Jahre sind seitdem dahingezogen. Aber noch oft und gern verweilen meine
Gedanken drüben in der großen Empire City Amerikas bei Mary Powl.
Die kleine Flasche, welche sie mir damals mitgegeben, hat noch manchmal
ihre wunderthätige Kraft bewährt, sowohl an mir selbst, als auch an
anderen. Stets hat es mir Freude gemacht, im edlen Sinne der gütigen
Spenderin zu wirken und zu helfen. Jetzt ist sie längst geleert.
Wenn indes einer meiner verehrten Leser oder Leserinnen sich zu einer
interessanten Reise über das Meer und nach New York entschlösse und
drüben von Zahnschmerzen geplagt werden sollte, so rate ich dringend,
nicht zu versäumen, sich auf eine einsame Bank im entlegendsten Teile
des Zentralparks niederzulassen. Vielleicht -- ich sage nur vielleicht
-- begegnet ihm dort meine Freundin Mary Powl, die Indianer-Squaw. Ihre
Adresse darf ich diskretionshalber nicht verraten.
Ob sie noch lebt? Ob Iron Hand ihren stolzen, gerechten Hoffnungen
entsprochen haben wird? --
Ich habe von beiden niemals wieder etwas vernommen.
Amerikanische Existenzen.
Die Mittagsglut eines Julitages brütete über dem Madison-Square von New
York, dessen weite Räumlichkeit mir heute beinahe noch endloser
erschien als sonst. Fast senkrecht schleuderte die Sonne ihre glühenden
Strahlenbündel auf den weich gewordenen Asphaltboden nieder, so daß
dieses von stattlichen Häusern eingefaßte große Flächenquadrat völlig
schattenlos vor meinen Blicken lag.
Ich zog den wahrhaft monströsen Sonnenschutzschirm noch tiefer über mein
gefährdetes Hirn, that mehrere schwere Stoßseufzer und strebte, einen
heroischen Anlauf nehmend, vorwärts über den Platz -- meinem Ziele zu.
Wer jemals einen amerikanischen Sommertag in New York erlebt hat und der
Gefahr ausgesetzt gewesen ist, vom Sonnenstich betroffen zu werden, der
kennt solche Situation genau. Allein sich sträuben oder gar klagen
half hier nichts, indem ich vorwärts mußte, das heißt, mich von der
Eisenbahnstation aus auf der Wohnungssuche befand und noch vor Abend mit
Sack und Pack in einem guten und bequemen Boardinghouse untergebracht zu
werden wünschte.
O New York! Du Eldorado aller nach Fortunens Schürzenzipfel haschenden
Deutschen! Wie erfreute mich trotz Hitze und Staub der Anblick der
langentbehrten Metropole der Union, wie hatte ich in Tagen der Trübsal und
des Kampfes ums Dasein mit sehnsüchtigem Verlangen deiner gedacht und das
grausame Schicksal verwünscht, welches mich Jahr um Jahr an den fernen
Westen gebunden. Endlich jedoch schien die launische Göttin ein Einsehen
und Erbarmen mit mir gehabt zu haben. Ein Glücksfall ließ meine
wirklichen oder vielleicht auch nur eingebildeten Talente und Geistesgaben
doch schließlich zur vollen Geltung kommen. Durch die vorsorglich
zurückgelegten Ersparnisse saurer Arbeit und eine, wie durch
höhere Inspiration plötzlich in mir erwachte, fast amerikanische
Unternehmungslust und Dreistigkeit bemühte ich mich um die Partnership
einer der renommiertesten Advokaturen New Yorks und -- erhielt sie. Jetzt
war ich ein gemachter Mann. Denn ich kannte die Verhältnisse Amerikas zu
gut, um nicht überzeugt zu sein, daß ich den mühsam errungenen Platz
auch würde behaupten können. Wie ganz anders waren daher die Empfindungen
meiner Brust gegen diejenigen vor fünf Jahren, wo ich mit wenigen hundert
Mark in der Tasche vom Steamer des Bremer Lloyd ans Land stieg. Mit stolzem
Selbstgefühl betrat ich nun zum zweiten Male den Boden der Empire-City.
Die alten Freunde aus jener Sturm- und Drangperiode meines Debuts im
Heim des allmächtigen Dollars hatte ich indes darob nicht vergessen und
erinnerte mich freudig einer alten Amerikanerin Miß Kathleen Emmerson,
in deren gastlichem Hause ich bereits damals -- dank ihrer Rücksicht
auf meine knappe Barschaft -- unter angenehmen Bedingungen einige
Wochen verbringen durfte. Mit Miß Kathe, wie das liebenswürdige und
menschenfreundliche alte Fräulein von all ihren Bekannten zu jener Zeit
kurzweg benannt wurde, hatte ich später auch ab und zu in Korrespondenz
gestanden und wußte demnach, daß ihre pekuniäre Lage sich gleichfalls
bedeutend verbessert und sie anstatt des kleinen Kosthauses in
St. Marks-Place jetzt ein elegantes Boardinghouse in der 24. Straße
zwischen der 5. und 6. Avenue inne hatte.
Dorthin also lenkte ich meine Schritte. Das Äußere desselben entsprach
vollkommen meinen Erwartungen. Wenigstens zählte es zu den sogenannten
guten Brownstone-Houses der City, welche die Straßen der oberen Stadtteile
New Yorks zieren und alle ohne Ausnahme wie nach einer Schablone gearbeitet
zu sein scheinen.
Beim Eintreten gewahrte ich, daß an der mit massivem Gußeisengeländer
versehenen steinernen Vortreppe ein Wagen der New York-Expreß-Compagnie
hielt und verschiedene Gepäckstücke, darunter auch ein wahrer
Monstre-Koffer, abgeladen und ins Haus hineingetragen wurden. »Aha!«
dachte ich mit Befriedigung. »Auch die heiße Jahreszeit thut allem
Anschein nach dem Geschäfte meiner alten Freundin keinen Abbruch.
Gratuliere, Miß Kathe! Solch enorme Bagage-Zahl deutet auf noble und
ständige Gäste.«
Lebhaft sprang ich nun die sechs bis acht Stufen hinan und trat durch die
bereits offenstehende Eingangsthür. Mehrere Personen, dabei natürlich
auch Miß Emmerson, befanden sich auf dem etwas düsteren Vorflur, als
auch schon der freudige Ruf -- in eigentümlich accentuiert gesprochenen
deutschen Worten mir entgegenklang:
»Kann ich denn meinen Augen trauen? Sie sind es wirklich, Herr Baron
von ...?«
»Pst, pst! Lassen wir doch die einstigen Titel und Würden beiseite!«
entgegnete ich lachend und ebenfalls auf deutsch: »Mr. Richard Berken,
Teilhaber der Firma Haberton & Comp. am Broadway, steht heute vor Ihnen,
meine Liebe, und möchte höflich bitten, ihm ein bescheidenes Stübchen in
Ihrem gastlichem Hause anzuweisen, Miß Kathe!« Damit schüttelten wir uns
beide wahrhaft herzlich die Hände.
Neugierig und mit höflicher Verbeugung schielte ich dabei nach der aus
drei Damen und zwei Herren bestehenden Gesellschaft, welche, in Anbetracht
ihres mit der Hauswirtin unterbrochenen Geschäftes, dem Anschein nach
ziemlich ungeduldig drein schaute. Daher sagte ich zuvorkommend und
entschuldigend, daß ich nicht länger stören wolle.
Diese verbindliche Äußerung entschlüpfte mir einzig nur wegen des
reizenden Gesichtchens der jüngsten dieser drei eleganten Ladys, deren
blaue Kinderaugen in ernstlich forschendem Ausdruck auf mir hafteten. Dann
folgte ich mit kurzem: »Auf Wiedersehen, Miß Emmerson!« dem durch die
Hausfrau avertierten Neger die Treppe zur oberen Etage hinan. --
Um sieben Uhr abends war das gemeinschaftliche Diner, welches alle
Logiergäste des Hauses im Speisesaale versammelte. Ich selbst, bereits
vollständig häuslich eingerichtet, war einer der ersten Ankömmlinge
gewesen und hatte mir die recht hübsch arrangierte Tafel mit Muße
betrachten, wie auch jeden neu Eintretenden eingehend mustern können.
Halt! Jetzt stutzte ich. Da kam ja meine fashionable Gesellschaft von heute
vormittag, deren voluminöse Koffer schon meine ganze Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt, soeben aus der Halle. Voran eine große, brünette Dame
mittleren Alters mit auffallend harten, fast fatalen Gesichtszügen, deren
elegante Seidenrobe mir zu der starkknochigen Gestalt wenig im Einklang zu
stehen schien. Neben ihr schritt eine sehr schlanke, beinahe ätherische,
junge Frau, -- nach meinen unerfahrenen Toilettebegriffen ganz reizend und
distinguiert in einen hellen, undefinierbaren Sommerstoff gekleidet, dessen
roter Seidengürtel und Bandgarnitur den zarten Teint des schmalen Ovals
gar vorteilhaft hob. Trotz der Verschiedenheit der Gesichter zeigte ein
merkwürdig ähnlicher, halb bitterer, halb verdrossener Zug um den Mund,
daß das Mutter und Tochter sein mußten. Ihnen folgten ein mittelgroßer,
hagerer Mann mit militärisch verschnittenem Haar und braunem,
intelligentem Gesichte und meine allerliebste Unbekannte aus dem Vorsaal --
mit den mir bereits bekannten, mich so sehr anheimelnden blauen Augen.
Welch poetische Erscheinung! dachte ich lebhaft angeregt. Dieses
hellblonde, gewellte Haar, dieses mädchenhaft zurückhaltende, dabei doch
so edle Auftreten, dieser fast schüchterne Blick -- dies alles entrückte
mich für Sekunden der Gegenwart, ja dem Lande, in dem ich mich befand,
und ließ schmerzliche Erinnerungen an traute deutsche Frauengestalten in
meiner Seele auftauchen.
Im größten Gegensatze zu den anderen Damen entbehrte der Anzug meiner
»Beauty« fast jedweder Eleganz. Ein schlichtes, aber um so reizenderes
Kleid von feinem grauem Wollstoff bildete die Toilette -- =voilà tout=!
Völlig in meinen Reflektionen versunken, vergaß ich, mich daran zu
erinnern, daß noch ein zweiter Herr, ein auffallend gut aussehender junger
Mann, diesen Morgen beim Eintreffen der Gesellschaft zugegen gewesen.
Alsbald führte Miß Emmerson mich mit dem simplen Namen: Mr. Richard
Berken bei allen Anwesenden ein und wies uns die Plätze an. Doch wer
beschreibt meine freudige Überraschung: als ich aufschaute, sitzt die
liebreizende Blondine dicht an meiner Seite.
Sonderbar! Dieser kurze Aufblick aus ihren Augen glich fast einem
stummen Verhör. Instinktiv fühlte ich, daß sie mit echt amerikanischer
Scharfsichtigkeit sich einen sowohl das Individuum, als auch dessen
Charakter und Nationalität betreffenden Eindruck festzuhalten und sich
einzuprägen suchte.
»Sie verstehen englisch, Sir?« fragte mich die liebliche Tischnachbarin
mit den aus ihrem Munde reizend klingenden Tönen ihrer Muttersprache.
Freudig bejahte ich es, und bald kam unsere Unterhaltung in guten Fluß.
Nur sah ich mit Verwunderung auf ihre allerliebsten Hände, wie sie von
allen ihr servierten Gerichten, außer daß sie sich selbst versorgte, noch
reichliche Quantitäten auf bereits vor ihrem Platze stehende Teller legte
und diese dann sorglich mit einem kleinen Schüsselchen bedeckte. Sie
selbst aß hastig und zerstreut.
Was bedeutete nur das? Als Mann von guter Erziehung wagte ich natürlich
nicht, danach zu fragen. Doch mochten meine Gesichtszüge wohl einige
Neugierde verraten haben; denn lachend -- es war dies genau ein verlegenes
Kinderlachen -- sagte sie:
»Dies ist für Frank, meinen Gatten, Sir! Er leidet schon seit längerer
Zeit an einer sehr fatalen, unbequemen Magenverstimmung, kann infolgedessen
nicht jedes Gericht vertragen und somit auch nicht mit uns an der Tafel
speisen. Aber es freut ihn immer so sehr, wenn ich selbst ihm sein
bescheidenes Diner hinaufbringe, -- der arme Franky!«
»O, wie betrübend!« entschlüpfte es unwillkürlich meinen Lippen. Doch
wäre es gewiß schwer festzustellen gewesen, ob der Ausruf des Bedauerns
der üblen Magenverstimmung des armen Franky oder dem Umstande gegolten,
daß mein holder Blondkopf bereits einen Ehemann besaß. Das also war der
gut aussehende Gentleman, welcher an der Gesellschaft fehlte und den ich
diesen Vormittag schon von Angesicht gesehen!
Wirklich erhob sich nun nach einer Weile die junge Frau, ließ von dem
aufwartenden Neger sich ein Präsentierbrett reichen, arrangierte darauf
die verschiedenen Teller und verließ damit geräuschlos den Speisesaal.
Die übrigen Tischgäste mochten den kleinen Vorfall wohl kaum bemerkt
haben. An meiner Nachbarin rechter Seite saß ein alter Herr mit blauer
Brille, welcher überhaupt miserabel zu sehen schien. Nur Miß Emmerson
warf mir vom anderen Ende des Tisches einen seltsam bedeutungsvollen Blick
herüber, welcher mir nun auch sofort klar machte, warum sie gerade mich an
die Seite der reizenden Amerikanerin placiert hatte.
Nach beendeter Mahlzeit, als ich schon den Hut in der Hand hielt, um dem
schwülen Speisezimmer zu entfliehen, und hastig hinausstrebte in den
herrlichen Sommerabend, faßte unsere freundliche Wirtin mich plötzlich am
Rockärmel und drängte mich etwas nach einer Fensternische.
»Ich glaube aus unbedeutenden Reden und Anzeichen leider bemerkt zu haben,
daß hinter dem ganzen Auftreten der Newlands irgend etwas Mystisches
steckt,« flüsterte sie auf deutsch mir ins Ohr -- eine Sprache, welche
die alte Dame in der Praxis, das heißt, in jahrelangem Verkehr mit meinen
Landsleuten, wohl erlernt haben mochte. »Meine große Menschenkenntnis hat
mich noch selten getäuscht, und man könnte, wenn man sich die Zeit
dazu nehmen wollte, zu spionieren, gerade hier vielleicht interessante
Entdeckungen machen. Wir leben aber im glücklichen Lande der Freiheit, Mr.
Berken, und so denke ich, wir lassen jeden ruhig seinen Weg gehen, -- nicht
wahr? Die Newlands zahlen brillant, und mein Haus will bestehen. Alles
übrige geht mich nichts an, wenigstens soweit meine Logiergäste nicht
mit dem Gesetze in Konflikt kommen. Denn darin verstehe ich keinen Spaß.
=Well=, mein Freund! Wir kümmern uns also nicht weiter um dieser Familie
Privatangelegenheiten, noch darum, ob und weshalb Mr. Newland nicht zum
Diner kommt?«
»Ganz gewiß nicht, Miß Kathe!« entgegnete ich bereitwilligst und heiter
lachend. »Mich interessierten anfänglich nur die auffallend schönen
Augen meiner jungen Tischnachbarin. Doch seit ich erfuhr, daß diese Dame
bereits einen Gatten hat, ist der sie vorher umgebende Nimbus schon ganz
gewaltig geschwunden.«
»O, immer noch der alte Schelm!« drohte mir Miß Emmerson mit dem Finger.
»Nun, =good evening=, Mr. Berken!« Damit winkte sie mir freundlichst zu
und ich ging meines Weges.
Man spricht zuweilen in vollster Überzeugung, die Wahrheit gesagt zu
haben, doch trotz alledem eine recht handfeste Lüge aus und gelangt oft
erst durch Zufall hinter solchen Betrug heimtückischer Schicksalsmächte.
»Seit ich weiß, daß die schöne Mrs. Newland einen Gatten hat, ist ihr
Nimbus gewichen,« hatte ich spöttisch geäußert, und war natürlich
gänzlich davon durchdrungen, daß jene Leute mir total gleichgültig
bleiben würden. Es sollte indes anders kommen. --
Etwa 14 Tage mochten wir nun in Miß Emmersons stillem, komfortablem
Boardinghouse wohnen, als etwas sich ereignete, was mein anfänglich
lebhaftes, dann standhaft zurückgedrängtes Interesse für die liebliche
Mrs. Newland plötzlich wieder neu anfachte. Meine anstrengenden
Berufspflichten hielten mich zwar von früh acht Uhr bis nachmittags vier
Uhr in der Office am Broadway fest. Allein ich fand immer noch Zeit genug,
einige gemütliche Stunden im Parlour oder auch auf Miß Kathes luftigem
Balkon zu verbringen. Nach wie vor konversierte ich über allerlei harmlose
Tagesereignisse mit meiner hübschen Nachbarin bei Tische; auch trug nach
wie vor die vorsorgliche Gattin ihrem armen Frank die Speisen hinauf in
sein Zimmer. Aus der Unterhaltung mit ihr erfuhr ich nach und nach, daß
die alte Dame, welche meine Sympathien durchaus nicht erwecken konnte, die
Mutter von Frank Newland, sowie der schlanken jungen Frau sei, deren Mann
mir als Major irgend eines Miliz-Regiments, als Mr. Fowler, vorgestellt
worden war. Meine blonde Freundin erzählte ferner =en passant=, daß sie
schon drei Jahre verheiratet wäre und mit der Familie ihres Gatten früher
in Chicago gelebt, wo ihre Schwiegermutter eine Agentur für den Export
von Nähmaschinen besessen, das Geschäft jedoch aufgegeben habe, um wegen
Franks Kränklichkeit die besten New Yorker Ärzte zu konsultieren.
Nach dieser Richtung hin war ich also völlig orientiert, und doch mußte
ich mir im Gespräche mit der hübschen Frau oft den größten Zwang
anthun, um sie mit indiskreten Fragen über Dinge nicht zu belästigen, die
mich von rechtswegen und auch rücksichtlich Miß Emmersons Gebot ganz und
gar nichts angingen. Warum kam die Familie Newland gerade in der heißesten
Zeit nach New York, welches dann außer den Geschäftsleuten alle anderen
Menschen fliehen? Was that eigentlich dieser intelligent und schlau
aussehende Mr. Fowler, und womit beschäftigte sich den lieben langen Tag
der von seiner besseren Hälfte, wie ich wahrgenommen, so vergötterte
Franky, indem er stets erst nach Sonnenuntergang das Haus verließ und das
immer nur allein?
Wer konnte es mir verdenken, daß ich als thätiger Mann solch seltsame
Verhältnisse mir nicht recht zu erklären vermochte! Während dieser 14
Tage war es mir auch nur ein einziges Mal vergönnt gewesen, den Gatten
meiner Tischnachbarin zu sprechen; das heißt, wir trafen uns eines Abends,
als ich von einem Spaziergange nach Hause zurückkehrte, auf der Treppe. Da
ich ihn sofort erkannte, redete ich ihn freimütig an.
Das helle Licht der im Hausflur brennenden Gasflamme beleuchtete dabei
grell sein schmales, auffallend edel geformtes Gesicht und ließ mich in
ein Paar sehr ernste, fast finstere Augen schauen. Deutlich merkte ich,
daß er mir auszuweichen suchte; doch hartnäckig vertrat ich ihm den Weg
und sagte ihm rasch einige bedauernde Worte über sein Leiden. Nur lässig
zuckte er die Achsel mit der kurzen Bemerkung: »Sehr gütig, Sir!«
Darauf erging ich mich in Lobeserhebungen über seine schöne, geistreiche
Frau, hoffend, eine eifersüchtige Regung würde ihn vielleicht aus seiner
stoischen Ruhe aufrütteln. Doch vergebens! Er freue sich sehr, daß Mrs.
Newland angenehme Unterhaltung bei Tische gefunden, lautete die abweisende
Antwort. Dann lüftete er den Hut und ließ mich stehen.
»Welch ein seltsamer Mann!« dachte ich, zwar halb ärgerlich, trotzdem
aber von dieser Erscheinung angesprochen. Immer deutlicher trat daher die
Überzeugung an mich heran, daß ich hier vor einem Rätsel mich befand.
Eines Morgens nach dieser Begegnung empfing mich mein Partner, Mr.
Haberton, ein sonst kühler und stiller Geschäftsmann, in der Office
mit sichtlich aufgeregter Miene, indem er mir sofort sechs Stück
Zwanzig-Dollars-Scheine vor die Augen hielt und zornig heraussprudelte:
daß dies jämmerliche Falsifikate seien, daß wir auf eine nichtswürdige
Weise um 120 Dollars betrogen worden, und daß einer seiner Clerks ihm
soeben erzählt habe, während der letzten Tage seien mehrere ähnliche
Fälle in New York vorgekommen und die City müsse einmal wieder mit
falschen Greenbacks (Kassenscheinen) überflutet sein.
Angenehm erschien mir dieses betrübende Faktum keineswegs, da ich bei
diesem kleinen Verluste natürlich selbst beteiligt war. Allein wenn ich
von Natur nicht ein realistisch angelegter, dabei höchst aufgeklärter
Mensch wäre, so hätte ich mich in diesem Momente beinahe auf
spiritistischem Gebiete ertappt. Denn -- plötzlich sah ich in meiner
Einbildung -- dort über dem kahlen Schädel Mr. Habertons -- das
schöne, todestraurige Gesicht von Frank Newland auftauchen, nur mit dem
Unterschiede, daß die ernsten Augen sich jetzt in einem flehenden
Ausdruck auf mich richteten. Dieses sonderbare Vermengen des Wirklichen und
Phantastischen meinerseits ließ mich -- vielleicht nach meines Partners
Ansicht -- wohl höchst stupid und gleichgültig dreinschauen. Denn er
faßte mich nun ein wenig unsanft bei der Schulter und rief:
»Sie müssen ein Krösus sein oder Sie kennen den Wert des Geldes bei
uns noch nicht genau, mein lieber Mr. Berken! Denn 120 Dollars wirft wohl
keiner gern umsonst zum Fenster hinaus!«
Erschreckt fuhr ich auf. Unsinn! Nicht die Spur eines fremden Gesichts war
mehr zu schauen. Ich war ein Narr.
»Mein lieber Mr. Haberton!« erwiderte ich daher rasch mit der verzweifelt
traurigsten Miene, die ich nur anzunehmen vermochte. »Der Schreck
über unseren Verlust machte mich ganz sprachlos. Der Kukuk soll alle
Falschmünzer Amerikas holen, und wenn ich mich von einem solchen Halunken
je wieder über den Löffel barbieren lasse, so will ich nicht mehr wert
sein, ein Partner der Firma Haberton & Comp. zu heißen!«
Er schien zufrieden, und im Laufe des Gespräches erfuhr ich dann
noch, daß schon vor mehreren Wochen die Polizei einer großen
Falschmünzer-Gesellschaft, welche aus einer völlig organisierten Bande
bestehen sollte, in St. Louis auf der Spur gewesen. Doch die Schlauköpfe
der Spitzbuben sind oft pfiffiger als die Schlauköpfe des Gesetzes, und so
wäre denn das vorsichtig umstellte Nest der sauberen Vögel doch leer und
von ihnen verlassen gefunden worden. Man spräche indes viel darüber,
daß das Haupt dieser Koterie ein Frauenzimmer sei, welches mit wahrhaft
genialer Geschicklichkeit die feinsten Fäden ihres Einflusses bis in alle
Staaten zu spinnen verstände und ihre Verbindungen in Kreisen haben solle,
wo kein Mensch einen Falschmünzer zu suchen wage.
Ich glaube, daß ich an diesem Vormittage recht zerstreut bei der Arbeit
war und wirklich Gott dankte, als ich die steinernen Stufen zu Miß
Emmersons Boardinghouse emporsteigen durfte.
Bei Tische überschaute ich mir sinnend die Gesichter der Familie Newland.
Kerzengerade saß die Alte auf ihrem Platze. Wieder umrauschte eine schwere
Robe ihre Gestalt, während ein feines Spitzengewebe auf ihrem noch dunklen
Scheitel lag und mehrere prächtige Solitäre die Finger schmückten.
Doch als ich mir gerade diese starkknochigen, unschönen Hände näher
betrachtete, mit denen sie eben die Speisen zum Munde führte, konnte
ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieses Mannweib, bevor der
Bruderkrieg der Union entflammte, sehr wohl eine jener gefürchteten
Sklavenaufseherinnen der Südstaaten hätte sein können, die, mit der
eisenbeschlagenen Hetzpeitsche in der Hand, ihre unseligen Opfer in Zucht
und Ordnung gehalten.
Unangenehm berührt durch solchen Ideengang, wandte ich mich den
liebreizenden Zügen meiner jungen Nachbarin zu. Sie lächelte mich heute
ein wenig traurig an und meinte, daß Franky sich gar nicht recht frisch
und heiter befände. Die Langeweile, zu der ihn die Ärzte verdammt, sei
doch gar zu geisttötend.
»So lesen Sie ihm doch vor, Madame!« warf ich freundlich beschwichtigend
ein.
»O, er haßt ja alle Lektüre, außer Zeitungen, und darin stehen doch
immer die meisten Lügen!« entgegnete die schöne Frau halb trotzig.
»Nicht immer, Mrs. Newland!« sagte ich dabei sehr ruhig, aber ernst, und
hob mein Auge langsam zu dem ihren. »Der ›New York Herald‹ wird
zum Beispiel in den allernächsten Tagen recht interessante Entdeckungen
offenbaren, die keinesfalls der Phantasie eines eifrigen Zeitungs-Reporters
entsprungen, sondern der Wirklichkeit entnommen sind.«
Und völlig unbefangen erzählte ich ihr darauf von unserem kleinen
Geldverluste und den Mitteilungen Mr. Habertons.
Im nächsten Augenblicke jedoch bereute ich das eben Gesagte schon aufs
tiefste. Denn die Veränderung, welche nach meinen Worten in Mrs. Newlands
Zügen sich ausprägte, war eine so entsetzliche, ja beängstigende,
daß ich selbst ganz verwirrt davon wurde und beinahe hilflos verlegen
stotterte: ob sie sich nicht wohl fühle? Das sonst so weiße und rosige
Antlitz war für mehrere Minuten von einer fast bleigrauen Blässe
überzogen. Die Augen starr und ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, die
Lippen krampfhaft zusammengepreßt -- so lehnte das schöne Geschöpf im
Sessel.
»Nein -- nein -- ja -- die Hitze bringt mich um!« stöhnte sie, mit
vieler Mühe sich ermannend, indem sie halb mechanisch nach dem vor ihrem
Platze stehenden Eiswasser langte.
Zuvorkommend und selbst äußerst erschreckt, reichte ich ihr das
Glas, woraus sie hastig einige Schlucke des kühlenden Getränkes
hinunterstürzte. Dann -- es war bereits gegen Ende der Mahlzeit -- schob
Mrs. Newland mit sichtlicher Kraftanstrengung den Stuhl zurück und erhob
sich.
»Ich muß mich leider hinaufbegeben; etwas Migräne, die mich zuweilen
in schwülen Zimmern befällt --, weiter ist es nichts. Gute Nacht, Mr.
Berken! Bitte, thun Sie aber dieses Vorfalls gegen niemanden Erwähnung!«
Jetzt traf mich ein wahrhaft flehender Blick der blauen Augen. Darauf
schlüpfte die graziöse Gestalt flüchtig und noch geräuschloser als
sonst aus dem Zimmer. --
Die nächsten acht Tage ging ich einher, wie jemand, der sich vielleicht
mit einem großartigen Wagstück herumträgt und nicht recht zu einem
festen Entschlusse gelangen kann, auf welche Weise dasselbe auszuführen
sei. »Thun Sie aber dieses Vorfalles gegen niemand Erwähnung!« hatte Mr.
Frank Newlands Gattin mir bittend zugeflüstert. Die Zunge hätte ich mir
lieber abbeißen mögen, ehe ich nur eine Silbe von dem verraten, was seit
jenem Abend -- ja seit dem Morgen, als Mr. Haberton mir in der Office die
falschen Banknoten gezeigt, in meinem Innern vorging. Jeder andere, selbst
meine alte Freundin Miß Kathe, wenn ich ihr das zu jenem waghalsigen
Unternehmen bereits eingesammelte und notwendige Material mitgeteilt,
würde mich auch sicher gründlich ausgelacht und abwehrend etwa geäußert
haben: »Mein Bester, das sind deutsche Thorheiten! Wer Schmutz anfaßt,
der darf sich nicht wundern, wenn etwas davon an den Händen kleben
bleibt!« -- Doch einerlei! Was ging mich die amerikanische Herz- und
Gefühllosigkeit hinsichtlich unserer Mitbrüder an, wo eine innere Stimme
mich unwiderstehlich antrieb, in das dunkle Geschick zweier Menschen, die
mich sympathisch anzogen, einzugreifen -- zu helfen -- zu retten, solange
es noch Zeit war. -- --
Die Familie Newland schien seit den allerletzten Tagen sich in sonderbarer
Erregung oder Erwartung zu befinden. Mr. Fowler war höchst wenig zu sehen
und schien dringende auswärtige Geschäfte zu besorgen. Dafür aber saßen
seine Gattin und Schwiegermutter, mit Sorge und Ungeduld der Rückkehr des
Abwesenden harrend, oft bis gegen elf Uhr abends auf dem Balkon.
»Wir lieben es, die erfrischende Nachtluft zu genießen,« hatte die zarte
junge Frau einmal mit süßem Lächeln zu Miß Emmerson geäußert, und
niemand störte sie darin.
Mittlerweile brachten die New Yorker Zeitungen, wie ich bereits
vorausgesagt, wirklich eine Menge haarsträubender und mitunter auch
lächerlicher Artikel über den mutmaßlichen Aufenthalt der gefährlichen
Falschmünzergesellschaft, welche an Falsifikaten schon ein Kapital
in Umlauf gesetzt haben sollte, das bereits mehr denn eine Million
repräsentiere. Einerseits hieß es: das Haupt der Sippe befände sich
völlig ungeniert und seelenvergnügt in unserer City; andererseits
lauteten die Berichte, daß die so schlaue, vielleicht auch nur mythenhafte
»Dame« sich in Chicago aufhielte. Auf jeden Fall aber hoffe die Polizei,
dieses Mal einen brillanten Fang zu thun und ihrer wirklich habhaft zu
werden.
Meine junge Tischnachbarin hatte seit jenem Migräneanfall jetzt oft so
sonderbar rote und geschwollene Augen, und das reizende Kinderantlitz
dünkte mir auch schmäler geworden, als ob irgend ein Gram oder heimliches
Weh an dem Herzen des lieblichen Geschöpfes nage. Sie sprach wenig und aß
fast nichts.
Dagegen machte ich die Entdeckung, daß sie mit ihrer Schwiegermutter
auf höchst gespanntem Fuße zu leben oder -- richtiger gesagt: unter
dem Despotismus dieser Frau zu leiden schien. Bestärkt wurde ich noch in
meiner Idee, als ich beim Vorüberschreiten an Mr. Franks Zimmer, welches,
wie diejenigen seiner Mutter und Schwester, in der ersten Etage des Hauses
lag und dessen Thür ein wenig offen stand, -- einmal, ohne im mindesten
lauschen zu wollen, die harte Stimme des mir so widerlichen Weibes zu ihrem
Sohne deutlich sagen hörte:
»Und wenn Du Dich hier am Boden zu meinen Füßen winden würdest, ich
gebe Dir dennoch die Freiheit nicht zurück, weil das Wohl und Wehe eines
einzigen gegen die Existenz und Sicherheit von uns allen nicht in Betracht
kommt. Wir brauchen Dich und das genügt!«
»Und darüber wird Frank zugrunde gerichtet! Siehst und fühlst Du denn
das nicht, Mama?« vernahm ich jetzt auch die fast schluchzende Stimme
meines kleinen, blonden Lieblings. Wie erstarrt zögerte ich einen Moment.
»Gut; dann geht er eben zugrunde, wenn er eine Memme -- ein Feigling
ist!« klang es nochmals aus dem Munde dieser Mutter zurück.
Dann stürmte ich, Abscheu und Wut im Herzen, die Treppe hinan nach meiner
Wohnung. -- --
Am selben Nachmittage kam ein feingekleideter, gut aussehender älterer
Herr ins Haus und wünschte Miß Emmerson zu sprechen. Zufällig war ich
selbst mit unserer Hauswirtin im Parlour anwesend, welche mich lächelnd
bat, dazubleiben.
Nicht umsonst hatte ich die Carriere eines Advokaten in diesem Lande
absolviert, um in dem Eintretenden nicht sofort den Detektiv der
Geheimpolizei zu vermuten. Ein scharf prüfender Blick seines dunklen Auges
glitt im Nu auch über meine unbedeutende Person herab. Doch als Miß Kathe
ihm meine Beziehungen zu der Firma Haberton & Comp. genannt, wurde mir
augenblicklich ein sehr verbindliches: »=How do you do, Sir?=« zu teil,
und nun erst rückte der Besucher, wenngleich noch immer vorsichtig,
mit seinem Anliegen an den Tag. Miß Emmerson solle sein zudringliches
Erscheinen nicht etwa übel deuten, meinte er, Platz nehmend, wobei er den
großen Diamanten an seinem kleinen Finger im Lichte der durchs Fenster
dringenden Sonnenstrahlen spielen ließ. Allein, wie manche Erfahrungen
bereits bewiesen, befänden sich Persönlichkeiten, deren Antecendenzien
mit dem Wortlaute der Gesetzbücher oft nicht recht übereinstimmten,
zuweilen vorzugsweise in den allerfeinsten und fashionabelsten
Boardinghäusern, um soviel als möglich den äußeren Schein zu wahren und
jeden Verdacht von sich abzulenken. Er müsse so unbescheiden sein und um
die Namen und Berufsarten ihrer Hausbewohner bitten.
Miß Kathe machte trotz dieser glatten Worte ein höchst empörtes und
wütendes Gesicht und rief in der ihr charakteristischen, etwas derben
Trockenheit: ihr Haus berge glücklicherweise nur äußerst respektable
Leute, und wenn dem Herrn ihre Aussage nicht genüge, so fordere sie ihn
auf, heute abend das Diner mit sämtlichen Gästen einzunehmen, was sicher
den Beweis führen würde, daß er dieses Mal auf gänzlich falscher
Fährte sei.
Herr des Himmels, welche Unvorsichtigkeit von Miß Kathe! Dieselbe
entsprang einzig ihrem völlig unbefangenen Gemüte, dachte ich entsetzt,
und stand wie auf Kohlen in meiner Fensternische, in die ich mich
zurückgezogen hatte. Wenn dieser Spürhund etwas davon erfuhr, daß Frank
Newland die Gesellschaft so auffallend mied und allein auf seinem Zimmer
speiste, wenn ...
Jetzt erschrak ich fast über meine seltsame Bangigkeit. War es denn
möglich, daß ich selbst, ein Mann des Gesetzes, noch dazu ein Mensch,
welcher jede lichtscheue That aus tiefster Seele verachtete, ja dessen
Lebensaufgabe darin bestand, das gefährdete Recht, wo immer es galt, zu
vertreten, daß ich also selbst für diesen unseligen jungen Verirrten und
dessen Frau Partei nahm, -- daß ich gegenüber der Sicherheitsbehörde New
Yorks mich zu ihrem Schutze bereits aufzustellen gedachte, anstatt daß ich
vor diesen Mann dort hintrat und ihm frank und frei alle Entdeckungen
der letzten Tage offenbarte. Denn was ging mich schließlich dieser
Frank Newland nebst seiner blonden Gattin an? Oder war diese mir selbst
unerklärliche Sympathie für jene Menschen vielleicht doch etwa ein Wink
von oben?
»Danke bestens, sehr verbunden, Miß Emmerson!« lautete indes zu meiner
größten Beruhigung des Detektivs Antwort. »Ihre Versicherung genügt
mir fürs erste, umsomehr, weil ich in meiner Stellung alles Auffällige
vermeiden muß.«
Dann machte er sich einige Notizen in sein Taschenbuch und verließ mit
aalglatten Bewegungen und sehr verbindlichen Verbeugungen gegen die Dame
und mich das Parlour.
»Meinen Sie, Mr. Berken, daß es in der eben angedeuteten Beziehung mit
den Newlands nicht recht geheuer ist?« fragte mich Miß Kathe, als wir
jetzt allein waren, wobei ein etwas ängstliches Zucken ihre Mundwinkel
umspielte. »Ich hielt sie bisher, das heißt die Männer, für Gambler
(Spieler) von Profession, vielleicht auch für Leute, die auf irgend eine
Patent-Medizin reisen oder dergleichen, jedoch hinsichtlich des guten Rufes
meines Hauses für völlig harmlose Kreaturen. Ihnen aber traue ich wohl
eine Portion Menschenkenntnis zu. Nun, was meinen Sie, Mr. Berken? Es
thäte mir wirklich leid, wenn ich den Newlands aufkündigen müßte und
meine Zimmer, voraussichtlich bis in den September hinein, leer ständen.«
Ich hatte das Gesicht ein klein wenig nach rechts gewandt, so daß Miß
Kathes Blicke nur mein Profil zu treffen vermochte, und entgegnete so
ruhig, als ich trotz der Aufregung, die in mir arbeitete, es fertig zu
bringen imstande war:
»Liebe Miß Kathe! Da ich von dem Grundsatze ausgehe, besser ist besser
und sicher ist sicherer, so würde ich doch die paar hundert Dollars
nicht ansehen und gelegentlich, das heißt, auf irgend einer triftigen
Entschuldigung fußend, der alten Newland zu verstehen geben, daß Sie
über ihre Zimmer zu disponieren wünschten. Ich verehre Sie zu hoch
und aufrichtig, Miß Kathe, um Sie auf irgend welche Weise in
Unannehmlichkeiten verwickelt zu sehen! Daher rate ich Ihnen offen hierzu,
weil mir die Sache mit dem Detektiv gar nicht gefällt.«
Erschreckt prallte die alte Dame zurück und starrte mich mehrere Sekunden
durchbohrend an. Dann faßte sie sich rasch und versetzte mit schmerzlichem
Tonfall der Stimme:
»Sie würden mir das nicht sagen, Mr. Berken, wenn es nicht Ihre innerste
Überzeugung wäre!«
»Sicherlich nicht, Miß Kathe!«
»Gut denn; ich folge Ihnen!«
Ohne zu zucken und ohne vielleicht weiter des vermeintlichen Verlustes
einer für sie ziemlich bedeutenden Summe zu gedenken, reichte die resolute
alte Dame mir die Rechte hin und sagte:
»Morgen wird ein Ende gemacht. Punktum!«