Dein allerliebstes Abenteuer unter dem Niagara, welches mich höchlichst
amüsiert und meine prüde, schnell aufbrausende Terrie wieder einmal recht
charakterisiert hat, sollte ein Nachspiel finden --; staune nur! Und das
habe ich erlebt! Mich hatte das Schicksal auserkoren, die Sünden meiner
herzlosen Schwester zu sühnen!
Trotz der ziemlichen Entfernung zwischen Washington und New York, höre ich
bei diesen Worten Dein Herz klopfen, -- sehe auch deutlich, wie unruhig und
ängstlich Deine Augen flackern. Allein Du mußt noch einige Minuten
Geduld haben, mein teures Schwesterchen, und mich erst in Ruhe über diese
komischste aller irdischen Zufälligkeiten Bericht erstatten lassen.
Es war bei einer reizenden =Tea-party= bei dem Präsidenten der Vereinigten
Staaten. Schon hieraus magst Du ersehen, welch bevorzugtes Menschenkind ich
bin, daß sogar die exklusiven, geheiligten Räume des weißen Hauses sich
für mich geöffnet haben.
Also: das glänzende Fest war bereits in vollem Gange, -- übrigens wurde
auch getanzt, -- als aus den dichten Reihen der jüngeren Herren die
Gestalt eines Mannes sich löste, welche sofort meine ganze Aufmerksamkeit
in Anspruch nahm. Elegante Figur, -- intelligentes Gesicht mit einer tiefen
Narbe über der linken Backe, -- schöne, geistvolle blaue Augen!
Die schäumenden Wasser des Niagara-Falles, die safrangelbe Kapuze, meine
halbohnmächtige, kleine Schwester und, -- der Totengräber von New York,
-- das alles tauchte plötzlich zündend vor meinem Geiste auf.
Eine Pause nach dem Tanze war eben eingetreten, und ich lehnte mich, ein
wenig ermüdet, an einen der riesigen Gas-Kandelaber des Saales, das bunte,
reizvolle Bild gedankenvoll überschauend. Wahrhaftig! Der bewußte Herr
schreitet schnurstracks auf mich zu. Was sollte das wohl bedeuten? -- Das
Herz pochte mir zwar eben nicht; aber etwas Unruhe, oder vielmehr
Unbehagen beschlich mich dennoch. Denn daß ich dem Mr. Arnulf Clemens,
Privat-Docenten aus Berlin, gegenübertreten sollte, war zweifellos. Ebenso
zweifellos aber erblickte er in mir die liebliche Nymphe des Niagara.
Offen gestehe ich Dir ein, daß die frappante Ähnlichkeit mit Dir, welche
bisher meinen Stolz und das Glück meines Lebens bedeutete, mir in
diesem Momente zum erstenmale peinlich wurde. Hatte der junge Mann den
schändlichen Betrug entdeckt? Wohl sicher nicht, folgerte ich ziemlich
richtig. Denn dann würde er in der Empörung seines Herzens Dich gewiß
mit Verachtung gestraft und die frühere Begegnung völlig ignoriert haben.
Nein! Ersichtlich war es ja, daß er jene flüchtige Bekanntschaft mit
Dir zu erneuern wünschte, daß das lebhafte Interesse für meine boshafte
kleine Schwester ihm rasch über alle etwaigen Bedenken hinweggeholfen.
Warum soll die Tochter eines »Totengräbers« nicht eine reizende,
feingebildete junge Dame sein, für welche ein feuriges Mannesherz
sich begeistern kann, zumal, wenn man dieselbe auf dem Balle bei
dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antrifft? -- Amerikanische
Verhältnisse sind eben andere, als deutsche. So viel hatte Mr. Clemens
sicher schon ausfindig gemacht während des hiesigen Aufenthaltes. Ich
hätte sogar darauf schwören wollen, daß er, als er den heroischen Anlauf
nahm, zu mir heranzutreten, hinter seiner klugen Stirn kombinierte und
meinte, ein Totengräber in Amerika nähme mindestens die hohe Stellung
eines deutschen Geheimrates ein. Und das besiegte entschieden die letzten
Skrupel.
Den vollendeten Kavalier verratend, indes nicht etwa mit einem
tieftraurigen Blicke, verbeugte sich Mr. Arnulf Clemens vor mir und fragte
artig: ob die Partie nach der Windhöhle mit all den großen Anstrengungen
und Fatiguen auch keine üblen Folgen für mich gehabt? Und lächelnd
setzte er hinzu:
»Sie waren an jenem Morgen so schnell abgereist, daß ich gar nicht mehr
Zeit gefunden, mich bei Ihnen zu verabschieden.«
Was sollte ich thun? Irgend ein witziger, oder wenigstens witzig sein
wollender Mensch hat einmal geäußert, daß junge Mädchen im Alter von
fünfzehn bis neunzehn Jahren in für sie kritischer Situation, selbst wenn
ihnen das Weinen nahe sei, nichts klügeres thun könnten, als -- immer nur
lachen!
Gut! Da ich eben erst neunzehn Jahre geworden bin, so lachte ich.
Mein Lachen schien ihn jedoch noch mehr zu ermutigen. Denn mit einem
schwärmerischen Aufschlage seiner schönen Augen fragte er weiter, ob
der gemeinsame interessante Ausflug nicht doch sehr reizvoll und poetisch
gewesen sei? Er selbst wäre seitdem wie von einem wunderbaren Zauberbanne
umfangen. Sicherlich müßten Nixen und Geister der Tiefe in der Windhöhle
ihr Wesen treiben.
Nun war aber der Moment gekommen, ihn über die Täuschung, in der er
schwebte, aufzuklären.
»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich ebenfalls sehr höflich, doch
glaube ich, daß mir dabei der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Meine
Augen haben das große Schöpfungswunder, den Niagara-Fall, niemals
geschaut. Meine Schwester war es, mit der Sie dort zusammengetroffen
sind.«
Fast ungläubig stutzte er und schien forschend meine Züge zu mustern,
während Ärger und Verlegenheit deutlich über sein Gesicht huschten.
»O, verzeihen Sie! Diese fabelhafte Ähnlichkeit, mein Fräulein! Ich
konnte unmöglich ahnen ...!« stieß er lebhaft hervor.
»Wir sind auch Zwillings-Schwestern!« kam ich ihm mitleidig zu Hilfe.
Darauf wollte er sich mir noch einmal in aller Form vorstellen; doch war
ich so unbedacht, zu verraten, daß Du mir von ihm bereits geschrieben,
und er daher mir kein völlig Fremder sei. Merkwürdig strahlten bei dieser
Nachricht seine blauen Augen auf. Ich glaube, Terrie, die Nixen der Tiefe
haben es ihm gewaltig angethan.
Die Musik rief jetzt zur Quadrille, zu der mich Mr. Clemens
pflichtschuldigst aufforderte. Da indes genügend Paare vorhanden waren,
und wir beide eben keine große Lust zum Tanzen verspürten, so behielten
wir unseren Platz inne und plauderten weiter.
Deine Beschreibung seines Äußeren paßt übrigens vollkommen; ich habe
ihn auch sofort erkannt. Allein, wenn Du Dich gleich mir eine Viertelstunde
mit ihm unterhalten hättest, würdest Du jene häßlichen Worte:
»zudringlicher Patron« ihm im stillen abbitten. Ich finde Arnulf Clemens
nicht nur liebenswürdig und charmant, sondern ich bin sogar überzeugt,
daß er ein ganz vortrefflicher Mensch ist. Doch brauchst Du, wenn dieser
Mann sich nicht von vornherein Deine vollste Ungnade zugezogen, Dir somit
also höchst gleichgültig ist, nicht im geringsten auf mich eifersüchtig
zu sein, aus Gründen, die ich Dir am Schlusse meines Briefes mitteilen
werde.
Rührend sprach er von seinem lieben, alten Mütterchen in der Heimat und
von zwei jungen, unmündigen Brüdern, für die er arbeitet, und welchen
eine Stütze zu sein, bisher seine Lebensaufgabe gewesen. Nach der
Rückkehr von dieser Reise hoffe er eine Professur an einer hervorragenden
Universität zu erlangen. Jedes Wort, das er sprach, ja sein ganzes Sein
und Denken erschien so treuherzig, edel und wahr, daß es mich wirklich
fast schmerzte, wie Du an diesem Manne frevelhaft Dein Mütchen hast
kühlen können. O schäme Dich, böse Terrie!
Gleich alten Bekannten plauderten wir zusammen, sodaß er ganz vergessen
zu haben schien, eine fremde junge Dame vor sich zu haben, und gewiß kaum
mehr daran dachte, daß wir des »Totengräbers« Töchter seien. Um
ein Haar wäre ich auch selbst bald aus der Rolle gefallen, indem ich
unvorsichtigerweise äußerte: Du seiest seit drei Wochen mit Papa wieder
in New York, da die Herbstferien zu Ende gegangen, und ersterer betreffs
des Winter-Semesters sehr in Anspruch genommen würde.
Der starre, fragende Blick des jungen Mannes brachte mich indes schnell zur
Besinnung. Seine Stirne zog sich in Falten, und schweigend schaute er zu
Boden. Offenbar mußte er darüber nachsinnen, wie komisch es klinge, daß
auch Totengräber Ferienreisen unternähmen, oder ob die Sterblichkeit in
Amerika wohl in Semester eingeteilt wäre.
Herzlich gern hätte ich ihm jetzt gesagt, daß Du einen Scherz mit ihm
getrieben, so leid that er mir in diesem Momente. Aber ich durfte Dich
ja nicht gar zu sehr kompromittieren und wartete mithin eine günstige
Gelegenheit ab, ihm die Wahrheit zu gestehen.
»Nach den Mitteilungen Ihrer Fräulein Schwester ist der Beruf Ihres Herrn
Vater ein ernster und schwerer?« warf er schüchtern und etwas unsicher
ein.
»Ernst wohl, aber nicht schwer, da Papa sich ihm mit Leib und Seele
hingiebt, und die Passion alle Mühseligkeiten desselben überwindet,«
entgegnete ich mit schlecht unterdrücktem Lächeln.
Wieder sah er mich von oben bis unten fragend an. »Passion zum
Totengräber!« mochte er wohl denken.
»Sie, Mr. Clemens, müssen das doch am besten begreifen und verstehen,«
-- sprach ich inzwischen lebhaft weiter, -- »daß ein Mann im Feuereifer
des Studiums und Forschens, wie es Papa zuweilen thut, die lichte, sonnige
Gegenwart, -- die Welt mit ihren Freuden und Genüssen völlig vergessen
kann, um des -- Verblichenen, -- ja um des Staubes der Vergangenheit
willen!«
Das kluge Auge richtete sich einige Sekunden prüfend und beinahe streng
auf mein lachendes Gesicht. Ohne Zweifel konnte er die innere Verbindung
meines Ideenganges nicht finden.
»Ich?« fragte er daher halb unwillig.
»Nun ja! Sagten Sie mir nicht soeben, daß Sie Geologe seien? So ein klein
wenig geistige Verwandtschaft besteht dann wohl zwischen Ihnen und Papa,«
war meine heitere Antwort, indem ich fortwährend sein immer finsterer
werdendes Gesicht beobachtete.
»Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob Sie Scherz mit mir treiben, oder
ob ich selbst in einem argen Irrtume befangen bin?« sagte er in einem
steifen, völlig veränderten Tone. »Denn alles, was Sie in den letzten
fünf Minuten gesprochen haben, erscheint mir dermaßen unverständlich und
rätselhaft, daß ich wirklich bitten muß, sich ein wenig deutlicher zu
erklären!«
»Aber, mein Gott, wie so denn? Was ist Ihnen nicht klar? Ich scherze
wahrhaftig nicht!« rief ich in ungeduldiger Hast und Erregung.
»Nicht?!« fragte er immer noch ungläubig. »Dann verzeihen Sie meine
Indiskretion und sagen Sie mir, welche Stellung Ihr Herr Vater eigentlich
bekleidet?«
Jetzt pochte mein Herz wirklich. Allein in möglichster Unbefangenheit
erwiderte ich:
»Papa ist Professor der toten Sprachen an der Universität von New York.«
»Ah!« Mr. Clemens war einige Schritte zurück getreten und starrte, wie
ein Mensch, der aus festem, gesunden Schlafe jäh aufgerüttelt wird, mich
an.
»Gewiß, mein Herr!« bestätigte ich mit stolzem Selbstgefühle. »Und
einen Ruf besitzt Papa, der weit über die Grenzen von United-States
hinausgeht!«
»Ja --, aber mein Himmel! Dann muß ich Ihr Fräulein Schwester ganz und
gar mißverstanden haben,« stotterte Mr. Clemens in höchster Verwirrung.
Ein wunderbar glückseliger Ausdruck breitete sich mit einem Male über
seine treuherzigen Züge, als er fortfuhr:
»Sie sagte mir doch, daß ...«
»Wohl möglich,« unterbrach ich ihn herzlich lachend. »Doch wie kann man
auch in nächster Nähe des Niagara-Falles, der, wie Terrie mir schrieb,
solch ein Höllengetöse verursacht, daß der abgefeuerte Schuß einer
Kanone ungehört verhallen würde, -- wie kann man also dort jemanden recht
verstehen?«
In selige Träume und Erinnerungen versunken, nickte er nur mit dem Kopfe.
»Terrie, Deine Ehre war gerettet!« --
Das also ist _meine_ Begegnung mit Mr. Arnulf Clemens im Weißen Hause.
Übrigens sagte er mir, ehe wir uns trennten, daß er in den allernächsten
Tagen nach New York zu reisen und Euch aufzusuchen gedächte. Hüte Dich
daher, kleine Schwester! Die Nixen der Windhöhle sind arge Neckteufelchen,
die sich an allzu wißbegierigen Menschenkindern gar zu gerne rächen.
Wie Du, Mr. Clemens gegenüber, Dich dann aus der Schlinge ziehen wirst:
ob Du es bei dem »Mißverständnisse« bewenden lassen, oder ob Du lieber
beichten willst, das werden die eigenen Gefühle Dir wahrscheinlich am
besten sagen, meine Terrie!
Giebt es doch in der ganzen Welt nichts Unberechenbareres,
Widerspruchsvolleres, als ein Mädchenherz. Man könnte wirklich Bücher
darüber schreiben. Weißt Du noch, wie ich selbst immer über die Liebe
gespöttelt und stets so übermütig -- prahlerisch geäußert habe, daß
dieser süße Dämon niemals Gewalt über mich bekommen würde? Wer solchen
Ausspruch thut, ist -- eine Närrin; denn ...!
Doch ich muß schließen; Mütterchen ruft nach mir, weil Gilbert
Newton, der einzige Sohn des Hauses, ein junger Schiffs-Kapitän, der ein
auffallend schöner Mann ist, soeben ankam, und ich ihn unterhalten soll.
Wahrhaftig, Terrie, er ist der interessanteste Mensch, welcher mir jemals
begegnete, -- voller Geist und Feuer! Es leben die Amerikaner!