Meine Familienchronik hält außer meinen beiden Schwägern, vo

MEMOIREN EINER GROSSMUTTER

Pauline Wengeroff

Memoiren einer Grossmutter

Bilder aus der Kulturgeschichte der

Juden Russlands im 19. Jahrhundert

Band II

[Illustration]

BERLIN

Verlag von M. Poppelauer

1910

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung

in fremde Sprachen vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

1. Vorwort 1

2. Zweite Periode der Aufklärung 5

3. Meine Verlobung 28

4. Das Brautjahr 47

5. Ankunft in Konotop. Hochzeit 64

6. Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern 77

7. Die Wandlung 99

8. Weitere Schicksale 115

9. Alexander II. 129

10. Zwei Worte sagte meine kluge Mutter 134

11. Kowno 136

12. Wilna 147

13. Helsingfors 152

14. Petersburg 165

15. Die gefährliche Operation. -- Die Reform in der Küche 174

16. Die dritte Generation 179

17. Der Tod meines Mannes 213

Vorwort.

Ermutigt durch die Anerkennung, die der erste Band gefunden hat, gehe

ich mit freudigem Bewußtsein an die Herausgabe des zweiten Bandes meiner

Memoiren.

Dem Vorhaben gemäß, treu und ungekünstelt die Vergangenheit zu

schildern, wie sie noch heute in -=meinem Herzen=- und -=meiner

Erinnerung=- lebt, will ich hier den Faden meiner Erzählung

weiterspinnen und Bilder entschwundener Zeiten vorbeiziehen lassen. Ich

will nicht daran denken, daß es ein Buch werden soll. Ich setze mich

wieder an den alten gemütlichen Platz und erzähle: Von meiner Verlobung,

vom Brautjahr, von der Hochzeit und all dem, was noch nachher kam.

Die Aufzeichnungen dieses Bandes stehen teilweise noch unter dem Zeichen

des jugendlichen Frohsinns, der mich in meiner Braut- und

Vermählungszeit umfing, des ehelichen Glückes, das noch in jenes goldene

Zeitalter fiel, in dem die jüdischen Familien und Ehen fest gefügt waren

und aufgebaut auf dem Boden der Liebe, der Treue und der Freundschaft.

Aber die alten Zeiten schwanden und mit ihnen manches Schöne und Große

des jüdischen Lebens. Neue Zeiten kamen, die neue Sitten brachten.

Andere Saiten wurden angeschlagen, und allmählich bildeten sich neue

Werte. Der Zeitgeist zerriß das patriarchalisch-beschauliche jüdische

Familienleben und höhlte eine Kluft zwischen den Alten und den Jungen.

Aber ich danke Gott, daß es ihm gefiel, mich bis zu diesem Tage zu

erhalten, und daß es mir vergönnt war, die Stunde schlagen zu hören, die

so große Wandlungen im jüdischen Leben brachte, das Wiedererwachen der

Zionsliebe, das Ringen um die volksverwaiste Jugend. Gleich an dem

ersten Klang erkannte das alte Herz die große jüdische Melodie, die so

lange geschwiegen und einst so tief und so weit ertönte...

* * * * *

Zieht nun hinaus, ihr Blätter in die Welt. Ihr waret mein tröstender

Schatz, da sich Gewitterwolken um meine Heimat ballten. Wolken, aus

denen grausig die Gespenster des Mittelalters lugten. Einsam und

verlassen zog ich in ein gastliches Land. Bei meinen Schwestern Käthe

und Helene in Heidelberg fand die wandermüde Greisin ein Heim. Die Liebe

endet nimmer. Ich hatte Helene einst in schwerer Krankheit gepflegt,

hatte ihren Kummer getragen gleich wie den meinen. Nun nahm sie die

Einsame auf. Eine Heimat wurde mir der große, viereckige Tisch in ihrem

Zimmer, auf dem meine Zettel lagen, die armseligen Reste eines reichen

Lebens. Aber der milde Glanz vergangener Tage lag über ihnen. Die

Erinnerung hob die steinernen Male von den Grüften der Zeiten und weckte

die Vergangenheit zu neuem Sein. Es waren wundersame Stunden. Weißt du

noch, Helene? Wie oft lachten wir in den Unmut der Gegenwart hinein in

seligen Gedanken! Und ach, die Tränen, die dummen, wie oft umflorten sie

unsere Blicke...

Zieht nun hinaus, ihr Blätter, in die Welt! Aus der Liebe seid ihr

geworden, die Liebe hat euch behütet in meinen Wanderjahren. Bringt nun

auch die Liebe zum alten Volkstum meinen jungen Brüdern und

Schwestern!...

Ob ihr die Kraft habt zu diesem beglückenden Segen -- ich weiß es nicht.

Aber ich möchte es so gerne hoffen. Und ich darf es vielleicht hoffen,

ohne darum schon als eitel zu gelten, weil ein Mann, der meine

Erinnerungen liebte, mir den Mut der Hoffnung gab. -=Dr. Gustav

Karpeles=-, der so früh dahinging, dieser gütige und kenntnisreiche

Mann, schrieb mir die folgenden Briefe, den letzteren Brief noch kurz

vor seinem Tode. Ich setze sie hierher, und mag ihm selbst nur seine

Liebenswürdigkeit gegen eine Greisin die Feder geführt haben.

Berlin W., den 25. 1. 06. Kurfürstenstr. 21/22.

Sehr geehrte gnädige Frau!

Ich habe Ihre Arbeit sofort mit dem größten Interesse gelesen.

Für eine einmal wöchentlich erscheinende Zeitschrift sind, wie

gesagt, Ihre Memoiren nicht zu verwenden, da diese in einem so

großen Werk völlig ertrinken würden. Dagegen wäre es wünschenswert,

wenn diese interessanten Zeit- und Kulturbilder in Buchform

erschienen.

Das Kapitel über Dr. Lilienthal bin ich übrigens gern bereit, in

der »Allgemeinen Zeitung des Judentums« abzudrucken, und wenn Sie

damit einverstanden sind, bitte ich Sie, es mir freundlichst

retournieren zu wollen.

In vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener

gez. Karpeles.

* * * * *

Berlin W., den 3. April 1909. Kurfürstenstr. 21/22.

Sehr geehrte gnädige Frau!

Ich habe auch Ihr neues Manuskript mit großem Interesse gelesen und

finde, daß der zweite Band mindestens so interessant ist wie der

erste, ja zum Teil noch viel interessanter. Ich bin auch überzeugt,

daß derselbe viel gelesen werden wird.

Wenn ich auch selbstverständlich nicht wieder ein Vorwort dazu

schreiben kann, was ja ausgeschlossen ist, so will ich doch in der

»A. Z. d. J.« und im »Jahrbuch für jüdische Geschichte und

Literatur« darüber berichten und das Werk empfehlen, wo ich nur

kann.

Mit den besten Wünschen und Grüßen bleibe ich Ihr verehrungsvoll

ergebener

gez. Karpeles.

Motto:

Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters;

Wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht;

Psalm 71, 9.

Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,

Und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir.

Psalm 51, 13.

Zweite Periode der Aufklärung.

In dem ersten Bande meiner Memoiren habe ich von dem bedeutungsvollen

Auftreten Dr. Lilienthals in Litauen erzählt, von seiner hinreißenden

Wirkung auf die Jugend, von seiner kulturellen Mission der

bevorstehenden Chederreform, von den ersten Anfängen der beginnenden

Aufklärung. Die Jugend, die bisher ausschließlich den Talmud studiert

hatte, war von den neuen Gedanken begeistert und arbeitete mit einem

heiligen Ernst an der eigenen geistigen Entwicklung. Ihr Ideal war die

Vereinigung der allgemeinen Bildung mit dem Talmudstudium. Erst

Lilienthal hatte dieses Verlangen, die engen Grenzen des alten Wissens

zu erweitern und von dem »Apfel der Erkenntnis« zu kosten, zum

sichtbaren Durchbruch gebracht.

Neben Lilienthal war es der Begleiter und Sekretär von Montefiore, Louis

Loewe, der während seines Aufenthaltes in Rußland überall die

Gelegenheit ergriff, die jüdische Jugend von der Notwendigkeit der

europäischen Bildung zu überzeugen. Seine Worte fanden einen

machtvollen Nachhall, denn Loewe war zugleich ein im westeuropäischen

Sinne gebildeter Mann -- und ein guter Talmudist: In ihm waren die

idealen Forderungen der damaligen Jugend erfüllt. Loewe war wie kein

zweiter geeignet, den neuen Werten Geltung zu verschaffen. War er doch

der Begleiter Montefiores. Und es konnte nicht fehlen, daß die fast

abgöttische Verehrung, die diesem großzügigen und tapferen Philanthropen

in allen Ländern, wo Juden wohnten, zuteil ward, ihren Glanz auch um

Loewe breitete. Wen Montefiore seiner ständigen Begleitung würdigte, der

durfte offen sprechen. Er hatte nichts zu fürchten, und jeder hatte die

Gewißheit, daß sein Wort einer reinen Überzeugung entwuchs und nur der

Sicherung und Adelung des Judentums gelten konnte.

Es war im Jahre 1846. Ein kaiserlicher Ukas war erschienen, nach dem

alle im Bereiche von fünfzig Werst von der russischen Reichsgrenze

wohnenden Juden vertrieben werden sollten. Das war für viele Tausende

Familien der Ruin.

Hier setzte die Arbeit Montefiores ein. Sie ging zum Siege. Die

Ausführung der drakonischen Bestimmungen wurde zunächst wenigstens

verhindert.

Es geschah nicht zum ersten Male, daß Montefiore sich seiner

Glaubensgenossen annahm. Bei allen Juden Europas war die Erinnerung an

jene denkwürdige Reise nach Egypten noch lebendig, wo Montefiore das

entsetzliche Blutmärchen zerstört, die Bedrängten geschützt hatte und

die Ehre des jüdischen Namens vor der Welt hatte wiederherstellen

können.

Fast mehr noch als über den Erfolg seiner Arbeit in Rußland waren die

Juden erfreut über die ehrenvolle Behandlung, die das würdige

Greisenpaar erfuhr. In jeder größeren Stadt wurde Montefiore von einem

hohen Beamten empfangen, der ihn bis zur nächsten Station begleitete.

Die Herren -=mußten=- so handeln. Auf Geheiß der Regierung! Mochten sie

auch ihren Ingrimm schlecht verhehlen.

Selbst am kaiserlichen Hofe wurde das Ehepaar wohlwollend empfangen, und

die Höflinge behandelten Sir Montefiore, den englischen Sheriff, mit

Ehrerbietung.

Kaiser Nikolaus I. war bei der letzten Audienz sehr huldvoll und

versprach Montefiore, seinen Glaubensgenossen gegenüber nachsichtiger zu

handeln, bemerkte aber zum Schluß: »Wenn doch viele Juden in meinem

Lande Ihnen, mein Herr, ähnlich wären!« und riet Sir Moses Montefiore,

die Juden von Litauen und Polen auf seiner Rückreise genauer kennen zu

lernen.

Auf der Rückfahrt wurden Sir Moses Montefiore und seiner Gemahlin

seitens der Juden die größten Ehren erwiesen. Jede größere Stadt

bereitete ihnen einen feierlichen Empfang. Der Rabbiner und die

vornehmen Juden, denen sich angesehene Männer, Delegierte anderer

Städte, anschlossen, gingen den Gästen eine große Strecke Weges zu Fuß

entgegen, um sie zu bewillkommnen. Leider konnten sie sich nicht

unmittelbar mit dem Ehepaare verständigen, denn Sir Moses Montefiore und

Lady Judith sprachen nur englisch. Als Dolmetscher diente ihr Begleiter

Dr. Loewe. Ihr Hauptaugenmerk wandten sie überall dem Leben der Juden

zu, das sie durch viele wohlerwogene Fragen bis in alle Einzelheiten zu

ergründen suchten. Wirtschafts- und Kulturstand reizten sie in gleicher

Weise.

Dabei verhehlten sowohl das Ehepaar Montefiore wie Dr. Loewe nicht, daß

sie das Aussehen und das ganze Gebaren der Juden peinlich berührte. Dr.

Loewe sprach es immer wieder aus, daß die Annahme westeuropäischer

Bildung für die russischen Juden ein absolutes Erfordernis sei. »Wenn

der Messias kommt und das jüdische Reich wiederhergestellt wird, dann

dürfen die Juden nicht hinter anderen Völkern zurückstehen. Die jüdische

Jugend muß sich bilden, um für die bürgerliche Freiheit vorbereitet zu

sein.«

Unsere Stadt hat das hohe Paar auf dieser Reise freilich nicht berührt.

Eine Deputation wurde aber abgesandt unter der Leitung des Rabbiners Reb

Jankew Meïr Padower, um Montefiore die Wünsche und den Dank auch unserer

Gemeinde zu überbringen. Mein Vater wäre der erste gewesen, welcher zu

dieser Deputation hätte gehören müssen. Leider hielt ihn eine Krankheit

zu Haus fest. Aber im Geiste folgte er jedem Schritt der hohen

Reisenden; denn fast jeden Tag erhielt er eingehende Berichte. Es waren

festliche Stunden in unserm Hause, wenn diese Berichte einliefen. Ich

sehe noch den wunderbaren Glanz der Seligkeit in seinen Augen, wenn er

mit den Tischgenossen, mit uns Kindern, die einzelnen Ereignisse

besprechen konnte. Besonders lebhaft stehen noch in meiner Erinnerung

jene denkwürdigen acht Tage, welche die hohen Gäste in Wilna verlebten.

Von Petersburg her war dem Generalgouverneur Mirkowitsch eine Mitteilung

zugegangen, wodurch schon nach außen hin dieser Reise eine ganz

besondere Bedeutung gegeben war.

Von der fünften Poststation vor Wilna erhielt auch die jüdische Gemeinde

durch eine Estafette Nachrichten vom Nahen »der göttlichen Gesandten«,

wie die russischen Juden damals das Ehepaar Montefiore nannten.

Eine freudige Erregung ergriff die jüdische Bevölkerung Wilnas. Die

Gemeinde bereitete den vornehmen Gästen in dem reichen Hause des

bekannten Reb Michel Kotzen eine bequeme Wohnung und sorgte für eine

reichhaltige, streng koschere Verpflegung.

Die angesehensten Bürger der Stadt, mit dem Rabbiner und Stadtprediger

an der Spitze, fuhren den Gästen bis zur nächsten Poststation entgegen.

Tausende Juden versammelten sich in der Wilnaer Vorstadt Schnippeschock,

um schon hier die Erwarteten mit Jubel zu empfangen. Und als der Wagen

endlich in Sicht kam, da erscholl aus tausend Kehlen zugleich ein

begeisterter Ruf: »B'ruchim haboim b'schem Adaunoj!« (»Gesegnet seien

die Nahenden im Namen Gottes!«) Es klang so mächtig stark, daß die Luft

weithin erzitterte. Der Rabbiner segnete die Angekommenen in deutscher

Sprache und der Stadtprediger in hebräischer. Die Ältesten der Gemeinde

überreichten ihnen ein Gelegenheitsgedicht, das den Titel »Hakarmel«

führte. Das Greisenpaar war von diesem Empfang zu Tränen gerührt und

dankte der Gemeinde herzlich. Das Volk drängte sich so dicht an den

Wagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kommen konnte. -- Die Polizei

war nicht mehr imstande, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auch sie

wurde von der großen Menschenmenge fortgerissen. So, von vielen

Zehntausenden begleitet, kam der Zug in Wilna an. Die Straßen waren

überfüllt, sogar auf den Dächern sah man viele Leute. Die Kaufleute

verließen ihre Geschäfte. Die Handwerker ihre Werkstatt. In der ganzen

Stadt war eine festtägliche Stimmung.

Das war Mittwoch, der 14. April 1846!

Am nächsten Tage stattete Sir Montefiore in Begleitung von Dr. Loewe

dem Generalgouverneur einen offiziellen Besuch ab. Hier wurde er mit den

größten Ehren empfangen. Er verhandelte mit dem Generalgouverneur mehr

als zwei Stunden über jüdische Angelegenheiten und begab sich dann zu

den höheren Militärbeamten.

In den nächsten Stunden erwiderten die Exzellenzen den Besuch der

jüdischen Gäste. Der Generalgouverneur lud das ehrwürdige Paar

Montefiore zu einem ihnen zu Ehren veranstalteten Bankett ein. Höflich

dankend lehnte Montefiore die Einladung ab, weil er als Jude nichts bei

ihnen genießen dürfe. Der Generalgouverneur bat ihn, mit Früchten,

Konfitüren und Tee vorlieb zu nehmen und ließ nicht ab, bis Sir Moses

Montefiore ihm entgegenkam.

Am Freitag waren schon am frühen Morgen die Straße und das Haus, wo

Montefiores wohnten, von einer großen Menschenmenge umlagert, denn es

hieß: Sir Moses Montefiore werde alle Wohltätigkeitsanstalten ohne

Unterschied der Nationalität aufsuchen. Der Polizei kostete es große

Mühe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hauptsächlich in den

Straßen, wo die Anstalten sich befanden. Ein Schwarm von Armen

verschiedenen Alters und Glaubens folgte dem Gast, der unterwegs große

Summen Geldes verteilte.

Als Sir Montefiore in seine Wohnung zurückkehrte, erwartete ihn eine

Überraschung: Die angesehensten Bürger der Stadt hatten, der damaligen

Sitte entsprechend, den Gästen zum Sabbath die feinsten Weine und Kuchen

gesandt.

Am Vorabend wollte das fromme Ehepaar zum Gebet in die Synagoge, konnte

aber im Gedränge nicht vorwärts kommen und war gezwungen umzukehren.

Am Sonnabend morgen war das Gedränge in den Straßen Wilnas nicht

geringer. Man mußte daher Sir Montefiore und Lady Judith auf einem

Seitenwege in die Synagoge führen, aber auch hier wurden sie von der

Menge fast auf Händen getragen. In der Synagoge fanden sie ein

auserwähltes, aus Juden und Christen bestehendes Publikum vor, das sich

hier auf besondere Einladung eingefunden hatte. In der Vorhalle der

Synagoge wurden sie vom Synagogenvorstand begrüßt. Zehn junge, schöne,

weiß gekleidete Mädchen streuten vor ihnen Blumen. Eines von ihnen trat

hervor und bewillkommnete sie mit einem Gedicht, das die Reise des

wohltätigen Paares besang.

Im Betraum selbst wurde für sie ein besonderes Gebet gesprochen.

Sonntags fuhr das Ehepaar Montefiore zu dem Bankett beim

Generalgouverneur. Es schien, als ob es nicht dieselben Menschen wären,

die gestern so bescheiden und einfach in der Synagoge gekleidet waren.

Sir Montefiore saß stolz aufgerichtet, in der roten, reich mit Gold

gestickten Sheriffsuniform, an der Seite einen großen, mit Brillanten

besetzten Degen, auf dem Kopfe einen mit Straußfedern geschmückten Hut,

neben ihm Lady Judith in der prächtigsten Kleidung einer englischen

Hofdame.

Der hohe polnische Adel war in den Empfangszimmern des

Generalgouverneurs bereits versammelt, als die englischen Gäste

eintrafen. Der Hausherr empfing sie in der Vorhalle. Ein polnischer

Graf, der an diesem Bankett teilnahm, behauptete, daß die Ohrringe der

Lady Judith den Wert aller Güter der anwesenden Magnaten überstiegen.

Ein anderer wieder konnte die höhnische Bemerkung nicht unterdrücken,

warum man denn so viel Wesen von einer Jüdin mache.

Im Laufe des Abends lud der Generalgouverneur Sir und Lady Montefiore zu

einer Vorstellung im Theater ein, die ihnen zu Ehren gegeben wurde, um

dem aus allen vier Gouvernements zu den Wahlen versammelten polnischen

Adel Gelegenheit zu geben, das würdige Greisenpaar kennen zu lernen.

Während der folgenden Tage sprachen viele angesehene Leute bei Sir

Montefiore vor, um mit ihm über die Angelegenheit der Juden in Rußland

zu beraten, hauptsächlich über den im nächsten Jahre bevorstehenden

Zusammentritt einer jüdischen Kommission in St. Petersburg. Viele Juden

waren aus der Provinz nach Wilna gekommen, um an diesen Beratungen

teilzunehmen.

Und bis zur letzten Stunde ihres Aufenthaltes in Wilna herrschte diese

freudige, gehobene Stimmung. Die Juden verlebten jene Woche in dem

erhebenden Bewußtsein, daß diese beiden von Gott gesegneten Menschen in

ihrer Mitte verweilten. Unter Tränen und Bezeugungen der Dankbarkeit

nahmen die Juden Abschied von dem Greisenpaar. Noch unterwegs an der

Landesgrenze feierten Montefiores mit einer Truppe jüdischer Soldaten

das Osterfest.

Die Verehrung für das Greisenpaar stieg bis zur Vergötterung. Tausende

von ihren Bildern wurden hergestellt, und jeder Jude sah es für eine

Ehre an, sich auch ein solches Bild anzuschaffen. Noch jetzt, nach mehr

als fünfzig Jahren, findet man dieses Bild in guten jüdischen Häusern an

der großen Wand über dem Sofa angebracht, und in den jüdischen Herzen

haben sich jene Tage unvergeßlich eingeprägt.

Nach zahlreichen Gefahren und großen Strapazen trafen Montefiores in

London ein und wurden hier in einer feierlichen Audienz von der Königin

Viktoria empfangen. Die Königin schlug Sir Montefiore zum Ritter, und

als er zu ihren Füßen kniete, berührte sie, die übliche Zeremonie

vollziehend, seine Schulter mit dem Degen, und rief ihn an: »Steh auf,

Ritter von Jerusalem, Moses Montefiore!« Und der Saal, in dem die

Zeremonie stattfand, war mit zahlreichen Fahnen geschmückt, die alle die

Inschrift »Jerusalem« trugen.

Ich erinnere mich, bei dieser Gelegenheit einmal eine deutsche

Übersetzung[1] aus einer englischen Zeitung, eine Episode aus der

Mädchenzeit der Königin Viktoria gelesen zu haben. Vor vielen Jahren

ging eines schönen Morgens in London ein kleines Mädchen mit ihrer

Erzieherin spazieren. Sie kamen an einem großen, reichen Hause, das von

einem Garten umgeben war, vorbei. Durch das Gitter sah man eine

prächtige rote Rose, die so wunderbar schön war, daß sie unter allen

anderen Blumen hervorragte. Das Kind ergötzte sich an der Blume und

wollte sie endlich pflücken. Doch rasch ergriff die Erzieherin das

Händchen des Kindes, um es an der Ausführung seiner Absicht noch

rechtzeitig zu verhindern. Das kleine Mädchen fügte sich ohne Murren dem

Willen seiner Mentorin und setzte, ohne das Gesicht zu verziehen, den

Spaziergang weiter fort. Als es nach Hause kam und in sein Zimmer trat,

fand es zu seiner größten Freude einen Strauß roter Rosen vor. --

Das kleine gehorsame Mädchen war niemand anders als die spätere Königin

Viktoria von England und der Spender des Straußes war der später von ihr

zum Ritter ernannte Moses Montefiore.

Bei dem Aufenthalt in Wilna war es auch, als Louis Loewe in einer mit

Argumenten und Zitaten des Talmuds reich verzierten Rede der zahlreichen

Menge in der Synagoge bewies, daß die jüdische Tradition das Erlernen

der Wissenschaften und fremden Sprachen weder ausschließt, noch verpönt.

--

Daß in diesen Zeiten Moses Mendelssohn ein »Führer der Verirrten« werden

mußte, begreift sich leicht. Seine deutsche Bibelübersetzung und seine

philosophischen Werke hatten die jüdische Jugend dem deutschen Geiste

und der deutschen Sprache näher gebracht. Bisher kannte sie die Bibel

nur als ein religiöses Buch -- jetzt tauchten vor ihr neue

Gesichtspunkte auf. Man fing an, dieses Buch der Bücher mit weltlichen

Augen zu betrachten. Der Nimbus der Unantastbarkeit schwand. Die Kritik

setzte ein.

Es war eine Revolution der jungen Geister!

Die Älteren nannten diese Jugend jetzt in dem Sinne »Berliner«, wie man

sie Ende der dreißiger Jahre »Apikorsim« (Abtrünnige) hieß. Mehr noch

als dem lebendigen Lilienthal galt ihr Ingrimm dem toten Philosophen,

den sie nach seiner Geburtsstadt den »Dessauer« nannten.

Die deutsch-russischen Werke, die »treifenen Büchelach« wurden von den

Alten nur widerwillig geduldet: ehe der Sabbath begann, mußten sie,

ebenso wie jeder Rest der Wochenarbeit, weggeräumt werden. Den ganzen

Sabbath hindurch blieben sie versteckt.

Allein bei dem immer mächtigeren Drange der Jugend zur Aufklärung

konnten diese Maßregeln nicht lange bestehen. Mochten die Eltern sich

noch immer »bösern« (ärgern), sie mußten schließlich nachgeben.

Die neuen Aufklärungsideen des Berolinismus konnten natürlich in dem

Teile Litauens, der an Kurland mit seiner deutschen Kultur grenzt, die

besten Früchte tragen. Aus dieser Gegend ging auch ein Mann hervor, der

in der Geschichte der jüdischen Aufklärung in Rußland keine geringe

Rolle gespielt hatte -- der erste jüdische Student in Rußland -- L.

Mandelstamm. Als siebzehnjähriger Junge begeisterte er sich bereits an

Mendelssohn und 1844 folgte er dem Beispiel seines Vorbildes und

übersetzte die Bibel. Ins Russische. In Rußland herrschte noch zu jener

Zeit das Verbot, über heilige Dinge russisch zu schreiben; und

Mandelstamms Bibelübersetzung konnte zuerst nur im Auslande erscheinen.

Erst 1869 erschien sie auch in Rußland.

Nachdem Lilienthal nach Amerika gegangen war, hatte Mandelstamm die

Stellung des gelehrten Juden im Ministerium für Volksbildung erhalten.

Ihm fiel die Aufgabe zu, den von dem Kultusminister Uwaroff und

Lilienthal gemeinsam ausgearbeiteten Plan der Reformation des

Schulwesens durchzuführen und die Leitung der neubegründeten Schulen zu

übernehmen. Den neuen Zielen dienten die Wörterbücher Mandelstamms, aus

denen ganze Generationen von »Jeschiwabachurim« die Anfänge der

russischen Sprache lernten.

Die Kenntnis der Werke fremder Nationen ließ die Jugend an der eigenen

Religion rütteln und schütteln; und allmählich schwand aus dem jüdischen

Leben die Pietät für die althergebrachte Tradition für die Gesetze und

Bräuche. Die Prophezeiung: Das Wort Gottes wird hintangesetzt und die

heilige hebräische Sprache vernachlässigt werden, hatte sich

bewahrheitet.

Meine Familienchronik hält außer meinen beiden Schwägern, von denen ich

bereits im ersten Bande erzählte, noch die Erinnerung an zwei junge

Leute fest, die von den neuen Ideen mitgerissen waren. Der eine war mein

älterer Bruder E. Epstein, der andere der Gatte meiner Schwester K., A.

S. Beide waren begabte, wißbegierige, fleißige junge Männer; sie

gehörten in Brest, wo der Kreis der Gebildeten schon ziemlich groß war,

zur Elite der Stadt. Sie verbrachten nur noch ihre Jünglingsjahre an den

Talmudfolianten aber der »Melamed« war nicht mehr ihr einziger Lehrer.

Das Talmudstudium wurde von ihnen nur in bestimmten Stunden betrieben,

nicht mehr wie in der guten alten Zeit meiner älteren Schwäger Tag und

Nacht. Dennoch hatte mein Schwager gemeinsam mit meinem Bruder unter der

Leitung des Vaters und eines Melameds das »Lernen« sogar noch einige

Jahre nach der Verheiratung fortgesetzt. Es war schon die Zeit, da die

Lilienthalsche Bewegung in breitere und tiefere Schichten drang. Jetzt

durfte man es wenigstens wagen, die »fremden Bücher« zu studieren; und

die jungen Leute in Brest nutzten diese Möglichkeit nach jeder Richtung

aus. Sie veranstalteten Versammlungen, in denen man deutsche Klassiker,

wissenschaftliche Werke, besonders aber die der alten Griechen las.

Allmählich wurden auch Frauen zu diesen Zusammenkünften zugelassen.

Alle Eltern mißbilligten diesen Eifer, denn bei dieser Gelegenheit wurde

so manche jüdische Sitte verletzt. So fanden oft die Zusammenkünfte am

Sonnabend statt, worin die Eltern schon eine Entweihung des Sabbaths

sahen. Und so gab es wieder Hader und Ärger im Familienleben; und

manche tragikomische Szene spielte sich vor meinen Augen ab: der ewige

Kampf der Alten und Jungen, wenn auch nicht immer der gleiche.

Wenn ich so heute rückschauend die kleinen Ärgernisse wieder bedenke, so

muß ich doch gestehen, daß die Alten wohl wußten, was sie taten. Mit

Äußerlichkeiten fing die Revolution an. Wir Jungen mochten nichts daran

finden. Die Alten aber erkannten, daß auch nur der leisesten Veränderung

in der Tradition, der äußeren Gehabung eine Revolutionierung des inneren

Menschen folgen müsse. Ich muß lächeln und bin doch wieder ernst

gestimmt, wenn ich an die Entrüstung denke, mit der meine Eltern die

Versuche meiner Schwester zurückwiesen, den Bann der alten Tracht zu

durchbrechen. Es war in den vierziger Jahren. Da kam die wunderliche

Mode der Krinoline auf. Bei uns freilich wurde dieses Monstrum noch auf

eine sehr primitive Art hergestellt. In einen Kattunrock machte man

unten einen breiten Saum und zog einen Rohrreifen ein. Ein zweiter

Reifen, der auch umsäumt wurde, folgte etwa einviertel Meter höher. Nach

vielem heißem Bemühen war meine Schwester Kathy glücklich in den Besitz

eines solchen Monstrums gekommen. Eines Morgens -- wir saßen

stillvergnügt im Eßzimmer -- tauchte plötzlich ein Faß in unserem Zimmer

auf und darin steckte Kathy. Meine Mutter machte große Augen: »Was hast

du da für ein Faß angezogen?« Und ohne sich auf irgendeine weitere

Debatte einzulassen, befahl sie, daß das bauschige Ding sofort zu

verschwinden habe. Meine Schwester fing heftig zu weinen an; denn sie

war sehr empfindlich. Aber sie blieb noch eine Weile stehen, ohne sich

zu regen. Da rief ihr die Mutter zu: »Soll ich dir beim Auskleiden

vielleicht behilflich sein?« -- Das genügte. Weinend lief Kathy in ihr

Zimmer, wohin meine Mutter ihr folgte, bemächtigte sich des fatalen

Rockes, riß die Rohrreifen heraus, knickte sie schneckenartig zusammen

und brachte sie nach der Küche. Auf dem Herde war ein gutes Feuer, und

der Dreifuß stand darauf. Die Flammen griffen gierig nach der neuen

Mode. Sie hatte in unserm Hause wenigstens den Vorteil, daß sie das

Wasser in der Kasserolle schneller zum Kochen brachte.

Nicht viel besser erging es meiner Schwester Eva. Sie hatte sich nach

der damaligen Mode eine Manischka, eine Art Jabot, aus weißem Musselin

angefertigt und erschien also angetan am Freitag Abend am Eßtisch. Meine

Eltern waren aufs höchste entrüstet. Mein Vater sagte empört: »Du siehst

wie eine Goje aus. Wie kann eine jüdische Tochter ein Kleid tragen, das

an der Brust durchsichtig ist!« Meine Schwester wagte noch einige

Bemerkungen, daß sie ja keine böse Absicht gehabt und nur geglaubt

hätte, das neue Kleidungsstück stehe ihr so gut zu Gesicht. Aber eine

Diskussion gab's weiter nicht. Das Jabot mußte sofort abgelegt werden

oder E. durfte nicht an den Tisch kommen. Für diesen Sabbath war die

Stimmung im Hause zerstört. Aber das Wort der Eltern hatte doch noch die

Kraft, diese modernen Versuche der Jugend zu unterdrücken.

Bezeichnend für die noch unerschütterte elterliche Autorität war auch

eine Episode, die ich hier erzählen möchte. Das ist sicher kein

welthistorisches Ereignis. Und doch spiegelt sich ein gut Stück

Kulturgeschichte der Juden darin. Es war an einem Sabbath-Nachmittag.

Das Sabbathschläfchen, das als Auneg Schabbes zu den obligatorischen

Genüssen des Sabbaths im Ghetto gehörte, hatte man bereits hinter sich.

Die meisten Juden ergingen sich nun, die Stimmung der abendlichen

Dämmerung genießend, auf der großen Chaussee. Die Männer natürlich

streng gesondert von den Frauen; und es war also, wie es in der Bibel

heißt: Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken. -- Gott weiß, wie

viele Jahrhunderte schon dieser Brauch im Judentum herrschte! Nun traf

es sich, daß mein Schwager A. Sack mit seiner Frau seine Mutter besuchen

wollte. Da wagte der junge Mann, in dem die Stürme der Zeit mächtig

wogten, eine unerhörte, revolutionierende Tat: er wollte diesen Besuch

gemeinsam mit seiner Frau machen. Freilich bis zu der Vermessenheit

wagte sich selbst dieser Stürmer und Dränger nicht, etwa durch die

belebtesten Straßen gehen zu wollen. Also richtig, sie verließen

zusammen das Haus und mußten an den Fenstern unseres Eßzimmers

vorbeigehen, wo zufällig mein Vater seinen Nachmittagstee trank. Er sah

die beiden Sünder, und der Zorn packte ihn. Er klopfte hastig an die

Fensterscheiben und rief in befehlendem Tone meiner Schwester zu: »Du

gehst sofort zurück. Dein Mann kann allein gehen. Für jüdische Frauen,

und gar für meine Töchter, paßt es sich nicht, dicht beieinander und

noch am hellen Tage zu spazieren.« -- Mein Schwager war natürlich sehr

aufgeregt. Aber er wagte es doch nicht, offenen Widerstand zu leisten.

Er ging allein seines Weges. Und meine Schwester, die wieder in das Haus

zurückgekehrt war, folgte ihrem Gatten erst, als sie annehmen konnte,

daß er bereits an seinem Ziele angelangt war.

Aber diese autoritative Stellung meines Vaters, der selbst die

Gewissensfragen niederzudrücken wagen konnte, wurde allmählich

erschüttert. Nach schweren inneren Kämpfen mußte er schließlich

erkennen, daß der Zaun um die jüdische Religion durchbrochen war; und er

war trostlos, sehen zu müssen, daß sein teuerstes Kleinod, die Religion,

die er in allen Stürmen des Lebens gehütet und verteidigt hatte, jetzt

verhöhnt wurde, daß der Sabbath und die Feiertage ihrer Weihe beraubt

und zum Werktage wurden. Mahnungen und laute Proteste verhallten

wirkungslos gegen den Zeitgeist. Was Wunder, daß schließlich beiden

Teilen, den Alten und den Jungen, das gemeinsame Leben auf die Dauer

unerträglich wurde. Sowohl meinen Bruder, wie den Schwager Sack hielt es

nicht mehr im Hause. Es trieb sie hinaus in die große, weite Welt. Sie

hatten beide noch keine größere Stadt als Brest gesehen. Aber sie

hofften in der Fremde vorwärts zu kommen. Sie beluden sich nicht mit

allzu schwerem Gepäck; aber sie nahmen viel ehrliches Streben mit, einen

leichten Kindersinn, starkes Selbstvertrauen, edle Vorsätze und einen

unerschütterlichen Glauben an die Menschheit und an die Zukunft. Mit

diesen gediegenen Reiseutensilien ausgestattet, rissen sie sich nicht

ohne Schmerz und Kampf von Weib und Kind los und folgten ihrem dunklen

Drange, der sie mächtig fortzog. Sack verlor auch im späteren Leben

nicht die Kraft der modernen Überzeugungen und die Kenntnisse der alten

jüdischen Kultur. Er blieb durch sein Leben ein Kämpfer für die

Aufklärung. Die neue Zeit mit allen ihren kulturellen Inhalten zu

ergreifen, galt sein unermüdliches Bestreben. Er stand hoch über dem

geistigen Niveau seiner Umgebung. Aber seine gemütvolle Art und sein

sprühender Geist schlossen jede Überhebung aus. Ein inniger Ton

herrschte in seinem Hause, und daran konnten seine äußeren Erfolge

nichts ändern. Sein edler Charakter, seine Menschenliebe, seine

Opferfreude zeichnen ihn vor vielen aus. Der Titel »Exzellenz«, den

Alexander III. dem verdienten Direktor der Petersburger Diskontobank

verlieh, fügte seinem Wesen keine neue Note zu. Der Geist, der in seinem

Hause herrschte, verschwebte nicht, als der arbeitsfrohe Mann starb. Er

ließ seiner Frau -- meiner Schwester Kathy -- das schöne Vermächtnis,

von ihrem Gute immer den Armen, den Ringenden, den Verzagenden zu geben.

Von ihrer stillen Klause ging viel Edelmut aus. Nahe und Ferne --

Künstler und Gelehrte wissen davon zu sagen. Ich aber darf davon

schweigen....

Die Liebe war der ganzen Familie ein Teil, die Liebe, so auch der

Bildung entraten kann. A. S.' ältere Schwester war zwar kein Kind der

Moderne. Das alte jüdische Haus hatte sie erzogen zur Stille der Seele.

Wie sie voller Gehorsam und Selbstverleugnung ihrer vielfordernden

Mutter gegenüberstand, so innig zärtlich war sie zu ihren Stiefkindern.

Sagt nicht die Volkslegende, daß der Platz der Stiefmutter im Paradiese

leer steht? Ich glaube, er ist jetzt besetzt...

-- Wie schnell die Zeiten wandern: man konnte diesen Zug mit

überraschten Augen an den Brüdern des S.schen Hauses verfolgen.

Mußte der älteste noch um die Anerkennung der Aufklärung ringen, bei

seinen jüngeren Brüdern galt die Beschäftigung mit der Bibel und dem

Talmud nur noch als Zugabe zum neuen Programm. Sie wandten ihre ganze

Mühe und ihren ganzen Fleiß meistenteils auf das Studium der fremden

Sprachen[2].

* * * * *

Ähnlich und doch anders war das Leben meines Bruders Ephraim geartet.

Ich mag dieses Kapitel nicht schließen, ohne in wehmütiger Ergriffenheit

noch zu sprechen von seinen Schicksalen, seinen Wanderungen und seinen

-- Wandlungen.

Mein Bruder Ephraim glich mehr meiner Mutter als unserm Vater. Der

Vater war herbe und streng. Die Mutter war weich und schwärmerisch.

Ihr hing er mit ganzer Seele an. Er war der einzige Sohn im Hause. Der

Träger des Namens, der »Kaddisch«. Was Wunder, daß Vater und Mutter und

wir Schwestern ihn alle verzogen! Der ernste Sinn meines Vaters führte

ihn früh in die heiligen Hallen der Bibel ein. Er war noch nicht zehn

Jahre, da kannte er schon einen großen Teil der fünf Bücher auswendig.

In seinem elften Jahre war er im Gedankenkreise der Propheten heimisch.

In ihrer Wucht, in ihrer Schwermut, in der Innigkeit und Größe ihrer

religiösen Welt fand er seine geistige Nahrung. Und es war sein

höchstes Entzücken, wenn er in der Synagoge den Prophetenabschnitt

vorlesen konnte. In seiner wunderbaren Stimme lag die ganze Romantik

eines schwärmerisch-seligen Knaben. Andächtig lauschten die Hörer.

Aber mein Vater war voller Stolz, und die Gewißheit eines Erben seiner

nationaljüdischen Überzeugung war in ihm. Als Ephraim zwölf Jahre

wurde, erschloß sich ihm die Welt des Talmud. Nebenher aber lernte er

die russische und deutsche Sprache und sang mit köstlicher Freudigkeit

die Lieder der fremden Völker. Dabei war er durchaus kein Stubenhocker.

Der Ernst seines Studiums hatte niemals die frohe Kindlichkeit

verdrängt. Unter seinen jugendlichen Kameraden war er der lustigsten

einer. Und voll purzelnder Einfälle war sein Spiel. Seine Laune konnte

den Trübsten erheitern. Wie oft mußten wir Schwestern über ihn, mit

ihm lachen! Schmollend böse und doch belustigt nannten wir ihn den

»Köppeldreher«. Wirklich, er konnte jedem den Kopf verdrehen.

So wuchs er heran, zwar freier werdend in seiner Auffassung des

Judentums. Denn dem Geiste der Lilienthalschen Epoche konnte sich eben

kein junges Gemüt entziehen. Aber die Kraft seiner tiefen Religiosität

war unerschütterlich. Da trat in sein Leben ein Ereignis, das sein

Schicksal werden sollte. Die Eltern drängten darauf, daß er sich

verheirate. Ihre Wahl traf auf unsere Cousine. Er liebte sie nicht, und

sie ihn auch nicht. Aber der Wille der Eltern bestand. Der Großvater

wollte nicht, daß das Vermögen zerstreut würde. So mußte Ephraim denn,

ob er wollte oder nicht wollte, das Mädchen heiraten. Nach der Geburt

seines ersten Kindes ging Ephraim nach Nordamerika. Er hatte die

Zustimmung seiner Frau. Aber es war doch das unglückliche Leben, das ihn

aus der Heimat drängte. Und an Zwiespalt mit den Eltern fehlte es auch

nicht: die Aufklärung höhlte zwischen dem Vater und dem Sohne eine tiefe

Kluft.

Auszug nach Amerika! Es war eine Wanderung aus dem Lande der

Knechtschaft. Dort in der Freiheit wollte er ein neues Leben beginnen,

schaffen und studieren, um seine ganze Kraft und seinen seelischen

Reichtum an neuen Zielen zu erproben. Die Überfahrt war schrecklich.

Neun Wochen in einem Segelschiff! Fast vier Wochen in eisiger Kälte, den

Stürmen des Kanals ausgesetzt. Einsam und verlassen war er nun im

fremden Lande: und seine Geldmittel waren geschwunden. Von seiner Hände

Arbeit konnte er nicht leben. Er hatte ja nichts gelernt, um sich

durchzusetzen. Er versuchte es mit dem Handel. Er versuchte es mit

Fabrikarbeit. Aber das war kein Leben für den geistig angeregten Mann.

Da leuchtete seiner Nacht ein Hoffnungsstern: Lilienthal. Derselbe

Lilienthal, der in der Brester Jugend die Kultursehnsucht erregt hatte,

lebte jetzt in New York. Ephraim ging zu ihm. Er erzählte ihm die

Geschichte seines Leides. Aber es war ein kalter Empfang, der das weiche

Gemüt des jungen Lebensstürmers vollends verwirrte. Was ein hartes Wort

alles kann! Ein gütiges Wort: wie anders hätte sich das Leben meines

Bruders in der Zukunft gestaltet! Er fing wieder mit grober Arbeit an.

Der Landbau war ja den jungen Kämpfern als das höchste Ideal gezeigt

worden. Er ging auf eine Farm. Zu einem Christen, der ihn freundlich

aufnahm. Bald konnte er sich eine eigene kleine Farm erwerben, die

ungefähr zwölf Meilen von New York entfernt war. Hier in dem neuen

Kreise fügte er sich ganz in die neuen Lebensgewohnheiten ein. Er ging

in die Kirche. Er lauschte der Predigt. Besonders war es die Rede eines

Geistlichen, dessen Worte von Sünde, Strafe, Reue und Vergebung ihn

mächtig packten. Von der jüdischen Gesellschaft hielt er sich ganz fern.

Die Predigt war eigentlich seine einzige geistige Erholung. Da fand er

einen Freund. Einen Jugendgefährten aus seiner Heimat Brest, der nach

vielen Wanderungen in Amerika als Blasinstrumentenmacher gelandet war.

Dieser Freund hatte das Judentum verlassen, und er wußte Ephraim zu

bestimmen, die Taufe zu nehmen. Das war ein folgenschwerer Schritt. Man

wurde auf ihn aufmerksam. Seine reichen Kenntnisse der biblischen und

talmudischen Literatur sollten nutzbar gemacht werden. Er gab seine Farm

auf, wurde Theologe und wanderte bald als Prediger von Stadt zu Stadt.

Mit großem Erfolge konnte er sein Studium beenden. Noch während seiner

Seminarstudien rief er seine Frau und sein Kind aus Rußland zu sich. Sie

kamen. Aber es war bei aller äußeren Friedlichkeit doch keine

Gemeinschaft. Es gibt eben im Leben sensitiver Menschen so manches

Verbogene, das nie gerade gerichtet werden kann, und so manche Lücke,

die sich nie füllt. Seine Freunde drängten meinen Bruder, daß er sein

Leben der Judenmission widme. Er fand sich dazu bereit. Aber nur unter

der Bedingung, daß er zuvor Medizin studieren dürfte. Seinem Willen

wurde entsprochen; und nach weiteren drei Jahren konnte er sein

ärztliches Studium abschließen. Er wurde nach der Balkanhalbinsel

gerufen, wo er in mehreren Städten einige Jahre verlebte. Seine

Missionsarbeit hatte keinen Erfolg. Und als ihm die Mittel für eine

Missionsschule versagt wurden, trennte er sich bald von dieser Tätigkeit

und übte fortan nur die medizinische Praxis aus. Unter Juden, Türken,

Bulgaren und Griechen fand er eine große Klientel. Im Beginne der

sechziger Jahre erhielt mein Bruder die Nachricht, daß nach dem Tode des

Großvaters ihm und seiner Frau mehrere tausend Rubel zugefallen seien.

Sein Familienleben war auch in der Türkei nicht glücklicher geworden als

in Amerika; und so kam ihm die Erbschaft gerade recht, seine

unbezwingbare Sehnsucht zu erfüllen. Er wollte seine Geschwister

wiedersehen. Und seine Mutter. Die Geschwister konnten vielleicht

verzeihen. Die Mutter kannte keine Verzeihung. In einer Stadt

Deutschlands traf man sich. Das Wiedersehen war qualvoll,

herzzerreißend. Die alte Mutter fiel dem Sohne zu Füßen und schwur, daß

sie nicht eher aufstehen würde, als bis der Sohn wieder zum Glauben

seiner Väter zurückkehrte und nie wieder während ihres Lebens nach

Amerika ginge. Mein Bruder gab das Versprechen. Er blieb in Deutschland

und wurde ein Jude, der getreu die Satzungen seiner Religion

beobachtete. Die Sohnesliebe siegte. Er blieb eine kleine Zeit mit

Mutter und Vater in Deutschland. Sie fühlten sich glücklich. Sie hatten

ihr Lebensziel erreicht. Ihr Sohn gehörte wieder zu ihnen. Es war, als

wären sie in ihrem hohen Alter noch mit einem Kinde beglückt worden. Ehe

aber die Eltern heimkehrten, hatten sie noch eine schwere Aufgabe. Die

innerlich längst zerbrochene Ehe meines Bruders wurde nach jüdischem

Rechte geschieden. Die Frau behielt das eine Kind; das andere war

inzwischen gestorben. Mein Bruder ging nach Wien, um sich weiteren

medizinischen Studien zu widmen. Indessen kam es, daß unsere alte Mutter

das Zeitliche segnete. Ephraim war nun frei. Er konnte wieder an die

Rückkehr nach Amerika denken. Inzwischen war der Krieg Österreichs gegen

Italien ausgebrochen. Mein Bruder machte die Seeschlacht bei Lissa unter

Admiral Tegetoff als Korvettenarzt mit. In einem englischen Epos besang

er dann diese Schlacht. Tegetoff nahm die Widmung dankend an, und der

Kaiser belohnte den dichtenden Arzt mit einer Ehrengabe von 600 Florin.

Nun kehrte mein Bruder nach Amerika zurück, wo er an einer Reihe

Universitäten als Professor der Sprachen wirkte. Bald nahm er indes

wieder seine Praxis auf, ging nach Chikago, wo er noch heute

Mitredakteur des American Journal of Clinical medicine ist. Er hatte zum

zweiten Male in Cincinnati geheiratet. Sieben Kinder sind aus dieser Ehe

entsprossen. Trotz seiner 81 Jahre ist er rüstig tätig, und seine

Mitbürger halten ihn in Ehren.

Meine Verlobung.

Station Ratomke bei Minsk, am 20. Juli 1898, unter der Eiche auf

der kleinen Bank im Walde niedergeschrieben. Erinnerungen an meine

Verlobung im Jahre 1849.

Der Zufall fügte es, daß ich gerade heute auf die Schatulle stieß, in

der meines Mannes und meine Briefe aus unserer Verlobungszeit aufbewahrt

liegen. Ich öffnete sie, blätterte nachdenklich in den vergilbten

Papieren, und ehe ich es merkte, umfing mich die ganze glückliche

Vergangenheit. Ich vergaß meine Umgebung und las -- Die Eiskruste,

welche das Leben um mein Herz gebildet hat, fühlte ich allmählich

schmelzen, die Jugend stieg in mir auf und mit ihr all die Gefühle, die

ich einst durchlebte, so frisch, so lebhaft, als wenn es gestern gewesen

wäre. Vergessen waren die Gegenwart, alle Sorgen, alle Leiden, die ich

in den siebenundvierzig Jahren durchgemacht habe -- ich war wieder

die sechzehnjährige Pessele in ihrem trauten Heim, von Eltern und

Geschwistern umgeben.

Und ein Bild nach dem anderen stieg plastisch in meiner Erinnerung

empor: Die letzten Zeiten eines sorglosen Daseins; die Schule, das

fleißige, eifrige Lernen; dann das neuerwachende Gefühl, das so

plötzlich und unerwartet in mein Leben trat -- die junge Liebe --

Träume -- Hoffnung -- Sehnsucht -- Verlobung -- Hochzeit --

Sie lassen mich nicht los, all die lieben Erinnerungen, und der Wunsch

wird in mir rege, alles das, was ich einst erlebte, niederzuschreiben

für meine Kinder zum Andenken an ihre Mutter.

* * * * *

Nach der Vermählung meiner älteren Schwester E. F. hatte ich noch mehr

als früher in unserer Wirtschaft zu besorgen. Außer der Wirtschaft aber

lernte ich sehr viel, ich wurde immer fleißiger, als ob mir eine innere

Stimme sagte, daß ich nicht mehr lange im väterlichen Hause werde

schaffen können. Ich besuchte mit noch einigen Mädchen eine

Privatschule, wo wir in der russischen und deutschen Sprache

unterrichtet wurden. Unser Lehrer war ein älterer Herr, namens David

Podrewski. Sein schiefer Mund erschwerte ihm häufig die Aussprache

mancher harten russischen Worte, weshalb wir ihn nicht immer verstehen

konnten. Von den beiden Sprachen war ihm in der Tat nur die deutsche

geläufig; seine Kenntnisse in der russischen Sprache waren sehr

mangelhaft. Zwei Rubel monatlich für dreistündigen täglichen Unterricht

-- das war sein Honorar.

Ich hatte eine große Freude an Büchern. Da uns aber in jenen Zeiten

keine Kinderbibliothek zur Verfügung stand, so las ich alles, was mir

unter die Finger kam: Märchen, allerhand Erzählungen in Jüdisch-deutsch,

Gdules Josef, »Zenture, Wenture« (Abenteuergeschichten), Bobe-meisses,

(Bowe-Korelewitsch). Am meisten aber fesselten mein Gemüt die reichen

phantastischen, orientalischen Märchen von »Tausend und eine Nacht«.

Diese Lektüre befriedigte mich nur bis zu meinem elften Jahre; später

wurde Robinson Crusoe mein Lieblingsbuch und noch später Zschokke und

Schiller, dessen erster Band mit seinem poetischen Inhalt von uns

Mädchen gesungen und auswendig gelernt wurde. Dieses Interesse für

Schiller teilten wir mit der gebildeten jüdischen Jugend jener Tage, die

sich an diesem großen Dichter begeisterte und seine Werke fleißig

studierte. In die erdrückende, dumpfe Atmosphäre des Ghetto drang wie

ein Frühlingshauch Schillers Poesie, und die Juden bewunderten all die

Pracht und Schönheit, die vor ihnen so plötzlich auftauchte. Bei den

Juden spielte Schiller eine wichtige Rolle, sowohl in ihrem Leben, wie

in ihrer Literatur. Als die jüdische Jugend die Werke des Auslandes zu

lesen anfing, griff sie zuerst zu Schiller; an ihm begeisterte sie sich

und bildete ihre Kenntnisse der deutschen Sprache aus. Schiller lernten

die Männer auswendig, gleich uns jungen Mädchen. Und bald gehörte die

Kenntnis der Schillerschen Werke mit zum Studienprogramm eines

gebildeten Juden; er lernte den Talmud und Schiller und zwar den

letzteren in der gleichen Methode wie den Talmud. Es wurde jeder

wichtige Satz einzeln durchgenommen und laut über ihn nachgedacht;

Fragen und mögliche Antworten folgten einander, es wurde diskutiert,

solange bis man die befriedigende Lösung fand und den angeblich tiefen

Sinn, der -=hinter=- den Worten stecken sollte. In jener Zeit erschienen

auch zahlreiche Übersetzungen ins Hebräische, verfaßt von den besten

jüdischen Dichtern, die sich alle an Schiller versuchten. Die Ursache

dieser Popularität ist im Wesen der Schillerschen Poesie zu suchen,

ihrem intellektuellen Charakter, in dem Ernst, dem Pathos, in seinem

Idealismus, der alles Geschehene unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen

betrachtet.

In der Schule war's, wo ich zum erstenmal ein russisches Buch, eine

Sammlung Gedichte von Gribojedow und Schukowsky, in die Hand bekam.

Manches Gedicht dieser Sammlung rührte mich bis zu Tränen, und eine

Erzählung in Prosa, die Lebensschilderungen eines Einsiedlers, der sich

Wadim nannte und sein Freund Gostomisl -- diese beiden Helden alter

russischer Vergangenheit, mußte ich immer wieder und wieder lesen und

heute noch, nach Verlauf von 65 Jahren, weiß ich die ganze Geschichte

auswendig.

Monate vergingen seit der Hochzeit meiner Schwester, und ein Tag glich

dem andern; ich ahnte gar nicht, wie nahe der Tag war, der diesem

gleichmäßigen und ruhigen Leben ein Ende machen sollte. Als ich eines

Morgens auf unserem Balkon saß und mit den Schulaufgaben zu tun hatte,

näherten sich mir meine Eltern. Die Mutter faßte mich am Arm, befahl mir

aufzustehen, drehte mich herum und unterzog meine ganze Gestalt einer

Prüfung; dabei lächelte sie liebevoll und wechselte mit dem Vater

verständnisvolle Blicke.

Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 1 / 15 段