Dann verließ auch sie das Sprechzimmer. --

»Morgen!« Mechanisch öffnete ich die nach dem Balkon führende Glasthür

und riß in tiefen Gedanken an den an dem Geländer sich emporrankenden

Klematisblüten. »Morgen!« kam es nochmals sorgenvoll über meine Lippen.

Jetzt stand die Sonne bereits tief am Horizonte, und wenn sie dort im

Osten wieder emporstieg, dann mußte etwas geschehen sein, wovon die dabei

beteiligten Personen bis jetzt noch keine Ahnung hatten.

»Deutsche Sentimentalität und Thorheit!« neckte das böse Prinzip in

meiner Brust. »Laß ab von Sachen, die Dich nichts angehen, und hemme die

Gerechtigkeit nicht in ihrem Lauf!«

Standhaft wehrte ich mich dagegen und flüsterte dafür kaum hörbar:

»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!«

Doch horch! Klang das drinnen im Parlour nicht gleich einem unterdrückten

Schluchzen? Peinlich berührt und um nicht etwa hier draußen auf dem

Balkon der unfreiwillige Zeuge irgend einer Scene zu werden, trat ich rasch

ins Zimmer zurück. Allein noch einmal stutzte ich. Dort in einem Sessel,

das Antlitz auf die Armlehne desselben niedergebeugt, lag meine schöne

Tischnachbarin, wie es schien, im Stadium von Agonie oder höchstem

Schmerz. Nur ab und zu drang ein sich qualvoll herausringender Laut aus

ihrer Brust, während die krampfhaft verschlungenen Finger das blonde

Haupt umfaßten. Ungeachtet dieses betrübenden Anblicks durchströmte mich

beinahe wilde Freude. Der Zufall spielte mir hier die beste Gelegenheit zum

Beginn meines Samariterwerks in die Hand. Daher trat ich entschlossen an

die Ahnungslose heran und rief:

»Mrs. Maud Newland!« Seit heute morgen wußte ich auch den Vornamen des

jungen Geschöpfs.

Wie durch einen elektrischen Strom berührt, fuhr die Angerufene empor und

stand alsbald kerzengerade mir gegenüber, während die glühenden, noch

bebenden Lippen sich zu einem mühseligen Lächeln verzerrten.

»O, ich habe geschlafen und -- sehr -- sehr garstig geträumt!« stotterte

sie, sich die wirren Locken aus der Stirn streichend. Ein anderer, als ich,

hätte sich von der Wirklichkeit dieses Arguments überzeugen lassen.

Welche moralische Kraft und Geistesgegenwart steckte doch in diesem

lieblichen Wesen!

»Nein, Madame, Sie haben _nicht geschlafen_, sondern in tiefem,

leidenschaftlichem Seelenschmerz -- in fassungslosem Jammer über

das Unheil, welches Schritt um Schritt Ihnen näher rückt, haben Sie

_geweint_!« entgegnete ich ruhig, aber fest.

Jetzt stierten die blauen Augen in wahrhaft entsetztem Ausdruck mir ins

Gesicht.

»Mein Herr! Mit welchem Rechte wagen Sie, eine solche Sprache gegen mich

zu führen?« kam es leise, jedoch zornig aus dem zuckenden Munde.

»Mit dem Rechte aufrichtiger, warmer Freundschaftsgefühle, Mrs.

Newland!« gab ich völlig unbeirrt zurück und faßte nun auch

rückhaltlos nach ihrer Rechten.

»Freund--schaft?« wiederholten ihre Lippen zögernd in halb ungläubigem

Trotze. Dünkte es mir doch, als ob es dabei gleich nie geahntem -- nie

gekanntem Glücke in den schönen Augen aufflammte. Aber sie entzog mir die

kleinen Finger dennoch und setzte rasch und herb hinzu:

»Ich danke, Sir, wir -- ich brauche die so edelmütig gebotene

Freundschaft eines -- Fremden nicht, da ja auch gar kein Grund vorliegt,

sich mitleidig unserer anzunehmen, nein, wirklich absolut nicht!«

»So?« Fest und durchdringend heftete ich meine Blicke auf das bleiche

Gesichtchen. »Wissen Sie, Mrs. Maud Newland, daß Sie in diesem Moment

eine _Lüge_ aussprechen? Wohlan! Mir kann das ja einerlei sein. Aber ich

erinnere Sie nur daran, daß dort oben über uns _Einer_ lebt, dem wir

Rechenschaft zu geben haben von unseren Worten und Werken, und daß auch

für Sie eine Zeit kommen kann, wo Sie dieser Hilfe benötigt wären!«

Schwer und keuchend kamen die Atemzüge aus der jungen Brust. »Wenn man in

demütigem Sinne diesem _Einen_ seine Sorgen und Lasten anempfiehlt, dann

erscheint das Schwerste wirklich nicht so schwer!« fuhr ich eindringlicher

fort.

Jetzt schluchzte sie auf und bedeckte das Antlitz mit den Händen.

»O, warum sprechen Sie _so_ zu mir! O, wie lange -- lange, -- fast seit

meinen Mädchentagen ist es her, daß jemand gegen mich den Namen Gottes

genannt hat! Und doch habe auch ich einst, ehe ich Franks Gattin wurde,

oftmals so innig und warm zu ihm gebetet! Stehen denn plötzlich alle

süßen Erinnerungen an die Kindheit auf -- an meine heimgegangenen Eltern

-- an jene Zeit, wo noch alles anders war?« fügte sie, die Wangen von

Thränen überströmt, nun träumerisch ins Leere starrend, hinzu. »Wer

sind Sie, Sir, daß Sie es verstehen, solche Saiten in meinem Innern zu

berühren? Gehen Sie -- o gehen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme und Güte

nicht wert, -- habe ja kein Anrecht an die Barmherzigkeit und Milde Gottes!

Denn ...«

Sie stockte plötzlich und wollte an mir vorüber zur Thür hinaus. Doch

energisch vertrat ich ihr den Ausweg.

»Nicht _allein_ dürfen Sie hinaus, Mrs. Newland! Gerade um der

schmerzlichen Erinnerungen willen an das glückliche Einst bitte ich Sie,

mich jetzt sofort zu Ihrem Gatten zu führen und mir eine kurze Unterredung

mit ihm zu gestatten. Widersetzen Sie sich dem nicht! Denn es ist zu Ihrem

Wohl -- Ihrer Rettung -- _ich weiß alles_!«

Tödlich erschreckt fuhr die Fassungslose zurück.

»Was -- was wissen Sie?«

»Daß Frank ein armer Bethörter -- ein Unglücklicher ist und schwer

unter dem Drucke eines tyrannischen Weibes, das sich leider seine Mutter

nennt, duldet und darüber zugrunde geht!« flüsterte ich ihr entschlossen

ins Ohr. »Aber, beim Allmächtigen, der mein Vorhaben begünstigt,

schwöre ich, daß wir über diese Megäre, die auch Sie im tiefsten Innern

verachten, siegen werden, und ich Ihnen Freiheit, Glück und Sicherheit

zurückzugeben vermag! Nur folgen Sie mir und fügen Sie sich bedingungslos

meiner Weisung!«

»Mein Himmel! Träume ich denn? Giebt es in dieser jämmerlichen Welt

wirklich noch etwas, was Hoffnung und Glaube an der Menschheit heißt?«

rang es sich zitternd über die bebenden Lippen der jungen Frau. »Darf

ich Ihnen -- dem Fremden -- wahrhaft trauen? Sind Sie nicht auch etwa

ein Mensch, wie jener, der unlängst hier war, -- ein solcher, der kein

Erbarmen und keine Rücksicht kennt?«

»Mrs. Maud Newland! Ich dächte doch, daß Sie von der Aufrichtigkeit

meiner Freundschaft überzeugt sein sollten!« entgegnete ich fast

vorwurfsvoll und weich.

»Freundschaft!« schrie sie darauf in wilder Erregung, so daß ich über

den grellen Ton ihrer Stimme beinahe erschrak. »O, welch ein Zauber liegt

in diesem einen Wort! Kommen Sie, ja kommen Sie rasch hinauf zu meinem

armen, geliebten, unseligen Gatten! Er wird -- er muß Ihnen folgen!« Und

ungestüm zog das liebliche Geschöpf mich mit sich fort.

Kaum konnte die Stunde zu einem ungestörten Gespräch mit dem jungen

Einsiedler dort oben in seinem stillen Zimmer günstiger gewählt sein.

Denn erst vor einer Weile hatte ich die alte Newland nebst Tochter und

Schwiegersohn das Haus verlassen sehen. Überdies gestand meine Begleiterin

mir jetzt in merkwürdig rührender Vertraulichkeit, daß ihre Verwandten

einen kleinen Ausflug nach Coney Island unternommen und vor spätem

Abend kaum zurückerwartet werden dürften. Man habe zwar ausdrücklich

gewünscht, daß sie selbst an der Partie teilnehmen sollte; doch hätte

sie das, um Frank nicht allein zu lassen, auf das entschiedenste abgelehnt.

Unter dergleichen leise geführten Reden erreichten wir das erste

Stockwerk, doch machte die junge Frau vor dem verhängnisvollen Gemache

noch einmal Halt und holte, gleichsam um Mut zu schöpfen, tief Atem.

Ach, hätte ich der Ärmsten die Viertelstunde doch ersparen können! Nach

kurzem Zögern öffnete Mrs. Newland mit raschem Entschluß die Thür und

schritt mir ins Zimmer voran.

Das Erste, was mir beim Eintreten sofort ins Auge fiel, war wieder jener

eisenbeschlagene Monstre-Koffer, dessen Begegnung mir schon einmal zu

denken gegeben und dessen Anblick nun aufs neue die ganze gefährliche

Tragweite, ebenso aber auch die Notwendigkeit dieses Schrittes klarlegte.

Die Fenster des Gemaches gingen gegen Westen, so daß die noch hellen

Strahlen der Abendsonne es bis in seine tiefsten Winkel beleuchteten.

Mr. Frank Newland schien jedoch unseren Besuch gar nicht zu merken. Denn

mit aufgehobenem rechten Arme, ein Pistol in der Hand haltend, zielte er

soeben nach einer an der Wand der Langseite befestigten Scheibe, deren

durchlöchertes Feld mir zur Genüge zeigte, wie und durch welches

Vergnügen der junge Mann seine Mußestunden sich verkürzte. Wieder

gewahrte ich in seinem schönen Gesichte den finsteren Schmerzensausdruck

und konnte in diesem Momente mich wirklich des Gedankens nicht erwehren,

ob der, wie ich ja wußte, so verzweifelt und vergeblich an seinen Fesseln

Rüttelnde nicht vielleicht dort, wo sich die weiße Papierscheibe befand,

die Häupter seiner Peiniger oder mutmaßlichen Verfolger im Geiste zu

schauen wähnte.

»Frank! Ich wollte -- ich möchte so gern, daß Du -- diesem Herrn hier,

Mr. Berken, für einige Minuten Gehör schenktest!« rief jetzt, das

lange Schweigen unterbrechend, meine Begleiterin ihrem Gatten bittend und

zärtlich zu, während sie nach ihm hinüberflog und die Arme um seine

Schultern schlang.

Sofort sank die Hand mit dem Pistol herab, und, mehr erschreckt als

unwillig, fuhr sein Kopf nach mir herum.

»Was soll's? Du weißt ja, Maud, daß ich nicht gern gestört bin!« kam

es leise, doch grollend über seine Lippen.

Allein trotz dieses wenig ermutigenden Empfanges hatte ich mich ihm rasch

genähert und begann ohne Zögern:

»Die große Wichtigkeit dieses Besuches hier, ja meines Anliegens an Sie,

Mr. Newland, überwiegt das Peinliche, was zweifellos für mich in diesem

etwas dreisten Vordringen eines Ihnen fast Fremden liegt!«

Franks geistvolles, dunkelumrahmtes Auge richtete sich bei diesen Worten

ganz seltsam scheu und fragend nach dem meinen, indem er herb und zögernd

erwiderte:

»Wegen meines Leidens empfange ich niemals -- grundsätzlich niemals

Besuche. Doch, wenn _sie_« -- (ein vibrierender, auffallend zärtlicher

Ton lag in diesem: _sie_, womit er der Gattin Hand sanft drückte) --

»ausnahmsweise jemanden bei mir einführt, dann muß ich mich allerdings

schon von der Notwendigkeit durch dies Abweichen von der Regel überzeugen

lassen.« Er verbeugte sich gegen mich und fügte etwas weniger schroff,

indes mit immer noch tief ernster Stimme hinzu:

»Meine Frau hat mir bereits von Ihrer Liebenswürdigkeit und Ihren

menschenfreundlichen Gesinnungen erzählt, Mr. Berken! Es ist ein edler

Grundzug im Charakter der Deutschen, daß Teilnahme und Freundschaft bei

ihnen nicht leere Worte sind, sondern dem Herzen entspringen.«

Dabei legte er die kleine Schußwaffe beiseite und reichte mir die Finger

hin. Eine müde Apathie machte sich im Wesen dieses Mannes bemerkbar und

verlieh ihm, verbunden mit dem schmerzlich krankhaften Zuge seines schmalen

Gesichts, den Anstrich eines wirklich Leidenden.

So ruhig und fest, daß ich mich in diesem Momente selbst über meine

Fassung wunderte, erwiderte ich:

»Der Hauptgrund unseres Charakters ist eine unüberwindliche, ja, so zu

sagen, schon mit der Muttermilch eingesogene Abneigung gegen jeden falschen

Schein.«

Ganz sonderbar stutzte er, während ein halb wirrer Blick über meine

Gestalt hinwegglitt, und gleichsam fragend wandte er sich nun nach seiner

jungen Frau, welche mit im Schmerz gefalteten Händen in einen Sessel

gesunken war.

»Ich muß wohl annehmen, daß Sie einen besonderen Zweck mit diesem --

Besuche verbinden?« entfuhr es in harten, schroffen Tönen seinem Munde,

indem er nun, wie zu einer kampfbereiten Stellung, sich vor mir aufrichtete

und bald noch heftiger hinzufügte: »Sie hassen den Schein! Sehr gut,

mein Herr! Aber unter welchem Vorwande erklären Sie mir dann Ihr sonderbar

geheimnisvolles Benehmen, welches zweifellos irgend eine Absicht -- einen

Hintergedanken verrät? Denn nur allein deshalb hierher in mein Zimmer zu

kommen, um einen Ihnen fast Unbekannten, der Ihnen niemals störend in den

Weg getreten, mit zweideutigen Reden zu intriguieren, dafür halte ich Sie,

Mr. Berken, doch für zu =gentlemanlike= und edel.«

»Sie scheinen viel Menschenkenntnis zu besitzen, Mr. Newland!« gab ich

ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück. »Wohlan denn! Den Grund

dafür kennt bereits Ihre verehrte Gemahlin; es ist der, daß ich Ihnen mit

Rat und That behilflich sein möchte, Ihre unwürdigen Fesseln zu sprengen!

Ist diese Antwort nicht klar und verständlich genug?«

Durchdringend heftete ich dabei meine Augen auf das abgehärmte

Männergesicht. Doch nur ein leise gurgelnder Ton drang über seine Lippen,

während er haltlos mehrere Schritte nach rückwärts taumelte.

»Ich dulde keine Einmischung in meine Angelegenheiten!« stieß er endlich

nach wenigen Sekunden wild heraus. Sein Auge funkelte und jede Fiber des

schlanken, aber sehnigen Körpers schien in Erregung und Leidenschaft zu

zucken. Dann aber lachte er gellend auf. »Und wissen Sie, mein Herr,

was wir Amerikaner aus tiefster Seele verachten? Das sind glattzüngige

Schleicher, die hier und dort mit dem löblichen Grundsatze: ›der Zweck

heiligt die Mittel‹ herumspionieren und schließlich doch nur Unheil

stiften! Solche Leute sind mir in den Tod verhaßt. Und nun, mein Herr,

bitte ich, daß Sie in Zukunft mich unbelästigt lassen!«

Damit kehrte er mir den Rücken und schritt dem Fenster zu. Hier schien

demnach der Sieg nicht ganz so leicht, als unten im Parlour über die junge

Frau, dachte ich unentschlossen. Doch kam schon die kleine Verbündete mir

rasch zu Hilfe, indem sie, emporspringend und zu dem Gatten hinübereilend,

rief:

»O Frank! Sei barmherzig! Um Deiner Liebe zu mir -- um unseres Elends

willen, weise diesem Herrn nicht so schroff die Thür! Denn gerade er, Mr.

Berken, will uns ja dazu verhelfen, daß der waghalsige Plan, der schon

längst in Deinem Kopfe reifte, aber stets wieder vereitelt wurde, wirklich

einmal zur Ausführung gelangt. Ich flehe Dich an, Frank, lasse diese gute

Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen! Denn ohne energischen Beistand

käme es nie -- nie dazu!« sprudelte das schöne Weib in flammender

Begeisterung für die Sache wild hervor. »Du bist so gut und treu, voller

Liebe und Rücksicht für mich, aber dennoch bloß ein schwankendes Rohr

gegenüber der Macht und dem Willen Deiner Mutter!«

Ich war ebenfalls näher getreten und sah deutlich, wie eine heiße

Blutwelle Mr. Franks Stirn verdunkelte.

»Schweig, Maud! Du vergißt Dich. Dein noch unerfahrener Sinn setzt

Vorsicht und Pflichten außer acht!« raunte der Gatte unter keuchenden

Atemzügen ihr leise zu.

Allein sie beachtete diese Warnung nicht. In zwei Sätzen sprang die

graziöse Gestalt zu mir herüber, faßte stürmisch meine Hand und rief:

»So sagen Sie ihm doch, daß Sie alles wissen -- in alles eingeweiht

sind und den ganzen großen Jammer unserer Existenz entdeckt haben, Mr.

Berken!«

Da drang es wie ein schlecht unterdrückter Wutschrei über des Mannes

Lippen, der drohend die Faust nach dem lieblichen Haupte emporhob.

»Maud, -- Unselige! Du hast uns verraten!«

»Nein, Mr. Newland, Sie irren!« sagte ich, jetzt dicht an ihn

herantretend und mit festem Druck sein Handgelenk umspannend. »Der bloße

Verdacht allein ist schon eine Kränkung für Ihr treues, opfermutiges

Weib. Nicht sie hat den verhüllenden Schleier von dem düsteren Bilde

Ihres Daseins hinweggezogen, nicht Ihre Gemahlin hat mir die traurige

Wahrheit entdeckt, sondern mein eigenes warmes Interesse für ein Paar

bedauernswerte junge Menschen ließ mich Schritt für Schritt dem ersten

leisen Verdachte, den schon jener ominöse Koffer dort anregte, weiter

nachforschen. Auch nicht um Unheil zu stiften, Mr. Frank Newland, wie Sie

soeben voraussetzten, -- nein, einzig nur aus dem Grunde, um im Augenblicke

höchster Gefahr -- und solche ist jetzt vorhanden -- zu retten und zu

helfen!«

Er riß sich von mir los und rannte, mit beiden Händen den Kopf umfassend,

einigemal wie rasend durch das Zimmer.

»Wo -- wo ist Gefahr? Wer sagt das? Wer bürgt mir dafür?« rief er

heiser.

»Frank! Du selbst weißt es ja -- kennst das drohende Gespenst der

Verfolgung, welches Tag und Nacht über uns schwebt; weißt auch, was für

ein Mensch vor kaum einer Stunde bei Mrs. Emmerson Nachfrage hielt, weißt

ferner, daß der Boden unter unseren Füßen bereits wankend geworden!«

mahnte die junge Frau mit todesbleichem Gesicht. »Nur Mut und rasche

Entschlossenheit, Geliebter, und wir entfliehen dieser schauerlichen

Existenz, die ich verabscheue, die entwürdigend für uns ist! Zeige,

daß Du ein Mann bist, Frank -- ein Mann, der, dieser empörenden Tyrannei

anderer müde, sein besseres Ich herauswindet aus einer Bergeslast von Lug

und Trug. O! arbeiten und Dir beistehen will ich ohne Murren und Klagen

Tag für Tag, um uns ein neues Heim zu schaffen!« fuhr die junge Frau mit

überzeugender Wahrheit und bewundernswerter Beredsamkeit fort, -- »ein

stilles, friedliches Heim, welches allein uns gehört und worüber der dort

oben wachen soll, den wir so lange Zeit vernachlässigt haben! Frank, wenn

Du mich wahrhaft liebst, so folge diesem da, der es gut und ehrlich mit uns

meint!«

Überwältigt durch den Schmerz der hervorbrechenden Gefühle sank die

schöne Frau zur Erde nieder und umfaßte leidenschaftlich des Gatten Knie.

Ein Moment war das, der mich aller Zweifel und aller in mir sich regenden

Ungewißheit überhob. Jetzt wußte ich, daß der wunderbar stürmische

Drang in mir, diesem jungen Paare meine Hilfe zu bieten, höheren Ursprungs

war. Alle Bedenken, gerade durch diese Hilfe mich einer ungesetzlichen, ja

vielleicht gar strafbaren Handlung schuldig zu machen, zerflossen bei dem

Anblicke in ein Nichts.

»Mr. Frank Newland! Ich sehe, daß die Liebe zu Ihrer Frau bei Ihnen

größer ist, als zu sonst irgend etwas auf Erden, und daß diese Liebe

Ihnen dazu verhelfen wird, selbst das Schwerste zu überwinden!« sagte ich

mit einer Stimme, die die eigene tiefe Bewegung deutlich verriet. »Wollen

Sie fortan bedingungslos sich meiner Führung anvertrauen? Die Zeit ist

kurz. Jetzt gilt nur ein schnelles Entweder -- Oder!« Wie Wetterleuchten

zuckte es über sein bleiches Gesicht. »Zerreißen Sie mit fester Hand

jenes unwürdige Band, welches Sie noch an die Vergangenheit knüpft,

-- schauen Sie dafür mutig und mit Gottvertrauen in eine lichtere,

hoffnungsreiche Zukunft!«

Ungestüm hatte er, während ich sprach, die liebliche Gestalt zu sich

emporgezogen. Eine Weile hielten die Gatten sich umschlungen.

»Der Fluch der Mutter, -- grimmiger Haß von allen, die mir bisher

vertraut haben, -- ja, ein Leben der Not und Entbehrung, -- das ist es, was

uns sicher erwartet, wenn ich diese Fesseln sprenge! Würdest Du Dich auch

klagelos und willig einem vielleicht noch härteren Geschicke beugen, meine

Maud?« fragte der junge Ehemann so zärtlich und weich, wie man nur zu

einem Kinde redet.

Ein kaum unterdrückter Jubelschrei stieg aus der Gefragten Brust.

»Und wenn dieser Schritt meinen Tod bedeutete, ich könnte nicht ruhiger

und beglückter darüber sein, daß Dein Widerstand endlich gebrochen ist

und Du heimlich mit mir von dem Schauplatze unserer Leiden verschwinden

willst, Frank!« rief sie neu belebt und zitternd vor Erregung, indem sie

aus den sie umschlingenden Armen sich befreite und wieder zu mir herüber

eilte.

»Jetzt aber rasch zum Entschluß, Mr. Berken! Was soll geschehen?

Bestimmen Sie über uns!« flüsterte sie mir hastig zu.

Allein auch der vor kurzem noch so verschlossene und so schroff und starr

abweisende junge Mann reichte mir jetzt, wenngleich mit einem Ausdruck

bitterer Trauer, seine Hände entgegen, in die ich freudig einschlug.

»In spätestens einer Stunde werden Sie New York im Rücken haben und sich

auf dem Wege nach Kanada befinden,« erwiderte ich ernst und sehr bestimmt,

während beide mir mit ängstlicher Spannung lauschten. »Spurlos noch ehe

die Untersuchungen in jener traurigen Angelegenheit weiter fortschreiten,

müssen Sie und Mrs. Newland von der hiesigen Bildfläche verschwinden,

als ob der Sturm Ihre Namen hinweggeweht. Fort -- vergessen! Miß Emmerson

sagen Sie indessen, daß Sie anläßlich einer wichtigen Depesche mit Ihrer

Frau auf acht Tage zu verreisen gezwungen wären! Das genügt. Packen Sie

also die nötigste Garderobe und Wäsche in einen nicht zu großen Koffer.

Alle Ihre Sachen mitzunehmen, darauf müssen Sie leider verzichten, weil

das vielleicht Verdacht erregen könnte. Dann benutzen Sie den nächsten

Zug nach Montreal! Fürs erste jedoch, Mr. Newland,« -- fügte ich, indem

ich jenem ominösen Koffer ganz nahe trat, ein wenig zögernd und sehr

leise hinzu -- »schaffen Sie den gefährlichen Inhalt dieses Riesen

schleunigst aus der Welt!«

Er zuckte jäh zusammen und stotterte in höchster Verwirrung, während

eine fahle Blässe sein Gesicht überzog.

»So wissen Sie? -- nein, nein, das darf ich nicht thun, -- die

Mutter ...!«

»Sie dürfen auf niemanden Rücksicht nehmen! Denn ich ahne wohl, daß

hierin die schlagendsten Beweise zur Überführung einer gar schlimmen

Schuld für Sie enthalten sind, mein armer, bethörter Freund!« versetzte

ich freundlich. »Und diese Beweisstücke müssen unter allen Umständen

vertilgt sein. Dort drüben ist der Kaminofen. Was irgend brennbar ist, --

hinein in ein flackerndes Feuer. Das übrige packen Sie in eine schlichte

Reisetasche, die Sie mit sich nehmen und wie aus Versehen im Gedränge auf

dem Bahnhofe stehen lassen! Dann erst werden Sie frei sein gleich dem

Vogel in der Luft. Das leere Ungetüm hier wird nichts mehr verraten und

grabesstumm bleiben. Sie sehen, mein Plan ist gut und könnte wahrlich der

Intelligenz eines Amerikaners alle Ehre machen,« fügte ich ermutigend

hinzu. Denn es entging mir nicht, wie hastige, schwere Atemzüge über

seine Lippen stießen und er sichtlich zu kämpfen schien, mir mit neuen

Einwendungen entgegenzutreten.

»Und wohin sollen wir Ausgestoßenen, denen das eigene Vaterland nicht

mehr Raum und Schutz zu bieten vermag, uns wenden?« fragte er herb.

»Welche Aussichten, welcher Erwerb bietet sich uns auf englischem

Boden? Ich bin völlig fremd in Kanada, -- habe nicht die geringsten

Verbindungen ...«

»Eben deshalb ist es nötig, daß Sie dorthin Ihre Schritte lenken, Mr.

Newland!« gab ich ihm tröstend zurück. »Gerade dort, wo Sie fortan

leben werden, sollen Sie ein Fremder sein; auch sogar den Namen, den Sie

jetzt führen, müssen Sie hier zurücklassen!«

Bei diesen Worten stieg abermals eine dunkle Röte dem Unglücklichen über

die Stirn und finster, aber leidenschaftlich rief er:

»Der Name Newland gehört mir von Rechts wegen gar nicht. So hieß

nämlich der zweite Gatte meiner Mutter, der vor einem Jahre starb und

dessen verhängnisvolles, grausiges Vermächtnis eben jener Koffer dort

ist mit allem, was darin sich befindet und daran sich knüpft -- ein

Vermächtnis, das gleich einem Fluche auf uns lastet. Man soll den Toten

nichts Schlimmes nachsagen. Allein noch im Grabe verabscheue ich jenen

Mann, der sich erkühnte, mein Stiefvater zu heißen. ›Welch eine

Erscheinung!‹ hätten auch Sie bei seinem Anblick sicher ausgerufen.

Im Äußeren glich er einem Heroen an Größe, Körperkraft, wie auch an

Geist. Bestechend und verführerisch klang jedes Wort, mit dem er in die

ahnungslose Menschenseele sich einzuschmeicheln verstand. Doch wer ihm

unterlag, der saß fest in den Fangarmen des Teufels. Ein dämonischer

Tyrann war er und hat meine unselige Mutter zu dem gestempelt, was sie

jetzt ist, -- zu einer geldgierigen Megäre, die heute noch einzig nur in

den Fußstapfen des ihr teuer gebliebenen Verblichenen wandelt. Aus

mir aber ...« -- tief schöpfte er Atem -- »aus mir hat er einen der

routiniertesten, gefährlichsten Falschmünzer Amerikas gemacht, -- ha, ha,

ha! Das war ein Meister, wie es keinen zweiten giebt!«

»O Franky! So lasse doch die alten Erinnerungen!« bat meine kleine blonde

Freundin zärtlich, indem ihr die hellen Tropfen über das süße Gesicht

herabrieselten.

»Nein, nein! Jetzt muß ich reden!« erwiderte der junge Mann heftig.

»Sie, Mr. Berken, sollen wenigstens erfahren, daß ich zu solch

schmachvollem Berufe verführt -- gezwungen wurde, daß nicht die Gier und

die Lockungen nach mühelos erworbenen Schätzen mich dazu verleiteten!

Beim Allmächtigen, der sich gnädig meiner erbarmen möge, -- ich habe

den schnöden Mammon stets gehaßt! Denn er allein ist der Satan, der

die Menschheit verdirbt und erniedrigt! Was spreche ich doch von mühelos

erworbenem Gelde? Wer hat gearbeitet Nacht um Nacht über Wagstücken, die

oftmals doch mißlangen? Wer hat die Schweißtropfen saurer Mühe hergeben

müssen für solches Teufelswerk? Ich war's -- ich that's, Mr. Berken, weil

ich zu schwach -- zu feige war, mich loszureißen! Geknirscht und geflucht

habe ich oft in ohnmächtigem Zorne. Doch der böse Blick der Mutter, in

welchem ich noch fortdauernd den Dämon meines verfehlten Lebens -- den

Meister -- den Stiefvater zu schauen wähnte, -- er hielt mich gleich einem

Knechte in Zucht und Banden! Aber das Maß ist voll, -- länger ertrage ich

es nicht!« rief er fast schluchzend. »Um ihretwillen, die mein Licht

und Trost ist,« -- das sterbensmüde Auge traf der Gattin aufstrahlendes

Gesicht, »um ihretwillen reiße ich das Band, was mich an diejenige

bindet, die mich geboren, in Stücke!« Ich schaute nach der Uhr und

fragte, in der Absicht, ihn von dem schmerzlichen Thema abzulenken:

»Darf ich den Wagen für Sie bestellen, Mr. Newland?«

Wie aus tiefem Sinnen fuhr er auf und nickte halb gedankenvoll:

»Ja, ja -- den Wagen -- fort!«

»Auch möchte ich Ihnen hier noch eine Adresse für Montreal überreichen,

Mr. Frank? ... Ja, wie ist denn Ihr wirklicher Name?«

»Wilson!« entgegnete er kurz.

»Also, Mr. Wilson! Ein sehr intimer Freund von mir, ebenfalls

ein Deutscher, hat dort eine renommierte und gesuchte Law-Office

(Rechts-Bureau). An diesen ganz vortrefflichen Mann habe ich Sie als

tüchtigen, intelligenten Arbeiter empfohlen, da ich durch Ihre Gemahlin

weiß, welch gründliche Bildung Sie genossen, und daß ein Wissen in Ihnen

steckt, wie junge lebenslustige Amerikaner es sich sonst selten anzueignen

pflegen. Ein Wort von mir genügt, Ihnen den Anfang zu einer vielleicht

sehr lukrativen Laufbahn zu eröffnen, und gingen Sie somit im Auslande

keiner allzu trüben Zukunft entgegen. Die Hauptsache ist natürlich,

daß Sie mit Lust und Energie einen Ihren Kenntnissen angemessenen Beruf

ergreifen.«

»Mein Gott, das ist zu viel, -- das bin ich nicht wert!« stöhnte der

Überraschte kopfschüttelnd. Es zuckte dabei aber doch ganz seltsam

freudig um seinen Mund.

Meine kleine blonde Freundin schlug indes die Hände vor das Gesicht und

schluchzte laut.

»Haben Sie das nötige Reisegeld?« forschte ich, durch nichts beirrt, mit

der ernsten, trockenen Stimme eines Inquirenten weiter, obgleich mir selbst

vor innerer Bewegung der Ton im Halse stecken zu bleiben drohte.

Eine lange Pause erfolgte. Dann zog Mr. Frank Wilson mehrere

50 Dollar-Billets aus seinem Taschenbuche, zündete am Tische eine Kerze

an und hielt, ohne zu sprechen, noch zu zucken die Banknoten darüber, daß

alsbald die hellen Flammen um seine Finger spielten.

»Ist denn der Mensch toll geworden!« hätte bei diesem seltsamen Gebahren

ein anderer vielleicht gedacht und solchen Frevel zu vereiteln gesucht.

Ich aber rührte mich nicht von der Stelle. Denn gerade jenes anscheinend

kopflose Experiment redete für mich eine stumme Sprache. Das, was dort

eben in Rauch aufging, waren ja auch nur elende Falsifikate; Lug und Trug

war es --, die schauerlichen Früchte seines arbeitsschweren Daseins, an

denen, wie er selbst gesagt, die Schweißtropfen saurer Arbeit hingen!

Armer Frank! So kurz und straff hielt diese entsetzliche Mutter ihren

einzigen Sohn im Zügel, daß sie ihm nicht das nötigste Geld zur

Verfügung stellte -- aus Angst, er könne doch endlich einmal ihrer

Tyrannei heimlich entfliehen! In diesem Augenblicke überkam es mich wie

eine wahre Wollust, jenem entmenschten Weibe einen Streich spielen zu

können.

Mit zu Boden gesenkten Wimpern stand der Bedauernswerte vor mir. Welch

beschämende Gefühle mochten in ihm sich regen! Daher schritt ich rasch an

ihn heran und legte meine Rechte sanft auf seine Schulter.

»Lassen wir Vergangenes ruhen, mein Freund! Ich begreife und verstehe

alles und beklage Sie tief. Und doch ist es am Ende besser so, damit Sie

mit Ihrer Flucht aus New York niemandem -- verstehen Sie wohl: niemandem

mehr verpflichtet sind. Hier, Mr. Frank Wilson, lege ich 500 Dollars

auf den Tisch, als ein Darlehen, was hoffentlich zum Beginn einer neuen

Existenz ausreichen wird! Sie werden arbeiten und später guten Verdienst

haben, davon bin ich überzeugt.«

Abwehrend erhob er seine Hände.

»Nun, was wollen Sie?« setzte ich schnell und lächelnd hinzu. »Ohne

Geld kann man nicht reisen, und bleibt Ihnen somit gar nichts anderes

übrig, als meine Hilfe anzunehmen. Im übrigen bin ich auch weit davon

entfernt, diese Summe als verloren zu betrachten. Denn fürs erste bin ich

selbst durchaus kein reicher Mann, und zweitens weiß ich ziemlich sicher,

daß Sie die kleine Schuld mir nach und nach zurückzahlen werden. Sind Sie

demnach mit diesem Geschäfte zufrieden?«

Einem Traumbefangenen gleich stand er vor mir und stotterte nur ein paarmal

hintereinander:

»Ich danke -- danke Ihnen, mein Herr!«

Seit ich mein deutsches Vaterland verlassen, war, glaube ich, eine

ähnliche Anwandlung von Rührung und seelischer Befriedigung nicht über

mich gekommen, als zu jener Stunde, die mit allen ihren Einzelheiten klar

und fest sich bis zum heutigen Tage meinem Gedächtnis eingeprägt hat.

Stillschweigend hatte ich meinen Hut ergriffen und gedachte mich unbemerkt

zur Thür hinauszuschleichen. Allein der blonden Frau war meine Absicht

nicht entgangen. In stürmischer Hast rannte sie mir nach und faßte

beinahe leidenschaftlich meine Rechte.

»Nein, so dürfen Sie nicht fort, Mr. Berken! O, es sieht Ihnen ganz

ähnlich, daß Sie unseren Dankesworten sich entziehen wollen! Die wahre

Großmut ist ja immer still und bescheiden, und ihr Deutschen seid alle

von Natur so edel! Wirklich grausam wäre es gegen uns, nicht noch einen

letzten, warmen Händedruck, einen letzten Abschiedsblick des einzig

wahren, teilnehmenden Freundes für unser armseliges Geschick zu

erhalten!«

So klang es in schmelzenden Tönen an mein Ohr. Wehmütig lächelnd blieb

ich stehen, indem nun auch Mr. Wilson sich mir näherte und mit stummem

Schmerze mir ins Auge schaute.

»Leben Sie wohl, Mr. Berken!« sagte er, nachdem er seiner sichtlichen

Bewegung endlich Herr geworden. »Was _Sie_ vollbracht haben, ist eine

That, welche mit der Dankbarkeit eines ganzen Lebens kaum gelohnt wäre,

und die nur Gott zu vergelten im stande ist! Sie werden von uns hören.

Leben Sie wohl!«

Noch einmal schüttelten mir die beiden Verwaisten -- diesen Eindruck

machten sie auf mich, als sie, Arm in Arm, tiefste Wehmut im Angesicht, mir

gegenüberstanden -- die Hände. Dann schloß sich die Pforte hinter mir

und ich stand auf dem Vorsaal.

Indes schien jetzt durchaus keine Zeit mehr, sich schmerzlichen Gefühlen

und Reflexionen hinzugeben. Die Uhr zeigte 6½ und der Zug, welchen das

junge Paar benutzen sollte, verließ New York in einer Stunde. Rasch sprang

ich die Treppe hinab. Unglücklicherweise begegnete mir im Vorsaal, wo die

Parlours mündeten, Miß Emmerson.

»Nun, wohin so eilig, Mr. Berken? Sie sehen ja ganz erhitzt aus,« warf

die Dame lächelnd hin.

»Es ist oben in meinem Zimmer eine Bärenhitze und möchte ich mit der

offenen Car (Pferdebahnwagen) etwas hinaus in den Central-Park fahren,«

log ich mit abgewandtem Gesichte.

»So? Dann werden Sie zum Essen schwerlich zurück sein -- hm!« Eine Weile

sah sie mir kopfschüttelnd und durchdringend in die Augen. »Nun, ich bin

weit davon entfernt, Sie mit indiskreten Fragen zu belästigen. Aber --

an der Nase sehe ich es ja Ihnen an, daß irgend etwas faul ist im Staate

Dänemark. Dazu kenne ich Sie zu genau. =Well=, über das =dinner= machen

Sie sich nur keine Sorgen! Für Sie wird es aufbewahrt. Viel Vergnügen,

Mr. Berken!« Damit schritt meine alte Freundin majestätisch ihres Weges.

Jedenfalls muß ich ein sehr dummes oder verblüfftes Gesicht gemacht

haben, und war wirklich froh, als ich draußen in frischer Luft mich

befand. -- --

Erst gegen 8 Uhr abends kehrte ich nach planlosem Herumstreifen in der

City zurück, weil ich es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig

erachtete, daß die Abreise der Wilsons sich ohne meine Anwesenheit

vollzog.

Unbefangen betrat ich das Speisezimmer, wo in der That noch ein gedecktes

Couvert für mich auflag. »Gute Miß Kathe!« dachte ich befriedigt; denn

ich war hungrig und freute mich auf eine kräftige Mahlzeit. Allein nichts

verriet mir in der nächsten Viertelstunde, daß irgend etwas Besonderes

im Hause vorgefallen. Der aufwartende Neger machte ein völlig indifferent

stumpfsinniges Gesicht und die das Diningroom zufällig passierenden

Logiergäste begrüßten mich nur mit einem kurzen »=Good evening=,

Mr. Berken!« Trotzdem aber lag es mir wie eine Gewitterschwüle auf dem

Gemüte. Waren meine Schützlinge unbehindert und glücklich fortgekommen?

Zu fragen wagte ich nicht, hoffte daher auf einen günstigen Zufall, der es

mir verraten würde.

Wirklich, als ich nach beendetem Speisen die Treppe nach meinem Zimmer

emporstieg, trat Miß Emmerson aus den von dem jungen Paare bewohnten

Gemächern heraus auf den Flur. Wir stutzten beide, und alsbald drang ein

sonderbarer Geruch nach verbranntem Papier durch die geöffnete Thür mir

entgegen.

»Ah -- zurück?« fragte sie leichthin, doch merkte ich bald, daß in dem

sonst freundlichen Gesichte ein merklich ernster Ausdruck lag.

»Ja, Miß Emmerson! Und ich habe mir soeben Ihre vortrefflichen Gerichte

schmecken lassen!« erwiderte ich mit möglichster Heiterkeit.

»Nun, _mein_ =dinner= ist mir heute recht gestört worden durch die

sonderbare, fluchtartige Abreise zweier meiner Gäste!« war ihre etwas

scharfe Antwort.

»Fluchtartige Abreise?« fragte ich mit einer äußerst wohlgelungenen

Miene des Staunens, wodurch die alte Dame sofort veranlaßt wurde, halb

befriedigt und freundlicher den Kopf zu wiegen.

»Nun, ich dachte mir eigentlich, daß Sie vielleicht etwas mehr von diesen

Leuten wüßten, weil die kleine Blondine mit den Taubenaugen bei Tische

immer so zutraulich zu Ihnen redete, und Sie, Mr. Berken, heute so

sonderbar! ... Na, einerlei -- die Newlands sind fort!«

»Alle?« entfuhr es etwas unbedacht von meinen Lippen.

»I bewahre! Nur das junge Paar -- scheinbar nur auf eine Woche, wie das

Frauchen schüchtern mir versicherte! Doch ich möchte, obgleich hier

drinnen in den Schränken noch alles voll Sachen hängt, die höchste

Wette eingehen, daß es auf Nimmerwiedersehen ist. Das kommt aber bei solch

leichtsinniger Sippschaft gar nicht darauf an. Nebenbei haben sie in den

Zimmern einen Gestank zurückgelassen, als ob mindestens zwei Zentner

Makulatur verbrannt worden wären. Als ich hineintrat, mußte ich wohl

zwanzigmal hintereinander niesen und konnte vor Rauch die Augen kaum

aufthun, so daß ich schon fürchtete, man habe mir die Bude über dem

Kopfe angesteckt. Aber schließlich kann es mir ja gleichgültig sein!«

argumentierte Miß Kathe lebhaft weiter; »denn bezahlt ist alles bis zum

Ersten, -- und mit den übrigen mache ich morgen früh auch ein Ende. Die

rasche Abreise der beiden ist mir einzig nur des Geredes im Hause wegen

fatal, zumal ich, wie Sie wissen, ohnedem schon heute Nachmittag einen

heiklen Besuch erhalten.«

»Auf keinen Fall würde ich es beklagen, daß die jungen Newlands fort

sind!« versetzte ich, höchst gleichgültig das Gähnen unterdrückend.

Doch spähte ich trotzdem neugierig durch die halbgeöffnete Thür ins

Zimmer hinein. »Die Alte wird schöne Augen machen, wenn sie bei ihrer

Rückkehr die lieben Kinder nicht mehr findet, Miß Emmerson!«

»O, die hat längst von der Flucht gewußt! Das war alles geplant und

abgekartet.«

»_So_ -- glauben Sie?«

»Sicherlich! Ich wundere mich nur, daß _Sie_, Mr. Berken, bei Ihrem

scharfen Beobachtungstalente nicht auch Wind davon gekriegt haben!«

Ich lachte sie heiter an.

»Wer wird so mißtrauisch sein, Miß Kathe. Was gehen _mich_ denn diese

Menschen an? Wahrlich, ich habe ja gar keine Zeit dazu, mich so viel um den

lieben Nächsten zu bekümmern.«

Die alte Dame schien völlig beruhigt, und freundschaftlich wünschten wir

uns gegenseitig =Good night!= --

Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht nicht viel geschlafen habe

und erst wieder frei und beruhigt aufzuatmen begann, als mir am nächsten

Morgen ein Telegramm überreicht wurde mit dem kurzen, aber für mich

bedeutungsvollen Inhalt: »Glücklich Montreal angelangt, Wilson.« Mit

seelischem Behagen kleidete ich mich an und mußte wirklich lachen, welch

ein von Bosheit und Schadenfreude blitzendes Gesicht mir heute aus dem

Spiegel entgegensah. Jetzt gab es ja noch einen Hauptspaß, nämlich

das stille Beobachten der alten Newland, wie deren elegisch angehauchten

Tochter und des ehrenwerten Mr. Fowler beim Frühstück. Denn daran, daß

die Gesellschaft überhaupt kommen würde, zweifelte ich keinen Augenblick.

Schon, um jeden Verdacht von sich abzulenken, mußten sie sich diesen

Morgen zeigen.

Daher begab ich mich ein wenig früher als gewöhnlich hinab, um die

Personen, in deren Dasein ich ohne ihr Wissen eine so bedeutende Rolle

gespielt, sofort beim Eintreten ins Speisezimmer aufs Korn zu nehmen. Wer

aber beschreibt meine Überraschung! In der Halle, an der weit geöffneten

Hausthür, durch die ich eine elegante Equipage vor dem Hause halten sah,

standen Mrs. Newland und ihre Tochter, völlig reisefertig, im Begriff,

sich von Miß Emmerson zu verabschieden, und deutlich vernahm ich noch die

seltsamen Worte:

»Der arme Frank! Er leidet zuweilen an schlimmen Anfällen von

Geistesstörung, was seine kindische junge Frau durchaus nicht zugiebt.

Ich fürchte, daß seine unmotivierte plötzliche Abreise abermals ein

trauriger Beweis ist für diese nicht mehr abzustreitende Thatsache. Ellen

und ich müssen uns daher schleunigst auf die Suche der beklagenswerten

Kinder begeben und können daher leider die Annehmlichkeiten Ihres Hauses

nicht länger genießen, meine teure Miß Emmerson! Major Fowler wird indes

noch bis morgen hier bleiben und dann mit unserm Gepäck nachfolgen.«

Jetzt schritt ich unbefangen und unerschrocken die letzten Stufen der

Treppe, auf der ich stand, hinab, so daß ich nur noch wenige Fuß breit

von den Damen entfernt war. Mit einem höflichen: »=Good morning!=«

lüftete ich den Hut. In demselben Augenblick aber fuhr Mrs. Newlands Kopf

nach mir herum, und ich vermochte voll in ihr Angesicht zu schauen.

Ich habe wohl davon gehört, daß blühende, gesunde Menschen durch Kummer,

seelischen Schmerz oder körperliche Leiden binnen weniger Monate ein

vollständig verändertes Aussehen erhalten können. Diese bisher noch so

rüstige Frau hatte aber eine einzige Nacht zur Greisin umgewandelt.

Doch nicht der Ausdruck milder, friedlicher Ruhe lag über dem gefurchten

Gesicht, -- nein, eine grauenhafte, grinsende Verzerrung, welche zu

verbergen ihr nicht gelang, zuckte zuweilen darüber hin. Vor diesem

Anblick schauderte ich innerlich und gedachte des Hauptes der Medusa.

Zwar traf mich nur ein einziger Blick der in stiller Angst, in Grimm und

Wut flackernden dunklen Augen, doch er genügte, mir zu verraten, daß die

fürchterliche Kreatur mir auf dem Grunde der Seele zu lesen beabsichtigte,

und daß ihr scharfer Verstand sie doch vielleicht auf die richtige Spur

geleitet. Wie aus Erz gegossen, mit keiner Wimper zuckend, stand ich vor

ihr. Mir erschien dies jetzt schon als Anfang der Vergeltung, die früher

oder später über diese geldgierige Megäre, wie der eigene Sohn sie

benannte, unfehlbar hereinbrechen mußte. Nochmals verbeugte ich mich kühl

und schritt an ihr vorüber dem Speisezimmer zu.

Das war auch das letzte, was ich von Frank Wilsons Mutter jemals wieder

geschaut. -- --

Zwei Tage später brachten die New Yorker Zeitungen von neuem allerlei

Gerüchte über die vermeintlichen Falschmünzer, unter anderem die

Nachricht, daß die Polizei sich die gefährlichen Vögel jedenfalls

wieder habe aus dem Garn fliegen lassen. Wenigstens sei auf einem der

City-Bahnhöfe eine ominöse Reisetasche, vollgepfropft mit allerlei

äußerst verdächtigem Werkzeuge nebst Zubehör, aufgefunden und mit

Beschlag belegt worden, und könne das wohl zu dem Schlusse berechtigen,

daß die verbrecherischen Eigentümer derselben längst über alle Berge

wären. --

Nach etwa sechs Monaten erhielt ich die ersten ausführlicheren Nachrichten

von meinen Schützlingen in einem Briefe, dem ein Check über 150 Dollars,

zahlbar an der Bank von Montreal, beigeschlossen war. Es war Mrs. Maud

Wilson, die mir schrieb; doch mußte ich bei dem Lesen öfters eine Pause

machen, weil eine eigentümliche Rührung mich überkam. Fast Seite um

Seite füllten nur rührende Dankesworte das Papier. Dieses Geld -- so

meldete sie -- sei die erste Rate ihrer Schuld; indes dürften sie nicht im

mindesten deshalb darben. Frank habe einen brillanten Verdienst! -- Und

was stand da noch in diesem Briefe? Von nie gekanntem Glück, von seligem

Frieden und einem süßen, trauten Heim erzählten die Zeilen --; ferner

wie Frank arbeite von früh bis spät, wie einfach und anspruchslos er sei

in seinen Bedürfnissen, aber auch, wie geachtet und geliebt er sei

von seinem Chef und von allen, mit denen er verkehre! »Ist dieses

gottgesegnete Leben jetzt nur eine himmlische Illusion oder haben wir

früher einen bösen Traum geträumt? O, möchte doch die Vergangenheit

gänzlich ausgelöscht sein!« So schloß die junge Frau ihr langes

Schreiben.

Und sie blieb es wirklich. Denn Frank Wilson ist bis zum heutigen Tage nie

mehr an jene Schreckensperiode seines Daseins erinnert worden. Als ich ihn

nach langer Zeit, völlig zum Manne herangereift, wiedersah, und er mir

stumm, doch mit strahlender Seligkeit im Auge, sein einziges Söhnlein,

einen prächtigen, blonden Jungen von etwa einem Jahre, entgegenreichte, da

wußte ich genau, daß sein einst so verhärtetes, umdüstertes Gemüt

nun endlich Frieden gefunden im Schönsten, was eine weise Hand zu unserem

Segen und Frommen geschaffen -- im eigenen Heim. -- --

Und Mrs. Newland?

Weder mündlich noch schriftlich habe ich jemals den Sohn nach seiner

Mutter zu fragen gewagt. Doch _sie_, die für und für des geprüften

Mannes »Licht und Trost« blieb, die ihm vertraut und an ihm gehangen in

den schrecklichen Tagen des Elends, -- sie flüsterte mir, in dem ihr auch

später noch anhaftenden, fast jungfräulichen Liebreiz einmal ins Ohr,

daß Franks Mutter mit Ellen auf großem Fuße in Paris lebe. Woher sie

diese Kunde erhalten hatte, war mir zu wissen gleichgültig, und ich

fragte nicht danach. Allein irgend welche Gefahr fürchtete ich für meine

Schützlinge nicht mehr. -- --

Druck von Greßner & Schramm in Leipzig.

[ Hinweise zur Transkription

Im Originalbuch tragen die Titelseite, die Kapitelüberschriften und die

Kapitelenden einfachen floralen, die Kapitelanfänge ornamentalen Schmuck,

auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua= (Römische

Zahlen wurden nicht gesondert markiert).

Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 8:

im Original "hatten die Fremden es verstanden sich bald"

geändert in "hatten die Fremden es verstanden, sich bald"

Seite 9:

im Original "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salons"

geändert in "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon"

Seite 9:

im Original "»M'a«!"

geändert in "»M'a!«"

Seite 11:

im Original "das bißchen Silber dazu geommen"

geändert in "das bißchen Silber dazu genommen"

Seite 15:

im Original "»Das ist wirklich originell, hahaha!"

geändert in "»Das ist wirklich originell, hahaha!«"

Die Zeitungsannonce wurde durch Einrückung markiert.

Seite 16:

im Original "Ich bin überzeugt, daß fast jede"

geändert in "»Ich bin überzeugt, daß fast jede"

Seite 17:

im Original "Bibliothek um ein für sein Geschäft wichtiges Werk"

geändert in "Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk"

Seite 20:

im Original "trat Mrs. Clark zum Ausgange gerüstet, noch einmal"

geändert in "trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal"

Seite 37:

im Original "_Berlin_, 14. Januar 18.."

geändert in "Berlin, 14. Januar 18.."

Zur Angleichung wurde die Sperrung der Ortsangabe aufgehoben.

Seite 41:

im Original "das Licht, der armseligen »Motte« zu folgen?«

geändert in "das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?«

Seite 46:

im Original "Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«"

geändert in "»Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«"

Seite 59:

im Original "Geheimnis, daß Deinen wilden, zügellosen Freund"

geändert in "Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund"

Seite 61:

im Original "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich«"

geändert in "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«"

Seite 78:

im Original "Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war"

geändert in "»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war"

Seite 92:

im Original "Unsere guten Newtows sind Menschen, welche"

geändert in "Unsere guten Newtons sind Menschen, welche"

Seite 95:

im Original "»Sie irren, mein Herr! entgegnete ich"

geändert in "»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich"

Seite 113:

im Original "Nur bildeten Mokassins die Fußbegleidung"

geändert in "Nur bildeten Mokassins die Fußbekleidung"

Seite 118:

im Original "es sich kaum bezeichnen -- am Brodway"

geändert in "es sich kaum bezeichnen -- am Broadway"

Seite 125:

im Original "Mein Blick war plötz- auf etwa"

geändert in "Mein Blick war plötzlich auf etwa"

Seite 128:

im Original "»Ich staune über sie, Madame!«"

geändert in "»Ich staune über Sie, Madame!«"

Seite 129:

im Original "Was mir an-anfänglich schwer und ungewöhnt ist"

geändert in "Was mir anfänglich schwer und ungewöhnt ist"

Seite 135:

im Original "Sonne ihre glühenden Strahlenbündel anf den"

geändert in "Sonne ihre glühenden Strahlenbündel auf den"

Seite 143:

im Original "die Mutter von Frank Newland. sowie"

geändert in "die Mutter von Frank Newland, sowie"

Seite 147:

im Original "»Der »New York Herald« wird zum Beispiel"

geändert in "»Der ›New York Herald‹ wird zum Beispiel"

Seite 163:

im Original "»der Zweck heiligt die Mittel«"

geändert in "›der Zweck heiligt die Mittel‹"

Seite 168:

im Original "»Welch eine Erscheinung!«"

geändert in "›Welch eine Erscheinung!‹" ]

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 19 / 19 题