Dein Gilbert.«

* * * * *

(24 Stunden später.)

»Herzensfreund!

Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe,

ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner

Künstlerlaufbahn jemals erlebte.

Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte;

aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen -- mit ihr -- mit mir --

mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer

Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn

solchen Glückes auch wert?«

Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte

oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen

Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? -- --

Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes,

weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach

meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog

es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in

den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen

Gedanken und Empfindungen. Ich wußte -- fühlte, daß ein veredelnder

Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte

sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als

der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen

Briefen noch zur Genüge studieren konntest, -- nein, nein, und tausendmal

nein! -- nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten,

der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort

»Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand.

Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das

wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig

schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen.

Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze

vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. --

Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst

war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht

zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte

sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger

Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich

von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht

bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe

Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher

zuerst nur an sich selbst dachte!

Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort

steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt

bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm,

im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne

ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner

Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich -- alles

mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach

unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür

nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. -- Da

-- da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von

dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen -- ich

taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen -- meines Kindes ist's, was

ich vernehme.

Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, -- keine Macht der Erde hätte

mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht -- und befinde mich alsbald

in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte

das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch

deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen:

»Gilbert!«

Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet

der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem

Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner

Frau Schwiegermutter -- machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen

den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam,

am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt,

den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen

flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«

Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust

liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand,

woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin

und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.

»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust

Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« --

Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht,

leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte

genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm.

Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald

selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen

stets getreuen Freund Gilbert.«

Aus Großtantchens Hofdamenleben.

Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen

Großvaters noch vor meinem Geiste.

Damals -- lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen -- imponierte

mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem

Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens

Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von

vierundneunzig Jahren gewaltig.

Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen

gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer

Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte,

um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll

von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen,

da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte

zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir

nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses

mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen

ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und

Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer

längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten

Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch

Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die -- nach

meiner Idee -- den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das

alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette.

Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der

Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht,

-- heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft

verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines

Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches,

witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein

wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei

solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen,

Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen

erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie,

unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das

lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz

ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen

vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige

Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern.

Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen

Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr

reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden,

dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor

meinen Augen auf.

In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das

amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel,

dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin

kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den

überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit

wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut

den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann

reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir

zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken,

verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen

sein soll. Ganz besonders aber war es _ein_ Name, der ihre matten Augen

stets in merkbarem Feuer aufflammen machte.

Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit

Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und

Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt

und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals

versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb

berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen

Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen

Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig

Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir

eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als

für den großen Kaiser Napoleon.

»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf

Großtantchen -- noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und

deren mannigfache Enttäuschungen -- seufzend erwiderte, daß der Stolze,

Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals

Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte

eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so

blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte

eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben.

Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei

jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher

auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus

Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell

erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend

Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie

wahrheitsgetreu nacherzähle:

»Der Kaiser -- der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften

kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser

herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige

Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs

erste noch nichts. Mir genügte, daß er _kam_, daß ich ihn sehen, daß

meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er _gestreift_! Eines

Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren

Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen

vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und

Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich -- ich

glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr -- nahm meine Gebieterin mir das

Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen.

»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war

die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen

Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang.

»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist

weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun

aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen

möge! Denn -- denn ...‹

»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf

die Stirn küßte und zur Thür hinausschob.

»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer

durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre,

andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den

endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts

bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung _allein_ zurücklegen zu

müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß

aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei

gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr

noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst

haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen

Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte.

»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte

das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das

gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel

hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen

gewölbten Wänden wieder! -- Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte

ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter.

Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten

Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete,

glücklich erreicht, -- da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder

schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir

gerade entgegen.

»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich,

der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen

des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste

Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern

meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange

aufzubleiben beliebte.

»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen,

energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So

mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich,

wie fatal! Jetzt -- neugierig spähe ich -- trotz meines fieberhaften

Herzklopfens -- mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum

an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte

Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und

stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen

ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter

Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen.

»Da -- ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses

entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast

springen vor Angst und Scham -- da vertritt der Unverschämte mir schnell

und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch

noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges

Figürchen stürmisch an die Brust.

»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es

würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches

Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst.

Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem

Kopfe nieder, und -- ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam,

brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen!

»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes

Hoffräulein, so =sans façon= zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das

konnte -- das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen.

»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle

Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig

zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem

Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen

Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun

direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen.

»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon -- mein angebeteter Held -- mein

Ideal war es!!

»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so

hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht,

ob es Todesschreck -- ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung

raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb

betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein

Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts.

»›=Adieu, ma belle! Au revoir!=‹ tönte ein heiterer, merklich

spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch

links schauend, stürmte ich meines Wegs -- die Treppe hinan und erreichte

atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. -- --

»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers

Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige,

überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige,

nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen

Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die

glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer

gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen

zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer,

welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in

Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments.

Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm

verwöhnten Mannes Haupt. --

»Endlich -- Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich

warten zu lassen -- endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender

Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser

in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ...

»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick

die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten

Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den

Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen

Trotz um den festgeschlossenen Mund, -- so kam er dahergeschritten. Nun

erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und

das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem,

indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen.

»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur

zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches

Teil hübscher als ich. Allein gerade an _meiner_ unbedeutenden, kleinen,

zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten

haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment

war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich

gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich

finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die

stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten.

»Was war das? -- Hatte er mich wiedererkannt? -- War diejenige, welcher

sein heiterer Zuruf: ›=Au revoir, ma belle!=‹ gegolten, vielleicht

nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O,

daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den

Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen!

»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur

mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den

Gemächern der Frau Herzogin. --

»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der

Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. --

»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später

meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur

dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon

gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im

übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in

Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht

klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden.

Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen

sollte!« --

Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes

wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich

gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte

sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal

-- mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« -- -- --

Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und

erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer

unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige,

kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf

goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt.

Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es

leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte

besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil,

so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir

gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen

Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen

Hofdamenzeit mitzuteilen.

»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon

zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden

weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit

verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem

Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon

mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine

allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein

der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer

Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe:

»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete

schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten

von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das

gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen

geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose

Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum

teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer!

»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase

in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges

verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das

unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür

zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld

vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus

kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein

dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie

allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte

sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen

Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt.

»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr

empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn

entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner

unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht

allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen

Kriegslasten zu entbinden.

»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und

beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar

über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus

nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist

sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in

einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale

bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen

und Denken, ja die Seele eines _Weibes_ zu besitzen und bemühte sich

daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem

Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge,

die im Gesichtskreise der Frau liegen.

»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte

sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen.

»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu

seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den

schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang

wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen

Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer

turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte.

»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins,

zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb

griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen

Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die

vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren

Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich

graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte.

»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter

beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren

Zeit, sondern nur um seichte französische Romane -- Hofklatsch und --

Toilettenangelegenheiten!

»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei

von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin

erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer

eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit

erheischte die allergrößte Rücksicht.

»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin

sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und

Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch

zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte.

Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich

höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen

oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre

geben sollte.

»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand,

glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als

wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch

leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original

bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den

Weltbezwinger zu diesem Schritte -- persönlich nach X. zu kommen --

veranlaßten.

»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die

denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm

gebührenden Empfang zu bereiten.

»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht

unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl

kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen,

-- nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche

des Kaisers gethan.

»Vielleicht sollten wir, die am Hofe befindlichen weiblichen Elemente,

alle in Schatten gestellt werden.

»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war, ließ in ihrer

edlen Herzensgüte und rührenden Bescheidenheit alles über sich ergehen.

Daher hatte auch Seine Durchlaucht, zweifellos um seine eigene Person

noch mehr zur Geltung zu bringen, den Empfang des hohen Gastes nach seinen

Privatgemächern verlegt, so daß wir übrigen eigentlich nur Staffage

bilden sollten.

»Vorausschicken muß ich noch, daß Napoleon dem Herzoge bereits

schriftlich die Stunde seines Besuches angekündigt hatte, und in diesem

äußerst huldvollen Briefe mit einfließen ließ, derselbe möge sich

irgend eine _Gnade_ vom Kaiser erbitten.

»Und der große mit Sehnsucht und Spannung erwartete Moment kam endlich!

War doch die Macht und das Ansehen des Mannes, der auf dem Wege war, sich

ganz Europa zu unterjochen, eine so große, daß hoch und niedrig, alt und

jung vor seinem bloßen Angesicht zitterte.

»Von seinen Generälen, Adjutanten und einem Kreise besonders bevorzugter

Männer umgeben, betrat Napoleon das mit verschwenderischem Luxus

eingerichtete, jedoch an ein mit verweichlichtem, üppigen Geschmack

ausgestattetes Frauengemach erinnernde Zimmer des Herzogs, in dessen Mitte

ein schwellendes Ruhebett stand, von dem sich eine dem Auge eines Fremden

ganz seltsam erscheinende Gestalt emporrichtete.

»Hinter meiner Gebieterin versteckt, vermochte ich des Kaisers Züge genau

und völlig unbemerkt zu beobachten, daher sah ich deutlich, wie plötzlich

ein heiteres, allein merkbar spöttisches Lächeln über das ehern finstere

Antlitz glitt und das durchdringende Adlerauge halb ungläubig, halb

staunend an dem sich seinen Blicken Darbietenden haften blieb.

»War das eine Komödie, eine ganz besondere Überraschung etwa, die man

ihm hier vorgeführt? Was bedeutet das? -- so mochte der hohe Gast wohl bei

sich denken, indem er sich jetzt mit fragendem Gesichtsausdrucke seitwärts

wandte, wo mit gesenkten Lidern und sich schüchtern verneigend, meine

Gebieterin stand! Dieser aus dem Kaiserauge sie treffende Blick war ebenso

demütigend als niederschmetternd, das fühlte selbst ich -- die Hofdame.

»Entsetzlich! In dieser merkwürdigen, von blaßrosa Seidenstoffen

umwallten Figur, deren entblößter Hals und Arme von kostbarem Geschmeide

strotzte, konnte Napoleon doch unmöglich den Herrn und Gebieter eines

deutschen Fürstenstaats, den regierenden Herzog von X. vermuten! So

weibisch verputzt, in fast lächerlichem Aufzuge, so jeder Männlichkeit

Hohn sprechend, hatte der Weltbezwinger sich denjenigen, dessen glühende

Anbetung er sich bisher stillschweigend gefallen ließ, doch nicht

vorgestellt. Deutlich sah ich die tiefe Falte des Unwillens über der

eisernen Stirn, welche nur zu wohl besagte, daß Napoleon sein Erscheinen

in unserem Schlosse bereits bereuen mochte.

»Den Herzog vielleicht ausgenommen, fühlten wir alle, daß dies ein

furchtbar peinlicher Moment war, und schien es den Herren aus des Kaisers

Suite wirklich Mühe zu kosten, Fassung und Contenance zu bewahren. Einige,

wenigstens die Jüngsten davon, hatten nicht übel Lust, aller Hofetikette

zum Trotz laut aufzulachen und ihrem Übermut und Witz die Zügel schießen

zu lassen. Andere bissen sich krampfhaft in die Lippen und sahen unverwandt

zu Boden.

»Obwohl es auch Napoleon noch immer sehr verräterisch um die Mundwinkel

zuckte, trat er jetzt mit hastigen Schritten der in ihrem zweifelhaften

Liebreize vor ihm stehenden rosaumhüllten Gestalt entgegen, maß dieselbe

mitleidigen, spöttischen Blickes und sagte in seiner bekannten schroffen

Art:

»›Fürwahr, ein sonderbarer Empfang! Aber Wir nehmen ein gegebenes Wort

niemals zurück. Durchlaucht dürfen Sich von Uns eine Gnade erbitten. Sie

soll gewährt sein. =Eh bien?=‹

»Die vollen weißen Arme verlangend nach dem Kaiser ausgestreckt, die

blauen Augen in einem Ausdruck schwärmerischer Sinnlichkeit zu des

Weltbezwingers Antlitz emporgeschlagen, flüsterte der Herzog mit

frauenhaft sanfter Stimme, aber laut genug, um von den Anwesenden

verstanden zu werden: ›=Un baiser, Sir!=‹

»Für Sekunden war es, als ob der lähmende Druck einer Erstarrung auf

uns allen lastete. Wahre Totenstille herrschte ringsum, weil wohl jeder

befürchten mochte, daß jetzt sicherlich ein brüskes, spottgefärbtes

Lachen oder gar der Ausbruch jenes zügellosen Zornes -- vor dem Europa

zitterte -- von den Lippen des Allgewaltigen hervorbrechen würde.

»Nichts davon. Trotzdem mir unter dem knappen Atlasleibchen das Herz in

wilden Schlägen hämmerte, verwandte ich von Napoleon keinen einzigen

Blick.

»Jetzt richtete sich die kleine Gestalt in der ihr eigenen hochmütigen

Weise stolz empor -- das stahlgraue Auge verfinsterte sich merklich, doch

ohne daß in den charaktervoll wie gemeißelt erscheinenden Zügen der

geringste Schimmer von Bewegung sichtbar wurde, stieß er schroff und

verächtlich hervor: ›=Vous êtes un fou! Adieu!=‹

»Sprach's und verließ, von seiner glänzenden Suite gefolgt,

unverzüglich das Gemach.

»So kläglich endete des Kaisers Besuch an unserem Herzogshofe.«

Unter dem Niagara-Falle.

Niagara-Falls, den 18. Oktober.

Teure Carrie!

Der glühendste Wunsch meines Lebens ist wirklich in Erfüllung gegangen.

Ich bin unter dem Niagara-Falle gewesen! Nicht allein, daß es mir

vergönnt war, das kolossalste Naturschauspiel unserer Erde zu bewundern,

in stummer, staunender Erstarrung versunken, die gigantischen Fälle in die

Tiefe stürzen zu sehen, während mir dabei ein eisiges Gruseln über jenes

Wunder durch die Glieder bebte, -- nein, Carrie, Herzensschwester, in

die berühmte =cave of the winds= (Windhöhle) bin ich mit Papa

hinabgestiegen! --

Von Goat-Island aus ist es möglich, unter die Fälle zu gelangen, oder

richtiger gesagt: unter den Raum zwischen der Felsenwand und den über

dieselbe hinabstürzenden Fluten des amerikanischen Falles. Kaum glaublich

ist das, und doch ist es nur der kleinste Teil der mächtigen Katarakte,

unter welche ein menschliches Wesen sich wagen kann.

Indes ist es durchaus nicht meine Absicht, Dir, Du Hasenfuß, der aus purem

Mangel an Courage sich an unserer schönen Partie nicht beteiligen wollte,

eine eingehende Naturbeschreibung zum besten zu geben. Wenn es Dich

interessiert, so nimm Dir ein Reisehandbuch vor, und Du bist schneller

orientiert, als ich es zu thun vermöchte. Nur von einem allerliebsten

Abenteuer muß ich Dir noch berichten. Denke Dir: ein Abenteuer unter dem

Niagara-Falle! So etwas erlebt ein einfacher Sterblicher, ein Mädchen von

neunzehn Jahren, und noch dazu eine Deutsche, nicht oft im Leben!

Höre also!

Der Fremden-Andrang an den Fällen war, wohl der vorgerückten Jahreszeit

wegen, nicht mehr sehr groß. Nur fünf Personen, darunter Papa und ich,

machten sich auf den Weg nach der Windhöhle; ich als die einzige Dame,

was meinen Stolz nicht wenig hob, besonders, da man mir von verschiedenen

Seiten das wirklich Gefährliche und Anstrengende unseres Unternehmens

klar zu legen sich bemühte. Vor allem war es ein junger Deutscher, --

die Visitenkarte, welche er uns reichte, lautete: »Arnulf Clemens,

Privatdocent. Berlin«, -- der fast außer sich darüber geriet, als er

erfuhr, daß ich die Herren begleiten, mein blutjunges Leben, wie er feurig

sich ausdrückte, diesen elementaren Mächten der Tiefe preisgeben wolle.

Er selbst habe den Weg durch die Windhöhle in wissenschaftlichem Interesse

schon einmal gemacht, kenne daher die gefährliche Passage ziemlich genau,

worauf er dann noch eine schauerliche Schilderung derselben folgen ließ.

Doch ich blieb unerschütterlich und lachte. Nichts in der Welt hätte mich

auch von meinem Vorhaben abzubringen vermocht. Hatte mein Widerstand den

Deutschen verletzt oder gekränkt? -- ich weiß es nicht. Wenigstens verlor

ich ihn bald darauf aus dem Gesicht, das heißt, sein Gesicht verlor sich

unter der riesigen Kapuze des sogenannten »wasserdichten« Anzuges

aus safrangelbem Wachstuch, womit man uns vom Kopfe bis zu den Füßen

bekleidete. Nebenbei vervollständigten monströse Filzpantoffeln, die

einem jeden von uns unter die Füße gebunden wurden, die originelle

Toilette. Das Betreten des nassen, schlüpfrigen Gesteins wäre

ohne letztere auch eine Unmöglichkeit. Und so traten wir, derartig

ausgerüstet, die Reise nach der Unterwelt an.

Aber, o Carrie! Deine waghalsige kleine Schwester hatte doch ihren Mut und

ihre Kräfte überschätzt.

Gar schnell verschwand das übermütige Lachen von meinem Gesicht, und fast

bereuete ich, Mr. Clemens' wohlmeinender Warnung kein Gehör geschenkt zu

haben. Ein unheimliches Brausen und wahrhaftes Donnergetöse umfing uns

bald, und der ungeheure Luftdruck, durch die Gewalt und Geschwindigkeit des

herabstürzenden Wassers verursacht, übte einen so beklemmenden Einfluß

auf unsere Lungen aus, daß man kaum zu atmen vermochte. Über unsere

Häupter hinweg raste und rauschte die Wasserflut mit betäubendem Gebrüll

in den Abgrund, dicke, graue Nebeldämmerung und fortwährender feiner

Regen erfüllte die Atmosphäre ringsum, während von Zeit zu Zeit

brausende Schaumwolken weißen Gischtes bis zu uns heranschlugen.

So ging man langsam aus dem nur durch ein höchst primitives Geländer

geschützten Wege vorwärts. Drei vermummte Gestalten bewegten sich vor

mir; ich selbst wankte hinterdrein, und zuletzt schritt noch ein Mensch, es

konnte nur Papa sein, der bisher dicht an meiner Seite geblieben war.

Überwältigend und kaum mehr erträglich wirkte auf mich das furchtbare

Tosen. O spotte meiner deshalb nicht! Denn was sind Menschennerven

gegenüber jenen entfesselten Naturgewalten. Du wirst es daher natürlich

finden, daß wir nicht lange in diesem schauerlich schönen Raume blieben.

Die Großartigkeit der Windhöhle spottet überhaupt jeder Beschreibung.

Dann kehrte ein jedes auf dem Absatz um und, äußerst vorsichtig, Schritt

um Schritt genau beachtend, tappte man den lebensgefährlichen Weg wieder

rückwärts. Da überkam mich plötzlich ein derartiger Schwindel, daß ich

die Füße nicht mehr zu heben vermochte und die Augen schließen mußte.

Das Geländer umklammerte ich krampfhaft und taumelte hin und her. Im

Moment aber umfaßten auch schon zwei starke Arme meine bebende Gestalt

vorsorglich. Nur denken konnte ich noch: »welches Glück, daß Papa neben

mir ist!« Dann schmiegte ich mich halb besinnungslos, allein glücklich

und beruhigt, an die treue Brust.

Indes währte diese vorübergehende Schwäche wohl kaum zwei Minuten.

Da schlug ich die Augen auf und drängte wieder vorwärts. Dort, ein

ziemliches Stück von uns entfernt, schritten bereits die übrigen, die

während dem vorgekommen waren. Mutig raffte ich mich daher empor. Und, dem

Himmel sei gedankt, endlich wurde es auch heller, das fürchterliche Sausen

und Brausen verminderte sich. Freier vermochten die Lungen wieder zu atmen,

und schon drang Tagesschein bis zu uns. Nur ein kurzer Pfad noch aufwärts,

und, -- Gott Lob, wir waren gerettet! Freudetrunken schaue ich zurück, um

für meine Heldenthat von Papa mich beglückwünschen zu lassen, -- da, --

o Schrecken! -- der Deutsche, Mr. Arnulf Clemens, war es, der mir folgte.

Die Kapuze hatte er abgeworfen, und übermütig lachten seine blauen Augen

mich an.

Gräßlich, Carrie! Nicht wahr? Von seinen Armen umschlungen, habe ich

an seiner Brust geruht! Verwünscht habe ich in diesem Momente alle meine

Niagarasehnsucht. Ich hätte mich selber ohrfeigen mögen.

Was aber half es? Mußte ich nicht noch gute Miene zum bösen Spiele

machen? Das heißt, ich glaube, daß ich mit wütendem Gesichte gestammelt

habe: ich hätte Papa hinter mir vermutet. Innerlich schäumte ich und nahm

mir fest vor, dem zudringlichen Patron meinen Zorn fühlen zu lassen.

Auf dem Rückwege nach dem Hotel wich er noch dazu nicht von meiner

Seite, als ob der mir geleistete Dienst ihm etwa gar das Recht einräume,

fernerhin meinen Beschützer zu spielen. Nebenbei entwickelte er eine echt

deutsche Redseligkeit, um mich zu unterhalten.

Vorausschicken muß ich übrigens, daß er kein übler Mann ist, --

gewiß nicht, Carrie! Elegante Figur; zwar nicht besonders hübsch, aber

hervorragend intelligent ist sein Gesicht, die Augen könnte man sogar als

schön bezeichnen. Sie sprudeln von Geist und lachen von Herzensgüte. Eine

tiefe Narbe, wahrscheinlich eine Reminiscenz aus der Studentenzeit, zieht

sich über die linke Backe hin. Allein der Mensch hatte sich meine vollste

Ungnade zugezogen, und dafür sollte er büßen.

Eine günstige Gelegenheit fand sich rasch genug, indem er, da wir deutsch

sprachen, seine Freude ausdrückte, in mir eine Landsmännin zu begrüßen.

Die Männer besitzen alle eine gründliche Portion Neugierde, und so

schlich er denn, wie man in unserem alten lieben Deutschland zu sagen

pflegt, gleich der Katze um den heißen Brei. Er tippte hier, -- er tippte

dort an; kurz, er brannte darauf zu erforschen, wer wir seien.

Aha, dachte ich, das ist die Falle!

Endlich erkühnte er sich, zu fragen, ob wir stetig oder nur vorübergehend

in den Vereinigten Staaten wohnten!

»Stetig. Der Beruf und die so überaus einträgliche Stellung meines

Vaters hält ihn in Amerika fest,« log ich in größter Gemütsruhe.

»Advokat? Politiker offenbar?« forschte er weiter.

»O nein!« entgegnete ich mit der ernsthaftesten Miene der Welt. »Papa

ist der -- Totengräber von New York!«

Bin ich nicht ein gräßliches Mädchen, solch' haarsträubenden Unsinn zu

sprechen, Carrie? =Dear old Pa?= Ich könnte mich tot lachen über meinen

Witz. Und doch, -- im Moment, da die Lüge heraus war, that er mir leid.

Denn das bisher überaus fröhliche Gesicht meines Begleiters nahm einen so

erschreckten, traurigen Ausdruck an, als ständen wir plötzlich inmitten

des großen Gräberfeldes von Greenwood-Cemetry in der Zeit, wo die Uhr die

Geisterstunde schlägt, -- huh!

Armer Arnulf Clemens!

Er verbeugte sich höflich, indes merklich steif gegen mich, und wir legten

schweigend den Weg nach dem Hotel zurück. Die Medicin that demnach bereits

ihre Wirkung. Auffallende Abkühlung! Die erhöhte Temperatur seines Blutes

sank auf den Normalstand zurück!

Während des Lunch saß Mr. Clemens Papa und mir schräg gegenüber und

unterhielt sich lebhaft mit unseren Reisebegleitern. Nur ab und zu streifte

mich ein scheuer -- unsäglich trauriger Seitenblick. Aus den Gesprächen

vermochte ich jedoch so viel zu entnehmen, daß Arnulf Clemens Geologe

sei und eine sechs- bis achtmonatliche Studienreise nach den Vereinigten

Staaten unternommen habe. Darauf sprachen die Herren schrecklich gelehrte

Dinge, über Schliemann, über die alten Ruinen des Forts Ticonderoga

am Champlain-See, über die wunderbare Bodenbeschaffenheit im

Yellowstone-Park, und mehr dergleichen. Ich merkte es Papa an, wie gern er

an dieser wissenschaftlichen Unterhaltung sich beteiligt hätte. Allein,

da ich ihn bereits vor dem Frühstücke von meinem Scherze in Kenntnis

gesetzt, so that er mir wirklich den Gefallen, mich nicht zu blamieren,

und vertiefte sich statt dessen lediglich in die Wissenschaft der

»Gastronomie«. Dabei legte er auch einen so indifferenten, fast

möchte ich sagen stumpfsinnigen Ausdruck in sein liebes Gesicht, der dem

Totengräber von New York wahrhaftig alle Ehre machte. Im übrigen zürnte

er mir durchaus nicht und äußerte, mit dem Finger drohend, bloß, daß

ich ein loser Schelm sei! -- Eine Stunde später dampften wir zurück nach

New York. --

Vollkommen befriedigt war meine wißbegierige Seele von unserem Ausfluge.

Auch Papa zeigte sich in bester Laune, schwatzte heiter und machte schon

Pläne für die nächste Sommerferienreise. Und dennoch -- mir, Carrie,

-- nun bitte ich wiederum, mich nicht auszulachen --, mir war das Herz

ein wenig schwer! Warum? Ja, das wußte ich selbst nicht. Du Vernünftige,

Vortreffliche, Du, mein besseres Ich, -- Du würdest sagen: das ist die

Reue über eine böse That! Vielleicht hättest Du recht. Der tieftraurige,

erschreckte Blick aus Mr. Arnulf Clemens' blauen Augen peinigt mich

zuweilen fürchterlich. Die Strafe dafür, daß sein schützender Arm eine

schwankende Mädchengestalt im Momente der Gefahr gehalten und an sich

gedrückt, war wohl doch zu grausam? --

So endete mein Abenteuer unter dem Niagara-Fall. Gehab' Dich wohl,

amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington und schreibe

gelegentlich einmal an

Deine kleine Schwester Terrie.

* * * * *

Washington, den 10. November.

Meine liebe Terrie!

Dein frommer Wunsch: amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington

hat sich glänzend erfüllt. Die letzten Wochen brachten eine solche Fülle

von Abwechselungen und interessanten Bekanntschaften, daß ich Dich um Dein

spaßiges Niagara-Abenteuer wahrlich nicht beneide.

Unsere guten Newtons sind Menschen, welche sehr hohe Achtung und große

Liebe hier genießen, so daß jeder, der zum Besuche in ihrem Hause weilt,

täglich mehr von dem Werte dieses vortrefflichen Ehepaars überzeugt wird.

Mich verhätscheln sie fast wie ein Baby und sinnen nur immer darauf, mir

neue Amüsements zu verschaffen. Daher werde ich so bald nicht heimkehren,

und Du wirst für unseren guten Papa noch einige Zeit allein Sorge

tragen müssen. Ach, Terrie, es ist so wundervoll, sich einmal von einem

Mütterchen ein bißchen verwöhnen zu lassen und zu fühlen, daß ...!

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 14 / 19 题