einig und redete hin und

her. Erst mein Vater machte dem Streit ein Ende, indem er versicherte:

»Wenn nur die Talmudkenntnisse des jungen Mannes gut sind, wird sich das

andere schon machen lassen.«

Und nun rüstete sich mein Vater zu dem Akt, der mein Schicksal

eigentlich erst entscheiden sollte -- nämlich den zukünftigen

Schwiegersohn in seinen Talmudkenntnissen zu prüfen; denn der Grad der

Talmudkenntnisse war zu jenen Zeiten fast ausschlaggebend dafür, in

welche Familie der junge Mann hineinzuheiraten würdig sei. Kein Wunder.

Denn ausschließlich der Talmud war es, der als geistige Nahrung der

damaligen jüdischen Jugend zugänglich war und auf sie veredelnd und

verfeinernd wirken konnte. Zu anderen Wissensquellen führte die meisten

kein Weg.

Nun ging mein Vater zu den Wengeroffs. In freudiger Stimmung kehrte er

zu uns zurück; erging sich in den schmeichelhaftesten Äußerungen über

den jungen Mann und lobte überschwenglich seine talmudischen Kenntnisse.

Von dem alten Wengeroff war er ebenfalls ganz eingenommen. Kurz, er

wollte die Angelegenheit nicht verzögern und war entschlossen, noch an

demselben Tage die Verlobung zu feiern. Wir beide, ich und mein

Zukünftiger sollten noch vor dem offiziellen Verlobungsakt miteinander

bekannt werden. Zu diesem Zweck wurden Vater und Sohn zu uns eingeladen.

Als ich ins Speisezimmer hineinkam, waren meine Angehörigen schon dort

versammelt. Nach einigen Minuten trat ohne jede Meldung ein schöner,

ältlicher Herr ein, begleitet von einer jugendlichen, aber mächtigen

Gestalt. Alle erhoben sich und gingen auf die beiden zu. Ich konnte mich

vor Aufregung kaum aufrechthalten. Wir setzten uns. Ich suchte mich zu

beherrschen, um nach der damaligen Sitte ein Gespräch mit dem Vater

meines Zukünftigen anzuknüpfen. Es fand sich bald so reichlicher

Gesprächsstoff, daß die Unterhaltung allgemein wurde.

Die Meinigen sprachen das sogenannte Russisch-deutsch, während die

beiden Wengeroff einen litauisch-jüdischen Jargon gebrauchten und auch

den nur mangelhaft. Es stellte sich heraus, daß ihnen die russische

Sprache viel geläufiger war, und deshalb unterhielten wir uns weiterhin

meistens russisch. Bald war der kleine Kreis so vertraut miteinander,

als hätte man sich seit Jahr und Tag gekannt.

Allmählich entfernten sich die jungen Leute in das Nachbarzimmer, mein

Zukünftiger schloß sich ihnen ebenfalls an, und zuletzt forderte mich

meine Schwester Kathy auf, den anderen zu folgen. Hier wurde die

Etikette beiseite geschoben. Wir setzten uns zwanglos nebeneinander und

selbstverständlich kam ich in die Nähe meines Bräutigams. Kaum saßen wir

eine Weile nebeneinander, als das Zimmer leer wurde -- alle

entfernten sich, um uns beide ungestört zu lassen. Dieses Benehmen

ärgerte mich dermaßen, daß ich nicht fähig war, ein einziges Wort

hervorzubringen, und ich schwieg verlegen. Da fing aber mein

Zukünftiger an zu reden. Zitternd vor Bewegung sprach er zu mir von

seinen Gefühlen, von Liebe, Treue, von unvergänglicher Seligkeit. Viel

mehr als seine Worte sagten mir seine Augen.

Aber zwei junge Leute vor ihrer Verlobung durften nicht zu lange

miteinander allein bleiben. Es klopfte leise an der Tür, und Schwester

Kathy kam uns abzuholen.

Im großen Zimmer warteten alle auf uns, um die Verlobung zu feiern. Nach

der althergebrachten Sitte, die bei den frommen Juden noch heute gilt,

wurde ein Schriftstück, die »Tnoïm« aufgesetzt, worin genau verzeichnet

stand, wieviel Vermögen mein Bräutigam und ich mitbekommen, wann die

Hochzeit stattfinden sollte usw. Nachdem dieses Dokument laut vorgelesen

worden war, zerschlug man ein Gefäß. Diese Sitte war ein Symbol für die

Zerbrechlichkeit des irdischen Daseins. Und eine Mahnung.

Man gratulierte einander. Wein und Süßigkeiten wurden gereicht. Es

begann ein lustiges, munteres Treiben. Man speiste gemeinschaftlich zu

Mittag, und mein Bräutigam wich nicht von meiner Seite. Am Nachmittag

waren wir alle zum Tee bei den Wengeroffs eingeladen, wo uns am

brodelnden Samowar und reich gedecktem Teetisch in gemütlicher

Unterhaltung die Zeit verging. Mein Vater äußerte den Wunsch, sein

zukünftiger Schwiegersohn solle die deutsche Sprache lernen, weil sie in

unserem Lande aus gesellschaftlichen Rücksichten unentbehrlich sei, und

sowohl der Schwiegervater wie sein Sohn erkannten die Berechtigung

dieses Wunsches an.

Bei Wengeroffs erfolgte das gleiche Manöver wie bei uns: der Jugend

wurde es zu enge bei der sachlichen Unterhaltung der Eltern, und einer

nach dem andern verschwand in das naheliegende Zimmer meines Bräutigams.

Es entstand die Frage, ob ich mich zu den anderen gesellen durfte.

Meiner Mutter kam es als Sittenverletzung vor. Aber mein älterer

Schwager trat für mich ein, und sie erlaubte es schließlich. Als ich am

Arme des Schwagers im Zimmer meines Bräutigams erschien, wurde er vor

Freude ganz närrisch. Mit jeder Stunde wuchs unsere Neigung, Sympathie

und Anhänglichkeit, und wir schlürften vom Kelche der Glückseligkeit mit

vollen Zügen. --

Ach wenn sie ewig grünen bliebe,

die schöne Zeit der jungen Liebe!

Es wurde spät -- nach der Meinung der Eltern. Die Mutter trat ins Zimmer

und flüsterte mir zu, daß es unpassend sei, so lange beim Bräutigam zu

verweilen, und ich fühlte in ihrem Ton eine leise Mißbilligung meines

Benehmens. Wir gingen nach Hause. Auf dem dunklen Gange, der zu unserer

Wohnung führte, hörte ich hinter uns die Schritte des jungen Wengeroff,

der uns begleitete. Ich wagte aber nicht, mich umzuschauen, um die

Unzufriedenheit meiner Mutter nicht noch zu vergrößern.

So streng wurden wir damals erzogen. So behüteten uns unsere Mütter,

nicht etwa aus Mißtrauen, sondern einzig und allein, weil sie es als

ihre durch Tradition geheiligte Aufgabe betrachteten, über ihren

Töchtern zu wachen. Es war Zartheit und Fürsorge, die unserer Naivität

zu Hilfe kommen wollte, keineswegs aber Furcht vor den Folgen weiblicher

List. Die Mütter von heute, wenn sie diese Zeilen lesen, dürften sich

vielleicht in jene guten alten Zeiten zurücksehnen.

Am folgenden Tage erwachte ich glücklich, freudestrahlend; und ohne jede

Aufforderung zog ich meine besten Kleider an. Bald aber trübte sich

meine Freude, als ich erfuhr, daß wir noch an demselben Tage nachmittags

die Rückreise antreten sollten. Als aber unsere Eltern mir und meinem

Bräutigam in die betrübten Gesichter schauten, fühlten sie Erbarmen, und

die Abreise wurde bis zum nächsten Morgen verschoben.

Wir jubelten vor Freude. Die Älteren störten uns Junge nicht. Wir

unternahmen im Wagen eine Spazierfahrt, waren unterwegs fast ausgelassen

lustig, erlebten Abenteuer mit Bauern und kehrten in der glücklichsten

Stimmung zu den Unsrigen zurück. Den übrigen Teil des Tages verbrachten

wir mit Teetrinken, Naschen, mit allerlei Possen; wir sangen im Chor

unsere polnisch-jüdischen Lieder, mein Bräutigam seine russischen, und

so verging uns die Zeit bis zum Abendessen. Nach dem Abendessen

übermannte uns die Müdigkeit, und wir trennten uns zeitig voneinander.

Aber ich fand keine Ruhe in jener Nacht, ich konnte nicht einschlafen.

-- Verwegene Gedanken und Bilder hielten mich wach. Mein Herz schwelgte

in Seligkeit.

Der Leser wird den Umfang der Umwälzung gemerkt haben, die sich in der

kurzen Zeit seit der Verlobung meiner Schwester im jüdischen

Familienleben vollzogen hatte. Meine Schwester Eva erblickte ihren

Bräutigam zum erstenmal in ihrem Leben unmittelbar vor der

Hochzeitszeremonie. Sie sträubte sich zwar dagegen, indem sie sich

weigerte, das Hochzeitskleid anzuziehen, bevor sie ihn gesprochen

hatte. Doch genügte ein strenger Blick der Mutter, die Widerspenstige

zu zähmen. Als nun endlich die beiden sich als Brautleute

gegenüberstanden, durfte auch jetzt noch nicht ein Händedruck zwischen

ihnen gewechselt werden. Mir aber erlaubte man, schon zusammen mit

meinen Geschwistern in sein Zimmer zu kommen; gemeinsam mit ihm und

ausschließlich in junger Gesellschaft einen Ausflug zu unternehmen.

Hier sehen wir die Zeit anbrechen, in der sich die Abgeschlossenheit des

jüdischen Familienlebens zu lockern beginnt. Unvermerkt dringen in die

urwüchsigen jüdischen Familiensitten fremde, nichtjüdische Elemente ein.

Noch eine Generation, und die alte jüdische Sitte mutet wie ein längst

verklungenes Märchen an.

Am folgenden Tage stand ich sehr früh auf, und in dumpfer, trüber

Stimmung machte ich mich zur Abreise bereit. Der Wagen stand schon vor

der Tür, meine Eltern und Geschwister waren reisefertig; die Wengeroffs

kamen, um gemeinsam mit uns das Frühstück einzunehmen. Als ich meinen

Verlobten ansah, bemerkte ich auf seinem Gesicht die Spuren von Tränen.

--

Wir hatten uns noch so viel zu sagen und schwiegen beide.

Am Frühstückstisch sprachen nur die Älteren. Die Jugend schwieg

beklommen. Die Stunde der Trennung kam. Man erhob sich vom Tisch. In

diesem Augenblicke konnte ich mich nicht länger beherrschen und, als

mein Bräutigam mich beim Abschied umarmte, -- eine für jene Zeiten

unerhörte Tat -- da brach ich in ein heftiges Weinen aus. Die Eltern

waren gerührt und erlaubten uns, eine ganze Strecke allein

vorauszugehen. Die übrige Gesellschaft und der Wengeroffsche Wagen

folgte. Ein Zwischenfall verlängerte unser Zusammensein: Ich entdeckte

plötzlich, daß mir die neugeschenkte prächtige Uhr und Kette fehlten.

Das gab Anlaß, einen Teil des Weges zurückzugehen, um das Verlorene zu

suchen. Wir fanden beides wieder, und alle behaupteten, es sei von guter

Bedeutung für uns.

Wir erreichten die Unsrigen und stiegen in die Wagen. Noch ein letzter

Blick, und rasch entfernten sich die Wagen voneinander. Ich drückte mich

in eine Wagenecke und versank in trübe Gedanken. Mir war, als schwinde

das Teuerste, Schönste und Erhabenste meines Lebens von mir. Ich litt

unsäglich in meinem Schmerz. Die Schwester versuchte mich zu beruhigen.

Da ward mir plötzlich bewußt, daß ich das Innerste meines Herzens

verraten hatte. Ich schämte mich meiner Schwäche. Das half. Ich wurde

immer ruhiger und tröstete mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Meine Eltern aber suchten mich mit dem Versprechen zu beruhigen, daß wir

mit meinem Bräutigam noch einmal vor der Hochzeit zusammenkommen würden.

So legte sich denn der Trennungsschmerz. Frisch und munter kamen wir zu

Hause an.

Bald besuchten uns Verwandte, Freunde und Bekannte und gratulierten uns

herzlich. Ich zeigte die kostbaren Geschenke, eine große Perlenschnur,

lange Brillantohrringe, Kette mit Uhr. Zugleich mußte ich versichern,

daß ich mich, wie der damalige Ausdruck lautete, »gottlob sehr glücklich

fühle.«

In der Wahl der Geschenke, die man Kalle- und Chossen-Matones (Braut-

und Bräutigamsgeschenke) nannte, folgte man gewöhnlich nicht nur dem

persönlichen Geschmack, sondern richtete sich hauptsächlich nach der

allgemein herrschenden Sitte. Gewisse Geschenke wurden als unumgänglich

betrachtet, und jede Kalle und jeder Chossen, auch die Ärmsten, mußten

sie erhalten. Auch der ärmste Chossen bekam zur Hochzeit vor allem einen

Talles (Gebetmantel) und einen »Kittel« (Totenhemd), den der jüngere

Mann ausschließlich am Jom-Kippur, der ältere, der schon erwachsene

Kinder hat, auch an den Sederabenden anlegt. Wenn die Kalle arm war, so

wurde für sie »gesammelt«, zu allererst für einen Talles für ihren

Chossen. Zu den Geschenken gehörte noch ein Mützchen aus Silberfäden;

zur Verlobung eine Uhr ohne Kette (die Herren trugen damals ihre Uhren

an schwarzen seidenen Schnüren, welche die Braut gewöhnlich selbst

verfertigte). Ich erinnere mich noch jetzt an das Kettchen, das meine

Schwester für ihren Verlobten gemacht hatte -- es war sehr kunstvoll

geflochten, mit kleinen bunten Glasperlchen verziert.

War die Kalle ein reiches Mädchen, so erhielt der Chossen noch zur

Hochzeit einen Streimel -- eine Mütze aus dem kostbarsten Pelz -- und

eine »silberne Puschkele« (Schnupftabakdose).

Der Kalle schenkte man vor allem zur Hochzeit ein Gebetbuch, »Korben

Minche« genannt.

Unter den Geschenken der sogenannten Balbatimtöchter (Töchter von

wohlhabenden Leuten), welche oft nicht mehr als 100 Rubel Mitgift

hatten, befand sich stets ein »Kanek« -- ein Halsband aus schwarzem

Sammet, reihenweise mit kleinen, echten Perlen besetzt; die Perlen

mußten -=echt=- sein; das Vermögen der Mechutonim (Schwiegereltern)

konnte nur ihre Größe bestimmen. Am Kanek waren als Anhängsel einige

Dukaten befestigt, oder bei den reichsten einige größere goldene Münzen,

im Werte von 15 Rubel, oder noch größere Münzen, an der drei Königsköpfe

im Profil zu sehen waren und die einen Wert von 30 Rubel hatten. Man

nannte diese Geldstücke -=Schaustück=-. Ferner erhielt die Braut zwei

»Schleierlach« aus feinem, weißen Nesselzeug, die man auf dem Kopfe

trug. Bei den reichen Partien schenkte man der Braut Brillanten,

hauptsächlich Ohrringe, Perlenschnüre und eine goldene Kette, aber ohne

die Uhr -- die als Brautgabe erst in den vierziger Jahren aufkam. Diese

Kette trug man oft beim Ausgehen über den Straßenkleidern, wie ich es im

ersten Bande geschildert habe. Sie wurde mit einer Nadel an der Brust in

phantastischen Formen befestigt.

Diese Geschenke machten nicht die Verlobten einander, sondern sie wurden

von den zukünftigen Schwiegereltern den Brautleuten am Tage der Hochzeit

überreicht. Gegen 12 Uhr mittags brachte der »Baddchen«, begleitet von

der Musik, die Geschenke ins Haus der Braut.

In dem patriarchalischen Leben jener Zeiten hatte die Sitte das ganze

Leben geregelt. Die heutige Generation in ihrer übertriebenen

Empfindsamkeit mag diese so sehr minutiöse Vereinbarung seltsam anmuten,

vielleicht gar peinlich berühren. Und doch darf man sagen, daß die

genauen Abmachungen nur den einen Zweck hatten, von vornherein alle

Mißstimmungen, Zänkereien und Feindseligkeiten zwischen den

beiderseitigen Familien zu vermeiden.

Das Brautjahr.

Ich kehrte in mein Alltagsleben zurück. Es war mir peinlich, als Kalle

(Braut) behandelt zu werden. Ich bat meine Angehörigen, von meinem

Bräutigam nicht zu sprechen. Ich duldete keine Bevorzugung im Hause und

erfüllte alle meine Pflichten wie vorher. Ich besorgte jetzt

hauptsächlich die Wirtschaft; denn meine ältere Schwester hatte kein

Interesse dafür und unsere liebe Mutter verbrachte den Tag mit Beten,

Psalmensingen und Lesen von heiligen Büchern, wie »Menojres Hamoer« und

»Nachlas Zwi«.

Dabei lernte ich fleißig weiter bei Herrn Podrowski; denn ich hielt fest

an dem Vorsatz, bis zu meiner Hochzeit die beiden Grammatiken, die

russische von Wostokow und die deutsche von Heyse, ganz durchzuarbeiten.

Jede Arbeit war mir jetzt leicht, soviel Frische, Freudigkeit und

Lebenslust war in mir, solch ein Glücksgefühl übermannte mich; es teilte

sich auch den andern mit, und Freude herrschte in unserm Hause.

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 2 / 15 段