Deine Terrie.«

Nachschrift.

Arnulf schaut mir über die Schulter und findet diese lakonische Kürze

meines Briefes fast beleidigend. Er läßt Dir daher sagen, daß er dem

Feste im Weißen Hause und der witzigen Unterhaltung mit einer gewissen

liebreizenden Blondine, die ein gütiges Geschick ihm als Schwägerin

auserkoren, zwar viel, -- sehr viel verdanke; aber jene unvergessene Stunde

unter dem Niagara-Falle hätte es ihm nun einmal angethan, und würde er

sich das Mädchen, welches damals so kindliche Hilfe suchend sich an seine

Brust geschmiegt, zur Lebensgefährtin zu erringen getrachtet haben, auch

wenn es -- des Totengräbers Töchterlein geblieben! --

Zahnschmerzen.

»Schneller Entschluß -- guter Entschluß!« heißt es im alten

Sprichwort. Ich möchte aber lieber sagen: »eine Laune« hatte mich im

Jahre 1876 zur Weltausstellung nach Philadelphia geführt.

Ein ziemliches Stück von Europa war ich bereits durchwandert; nur Amerika

kannte ich noch nicht. Allerdings waren es keine besonderen Sympathien,

die mich hinüber ins Land des allmächtigen Dollars zogen; aber es reizte

mich, den Urtypus des Yankee gerade in dem Momente kennen zu lernen, wo die

sonst kühl-materielle und egoistische Nation in vollster, ungeheuchelter

Begeisterung über die Centennialfeier, das Bestehen ihrer hundertjährigen

Freiheit, sich befand, wo ungeteilte Freude und Einigkeit herrschte und

geherrscht hat -- während der Julitage des Jahres 1876 in der Stadt der

Bruderliebe.

Eine weitschweifige Schilderung der wahrhaft überraschend großartigen

Ausstellung im Fairmount-Park mit ihren tausend und abertausend Menschen

aller Nationen abzugeben, liegt nicht in meiner Absicht. Genugsam ist

darüber bereits geschrieben und gesprochen worden, obgleich bei uns in

Deutschland dadurch nur ein geringeres Interesse hervorgerufen wurde.

Ausstellungen sind ja seitdem an der Tagesordnung.

Nachdem ich die mir unglücklichem Neulinge tropenhaft erscheinende

Gluthitze, die damals über Philadelphia lag, bis zur Erschlaffung

durchkostet und alle die Qualen eines bei lebendigem Leibe Gebratenen

erduldet hatte, langte ich nachmittags mit dem 4 Uhr-Train, völlig

abgespannt, in dem -- wenigstens im Vergleich zu Philadelphia während der

Exhibition -- stilleren New York an.

Wie die Gefilde des Elysiums erschienen meinen Blicken die schönen breiten

Straßen und Avenues der Empire City, wo alles Ruhe und Ordnung atmete.

Gott sei gelobt! Nun gab es kein Drängen, Stoßen, Schreien und Schimpfen,

keine zerbrochenen Wagen und Gliedmaßen, keine vom Sonnenstich befallenen,

armen Opfer mehr, wie ich das zur Zeit meines Aufenthalts in der Stadt der

Bruderliebe genügend geschaut und wovon mein unerfahrenes deutsches Auge

sich oft zornig oder auch hilfesuchend abgewandt hatte.

Ein kühles, stilles Zimmer zu ungestörter Siesta in einem der prächtigen

Hotels New Yorks, dann ein behagliches kleines Diner, in irgend einem

lauschigen Winkel des Diningrooms -- ein Fläschchen -- -- o nein, wir sind

ja im Lande der Temperenzmen -- eine Flasche erfrischenden Sodawassers --

wie verlockend wirkte das alles nach stundenlanger Fahrt im durchgluteten

Eisenbahn-Coupé!

Allein solche Bilder hüpften und tanzten gleich boshaften Neckteufelchen

vor meinem niedergedrückten und bekümmerten Geiste. Denn -- ich litt

an Zahnschmerzen! Bei 30 Grad Reaumur im Schatten an schauderhaften, kaum

erträglichen Zahnschmerzen!

Die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Tage, die von

Stunde zu Stunde noch im Steigen begriffene, mir vollständig ungewohnte

Hitze -- das alles mußte meine Nerven und mein Blut in solche Aufregung

und Wallung versetzt haben, daß dieses leidige Übel, wovon ich

seit meinen Jugendjahren kaum mehr geplagt worden war, mich mit so

unbarmherziger Gewalt gepackt hatte. Wer kennt sie nicht -- all' die

Folterqualen und Torturen endloser, durch nichts zu besänftigende

Zahnschmerzen?!

In New York angekommen, raste ich, unter Zurücklassung des Gepäcks, wie

ein Besessener vom Bahnhof nach einer in der Nähe gelegenen Apotheke. Mit

meinem etwas unverständlichen Englisch, jedoch mit für jedermann desto

verständlicheren Gesten nach der linken Backe vermochte ich mein Elend

zu offenbaren, und lächelnd wurde mir für 25 Cents eine winzige Phiole

eingehändigt, welche die verheißungsvolle Aufschrift: »=immediatly=«

(augenblicklich) trug.

O trostreiches, süßes Wort! Am liebsten wäre ich dem unbekannten Retter,

dessen Hand mir diesen Schatz entgegenreichte, um den Hals gefallen. Doch

halt! Mein kühles deutsches Blut bewahrte mich vor einer Übereilung. Erst

probieren!

Gewiß -- das Wundermittel half -- aber nur für einen »Augenblick«, ganz

der Überschrift entsprechend. Dann kehrten die wütenden Schmerzen mit

doppelter Gewalt zurück. Zornig das Fläschchen beiseite schleudernd,

verlangte ich nun rasch ein anderes Medikament und wankte schließlich, die

Tasche voll Opiumpillen, spanischer Fliege und Kampfer, rat- und mutlos

auf die Straße, um von der Apotheke bis zum ersten besten Hotel die

unerquickliche philosophische Betrachtung anzustellen, warum eigentlich

der weise Schöpfer uns ohnedies geplagten Erdenkindern zum Überfluß auch

noch Zähne gegeben hat? Alle Dichter und Schriftsteller verwünschte ich,

die jemals über: »zwei Reihen Perlen zwischen rosigen Lippen«, oder:

»blendende Elfenbeinzähnchen« gereimt und gefabelt hatten. Alles das ist

bittere Ironie.

An Speise und Trank war unter solch' kümmerlichen Verhältnissen

natürlich nicht zu denken. Nachdem ich nur notdürftig Gesicht und

Hände vom Eisenbahnstaube gesäubert hatte, bestieg ich den nächsten

Tramwaywagen, bezahlte meine fünf Cents und fuhr hinaus nach dem

Centralparke, weil ich zunächst und vor allem das Bedürfnis hatte

nach reiner, frischer Luft, nach absoluter Ruhe. Fern vom Geräusche

der Großstadt, ungestört von jedem mich belästigenden Blicke aus

teilnehmenden oder neugierigen Augen -- wollte ich dort oben in der

Einsamkeit mein Elend zu vergessen suchen. Zumal lockte der prächtigste

Sommerabend hinaus ins Freie. Endlich -- endlich mußte ja doch dieser

böse Plagegeist ein menschliches -- Unsinn! ein Geist empfindet nie ein

menschlich -- sagen wir also: ein himmlisches Rühren fühlen oder seiner

boshaften Mucken überdrüssig werden.

Erfrischender Waldgeruch und würziger Blumenduft schlugen mir entgegen. In

langen Atemzügen sog ich den klaren Äther in mich ein. Wohlweislich die

wenig frequentierten Wege suchend, gelangte ich nach etwa halbstündiger

Wanderung in den oberen, romantischeren Teil des Parkes, wo Mutter Natur

mehr gethan, als künstlerisches Schaffen und Geldaufwand zu thun im stande

gewesen. Erschöpft und schon halb verzweifelt ließ ich mich dort auf eine

Bank nieder und stöhnte laut.

Lachen Sie nicht, meine schönen Leserinnen! Warum soll ein alter

Junggeselle nicht einmal laut stöhnen, selbst wenn er nicht vom Zahnweh

geplagt wäre? Hat doch gerade er am meisten Ursache dazu. Keine weiche

Hand streichelt ihm zärtlich die Wange, kein rosiger Mund spricht

liebevolle Worte oder flüstert ihm tröstend zu, nur nicht ungeduldig

zu werden und hübsch auszuharren! Zwar habe ich nie ein sehr

liebebedürftiges Herz besessen; aber in diesem Momente fühlte ich wieder

so recht allen Jammer und alle Hilflosigkeit meines Junggesellentums! Eine

resolute Ehefrau würde auch vielleicht ausgerufen haben: »Genug jetzt des

grausamen Spieles; geschwind in eine Droschke mit Dir und zum Zahnarzt! Der

Missethäter muß ausgezogen werden!«

Ja, gewiß lobe und erkenne ich jeden gütigen Rat an, bin überhaupt

windelweich geworden seit gestern, besonders gegen das schöne Geschlecht,

opponiere nie mehr! Doch wenn man zwischen Fünfzig und Sechzig steht,

außerdem mit Kauwerkzeugen nur mehr dürftig versorgt ist und diese

wenigen sich des Gebrauchs halber noch einige Zeit erhalten möchte, da ist

so eine Parforcekur wohl zu erwägen.

Also laut stöhnend, stützte ich den Kopf in die linke Hand und starrte in

stummer Resignation auf den Kiesweg vor mir. Oder hatte die so natürliche

physische Erschöpfung doch vielleicht für ein Weilchen mir die Augen

geschlossen -- ich weiß es nicht zu sagen. Besserung wenigstens verspürte

ich nicht; denn plötzlich fuhr ich jäh empor. Ein dunkler Schatten war

auf den Weg gefallen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß jemand

vor mir stand.

Ja, vor mir standen wirklich zwei Personen. Aber um alles in der Welt, wer

war das nur? -- Mehrere Sekunden stierte ich mit fast blödem Ausdrucke in

ein hageres braunes Antlitz, aus dem mir ein Paar merkwürdig sprechende

Augen entgegenblitzten. Eine Frauengestalt mit einem Kinde war es; allein

deren Erscheinung schien so durchaus originell, so frappierend, daß die

angeborene deutsche Höflichkeit mir völlig abhanden kam und ich nicht

einmal aufstand, den Hut zu lüften. Demungeachtet merkte ich, wie diese

Gestalt sich etwas zu mir herabbeugte und halb teilnehmend fragend, halb

bedauernd äußerte:

»Zahnschmerzen, Sir?«

Welch' guter Geist leitete mich nur in diesem Momente, daß ich, anstatt

die Ruhestörerin schroff abzuweisen, ihr vielmehr offenherzig erwiderte:

»Ganz fürchterliche, Madame!«

»O, da wollen wir sofort Linderung oder Hilfe schaffen,« sagte die volle,

merkwürdig tiefe Frauenstimme in fließendem, dabei jedoch eigenartig

accentuiertem Englisch. Auch wurde das mit solcher Bestimmtheit gesprochen,

als ob die Abhilfe so schnell und leicht zu bewerkstelligen wäre, wie man

jemandem ein Stäubchen vom Rockkragen entfernt.

In sprachlosem Erstaunen, wahrscheinlich mit einem recht einfältigen

Gesichte, blickte ich noch immer zu der seltsamen, wunderbaren Figur empor.

Aber da saß sie auch schon dicht neben mir und suchte eifrig in den Falten

ihres Kleides.

Trotz der mich noch immer peinigenden Schmerzen folgte ich in steigendem

Interesse jeder ihrer behenden Bewegungen. Jetzt träufelte sie eine helle

Flüssigkeit aus einem Fläschchen auf etwas Baumwolle und reichte mir

diese zu.

»Hier, Sir! Nun schnell ans Werk! Bezeichnen Sie mir den Übelthäter und

Sie werden wie neugeboren sich fühlen,« meinte sie scherzend, indes im

Tone unverkennbarer Überlegenheit und hohen Selbstbewußtseins.

Einen Moment zögerte ich. Der scharfe, fast stechende Blick des dunklen

Auges machte mich unsicher.

»Nun, glauben Sie vielleicht, ich wolle mir nur einen Spaß mit Ihnen

erlauben?« fragte sie jetzt herb. »Haben Sie denn in New York noch nichts

von Mary Powl gehört?«

»Mary Powl? -- Nein!« stotterte ich zaghaft. Aber halb getröstet und

rasch entschlossen, machte ich den Mund auf und ließ sie gewähren.

Mehrere Minuten vergingen unter tiefstem Schweigen. Dann sprang ich wie

elektrisiert mit jugendlicher Lebhaftigkeit von der Bank empor.

»Donnerwetter, Blitz Element! Wo sind denn --?«

»Pst, pst, noch einige Sekunden Ruhe!« unterbrach sie mich besänftigend,

dabei lächelnd, so daß ihre gesunden Zähne zwischen den Lippen sichtbar

wurden. »Wo sind Ihre Zahnschmerzen -- wollten Sie fragen -- nicht wahr?

Die sind abgethan und hoffentlich für eine lange Weile. So, jetzt gestatte

ich Ihnen, auch wieder zu sprechen, mein Herr! Das heißt, wenn es Ihnen

Vergnügen macht, sich einige Minuten mit mir zu unterhalten.«

In wirklich tief empfundenen Dankesgefühlen hatte ich ihre braune,

unbehandschuhte, jedoch zarte Hand ergriffen und drückte sie kräftig.

»Sind Sie Zauberin, Fee oder ein leibhaftiges Menschenkind?« fragte ich

mit vor Erregung zitternder Stimme. Ein wohliges Gefühl rieselte durch

meine Adern. Wahrhaftig -- sie hatte recht, wie neugeboren erschien ich

mir.

»Mary Powl,« erwiderte sie einfach.

»Aber, mein Gott, wie kommen Sie dazu, einem Ihnen gänzlich Fremden

solchen Liebesdienst zu erweisen? Erlauben Sie, Madame, daß ich mich Ihnen

vorstelle, mein Name ist ...«

»O, lassen Sie Ihren Namen, den ich jedenfalls doch nicht aussprechen

kann! Sie sind ein Deutscher und das genügt mir.«

Ein stolzes Emporwerfen des Kopfes begleitete ihre Worte.

Schnell hatte ich mich an ihre Seite wieder niedergelassen und war jetzt im

stande, die sonderbare Erscheinung mit Ruhe und Muße zu betrachten.

Das Kind, anscheinend ein Knabe von elf bis zwölf Jahren, lehnte

gleichgültig dreinschauend und mit einem melancholischen Ausdruck in dem

fast kupferfarbigen mageren Gesichtchen neben der Bank, auf welcher wir

saßen. Ihre auffallende, höchst bunte Tracht mußte jedenfalls eine Art

Nationalkostüm repräsentieren. Denn um am helllichten Tage in New York

in einem Maskenanzuge umherzuziehen, dem widersprach das ganze Wesen und

Auftreten der sonderbaren Frau.

Ein kornblumenblauer faltiger Rock mit breiter roter Borde bildete das

Untergewand, worüber ein langer, weißer, grobgewebter Mantel fiel,

ähnlich dem Stoffe, den in Mähren die Hannaken über den Schultern

tragen. In malerischen Falten, den schlanken doch kräftig gebauten

Oberkörper nur zum Teil verhüllend, drapierte sich derselbe über ihrer

Figur. Das glatte, pechschwarze, in der Mitte gescheitelte Haar war zur

Hälfte von einem grünlich schillernden Seidentuche bedeckt. Um den Hals

und über die Brust wanden sich mehrere Schnüre bohnengroßer, dicht

aneinander gereihter Goldkörner, während an einem breiten, ziemlich

primitiven Ledergurte ein kurzes, in roher Scheide ruhendes Dolchmesser

herabfiel.

Ihre Gesichtszüge waren hager, hart und eckig, verrieten indes noch

Spuren einstiger Reize. Ganz besonders aber waren es die Augen in stets

wechselndem Ausdrucke, welche, bald wild flammend, bald herzgewinnend

freundlich, mein Interesse an der merkwürdigen Frau noch besonders

erhöhten.

In gleich phantastischer Weise war auch das Kostüm des Knaben, dessen

Anzug viel Ähnlichkeit mit dem eines jungen Hochländers verriet. Nur

bildeten Mokassins die Fußbekleidung, und eine Art Toque mit wehender

Adlerfeder zierte das dunkle, nicht uninteressante Köpfchen.

Stillschweigend, aber keineswegs gekränkt, hatte sie meine scharfe

Musterung über sich wie das Kind ergehen lassen, ja sie schien durch

dieselbe beinahe belustigt. Denn sie brach das Schweigen plötzlich mit den

heiteren Worten:

»Sie sind ein völlig Fremder hier in New York, wie ich sehe, Sir?«

»Ja, Madame! Nur um die Weltausstellung zu besichtigen, bin ich

herübergekommen. Meine staunenswerte Unkenntnis über den Namen Mary Powl

ließ Sie das natürlich sogleich vermuten. Jedenfalls hat dieser Name

hier einen hohen und berühmten Klang. Daher segne ich den Zufall -- oder

vielmehr meine Zahnschmerzen, die mir Ihre interessante Bekanntschaft

verschafften,« entgegnete ich mit feiner Galanterie, indem ich mich leicht

verneigte.

Wieder warf sie so eigenartig stolz und herausfordernd den Kopf in den

Nacken und flüsterte, träumerisch in die Leere starrend:

»O nein, weder berühmt noch hoch! Einst wohl war er das beides. Aber

dieses einst ist begraben. Hier betrachtet man mich als Original -- als

letztes Überbleibsel eines ehemals mächtigen Irokesenbundes von draußen

am herrlichen Genesee-Thale im westlichen Staate New York. Den Kultus,

den ich noch immer mit dem Andenken früheren Glanzes, mit den teuren

Erinnerungen des so bald dahingeschiedenen Gatten -- eines stolzen

Häuptlings -- treibe, nennen die poesielosen Amerikaner überspannte

Phantastereien. Allein man läßt mich gewähren. Ist doch Mary Powl, die

Indianer-Squaw, völlig harmloser Natur. Die Leute in den Straßen und

die Fremden schauen ihr wohl neugierig oder herausfordernd nach, ja, die

Schulbuben lachen über sie und ihren Sohn -- was thut das! Mary Powl hat

anderen, tieferen Schmerz erfahren und geduldig hinnehmen müssen -- den

nie sterbenden Gram über das Herabsinken, das Niedergehen einer großen,

herrlichen Nation!«

Aufs höchste interessiert, lauschte ich diesen mit monotoner Stimme

vorgetragenen Worten und entgegnete nur wie schüchtern tröstend:

»Aber es giebt doch noch viele Indianer Ihres Stammes. Wenngleich, so

viel ich hörte, die einstigen Irokesenbunde teilweise aufgelöst und

deren Glieder in verschiedene Gegenden zerstreut worden sind, so leben doch

gerade hier, im Staate New York, von denselben noch genug und führen als

angesehene Männer unter den Amerikanern ein einträgliches, friedliches

Dasein.«

Abwehrend und verächtlich schüttelte sie das Haupt.

»Seit sie ihren Tomahawk vergraben und den Glauben der Weißen angenommen,

hat Omäneo, der große Geist, von ihnen sich abgewendet. Die Amerikaner

haben den Fuß auf den Nacken der roten Männer gesetzt. Nicht Herren sind

sie mehr in diesem Lande, nur erbärmliche Knechte!«

Tiefe Bitterkeit klang bei dieser Rede durch der Indianerin Stimme,

während sie wie schützend den einen Arm um des Knaben Schulter legte und

fort fuhr:

»Kinder eines Vaters -- so lehrt das Christentum! Allein, sind wir das

wirklich? Diese Frage drängt sich immer von neuem vor meine Seele.

Ihr Deutschen befolget Gottes Gebot: ›Liebet euren Nächsten!‹ im

schönsten, reinsten Sinne des Wortes, Ihr sehet in uns -- den Farbigen

-- den Bruder. Nicht so der Amerikaner, dessen Brust der unbegründete,

bittere Erbhaß erfüllt, ja der ungerecht und hart ist -- oft bis zur

Grausamkeit.«

»Und dennoch wählten Sie Ihren Wohnsitz mitten unter ihnen?« fragte ich,

die Witwe des Irokesenhäuptlings betrachtend.

Sie deutete auf den Knaben.

»Es ist nur um seinetwillen! Iron Hand (die eiserne Hand) soll einst das

reiche Wissen und die Gelehrsamkeit der weißen Männer mit dem Verstande

und dem Mutterwitz seines Stammes verbinden. Meine Lebensaufgabe besteht

einzig noch darin, seine Studien zu überwachen, für ihn zu arbeiten und

das Vermögen, welches sein teurer, tapferer Vater ihm hinterlassen, zu

verdoppeln -- zu verdreifachen! Mein Sohn soll Medizin studieren,« setzte

sie mit einem Blick voll Stolz und Zärtlichkeit hinzu.

Ich vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken, und ihr scharfer Geist

mußte meinen Ideengang erraten haben, denn sie sagte schnell:

»Nun ja! Ich selbst pfusche den Ärzten so ein klein wenig ins Handwerk.

Mein großes Interesse an der Heilkunde hat mir schon manche trübe,

einsame Stunde erhellt Ich schöpfe nur aus der Natur, kenne deren

geheimnisvolle Kräfte, und meine Mittel helfen zuweilen besser, als die

der hochgelehrten Herren dort drüben in der City.«

Freudig zustimmend nickte ich mit dem Kopfe. Einen Moment schaute sie mich

scharf und prüfend an; dann rief sie lebhaft:

»Besuchen Sie mich, Sir! Ich sehe, Sie sind ein welterfahrener,

edeldenkender Mann, der die Vorurteile des Kastengeistes von sich

abgestreift hat, dessen Gesichtskreis unbegrenzt ist. Mit solchen Menschen

verkehre ich gern; ihnen zeige ich mich auch von einer anderen Seite, als

wie der übrigen Welt, die in Mary Powl nur ein halb verrücktes weibliches

Original sieht. =All right!= Sie kommen?«

Mit wirklich anmutigen Bewegungen, jedoch ohne jede Spur von Koketterie,

und mit herzgewinnendem Lächeln reichte sie mir die Hand entgegen.

»Gewiß, Madame! Mit dem allergrößten Vergnügen,« erwiderte ich, ihre

Rechte herzlich drückend.

Diese Frau gefiel mir. Es lag so viel Urwüchsigkeit, so viel angeborene

Vornehmheit in ihrem Wesen, nebenbei sprach aus jedem ihrer Worte Geist und

tiefes Denken, so daß für mich in dem freundlichen Anerbieten ein eigener

Reiz lag und ich mir interessante Stunden und Erinnerungen von diesem

Besuche versprach. Mary Powl nannte mir ihre Adresse. Darauf schaute sie

nach der im Sinken begriffenen Sonne und erhob sich.

»Und wie soll ich meiner gütigen Helferin aus jenem unerträglichen

Zustande danken?« fragte ich, indem ich fast ehrfurchtsvoll den Hut vor

ihr zog.

»Damit, daß Sie dieser Stunde ein Andenken bewahren, mein Herr!« war die

ernste Antwort.

Sie nahm den Knaben wieder an die Hand, neigte leicht den Kopf und ging.

Tief gedankenvoll blickte ich der fremdartigen Erscheinung nach, bis der

leuchtende weiße Mantel hinter dem Gebüsch verschwunden war. Der endlose

Park breitete sich wieder totenstill vor mir aus. Die Spatzen -- andere

Vögel vermag dieser nicht aufzuweisen -- hüpften zutraulich über den

Weg, als ob, seitdem ich auf der einsamen Bank mich niedergelassen, nichts

die feierliche Ruhe ringsum gestört hätte. Sollte ich die letzte halbe

Stunde wirklich nur geträumt haben, oder war die reizvolle Scene einzig

nur meinem erregten Geiste entsprungen? Auch die nüchterne Phantasie eines

alten Junggesellen erlaubt sich zuweilen eine Verirrung. Plötzlich jedoch

lachte ich herzlich auf. Die Zahnschmerzen -- fort waren sie zweifellos; o

Glück! Dieses wonnige Bewußtsein war kein Traum!

Ein eigentümliches, höchst prosaisches Gefühl in der Magengegend

verscheuchte indes bald alle poesiereichen Gedanken. Jetzt verursachte mir

die Aussicht auf ein gutes Diner ein angenehmes Behagen. Wer auch wollte

mir das verdenken! War doch seit meiner Abreise aus Philadelphia kein

Bissen über meine Lippen gekommen. -- Eine halbe Stunde später saß ich

bei Delmonico, und trotz aller Ehrfurcht und Hochachtung vor der weisen

Einrichtung des Temperenzgesetzes stand eine Flasche »=veuve Cliqot=« vor

mir im Eiskühler. Gern nahm ich am heutigen Tage solche Sünde auf

mein Gewissen. Das erste Glas galt ihr. Es lebe Mary Powl, die

Indianer-Squaw! --

Die Vormittagsstunden des nächsten Tages verbrachte ich mit planlosem

Umherstreifen in der großen Hauptstadt der Union. Was mir darin am

charakteristischsten dünkte, das war jenes Hinauf- und Hinunterhetzen --

anders läßt es sich kaum bezeichnen -- am Broadway. Weder in Paris

noch in London ist mir derartiges Jagen je wieder vorgekommen. Millionen

gewonnen -- Millionen verloren -- alles geschieht dort drüben in fast

ängstlicher Hast! Wer das ganze bunte Bild vom objektiven Standpunkte aus

betrachtet, dem erscheint es wirklich ergötzlich.

Endlich zeigte die Uhr die vierte Nachmittagsstunde -- die Zeit, welche

Mary Powl mir zum Besuche bestimmt hatte.

In einer ziemlich entlegenen Gegend -- weit über die 8. Avenue hinaus --

lag ihre Wohnung, und ich muß offen gestehen, daß eine gewisse Unruhe

oder auch Neugierde mir die Pulse rascher schlagen ließ. Denn obwohl ich

schon manches im Leben gesehen und kennen gelernt hatte -- in die inneren

Verhältnisse einer Indianer-Häuslichkeit war mein Blick noch nicht

gedrungen. Einen Wigwam erwartete ich im Mittelpunkt der City of New York

selbstverständlich nicht; allein ich konnte -- mit Rücksicht auf Mary

Powls Äußeres und deren romantisches Vorleben -- auf außergewöhnliche

interessante Entdeckungen schließen. Da sie ja von dem ererbten Vermögen

ihres tapferen Gemahls gesprochen, so durfte ich annehmen, daß sie

pekuniär in guten Verhältnissen lebe.

Die Hitze war aufs neue drückend, so daß ich mir ein Cab nahm, um rascher

mein Ziel zu erreichen. Das Haus, wohin dasselbe mich führte, kam mir auf

den ersten Blick allerdings nicht sehr elegant vor. Eines jener =Tenement

houses= -- oder wie wir es bezeichnen würden: eine Mietkaserne war es, wie

dergleichen in New York Leute bewohnen, welche nicht in der Lage sind,

für sich ein Haus allein zu mieten, es aber vorziehen, eigene Menage zu

führen, anstatt sich bei anderen in =board= (Kost) zu geben. Immerhin

deutete das Innere des Gebäudes auf große Sauberkeit und Accuratesse.

Die Stiegen waren mit Wachstuch bekleidet und die Scheiben der hohen

Flurfenster blitzten förmlich in der Sonne. Rasch entschlossen klopfte ich

an die mir genau bezeichnete Thür, weil die Wohnung keinen verschlossenen

Vorsaal nebst Klingelzug aufwies.

Im selben Augenblicke steckte auch schon ein wollhaariges Negermädchen

den Kopf heraus und fragte mürrisch nach meinem Begehr. Ihr meine Karte

überreichend, erwiderte ich, daß Mrs. Powl mich erwarte.

Schon nach wenigen Sekunden kehrte die Dienerin zurück und öffnete mir

schweigend die Pforten des geheimnisvollen Tuskulums. Moderne Möbel --

moderne Teppiche und Fenstervorhänge -- boten sich meinen überraschten

Blicken dar.

Den ersten Augenblick überkam es mich gleich einem Gefühl der

Enttäuschung. Nichts, auch nicht der kleinste Gegenstand entsprach hier

dem Bilde, das ich mir von dem =home= Mary Powls gemacht hatte. Fast

ärgerlich ließ ich fast alles in dem Gemache Revue passieren. Also nur

mit leeren Worten, und vielleicht mit den paar bunten Lappen, die ihre

Toilette ausmachten, blieb sie dem Andenken an die einstige Berühmtheit

ihres Stammes treu? Von einem Kultus hatte sie gesprochen, den sie mit den

Erinnerungen an die ihr teure Vergangenheit trieb -- und das geschah hier

in dieser, der Erscheinung der Indianerin so gänzlich widersprechenden

Umgebung? Alles Anziehende, jeder Reiz dieses Besuches ging für mich

völlig verloren.

Sicher mußte ich demnach auch darauf gefaßt sein, sie selbst in moderner

Toilette, mit einer unmöglichen Haarfrisur, das dunkle Bronzegesicht

von einem Lockengekräusel umrahmt, erscheinen zu sehen! Lächerlich! Wie

konnte ich doch nur so unüberlegt und einfältig sein, mich hier anlocken

zu lassen? Möglicherweise lief die ganze Geschichte auf einen echt

amerikanischen Humbug, eine fein angelegte Schwindelei hinaus! Die schlaue

Person witterte sicher in mir einen grünen Deutschen. Wie oft hört und

liest man doch von solch' gründlich gerupften Vögeln -- von Mord -- von

unheimlichem Verschwinden in New York! Unwillkürlich drückte ich die Hand

auf die auf meiner Brust ruhende Barschaft und schaute mich halb forschend,

halb ängstlich um.

Das Negermädchen hatte das Zimmer wieder verlassen. Da erhob sich

plötzlich ein schwerer, dunkler Thürvorhang und -- Mary Powl stand genau

im nämlichen Anzuge, wie sie mir im Parke begegnet, nur ohne den weißen

Mantel, mir gegenüber. Ernst und ruhige Würde, dabei wieder jene kühl

herablassende Vornehmheit, sprachen aus der ganzen Erscheinung. Ein Seufzer

der Erleichterung entschlüpfte meiner Brust, und fast beglückt schritt

ich ihr entgegen.

»Ich freue mich, daß Sie Wort gehalten haben, Sir!« sagte sie, mir

näher tretend, mit dem monotonen, etwas schwermütigem Tonfall in der

Stimme, indem sie mir, gleich einem alten Bekannten, die Hand reichte.

»Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt seit gestern und darüber

nachgedacht, daß ihr Deutschen doch ein beneidenswert glückliches Volk

seid!«

»Woraus schließen Sie das, Madame?« fragte ich lächelnd, voll Interesse

das dunkle Gesicht anschauend, welches mir heute weniger eckig und in dem

Momente, wo die brennenden Augen in Begeisterung flammten, eher anziehend

erschien.

»O, ich lese ja Zeitungen!« rief sie, den Kopf selbstbewußt

emporwerfend. »Sie sind Preuße? Ich kenne sie alle, eure großen tapferen

Männer,« -- fuhr sie lebhaft fort -- »den greisen Kaiser William,

Bismarck, Moltke! Das heißt, ich kenne ihre Namen auf dem Papier. In

Wirklichkeit wird mein Auge sie wohl niemals schauen.«

»Das zu erreichen, liegt ja nur an Ihnen,« erwiderte ich verbindlich, den

mit vornehmer Handbewegung mir angebotenen Platz einnehmend. Sie hatte sich

gegenüber gesetzt und die schlanken braunen Finger im Schoß gefaltet.

»Entschließen Sie sich zu einer Reise nach Berlin, Madame! Das würde

Ihnen eine reizvolle Zerstreuung und Abwechslung gewähren.«

»Damit ich dann -- nach meiner Rückkehr -- mich um so unglücklicher in

Verhältnissen fühlen würde, in denen zu leben ich doch angewiesen bin. O

nein, Sir! So lange mein Sohn sein Ziel noch nicht erreicht hat, wanke ich

nicht von diesem Platze.«

Ich mußte ihr beipflichten.

Darauf fragte sie mich nach meiner Lebensstellung und meinem Berufe, und

als ich ihr gesagt, ich sei Schriftsteller, sah sie mich fast scheu und

ehrfurchtsvoll von der Seite an und meinte befangen, sie hätte sich einen

Mann der Feder ganz anders vorgestellt. Da mußte ich nun viel erzählen

über deutsche Zustände und Sitten; über Litteratur und Geschichte

sprachen wir, und ich gestehe offen, daß ihr, wenn auch nicht gerade

reiches Wissen, so doch ihr richtiges Urteil, ihre Kenntnis von Dingen, die

man ihr kaum zugetraut, mich wahrhaft überraschten. Freilich wohl zwangen

mir die oft kindlich naiven Fragen hin und wieder auch ein Lächeln ab.

Aber ich erinnerte mich dann schnell, mit wem ich die Unterredung führte.

Jedenfalls stand dieselbe, was Originalität und Unterhaltung anlangte,

keiner von jenen mit irgend einer deutschen Dame eingegangenen nach.

Auch Mary Powl erzählte mir von ihrer Kindheit und Jugend, von dem kurzen

Glück ihrer Ehe, -- daß ihr Gatte bei einem räuberischen Überfall eines

feindlichen Stammes grausam erschlagen worden, und daß sie darauf mit

ihren Landsleuten, mit der Menschheit, ja mit sich selbst zerfallen, der

Heimat den Rücken gekehrt und nach New York übergesiedelt sei.

»Und hier führe ich nun seit fast zehn Jahren ein stilles,

zurückgezogenes, mir zusagendes Dasein,« schloß sie den schlichten

Bericht. »Mein =home= ist meine Welt, in der ich mich glücklich fühle.«

Wie das so natürlich war, flog mein Auge über die moderne Einrichtung des

Gemaches, während ich die schüchterne Frage aufwarf, weshalb sie alles,

was an das einstige romantische, abenteuerliche Leben der Vergangenheit

gemahnte, daraus verbannt habe?

Sie lachte. Es war das erste und letzte Mal, daß ich diese Frau wirklich

lachen hörte.

»So glauben Sie im Ernst, daß das durch Abhärtung und Entbehrungen aller

Art gestählte Weib an die verweichlichte Lebensweise der Weißen

sich gewöhnt habe, daß solcher Ballast« -- sie deutete auf ein von

schwellenden Kissen strotzendes Ruhebett -- »ihr unentbehrlich geworden

ist? Eine von der Kultur beleckte Indianer-Squaw -- wäre das nicht

eigentlich spaßhaft? Nein, mein Herr! Mit Leib und Seele, mit jeder

Fiber meines Herzens hänge ich noch an alten Erinnerungen. Allein ich

verschließe mein Teuerstes vor der Welt. Kein profaner Blick soll je mein

Heiligtum erreichen! Dieses Zimmer hier bedarf ich zum Empfange von Leuten,

mit denen ich ab und zu geschäftlich verkehre und in Verbindung komme,

für die ich auch nur Mrs. Mary Powl bin, welchen Namen ich mir seit dem

Fortgange aus meinem Heimatsthal gegeben habe. Doch hier« -- in graziös

behenden Bewegungen sprang sie empor und schlug den dunkeln Vorhang, durch

den sie gekommen, zurück -- »hier, Sir, ist mein wahres =home=!

Ihnen zeige ich es; Sie sollen sehen, daß ich das warme Interesse, das

Vertrauen, welches Sie mir bewiesen, zu schätzen weiß!«

Zögernden Schrittes war ich gefolgt und blickte nun in stummer

Überraschung durch die offene Thür. Mit heiterem Gesichte weidete sie

sich an meinem Staunen.

»Nun, ich bitte, treten Sie ein, Sir! In diesen Räumen begrüßt Sie die

Witwe des Irokesenhäuptlings Onundega.«

Wir schritten beide über die Schwelle.

Jetzt wußte ich, daß jedes Wort, was Mary Powl von ihrer Vergangenheit

mir erzählt, lautere Wahrheit war, daß jeder noch so kleine Verdacht

wider sie, der eben noch in meiner Seele Platz gefunden, eine bittere

Ungerechtigkeit, ja, eine Kränkung für sie gewesen.

Der Raum, in welchem wir jetzt standen, glich in der That der Vorstellung,

die ich in meinen Knabenjahren von dem Wigwam eines Indianerhäuptlings

mir vielleicht gemacht. Eine von grobem, eigenartig gewebten,

blaubemalten Stoffe, in der Mitte der Decke angebrachte und an den Wänden

niederhängende Draperie war geschickt und kunstgerecht zu einer Art Zelt

verarbeitet, so daß die Seite, wo die Fenster sich befanden, ebenfalls

verhangen blieb, weshalb sich nur ein mattes, angenehmes Dämmerlicht

über den nicht großen Mittelraum verbreitete. Jeder Gegenstand dieses

wunderbaren Gemaches trat klar und scharf ins Auge, und jeder Blick sagte

mir, daß hier Mary Powl in ihrem Elemente, in ihrem eigentlichen =home=

sei.

Ihr kurz befehlender Wink nach der einen Ecke bedeutete den dort am Boden

kauernden, anscheinend lesenden Knaben aufzustehen und mich zu begrüßen.

Mit dem Buche in der Hand kam er leise herangeschlichen und schaute

schüchtern zu mir auf.

Liebkosend strich ich ihm über das schlichte, lange tiefschwarze Haar

und fragte, was er denn so fleißig studiere? Mit stolzem Augenaufschlag

erwiderte er:

»=Latin=, Sir!«

Dann hüpfte er wieder behende in seinen Winkel, schlug aufs neue das

Lexikon auseinander und nahm anscheinend keine Notiz mehr von uns.

Währenddessen stand, den einen Arm an die schlanke, doch kräftige Hüfte

gestemmt, die Indianerin neben mir und verfolgte mit einem Ausdruck von

Befriedigung im Gesichte meine sich immer steigernde Verwunderung.

An der einen Längenwand des Zeltes, dicht über dem Haupte des Knaben,

hingen die einstigen Waffen, Schild, Speer und Bogen, wie der phantastische

Kopfschmuck mit der wehenden Adlerfeder (dem Abzeichen des Häuptlings)

ihres heimgegangenen Gemahls. Verschiedene indianische Gerätschaften oder

Handwerkszeuge, deren Zweck und Nutzen mir im ersten Augenblicke nicht

recht klar war, bildeten eine originelle, malerische Verzierung um die mit

sichtlicher Pietät gehüteten und bewahrten Überbleibsel einer kurzen,

jedenfalls ruhmvollen Kriegerlaufbahn. Und weiter -- mein Auge irrte

neugierig über hundert mir völlig unbekannte Dinge hinweg. Hier lagen

Jagd- und Kriegstrophäen des stolzen Onundega, ausgestopfte Tiere und

Vögel, Köcher und Pfeile, wie auch seltsamer Federschmuck, dort Sattel-

und Zaumzeug seines Lieblings- oder Streitrosses neben den primitiven

Toilettenartikeln eines besiegten Feindes. Aber -- was war das? Mein Blick

war plötzlich auf etwa sieben bis acht ganz unheimliche Gegenstände

gefallen, die in Manneshöhe, an einem starken Hanfseile aufgereiht, gleich

gefangenen Krammetsvögeln im Dohnenstrich, herabhingen.

Ein leises Gruseln lief mir über den Rücken und ich fühlte die einstigen

Haare meines jetzt kahlen Schädels sich sträuben. Skalpe -- wahrhaftige,

Original-Skalpe, je nach der Nationalität derselben mit langen oder

kurzen Haaren bedeckt und an ihnen zusammengebunden, baumelten da als

Siegestrophäen über meinem Haupte und mußten einem deutschen Herzen wohl

begreifliches Unbehagen einflößen.

Unwillkürlich wandte ich das Gesicht rasch nach einer anderen. Mary Powl

gewahrte es und führte mich mit feinem Takt schnell zur entgegengesetzten

Seite des Gemachs, wo eine in der That auserlesene Waffen- und

Gewehrsammlung mein Interesse bald völlig in Anspruch nahm.

Es gab in Mary Powls =home= überhaupt so viel Merkwürdiges zu schauen,

daß wohl Tage dazu gehörten, alle die sehenswerten Dinge mit Ruhe und

Verständnis betrachten zu können. Etwas indes nahm meine Aufmerksamkeit

besonders gefangen. Dieses war ein höchst eigentümliches, primitives

Lager. Auf einer Art Erhöhung nämlich, von Matten und Bärenfellen

zusammengestellt, halb verdeckt von einem blauweißen Vorhange (blau ist

die Lieblingsfarbe der Indianer), befand sich die Schlafstätte dieser

sonderbaren Frau, und ich dachte dabei unwillkürlich ihrer Worte: daß das

an Abhärtung und Entbehrungen gewöhnte Weib sich mit der verweichlichten

Lebensweise der Weißen nicht befreunden könne.

Also hier schlummerte Mary Powl, hier träumte sie vom einstigen Glück

und Ruhm -- von der hoffnungsvollen Zukunft ihres Knaben! Hier, umgeben

von Waffen, die noch das Blut der Feinde rötete, umgeben von menschlichen

Skalpen, -- hier fand sie Ruhe nach des Tages Lasten! Ländlich --

sittlich! Ich hätte mein bequemes Bett im lieben Deutschland mit dieser

Lagerstätte sicher nicht vertauschen mögen.

Viel gesprochen oder gar bewundert und gelobt habe ich nicht, während wir

miteinander einen Rundgang durch den hochinteressanten Raum machten. Das

dünkte mir in dieser Stunde abgeschmackt und einer Mary Powl unwert.

War doch ihr Gesichtsausdruck tiefernst, als riefen all' die Gegenstände

tausend schmerzliche Erinnerungen wach. Jedes leere Wort erschien mir daher

gleich einer Verletzung ihrer innersten Gefühle.

Doch plötzlich lächelte sie wieder, indem sie mich aufforderte, sie

in das viel kleinere Nebengemach zu begleiten. Dieses war, ähnlich dem

ersteren, geschmückt und aufgeputzt und diente augenscheinlich ihrem Sohne

als Schlafzimmer, ihr selbst jedoch als eine Art Laboratorium. Wunderliche

Gefäße, Retorten und Phiolen standen dort auf rohgezimmerten Bänken

und Borden umher. Auf dem kleinen Herde dampfte und brodelte es auch, und

große Bündel Kräuter und Pflanzen hingen, sorgsam zusammengebunden, von

der Decke herab.

Was aber in diesem Zimmer mir noch bemerkenswert vorkam, das war eine

ganz prachtvolle amerikanische Safe (eiserner Geldschrank) neuester

Konstruktion, an welche Mary Powl nun herantrat. Sie entnahm daraus

mehrere kleinere Fläschchen, welche sie mir heiter entgegenreichte mit

dem Bemerken, daß das eine vorzüglich gegen Migräne, jenes unfehlbar zur

schleunigen Beförderung des Haarwuchses diene.

Mechanisch glitt meine Hand über meine recht bedenkliche Glatze. Allein

ich dankte ihr herzlich für diesen feinen Wink, indem ich erwiderte, daß

ich zugleich mit dem Schmucke des Hauptes auch meine Eitelkeit abgelegt

hätte, ja, daß ich mir lächerlich vorkommen würde, wollte ich

plötzlich wieder mit wallenden Locken im Kreise der heimatlichen Freunde

erscheinen; im übrigen glaube ich an die Unfehlbarkeit ihrer Mixturen.

Zögernd indes setzte ich hinzu, daß, wenn sie mir einige Tropfen jenes

wunderthätigen Mittels gegen die Zahnschmerzen geben wolle, so würde

ich das mit größtem Danke annehmen. Gutmütig nickte sie und holte

geschäftig das Wundermittel, welches mich von peinigender Qual befreit,

mir zugleich aber diese interessante Bekanntschaft vermittelt hatte, aus

der =Safe=. Wie eine kostbare Reliquie bewahrte ich dieses Geschenk auf

meinem Busen.

»Hier, Sir!« sagte sie darauf, die Thür des Schrankes weit öffnend und

mich näher heranwinkend. »Schauen Sie einmal da hinein und sagen Sie mir,

ob Mary Powl nicht gut und haushälterisch für ihren Sohn gewirtschaftet

hat? Das eine habe ich von den Amerikanern profitiert und gelernt -- das

Rechnen und Spekulieren.«

Überrascht glitten meine Blicke über den Inhalt des Geldschrankes, und

in diesem Momente schämte ich mich wirklich im stillen meiner unedlen,

garstigen Gedanken, die ich, bevor die Indianerin eintrat, über dieselbe

in dem tiefsten Winkel meines sonst vertrauenden Herzens gehegt hatte.

Dort lagen Wertpapiere, Staats- und Eisenbahn-Obligationen neben

aufgetürmten Rollen Zwanzig-Dollar-Goldstücken. Auch Häufchen

Goldkörner und unregelmäßige Klümpchen dieses edeln Rohmetalls gewahrte

ich und wurde immer mehr durchdrungen von der Überzeugung, Mary Powl sei

nicht allein eine interessante, anziehende sondern auch sehr vermögende

Frau, welche -- nach europäischen Begriffen -- sich ihr Leben hätte ganz

anders gestalten können.

»Ich staune über Sie, Madame!« konnte ich nicht unterlassen, in vollster

Bewunderung auszurufen. »Gute Mutter, tüchtige Geschäftsfrau und ein

mutiges, unerschrockenes, stets hilfsbereites Weib, -- das vereint sich

selten in einer Person und verdient die höchste Anerkennung, welche jeder

Ihnen zollen muß!«

Wieder huschte jener Ausdruck von innerer Befriedigung über ihr dunkles

Gesicht und sie entgegnete dann fast traurig:

»Hier ernte ich nur Undank, wie unüberwindliches Mißtrauen, welches

sich an meine Fersen zu heften scheint, und es mir gar oft erschwert, die

menschenfeindlichen Gefühle und Regungen des Busens zu bekämpfen. Doch

lassen wir das!« setzte sie abwehrend hinzu. »Wir beide ändern das

nicht. -- Jetzt kommen Sie wieder hinüber in mein =Parlour= und nehmen

einen kleinen Imbiß, Sir!«

Mir rasch voranschreitend, öffnete sie die Thür des vordersten Gemaches.

Noch einen letzten Blick sandte ich über Mary Powls =home=, dann folgte

ich ihr hinaus.

Das uns entgegenstrahlende grelle Sonnenlicht, verbunden mit dem Anblick

der modischen Zimmereinrichtung wirkte auf mich beinahe, als wäre ich von

einer Wanderung durch ein Märchenland in die Wirklichkeit zurückgekehrt.

Noch halb wie traumbefangen starrte ich auf das Negermädchen, welches

sich eben damit beschäftigte, Wein, Früchte und feines Backwerk auf einem

Tische zu ordnen und für uns bereit zu stellen.

Aufs neue betrachtete ich gedankenvoll und kopfschüttelnd das elegante

Porzellan-Service und Glasgeschirr, welches im entschiedensten Widerspruche

stand zu allem, was ich soeben geschaut hatte.

»Wir führen einen echt amerikanischen Haushalt,« sagte Mary Powl,

meinen Ideengang erratend, mit feinem Lächeln, indem sie mir eine Platte

köstlicher Bananen darbot. Ich nahm eine dieser aromatischen Früchte.

»Meine kleine Sally« -- sie deutete nach der Thür, durch welche die

Negerin uns verlassen -- »ist die Lehrmeisterin, ich bin die Schülerin

in der höhern Kochkunst; und so geht das wundervoll von statten. Was mir

anfänglich schwer und ungewöhnt ist, das überwinde ich schnell bei dem

Gedanken, daß ich Iron Hand ein Opfer bringe. Die Verhältnisse, in denen

sein späteres Leben dahinfließen wird, bedingen sorgfältige Erziehung.

Einst wird er seiner Mutter das danken. O, Sie sollten nur sehen, -- er

speist mit Messer und Gabel wie ein junger Gentleman!«

Ungefähr noch eine halbe Stunde verweilte ich in anregendem Gespräch mit

der originellen Frau; dann erhob ich mich. Zwei volle Stunden hatte ich

bereits in ihrer Gesellschaft zugebracht und ich mußte nun gestehen, daß

der Abschied von Mary Powl mir nicht leicht wurde. Der weite Ozean mußte

uns ja gar bald für immer trennen. Ob ich -- in ihrer Sprache zu reden

-- das große Wasser noch einmal durchschifft hätte, um _sie_ wieder zu

sehen, wenn ich zwanzig Jahre weniger zählte? Wer weiß es! Jedenfalls

wußte ich heute genau, daß dies ein Abschied fürs Leben war.

Die Worte, die ich dabei gesprochen, mögen wahrscheinlich recht

nichtssagend und abgeschmackt geklungen haben, indem es nämlich eine

Eigentümlichkeit von mir ist, daß ich, je tiefer innerlich eine Sache

mich berührt, äußerlich desto linkischer und trockener werde. Vom

Tragischen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur _ein_ Schritt! Das

sollte jeder bedenken, der einmal in reiferen Jahren von einer kleinen

Gefühlsanwandlung übermannt wird -- umsomehr, da sie selbst, die Witwe

des Irokesenhäuptlings, die freie Tochter der Natur, die Frau ohne höhere

Erziehung und Bildung, mir gegenüber keinen Finger breit aus den Formen

edler, züchtiger Weiblichkeit herausgetreten war. Taktlos und indiskret

wäre es daher gewesen, hätte ich mit Blicken oder banalen Redensarten

verraten wollen, daß sie mich aufs Lebhafteste interessiere, daß ich

wirkliches Gefallen an ihr fand.

Einen Moment hielt sie meine Hand fest in der ihren und schaute mich mit

den brennenden Augen an. Der Knabe war gleichfalls herangetreten und lehnte

sich, zärtlich angeschmiegt, an die Mutter.

»Ich danke Ihnen für reizvolle, genußreiche Stunden, Sir!« sagte sie in

ihrer schlichten, ruhigen Weise. »Nur selten wird mir das Glück zu teil,

mich frei von der Seele herunter aussprechen zu können. Liegt doch der

Trieb, ja das Bedürfnis hierzu in jeder Menschenbrust. Lange werde ich

über alles, was Sie mir erzählt, nachdenken und weise Lehren daraus

schöpfen für Iron Hand.«

Einige Sekunden legte ich meine Rechte auf des Knaben Haupt und fragte:

»Du willst ein kluger Mann -- ein berühmter Arzt werden und Deiner Mutter

treue Liebe und Fürsorge für Dich einst hundertfach vergelten -- nicht

wahr, mein Junge? Sie verdient es im reichsten Maße!«

Ein strahlendes Aufblitzen der dunklen Kinderaugen gab mir Antwort.

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 17 / 19 题